Jenny

Part 20

Chapter 203,806 wordsPublic domain

„Ja, das ist wahr! Gute Nacht, meine Jenny, ich danke dir.“ Sie drückte plötzlich die Freundin heftig an sich. „Es ist so herrlich, sich mit dir auszusprechen. Du verstehst es so gut, mich richtig zu nehmen. Du -- und Gunnar. Ihr bringt mich immer auf den rechten Weg. Ich wüßte nicht, was ich ohne dich tun sollte.“

Sie stand einen Augenblick neben dem Bett:

„Kannst du nicht im Herbst über Stockholm fahren? O, tu es doch! Du kannst bei uns wohnen, ich bekomme jetzt tausend Kronen von Papa, das soll nämlich auch Borghild für eine Pariser Reise erhalten.“

„Ich weiß nicht recht. Ich hätte schon Lust?“

„Ach tu es doch! Bist du schläfrig? Soll ich gehen?“

„Ja, ich bin ein wenig müde.“ Sie zog Cesca zu sich herab und küßte sie. „Gott behüte dich!“

Cesca schlürfte mit den bloßen Füßen über den Fußboden. In der Tür sagte sie mit ihrer kleinen traurigen Kinderstimme:

„Ich wünschte so sehr, daß Lennart und ich glücklich würden, du!“

IV.

Gert und Jenny gingen unter den mageren Nadelbäumen Seite an Seite über den Weg hinab. Einmal stand er still und pflückte einige vertrocknete Erdbeeren, sprang ihr nach und steckte sie ihr in den Mund. Sie lächelte ein wenig zum Dank und er nahm ihre Hand, während sie hinunter gingen, dem Wasser zu, das hinter den Bäumen unter der Sonnenbrücke bläulich schimmerte.

Er sah fröhlich und jung aus in dem hellen Sommeranzug. Der Panamahut verbarg sein Haar.

Jenny setzte sich an den Waldrand und Gert streckte sich vor ihr im Schatten der großen Hängebirken aus.

Es war glühend heiß und still. Der Grashügel, der am Strande auslief, war gelbgefärbt vom Sonnenbrand. Ueber Nesodden stand eine metallblaue Dunstwolke, hinter deren Rand einige Wölkchen hervorglitten, rauchgelb und weißlich. Der Fjord breitete sich lichtblau aus, von quirlenden Stromstreifen unterbrochen; die Segler weit draußen lagen still und weiß auf der Fläche und der Rauch der Dampfschiffe stand unendlich lange in grauen Streifen in der schwülen Luft.

Aber zwischen den Steinen, die von der Ebbe bloßgelegt waren, rieselte das Wasser, und die rankenartigen Zweige der Hängebirken bewegten sich ganz sacht über ihnen, indem hin und wieder ein Blatt, in der Trockenheit verdorrt, herniedersank.

Gert nahm eines, das sich in ihrer lichten Haarflut verfangen hatte, fort, sie hatte den Hut abgelegt. Er betrachtete das Blatt:

„Ist es nicht sonderbar, daß es in diesem Jahre nicht regnen kann, du? Ihr Frauen habt es gut, ihr dürft so dünn gekleidet gehen. Dein Kleid sieht übrigens wie Halbtrauer aus, wenn du nicht die hellrosa Perlen trägst, aber es steht dir außerordentlich gut!“

Das Kleid war weiß und durchsichtig, mit kleinen schwarzen Blumen gemustert, überall gekräuselt und von einem strammen schwarzseidenen Gürtelband zusammengehalten. Der Strohhut, den sie im Schoß hatte, war ebenfalls schwarz, mit schwarzen Sammetrosen geziert. Nur die blaßroten Krystallperlen leuchteten auf der reinen Haut des Halses.

Er beugte sich vor, so daß er ihren Fuß gerade über dem Ausschnitt des Schuhes küssen konnte. Dann strich er mit zwei Fingern über die feine Biegung des Spanns mit dem durchsichtigen Strumpf und faßte um ihre Knöchel.

Kurz darauf schob sie behutsam seine Hand zurück, er griff nach der ihren, hielt sie fest und lächelte zu ihr empor. Sie lächelte zurück, dann drehte sie den Kopf nach der anderen Seite.

