Jenny

Part 17

Chapter 173,917 wordsPublic domain

„Du bist ja schon so gut und fein, stolz und herrlich. Ich sage es dir, und eines Tages wird ein Mann, der jünger und besser und stärker ist als ich, das Gleiche sagen und du wirst froh werden, ganz froh. Bist du nicht ein ganz klein wenig glücklich darüber, daß ich sage, du seiest das beste, liebste und wunderbarste Mädchen auf der Welt? Blick mich an, Jenny. Kann ich dir nicht eine kleine Freude machen, wenn ich dir sage, ich glaube, du wirst des Lebens reichstes Glück kosten dürfen, weil du es verdienst?“

Sie blickte auf sein Antlitz nieder und versuchte ein schwaches Lächeln. Dann senkte sie den Kopf und strich mit den Händen über sein Haar:

„O Gert -- o Gert -- ich kann doch nichts dafür! Ich wollte dir ja nicht wehe tun. Ich kann nichts dafür -- nicht wahr?“

„Darüber solltest du nicht traurig sein. Kleines -- ich habe dich lieb, weil du dein Ziel, nach dem du strebst, ja schon erreicht hast, weil du so bist, wie ich einmal hatte sein wollen --. Du darfst nicht traurig sein, selbst wenn du meinst, du hättest mir Leid zugefügt. Es gibt Leiden, die gut sind -- gesegnet gut, glaube mir.“

Sie fuhr fort, leise zu weinen.

Nach einer Weile flüsterte er:

„Darf ich hin und wieder zu dir kommen --? Wenn du traurig bist, kannst du mich da nicht rufen lassen? Ich will gern versuchen, ob ich nicht meinem kleinen Mädchen ein wenig helfen kann, sprich, Jenny --?“

„Ich wage es nicht, Gert.“

„Liebe kleine Freundin, ich bin ja ein alter Mann, könnte dein Vater sein.“

„Deinetwegen -- meine ich. Es ist nicht recht von mir deinetwegen.“

„O doch, Jenny. Meinst du, ich dächte weniger an dich, wenn ich dich nicht sähe. Ich möchte dich ja nur sehen, mit dir sprechen, versuchen, dir ein wenig zu sein -- darf ich? -- Oh, darf ich --?“

„Ich weiß nicht, Gert -- ich weiß nicht. Ach, Lieber, geh jetzt, du mußt jetzt gehen -- ich kann nicht -- es ist so hart. -- Lieber, geh.“

Er erhob sich still.

„Dann gehe ich. Leb wohl, Jenny -- aber Kind, du bist ja ganz außer dir.“

„Ja,“ flüsterte sie.

„So gehe ich denn. Darf ich einmal wiederkommen? Ich will dich gern sehen, ehe du reist. Wenn du ruhiger geworden bist und wenn es dich nicht erregt. Es liegt ja kein Grund dafür vor, Jenny --.“

Sie stand einen Augenblick still. Dann zog sie ihn plötzlich hastig an sich und streifte seine Wange mit dem Munde.

„Geh jetzt, Gert.“

„Ich danke dir. Gott segne dich, Jenny.“

* * * * *

Hinterher lief sie im Zimmer auf und ab. Sie begriff selber nicht, warum sie so bebte. Aber tief im Innern -- es war vielleicht nicht gerade Freude, aber es hatte ihr wohlgetan zu hören, was er gesagt, während er auf den Knien vor ihr lag.

Oh Gert, Gert! Sie hatte ihn immer für einen schwachen Menschen gehalten, für einen, der sich hatte überwinden lassen und unterdrückt worden war wie alle Charaktere ohne Widerstandskraft. Aber jetzt hatte sie plötzlich erfahren, daß er ganz im Innern eine tiefe Stärke und Sicherheit besaß. Er hatte da gestanden als der Reiche, der wußte, daß er helfen könne und es gern wollte. Während sie verwirrt und unsicher war -- krank vor Sehnsucht in ihrem tiefsten Innern, hinter dem Bollwerk von Ansichten und Gedanken, das sie sich selbst geschaffen.

