Jenny

Part 14

Chapter 143,870 wordsPublic domain

„Und dann hast du sie eben geheiratet, weil sie ein Kind bekam. Das habe ich mir gedacht. Zum Dank hat sie dich siebenundzwanzig Jahre lang gequält und geplagt. -- Weißt du, die Gerechtigkeit, an die du da glaubst, ist recht grausam.“

Er lächelte müde: „Ich bin gar nicht so altmodisch, Jenny, wie du vielleicht denkst. Ich erblicke darin keine Sünde, daß zwei junge Menschen, die sich lieben und fühlen, daß sie zusammengehören, sich einander hingeben, ob nun unter gesetzlichen oder ungesetzlichen Umständen. Ich aber habe Rebekka tatsächlich verführt. Sie war unschuldig, als ich sie traf, nicht nur rein körperlich, meine ich. +Ich+ sah, wie sie war -- sie ahnte es selber nicht. Ich wußte, wie leidenschaftlich sie war, wie eifersüchtig und tyrannisch sie in ihrer Liebe sein würde. Ich machte mir aber den Teufel etwas daraus, ich fühlte mich geschmeichelt, daß gerade mir diese Leidenschaft galt, daß ich dieses herrliche Mädchen so ganz mein eigen nennen durfte. Natürlich hatte ich nie die Absicht, mich ihr ganz zu opfern, trotzdem ich wußte, sie würde alles fordern. Ich hatte nicht gerade vor, sie zu verlassen, glaubte aber, ich würde mich schon zu behaupten wissen. Ich hoffte, aus unserem Verhältnis ausschalten zu können, was ich ihr nicht geben wollte -- meine Interessen, meine Arbeit: mein eigentliches Leben -- obwohl ich wußte, sie würde versuchen, alles an sich zu reißen. Es war erzdumm von mir; ich wußte, ich war schwach, und sie stark und rücksichtslos. Aber ich rechnete darauf, daß ihre stärkere Leidenschaft mir, der ich in gewissen Punkten verhältnismäßig kalt war, ein Uebergewicht geben würde. -- Ich entdeckte, daß sie außer ihrer großen Fähigkeit zu lieben keine starken Eigenschaften besaß. Sie war eitel und ungebildet, neidisch und roh. Wir hatten keine seelische Gemeinschaft, was ich aber nicht vermißte. Ich wollte ja nur ihren herrlichen Körper besitzen, ihre verzehrende Leidenschaft genießen.“

Er erhob sich und ging zu Jenny hinüber, ergriff ihre Hände und preßte sie einen Augenblick an seine Augen.

„Konnte ich denn wissen, daß eine Ehe mit ihr ein einziges Elend sein würde? -- Ich mußte ernten, was ich gesät. Ich mußte sie also heiraten. Es war eine fürchterliche Zeit. Vorher, als sie zu mir ins Atelier kam -- wild und toll vor Uebermut -- verhöhnte sie jedes altväterische Vorurteil. Sie war stolz, Geliebte zu sein, übermütig -- für sie gab es nichts als dies freie Liebesleben. Als es dann eine schlimme Wendung mit ihr nahm, blies sie aus einem anderen Horn. Ich bekam von ihrer achtbaren Familie in Frederikshald zu hören, ihrer unbefleckten Tugend, ihrem guten Ruf -- ich dagegen war ein Schurke, ein Wicht, wenn ich sie nicht augenblicklich heiratete. Soundso viele Männer hatten sie auf diese oder jene Weise haben wollen, sie aber wollte sich weder verloben noch sich verführen lassen.

