Part 22
Du schreibst, Du sähest es gern, wenn ich später, sobald der Knabe größer geworden ist, Dich besuchte, um mir unser Kind anzusehen. Unser Kind -- es ist ein so widersinniger Gedanke. Weißt Du, woran ich dauernd denken muß? Kannst Du Dich des alten Joseph entsinnen auf den italienischen Altarbildern, der immer abseits oder im Hintergrunde zur Seite steht, zärtlich und wehmütig das göttliche Kind und dessen junge, herrliche Mutter betrachtend, diese beiden, die ganz von einander in Anspruch genommen sind, und seine Anwesenheit gar nicht beachten. Liebe Jenny, mißverstehe mich nicht, ich weiß ja, daß das Kindchen, das jetzt in Deinem Schoß liegt, auch mein Fleisch und Blut ist und doch -- wenn ich jetzt an Dich denke, die Mutter geworden ist, dann komme ich mir wie der arme alte Joseph vor, der draußen steht.
Aber deshalb solltest Du ebensowenig Bedenken tragen, den Namen als meine Gattin anzunehmen und den Schutz, der für Dich und Dein Kind darin liegt, wie Maria, als sie sich dem Joseph anvertraute. Eigentlich finde ich, es ist nicht ganz richtig von Dir, dem Kinde den Vatersnamen zu rauben, auf den es doch ein Anrecht hat -- Du magst soviel Selbstvertrauen haben wie Du willst. Selbstverständlich ist es, daß Du im Falle einer solchen Ehe ebenso frei und ungebunden bleibst wie sonst, und daß diese Ehe auch, sobald du es wünschest, gesetzlich aufgehoben wird. Ich bitte Dich inständig, Dir dies zu überlegen. Wir können uns im Auslande trauen lassen, wenn Du es wünschest, und schon einige Monate danach können Schritte zur Trennung getan werden. Du brauchst nie wieder nach Norwegen zurückzukehren, geschweige denn unter einem Dach mit mir zu wohnen.
Von mir selbst ist nicht viel zu berichten. Ich habe zwei kleine Zimmer hier oben auf dem Haegdehaug ganz in der Nähe jenes Landhauses, in dem ich geboren bin und bis zu meinem zehnten Jahre gelebt habe, als mein Vater im Numetal Vogt wurde. Von meinem Fenster aus sehe ich die Spitzen der beiden großen Kastanien an der Eingangstür meines Vaterhauses. Sie haben sich nicht sonderlich verändert. Hier oben beginnen die Abende bereits lang und licht und lenzhaft zu werden, die Bäume zeichnen ihre nackten braunen Kronen in den fahlgrünen Himmel, an dem einzelne goldene Sterne durch die scharfe klare Luft funkeln. Abend für Abend sitze ich hier an meinem Fenster und starre in die Ferne, während mein ganzes Leben in Träumen und Erinnerungen an mir vorüberzieht. Ach, Jenny, wie hatte ich jemals vergessen können, daß ein ganzes Leben zwischen Dir und mir lag, ein Leben, fast doppelt so lang wie das Deine, ein Leben, von dem mehr als die Hälfte in ununterbrochener Demütigung, Niederlage und Schmerz dahingeschleppt worden ist. --
Daß Du ohne Zorn und Bitterkeit an mich denkst, ist mehr, als ich erhofft und erwartet habe. Das Glück, das durch jede Zeile Deines Briefes atmet, hat mir so unsagbar wohlgetan. Gott segne und behüte mein Kind und Dich; alles Glück der Welt wünsche ich auf Dich und das Kind herab. Ich habe Dich so unsäglich lieb, Du kleine Jenny, die einst mein war.
Dein treuer
Gert Gram.
VII.
Jenny blieb bei Frau Schlessinger wohnen. Dort war es billig -- und sie wußte nicht, wohin mit sich.
