Jenny

Part 13

Chapter 133,827 wordsPublic domain

Vielleicht war es nicht so gemeint, aber Frau Gram lächelte immer so spöttisch, wenn sie mit ihr sprach. Die Arme, vielleicht besaß sie kein anderes Lächeln mehr.

Gram kehrte heim; er hatte einen Spaziergang gemacht. Jenny und Helge setzten sich zu ihm ins Rauchzimmer.

Die Hausfrau kam auch einen Augenblick herein:

„Du hattest deinen Regenschirm vergessen, mein Freund -- wie gewöhnlich. Es war tatsächlich ein Glück, daß du einem Regenschauer entgingst. Ja diese Männer, wie man auf sie achtgeben muß --!“ Sie lächelte zu Jenny hinüber.

„Du bist ja außerordentlich um mich bemüht,“ sagte Gram. Stimme und Wesen waren immer peinlich höflich, wenn er mit seiner Frau sprach.

„Aber warum sitzt ihr denn hier drinnen?“ sagte sie zu Helge und Jenny.

„Es ist merkwürdig,“ erwiderte Jenny, „-- ich finde, es ist in allen Häusern dasselbe: das Herrenzimmer ist immer am gemütlichsten. Bei uns war es auch so, als mein Vater noch lebte,“ fügte sie schnell hinzu. „Es kommt wohl daher, daß es als Arbeitszimmer eingerichtet ist.“

„Dann müßte ja die Küche der allergemütlichste Raum im ganzen Hause sein,“ lachte die Hausfrau. „Aber wo meinst du, daß am meisten gearbeitet wird, Gert, hier in deinem Zimmer oder in meinem -- nun ja, die kann ja als mein Arbeitszimmer gelten --.“

„Ich gebe zu, daß zweifellos die nützlichste Arbeit in deinem Arbeitszimmer verrichtet wird.“

„Ja,“ sagte Frau Gram. „Jetzt glaube ich aber beinahe, ich muß Ihr liebenswürdiges Anerbieten für eine Weile annehmen -- würden Sie so lieb sein, und mir ein wenig helfen, Fräulein Winge? Sonst wird es so spät --.“

Als sie beim Essen saßen, läutete es. Es war Frau Grams Nichte, Aagot Sand. Frau Gram stellte Fräulein Winge vor.

„Ah, Sie sind die Malerin, mit der Helge in Rom so viel zusammen war. Ich konnte es mir beinahe denken.“ Sie lachte. „Ich sah Sie drüben in der Stenerstraße jetzt im Frühling, Sie gingen in Begleitung von Onkel Gert und trugen Malgerät in der Hand --.“

„Das ist sicher ein Irrtum, mein Kind,“ unterbrach sie Frau Gram. „Wann sollte das gewesen sein?“

„Einen Tag vor Bußtag. Ich kam von der Schule.“

„Ja, es ist schon richtig,“ sagte Gram. „Fräulein Winge stand und hatte ihren Malkasten auf der Straße fallen lassen, und da half ich ihr, beim Aufsammeln.“

„Das kleine Abenteuer hast du deiner Frau gar nicht gebeichtet.“ Frau Gram lachte laut. „Ich hatte keine Ahnung, daß Ihr Euch von früher her kanntet.“

Gram lachte ebenfalls.

„Fräulein Winge schien mich nicht wiederzuerkennen. Es war zwar wenig schmeichelhaft für mich -- ich wollte sie aber nicht daran erinnern. Hatten Sie wirklich keine Ahnung, als Sie mich trafen, daß ich der liebenswürdige alte Herr war, der Ihnen geholfen?“

„Ich war meiner Sache nicht sicher,“ sagte sie leise, von tiefer Röte übergossen. „Ich glaubte, Sie hätten mich nicht wiedererkannt.“ Sie versuchte zu lachen, fühlte jedoch mit peinigender Deutlichkeit, wie unsicher ihre Stimme war, wie ihre Wangen brannten.

„Nun, das war ja ein richtiges Abenteuer,“ lachte Frau Gram. „Tatsächlich ein drolliger Zufall.“

* * * * *

„O Gott, habe ich denn schon wieder etwas Verkehrtes gesagt?“ fragte Aagot. Sie saßen nach dem Abendessen beisammen im Wohnzimmer. Gram war in sein Zimmer hinübergegangen, die Hausfrau machte sich in der Küche zu schaffen. „In diesem Hause ist man gänzlich ahnungslos, bis die Bombe plötzlich explodiert -- das ist doch wirklich schauderhaft. Aber erkläre mir doch, ich begreife ja nicht.“

„Herr des Himmels, Aagot, kümmere du dich um deine eigenen Angelegenheiten,“ sagte Helge heftig.