Ich hatte nichts zum Heiraten -- ich war Student, nicht einmal tüchtig, und hatte außer der Malerei nichts gelernt. Monate gingen hin. Ich mußte zu meinem alten Vater gehen. Dann heirateten wir, und zwei Monate später kam Helge. -- Meine Familie half mir, dies Geschäft zu beginnen. Ich hatte ja einmal große Träume von einem Kunstverlag ... meine Volksliederblätter! -- Aber die Herbeischaffung des täglichen Brotes und meine Familie machten mir Sorge und Mühe genug. Ich mußte sogar einmal akkordieren, wie du vielleicht gehört hast -- in den neunziger Jahren. Sie nahm ehrlich und redlich ihr Teil an Arbeit, Entbehrung und Armut auf ihre Schultern und hätte mit Freuden für mich und die Kinder gehungert. Es war bei meinen Gefühlen für sie beschämender, eingestehen zu müssen, daß sie sich für mich abarbeitete, sich aufopferte und für mich litt. -- Ich mußte auf alles verzichten, was mir lieb war. Zoll für Zoll zwang sie mich all das aufzugeben, was ich vor ihr voraus hatte. Mein Vater und sie waren Todfeinde von der ersten Stunde an. Sie war ihm unsympathisch! Und das verletzte ihre Eitelkeit. So trieb sie einen Keil zwischen uns beide. Vater war Beamter von der alten Schule, vielleicht ein wenig engherzig, steif und trocken -- aber so fein und vornehm und rechtlich denkend und im Grunde so warm, so weich und gut. Wir waren einander immer viel -- ja, Jenny, ich liebte ihn, aber das durfte ich natürlich nicht. -- Dann die Malerei! Ich sah, daß ich nicht die Fähigkeiten hatte, wie ich erst geglaubt. Ich vermochte aber nicht, mich immer und immer wieder zu versuchen, da ich doch nicht an mich selber glauben konnte, müde, wie ich war von der Jagd nach dem täglichen Brot und von diesem Zusammenleben, das mehr und mehr zu einer Karikatur wurde. Sie machte mir Vorwürfe, aber heimlich triumphierte sie. -- Und dann die Kinder! Sie war eifersüchtig, wenn sie merkte, ich freute mich über sie oder wenn sie sah, sie waren fröhlich mit mir. Sie wollte die Kinder nicht mit mir teilen, aber sie wollte mich auch nicht mit den Kindern teilen. Ihre Eifersucht wuchs sich mit den Jahren zu einer Art Irrsinn aus. Nun, du hast ja selbst gesehen.“

Jenny blickte zu ihm auf.

„Sie kann es kaum ertragen, daß wir in einem Raume zusammen sind, nicht einmal, wenn Helge dabei ist.“

Sie zauderte einen Augenblick, ehe sie auf ihn zuging und ihre Hände auf seine Schultern legte:

„Ich begreife nicht,“ flüsterte sie, „daß du dies Leben ausgehalten hast.“

Gert Gram beugte sich vor und legte seinen Kopf auf ihre Schulter:

„Ich verstehe es ja selber nicht, Jenny.“

Als er kurz darauf sein Antlitz hob und ihre Augen sich trafen, legte sie ihre Hand um seinen Nacken, und, überwältigt von einem unendlich verzweifelten, zarten Mitleid, küßte sie ihn auf Stirn und Wange.

Sie erschrak hinterher selbst, als sie auf sein Gesicht mit den geschlossenen Augen herniederblickte, wie es an ihrer Schulter ruhte. Aber dann richtete er sich sanft auf und erhob sich.

„Danke, kleine Jenny.“

Gram legte die Blätter in die Mappe zurück und räumte den Tisch ab.

„Ja, Jenny, ich wünsche dir, du mögest recht, recht glücklich werden. Du bist so jung und hell, so frisch und energisch und begabt. Mein liebes Kind -- du bist so, wie ich es selbst hatte sein wollen. Ich erreichte es aber niemals.“ Er sprach mit leiser, geistesabwesender Stimme.

„Ich glaube,“ sagte er kurz darauf ganz ruhig, „solange ein Verhältnis neu ist und man sich noch nicht eingelebt hat, kann einem so vieles begegnen, das schwer zu überwinden ist. Ich wünschte, ihr wohntet später nicht hier in der Stadt. Ihr sollt allein sein -- in der ersten Zeit -- fern von Verwandtschaft und dergleichen.“

„Helge hat ja die Stellung in Bergen beantragt, weißt du,“ sagte Jenny. Wieder überfiel sie diese närrische Verzweiflung und Angst, wenn sie an ihn dachte.

„Sprichst du nie mit deiner Mutter über diese Dinge, Jenny? Warum nicht? Hast du deine Mutter nicht lieb?“

„Doch, gewiß habe ich Mama lieb.“

„Du solltest sie um Rat fragen, mit ihr reden --“

„Es nützt mir nichts, andere um Rat zu bitten. Ich mag nicht über solche Dinge mit anderen sprechen,“ sagte sie abweisend.