„Du bist so still, Jenny, ist dir die Wärme lästig?“

„Ja,“ sagte sie. Dann schwiegen sie wieder.

Ein Stück Weges von ihnen entfernt, dort wo sich ein Villengarten bis zum Wasser erstreckte, trieben einige halbwüchsige Jungen auf der Badehausbrücke ihr Spiel. Oben im Hause schnarrte ein Grammophon. Ab und zu wehten Klänge der Musik vom Seebade zu ihnen herüber.

„Du, Gert --“ Jenny hielt plötzlich seine Hand fest. „Wenn ich einige Tage oben bei Mama gewesen und dann wieder in die Stadt zurückgekehrt bin, reise ich fort.“

„Wieso?“ Er stützte sich auf seinen Ellenbogen. „Wohin willst du reisen?“

„Nach Berlin,“ sagte Jenny. Sie fühlte selbst, wie ihre Stimme zitterte.

Gert blickte ihr ins Gesicht, schwieg aber still. Auch sie sprach nicht.

Schließlich meinte er:

„Wann hast du dich dazu entschlossen?“

„Eigentlich ist es die ganze Zeit hindurch meine Absicht gewesen -- das weißt du ja -- wieder ins Ausland zu gehen --“

„Ja, gewiß. Aber, wann hast du dich entschlossen, +jetzt+ zu reisen?“

„Im Sommer auf Tegneby.“

„Ich wünschte, du hättest es mir eher gesagt, Jenny,“ sagte Gram. Obgleich seine Stimme leise und ruhig klang, schnitt sie ihr in die Seele.

Sie zögerte.

„Ich wollte es dir +sagen+, Gert. Nicht schreiben, sondern sagen. Als ich an dich schrieb und dich bat, gestern hierher zu kommen, hatte ich es dir sagen wollen. Aber ich kam nicht dazu --.“

Sein Antlitz färbte sich steingrau.

„Ich verstehe. Aber Gott des Himmels, Kind, wie mußt du es schwer gehabt haben!“ rief er plötzlich aus.

„Ja,“ sagte Jenny ruhig. „Am meisten deinetwegen, Gert. Ich bitte dich nicht, mir zu verzeihen.“

„Ich -- dir? Ach, du großer Gott, kannst +du mir+ verzeihen, Jenny --? Ich ahnte ja, daß dieser Tag kommen würde.“

„Das ahnten wir wohl beide,“ sagte sie wie vorher.

Er warf sich plötzlich auf den Boden und bohrte das Gesicht in den Sand. Sie beugte sich nieder und legte ihre Hand auf seinen Nacken.

„Kleine, kleine, kleine Jenny -- oh, kleine Jenny, was habe ich dir getan!“

„Lieber --“.

„Mein weißes Vögelchen, habe ich dich mit meinen häßlichen, schmutzigen Fäusten berührt, deine weißen Flügel befleckt?“

„Gert!“ Sie ergriff seine Hände und sprach schnell und heftig. „Hör zu. Du hast mir doch nur Gutes erwiesen, ich bin es ja, die --. Ich war so müde, und du botest mir eine Ruhestätte, ich fror, und du wärmtest mich. Ich +mußte+ ausruhen und ich +mußte+ gewärmt werden, ich mußte fühlen, daß ein Mensch mich liebte. Herrgott, Gert, ich wollte dich nicht betrügen, aber du konntest es nicht verstehen, ich hätte dir niemals erklären können, daß ich dich auf andere Art liebte, so -- armselig. Kannst du nicht begreifen?“

„Nein, Jenny. Ich +glaube+ nicht daran, daß ein junges, unschuldiges Mädchen einem Manne alles schenkt, wenn sie nicht sicher meint, ihre Liebe würde immer dauern.“

„Das gerade bitte ich dich, mir zu vergeben. Ich wußte, daß du es nicht verstehen würdest, und ich nahm dennoch alles hin, was du mir gabst. So wurde es eine Qual für mich selbst -- schlimmer und schlimmer, und ich fühlte, ich war nicht imstande, so fortzufahren. Ich +habe+ dich doch gern, Gert, aber wenn ich nur annehmen soll und in Wahrheit nichts besitze, womit ich es dir vergelten kann ...“

„Wolltest du mir das gestern sagen,“ fragte Gert kurz darauf.

Jenny nickte.

„Und statt dessen --“.