Und dann hatte sie ihn gebeten zu gehen. Weshalb? Weil sie selbst so grenzenlos arm war, weil sie ihm ihre Not geklagt, von dem sie dachte, er sei ebenso arm wie sie, während er ihr doch gezeigt hatte, wie reich er war, und ihr aus der Quelle seines Reichtums freudig eine kleine Hilfe bot. Dadurch hatte sie sich gedemütigt gefühlt und ihn gebeten, sie zu verlassen. So war es sicher.

Hilfe von einer Liebe entgegennehmen, ohne etwas dafür geben zu können, hatte sie immer als schändlich angesehen. Sie hatte ja nie daran gedacht, daß sie es sein würde, die solcher Hilfe bedürfte.

Er hatte sein Werk nicht vollenden dürfen, wie er gewollt. Die Liebe, der er sich hingegeben, hatte nicht ein Leben hindurch gedauert, dennoch war er nicht verzweifelt. Der nie versiegende Quell, woraus ein solches Glück geschöpft wird, um immer aufs Neue zu blühen, war Vertrauen und Glaube. Es bedeutete gleichviel, woran man glaubte, wenn nur die Seele dabei nicht einsam war. Allein vermochte sie den Glauben nicht zu nähren. Das Leben war unerträglich, wenn man außer sich selber niemanden hatte, den man liebte, an den man glaubte.

Mit dem Gedanken an den freiwilligen Tod hatte sie immer gespielt. Wenn sie jetzt stürbe ... Sie besaß wohl einen Kreis von Menschen, die sie liebten. Sie würden um sie trauern, aber es gab keinen, der sie nicht entbehren könnte. Nicht einen, dem sie unersetzlich war, so daß sie um seinetwillen die Pflicht hätte, ihr Leben weiterzuschleppen. Die Mutter und Geschwister ... Wenn sie nicht erfahren würden, daß sie es selbst getan, so würde ihr Leid nach einem Jahre zu milder Trauer geworden sein. Cesca und Gunnar würden sie wohl am tiefsten betrauern, denn sie würden vielleicht verstehen, daß sie unglücklich gewesen war, aber sie stand ja nur an der Außenseite ihres Lebens. Derjenige, der sie am meisten liebte, würde vielleicht am tiefsten getroffen sein -- aber ihm hatte sie ja nichts zu geben. So konnte er sie ja ebenso lieb haben, wenn sie tot war. Ja, er liebte sie, dessen Glück sie war, und dabei trug er das Glück als eine Macht in sich.

Wenn ihr selber wirklich diese Kraft fehlte, so half ihr nichts. Die Arbeit konnte sie nicht in dem Maße ausfüllen, daß ihre Sehnsucht nach einem Glücke schwieg. Und weshalb sollte sie dann leben, wenn es auch hieß, sie sei talentvoll. Niemand konnte soviel Freude daran haben, ihre Kunst zu schauen, wie sie dabei empfand, sie auszuüben. Aber diese Freude war nicht so groß, daß sie ihr nichts zu wünschen übrig ließ.

Es war auch nicht nur das, wovon Gunnar gesprochen: daß ihre Tugend sie peinigte, um brutal zu sprechen. Dem konnte leicht abgeholfen werden. Aber sie wagte nicht, diesen Schritt zu tun, aus Angst, daß ihre Sehnsucht einst in späteren Jahren ihr wahres Ziel finden könnte. Das wäre ja von allem das Schlimmste, mit einem Menschen im engsten Zusammenhang zu leben, und tief im Innern doch wieder einsam zu sein. O nein, nein. Einem Manne anzugehören, mit allen möglichen daraus folgenden Intimitäten, körperlichen wie seelischen -- und dann eines Tages vielleicht zu entdecken, daß sie ihn nie gekannt, und daß er sie nie gekannt, daß der eine niemals ein Wort von des anderen Rede verstanden hatte --.

Ach nein. Sie wollte leben, weil sie noch auf etwas wartete. Sie wollte keinen Liebhaber, denn sie erwartete ihren Gebieter. Sie wollte auch nicht sterben, nicht jetzt, denn sie wartete.

