Part 16
„Natürlich stimmt das. Und was die Frau betrifft ... Ach, ich habe es von Kindheit an verfolgt und beobachtet. Aus meiner Zeit auf der Arbeiterhochschule entsinne ich mich eines Mädchens, mit dem ich zusammen englischen Unterricht hatte. Sie lernte englisch, um mit den ausländischen Kriegsschiffmatrosen sprechen zu können. Das Höchste, für das sich diese Mädels einzusetzen vermochten, war die Hoffnung auf eine Stellung in England oder Amerika. Wir Jungen, meine Kameraden und ich, wir studierten, um zu lernen, und das Gehirn zu schulen. Wir versuchten auf jede Art und Weise, das Wenige zu ergänzen, was wir in der Schule gelernt hatten. Die Mädels dagegen lasen nur Unterhaltungsbücher. Nimm zum Beispiel den Sozialismus! Kennst du eine einzige Frau, die überhaupt eine Ahnung davon hat, was er eigentlich bedeutet? Sie wissen es, wenn sie einen Mann haben, der ihnen diesen Begriff klargemacht hat. Versuche aber einer Frau zu erklären, warum die menschliche Gesellschaft verpflichtet ist, jedem Kinde, das geboren wird, die Möglichkeit zu geben, seine Anlagen zu entwickeln, wenn solche vorhanden sind, und das Leben in Freiheit und Schönheit zu leben, wenn es den wahren Sinn der Freiheit begreift und Schönheitssinn besitzt.
Was aber halten die Frauen für Freiheit? Es bedeutet für sie, daß sie jeder Arbeit ledig sein und ihrem Hang zur Unanständigkeit die Zügel schießen lassen dürfen. Und Schönheitssinn?! Der fehlt ihnen vollständig! Sie staffieren sich mit dem Teuersten und Abscheulichsten aus, was die Mode nur erfinden kann. Sieh dir doch ihre Häuser an! Je mehr Geld vorhanden, desto schlimmer sieht es in ihnen aus. Ist jemals eine Mode zu häßlich und schamlos, daß sie sich ihr nicht unterwerfen würden? Nein, wenn die Mittel nur da sind, wird alles mitgemacht. Das kannst du doch nicht abstreiten? -- Von der Moral der Frauen will ich keine Silbe sagen, denn sie haben keine. Lassen wir es noch hingehen, wie sie sich gegen uns betragen -- aber wenn ihr unter euch seid, so beklascht ihr euch gegenseitig und in welchen Tonarten! Pfui Teufel!“
Jenny lächelte leise. Sie mußte ihm Recht geben und auch wieder nicht, aber sie war zu einer Diskussion nicht aufgelegt. Sie fand aber, daß sie antworten müßte, so sagte sie:
„Das war eine grausame Salve -- die ganze Armee auf einmal ruiniert.“
„Du kannst es schriftlich bekommen,“ sagte er zufrieden.
„Ja, du hast ja in vieler Beziehung Recht, Gunnar. Aber es sind doch unter den Frauen Unterschiede zu machen und seien es auch nur Gradunterschiede.“
„Natürlich sind Unterschiede zu machen. Aber laß es gut sein, Jenny, was ich sagte, gilt bis zu einem gewissen Grade auch allen, und weißt du, woher das kommt? Die Hauptsache ist euch allen ein Mann -- einen, den ihr habt, oder einer, der euch fehlt. Das Einzige, das im Leben von wirklichem Wert und wirklichem Ernst ist -- das hat für euch in Wirklichkeit keinen Wert. Ich meine die Arbeit. Die Besten unter euch nehmen es eine kurze Zeit hindurch ernst. Aber ich glaube wahrhaftig, das liegt daran, daß ihr die sichere Gewißheit habt, während ihr noch jung und schön seid, daß ‚er‘ wohl kommen wird. Geht die Zeit jedoch hin, und er zeigt sich noch immer nicht auf dem Schauplatz, fangt ihr dann an, betagter zu werden, so laßt ihr in der Arbeit nach, geht müde und mißmutig umher und fühlt euch unbefriedigt.“
Jenny nickte.
