Jenny

Part 18

Chapter 183,882 wordsPublic domain

Er hätte sie nicht zu seiner Geliebten gemacht, wenn sie selbst es nicht gewollt, wenn sie ihn nicht hätte fühlen lassen, daß sie es wollte. Aber, o Gott! Sie fühlte doch, daß er sich danach sehnte, es quälte sie, bei jedem Zusammensein sich begehrt zu wissen und zu sehen, wie er kämpfte, um zu verbergen, was er viel zu stolz war zu zeigen. Ja, sie hatte gesehen, daß er stolz war, zu stolz, um dort zu bitten, wo er einstmals nur seine Hilfe geboten. Vielleicht auch zu stolz, um sich einer Abweisung auszusetzen. Und da sie wußte, daß sie seine Liebe nicht von sich weisen, nicht den einzigen Menschen hergeben konnte, der sie liebte. Konnte sie wohl anders handeln, anders ehrenhaft bleiben, als daß sie ihm bot, was sie besaß und auf diese Weise zu vergelten suchte, was er mit seinem Reichtum an Liebe, die sie nicht missen konnte, an ihr tat.

Aber dann kam hinzu, daß sie Worte hatte aussprechen müssen, stärker und heißer als ihre Gefühle. Er aber hatte ihr geglaubt und sie bei ihrem Wort genommen.

Es geschah wieder und wieder. Kam sie zu ihm, freudlos, mutlos, müde vom Grübeln darüber, wie das enden solle, und sie sah, daß er es spürte, dann sagte sie ihm wieder warme Worte und heuchelte viel Stärkeres als sie fühlte. Und er glaubte ihr.

Er wußte von keiner anderen Liebe als derjenigen, deren Wesen das Glück ist. Unglück in der Liebe, das kam von außen her, von der Tücke des Schicksals oder von einer grausamen Gerechtigkeit, die alles Unrecht strafte. Sie wußte, was er fürchtete: daß ihre Liebe eines Tages hinsterben könnte, wenn sie sähe, daß er zu alt sei, um ihr Geliebter zu sein. Aber niemals hatte er ahnen können, daß ihre Liebe krank +geboren+ war, mit dem Todeskeim in sich.

Es würde nichts nützen, ihm das zu erklären. Er würde es nicht verstehen: daß sie Zuflucht in seinen Armen gesucht, weil er der Einzige war, der sie ihr geboten hatte. Sie war so todeinsam gewesen. Als er ihr Liebe und Wärme bot, vermochte sie nicht, dies von sich zu stoßen. Obgleich sie hätte wissen müssen, daß sie es nicht annehmen durfte -- sie war dieser Liebe nicht würdig. Nein, er war nicht alt. Die Leidenschaft eines Zwanzigjährigen, der kindliche Glaube und die andächtige Anbetung, eines reifen Mannes Wärme und Güte, all die Liebe, die ein Mannesleben fassen konnte, flammten jetzt an der Grenze des Alters noch einmal auf. Sie hätten einer Frau zuteil werden sollen, die mit einem gleichen Gefühl vergelten, die in den kurzen verbleibenden Jahren ihres Zusammenseins ihn das ganze Dasein, das er herbeigesehnt, wovon er geträumt und das er erhofft, durchleben lassen könnte, so daß sie durch tausend glückliche Erinnerungen an seine Seite gekettet wäre, wenn das Alter käme -- in getreuer Liebe als seiner Jugend und seines Mannestums Gefährtin bei ihm ausharrend und nun auch mit ihm alternd. Aber sie --. Wenn sie auch versuchen wollte, zu bleiben, was konnte sie ihm geben, wenngleich sie wollte? Nie hatte sie ihm je etwas darbieten können -- sie hatte nur genommen. Es nützte ihr nichts, daß sie versuchte zu bleiben, auf die Dauer konnte sie ihn nicht täuschen und zu dem Glauben zwingen, daß ihre Lebenssehnsucht durch diese erste Liebe für immer gestillt sei.

Er würde sagen, sie solle gehen. Sie habe geliebt und gegeben, jetzt liebe sie aber nicht mehr und solle wieder frei sein. So würde es in seinen Augen aussehen; nie würde er begreifen, daß sie deshalb trauerte, weil sie nichts, nichts, nichts hatte geben +können+.