„Ja, ja, lieber Freund, beiß mich nur nicht! Ist Tante Bekka jetzt auf Fräulein Winge eifersüchtig?“

„Du bist doch wahrhaftig das taktloseste Wesen, das existiert.“

„Nächst deiner Mutter -- ja danke, das hat mir Onkel Gert einmal gesagt.“ Sie lachte. „Aber das ist doch die größte Dummheit -- eifersüchtig auf Fräulein Winge!“ Sie lugte neugierig zu den beiden anderen hinüber.

„Ich möchte dich bitten, dich nicht in Dinge zu mischen, die nur uns hier im Hause etwas angehen, Aagot,“ schnitt Helge alles weitere ab.

„Ja ja, -- ich dachte nur -- nun gewiß -- es ist ja schließlich gleichgültig.“

„Das ist es, weiß Gott.“

Frau Gram kam herein und machte Licht. Jenny blickte fast ängstlich auf ihr verschlossenes, haßerfülltes Gesicht, das mit den harten, funkelnden Augen vor sich hinstarrte. Dann begann Frau Gram den Tisch abzuräumen. Sie hob Jennys Stickschere auf, die auf den Boden gefallen war:

„Es scheint Ihre Spezialität zu sein, etwas zu verlieren. Sie dürfen nicht so nachlässig mit Ihren Sachen umgehen, kleines Fräulein Winge. Helge ist nicht so galant wie sein Vater, scheint es.“ Sie lachte. „Soll ich jetzt bei dir drinnen die Lampe anzünden, mein Junge?“ Sie ging ins Rauchzimmer und zog die Tür hinter sich ins Schloß.

Helge lauschte einen Augenblick zum anderen Zimmer hinüber -- die Mutter sprach leise und heftig. Dann lehnte er sich wieder zurück.

„Kannst du denn mit deinem Gerede nicht einmal aufhören?“ ertönte Grams Stimme deutlich von drinnen herüber.

Jenny neigte sich zu Helge:

„Ich gehe jetzt nach Hause -- ich habe Kopfweh.“

„O nicht doch, Jenny. Dann gibt es hier nur Szenen bis ins Unendliche, wenn du gegangen bist. Sei so lieb und bleib; es geht nicht, daß du jetzt das Feld räumst, Mutter wird nur noch gereizter.“

„Ich kann aber nicht mehr,“ flüsterte sie, dem Weinen nahe.

Frau Gram ging durchs Zimmer. Gram kam und setzte sich zu ihnen.

„Jenny ist müde -- sie will jetzt nach Hause gehen, Vater. Ich begleite sie.“

„Wollen Sie schon gehen? Wollen Sie nicht noch ein wenig bleiben?“

„Ich bin müde, ich habe Kopfschmerzen,“ murmelte Jenny.

„Bleiben Sie doch noch etwas,“ flüsterte Gram plötzlich. „Sie“ -- er machte eine Kopfbewegung nach der Tür -- „sagt Ihnen nichts. Und während Sie hier sind, entgehen wir anderen Szenen.“

Jenny setzte sich wieder still an den Tisch und griff nach ihrer Stickerei. Aagot häkelte eifrig an einem weißen Umlegeschal.

Gram schritt zum Klavier. Jenny war nicht musikalisch, konnte aber hören, daß er es war, und nach und nach kam ein wenig Ruhe über sie, während er seine kleinen weichen Melodien spielte -- für sie, das fühlte Jenny.

„Kennen Sie dies, Fräulein Winge?“

„Nein.“

„Du auch nicht, Helge? Habt ihr es nicht in Rom gehört? Zu meiner Zeit sang man es überall. Ich habe hier einige Hefte mit italienischen Melodien.“

Sie stand neben ihm und blätterte in den Noten.

„Tut mein Spiel Ihnen wohl?“ flüsterte er.

„Ja.“

„Soll ich weiter spielen?“

„Ja. Bitte.“

Er strich über ihre Hand:

„Arme kleine Jenny! Aber gehen Sie jetzt -- ehe sie kommt.“

Frau Gram brachte ein Tablett mit Rhabarberwein und Gebäck herein.