Er wurde glühend rot.

„Ich konnte nicht, Gert. Du kamst so froh an. Ich wußte, daß du gewartet und dich gesehnt hattest.“

Er erhob brüsk den Kopf:

„Das hättest du nicht tun sollen, Jenny. Nein. Hättest mir nicht so ein -- Almosen geben sollen.“

Sie bedeckte ihr Gesicht. Die qualvollen Stunden fielen ihr ein, die sie oben in ihrem verstaubten Atelier in der sonnendurchglühten, eingeschlossenen Luft zugebracht, in steter Ruhelosigkeit umhergehend, aufräumend und ihn erwartend, während ihr Herz sich vor Schmerz zusammenkrampfte. Aber sie war nicht fähig, es ihm zu sagen.

„Ich war mir über mich selbst nicht klar, als du kamst. Ich dachte einen Augenblick -- ich wollte versuchen.“

„Almosen.“ Er schüttelte einen Augenblick schmerzlich das Haupt. „Die ganze Zeit, Jenny -- alles was du mir gabst!“

„Gert, ich bin es ja, die von dir Almosen entgegengenommen hat -- immer -- begreifst du denn nicht?“

„Nein,“ sagte er heftig. Er preßte sein Gesicht wieder in den Boden.

Nach kurzer Zeit erhob er den Kopf:

„Jenny, ist da -- irgend ein anderer?“

„Nein,“ sagte sie heftig.

„Glaubst du, ich würde dir einen Vorwurf machen, wenn ein anderer zwischen uns getreten wäre, ein junger Mensch -- deinesgleichen? Ich würde +das+ besser verstehen.“

„Kannst du dir denn nicht denken --? Ich finde nicht, daß daran ein anderer Schuld sein muß.“

„Nein, nein.“ Er glitt wieder nieder. „Ich fände es natürlicher. -- Als mir dann einfiel, was du mir geschrieben hattest, daß Heggen auf Tegneby gewesen und nach Berlin gefahren ist --.“

Jenny wurde wieder blutrot:

„Glaubst du denn, ich hätte -- gestern --“.

Gert schwieg. Kurz darauf sagte er müde:

„Ich verstehe dich ja doch nicht.“

Da schoß plötzlich in ihr das Verlangen hoch, ihm wehe zu tun:

„Einesteils kann man doch sagen, eine zweite oder dritte Person spielt eine Rolle dabei.“

Er sah auf, fragend. Dann griff er plötzlich nach ihr:

„Jenny, Herr Jesus -- was meinst du --!“

Sie bereute es schon, rot und hastig sagte sie:

„Nun -- meine Arbeit -- also die Kunst.“

Gert Gram hatte sich vor ihr auf die Knie erhoben:

„Jenny -- ist etwas -- Besonderes -- du sollst die Wahrheit sagen -- du darfst nicht lügen. Ist etwas mit dir vorgefallen? -- Sprich --“

Einen Augenblick versuchte sie, ihm frei in die Augen zu schauen. Dann senkte sie den Kopf. Gert Gram aber sank vorn über, das Gesicht in ihrem Schoß bergend:

„O Gott, o Gott. Ach Gott im Himmel --“

„Gert! Lieber, Lieber! Ach, nicht doch Gert! Du reiztest mich mit deinen Vermutungen über einen anderen,“ sagte sie gedemütigt. „Ich hätte es nicht sagen sollen. Ich hatte nicht die Absicht, es dir zu sagen -- vielleicht später.“

„Das hätte ich dir nie verziehen,“ sagte Gram. „Wenn du es mir nicht gesagt hättest. Aber -- du mußt es doch schon eine Zeitlang gewußt haben,“ meinte er plötzlich. „Weißt du -- wie weit du bist?“

„Im dritten Monat,“ sagte sie kurz.

„Aber Jenny,“ er faßte entsetzt ihre beiden Hände, „jetzt kannst du dich ja nicht -- von mir trennen, so ohne weiteres, meine ich. +Jetzt+ können wir ja nicht auseinandergehen.“

„Doch.“ Sie strich ihm liebkosend über das Gesicht. „Doch. Wäre es nicht so gekommen, so hätte ich es wohl noch eine Zeitlang so weitergetrieben. Aber jetzt mußte ich der Sache in die Augen schauen -- und alles klarstellen.“

Er lag eine Weile still da.