Nein. Sie wollte ihr Leben noch nicht von sich werfen, weder auf die eine noch auf die andere Art. Sie konnte +so+ nicht sterben -- so arm, daß sie nicht ein einziges geliebtes Wesen besaß, dem sie Lebewohl sagen konnte. Sie wagte nicht, sie durfte doch hoffen, daß es einmal anders werde.

So mußte sie sich also mit der Malerei etwas ins Zeug legen. Sonst würde sie auf den Hund kommen, krank wie sie war vor Verliebtheit.

Sie lachte.

Das war es eben. Der Gegenstand war vorläufig nicht vorhanden, aber die Liebe, die war da.

* * * * *

Durch das schräge Fenster dunkelte der Himmel veilchenblau herein. Jenny sah hinaus. Die Schieferdächer, die Schornsteine und Telephondrähte, die ganze stille Welt dort draußen breitete sich, mit weißem Reif bedeckt, in der Dämmerung aus. Von den Straßen leuchtete ein rötlicher Schein auf und färbte den Frostnebel. Wagengerassel und das Kreischen der Straßenbahn klangen jetzt so hart auf der trockenen, gefrorenen Straße.

Sie hatte wenig Lust, nach Hause zu gehen und bei der Mutter zu essen. Aber so war es verabredet. Sie schraubte den Ofen zu, zog ihren Mantel an und ging.

Draußen herrschte rauhe, klamme Kälte -- der Nebel roch nach Ruß, Gas und gefrorenem Staub. Wie hoffnungslos öde diese Straße im Grunde war. Sie erstreckte sich vom Mittelpunkt der Stadt mit seinem lärmenden Getriebe und seinen hellerleuchteten Geschäften, wo der Menschenstrom aus- und einging, bis hinab zu den leblosen, grauen Festungsmauern. Ihre eigenen Häuserreihen lagen düster und ausgestorben. Neue Geschäftshäuser aus Stein und Glas, hinter deren großen Fenstern mit dem sanften weißen Licht arbeitsames junges Volk in stiller Geschäftigkeit den flatternden Papieren Weg und Richtung gab und durch das Telephon ihre Mitteilungen in alle vier Winde sandte, wechselten sich ab mit alten Gebäuden, Ueberresten aus der ältesten Zeit Kristianias. Es waren meist niedrige, graubraune Häuser mit glatter Front und Rolläden vor den Bürofenstern. Hier und da fand sich auch eine kleine Scheibe, mit Gardinen und Topfpflanzen verziert, die zu einem Kleineleuteheim gehörten, wunderlich einsamen Heimen in diesem Stadtviertel, dessen Häuser des Nachts meist verlassen lagen.

Aus den Läden, die sich in dieser Gegend befanden, strömte nicht das Volk aus und ein wie unten im Zentrum. Hier gab es nur Geschäfte für Tapeten und Gipsrosetten für Zimmerdecken. Hier fanden sich Ofen-, Herd- und Möbellager, deren Schaufenster voller leerer Mahagonibetten und gefirnißter Eichenstühle standen, die aussahen, als würden sie wohl nie in Gebrauch genommen werden.

In einem Torweg stand ein Kind -- ein kleiner blaugefrorener Junge mit einem großen Korb am Arme. Er schaute einigen Hunden zu, die sich mitten auf dem Damme balgten, daß der feuchte, reifkalte Staub um sie flog. Das Kind schrie auf, als die Tiere sich zu ihm hinüberwälzten.

„Hast du vor den Hunden Angst?“ fragte Jenny.

Erst antwortete der Junge nichts. Da sagte sie:

„Soll ich dich an ihnen vorüberführen?“ Da schlüpfte er an Jennys Seite, sprach aber kein Wort.

„Wo willst du denn hin -- wo wohnst du?“

„Voldstraße.“

„Hast du eingeholt? Ganz hier unten? Du bist ja so klein -- bist aber ein tüchtiger Junge.“

„Wir kaufen bei Aases in der Strandstraße, weil Vater sie kennt,“ sagte der Junge. „Und der Korb ist so schwer.“

Jenny sah die Straße hinauf und hinunter -- sie war fast menschenleer:

„Komm, Kleiner, soll ich ihn dir ein Stück tragen?“

Der Knabe ließ den Korb ein wenig ängstlich fahren.