Ah, er peinigte sie, wenn er von ihren Gaben sprach. Ja, sie war Mädchen, als sie sein wurde. Er betonte es, als wenn es ihm ein Maßstab dafür sei, wie unendlich tief und stark ihre Liebe wäre. Hatte sie ihm doch die Reinheit ihrer Jugend geschenkt.

Die Unberührtheit ihrer neunundzwanzig Jahre. O ja, sie hatte sie wie ein weißes Brautgewand gehütet, das sie nicht angetastet und nicht befleckt hatte. In Sehnsucht und Angst, daß sie es niemals tragen würde, in Verzweiflung über ihre eisige Einsamkeit, über ihr Unvermögen in der Liebe, hatte sie sich daran geklammert, es zerknittert und mit ihren Gedanken befleckt. -- War die nicht reiner, die das Leben der Liebe gelebt, als sie, die nur gegrübelt, gespäht und sich gesehnt hatte, bis alle Kräfte von dieser Sehnsucht gelähmt waren?

Als sie dann sein geworden -- wie wenig Eindruck hatte es auf sie gemacht. Sie war nicht völlig kalt gewesen. Mitunter hatte seine Liebe sie hingerissen. Aber sie heuchelte Glut und war nur lau. War sie nicht bei ihm, so dachte sie kaum daran, sie spiegelte ihm eine erlogene Sehnsucht vor, um ihn zu erfreuen. Ja, sie heuchelte und heuchelte seiner ehrlichen Leidenschaft gegenüber.

Und doch, es hatte eine Zeit gegeben, wo sie nicht nur geheuchelt hatte -- oder, belog sie Gert, so belog sie auch sich selber. Sie hatte einen Sturm in sich gefühlt, es war wohl Mitleid mit ihm und seinem Geschick und Auflehnung gegen ihr eigenes, weshalb sie Beide, jeder auf seine Art, im Verlangen nach etwas Unmöglichem sich zerrissen, und dazu kam noch die grauenhafte Angst, wohin das alles führen solle. Damals hatte sie gejubelt, daß sie ihn liebte. Sie hatte sich ja in dieses Mannes Arme stürzen müssen, so wahnsinnig es auch war.

An jenem Abend hatte sie in der Straßenbahn gesessen und, auf all die schläfrigen, ruhigen Bürger blickend, triumphiert. Sie kam von ihrem Geliebten, um sie und ihn lag das Unwetter des Schicksals, sie hatte da hinaus müssen und wußte nicht, wohin es sie treiben würde. Sie war stolz auf ihr Geschick gewesen, weil Unglück und Finsternis drohten.

Jetzt aber sehnte sie sich nur nach einem Ende. Machte Pläne für eine Auslandsreise, Flucht vor alledem. Sie hatte Cescas Einladung, nach Tegneby zu kommen, angenommen, um den Bruch vorzubereiten.

Es war jedenfalls besser für Gert, daß er jetzt allein war. Hatte sie es erreicht, daß er dem Zusammenleben mit jener ein Ende gemacht, so hatte sie ihm doch etwas Gutes getan.

* * * * *

Jenny gegenüber saßen zwei junge Frauen. Sie waren vielleicht nicht älter als sie, nur verkommen und verbraucht von dem Leben in langjähriger Ehe. Vor drei, vier Jahren waren es vielleicht noch ein paar hübsche Geschäftsmädchen gewesen, die sich putzten und mit ihren Kavalieren in den Nordmarken Sport trieben. Ja, jetzt glaubte sie, das Gesicht der einen von dort her wiederzuerkennen -- sie hatten an einem Osterfest zusammen auf Hakloa übernachtet. Sie war Jenny sogar aufgefallen mit ihrer geschmeidigen Gestalt und weil sie so gut Ski lief und so keck und schick in der Sportstracht ausgesehen hatte.