„Hör einmal zu, Kind. Du weißt, ich wurde im vergangenen Monat geschieden. In zwei Jahren bin ich frei. Dann komme ich zu dir. Ich gebe dir -- und dem da -- meinen Namen. Ich verlange nichts, verstehst du -- +nichts+. Aber ich fordere mein Recht, dich wieder aufzurichten, wie ich es dir schuldig bin. Weiß Gott, ich werde genug darunter leiden, daß es nicht eher sein kann. Aber ich verlange nichts, das ist selbstverständlich. Du sollst nicht im geringsten an mich alten Mann gebunden sein --“

„Gert. Ich bin froh, daß du von ihr geschieden bist. Aber ich sage dir ein für allemal: ich heirate dich nicht, wenn ich nicht deine richtige Frau werden kann. Es ist nicht der Jahre wegen, die zwischen uns liegen. Hätte ich nicht das Gefühl, Gert, daß ich niemals ganz dein gewesen bin, wie es hätte sein sollen, so bliebe ich bei dir, als dein Weib, solange du jung wärst, als deine Freundin, wenn das Alter käme, deine Krankenschwester, gern, willig und glücklich. Aber ich weiß, ich kann dir nicht das sein, was eine Frau sein soll. Um der Leute willen gehe ich aber nicht hin und verspreche etwas, was ich nicht halten kann, weder vor dem Pfarrer, noch dem Bürgermeister.“

„Oh, aber Jenny, das ist doch Wahnsinn von dir.“

„Du bringst mich jedenfalls nicht davon ab,“ sagte sie hastig.

„Ja, aber Kind, was willst du denn tun? Nein, ich kann es nicht zulassen. Was soll denn mit dir werden? Kleines, du mußt verstehen -- du mußt mich dir helfen lassen, Jenny.“

„Still, lieber Freund. Du siehst ja, ich trage es ganz ruhig. Wenn man erst davorsteht, ist es eigentlich nicht so gefährlich, wie man sich immer einbildet. Glücklicherweise habe ich noch etwas Geld.“

„Aber die Menschen, Jenny -- sie werden häßlich gegen dich sein -- dich in Verruf bringen.“

„Das vermag niemand. Meine einzige Schande ist, Gert, daß ich dich deine Liebe an mir verschwenden ließ.“

„Ach, dieser Unsinn! Nein, aber die Leute -- du weißt nicht, wie herzlos sie sind, wie sie dich mit ihrer Bosheit mißhandeln, dich kränken und dich verletzen werden.“

„Daraus mache ich mir nicht viel, Gert.“ Sie lachte ein wenig. „Uebrigens bin ich Gott sei Dank Künstlerin. Man erwartet fast nichts anderes von uns, als daß wir hin und wieder einen Skandal heraufbeschwören.“

Er schüttelte den Kopf. Aus einem plötzlichen, verzweifelten Reuegefühl darüber, daß sie es ihm gesagt, daß sie ihm wehgetan hatte, zog sie ihn fest an sich:

„Du Lieber, du +darfst+ nicht so unglücklich sein, hörst du? Ich bin es auch nicht, wie du siehst. Im Gegenteil, manchmal bin ich froh. Wenn ich versuche, richtig darüber nachzudenken, was es eigentlich bedeutet, daß ich ein Kind bekomme, mein eigenes, kleines, süßes Kind, so kann ich es gar nicht fassen. Ich glaube sicher, daß ich glücklich werde, so glücklich, daß ich es mir noch gar nicht vorstellen kann. Ein lebendiges, kleines Menschlein, das nur mir gehört, das ich lieben, für das ich leben und arbeiten werde. Manchmal denke ich, daß erst jetzt Sinn in mein Leben und meine Arbeit kommt. Glaubst du vielleicht nicht, daß ich mir einen Namen machen könnte, der für mein Kind gut genug ist, Gert? Nur das macht mich noch etwas mutlos, daß ich noch nicht recht weiß, wie es wird, und dann, daß du so traurig bist. O Gert, ich bin vielleicht arm und nüchtern, egoistisch und all so etwas, aber ich bin schließlich eine Frau, ich +muß+ mich doch darüber freuen, daß ich Mutter werde.“

„Jenny.“ Er küßte ihre Hände. „Arme, kleine tapfere Jenny. Es ist beinahe noch schlimmer für mich, daß du es so auffaßt,“ sagte er leise.