Es lag Lenzeswehen in der Luft, über die gewaltige, offene Himmelskuppel hin segelten schwere, vom Sonnenlicht verbrämte Wolken, die wie Gold und Blut brannten und sich an den Abenden im unruhigen Meer spiegelten, wenn sie draußen auf der Mole war. Die trübseligen, dunklen Flächen im Lande wurden lichtgrün, die Pappeln schimmerten braunrot von neuem Sproß, und dufteten lind und weich. Am Eisenbahndamm wimmelte es von Veilchen und kleinen weißen und gelben Blumen. Schließlich war die Ebene üppig grün, es sprühte von Farben an den Wegrainen, schwefelgelbe Iris und große weiße Doldenpflanzen spiegelten sich in den Wasserlöchern der Torfmieten. Eines schönen Tages strömte süßer Heuduft über Land, der sich in dem salzigen Algengeruch vom Strande her mischte.
Das Badehotel wurde eröffnet und Sommergäste zogen in die kleinen Häuser an der Mole. Es wimmelte von Kindern auf dem weißen Sandstreifen. Sie kugelten sich im Sand und platschten barfuß ins Wasser hinaus, Mütter, Kindermädchen und Ammen in Spreewäldertracht saßen nähend im Grase und beaufsichtigten sie. Die Badehäuschen waren ins Wasser gerollt worden, und kleine deutsche Backfische schrien und juchten dort draußen. Luxussegler legten an der Mole an; Besuch kam aus der Stadt, abends war Tanz im Badehotel; die kleine Tannenplantage war voller Spaziergänger. Hier hatte Jenny zu Beginn des Frühlings in dem struppigen Gras gelegen, dem Wellenschlag und dem Sausen des Windes in den zerzausten Kronen lauschend.
Diese oder jene der Damen sandte ihr einen interessierten oder teilnehmenden Blick nach, wenn sie den Weg am Badestrand entlang spazierte, mit ihrem schwarzweißen Sommerkleide angetan. Die Badegäste im Ort hatten natürlich erfahren, daß sie eine junge Norwegerin war, die ein Kind bekommen hatte, über dessen Tod sie so furchtbar trauerte. Einige waren auch darunter, die es mehr rührend als skandalös fanden.
Im übrigen wanderte sie meist landeinwärts; dorthin kamen niemals Sommergäste. Ganz selten ging sie bis hinauf zur Kirche und zum Kirchhof, wo der Knabe lag. Sie saß dann und starrte auf das Grab, das sie nicht hatte herrichten lassen. Sie legte dann einige wilde Blumen nieder, die sie unterwegs gepflückt hatte, aber ihre Phantasie weigerte sich, den kleinen, grauen Erdhügel, auf welchem Unkraut und Gräser in die Höhe schossen, mit ihrem Bübchen in Verbindung zu bringen.
An den Abenden saß sie in ihrem Zimmer mit einer Handarbeit, die sie nicht anrührte, und starrte in die Lampe. Sie dachte immer an das Gleiche, rief die Tage wieder zurück, als sie ihren Jungen besessen hatte, die erste Zeit, das matte, friedliche Glück, während sie lag und genas, später, wenn sie aufrecht im Bett saß und Frau Schlessinger ihr das Baden und Wickeln, das An- und Auskleiden des Kindes zeigte, dann, als sie zusammen nach Warnemünde reisten, um feinen Stoff, Spitzen und Band zu kaufen, als sie heimkehrte, zuschnitt, nähte, zeichnete und stickte -- ihr Junge sollte feine Sachen haben statt des schlechten fertiggekauften Zeuges, das sie aus Berlin bestellt hatte. Eine drollige Gartenspritze hatte sie gekauft mit Abziehbildern auf dem grünbemalten Blech: ein Löwe und ein Tiger standen zwischen Palmen an einem himmelblauen Meer und betrachteten entsetzt die deutschen Panzerungetüme, die den afrikanischen Besitzungen des Reichs zudampften. Sie fand das Ding so lustig -- Bübchen sollte es zum Spielen haben, wenn er einmal groß genug geworden war. Erst mußte er ja Mutters Brust finden, an der er sich jetzt nur blind festsog -- und seine eigenen kleinen Finger, die er nicht voneinander bekommen konnte, sobald er sie ineinander verfilzt hatte -- bald würde er die Mutter kennen, nach der Lampe blinzeln und nach Mutters Uhr, die sie vor ihm schaukeln ließ -- da war so viel, was Bübchen lernen mußte.