In gewisser Beziehung war sie noch heute herausgeputzt. Das Straßenkostüm war modern, aber es saß nicht und die Figur hatte keine Festigkeit mehr, sie war behäbig und dick geworden, während Schultern und Hüften dabei eckig geblieben waren. Das Gesicht erschien alt, die Zähne waren schlecht, mürrische Furchen zogen sich um den Mund. Das Ganze krönte ein großer Hut mit vielen Straußenfedern. Sie predigte und die Freundin hörte eifrig zu, mit gespreizten Knien träge dasitzend, die Hände in einem Riesenmuff auf dem schwangeren Leibe vergraben. Eigentlich war ihr Gesicht hübsch, aber fett und rotfleckig, mit einem Doppelkinn.

„Ja, den Käse muß ich also im Büfett verschließen; kommt er hinaus in die Küche, dann sind am anderen Morgen nur Rinden übrig. Ein schwerer Schweizer Käse zu fast drei Kronen das Pfund!“

„Ja, das kann ich mir lebhaft vorstellen.“

„Aber nun sollen sie etwas hören! Hinter Eiern ist sie her wie -- ich weiß nicht was. Neulich komme ich ins Mädchenzimmer -- sie ist unglaublich schmutzig -- und da riecht es in der Kammer ...! Die Betten sind nicht gemacht -- wer weiß wie lange Zeit. Nein, aber Solveig, sage ich, und als ich die Decke hochhebe, da hat sie drei Eier und eine Papiertüte mit Zucker in dem schmutzigen Bett liegen -- was sagen Sie dazu? Na, sie sagte, sie hätte alles selber gekauft, und das mag bei dem Zucker wohl stimmen --.“

„Ja, das glaube ich auch,“ sagte die andere.

„Na ja, der war ja auch in einer Tüte, aber die Eier hat sie genommen. Ich sagte ihr das aber auch, können Sie mir glauben. Aber nun sollen Sie etwas hören! Letzten Sonnabend komme ich in die Küche, wir sollten Reisbrei zu Mittag haben, oho, da steht der Topf auf dem Gase und amüsiert sich, während das Mädel in ihrer Kammer sitzt und häkelt. Und ich rufe sie und rühre inzwischen im Topf herum -- und was glauben Sie, was ich mit der Kelle auffische? Ein Ei, wollen Sie das glauben? Sie kocht sich ein Ei im Reisbrei, na ich mußte lachen, aber können Sie sich eine solche Schweinerei vorstellen? Ich sagte ihr aber meine Meinung und zwar gehörig. Was sagen Sie nur dazu?“

„O Gott, Dienstmädchen. -- Ja, wissen Sie, was meine neulich gemacht hat? ...“

Diese beiden hatten sich als junge Mädchen sicher auch nach Liebe gesehnt -- auf ihre Art. Nach einem frischen und strammen Burschen in fester Stellung, einem Manne, der sie von den einförmigen Arbeitstagen im Büro oder Geschäft erlöste, sie in ein kleines Heim brachte, in dessen drei Zimmern sie all ihre eigenen Kleinigkeiten ausbreiten durften, all diese Stickereien mit Heckenröschen und blauen Glockenblumen, in die sie ihre Mädchenträume verwoben hatten.

Mädchenträume der Liebe hatten auch sie geträumt. Doch jetzt belächelten sie diese überlegen. Es war ihnen eine Genugtuung denen gegenüber, die jetzt so träumten, festzustellen, wie ganz anders die Wirklichkeit doch war. Sie waren stolz darauf, zu den Eingeweihten zu gehören, welche wußten, wie die Wirklichkeit aussah. Vielleicht waren sie sogar zufrieden.

Glücklich dennoch, wer unzufrieden. Glücklich, wer nicht abdankte und sich damit begnügte, daß das Leben ihm ein Armeleutedasein bot. Wer trotzdem sagte, ich glaube meinen Träumen, kein anderes Glück gibt es für mich außer dem, das ich begehrte. Ich glaube doch, dies Glück gibt es. Zeigt es sich mir nicht, so trage ich eben Schuld daran, ich war dann eine schlechte Jungfrau, die nicht imstande war, zu wachen und des Bräutigams zu harren. Doch die klugen Jungfrauen werden ihn schauen, sie werden in seinem Haus Einzug halten zum Tanz --.

