Jenny

Part 12

Chapter 123,930 wordsPublic domain

Auf der Treppe traf sie Gram. Er mußte es sein. Sie empfing so im Vorbeigehen den Eindruck, als sähe er sehr jugendlich aus und hätte leuchtend blaue Augen.

III.

Zwei Tage später, als Jenny des Nachmittags arbeitete, bekam sie Besuch von Helges Vater.

Jetzt, als er dastand, mit dem Hute in der Hand, sah sie, daß sein Haar ganz grau war, so grau, daß man nicht mehr unterscheiden konnte, welche Farbe es ursprünglich gehabt hatte. Jung sah er aber trotzdem aus. Die Gestalt war schlank, ein wenig gebeugt, aber nicht wie bei einem alten Manne, eher, als sei er ein wenig zu schmächtig für seine Größe. Seine Augen waren jung, obgleich sie trüb und müde aus dem mageren, glattrasierten Antlitz blickten. Sie waren aber so groß und so leuchtend blau, daß sie einen merkwürdig offenen Eindruck machten, verwundert und grüblerisch zugleich.

„Ja, Sie werden begreifen, daß es mich danach verlangt, Sie zu begrüßen, Fräulein Winge,“ sagte er und reichte ihr die Hand. „Nein -- ich bitte Sie, legen Sie die Schürze nicht ab. Und sagen Sie’s mir, wenn ich Sie störe.“

„Nein, lieber Herr Gram,“ sagte Jenny fröhlich; seine Stimme und sein Lächeln gefielen ihr. Sie warf die Malerschürze auf den Kohlenkasten. „Es wird sowieso bald dunkel. Wie liebenswürdig von Ihnen, mich zu besuchen!“

„Es ist eine Ewigkeit her, daß ich in einem Atelier war,“ sagte Gram und blickte umher. Dann setzte er sich aufs Sofa.

„Verkehren Sie mit keinem anderen der Maler -- irgend jemandem aus Ihrer Zeit?“ fragte Jenny.

„Nein, mit niemandem,“ antwortete er kurz.

„Aber.“ Jenny überlegte. „Aber wie in aller Welt haben sie hierher gefunden? Haben Sie sich bei mir zu Hause erkundigt -- oder im Künstlerbund?“

Gram lachte.

„Nein. Ich sah Sie ja vorgestern auf der Treppe. Dann gestern, als ich in mein Geschäft ging, sah ich Sie wieder. Ich ging ein Stück hinter Ihnen her, da ich die Absicht hatte, Sie anzuhalten und mich Ihnen vorzustellen. Sie gingen hier hinein, und ich wußte, daß in diesem Hause ein Atelier war. Nun ja, so bekam ich die Idee, zu Ihnen hinaufzusteigen und Ihnen eine Visite zu machen.“

„Wissen Sie,“ Jenny lächelte vergnügt, „Helge lief auch auf der Straße hinter mir her, einer Freundin und mir. Er hatte sich allerdings verlaufen, unten in den alten Straßen am Flohmarkt. Dann kam er eben auf uns zu und sprach uns an -- bändelte an, wie der feine Ausdruck dafür heißt. So wurden wir bekannt. Wir fanden zuerst, daß er ein wenig dreist war. Aber es scheint so, daß er von Ihnen seinen Mut geerbt hat.“

Gram runzelte die Stirn und schwieg einen Augenblick. In Jenny stieg ein unbehagliches Gefühl auf, als hätte sie etwas Dummes gesagt. Sie überlegte, wie sie fortfahren sollte.

„Dürfte ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten, während Sie hier sind?“

Sie zündete ohne weiteres den Apparat an und setzte Wasser auf.

„Ja, ja, Fräulein Winge -- Sie brauchen nicht zu fürchten, daß Helge mir sonst irgendwie ähnelt. Ich glaube, daß er glücklicherweise nicht das Geringste mit seinem Vater gemein hat.“ Er lachte.

Jenny wußte nicht recht, was sie darauf erwidern sollte. Sie beschäftigte sich damit, Teetassen herbeizuholen:

„Ja, hier ist es recht leer, wie Sie sehen. Aber ich wohne zu Haus bei meiner Mutter.“

„Ah so, Sie wohnen zu Hause? -- Das Atelier ist sicher sehr gut -- nicht wahr?“

„O ja, ich glaube.“

Er schwieg wieder und blickte geradeaus.