In einer Schieblade lagen alle seine Sachen, sie nahm sie nie heraus. Sie wußte ja doch, wie jedes Stück aussah und wie es sich auf der Handfläche anfühlte -- das glatte, weiche Linnen, die rauhe Wolle und die halbfertige Jacke aus grünem Flanell, die sie mit Butterblumen bestickt hatte, die sollte er haben, wenn er ausgefahren wurde. --
Sie hatte ein Bild vom Strande angefangen mit den roten und blauen Kindern auf dem weißen Sandstrand. Einige der teilnehmenden Damen kamen herbei, schauten zu und versuchten, eine Bekanntschaft anzubahnen: „Wie nett!“ Sie war aber unzufrieden mit der Skizze und mochte sie nicht beendigen, auch eine neue wollte sie nicht anfangen. --
* * * * *
Eines Tages schloß das Badehotel wieder, es stürmte auf See, und der Sommer war vorüber.
Gunnar schrieb aus Italien und riet ihr, herunterzukommen. Cesca wollte sie nach Schweden haben. Die Mutter, die nichts wußte, schrieb und begriff nicht, warum sie dort blieb. Jenny dachte daran, fortzureisen, konnte aber zu keinem Entschluß kommen. Obgleich doch allmählich eine unbestimmte Sehnsucht in ihr wach wurde. Sie wurde selbst dadurch nervös, daß sie so umherging und nichts tun konnte. Sie mußte einen Entschluß fassen -- wenn sie auch nur eines Nachts von der Mole aus in die See spränge.
Eines Abends hatte sie die Kiste mit Heggens Büchern hervorgeholt. Unter ihnen befand sich ein Band italienischer Gedichte -- ~Fiori della poesia italiana~. Eine Ausgabe, für Touristen berechnet, in einfaches Leder gebunden. Sie blätterte darin, um zu sehen, ob sie all ihr Italienisch vergessen hätte.
Sie schlug das Buch zufällig bei Lorenzo von Medicis Karnevalslied auf und fand ein zusammengefaltetes Stück Papier, von Gunnars Hand beschrieben:
„Liebe Mutter. Jetzt kann ich Dir endlich berichten, daß ich glücklich und wohl in Italien angekommen bin, und daß es mir in jeder Hinsicht gut geht, sowie --“ Der Rest des Bogens war mit Vokabeln bedeckt. Bei den Verben standen zugleich die Deklinationen. Auch am Rande des Buches standen Vokabeln -- ganz dicht, an dem tragisch frohen Karnevalsgedicht entlang. „Wie schön ist die Jugend, die so schnell entflieht“.
Selbst die gewöhnlichsten Worte waren aufgeschrieben. Gunnar mußte versucht haben, das Lied zu lesen, gleich nachdem er nach Italien gekommen war -- ehe er etwas von der Sprache konnte. Sie sah auf dem Titelblatt nach: G. Heggen, Firenze und die Jahreszahl stand dort. Das war, ehe sie ihn kennengelernt hatte.
Sie blätterte und las hier und da. Dort stand Leopardis Hymne an Italia, für die Gunnar so begeistert war. Sie las sie. Der Rand war schwarz von Vokabeln und Tintenflecken.
Es schien wie ein Gruß von ihm, eindringlicher als alle seine Briefe. Er rief sie, jung und gesund, fest und voller Tatendrang. Er bat sie, zum Leben zurückzukehren und zur Arbeit. Ja, wenn sie sich doch zusammennehmen und wieder anfangen könnte. Sie mußte versuchen, zu wählen zwischen Leben -- oder Tod. Sie wollte wieder dort hinab, wo sie sich einst frei und stark gefühlt hatte, allein, nur mit ihrer Arbeit. Sie sehnte sich danach, und nach den Freunden, den zuverlässigen Kameraden, die einander nicht so nahe kamen, daß Leid daraus entstand, sondern Seite an Seite, jeder in seiner eigenen Welt, die auch all den anderen gehörte, miteinander dahinlebten, im Vertrauen auf ihr Können, in der Freude an ihrem Schaffen. Sie wollte das Land wiedersehen, das felsige Land mit den stolzen, strengen Linien und den sonnedurchtränkten Farben.