„Nein, nein. Du bist --“ Er stand dem Fenster halb zugewandt, als er plötzlich zusammenfuhr und leise und aufgeregt ihr zuflüsterte:

„Jenny -- sie geht dort vorüber!“

„Wer?“

„Sie -- Rebekka.“

Jenny erhob sich. Sie hatte das Gefühl, als müßte sie +schreien+, vor Erbitterung und Ekel. Ein Zittern überfiel sie, jede Fiber in ihr krampfte sich zusammen, lehnte sich auf. Sie +wollte+ nicht hineingezogen werden in all das Häßliche, Schauderhafte, in dieses Mißtrauen, diesen Hader, diese haßerfüllten Worte, Zänkereien und Szenen ... Nein, sie wollte nicht da hinein --.

„Jenny, du bebst ja, Kind -- du solltest keine Furcht haben, dir darf sie nichts tun --.“

„Das ist es nicht -- ich bin nicht ängstlich.“ Sie wurde plötzlich kalt und hart. „Ich bin hier gewesen, um dich zu holen -- wir haben uns die Mappen angesehen und nun trinke ich bei euch Tee.“

„Es ist ja nicht sicher, daß sie etwas gesehen hat --“

„Das brauchen wir, weiß Gott, auch nicht zu verbergen! Weiß sie nicht, daß ich hier gewesen bin, so erfährt sie es eben. Ich gehe mit dir nach Hause, hörst du? Wir +müssen+ es tun, sowohl deinet- als auch meinetwegen --.“

Gram blickte sie an:

„Nun ja, nehmen wir es also auf uns.“

Als sie auf die Straße hinunter kamen, war Frau Gram gegangen.

„Wir fahren mit der Straßenbahn, Gert; es ist spät.“ Sie schwieg. Plötzlich fuhr sie auf. „Helges wegen müssen wir es auch tun; diese Geheimniskrämerei zwischen uns muß auch um seinetwillen ein Ende haben.“

* * * * *

Frau Gram öffnete ihnen selbst die Tür, als sie kamen. Während Gert Gram seine Erklärung vorbrachte, begegnete Jenny frei ihren bösen Augen:

„Das ist doch ärgerlich, daß Helge heute Abend nicht zu Hause ist. Glauben Sie nicht, daß er früher zurückkommt, Frau Gram?“

„Es ist aber auch merkwürdig, lieber Freund, daß du nicht daran gedacht hast,“ sagte Frau Gram zu ihrem Manne. „Es ist für Fräulein Winge schließlich kein Vergnügen, mit uns beiden einsamen Alten den ganzen Abend zu verbringen.“

„Oh, was das betrifft,“ meinte Jenny.

„Ich kann mich wirklich nicht entsinnen, daß Helge davon sprach, er ginge heute Abend fort,“ sagte Gram.

„Man ist es nicht gewöhnt, Sie ohne Handarbeit zu sehen,“ lächelte Frau Gram, als sie nach dem Essen im Wohnzimmer bei einander saßen. „Sie, die Sie immer so fleißig sind!“

„Nein, ich konnte nicht mehr nach Hause gehen, ich kam zu spät aus dem Atelier. Können Sie mir nicht eine Arbeit leihen, Frau Gram?“

Jenny unterhielt sich mit ihr über den Preis aufgezeichneter Handarbeiten hier und in Paris, und über die Bücher, die sie ihr geliehen hatte. Gram saß und las. Hin und wieder fühlte Jenny seine Augen auf ihr ruhen.

Gegen elf Uhr kam Helge. --

„Was ist denn geschehen?“ fragte er, als sie dann die Treppe hinuntergingen. „Ist zu Haus wieder eine Szene gewesen?“

„Durchaus nicht.“ Sie sprach heftig und nervös. „Deine Mutter nahm es wohl ungnädig auf, daß ich mit deinem Vater zusammen zu euch nach Hause kam.“

„Ich finde allerdings auch, das hättet ihr vermeiden können,“ sagte Helge zaghaft.

„Ich fahre mit der Straßenbahn nach Hause!“ Uebernervös, wie sie war, riß sie sich plötzlich unbeherrscht von ihm los. „Mehr ertrage ich heute Abend nicht, hörst du? Ich will nicht jedesmal diese Szenen mit dir haben, wenn ich bei euch gewesen bin. Gute Nacht!“

„Aber Jenny! Jenny --!“ Er lief ihr nach, aber sie war bereits an der Haltestelle. Die Bahn kam im selben Augenblick, Jenny sprang auf und ließ ihn stehen.

VII.

Sie ging den ganzen Vormittag über im Atelier auf und ab, ohne zu arbeiten. Sie hatte nicht die Kraft, etwas zu tun.