„Ja, Fräulein Winge -- ich habe viel an Sie gedacht. Ich glaubte ja, meines Sohnes Briefe so zu verstehen, daß Sie und er --“

„Ja, Helge und ich haben uns sehr gern,“ sagte Jenny. Sie stand aufrecht da und sah ihn an. Gram ergriff ihre Hand und hielt sie fest.

„Ich kenne meinen Sohn so wenig, Jenny Winge. Ich weiß im Grunde nichts Genaues von ihm -- wie er ist. Aber wenn Sie ihn gern haben, so kennen Sie ihn wohl sicher besser als ich. Und daß sie ihn lieben, beweist mir, daß ich seiner froh sein darf und stolz auf ihn. Ich habe immer geglaubt, daß er ein guter Junge sei, auch recht begabt. Daß er Sie lieb hat, dessen bin ich sicher, jetzt, da ich Sie gesehen. Möge er Sie nur glücklich machen, Jenny.“

„Ich danke Ihnen,“ sagte Jenny und reichte ihm nochmals die Hand.

„Ja.“ Gram sah vor sich hin. „Sie können sich denken, daß ich über meinen Jungen froh bin. Mein einziger Sohn. Ich glaube auch, Helge hat mich im Grunde lieb.“

„Das hat er. Helge hat Sie sehr lieb. Sowohl Sie als seine Mutter.“ Gleich darauf errötete sie aber, als hätte sie etwas Taktloses gesagt.

„Ja, ich glaube wohl. Aber er sah natürlich früh ein, daß sein Vater und seine Mutter einander nicht liebten. Helge hat ein trauriges Heim gehabt, Jenny. Ich kann es ebensogut selbst sagen; haben Sie es noch nicht bemerkt, so werden Sie es bald selber sehen. Sie sind ja sicher ein kluges Mädchen. Aber eben deshalb glaube ich, Helge weiß, was es wert ist, wenn zwei sich lieb haben. Und er wird Sie und sich behüten --.“

Jenny schenkte Tee ein:

„Helge pflegte in Rom nachmittags zum Tee zu mir zu kommen. Eigentlich lernten wir uns gerade in diesen Nachmittagsstunden näher kennen, glaube ich --.“

„Und da gewannen Sie sich lieb.“

„Ja -- nicht gleich. Das heißt, im Grunde vielleicht doch. Aber wir dachten an nichts anderes, als gute Freunde zu sein -- damals. Ja, später kam er dann natürlich auch und trank seinen Tee bei mir --.“

Sie lächelten beide.

„Können Sie mir nicht ein wenig erzählen, wie Helge als Knabe war -- als kleiner Junge, meine ich -- oder sonst etwas --?“

Gram schüttelte trübe lächelnd den Kopf:

„Nein, Jenny. Ich kann Ihnen nichts von meinem Sohn erzählen. Er war immer gut und folgsam. Fleißig auf der Schule -- nicht gerade ein Licht, doch recht fleißig und tüchtig. Aber Helge war als Knabe sehr verschlossen -- auch als Erwachsener -- jedenfalls mir gegenüber --. Erzählen Sie lieber, Jenny,“ lachte er warm.

„Wovon?“

„Von Helge natürlich. Ja -- zeigen Sie mir, wie mein Sohn in den Augen des jungen Mädchens aussieht, das ihn liebt. Sie sind ja kein gewöhnliches junges Mädchen, sondern eine tüchtige Künstlerin, und ich glaube auch, Sie sind klug und gütig. Können Sie mir nicht erzählen, wie es kam, daß Sie Helge liebgewannen, welche Eigenschaften an dem Jungen Sie veranlaßt haben, ihn zu wählen? Lassen Sie mich hören!“

„Ja.“ Dann lachte sie. „Das ist nicht so ohne weiteres zu erklären, -- wir hatten uns eben gern --.“

„So.“ Er lachte auch. „Ja, es war eine dumme Frage, Jenny. Es scheint ja fast, als hätte ich vergessen, wie es zuging, als man jung war und verliebt -- nicht wahr?“

„Nicht wahr! Wissen Sie, das sagt Helge auch so oft. Auch etwas, das ich so gern an ihm mochte. Er war so jungenhaft. Ich sah sehr wohl, daß er verschlossen war, dann aber öffnete er mir nach und nach sein Herz --.“