„Nein, das ist aber nett, daß du ein wenig spielst, Gert! Finden Sie nicht, daß mein Mann schön spielt, Fräulein Winge? Hat er Ihnen schon früher etwas vorgespielt?“ fragte sie harmlos.

Jenny schüttelte den Kopf:

„Ich wußte gar nicht, daß Herr Gram Klavier spielen kann.“

„Wie wunderschön Sie sticken!“ Sie ergriff Jennys Stickerei und betrachtete sie. „Ich dachte wirklich, Künstlerinnen hielten es für unter ihrer Würde, sich mit derartigen Handarbeiten zu beschäftigen. Welch bezauberndes Muster -- wo haben Sie das her? Vom Auslande?“

„Das habe ich mir selber ausgedacht.“

„Nein wirklich? Dann ist es freilich leicht schöne Muster zu arbeiten -- sieh her, Aagot, ist das nicht reizend? Sie sind sicher ein tüchtiges Mädchen, Fräulein Winge.“ Sie streichelte Jennys Hand.

Was für abscheuliche Hände sie doch hat, dachte Jenny. Kleine Finger, deren Nägel breiter waren als lang und plattgedrückt.

* * * * *

Helge und Jenny begleiteten erst Aagot bis zu ihrer Pension oben in der Sofienstraße. Dann gingen sie zusammen über die Pilengasse zurück, durch die blaßblaue Juninacht. Nach den Regenschauern strömten die weißen Blütenkerzen der Kastanien an der Hospitalsmauer einen faden Duft aus.

„Helge,“ sagte Jenny leise. „Du +mußt+ es so einrichten, daß wir übermorgen nicht mit ihnen zusammen sind.“

„Das ist unmöglich, Jenny. Sie haben dich eingeladen und du hast Ja gesagt. Deinetwegen ist es ja nur.“

„Helge, du kannst dir doch denken, daß es nur zu Unzuträglichkeiten führt. Stell dir vor, wenn wir allein irgend wohin fahren könnten, Helge. Ganz für uns allein, nur wir beide, Helge. Wie in Rom.“

„Glaub mir, Jenny, nichts würde ich lieber wollen. Es gibt nur zu Hause so viele Unannehmlichkeiten, wenn wir diese Johannisfahrt nicht mitmachen.“

„Unannehmlichkeiten bringt es auch so,“ sagte sie mit scharfem Spott.

„Aber anders wird es viel schlimmer. Herrgott, kannst du denn nicht versuchen, dich um meinetwillen zu überwinden? Du brauchst doch nicht in all diesem Elend umherzugehen -- darin zu leben und zu arbeiten.“

Er hat Recht, dachte sie und machte sich bittere Vorwürfe, daß sie nicht geduldiger war. Ja, ihr armer Junge, er mußte in diesem Heim leben und arbeiten, wo sie es kaum zwei Stunden aushalten konnte. Dort war er aufgewachsen und dort hatte er sich durch seine ganze Jugend gekämpft.

„Helge. Ich bin schlecht und egoistisch.“ Sie klammerte sich an ihn -- matt und gequält und gedemütigt. Sie sehnte sich nach seinen Küssen, nach seinem Trost. Es ging sie beide ja doch gar nichts an; sie hatten ja sich, sie gehörten zusammen, irgendwo weit außerhalb dieser Luft voller Haß, Mißtrauen und Schlechtigkeit.

Der Jasmin in den alten Gärten duftete zu ihnen herüber.

„Wir fahren einmal zusammen über Land, wir beide ganz allein, Jenny,“ tröstete er.

„Aber daß ihr auch so hirnverbrannt sein konntet,“ sagte er plötzlich. „Nein, ich kann das nicht fassen! Ihr mußtet euch doch denken, daß Mutter es erfahren würde.“

„Sie glaubt natürlich die Geschichte nicht, die dein Vater erzählte,“ sagte Jenny zaghaft.

Helge blies durch die Nase.

„Ich wünschte, er sagte ihr, wie das Ganze zusammenhängt,“ seufzte sie.