„Gib mir die Hand, du, dann will ich dich an diesen Kötern vorbeiführen. Nein, wie kalt du bist! Hast du denn keine Handschuhe?“

Der Junge schüttelte den Kopf.

„Sieh her, steck die andere Hand in meinen Muff -- willst du nicht? Du meinst vielleicht, es schickt sich nicht für einen Jungen, mit dem Muff zu gehen?“

Sie dachte an Nils, als er klein war. Nach ihm hatte sie sich so oft gesehnt. Jetzt war er so groß und hatte viele Kameraden -- er war in dem Alter, wo sich ein Junge schämt, sich mit der großen Schwester abzugeben. Selten kam er zu ihr herüber. In dem einen Jahre, das sie draußen war, und dann in den Monaten, als sie in all dem Wirrwarr mit Helge gelebt, hatten sie sich voneinander entfernt. Später, wenn er größer geworden, würden sie vielleicht wieder Freunde werden wie ehemals. Sicherlich, denn sie hatten sich lieb. Aber in seinem Alter ging es auch ohne sie, das wußte sie wohl. Oh, wenn doch Nils jetzt ein kleiner Junge wäre, daß sie ihn auf den Schoß nehmen und ihm Märchen erzählen könnte, während sie ihn wusch, ihn auskleidete und ihn küßte! Oder, wenn es noch wäre wie damals, als sie mit ihm über Nordmarken wanderte, wo der Riese weit fort war und der Weg voller Abenteuer und merkwürdiger Erlebnisse! --

„Wie heißt du denn, Kleiner?“

„Ausjen Torstein Mo.“

„Wie alt bist du, Ausjen?“

„Sechs Jahre.“

„So gehst du wohl noch nicht zur Schule?“

„Nein, aber ich soll im April anfangen.“

„Freust du dich auf die Schule?“

„Nein, die Fräuleins sind so böse. Der Oskar geht auch hin, aber wir kommen nicht in dieselbe Klasse. Oskar soll in der zweiten anfangen.“

„Oskar, ist das dein Spielkamerad?“ fragte Jenny.

„Ja, die wohnen in demselben Haus wie wir.“

Dann entstand eine kleine Pause. Jenny plauderte wieder:

„Ist es nicht schade, daß wir keinen Schnee bekommen? Ihr habt ja den Berg, die Piperviken hinunter, wo ihr rodeln könnt? Hast du einen Schlitten?“

„Nein, aber ich habe Schneeschlittschuhe und auch Skier --.“

„Ja, dann freilich sollte sich der Schnee ein bißchen beeilen!“

Sie waren in die Stortingstraße gekommen. Jenny ließ seine Hand fahren und dann den Korb. Er war aber so schwer und Ausjen so klein. So behielt sie ihn denn.

In der dunklen Voldstraße nahm sie wieder seine Hand und trug ihm den Korb bis zu dem kleinen Haus, wo er wohnte. Zum Abschied schenkte sie ihm zehn Oere.

In der Homansstadt kaufte sie Schokolade und rote Fausthandschuhe, die sie Ausjen schicken wollte.

Herrgott, wenn sie nur einem Menschen eine kleine Freude machen könnte! Eine kleine, unerwartete Freude.

Sie wollte versuchen, ihn ein paar Stunden am Tage als Modell zu bekommen. Er war wohl aber zu klein, um ihr zu stehen.

Die arme kleine Faust, sie war in der ihren ganz warm geworden. Ihr war, als hätte es ihr gut getan, sie festzuhalten.

Doch. Sie wollte versuchen, ihn zu malen. Ein lebendiges Frätzchen hatte er. Er sollte dann Milch mit einem Tropfen dünnen Kaffee und gutes Butterbrot bekommen, und dann wollte sie arbeiten und mit Ausjen plaudern.

Drittes Buch

I.