„Das kann ich gut verstehen -- daß man zu Ihnen Vertrauen bekommt, Jenny. Ja, aber erzählen Sie weiter -- aber, Sie brauchen nicht so erschrocken auszusehen. Sie verstehen doch, ich meinte nicht, Sie sollten mir Ihre und Helges Liebesgeschichte auseinandersetzen oder dergleichen --. Nur ein wenig von sich selbst erzählen -- und von Helge. Von Ihrer Arbeit, Kind. Und von Rom. Damit ich alter Mann wieder weiß, wie es ist, Künstler zu sein. Und frei. An Dingen zu arbeiten, die einem Freude machen. Jung zu sein. Verliebt und glücklich --.“

* * * * *

Gram blieb etwa zwei Stunden bei ihr. Dann, als er gehen wollte und im Ueberzieher, den Hut in der Hand, dastand, sagte er leise:

„Hören Sie zu, Jenny. Es hat ja keinen Zweck, Ihnen zu verbergen, wie die Verhältnisse in meiner Familie liegen. Es ist besser, daß, wenn wir uns zu Hause wiedersehen, wir uns noch nicht kennen. Daß Helges Mutter nicht erfährt, daß ich Ihre Bekanntschaft auf eigene Faust gemacht habe. Auch Ihretwegen -- damit Sie nicht Spott und Unannehmlichkeiten ausgesetzt sind. Es liegt nun einmal so, daß die Tatsache, daß ich einen Menschen gern habe, besonders eine Dame, schon genügt, um meine Frau gegen den Betreffenden aufzubringen ... Sie finden das seltsam. Aber Sie begreifen --?“

„Ja,“ sagte Jenny schwach.

„Nun, leben Sie wohl, Jenny. Ich freue mich Helges wegen -- glauben Sie mir?“

Sie hatte am Abend vorher an Helge geschrieben und ihm von ihrem Besuch bei seiner Mutter erzählt. Als sie den Brief noch einmal durchlas, quälte es sie, daß der Abschnitt von ihrer Begegnung mit der Mutter so armselig und trocken ausgefallen war.

An diesem Abend schrieb sie ihm wieder und berichtete von dem Besuch seines Vaters. Aber dann riß sie den Brief entzwei und begann von neuem. -- Es war so peinlich zu erzählen, daß Frau Gram von dieser Sache nichts erfahren dürfe. Widerwärtig war es, Geheimnisse mit dem einen gegen den anderen zu haben. Helges wegen empfand sie es wie eine Demütigung, daß sie mit einem Male Mitwisser von dem Elend geworden war, das in seinem Vaterhause herrschte. Schließlich erwähnte sie die Angelegenheit gar nicht. Es war leichter, ihm alles zu erklären, wenn er kam.

IV.

Ende Mai hatte Jenny ungewöhnlich lange Zeit keine Post von Helge bekommen. Sie begann ängstlich zu werden und hatte gerade beschlossen, am nächsten Tage zu telegraphieren, falls sie bis dahin nichts hörte. Nachmittags war sie im Atelier, als jemand an die Tür klopfte. Nachdem sie geöffnet, wurde sie plötzlich von einem Manne, der draußen im Dunkel des Bodenganges stand, ergriffen, umarmt und geküßt.

„Helge!“ Sie jubelte. „Helge, Helge -- laß dich anschauen! Oh, nein, wie du mich erschreckt hast! Laß sehen -- Helge -- bist du es denn wirklich und gewiß?“ Sie zog ihm die Reisemütze vom Kopfe.

„Ja, natürlich, ein anderer kann es doch kaum sein,“ lachte er unbekümmert.

„Aber, Liebster -- was hat denn das zu bedeuten?“

„Das will ich dir gleich erklären,“ sagte er, fand aber nicht die Zeit dazu, sondern preßte sein Gesicht an ihren Hals.