Kurz darauf reiste sie nach Berlin. Sie lief einige Tage in der Stadt umher, so auch in den Galerien. Aber sie fühlte sich müde, fremd und überflüssig. So fuhr sie weiter nach München.
In der Alten Pinakothek sah sie Rembrandts Heilige Familie. Sie betrachtete das Bild gar nicht als Malerei an sich, sie sah nur die junge Bauersfrau, das Hemd von der milchgefüllten Brust weggezogen und das Kind anschauend, das eingeschlafen war. Liebkosend griff die Mutter um sein eines bloßes Füßchen. Ein häßlicher kleiner Plebejerjunge war es, aber strotzend vor Gesundheit, und er schlief so gut, war so herrlich und lieb. Josef guckte über der Mutter Schulter auf ihn nieder. Es war aber kein alter Josef, und Maria war keine weltfremde Himmelsbraut. Es war ein kräftiger, mittelalterlicher Handwerker mit seiner jungen Frau, und das Kind war ihrer beider Lust und Freude.
Am Abend schrieb sie an Gert Gram. Einen langen Brief, zart und traurig -- aber es war ein Lebewohl für immer.
Am nächsten Tage löste sie eine Karte direkt bis Florenz. Beim ersten Morgengrauen saß sie am Abteilfenster nach einer schlaflosen Nacht im Zuge. Wildbäche hüpften silbrig über waldbewachsene Felshänge. Es wurde licht und lichter, die Städte, an denen sie vorüberflog, nahmen mehr und mehr italienischen Charakter an. Rostbraune und moosgoldene Dachziegel, Loggien an den Häusern, grüne Stabjalousien an rotgelben Hauswänden, barocke Kirchenfassaden, die Bogenreihen der Steinbrücken draußen im Fluß. Die Schilder auf den Stationen trugen jetzt deutschen und italienischen Text. Weinberge zeigten sich außerhalb der Städte und graue Burgruinen erschienen auf den Bergkuppen.
Ala. Sie stand an der Zollschranke, die verdrießlichen Passagiere aus der ersten und zweiten Klasse betrachtend -- und war so sinnlos froh. Nun war sie wieder in Italien. Der Zollbeamte lächelte sie an, weil sie blond war, und sie lächelte zurück, weil er sie für die Kammerjungfer dieser oder jener Herrschaft hielt.
Die Felsketten wichen zur Seite, lehmgrau mit blauen Schatten in den Klüften, das Erdreich leuchtete rostrot, die Sonne flammte weiß und glühend auf.
In Florenz aber war es bitter kalt und trübe in diesen Novembertagen. Müde und verfroren irrte sie etwa vierzehn Tage in der Stadt umher, ihr Herz blieb kalt gegen all die Schönheit, die sie erblickte, und melancholisch und mutlos, weil sie sich nicht wie früher an ihr wärmen konnte. --
Eines Morgens fuhr sie nach Rom. Die Felder in der toskanischen Landschaft waren von weißem Reif bedeckt. Später am Tage lichtete sich der Nebel und die Sonne erschien. Sie sah die Stelle wieder, die sie nie vergessen konnte: Der Trasimenische See lag fahlblau zwischen den Felsen im Dunst. Ins Wasser hinaus schoß eine Landzunge mit den Türmen und Zinnen einer kleinen steingrauen Stadt. Eine Zypressenallee führte vom Bahnhof aus dort hinüber. --
In Rom hielt sie in strömendem Regen ihren Einzug. Gunnar war auf dem Bahnhof und nahm sie in Empfang. Er preßte ihre Hände, als er sie willkommen hieß. Während sie im Regen, der vom grauen Himmel auf das Straßenpflaster niederklatschte, nach der Wohnung ratterten, die er ihr verschafft hatte, fuhr er mutig fort zu plaudern und zu lachen. --
VIII.