Jenny lächelte weh:

„Oh, es wäre doch wohl schlimmer für dich, wenn ich es anders auffaßte.“

V.

Zehn Tage später reiste Jenny nach Kopenhagen. Die Mutter und Bodil Berner gaben ihr in der frühen Morgenstunde das Geleite zum Bahnhof.

„Du hast es gut, du Glückspilz,“ sagte Bodil und lachte über ihr ganzes weiches braunes Gesichtchen. Dann gähnte sie, daß die Tränen ihr in die Augen stiegen.

„Es muß auch solche geben.“ Jenny lachte ebenfalls. „Dir geht es auch nicht gerade schlecht, finde ich.“

Aber sie fühlte mehr und mehr, daß sie nahe daran war, in Tränen auszubrechen, während sie ihre Mutter zum Abschied küßte. Sie stand am Abteilfenster und starrte sie an. Ihr war, als hätte sie diese ganze Zeit hindurch ihre Mutter niemals richtig angesehen. Diese schlanke und schmächtige, ein wenig gebeugte Gestalt. Man sah fast nicht, wie grau das Haar geworden, so blond war Frau Berner. In ihren Zügen lag etwas seltsam Unberührtes, Mädchenhaftes, trotz der vielen Fältchen. Aber es war, als ob die Jahre und nicht das Leben ihr Gesicht gezeichnet hatten. Trotz allem, was sie durchgemacht hatte.

Wenn sie es nun einmal erführe. Nein, Jenny würde nie den Mut haben, es zu sagen und zuzusehen, wie die Mutter den Schlag ertragen würde. Sie, die nichts gewußt hatte und nichts verstehen würde. Hätte Jenny nicht fortreisen können -- dann wußte sie, hätte sie es nicht überlebt. Nicht aus Liebe, aus Feigheit. Einmal mußte sie es ja sagen, und von draußen her war sie eher dazu imstande.

In dem Augenblick, als der Zug anruckte und davon zu gleiten begann, erblickte sie Gert. Er kam langsam den Bahnsteig herauf; hinter den anderen, Mutter und Schwester, die mit ihren Taschentüchern winkten, grüßte er herüber. Wie bleich er war.

* * * * *

Der erste September. Jenny saß am Fenster und sah hinaus in die vorübergleitende Landschaft.

Es wurde ein schöner Tag. Die Luft war so klar und frisch, der Himmel so dunkelblau und die Wolken so weiß. Der Tau lag schwer und grau über den saftiggrünen Wiesen, auf denen der Margueriten später Flor schimmerte. Nach dem heißen Sommer waren die Birken am Waldrande ganz gelb und über den Waldboden hin schlängelte sich kupferrotes Blaubeerengebüsch. Die Büschel der Ebereschen waren blutrot, aber an einer etwas tiefgelegenen fruchtbaren Stelle hingen sie noch dunkelgrün im Laub. Welche Farben!

Auf den kleinen Hügeln zwischen den Wiesen lagen die alten, silbergrauen Gehöfte, auch neue, weißschimmernde und gelbe, mit roten Nebengebäuden. Davor standen alte verkrüppelte Apfelbäume mit gelben und glasgrünen Früchten in dunklem Laub.

Immer wieder blendeten Tränen ihren Blick. Wenn sie zurückkehrte -- ob sie jemals hierher zurückkam?

Bei Moß trat der Fjord leuchtend blau hervor. Die Stadt zog sich mit ihren roten Fabrikmauern am Kanal entlang, die kleinen bunten Holzhäuser inmitten der Gärten lachten herüber. Sie hatte so oft gedacht, wenn sie vorüberfuhr, hier wollte sie sich einen Sommer über niederlassen und malen.

Der Zug brauste an der kleinen ländlichen Station vorüber, wo man nach Tegneby ausstieg. Jenny sah über die Aecker, dort lief die Fahrstraße. Der Hof lag weit drüben hinter dem Nadelwäldchen.

Sie erblickte den Kirchturm. Eigenartige kleine Cesca, sie ging oft in die Kirche, fühlte sich sicher und geborgen in der alten Stimmung, die dort überirdischen Kräften entsprang. Sie glaubte an etwas, wußte selbst nicht, was, aber sie hatte sich eine Art Gott zurechtgemacht.