„Ich wollte dich nämlich überraschen, weißt du.“ Sie saßen Hand in Hand auf dem Sofa und schöpften Atem nach den ersten heißen Küssen. „Und das ist mir doch gut geglückt, nicht wahr? Laß mich sehen, Jenny. Wie schön du bist! Zu Hause denken sie, ich bin in Berlin. Ich übernachte heute im Hotel und bleibe einige Tage inkognito in der Stadt -- findest du das nicht großartig? Es ist übrigens dumm, daß du zu Hause wohnst. Sonst könnten wir den ganzen Tag über zusammen sein --.“

„Weißt du,“ sagte Jenny, „als du klopftest, dachte ich, es sei dein Vater.“

„Vater?“

„Ja.“ Sie wurde im selben Augenblick ein wenig verwirrt. Es fiel ihr plötzlich schwer, ihm den ganzen Zusammenhang zu erklären. „Ja, siehst du, dein Vater machte mir eines Tages einen Besuch, und seitdem ist er manchmal zum Tee zu mir gekommen. Wir haben dann gesessen und von dir gesprochen --.“

„Aber Jenny -- davon hast du ja kein Wort geschrieben! Du hast ja gar nicht erwähnt, daß du Vater getroffen hast!“

„Nein, das hab’ ich auch nicht. Ich wollte es dir lieber erzählen --. Die Sache ist also die, siehst du, deine Mutter weiß nichts davon. Dein Vater meinte, es sei besser, es nicht zu erwähnen --“.

„Nicht mir gegenüber?“

„Nein, nein, davon haben wir gar nicht gesprochen. Er denkt sicher, ich habe es dir erzählt. Nein, deine Mutter durfte nicht erfahren, daß wir uns kennen.“ Sie schwieg einen Augenblick. „Ich fand, es war -- nun ich mochte dir nicht schreiben, daß ich mit deinem Vater ein Geheimnis vor deiner Mutter hatte. Verstehst du mich?“

Helge schwieg.

„Es hat mich selber recht bedrückt,“ fuhr sie fort. „Aber er kam eben herauf und besuchte mich. Und ich finde ihn furchtbar nett, Helge; ich habe ihn sehr gern, deinen Vater.“

„Ja -- Vater kann ein sehr gewinnendes Wesen haben, wenn er will. Und daß du Malerin bist und --.“

„Deinetwegen, Helge, hat dein Vater mich gern. Das ist der Grund.“

Helge antwortete nicht.

„Und Mutter hast du nur das eine Mal gesehen?“

„Ja. -- Aber liebster, bester Freund, bist du nicht hungrig? Soll ich dir ein wenig zurecht machen?“

„Vielen Dank. Und heute Abend gehen wir zusammen essen!“

Wieder pochte jemand an die Tür.

„Das ist dein Vater,“ flüsterte Jenny.

„Pst -- sei still, -- nicht öffnen!“

Nach einem Weilchen ging jemand über den Gang wieder fort. Helge verzog das Gesicht.

„Aber liebster Junge, was ist dir?“

„Ich weiß nicht --. Wenn wir ihm nur nicht begegnen, Jenny -- wir wollen nicht gestört werden, nicht wahr? Niemanden treffen!“

„Nein.“ Sie küßte seinen Mund, bog seinen Kopf zurück und küßte ihn hinter beide Ohren.

* * * * *

„Und Franziska?“ sagte Jenny plötzlich, während sie nach dem Kaffee bei einem Glase Likör saßen und plauderten.

„Ja! Ja, du wußtest es wohl im voraus; sie hatte dir doch geschrieben?“

Jenny schüttelte den Kopf.

„Nicht ein Wort. Ich fiel ja aus allen Wolken, als ich ihren Brief bekam -- sie schrieb in aller Kürze, morgen hätte sie Hochzeit mit Ahlin. Ich ahnte nichts.“

„Wir auch nicht. Die beiden waren ja viel zusammen. Daß sie sich aber heiraten wollten, wußte nicht einmal Heggen, bis sie kam und ihn bat, ihr Trauzeuge zu sein.“

„Hast du sie seither gesehen?“

„Nein. Sie reisten noch am selben Tage nach Rocca di Papa und waren noch oben, als ich Rom verließ.“

Jenny saß eine Weile in Gedanken.

„Ich glaubte, sie hätte nur ihre Arbeit im Kopf,“ sagte sie.

„Heggen erzählte, daß sie das große Bild mit dem Tor beendet hätte, und daß es sehr gut ausgefallen sei, auch, daß sie mehrere andere Arbeiten begonnen habe.“

„Dann verheiratete sie sich also ganz plötzlich. Ich weiß nicht, ob sie eine Weile verlobt gewesen sind --.“

„Aber du, Jenny -- du schriebst, du hättest ein neues Bild angefangen?“

Jenny zog ihn mit sich zur Staffelei.