An einem lichten und lauen Maiennachmittag, der sich schon zum Abend neigte, lag Sonnenglanz über den schwarzen Bauplätzen; die nackten Brandmauern waren rotgolden, und die Fabrikschlote glühten lederbraun im Sonnenbrand. Die Umrisse der Stadt mit hohen und niedrigen Dächern, großen und kleinen Häusern zeichneten sich gegen die grauviolette Luft scharf ab, die geschwängert war von Staub und Rauch und Dünsten.

Das Bäumchen an der roten Mauer trug klare, gelbgrüne Blättchen, durch die das Licht schien, in diesem Jahre wie im vergangenen.

Jenny sah den Schimmel an den Bretterwänden der Lumpenbuden, wie weich und leuchtend grün er war! Die Rußflocken an den Mauern der Geschäftshäuser waren an einigen Stellen tiefschwarz und an anderen wie von einer feinen glitzernden Silberhaut überzogen.

Sie sah in die Luft hinaus. Den ganzen Vormittag hatte sie auf Bygdö verbracht, dort hatte die Himmelskuppel sich dunkelblau und heiß über den olivengoldenen Föhrenkronen und der Laubbäume bernsteinfarbenen Knospen gewölbt. Aber hier schimmerte der Himmel über den hohen Häusern und dem Netz der Telephondrähte fahlblau hinter einem feinen, opalweißen Schleier von Dunst verborgen. Im Grunde war es übrigens schöner so. Gert konnte es nicht sehen. Die Stadt war für ihn nur immer schmutzig, häßlich und grau. Sie hatten sie alle verflucht, diese Stadt, die Jungen aus den achtziger Jahren, die hier wie zur Strafarbeit hergesandt waren. Jetzt stand er sicher dort oben und blickte in die Sonne hinaus, das Spiel des Lichtes mit Linien und Farbtönen sah er kaum, für ihn war es nur ein Sonnenstreifen vor den Gefängnismauern.

Sie hielt ein Stück vor seinem Torweg inne und sah gewohnheitsmäßig die Straße hinauf und hinunter. Bekannte waren hier nicht, Arbeitsleute strömten hinüber zum „Vaterland“ oder nach der Stadt zu. Die Uhr war also sechs.

Jenny lief die Treppe hinauf, die abscheulichen Stufen, von denen es zwischen den nackten Steinwänden widerhallte, wenn sie sich von seinem Zimmer hoch oben herunterschlichen -- in den späten Stunden der Winternächte. Es war fast, als säße in diesen Wänden immer Kälte und rauhe Luft.

Sie lief schnell über den Korridor und pochte dreimal an seine Tür.

Gram öffnete. Er zog sie mit dem einen Arm an sich, und während sie sich küßten, verschloß er mit der freien Hand die Tür hinter ihr.

Ueber seine Schulter hinweg erblickte sie die frischen Blumen auf dem kleinen Tisch mit der Weinkaraffe und den ausländischen Kirschen in einer geschliffenen Kristallschale. Ein leichter Dunst von Zigarettenrauch lag über dem Raum. Sie wußte, daß er seit vier Uhr hier gesessen und auf sie gewartet hatte mit all dem, was um ihretwillen aufgebaut war.

„Ich konnte nicht früher kommen, Gert,“ flüsterte sie. „Es tat mir so leid, daß du warten mußtest.“

Als er sie freigab, ging sie zum Tisch und beugte sich über die Blumen.

„Ich darf doch zwei davon haben und mich schmücken, darf ich? O, ich werde so verwöhnt, Gert, wenn ich bei dir bin.“ Sie streckte ihm beide Hände entgegen.

„Wann mußt du hier fort, Jenny?“ fragte er, während er ihre Arme ganz behutsam küßte.

Jenny senkte ein wenig den Kopf.

„Ich mußte versprechen, zum Abendessen zu Hause zu sein, du. Mama sitzt ja immer auf und wartet auf mich, und sie ist müde vom Tage. Sie hat es so nötig, daß ich ihr des Abends mit diesem oder jenem zur Hand gehe,“ sagte sie schnell.

„Es ist nicht so leicht, von Hause loszukommen, weißt du,“ setzte sie flehend hinzu.

Er senkte den Kopf unter ihren vielen Worten. Als sie ihm entgegenkam, zog er sie fest an sich. Sie barg ihr Antlitz an seiner Schulter.