Heggen saß am äußersten Ende des Marmortisches und nahm an der Unterhaltung fast nicht teil. Ab und zu schielte er zu Jenny hinüber, die sich, Whisky und Selter vor sich, in eine Ecke geklemmt hatte. Sie unterhielt sich übertrieben lebhaft quer über den Tisch mit einer jungen schwedischen Frau und nahm nicht im geringsten Notiz von den neben ihr sitzenden Dr. Broager und der kleinen dänischen Malerin, Loulou von Schulin, die beide versuchten, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Heggen sah, sie hatte wieder zuviel getrunken.
Sie bildeten eine kleine Schar von Skandinaviern und einigen Deutschen, die in einer Weinkneipe zusammengetroffen und jetzt am Ende der Nacht im hintersten Winkel eines düsteren Cafés gelandet waren. Die Gesellschaft hatte dem Alkohol reichlich zugesprochen und war sehr wenig gewillt, den Aufforderungen des Wirtes nachzukommen, zu gehen, da es weit über die vorgeschriebene Polizeistunde sei und er zweihundert Lire Strafe zu zahlen haben würde, ja sicher!
Gunnar Heggen war der einzige, der es mehr als gern gesehen hätte, daß das Trinkgelage ein Ende nähme. Er war der einzig Nüchterne und hatte schlechte Laune.
Dr. Broager brachte alle Augenblicke seinen schwarzen Schnurrbart auf Jennys Hand an. Wenn sie diese an sich zog, versuchte er es auf ihrem nackten Arm. Die andere Hand hatte er hinter ihr aufs Sofa gelegt. Sie saßen zusammengedrängt im Winkel, so daß jeder Versuch, sich ihm zu entwinden, umsonst gewesen wäre. Im übrigen war ihr Widerstand auch ziemlich schwach, und sie lachte ohne Zorn über seine Zudringlichkeit.
„Pfui!“ sagte Loulou von Schulin und zog die Schultern hoch. „Daß Sie das ertragen können! Finden Sie ihn denn nicht widerlich, Jenny?“
„O doch, natürlich. Aber Sie sehen ja, er ist genau so wie eine Schmeißfliege -- es nützt nichts, ihn wegzujagen. Pfui, hören Sie doch auf, Doktor --“
„Pfui,“ sagte die andere wie vorher. „Daß Sie das aushalten können!“
„Pah! Ich kann mich ja mit Seife abwaschen, wenn ich nach Hause komme.“
„So?“ Loulou von Schulin warf sich über Jennys Schoß und streichelte ihre Arme. „Wir geben jetzt auf die armen schönen Hände acht! Sehen Sie!“ Sie hob die eine Hand in die Höhe und zeigte sie der Tafelrunde. „Ist sie nicht entzückend?“ Dann löste sie ihren giftgrünen Automobilschleier vom Hute und hüllte Arme und Hände darin ein. „Ins Fliegennetz -- seht doch nur!“ Und sie streckte Broager blitzschnell die Zunge heraus.
Jenny blieb einen Augenblick, die Arme in den grünem Schleier gewickelt, sitzen. Dann machte sie sich frei und zog Jacke und Handschuhe an.
Broager versank in einen kleinen Halbschlummer. Aber Fräulein Schulin hob ihr Glas:
„Prost! Herr Heggen!“
Er tat, als hörte er nicht. Erst, als sie es wiederholte, griff er nach seinem Glase. „Pardon -- ich sah nicht,“ trank und sah wieder fort.
Dieser oder jener lächelte. Da Heggen und Fräulein Winge Tür an Tür im obersten Stockwerk irgendwo drüben zwischen Babuino und Corso wohnten, glaubte man genug zu wissen. Was aber Fräulein von Schulin betraf, so war sie vorübergehend mit einem norwegischen Schriftsteller legitim verheiratet gewesen, reiste dann von ihm und dem Kinde in die weite Welt hinaus, wo sie wieder ihren Mädchennamen, die Anrede Fräulein und Malerin angenommen hatte, und außerdem Freundschaften mit Frauen unterhielt, worüber besonders üble Gerüchte im Umlauf waren.