„Du kannst ganz sicher sein, daß er es nicht tut. Und +du+ mußt natürlich tun, als wüßtest du nichts. Das ist das Einzige, was du machen kannst. Es war einfach hirnverbrannt von euch.“

„Ich kann doch nichts dafür, Helge.“

„Ach, ich habe dir genug von den Verhältnissen zu Hause erzählt. Du hättest dafür sorgen müssen, daß es bei Vaters erstem Besuch blieb -- all die späteren Visiten im Atelier und auch die Zusammenkünfte in der Stenerstraße hättet ihr unterlassen sollen.“

„Zusammenkünfte? Ich sah das Motiv und wußte, daß ich ein gutes Bild von dort aus malen konnte -- das habe ich auch getan.“

„Nun ja. Es ist natürlich vor allem Vaters Schuld. -- Ach!“ Er fuhr heftig auf. „Diese Art und Weise, wie er von ihr spricht -- ja, du hast gehört, was er zu Aagot gesagt hat. Und heute Abend wieder zu dir. ‚Sie!‘“ äffte er nach, „‚Ihnen sagt sie nichts!‘ Es ist aber doch unsere Mutter.“

„Ich finde aber, Helge, dein Vater ist weit rücksichtsvoller und höflicher gegen sie als sie zu ihm.“

„Oh, diese Rücksichtnahme von Vater, ja! Nennst du das rücksichtsvoll, wie er vorgegangen ist, um dich auf seine Seite zu bekommen? Seine Höflichkeit! Du solltest wissen, was ich als Kind gelitten habe und jetzt als Erwachsener -- unter dieser Höflichkeit. Wenn er kerzengerade dastand, ohne ein Wort zu sagen, und höflich aussah. Sprach er aber, dann klang es so eisig, so schneidend kalt, so höflich! Er bedankte sich fast noch für Mutters Schreien und Schelten und Toben. -- Oh!“

„Liebster Junge!“

„O Gott, Jenny. Es ist auch nicht +nur+ Mutters Schuld. Ich kann sie auch verstehen. Alle Menschen geben Vater den Vorzug. Du jetzt auch. Es ist verständlich. Im Grunde tue ichs ebenfalls. Aber gerade deshalb begreife ich, daß sie so geworden ist. Sie will ja doch überall die Erste sein, siehst du. Und sie ist es nirgends. Arme Mutter!“

„Ja, die Aermste!“ sagte Jenny. Doch ihr Herz blieb eiskalt gegen Frau Gram.

Der Abend war schwer von Duft, Laub und Blüten, als sie durch das Studentenwäldchen schritten. In der bleichen Dämmerung der Sommernacht raschelte es geschäftig auf den Bänken tief drinnen zwischen den Bäumen.

Ihr einsamer Schritt hallte in den ausgestorbenen Geschäftsstraßen wieder, deren hohe Häuser mit einem blauen Schein in den großen blanken Fensterscheiben wie ausgestorben lagen.

„Darf ich mit hinaufkommen?“ fragte er vor ihrer Tür.

„Ich bin müde, du,“ sagte Jenny leise.

„Ich möchte so gern ein wenig bei dir sitzen -- findest du nicht, daß wir es sehr nötig haben, einmal für uns allein zu sein?“

Sie widersprach nicht mehr, sondern stieg die fünf Treppen vor ihm hinan.

Die Nacht breitete sich blau über ihren Häuptern und blickte durch die großen schrägen Dachfenster zu ihnen hinein. Jenny entzündete den siebenarmigen Leuchter auf dem Schreibtisch, nahm eine Zigarette und hielt sie in die Flamme.

„Willst du rauchen, Helge?“

„Danke.“ Er nahm ihr die Zigarette von den Lippen.

„Das ist es eben, siehst du,“ sagte er plötzlich. „Da war einmal etwas mit Vater und -- einer anderen Frau. Ich war damals zwölf Jahre alt. Wieviel daran wahr ist, weiß ich ja nicht. Aber Mutter --. Oh, es war eine fürchterliche Zeit. Nur unseretwegen blieben sie zusammen -- das hat Vater selbst einmal gesagt. Der Herrgott weiß, ich danke ihm das nicht. Mutter ist jedenfalls ehrlich und gibt zu, daß sie ihn mit Händen und Füßen festhält, sie will ihn nicht freigeben.“

Er warf sich aufs Sofa. Jenny setzte sich zu ihm und küßte ihn auf Haar und Augen. Er glitt auf die Knie nieder und legte den Kopf in ihren Schoß.