„Hör zu, Jenny. Ich habe dich immer ebenso hoch geschätzt wie einen ganzen Mann. Du bist jetzt bald neunundzwanzig Jahre, und so alt muß man sein, ehe man anfangen kann, einigermaßen selbständig zu arbeiten. Es ist doch nicht dein Ernst, daß du jetzt, nun du endlich dein eigenes Leben zimmern kannst, dir einen Mann und Kinder, Wirtschaft mit allem Drum und Dran aufladen möchtest, was dir an allen Ecken und Kanten Fesseln auferlegen, in deiner Arbeit immer nur im Wege sein würde?“
Jenny lachte still.
„Herrgott, Mädel! Wenn dir nun wirklich alles das beschert wäre, und du legtest dich hin, um zu sterben, umgeben von Mann und Kindern und deiner Welt, so würdest du doch bereuen und trauern, daß du nicht das Ziel erreichtest, wozu dir die Fähigkeiten zu Gebote standen, dessen bin ich sicher, Jenny!“
„Ja. Aber: Gesetzt den Fall, ich habe das Aeußerste erreicht, was meine Kraft mir gestattete, und ich weiß, in meiner Sterbestunde, daß mein Leben und meine Arbeit mich eine Zeitlang überdauern wird, und ich bin allein, es gibt kein lebendes Wesen, das mir innerlich nahe steht ... Glaubst du nicht, daß ich dann erst recht trauern und bereuen werde?“
Heggen schwieg.
„Ja gewiß,“ sagte er nach einer Pause. „Natürlich bedeutet Ehelosigkeit nicht das gleiche für Frauen wie für uns Männer. Man muß wohl in Betracht ziehen, daß sie außerhalb dessen gestanden haben, um das die Leute nun einmal am meisten Wesen machen in diesem Leben; und daß auf diese Weise eine ganze Reihe von seelischen wie körperlichen Organen unberührt dahinwelken muß. -- Ach, Jenny, ich wünschte oft, daß du ein einziges Mal nur ein wenig leichtsinnig wärest, um mit dieser Unzufriedenheit abzurechnen und dann in Ruhe und Frieden weiterarbeiten zu können.“
„Frauen, die einmal ein wenig leichtsinnig gewesen sind, wie du es nennst, Gunnar, können nicht ohne weiteres mit dieser Unzufriedenheit fertig werden. War es das erste Mal eine Enttäuschung, so hoffen sie auf mehr Glück beim nächsten. Und wieder beim nächsten und immer so fort. Man gibt sich nicht mit Enttäuschungen zufrieden. Und ehe man sich’s versieht, ist es eine ganze Reihe von Malen geworden.“
„Zu denen gehörst du aber nicht,“ sagte er schnell.
„Danke! Es ist mir übrigens neu, daß du dergleichen predigst. Du hast früher selber gesagt, daß Frauen, die sich einmal in solche Dinge verwickelt haben, immer untergehen!“
„Die meisten wohl. Aber es muß auch einige andere geben. Ich spreche natürlich nicht von Frauen, die keine anderen Lebensinteressen haben, als einen Mann -- man kann ja nicht dauernd seinen Lebenszweck ändern. Ich meine die anderen, die etwas an sich bedeuten -- etwas anderes sind als nur Weibchen. Warum solltest zum Beispiel du nicht ehrlich und loyal an einem Manne handeln, selbst wenn ihr Beide einsähet, daß du nicht deine Welt aufgeben und dich verpflichten kannst, für den Rest des Lebens nur sein Weib zu sein? Denn die Liebe hört ja immer einmal auf, früher oder später. Das darfst du um Gotteswillen nicht anzweifeln!“
„Ja, das wissen wir immer genau -- und zweifeln trotzdem daran.“ Sie lachte. „Ach nein. Entweder liebt man -- und dann glaubt man auch, es währt ewig und es ist das Einzige, das Wert hat. Oder man liebt nicht -- und ist unglücklich, daß man es nicht tut.“
„Jenny, ich kann es nicht mit anhören, daß du so sprichst. Sich seiner Kraft bewußt sein, alle Muskeln spannen, bereit sein, aufzunehmen und zu erobern, zu formen und zu gestalten, das Letzte aus seinem Können ans Tageslicht bringen, +arbeiten+, das ist das Einzige, das Wert besitzt, Jenny!“
X.