Die große Leinwand zeigte eine Straße, die sich nach links hinüber verlor, mit einer Häuserreihe in starker Perspektive, Kontor- und Werkstattsgebäude in graugrünen und dunklen, backsteinroten Farben. Auf der rechten Seite der Straße standen einige Lumpenhändlerbuden, und dahinter ragten die Brandmauern zum Himmel empor, in dessen kräftigem Blau hier und da schwere Regenwolken, graublau wie Blei und weiß wie Silber, standen. Greller Nachmittagssonnenschein fiel in die Straße, auf die Buden und Hausmauern, die rotgold aufleuchteten, und auf ein paar goldiggrüne, mit halbaufgesprungenen Knospen übersäte Baumkronen, die auf dem Platz zwischen Buden und Brandmauer standen. Als Staffage dienten Arbeitsleute, Karren und Geschäftswagen auf der Straße.

„Ich verstehe ja nicht viel davon. Aber --.“ Helge hielt sie fest umschlungen. „Ist es nicht sehr gut, du? Ich finde es wunderschön, Jenny -- herrlich!“

Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter:

„Während ich hier umherlief und auf meinen Jungen wartete -- ich bin ja im Frühling immer hier einsam und trübselig umhergeirrt. Als ich sah, wie Bergahorn und Kastanie ihr klares, lichtes Laub vor den rußigen Häusern und roten Mauern entfalteten -- als ich den prachtvollen Frühlingshimmel erblickte, der sich über all den schwarzen Dächern spannte, über Schornsteinen und Telephondrähten: da lockte es mich, dies alles zu malen, die feinen hellen Frühlingsknospen mitten in der schmutzigen schwarzen Stadt.“

„Wo liegt diese Stelle?“ fragte Helge.

„In der Stenerstraße. -- Ja, weißt du, dein Vater sprach von einigen Bildern von dir als kleinem Jungen, die er drüben im Büro hatte; die sollte ich mir ansehen. Und da entdeckte ich das Motiv von seinem Bürofenster aus und durfte dann in der Kistenfabrik nebenan arbeiten. Von dort aus ist es gemalt; ich mußte natürlich hin und wieder einiges umgestalten, ein wenig abändern --.“

„Du bist viel mit Vater zusammen gewesen?“ fragte Helge kurz darauf. „Er interessierte sich wohl sehr für dein Bild?“

„Ja, gewiß. Er kam mitunter zu mir herüber und betrachtete es, gab mir auch einige Ratschläge, die übrigens sehr gut waren. Er weiß ja eine Menge.“

„Glaubst du, daß Vater als Maler Talent hatte?“ sagte Helge.

„Ja. Das glaube ich. Die Bilder, die bei euch zu Hause hängen, waren nicht so besonders. Er hat mir aber einige Studien gezeigt, die er im Büro aufbewahrt. Ich glaube nicht, daß dein Vater +großes+ Talent hatte, aber es war ganz fein und eigentümlich. Nur von allen Seiten zu leicht zu beeinflussen. Aber das, glaube ich, hängt wieder mit seiner großen Fähigkeit zusammen, das Gute zu werten und zu lieben, das er bei anderen gesehen hat. Denn er hat so viel Verständnis für Kunst -- und Liebe zu ihr --.“

„Armer Vater,“ sagte Helge.

„Ja --.“ Jenny liebkoste ihren Freund. „Dein Vater leidet vielleicht weit mehr als du und ich ahnen.“

Dann küßten sie sich und vergaßen, weiter von Gert Gram zu sprechen.

„Bei dir zu Hause wissen sie nichts?“ fragte Helge.

„Nein,“ erwiderte Jenny.

„Aber im Anfang, als ich all meine Briefe an deine Mutter adressierte, fragte sie nie, wer da so jeden Tag an dich schrieb?“

„Nein. Meine Mutter ist nicht so!“

„+Meine+ Mutter,“ sagte Helge plötzlich heftig. „Mutter ist durchaus nicht so taktlos, wie du meinst. Du bist nicht gerade gerecht gegen meine arme Mutter -- ich finde, um meinetwillen könntest du es unterlassen, so von ihr zu reden --.“

„Aber Helge!“ Jenny sah zu ihm auf. „Ich habe ja doch nicht ein Wort über deine Mutter gesagt!“