„Erinnerst du dich des letzten Abends in Rom, als ich Gute Nacht zu dir sagte, Jenny? Hast du mich heute ebenso lieb wie damals?“

Sie erwiderte nichts.

„Jenny?“

„Wir haben heute keinen guten Tag miteinander gehabt, Helge,“ flüsterte sie. „Zum ersten Male.“

Er hob den Kopf:

„Bist du mir böse?“ fragte er leise.

„Nein, nicht böse.“

„Was dann?“

„Ach nichts. Nur --“

„Nur, was?“

„Heute Abend --.“ Sie stockte. „Jetzt auf dem Heimwege --. Wir werden noch allein eine Reise zusammen machen -- ein andermal, sagtest du. Es ist nicht wie in Rom, Helge. Jetzt bist du es, der bestimmt und sagt, was ich tun soll und was nicht.“

„Nein, nein, Jenny!“

„Doch. Du mußt mich verstehen, ich +will+ ja auch, daß es so ist. Du bestimmst. Aber dann Helge, dann mußt du mir auch helfen, über all das Andere -- das Schwere -- hinwegzukommen.“

„Du meinst also, ich habe dir heute nicht geholfen?“ fragte er langsam und richtete sich auf.

„Lieber -- doch, du konntest ja nichts tun.“

„Soll ich jetzt gehen?“ flüsterte er kurz darauf und zog sie an sich.

„Du sollst tun, was du willst“, erwiderte sie leise.

„Du weißt, was ich will. Was möchtest du -- am liebsten?“

„Ich weiß nicht, was ich möchte, Helge.“ Sie brach in Tränen aus.

„Jenny, ach Jenny!“ Er küßte sie behutsam viele, viele Male. Als sie ruhiger geworden war, ergriff er ihre Hand.

„Ich gehe jetzt. Schlaf gut. Du darfst nicht böse auf mich sein. Du bist so müde, armes Kleines!“

„Sag mir lieb Gute Nacht,“ bat sie und hing an seinem Halse.

„Gute Nacht, meine süße, geliebte Jenny. Du bist müde, Armes -- so matt. Gute Nacht. Gute Nacht.“

Dann ging er. Und wieder weinte sie.

VI.

„Hier ist es, was ich dir eigentlich zeigen wollte,“ sagte Gert Gram und erhob sich. Er hatte auf den Knien gelegen und in dem unteren Fach des Geldschrankes gekramt.

Jenny schob die alten Skizzenbücher beiseite und rückte die elektrische Tischlampe zu sich hinüber. Er wischte den Staub von der großen Mappe und reichte sie ihr.

„Es ist viele Jahre her, seit ich dies irgend jemandem zeigte oder mir selber angesehen habe. Aber lange habe ich gewünscht, du solltest es sehen, seit dem ersten Male, als ich bei dir im Atelier war. An jenem Tage, als du dir hier die Bilder von Helge als kleinen Jungen ansahst, nahm ich mir vor, dich zu fragen, ob du die anderen sehen willst. Und später, während du hier arbeitetest, habe ich immer wieder daran gedacht. -- Ja, es ist sonderbar, Jenny. Wenn ich daran denke, während ich hier den Alltag mit meiner Arbeit zubringe.“ Er blickte sich in dem kleinen engen Büroraum um. „Hier bin ich gelandet mit all meinen Jugendträumen. Drüben im Schrank liegen sie, wie Leichen in ihrem Sarkophage, und hier gehe ich selbst umher -- ein toter und vergessener Künstler.“

Jenny schwieg. Gram drückte sich mitunter ein wenig sentimental aus, fand sie. Obgleich sie wußte, daß das Gefühl, das ihm die Worte gab, bitter aufrichtig war. Einer plötzlichen Eingebung folgend, strich sie ihm leicht über das graue Haar.

Gram beugte den Kopf ein wenig nieder, gleichsam als wollte er ihre flüchtige Liebkosung verlängern. Dann -- ohne aufzublicken, löste er die Bänder an der Mappe. Seine Hand bebte leicht.