Sie konnte nicht lügen, das arme Ding, nicht einmal so gut, daß er auch nur eine einzige barmherzige Sekunde daran glaubte. Den kurzen, kurzen Winter über, in den ersten blaugrünen Lenztagen, da hatte sie sich immer von Hause freimachen können.

„Es ist ja traurig für uns. Aber es ist jetzt so schwer, wo ich zu Hause wohne, das wirst du begreifen. Und es muß sein, Mama braucht das Geld und außerdem muß ich ihr helfen. Du gabst mir ja recht, als ich es für das Richtigste hielt, nach Haus zu ziehen?“

Gert Gram nickte. Sie hatten sich aufs Sofa gesetzt, dicht aneinander geschmiegt. Jennys Kopf lag an seiner Brust, so daß er ihr Gesicht nicht sehen konnte.

„Du, ich war heute auf Bygdö, Gert. Ich ging dort umher, wie wir kürzlich zusammen. Wir fahren beide bald wieder dort hinaus, nicht wahr? Vielleicht übermorgen, wenn das Wetter sich hält? Dann finde ich schon eine Ausrede daheim, daß wir den ganzen Abend zusammen sein können, willst du? Du bist sicher betrübt darüber, daß ich so schnell wieder fort muß, nicht wahr?“

„Liebste Jenny, das habe ich dir doch tausendmal gesagt --,“ sie hörte es seiner Stimme an, daß er nun wieder mit seinem trüben Lächeln dasaß: „Ich bin dir für jede einzige Sekunde dankbar, die du deinem Freunde schenkst.“

„Sprich nicht so, Gert,“ bat sie gequält.

„Warum darf ich das nicht sagen, wenn es so ist? Mein geliebtes, kleines Mädchen, meinst du, ich werde jemals vergessen, daß alles, was du mir gegeben, eine fürstliche Gnade war, daß ich nie begreifen werde, wie du es mir geben konntest?“

„Gert! Im Winter, als ich merkte, daß du mir gut bist, wie gut du mir bist, sagte ich zu mir selber, daß es ein Ende haben müsse. Aber da begriff ich auch, daß ich ohne dich nicht sein könnte, und so wurde ich dein. War das eine Gnade? Wenn ich dich nicht lassen konnte?“

„Das ist es ja eben, Jenny, daß du mich so lieben lerntest, was ich eine fürstliche Gnade nenne.“

Stumm schmiegte sie sich an ihn.

„Du junge, herrliche kleine Jenny --.“

„Ich +bin+ nicht jung, Gert. Als du mich trafst, fing ich schon an, alt zu werden, ich bin nie jung gewesen. Ich fand, +du+ warst jung, viel jünger in deinem Herzen als ich, denn du glaubtest noch immer an alles, was ich verlachte und Kinderträumereien nannte, bis du mich glauben lehrtest, daß es das gab, Liebe und Wärme und all das Andere --.“

Gert Gram lachte still vor sich hin. Dann flüsterte er:

„Vielleicht war mein Herz nicht älter als das deine, du. Ich fand jedenfalls, daß ich noch keine Jugend gehabt hatte, und ich hoffte trotzdem tief im Innern, daß sie einmal, ein einziges Mal, mich streifen würde -- die Jugend. Doch war mein Haar inzwischen weiß geworden.“

Jenny schüttelte den Kopf. Sie erhob ihre Hand und legte sie auf seinen Scheitel.

„Ist mein Kleines müde? Soll ich dir die Schuhe ausziehen? Willst du dich hinlegen und ausruhen?“

„Nein. Ich will so liegen. Es tut so gut.“

Sie zog die Beine hoch und schmiegte sich in seinem Schoß. Gert legte den Arm um sie. Mit der freien Hand schenkte er Wein ein und hielt ihr das Glas an den Mund. Sie trank begierig. Dann reichte er ihr Kirschen, nahm die Steine von ihren Lippen und legte sie auf den Teller.