„Du sagtest: +Meine+ Mutter ist nicht so.“

„Das ist nicht wahr. Meine +Mutter+, sagte ich.“

„+Meine+ Mutter, sagtest du. Daß du sie nicht leiden kannst, ist eine Sache für sich, obgleich du schließlich keinen Grund hast --. Aber du könntest doch daran denken, daß es +meine+ Mutter ist, von der du sprichst. Und ich habe sie lieb, wie sie auch sein mag --.“

„Helge! Aber Helge --.“ Sie hielt inne, denn sie fühlte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Es war ihr so fremd, Tränen zu vergießen, daß sie schwieg, beschämt und erschrocken. Er hatte es aber schon bemerkt:

„Jenny! Habe ich dir wehgetan? Herrgott! Da siehst du es selbst. Kaum bin ich heimgekehrt, so fängt es auch schon an --.“ Er schrie plötzlich, indem er die geballte Faust drohend erhob: „Oh, ich hasse das, ich +hasse+ das, es wird mein Heim zerreißen.“

„Mein Junge, lieber Junge -- du darfst nicht --. Geliebter, nimm es doch nicht so schwer!“ Sie zog ihn fest, fest an sich. „Helge! Hör zu, geliebter Freund -- was hat denn das mit uns zu schaffen. Sie können +uns+ doch nichts tun --,“ und sie küßte ihn, bis er aufhörte zu schluchzen und zu beben.

V.

Helge und Jenny saßen in seinem Zimmer auf dem Sofa und hielten sich schweigend umschlungen.

Es war an einem Sonntag Ende Juni. Jenny hatte am Vormittag einen Spaziergang mit Helge gemacht und bei Grams Mittag gegessen. Nach dem Kaffee hatten sie alle vier im Wohnzimmer gesessen und sich durch den Nachmittag gequält, bis Helge Jenny mit in sein Zimmer zog unter dem Vorwande, sie sollte etwas durchlesen, was er geschrieben hatte.

„Puh,“ sagte Jenny, als sie draußen waren.

Helge fragte nicht, warum sie so sprach. Er legte seinen Kopf fest in ihren Arm, und sie strich ihm übers Haar, stumm, ohne Aufhören.

„Ja, du.“ Helge seufzte „Es war gemütlicher bei dir in der Via Vantaggio -- nicht wahr, Jenny?“

Draußen in der Küche rasselten Teller, es brutzelte in der Bratpfanne und roch nach Fett. Frau Gram bereitete etwas Warmes zum Abendessen. Jenny ging an das offene Fenster und sah einen Augenblick in den schwarzen Schacht des Hofes. Alle Fenster nach hier hinaus waren Küchen- oder Schlafzimmerfenster mit Zuggardinen. In jeder Ecke des Hofes befand sich ein größeres Fenster, schräg eingebaut. Oh! Wie gut sie diese Eßzimmer kannte mit einem einzigen Fenster in der Ecke auf den Hof hinaus, dunkel und trübe, ohne einen Streifen Sonne. Der Ruß fegte hinein, wenn man lüftete, und der Essensgeruch setzte sich fest.

Aus dem Fenster eines Mädchenzimmers klang Guitarrespiel und ein kräftiger, ungeübter Sopran:

„Such Schutz bei unserem Herrn Jesus Christus, mein Freund, du brauchst nur anzuklopfen, und der Himmel tut sich auf.“

Die Guitarre erinnerte sie an die Via Vantaggio, an Cesca und Gunnar, der in der Sofaecke zu liegen pflegte, die Beine auf einem Stuhle, auf Cescas Guitarre zupfend und leise ihre italienischen Weisen summend. Plötzlich überfiel sie eine wilde Sehnsucht nach all dem dort unten.

Helge kam auf sie zu:

„Woran denkst du?“

„An die Via Vantaggio.“

„Ja, du -- wie herrlich hatten wir es dort, Jenny!“

Sie umschlang plötzlich seinen Hals und barg liebkosend seinen Kopf an ihrer Schulter. Schon als er sprach, hatte sie gemerkt, daß er den Grund +ihrer+ Sehnsucht nicht verstanden hatte.

Sie hob seinen Kopf wieder in die Höhe und blickte in seine bernsteingelben Augen; sie wollte an all die sonnenhellen Tage in der Campagna denken, als er, im Grase zwischen den Tausendschön liegend, zu ihr aufgeblickt hatte.