Sie merkte mit Erstaunen, daß ihre eigenen Hände zitterten, als sie das erste Blatt entgegennahm. Ihr war so merkwürdig beklommen ums Herz, als fühlte sie, daß ein Unglück geschehen würde: ihr wurde plötzlich Angst bei dem Gedanken, daß ja niemand von dem Besuch wissen durfte, daß sie nicht wagte, es Helge zu sagen. Sie wurde mißmutig, als sie jetzt an ihren Verlobten dachte. Seit langem hatte sie es absichtlich unterlassen, darüber nachzudenken, was sie eigentlich für ihn fühlte. Sie wollte der Ahnung, die in dieser Sekunde in ihr aufdämmerte, nicht Raum geben und wollte sich nicht noch mehr in Unruhe bringen durch die Frage, was eigentlich Gert Gram für sie empfand.

Blatt für Blatt nahm sie aus der Mappe, die seine Jugendträume enthielt, und es wurde ihr dabei unsagbar traurig zumute.

Er hatte ihr von diesem Werk -- Zeichnungen zu Landstads Volksliedern -- erzählt, so oft sie allein waren. Es war ihr klar geworden, daß er um dieser einzigen Arbeit willen geglaubt, er sei zum Künstler geboren.

Seine Bilder zu Hause hatte er selber einmal Dilettantenarbeit eines fleißigen und gewissenhaften Schülers genannt. Aber dies hier -- das war sein Eigen. Sie sahen auf den ersten Blick sehr gut aus, diese großen Blätter mit der reichen Umrahmung romantischen Laubwerks und den zierlichen Mönchsbuchstaben des Textes. Die Farbenwirkung war überall rein und fein, bei einigen sogar verblüffend. Aber die eingefügten Vignetten und Friese mit Figuren, so sorgfältig und richtig ihre miniaturartige Zeichnung auch war, so leblos und stillos erschienen sie. Einige waren durchaus naturalistisch, wieder andere lehnten sich so eng an italienisch-mittelalterliche Kunst, daß Jenny einzelne ganz bestimmte Offenbarungsengel und Madonnen unter den Kopfbedeckungen der Ritter und Jungfrauen wiedererkannte. Ja, sogar die Farbenwirkung selbst, so z. B. von dem Hukaballiede mit den goldenen und rotvioletten Tönen, erkannte sie aus einem bestimmten Meßbuch, das sie in der San Marco-Bibliothek gesehen hatte. Wie seltsam die groben, festgeformten Verse sich dagegen abhoben, in den zierlichen Typen des Klosterlateins geschrieben. Bei einigen der großen, ganzseitigen Bilder waren Formensprache und Komposition in barockem Stil gehalten, römischen Altarbildern entlehnt. Ein Widerklang all dessen, das er gesehen, worin er gelebt, was er geliebt, das war Gert Grams Jugendmelodie. Keiner dieser Töne war sein eigen, es war nur ein Echo vieler Töne, wenn auch dies Echo alles mit eigenem, weichem, melancholischem Klange wiedergab.

„Du bist nicht damit zufrieden,“ sagte er lächelnd. „O nein, ich sehe wohl.“

„Doch, natürlich. Es liegt so viel Schönes und Zartes darin. Du weißt,“ sie suchte nach dem Ausdruck, „es wirkt auf uns etwas fremd, da wir die gleichen Motive anders behandelt gesehen -- und so gut, daß wir sie uns in anderer Art nicht recht vorstellen können.“

Er saß ihr gegenüber, das Kinn auf die Hand gestützt. Nach einer Weile sah er auf -- ihr Herz krampfte sich bei diesem Blick zusammen:

„Ich wußte übrigens schon damals, was daran hätte besser sein sollen,“ sagte er still und versuchte zu lächeln. „Wie ich dir sagte, ich habe die Mappe soviele Jahre nicht hervorgeholt.“

„Ich habe niemals recht verstehen können,“ sagte sie nach einer Weile ablenkend, „daß du dich zu Spätrenaissance und Barock so hingezogen fühltest.“