Jenny beugte den Kopf über Gert Grams Chrysanthemenstrauß:
„Ich bin sehr froh, daß du meine Bilder so gut findest!“
„Ja, ich mag sie gern. Besonders das Bildnis von dem jungen Mädchen mit den Korallen.“
Jenny schüttelte den Kopf.
„Es ist so wunderschön in den Farben,“ sagte Gram wieder.
„Ja. Es ist aber unzusammenhängend. Der Schal und das Kleid -- es hätte ganz anders durchgearbeitet sein müssen. Aber gerade, als ich es malte, kam so viel anderes dazwischen, sowohl für Cesca als für mich,“ sagte sie leise.
Nach einer Weile fragte sie:
„Hört ihr etwas von Helge? Wie geht es ihm?“
„Er schreibt nicht viel. Augenblicklich arbeitet er an seiner Doktorabhandlung, du weißt, zu der er die Vorarbeiten in Rom machte. Und er sagt, es ginge ihm gut.“
Jenny nickte.
„An seine Mutter schreibt er gar nicht. Und das kränkt sie natürlich bitter. Das Zusammenleben mit ihr ist nicht gerade angenehmer geworden. Ja, die Arme -- es geht ihr übrigens sicher recht schlecht augenblicklich.“
Jenny trug die Blumen zu ihrem Schreibtisch hinüber und begann sie zu ordnen.
„Ich freue mich jedenfalls, daß Helge wieder arbeitet. Gott weiß, er hatte keine Ruhe dazu diesen Sommer.“
„Dir ging es doch genau so, du Aermste.“
„Ja, allerdings. Aber das Schlimmste ist, Gert, daß ich noch immer nicht wieder angefangen habe -- noch nicht. Und ich bin auch durchaus nicht aufgelegt. Ich hatte ja doch die Absicht, diesen Winter radieren zu lernen, aber --.“
„Es ist selbstverständlich, Jenny, daß eine solche Enttäuschung Zeit braucht, ehe sie überwunden ist. Glaubst du nun nicht, daß deine Ausstellung dir neue Arbeitslust geben wird, da sie doch so geglückt ist und freundliche Aufnahme gefunden hat? Du hast ja bereits ein Angebot auf dein Aventinerbild bekommen -- willst du es annehmen?“
Sie zuckte die Schultern:
„Ich muß ja. Zu Hause brauchen sie immer Geld, wie du weißt. Außerdem -- ich muß wegreisen. Ich sehe, daß es nicht gut für mich ist, zu Hause zu sein.“
„Du willst also fort.“ Gram sagte es leise und sah nieder. „Ja natürlich. Das ist ja auch verständlich.“
„Ach, die Ausstellung!“ Jenny warf sich erregt in den Schaukelstuhl. „Alle meine Bilder -- die neuesten jedenfalls ... Es ist eine Ewigkeit her, seit ich daran arbeitete. Das Aventinerbild -- die Studie beendete ich an jenem Tag, als ich Helge zum ersten Male sah. Das Bild malte ich, während wir zusammen waren -- auch das von Cesca. Und das von der Stenerstraße unten bei dir, während ich auf ihn wartete. Seitdem habe ich nichts getan. O Gott! -- So, Helge arbeitet also wieder ...“
„Es ist klar, liebes Kind, daß so etwas tiefere Spuren bei einer Frau hinterläßt --.“
„O gewiß. Bei einer Frau. Das ist ja gerade das ganze Elend. Man geht umher, mürrisch und faul -- erzfaul! Um einer Liebe willen, die nicht einmal vorhanden +ist+!“
„Liebe Jenny,“ sagte Gram ruhig. „Ich finde das so natürlich. Es +muß+ seine Zeit haben, bis du ganz hindurch bist -- und auf der anderen Seite drüben. Man +kommt+ nämlich immer auf die andere Seite, siehst du, und dann begreift man, daß man ein solches Erlebnis nicht umsonst gehabt hat. Auf die eine oder andere Art kann man immer seine Seele mit solchen Erfahrungen bereichern.“
Jenny lachte kurz auf, antwortete aber nicht.