Sie war doch froh darüber, daß Cesca jetzt besser mit ihrem Mann zusammenzuleben schien. Er habe sie nicht verstanden, schrieb sie, aber er sei doch so wunderbar zart und lieb gewesen, und fest davon überzeugt, daß sie mit Willen nie etwas Schlechtes tun würde.

Seltsame kleine Cesca. Ihr +mußte+ es ja schließlich gut gehen. Cesca war rechtschaffen und gut. Gerade das aber war sie selber nicht, keines von beiden im eigentlichen Sinne.

Wenn sie nur der Mutter Tränen nicht sah, so konnte sie es eher ertragen, ihr Kummer zu machen. -- Das hieß mit anderen Worten nur, sie fürchtete Tränen.

Und Gert. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Ein geradezu körperlicher Schmerz durchfuhr sie -- Verzweiflung, Widerwillen, so tief, daß sie fast alle Kraft verlor und völlig gleichgültig wurde gegen alles.

Diese fürchterlichen letzten Tage in Kristiania mit ihm. Schließlich hatte sie nachgegeben.

Er wollte nach Kopenhagen kommen. Sie hatte versprechen müssen, irgendwo in Dänemark aufs Land zu gehen, wo er sie besuchen könnte. Gott mochte wissen, ob sie der Sache jemals würde ein Ende machen können.

Schließlich blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als ihm das Kind zu übergeben und ihn zu verlassen. Ja, denn alles, was sie ihm gesagt hatte, daß sie sich darauf freute und so weiter, war Lüge. Auf Tegneby hatte sie ein solches Gefühl des öfteren gehabt, denn dort hatte sie nur daran gedacht, daß es ihr Kind war und nicht das seine. Sollte es jedoch eine lebendige Fessel zwischen ihr und ihrer Schande werden, so wollte sie es um keinen Preis behalten. Sie würde es hassen müssen -- sie haßte es ja schon, wenn sie an die letzten Tage in der Stadt dachte.

Das krankhafte Verlangen, aus Herzenslust zu schluchzen, war vorüber. Sie fühlte sich trocken und hart, als ob sie niemals wieder weinen könnte.

* * * * *

Eine Woche später, als Gert Gram kam, war sie so müde und gleichgültig, daß sie gute Laune vortäuschen konnte. Wenn er ihr vorgeschlagen hätte, in sein Hotel hinüberzuziehen, so hätte sie es getan. Sie veranlaßte ihn, mit ihr ins Theater zu gehen, außerhalb zu Abend zu essen und eines Tages bei schönem Wetter mit ihr nach Fredensborg zu fahren. Sie sah, daß es ihm gut tat, wenn sie sich munter und frisch gab.

Sie dachte kaum mehr nach. Ohne Anstrengung konnte sie ihre Gedanken ausschalten. In Wirklichkeit war ihr Gehirn kraftlos. Wie ein dauerndes mahnendes Erinnern war es nur, daß sich ihr die Brust schmerzhaft spannte und daß das Korsett sie behinderte.

Jenny hatte sich bei einer Lehrerswitwe auf Westseeland eingemietet. Gram begleitete sie dorthinaus und reiste am Abend nach Kopenhagen zurück. So war sie endlich allein.

Sie hatte aufs Geratewohl gemietet. Während ihres Studienaufenthaltes in Kopenhagen war sie einen Tag über mit einigen Kameradinnen in dem Dorfe gewesen; sie hatten im Krug gegessen und bei den Dünen gebadet. Sie entsann sich, daß es dort schön war, und als auf ihre Anzeige eine Frau Rasmussen dort sich erboten hatte, die junge Dame aufzunehmen, die ihre Niederkunft erwartete, da griff sie zu.

Eigentlich fühlte sie sich wohl. Allerdings wohnte die Lehrerswitwe in einem elend häßlichen, winzigkleinen gelben Backsteinhaus etwas außerhalb des Dorfes, an der Landstraße, die sich staubig und ohne Ende zwischen offenen, bestellten Feldern hinzog. Aber Jenny mochte ihr Zimmer gern mit der Tapete in Berlinerblau und den Lithographien nach Exner an den Wänden, mit den weißen, gehäkelten Deckchen ringsumher, auf dem Bett, dem amerikanischen Schaukelstuhl und der Kommode, auf die Frau Rasmussen bei Jennys Ankunft einen großen Rosenstrauß gestellt hatte.