Der Wirt kehrte wieder zur Gesellschaft zurück und parlamentierte eindringlich, um sie zur Tür hinauszubekommen. Die beiden Kellner löschten die Gasflammen drüben im Lokal und stellten sich abwartend am Tische auf. Es blieb also nichts anderes übrig, als zu bezahlen und dann zu gehen.
Heggen gehörte zu den letzten, die das Lokal verließen. Drüben auf dem Marktplatz im Mondenschein sah er, wie Fräulein Schulin Jennys Arm ergriff. Sie liefen auf eine leere Droschke zu, die die anderen im Begriff waren zu stürmen. Er sprang hinüber und hörte von weitem Jenny rufen: „Ihr wißt, die in der Via Paneperna.“ Sie hüpfte in die überfüllte Droschke und fiel irgend jemanden auf den Schoß.
Aber einige Damen wollten wieder ins Freie, andere in den Wagen -- ununterbrochen sprang jemand aus der einen Wagentür hinaus und in die andere hinein. Der Kutscher saß unbeweglich auf dem Bock und wartete. Der Gaul schlief, den Kopf bis fast aufs Steinpflaster gesenkt.
Jenny stand wieder auf der Straße, aber Fräulein Schulin streckte die Hand nach ihr aus -- es war noch Platz.
„Es ist eine Schande um das Pferd,“ sagte Heggen kurz. So begann sie denn zu gehen, neben ihm, als letzte in der Schar derer, die in der Droschke nicht Platz gehabt hatten. Der Wagen rollte langsam vorauf.
„Du willst doch nicht behaupten, daß du länger mit diesen Menschen zusammen sein magst, ganz bis zur Via Paneperna hinaustrotten nur deswegen?“ sagte Heggen.
„Oh, wir werden schon unterwegs eine leere Droschke finden --“
„Daß du dazu Lust hast -- betrunken wie die Lumpen sind sie auch -- alle miteinander,“ wiederholte er.
Jenny lachte müde.
„Das bin ich sicher auch.“
Heggen antwortete nicht. Sie waren bis zur Piazza di Spagna gekommen. Da stand sie still:
„Du willst also nicht mitgehen, Gunnar?“
„Wenn du es durchaus noch weiter mitmachen willst, dann ja -- sonst nicht.“
„Du brauchst doch um meinetwillen nicht -- du kannst dir doch denken, daß ich schon nach Hause finden werde.“
„Gehst du mit, so gehe ich auch mit. Ich erlaube dir nämlich nicht, dich allein mit diesen betrunkenen Menschen herumzutreiben.“
Sie lachte, das gleiche matte und gleichgültige Lachen.
„Zum Teufel, dann bist du morgen so müde, daß du mir auch nicht sitzen kannst.“
„Oh, ich werde das schon fertigbringen.“
„Das glaube ich nicht. Ich kann jedenfalls nicht ordentlich arbeiten, wenn wir so die ganze Nacht durchbummeln.“
Jenny zuckte mit den Schultern. Aber sie schlug die Richtung nach Babuino ein, den anderen entgegengesetzt.
Zwei Polizisten in ihren Umhängen gingen an ihnen vorüber. Sonst war nicht die Spur von Leben auf dem öden Platz. Der Springbrunnen rieselte vor der Spanischen Treppe, die inmitten der immergrünen, schwarzen und silberblinkenden Büsche der Anlagen vom Mondenschein weiß übergossen dalag.
Jenny sagte plötzlich hart und spöttelnd:
„Ich weiß, es ist gut gemeint, Gunnar. Es ist nett von dir, daß du versuchst, auf mich aufzupassen. Aber es hat keinen Zweck.“
Er schwieg.
„Nein, wenn du selbst nicht willst,“ sagte er kurz nach einer Weile.
„Willst,“ äffte sie ihm nach.
„Ja, ich sagte ‚willst‘.“
Jenny atmete kurz und heftig, als wollte sie etwas antworten, hielt aber an sich. Ekel stieg in ihr auf -- halbbetrunken war sie, das wußte sie selbst sehr wohl. Es fehlte ja noch, daß sie hier aufschrie, jammerte und heulte, berauscht, wie sie war, Gunnar gegenüber. Sie biß die Zähne zusammen.