„Du hast trotzdem sicher viele Erinnerungen aus jener Zeit, die du nicht missen möchtest -- nicht wahr? Die Erinnerung an all die glücklichen, warmen Sonnentage mit deinem Freunde, dort unten in dem wunderbaren Lande, Jenny?“
„Willst du mir nicht erklären, Gert, woher du weißt, daß man seine Seele mit derartigen Erlebnissen bereichert, wie du sagtest. Hast du das aus eigener Erfahrung?“
Er fuhr zusammen, schmerzlich berührt und betroffen von ihrer Brutalität. Es währte einen Augenblick, ehe er ihr Antwort gab:
„Das ist etwas anderes, Jenny. Die Erfahrungen, die der Sünde Lohn sind -- du verstehst doch, ich meine nicht die Sünde in orthodoxem Sinne, ich meine die Folgen einer Handlungsweise, die eigenem besserem Wissen zuwiderläuft -- die sind immer bitter. Nun, immerhin glaube ich, zuguterletzt haben meine Erfahrungen vielleicht meinen inneren Menschen reicher und tiefer gemacht, als ein kleineres Unglück es vermocht hätte -- da mein Geschick mir ja nicht vergönnt hatte, das große Glück zu erleben. Einmal in meinem Leben wird es in vielleicht noch höherem Maße der Fall sein. Ich habe das Gefühl, Jenny, als könnten diese Erfahrungen mich möglicherweise das rechte Verständnis dafür lehren, was der Sinn des Lebens eigentlich ist --. Aber in bezug auf dich meinte ich etwas anderes damit. Obwohl dein Liebesglück sich als unbeständig herausstellte, so war es die Zeit über, die es währte, rein und schuldlos -- soweit du vertrauensvoll und ohne Hintergedanken daran glaubtest und niemanden betrogst außer dir selbst.“ --
Jenny schwieg still. Ein Sturm von Widerspruch wogte in ihr, aber sie hatte das dunkle Gefühl, als ob Gram sie nicht verstehen würde.
„Erinnerst du dich nicht der Worte Ibsens:
‚Und segelt’ ich auch meine Schute auf Grund, So war es doch herrlich zu fahren --‘“
„Oh, daß du diese kindischen Worte in den Mund nehmen magst, Gert. Die meisten von uns haben zuviel Verantwortungsgefühl und Selbstachtung, um diesen Ausspruch gelten zu lassen. Laß mich schiffbrüchig werden und untergehen, ich werde versuchen, nicht mit der Wimper zu zucken, wenn ich nur die Gewißheit habe, daß ich nicht selbst meine Schute auf Grund fuhr. Soviel ich weiß, ziehen die besten Seeleute es vor, selber mit ihrem Schiff unterzugehen, wenn sie die Schuld an seinem Untergange tragen.“
„Ich bin freilich der Ansicht, daß man alle Widerwärtigkeiten nur sich selber zuzuschreiben hat -- jedenfalls in letzter Instanz.“ Gram lächelte. „Aber daß man meistens auch imstande sein wird, aus seinem Unglück selber geistige Werte zu holen --.“
„Ich gebe dir recht im ersten Punkte. Auch im letzten. Aber nur insoweit, als das Unglück nicht darin besteht, daß die Selbstachtung herabgemindert wird.“
„Aber, kleine Jenny, diese Sache solltest du wirklich nicht zu schwer nehmen. Du bist ja ganz aufgebracht und bitter. Ja, ich besinne mich, was du an jenem Tage sagtest, als Helge reiste. Aber, Herrgott, Kind, du meinst doch nicht im Ernst, jede Verliebtheit im Entstehen ersticken zu müssen, falls du nicht vom ersten Augenblick dafür einstehen kannst, daß das Gefühl bis zum Tode dauert, alle Widrigkeiten erträgt, zu allen Opfern bereit ist und die Seele des Geliebten wie in einer Vision erfaßt und versteht, ihre geheimnisvollsten Tiefen beleuchtet, so daß eine spätere Enttäuschung ausgeschlossen ist?“
„Doch,“ sagte Jenny heftig.