„Es ist auch nicht zu verlangen, kleine Jenny, daß +du+ das verstehst.“ Er blickte ihr mit einem sonderbar wehen Lächeln ins Gesicht. „Siehst du, es gab wohl eine Zeit, da ich felsenfest an mein eigenes Talent glaubte. Aber doch nie so unbedingt, daß nicht ein kleiner nagender Zweifel zurückgeblieben wäre. Nicht daran zweifelte ich, daß ich nicht auszudrücken vermöchte, was ich sagen wollte, ich war mir nicht klar darüber, was ich eigentlich ausdrücken wollte. Ich sah ja, daß die romantische Kunst abgeblüht und im Begriff war, hinzuwelken. Fast auf der ganzen Linie hatten Verfall und Unwahrhaftigkeit um sich gegriffen, und gerade der Romantik gehörte mein ganzes Herz. Nicht nur in der Malerei. Ich sehnte mich nach den sonntäglichen Bauern der Romantik, trotzdem ich als Knabe lange genug auf dem Lande gelebt hatte, um zu wissen, daß es sie nicht mehr gibt. Als ich in die Welt zog, war mein Ziel das Italien der Romantik. Ich weiß sehr wohl, du und deine Zeit, ihr sucht die Schönheit in dem, was +ist+, sinnlich und wirklich. +Ich+ fand sie nur in der Umbildung der Wirklichkeit, die andere schon vorgenommen hatten. Du weißt, die achtziger Jahre kamen mit ihrem neuen Glaubensbekenntnis, ich machte den Versuch, zu folgen, doch mein Herz lehnte sich auf.“

„Ja, aber Gert,“ Jenny richtete sich auf, „die Wirklichkeit ist doch nicht ein bestimmter Begriff. Sie zeigt sich jedem einzelnen anders. ‚~There’s beauty in everything~,‘ sagte ein englischer Maler einmal zu mir, ‚~only your eyes see it or see it not, little girls~‘“.

„Ja, aber, Jenny -- ich vermochte ja die Wirklichkeit nicht zu +sehen+, ich erfaßte nur ihren Widerschein in den Träumen Anderer. Ich war nicht einmal fähig, aus der Mannigfaltigkeit der Wirklichkeitswelt +meine+ Schönheit herauszufinden. -- Ich fühlte meine eigene Ohnmacht deutlich. Als ich dann dort hinunterkam, eroberte der Barock mein Herz. Begreifst du die tiefe Ohnmacht und die Seelenpein, die man unter der Unfähigkeit, der Phrase, erleidet? Nichts Persönliches, Neues zu besitzen, um die Form damit zu erfüllen. -- Nur die Technik vervollkommnet sich, die rauschende Bewegung der Gewänder, die halsbrecherischen jähen Reduktionen, die gewaltigen Effekte in Licht und Schatten, die geschraubte Komposition. Die Leere wird unter der Ekstase verborgen -- verzerrte Gesichter, verrenkte Glieder, Heilige, deren einzig wahre Leidenschaft die Furcht vor ihrem eigenen hartnäckigen Zweifel ist, den sie in krankhafter Erregung ersticken wollen. Ja, wahrhaftig, du, das ist die Verzweiflung des Niederganges, das Werk der Epigonen, das nur blenden will -- und meist sich selbst.“

Jenny nickte. „Dies ist jedenfalls deine subjektive Anschauung. Ich bin durchaus überzeugt, daß die Maler, von denen du sprichst, außerordentlich stolz und zufrieden mit sich selber waren.“

Er schlug plötzlich einen anderen Ton an und lachte: „Möglich. Vielleicht wurde dies mein Steckenpferd, weil, wie du sagtest, es nun einmal mein subjektiver Standpunkt war.“

„Aber das Bild, das du von deiner Frau gemalt hast -- in Rot -- das ist doch ganz impressionistisch, und es ist ausgezeichnet. Je öfter ich es mir anschaue, desto besser finde ich es.“

„O ja. Aber das ist ja ein vereinzelter Fall.“ Er schwieg. „Als ich malte, war sie für mich das Leben. Ich war toll verliebt in sie -- und doch haßte ich sie schon so grenzenlos.“

„Daß du die Malerei aufgabst,“ fragte Jenny leise, „war das ihre Schuld?“

„Nein, Jenny. Alles, was uns an Unglück zustößt, ist unsere eigene Schuld. Ich weiß, du bist nicht, was man gläubig nennt. Darin geht es mir ähnlich. Aber ich +glaube+ -- an Gott meinetwegen, oder eine seelische Macht, oder was du sonst willst, die in gerechter Weise straft. -- Sie war irgendwo draußen in der Großen Straße Kassiererin in einem Geschäft. Ich sah sie dort zufällig. Sie war herrlich schön; das kannst du vielleicht jetzt noch sehen. Nun ja, ich lauerte ihr eines Abends auf, als sie aus dem Geschäft kam, und sprach sie an. Lernte sie kennen. -- Ich verführte sie,“ sagte er leise und hart.