In dem Schlafzimmer der Mutter brannte Licht, als Jenny nach Hause kam. Sie ging hinein und mußte von der Gesellschaft auf Ahlströms Atelier erzählen und wie es Heggen ging.

Ingeborg und Bodil schliefen hinten im Halbdunkel, die schwarzen Flechten hingen über die Kissen herab.

Es rührte Jenny nicht im geringsten, dastehen und der Mutter etwas vorlügen zu müssen. Sie hatte es immer getan, seit sie als Schulmädchen in munterem Tone von den Kindergesellschaften berichten mußte, auf denen sie einsam dagesessen und der Anderen Tanz zugeschaut hatte, unglücklich und verlassen, ein kleines Mädchen, das nicht mittanzen konnte und nichts sagte, was den Jungen Vergnügen machte.

Wenn Ingeborg und Bodil vom Balle kamen, saß die Mutter aufrecht im Bett, fragte und hörte zu und lachte, vom Lampenlicht mit jugendlicher Röte übergossen. Sie konnten der Mama immer die Wahrheit sagen, denn die war munter und lachend. Vielleicht unterschlagen sie das eine oder andere kleine Erlebnis, das so lustig war, daß sie es für sich behalten wollten. Was tat das, ihr Lächeln war doch echt.

Jenny küßte die Mutter und wünschte ihr Gute Nacht. Im Wohnzimmer riß sie aus Versehen eine Photographie herunter. Sie hob sie auf und wußte im Dunkeln, wer es war. Sie stellte einen Bruder von Jennys rechtem Vater dar, mit seiner Frau und seinen Töchtern. Er hatte in Amerika gelebt, so daß sie ihn nie zu Gesicht bekamen. Jetzt war er tot, und niemand dachte mehr an das Bild. Sie wischte dort jeden Tag Staub und sah es gar nicht, es war wie jeder andere Nippesgegenstand.

Als sie in ihrem Kämmerchen war, begann sie ihr Haar zu lösen.

Sie hatte ja immer ihrer Mutter etwas vorgelogen. Wie hätte sie ihr gegenüber denn ehrlich sein können, ohne ihr Kummer zu bereiten? Und wozu sollte sie es auch --?

Niemals würde die Mutter sie verstanden haben. Bei ihr hatten Glück und Trauer sich abgelöst, seit sie ganz jung war. -- So war sie mit Jennys Vater glücklich gewesen und weinte über seinen Tod. Dann hatte sie mit dem Kinde allein fortgelebt und war zufrieden gewesen. Als sie Nils Berner traf, hatte er ihr Dasein mit neuem Glück und neuem Elend erfüllt. Und wieder lebte sie weiter in den Kindern. Die Kinder bedeuteten das Glück des Mutterseins, das greifbare Ausgefülltsein einer Leere, ein Glück, das mit tatsächlichen Leiden erkauft, das allzu körperlich, klein und warm in ihrem Arme gelegen hatte, um angezweifelt zu werden. Ja, sein Kind zu lieben, das mußte wohl tun. Diese Liebe war so natürlich, daß man darüber nicht zu grübeln brauchte. Eine Mutter zweifelte nicht daran, daß sie ihr Kind liebte, daß sie sein Bestes im Auge hatte, und zu seinem Wohle handelte, auch nicht daran, daß das Kind sie wiederliebte. So groß aber ist die Gnade der Natur gegen die Mütter, daß der Kinder innerster Instinkt es nicht zuläßt, die bittersten und unheilbarsten Sorgen zur Mutter zu tragen. Sie erfahren von nicht viel Anderem als von Krankheit und Geldsorgen. Niemals von dem Unwiederbringlichen -- der Schande, der Niederlage im Leben -- und wenn das Kind wimmerte vor Leid -- eine Mutter glaubt nicht, daß das Verlorene unersetzbar sei.

Nichts dürfte die Mutter von ihrem Kummer erfahren -- die Natur selbst hatte dort eine Mauer errichtet. Niemals würde Rebekka Gram den zehnten Teil von dem erfahren, was ihr Kind um ihretwillen gelitten hatte. Wie hatte Frau Lund um ihren schönen Sohn geweint, als er verunglückte. Noch immer trauerte sie tief und wehmütig über ihren Jungen und träumte von der reichen Zukunft, der er entrissen worden. Seine Mutter war die Einzige, die nicht ahnte, daß er sich erschossen hatte, um nicht irrsinnig zu werden.