Draußen vor den beiden Fensterchen lief die Landstraße vorbei. Im Vorgärtchen blühten Rosen, Geranien und „Christi Blutstropfen“, ungeachtet all des Staubes, mit dem sie gepudert waren. Jenseits der Straße erhob sich ein nackter Hügelkamm im Acker. Steinwälle, an deren Hängen struppige, leuchtende Herbstblumen zwischen Brombeerhecken wucherten, teilten den Hügel in weiße Stoppelfelder, blaugrüne Rübenäcker und braungrüne Wiesen, umrändert von zackigen, zerzausten Weidenbüschen. War die Abendsonne aus Jennys Kammer geschwunden, so flammte der Himmel über dem Hügelkamm und den spärlichen Zweiglein der Weiden auf.

Hinter ihrem Zimmer ging eine kleine puppenstubenartige Küche mit rotem Backsteinfußboden, auf den Hof hinaus, wo die Hühner der Witwe gackerten und die Tauben gurrten. Ein kleiner Flur lief quer durch das ganze Haus. Auf der anderen Seite lag Frau Rasmussens Stube mit Blumen vor den Fenstern und gehäkelten Decken überall, Daguerreotypien und Photographien an den Wänden, einem kleinen Bücherschrank mit religiösen Schriften in schwarzem Pappeinband, einigen Jahrgängen von „Frem“ und Gyldendals Serien in Prachtbänden. Dahinter befand sich ein Zimmerchen, in dem die Luft immer merkwürdig dick war, und das ein unbestimmbarer Geruch erfüllte, obgleich es vor Sauberkeit blitzte. Hier schlief sie selbst und konnte nicht hören, wenn sich ihre Pensionärin jenseits des Ganges Nacht für Nacht in den Schlaf weinte.

Frau Rasmussen war übrigens nicht so schlimm. Groß und schlottrig schlürfte sie in einer Art von Filzschuhen leise umher; immer sah sie gleichmäßig sorgenvoll aus mit ihrem langen gelben Pferdegesicht, unter dem graugesprenkelten Haar, das mit einem drolligen kleinen Schwung über jedem Ohr weggestrichen war. Sie sprach fast gar nicht, höchstens stellte sie einige besorgte Fragen, ob das gnädige Fräulein mit dem Essen und dem Zimmer zufrieden sei. Selbst wenn Jenny nach dem Mittagessen sich hin und wieder mit ihrer Handarbeit in das Wohnzimmer zu Frau Rasmussen setzte, schwiegen sie still. Jenny war ihr besonders dafür dankbar, daß Frau Rasmussen niemals ihren Zustand erwähnte; nur ein einziges Mal hatte sie ängstlich gefragt, als Jenny mit ihrem Malgerät hinausging, ob das wohl dem gnädigen Fräulein nicht schaden könnte.

Sie arbeitete in der ersten Zeit eifrig, stand hinter einem Steinwall mit ihrer Feldstaffelei, die der scharfe Wind fast umblies. Unter dem Wall erstreckte sich das gelbe Stoppelfeld eines endlosen Roggenackers bis zum Moor hinab, wo sich weißes Wollgras an blauen Wasserlöchern hinzog, wo samtschwarze Torfmieten auf saftiggrünem Wiesengrund lagen. Hinter dem Sumpf wellte sich das Land mit grünen Rübenfeldern, Wiesen und gemähten Roggenäckern, mit kalkweißen Bauernhöfen in üppigen, dunkelgrünen Hainen -- bis hinüber zum frischen, blauen Fjord. Der Strand lief in Bogen und Zungen, mit weißgelbem Sand und kurzem, vergilbtem Gras, in die See hinaus. Gegen Norden fiel der Hügel, vom Heidekraut braun gefärbt, mit der Windmühle auf der Spitze, in steilen, gelben Sanddünen zum blauen Fjord ab. Schatten und Licht wechselten auf dem offenen Lande ab, je nachdem wie die Wolken über den weißen, ewig blauen unruhigen Himmel wanderten.