„Hast du das jemals selbst empfunden?“ fragte Gert Gram leise.
„Nein, aber ich weiß es dennoch. Ich habe immer gewußt, daß es so sein müßte.
Als ich aber achtundzwanzig Jahre alt geworden und noch immer alte Jungfer war, als ich mich danach sehnte, zu lieben und geliebt zu werden, als dann Helge kam und sich in mich verliebte, da legte ich all meine Forderungen an mich selbst und +meine+ Liebe beiseite und nahm, was ich bekommen konnte -- natürlich bis zu einem gewissen Grade in gutem Glauben. Es wird schon gehen, dachte ich, es geht sicher, aber die innerliche vertrauende Gewißheit, daß es gehen würde, weil es anders nicht möglich war, die hatte ich nicht.
Ich will dir erzählen, was mein Freund Heggen hier eines Tages zu mir sagte. Er verachtet die Frauen redlich und rechtschaffen -- und er hat Recht. Wir, wir haben nicht die Selbstachtung, und außerdem sind wir so träge, daß wir niemals im Ernste entschlossen sind, uns unser Leben und unser Glück selber zu zimmern, indem wir arbeiten und kämpfen. Insgeheim hoffen wir beständig darauf, daß ein Mann kommen und uns das Glück bescheren werde, so daß wir jeder Anstrengung überhoben seien. Die Weiblichsten unter uns, die nur Müßiggang, Putz und Vergnügen im Sinne haben, hängen sich dem Manne an den Hals, der ihnen das in reichstem Maß verschaffen kann. Ist aber wirklich die eine oder andere darunter, die wirklich menschlich fühlt und danach strebt, ein fester und feiner Mensch zu werden, und ernstlich dieses Ziel verfolgt, so lebt doch im Unterbewußtsein die Hoffnung, daß ein Mann ihr auf halbem Wege begegne und ihr mit seiner Liebe helfe, leichter zum Ziele zu gelangen. Wir können wohl eine Weile arbeiten, durchaus ehrlich und ordentlich. Auch Freude an der Arbeit empfinden. Aber in aller Heimlichkeit warten wir auf eine größere Freude, als wir sie mit unserer ehrlichen Mühe erkämpfen können, auf etwas, das wie ein Geschenk zu uns kommen soll --. Niemals werden wir Frauen dahin gelangen, daß wir die höchste Befriedigung in unserer Arbeit finden.“
„Meinst du, die Arbeit allein genügt einem Manne? Niemals!“ sagte Gram ruhig.
„Bei Gunnar zum Beispiel ist es der Fall. Du kannst dich darauf verlassen, er wird immer wissen, den Frauen in seinem Leben den rechten Platz anzuweisen -- als Bagatellen.“
Gram lachte.
„Wie alt ist eigentlich dein Freund Heggen? Ich will um des Mannes Willen hoffen, daß er mit der Zeit ein wenig anders auf das Ausschlaggebende im Leben blicken wird.“
„Ich aber nicht,“ sagte Jenny heftig. „Und ich will hoffen, auch ich lerne einmal, diesem Liebesunwesen seinen rechten Platz anzuweisen --.“
„Herrgott, Jenny, du sprichst -- ich hätte beinahe gesagt, wie du’s verstehst, aber du bist klüger, das weiß ich.“ Gram lächelte schwermütig. „Soll ich dir ein wenig erzählen, was ich von der Liebe weiß, Kleines? Glaubte ich nicht daran, wie sollte ich dann die kleinste Spur von Glauben an die Menschen haben -- und an mich selbst? Meinst du etwa, nur ihr Frauen findet das Leben sinnlos, fühlt euch im Herzen kalt und leer, wenn ihr nichts anderes habt, das ihr lieben könnt als eure Arbeit -- nur eine Ausstrahlung eures Selbst -- nichts anderes, auf das ihr euch verlassen könnt! Glaubst du, es gibt eine einzige Seele, die nicht Stunden kennte, in