Die Mutterliebe stand auch keinem anderen Glück im Wege. Von dieser oder jener Mutter wußte sie, daß sie Liebhaber gehabt hatte und glaubte, die Kinder sähen es nicht. -- Da gab es solche, die sich scheiden ließen und auf andere Art glücklich wurden. Nur, wenn die neue Liebe eine Enttäuschung war, so jammerten sie und waren reuig. Ihre Mutter hatte sie vergöttert, und doch hatte ihre Liebe für Berner Raum gehabt, sie war mit ihm glücklich gewesen. Gert hatte seine Kinder geliebt, und eines Vaters Liebe war wohl nachdenklicher, verstehender, weniger instinktiv, als die einer Mutter. Und doch hatte er in diesem Winter kaum an Helge gedacht.

II.

Jenny hatte drinnen beim Stationsvorsteher die Post geholt. Sie gab Franziska die Zeitungen und ihren Brief und öffnete ihren eigenen. Draußen auf dem Kiese des Bahnsteiges mitten im Sonnenbrand stehend, überflog sie Gerts langes Schreiben. Die liebevollen Worte am Anfang und am Schlusse las sie, während sie das Uebrige überging. Es waren nur lange allgemeine Betrachtungen über die Liebe.

Jenny steckte den Brief wieder in den Umschlag und legte ihn in ihre Handtasche. Oh, diese Briefe von Gert -- sie war fast nicht imstande, sie zu lesen. Die Worte allein zeigten ihr, daß sie sich doch nicht verstanden. Sie fühlte es, wenn sie miteinander sprachen; beim Schreiben trat es aber klar zutage.

Und dennoch +war+ Wesensverwandtschaft zwischen ihnen. Warum konnten sie dann nicht harmonieren?

War er stärker oder schwächer als sie? Er hatte verloren und verloren, hatte resigniert und sich an allen Ecken und Kanten beugen müssen -- und fuhr fort zu hoffen, fuhr fort zu leben und fuhr fort zu glauben. -- War das Weichheit oder Lebenskraft? Sie verstand ihn nicht.

Vielleicht lag es doch am Altersunterschied. Er +war+ nicht alt. Aber seine Jugend stammte aus einer anderen Zeit. Er gehörte zu eine Jugend, die jetzt ausgestorben war, einer Jugend mit gesünderem Glauben und mehr Naivität. Vielleicht war auch sie naiv -- mit ihrem Glauben und ihren Zielen. Aber dann war es eine andere Art von Naivität. Die Worte wechseln im Laufe von zwanzig Jahren ihre Bedeutung, ob es letzten Endes das war?

Der Kies leuchtete rotviolett und die graugelbe Farbe an der Mauer des Stationsgebäudes platzte in der Sonnenhitze auf. Es dunkelte einen Augenblick vor ihren Augen, als sie vom Abhang in die Höhe blickte. Es war seltsam, aber sie vertrug die Hitze in diesem Jahre nicht gut.

Ueber das Kirchspiel hin zitterte der heiße Dunst von Heuwiesen und weißen Aeckern, ganz bis hinüber zum Waldrande, der sich schwarzgrün gegen den sommerlich blauen Himmel abhob. Die wenigen Laubbäume vor den Gehöften trugen bereits dunkle Kronen.

Cesca las noch immer an ihrem Brief. Er war von ihrem Manne. Ihr Leinenkleid leuchtete weiß gegen den blauen Kies des Bahnsteigs.

Gunnar Heggen hatte sein Gepäck auf dem hinteren Sitz des Wägelchens verstaut. Er liebkoste das Pferd und plauderte mit ihm, während er auf die Damen wartete.

Cesca steckte ihren Brief fort, hob den Kopf und machte eine Bewegung, als wollte sie etwas verjagen.