Sie +wollte+ dieses schwere, erstickende Unlustgefühl von sich abschütteln, das jedesmal wieder Macht über sie gewann, wenn sie in seinem Hause war.

Alles war hier so unleidlich. Gleich vom ersten Abend an, als sie nach Helges offizieller Ankunft eingeladen war. Wie hatte sie es gequält, daß sie dastehen und Komödie spielen mußte, als Frau Gram sie ihrem Manne vorstellte; und Helge war zugegen und sah zu, wie sie seine Mutter betrogen. Es quälte sie fürchterlich. Dann geschah etwas, das noch viel ekelhafter war. Sie war einen Augenblick mit Gram allein; da hatte er beiläufig erwähnt, daß er an jenem Nachmittag oben an ihrer Tür gewesen sei, sie aber nicht angetroffen habe. „Nein, ich war an dem Tage nicht im Atelier,“ hatte sie geantwortet, war aber gleichzeitig blutrot geworden. Dann hatte er sie so merkwürdig erstaunt angesehen, als sie -- sie wußte nicht, warum? -- plötzlich sagte: „Doch, ich war übrigens zu Hause. Ich konnte aber nicht öffnen, es war jemand bei mir.“

Gram hatte gelächelt und gesagt: „Ich habe es wohl gehört, daß jemand im Atelier war.“ Und in ihrer Verwirrung hatte sie erzählt, daß es Helge gewesen, und daß er sich ein paar Tage inkognito in der Stadt aufgehalten.

„Liebe Jenny,“ hatte Gram sichtbar unwillig erwidert: „Ihr hättet euch doch nicht vor mir zu verstecken brauchen. Ich hätte euch wahrhaftig in Frieden gelassen. Ja, ja. -- Aber ich muß doch sagen, daß es mich recht gefreut haben würde, wenn Helge mich begrüßt hätte --.“

Sie hatte darauf nichts zu erwidern gewußt.

„Ich werde aber achtgeben, daß Helge nicht erfährt, daß ich etwas davon weiß.“

Es war gar nicht ihre Absicht gewesen, Helge zu verheimlichen, daß sie seinem Vater davon erzählt hatte. Aber jetzt sagte sie es doch nicht -- aus Furcht, daß er darüber ärgerlich sein könnte. Sie litt aber und wurde nervös in dieser Umgebung, in die sie hineingeraten war: der eine durfte es nicht wissen und der andere durfte es nicht wissen.

Daheim hatten sie auch keine Ahnung. Aber das war etwas anderes. Es lag daran, daß sie nicht gewöhnt war, mit ihrer Mutter von ihren eigenen Angelegenheiten zu sprechen, sie hatte dort nie Verständnis gefunden, auch niemals gesucht oder erwartet. Dabei war ihre Mutter jetzt mit der Sorge um Ingeborg beschäftigt. Jenny hatte die Mutter dazu bestimmt, im Bundefjord eine Sommerwohnung zu mieten; Bodil und Nils fuhren von dort zur Schule in die Stadt, Jenny aber wohnte im Atelier und aß auswärts.

Sie war jedoch nie so glücklich über die Mutter und ihr Heim gewesen wie jetzt. Es kam nicht allein daher, daß die Mutter sie jetzt ein wenig verstand. Sie merkte auch hin und wieder, daß es Jenny schwer hatte, und zeigte dann ehrlichen Willen, zu helfen und zu trösten -- ohne zu fragen. Denn schon der Gedanke, einem ihrer Kinder eine aufdringliche Frage zu stellen, hätte ihr die Schamröte ins Gesicht getrieben. Aber dies hier, Helges Heim, mußte ja eine wahre Hölle für die Kinder gewesen sein. Und es war, als würfe die Mißstimmung ihre Schatten auf sie, auch wenn sie sonst zusammen waren. Aber sie wollte es überwinden. Ihr armer, armer Junge!

„Mein Helge!“ Und sie überfiel ihn plötzlich mit Liebkosungen. --

Jenny hatte Frau Gram angeboten, ihr mit dem Aufwaschen und dem Abendessen behilflich zu sein, aber jedesmal hatte die Hausfrau mit einem Lächeln erwidert:

„Nein, meine Liebe -- dazu sind Sie doch nicht hergekommen, damit sollen Sie wahrhaftig nichts zu tun haben, Fräulein Winge.“