denen sie an sich selber zweifelt? Nein, Kind, man braucht einen anderen Menschen, bei dem man sein Bestes, seine Liebe und sein Vertrauen gleichsam deponiert, und sieh, auf diese Bank muß man sich verlassen können. Wenn ich dir sage, daß mein eigenes Leben seit meiner Verheiratung eine Hölle gewesen ist, so brauche ich nicht zu starke Worte. Daß ich es schließlich doch ausgehalten habe, liegt zum Teil daran, daß ich von dem Gedanken ausging, Rebekkas Liebe entschuldige sie auf eine Art. Ich weiß, was sie jetzt fühlt: eine niedrige und rohe Freude an ihrer Macht, mich zu peinigen und zu demütigen, Eifersucht, Verbitterung, ein Zerrbild, aus betrogener Liebe entstanden. Verstehst du nicht, daß ich daran eine Art Befriedigung meines Gerechtigkeitsgefühls erblicke? Ein +Grund+ für mein Unglück ist vorhanden. Ich betrog sie, als ich ihre Liebe entgegennahm ohne die Absicht, ihr eine ganze Liebe zurückzugeben, mit der heimlichen Berechnung, ihr einige Brocken geben zu können, Bettelpfennige der Liebe, während sie mir das Beste bot. Straft aber das Leben so unbarmherzig eine jede Versündigung gegen das Heiligtum der Liebe, so ist das ein Beweis für mich, daß sie das Allerheiligste im Leben ist und daß das Leben denjenigen, der seiner eigenen Liebessehnsucht treu bleibt, mit der reinsten und schönsten Seligkeit belohnen wird. Ich habe dir einmal von einer Frau erzählt, die ich lieben lernte als es zu spät war. Sie hatte mich geliebt, seit wir Kinder waren, ohne daß ich darauf geachtet hatte oder mir etwas daraus machte. Als sie hörte, daß ich heiratete, nahm sie einen Mann, der darauf schwor, daß sie ihn dadurch erretten und aufrichten könnte. Ja, ich weiß, du spottest über derartige Rettungsversuche. Aber ich sage dir, Kind, du kannst nicht urteilen, ehe du nicht den Mann, den du mit deiner ganzen Seele liebst, in den Armen einer anderen gewußt hast, so daß dein eigenes Leben dir wertlos erschien und ehe du nicht eine verirrte Menschenseele darum betteln hörst, sie aus einem wertlosen Leben zu erretten. Nun, Helene wurde unglücklich, und ich ebenfalls. Wir trafen uns wieder und verstanden uns, es kam zu einer Aussprache. Was die Menschen unter Glück verstehen, das widerfuhr uns nicht, und dennoch --. Beide waren wir durch Bande gefesselt, die wir nicht zu brechen wagten. Ich gestehe, als meine Hoffnung, sie einstmals zum Weibe zu erhalten, langsam, langsam hinstarb, änderte sich meine Liebe. Aber noch immer leuchtet wie das herrlichste Kleinod meines Lebens die Erinnerung an sie, die jetzt weit fort in einem anderen Weltteil dafür lebt, ihren Kindern die Last zu erleichtern, die das Leben mit einem Vater bedeutet, der umhergeht, vom Trunk zerrüttet, wie ein Wrack. Um ihretwillen habe ich all diese Jahre hindurch an meinem Glauben an Reinheit, Schönheit und Kraft der Menschenseele festgehalten -- und an meinem Glauben an die Liebe. Ich weiß, daß die Erinnerung an mich der Frau die geheimnisvolle Kraft gibt, weit drüben jenseits der Meere zu kämpfen und zu dulden. Denn sie liebt mich heute wie in unserer Kindheit und glaubt an mich, an mein Talent, meine Liebe und daran, daß ich eines besseren Schicksals würdig gewesen sei. Aber so bin ich ihr doch heute noch etwas, nicht wahr, Jenny?“
Sie erwiderte nichts.