„Ja, du mußt entschuldigen, mein Junge -- jetzt können wir fahren.“ Sie und Jenny setzten sich auf den Vordersitz; Cesca lenkte selbst. „Das ist furchtbar gemütlich, Gunnar, daß du kommen konntest! Ist es nicht famos, daß wir drei wieder einige Tage zusammen sein können? Ich soll euch beide von Lennart grüßen!“

„Danke. Geht es ihm gut?“

„O ja. Er berichtet nur Gutes. Es war wirklich genial von Papa und Borghild, daß sie wegreisten. Ich bin jetzt mit Jenny allein auf dem Hof, siehst du, und die alte Gina steht Kopf für uns -- das ist herrlich!“

„Ja, es macht Freude, euch wiederzusehen, Mädelchen!“

Er lachte sie beide so offenherzig an. Aber Jenny bildete sich ein, sie hätte einen merkwürdig ernsten Schimmer dahinter gesehen. Sie wußte, daß sie verwelkt und müde aussah, Cesca in dem billigen, fertiggekauften Leinenkleid glich einem Backfisch, der alt zu werden anfing, ohne erwachsen gewesen zu sein. Es war ihr, als sei Cesca kleiner geworden in diesem Jahre, aber sie zwitscherte und plauderte in einem fort -- was sie zum Mittagessen bekamen und zum Kaffee, ob sie ihn im Garten trinken sollten, und von all dem Likör und Whisky und Selterwasser, was sie eingekauft hatte.

* * * * *

Als Jenny in der Nacht in ihr Zimmer hinaufkam, setzte sie sich auf das Fensterbrett und ließ sich den frischen Luftzug, der mit den Gardinen spielte, über das Antlitz wehen. Sie war ziemlich berauscht -- ganz unbegreiflich war es ihr, aber Tatsache.

Sie konnte nicht verstehen, wie es zugegangen war. Anderthalb Glas Whisky und einige Gläschen Likör war alles, was sie getrunken, und sogar nach dem Abendessen -- allerdings hatte sie nicht viel gegessen, aber sie hatte augenblicklich keinen Appetit. Starken Kaffee hatte es auch gegeben.

Vielleicht war gerade der Kaffee schuld -- und die Zigaretten. Obgleich sie jetzt weniger rauchte als früher.

Jedenfalls hatte sie Herzklopfen und ein widerliches Hitzegefühl durchrann sie in großen Wogen, so daß sie in Schweiß gebadet war. Das Bild dort draußen drehte sich langsam vor ihren Augen -- vorwärts und zurück -- die graugefärbte Ebene, das blaßleuchtende Blumenbeet und die dunklen Baumkronen des Gartens an dem weißlichen Sommernachtshimmel. Das Zimmer lief rund um sie her.

Sie wankte, als sie die Waschschüssel mit Wasser füllte. Unsicher in den Bewegungen war sie auch. Das ist doch aber ein Skandal. Es geht bereits bergab mit dir, mein Kind. Nun verträgst du keinen Alkohol mehr. Früher hatte sie das Doppelte trinken können, ohne etwas zu verspüren.

Erst hielt sie die Hände mit dem Puls unter Wasser. Dann badete sie lange ihr Gesicht. Riß sich die Kleider vom Körper und ließ das Wasser von dem nassen Schwamm über den ganzen Leib rieseln.

Gott weiß, ob Gunnar und Cesca etwas gemerkt hatten. Sie selbst hatte zwar erst jetzt, als sie heraufkam, etwas verspürt. Wie gut, daß der Oberstleutnant und Borghild nicht zu Hause waren.

Es wurde besser, als sie sich eine Weile gewaschen hatte. Sie zog ihr Nachthemd über und setzte sich wieder ans Fenster.

Die Gedanken schwirrten ziellos zwischen Fragmenten der Gespräche des Tages mit Gunnar und Cesca umher. Mitten drin stand ihre Verwunderung hellwach still -- vor der Erkenntnis, daß sie sich betrunken hatte! Es war ihr noch nie zuvor begegnet -- sie kannte das Gefühl kaum, auch wenn sie einmal viel trank.

Jetzt war es übrigens sicher vorbei, sie fühlte sich matt und schläfrig und kalt. Sie stand auf und taumelte in das große Himmelbett. Wenn sie nun erst am späten Vormittag erwachte -- jedenfalls würde es eine neue Erfahrung sein.