So kamen sie zu ihrer Haustür. Heggen schloß auf, entzündete ein Wachshölzchen und begann, die endlos dunkle Treppe hinaufzuleuchten.
Ihre beiden Zimmerchen lagen für sich auf einem halben Stockwerk oben am Ende der Treppe. An den Türen vorüber lief ein kleiner Gang, der in einer Marmortreppe zum flachen Dach des Hauses endigte.
In ihrer Tür reichte sie ihm die Hand:
„Gute Nacht, Gunnar -- hab Dank,“ sagte sie leise.
„Ich danke dir. Schlaf gut --“
„Gleichfalls.“
Drinnen in seinem Zimmer öffnete er das Fenster. Gerade gegenüber glänzte der Mondschein auf einer ockergelben Hauswand mit geschlossenen Fensterläden und schwarzen eisernen Balkons. Der Pincio erhob dahinter seinen Gipfel mit den scharfabstechenden dunklen Laubmassen gegen den mondlichtblauen Himmel. Darunter lagen alte, moosbewachsene Dächer; wo des Hauses kohlschwarzer Schatten endete, hing leichenfahle Wäsche zum Trocknen auf einer niedrigen Terrasse. Gunnar beugte sich weit über das Fenstersims, traurig und angewidert. Tod und Teufel, war er denn engherzig oder -- aber Jenny in diesem Zustande zu sehen --!
Aber gerade er hatte sie zuerst in dieses Getriebe hineingezogen. Um sie aufzumuntern. Sie verkümmerte ja in den ersten Monaten wie ein kranker Vogel. Er hatte geglaubt, es würde für sie Beide eine boshafte Unterhaltung sein, die anderen zu beobachten -- diese Affen. Er hatte ja nicht geahnt, daß es eine derartige Wirkung haben könnte.
Er hörte sie aus ihrem Zimmer und hinauf zum Dache gehen. Heggen zauderte einen Augenblick. Dann folgte er ihr.
* * * * *
Sie saß in dem einzigen Stuhl dort oben, hinter der kleinen Wellblechlaube. Die Tauben gurrten schläfrig in ihrem Schlage, der auf dem Laubendach angebracht war.
„Bist du noch nicht zu Bett gegangen?“ sagte er leise. „Du wirst dich erkälten.“ Er holte ihren Schal aus der Laube und reichte ihn ihr, dann setzte er sich auf den Mauerrand zwischen die Blumentöpfe.
Eine Weile starrten sie so schweigend über die Stadt, deren Kirchenkuppeln im Mondenlicht schwammen. Die Linien der fernen Höhenzüge waren vermischt.
Jenny rauchte. Auch Gunnar zündete sich eine Zigarette an.
„Ich merke übrigens, ich vertrage fast nichts mehr -- beim Trinken meine ich. Es wirkt sofort,“ sagte sie gleichsam entschuldigend.
Er sah, daß sie jetzt völlig nüchtern war.
„Ich finde, du solltest es jetzt eine Weile lassen, Jenny. Auch das Rauchen, solltest jedenfalls nur ganz wenig rauchen. Du hast ja über dein Herz geklagt.“
Sie antwortete nicht.
„Im Grunde bist du ja über diese Menschen der gleichen Meinung wie ich. Ich begreife nicht, daß du dich dazu herablassen magst, mit ihnen zusammen zu sein -- in dieser Art und Weise.“
„Mitunter,“ sagte sie leise, „braucht man -- Betäubung, gerade heraus gesagt. Und was das Sichherablassen betrifft --.“ Er blickte ihr in das weiße Antlitz. Das unbedeckte blonde Haar flimmerte im Mondlicht. „Mitunter finde ich: nicht. Obgleich -- jetzt in diesem Augenblick zum Beispiel, schäme ich mich. Jetzt bin ich also ungewöhnlich nüchtern, siehst du.“ Sie lachte ein wenig. „Manchmal ist das nicht der Fall, selbst wenn ich nichts getrunken habe. Dann überkommt mich das Verlangen, mit dieser Sorte zusammen zu sein.“