„Das Glück bedeutet ja nicht nur, geliebt zu werden, Jenny. Der größte Teil des Glückes ist -- zu lieben.“
„Es ist doch gewiß nur ein geringes Glück, Gert, zu lieben, wenn man nicht wieder geliebt wird.“
Er schwieg lange und sah nieder. Bis er fast flüsternd sprach:
„Groß oder klein -- es ist ein Glück, ein Menschenkind zu kennen, von dem man nur Gutes denkt. Eines, um dessentwillen man zu sich selber spricht: Herrgott, laß mich sie glücklich sehen, denn sie verdient es, sie ist ja rein und schön, warm und fein, klug und gut. So daß man beten kann: Gott, gib ihr alles, was ich nicht besaß. Ich halte es für ein Glück, kleine Jenny, daß ich so für dich beten kann --. Nein, es ist kein Grund, deswegen ängstlich aufzusehen, Kleines --.“
Er hatte sich erhoben, sie stand ebenfalls auf und machte eine Bewegung, als fürchte sie, er werde sich ihr nähern. Gram hielt inne, er lachte leise:
„Wie konntest du etwas anderes denken, solch kluges, kleines Mädchen wie du. Jenny, ich glaubte, du hättest es gefühlt, lange, ehe ich es selbst recht gewußt --. Konnte es denn anders kommen? Mein Leben neigt sich jetzt seinem Ende zu, dem Alter, der Schwäche, der Finsternis, dem Tode. Schon weiß ich sicher, alles, wonach ich mein Leben lang mich gesehnt -- ich erlange es nie. Da begegne ich dir. Mir ist, als seiest du die herrlichste Frau, die ich je getroffen. Du strebst nach alledem, wonach ich einst gestrebt, nach dem Ziele, das ich mir gesetzt hatte. Konnte mein Herz anders als inbrünstig flehen, Gott, führ sie zum Ziele, Gott, hilf ihr, laß sie nicht stranden, wie ich gestrandet bin --. Und dann warst du so lieb gegen mich, Jenny. Du kamst dort hinunter in meine Höhle, du erzähltest von dir selbst und hörtest mir zu, du hattest so viel Verständnis, deine herrlichen Augen waren voller Mitgefühl und so mild und warm --. Aber Herrgott, weinst du?“
Er ergriff ihre Hände und preßte seinen Mund darauf.
„Das darfst du nicht, Jenny. Du darfst nicht so weinen; warum weinst du? Du bebst ja --. Worüber weinst du nur?“
„Ueber alles,“ schluchzte sie.
„Setz dich -- so.“
Er lag vor ihr auf den Knien und eine Sekunde senkte er seine Stirn auf ihren Schoß. „Du darfst nicht meinetwegen so weinen, hörst du? Um nichts auf der Welt möchte ich meine Liebe zu dir hergeben. Mein geliebtes Mädchen, hast du einmal einen Menschen geliebt und hinterher gewünscht, es wäre nie geschehen? -- Dann hast du dennoch nicht geliebt, das, kannst du mir glauben, ist wahr. Jenny, ich möchte das nicht missen, was ich für dich fühle, nicht um mein Leben! Doch auch um deinetwillen sollst du nicht weinen. Du wirst glücklich werden, das weiß ich. Von allen Männern, die dich lieben werden, wird eines Tages einer, wie jetzt ich, vor dir liegen und sagen, das ist das Leben, so vor deinen Füßen liegen zu dürfen, und du wirst selber glauben, das sei das Leben. Dann wirst du begreifen, daß so das Glück aussieht; so mit ihm zu sitzen, und sei es in der armseligsten Hütte, eine einzige kurze Ruhestunde lang nach einem Tage grauester, schwerster Mühsal --. Weit weit größeres Glück ist es dir dann, als wenn du die größte Künstlerin wärest, die gelebt hat, als wenn du all das erreichtest, was man an Ehren und Berühmtheit erreichen kann. Daran glaubst du selber auch, nicht wahr?“
„Ja,“ flüsterte sie unter Tränen.
„Und du sollst nicht fürchten, daß das Glück dir nicht zuteil werden könnte. -- Nicht wahr, Jenny, die Sehnsucht fühlst auch du, nachdem du gekämpft, um ein guter und tüchtiger Mensch und ehrlicher Künstler zu werden, die Sehnsucht, einem Manne zu begegnen, der dir sagt, dein Kampf war recht, und der dich darum lieb hat?“
Jenny nickte. Gram küßte ehrfürchtig ihre Hände.