„Du, ich will bei dir bleiben. Ich schicke einen Boten nach Hause und lasse sagen, daß ich Heggen getroffen habe. Er ist sicher in der Stadt. Aber ich muß nach Hause, ehe die letzte Straßenbahn fährt. -- Leider.“

„Ich werde für dich gehen.“ Er ließ sie auf das Sofa niedergleiten. „Du sollst liegen und dich ausruhen. Oh, mein Kind!“

Als er gegangen, knöpfte sie die Schuhe auf und schob sie von sich. Sie trank noch etwas von dem Wein. Dann kroch sie ganz auf das Sofa hinauf, bohrte den Kopf tief in die Kissen und zog die Decke über sich. --

Sie liebte ihn ja doch. Sie wollte bei ihm sein. Wenn sie so sitzen, sich ganz zusammenrollen und in seinen Armen ruhen durfte, dann war ihr wohl. Er war ja der einzige Mensch auf der Welt, der sie auf den Schoß genommen und sie gewärmt, der sie geborgen und kleines Mädchen genannt hatte. Ja, er war der Einzige, der ihr wirklich nahe gestanden. Darum wurde sie sein.

Wenn er sie nur bei sich halten und sie schützen wollte, so daß sie nichts sah, sondern nur fühlte, daß er sie umschlungen hielt und wärmte. Dann ging es ihr gut. O nein, sie durfte ihn wohl nicht verlieren. Und so mußte sie ihm denn das Wenige geben, das sie besaß, wenn sie von ihm erhielt, was sie nicht entbehren konnte.

Er durfte sie küssen, mit ihr tun, was er wollte. Wenn er nur nicht sprach. Denn dann entfernten sie sich so weit von einander. Er sprach von Liebe, aber ihre Liebe war nicht, wie er glaubte. Sie konnte es aber nicht mit Worten erklären; sie klammerte sich nur an ihn -- und das war keine Gnade, kein fürstliches Geschenk. Es war nur eine kleine, bettelnde Liebe, für die er nicht danken durfte, er sollte sie nur liebhaben und kein Wort sagen.

Als er wieder heraufkam, öffnete sie weit die Augen. Sie schloß sie aber wieder unter seinen stillen, ehrfürchtigen Liebkosungen und lächelte leise. Dann schlang sie die Arme um seinen Körper und klammerte sich an ihn. Das schwache Veilchenparfüm, das er an sich hatte, duftete so mild und frisch. Und sie nickte still, als er sie fragend aufhob. Er wollte sprechen, aber sie legte erst die Hand auf seinen Mund und küßte ihn dann, so daß er nichts sagen konnte, während er sie behutsam in das Nebenzimmer trug.

* * * * *

Gert begleitete sie zur Straßenbahn. Einen Augenblick blieb sie draußen auf der Plattform stehen und sah ihm nach, wie er drüben auf der Straße in der blauen Maiennacht verschwand. Dann setzte sie sich hinein.

Gram hatte seine Frau um die Weihnachtszeit verlassen. Er wohnte jetzt allein in der Stenerstraße. Außer dem Büro hatte er noch ein Zimmer. Jenny wußte, daß er daran dachte, eine Scheidung herbeizuführen, wenn einige Zeit hingegangen und Rebekka Gram eingesehen hätte, daß er nicht zurückkehren würde. Es entsprach seiner Natur, so vorzugehen, mit einemmale einen Bruch herbeizuführen, das vermochte er nicht.

Was er eigentlich weiter von der Zukunft erwartete, wagte sie sich nicht vorzustellen. Meinte er wohl, daß sie ihn heiraten würde?

Sie konnte sich nicht verhehlen, daß sie nicht eine Sekunde die Absicht gehabt hatte, sich für immer an ihn zu binden. Darum aber empfand sie dies alles wie eine bittere, hoffnungslose Demütigung, wie eine Schande, sobald sie nicht bei ihm war und sich mit seiner Liebe betäuben konnte. Sie hatte ihn betrogen, die ganze Zeit über hatte sie ihn betrogen.

„Das ist es ja eben, Jenny, daß du mich so lieben lerntest, was ich eine unbegreifliche Gnade nenne.“

Was konnte sie dafür, daß er es mit diesen Augen ansah?