Soeben hatte sie sich in den Kissen zurechtgelegt und die Augen geschlossen, als die widerwärtige üble Hitze sie wieder überflutete, so daß der Schweiß aus allen Poren brach. Das Bett wankte wie ein Schiff im Wellengang, so daß sie seekrank wurde. Sie lag eine Weile still da und versuchte, Herr über diese widerliche Empfindung zu werden -- ich will nicht, ich will nicht. Aber es nutzte nichts -- der Mund lief voller Wasser. Es war gerade noch Zeit genug, zum Zimmer zu gelangen, ehe sie sich erbrach.

Aber du großer Gott, war sie wirklich so betrunken? Jetzt wurde es geradezu unangenehm. Aber nun war es wohl vorüber. Sie brachte alles wieder in Ordnung, trank einen Schluck Wasser und legte sich nieder. Jetzt konnte sie vielleicht schlafen.

Aber als sie kurze Zeit mit geschlossenen Augen gelegen hatte, begann der Seegang von neuem, ebenso Schweiß und Uebelkeit. Es war erstaunlich, da sie doch jetzt völlig klar im Kopfe war. Trotzdem mußte sie noch einmal auf.

Im Augenblick, als sie zum Bett zurückging, blitzte ein Gedanke in ihr auf. --

Still. Sie legte sich hin und bohrte den Nacken ins Kopfkissen. Es war ja unmöglich. Sie wollte nicht daran denken. Aber sie konnte es nicht lassen und überlegte sich: Sie hatte sich die ganze letzte Zeit hindurch nicht wohl gefühlt.

Müde und zermürbt war sie natürlich. Zerquält und nervös. Deshalb hatte sie vielleicht nicht das winzige Bißchen gestern Abend vertragen können. Wahrhaftig, sie begriff, daß Menschen Abstinenzler wurden nach einigen solchen Nächten.

An das Andere +wollte+ sie nicht denken. War es traurige Wirklichkeit, so erfuhr sie es noch zeitig genug. Nur sich nicht mit Beängstigungen plagen, ehe es notwendig war.

Jenny öffnete das Nachtkleid und strich sich über die Brüste.

Sie +wollte+ schlafen. -- Jetzt könnte sie natürlich nicht aufhören, an diesen Unsinn zu denken -- ach. Sie war doch so müde.

In der ersten Zeit mußte sie natürlich immer daran denken, daß es wohl Folgen haben könnte und war einige Male ängstlich gewesen. Sie hatte aber ihre eigene Furcht beim Schopfe gepackt und sich gezwungen, sie in vernünftigem Lichte zu sehen -- ja, wenn nun etwas geschähe? Zum großen Teil war es ja sinnloser Aberglaube, diese Furcht davor, ein Kind zu bekommen. Derartiges geschah eben häufig -- wollte sie schlechter sein als alle die Arbeiterinnen, die sich allein mit dem Kind zurechtfanden? Der größte Teil des Schrecks stammte ja von der Zeit, als eine unverheiratete Frau in solchem Falle zum Vater oder zu Verwandten gehen und bekennen mußte, daß sie leichtsinnigen Vergnügungen nachgegangen war, und daß sie nun die Kosten bezahlen sollten -- sogar mit der Aussicht, später niemals ihre Versorgung auf jemand anders abschieben zu können. So daß diese dann mit gutem Recht erbittert waren.

Aber niemand hatte das Recht, sich über sie zu erbittern. Schlimm war es natürlich der Mama wegen. Aber Herrgott, wenn ein erwachsener Mensch versuchte, sein Leben nach eigenem Gewissen zu leben, so hatten die Eltern zu schweigen. Sie hatte versucht, ihrer Mutter so viel zu helfen, wie es ihr möglich war, hatte sie nie mit Sorgen geplagt, niemals ihren Ruf einer leichtsinnigen Tat wegen aufs Spiel gesetzt -- in Vergnügen oder Bummeln. Aber dort, wo ihre Ansichten über Recht und Unrecht mit denen guter Bürger auseinander gingen, hatte sie den eigenen zu folgen, selbst wenn es der Mutter weh tun würde, daß die Bürger häßlich von ihr redeten.