Der Regen trommelte unaufhörlich und laut auf dem großen Mansardenfenster. Hin und wieder hielt Jenny inne und blickte über die regennassen Schieferdächer, die schwarzen Schornsteine und Telephondrähte hinweg, an denen die Regentropfen wie Perlen entlangglitten, zusammenliefen und niederfielen, um neuen Tropfen, die schnell herbeiliefen, Platz zu machen.

Ihr kam der Gedanke, in den Bundefjord zur Mutter und den Kindern zu reisen, einige Tage wenigstens. Von all diesem hier +mußte+ sie fort. Oder sie wollte die Stadt verlassen, irgendwo in einem Hotel Wohnung nehmen, Helge bitten, nachzukommen, um mit ihm in Ruhe sprechen zu können.

Wenn sie beide nur eine Zeitlang allein sein könnten! Sie versuchte, sich ihren Lenz dort unten vor Augen zu führen, sie erinnerte sich der Wärme und der grünen Campagna, der weißen Blüten, des silberfeinen Dunstes über dem Gebirge und ihrer eigenen Freude. Aber Helges Bild aus jener Zeit -- wie er in ihren verliebten Augen ausgesehen hatte, schien sie nicht zurückrufen zu können.

Diese Tage lagen nun schon so weit hinter ihr, und sie standen so sonderbar isoliert von ihrem übrigen Leben da. Wenn sie auch noch so genau +wußte+, wie es gewesen, so konnte sie doch die Verbindung zwischen damals und heute nicht mehr +fühlen+.

Dieses Haus in der Welhavenenstraße -- nein, dort gehörte sie nicht hin. Und es war ihr, als entschwinde Helge ihr dort gleichsam vor ihren Augen. Es war unfaßbar, sie wollte es einfach nicht glauben, daß diese Menschen zu ihr gehören sollten, für alle Zukunft.

Nein. Er, Gram, hatte Recht. Sie mußten aus all diesem heraus.

Sie wollte reisen. Sofort. Ehe Helge käme und eine Erklärung für den gestrigen Tag forderte.

Eben hatte sie die Handtasche gepackt und zog den Regenmantel über, als es klopfte -- mehrmals. Sie erkannte Helges Zeichen.

Jenny stand mäuschenstill und wartete, bis er gegangen war. Kurz darauf ergriff sie ihre Reisetasche, verschloß das Atelier und ging.

Als sie ein Stück die Treppe hinuntergekommen war, sah sie einen Mann in einem der Flurfenster sitzen. Es war Helge. Er hatte sie bereits gesehen. So ging sie denn zu ihm hinunter. Einen Augenblick starrten sie sich an.

„Warum wolltest du mir eben nicht öffnen?“ fragte er.

Jenny antwortete nicht.

„Hörtest du nicht, daß ich klopfte?“

„Doch. Ich hatte aber kein Verlangen mit dir zu sprechen.“

Er erblickte ihren Handkoffer.

„Willst du zu deiner Mutter fahren?“

Jenny überlegte einen Augenblick:

„Nein. Ich gedenke einige Tage nach Holmestrand zu reisen. Ich wollte dir dann schreiben und dich bitten, nachzukommen. Wir konnten dann eine Weile zusammen sein, ohne daß sich Unbeteiligte hineinmischen und uns Szenen machen. Ich würde gern mit dir in Ruhe und Frieden reden.“

„Ich hätte auch gern mit dir gesprochen. Können wir nicht zu dir hinaufgehen?“

Sie antwortete nicht gleich.

„Ist jemand bei dir oben?“ fragte er.

Jenny richtete ihre Augen auf ihn:

„Jemand oben? Wenn ich gegangen bin?“

„Es könnte ja jemand sein, mit dem du nicht zusammen fortgehen magst.“

Sie wurde brennend rot.

„Wie meinst du das, ich konnte ja gar nicht wissen, daß du mir hier auflauertest.“

„Liebe Jenny, du kannst dir doch denken -- ich meine doch nicht, daß von deiner Seite etwas Unrechtes darin läge.“

Jenny erwiderte nichts, sondern stieg die Treppe wieder hinauf. Oben im Atelier setzte sie den Koffer nieder, blieb im Mantel stehen und beobachtete Helge, wie er seinen Regenmantel ablegte und den Schirm in einen Winkel stellte.

„Vater erzählte es mir heute morgen, daß du bei ihm gewesen bist, und daß Mutter draußen vorbeiging --.“

„Ja.“ Sie schwieg einen Augenblick. „Es ist eine merkwürdige Angelegenheit bei euch zu Hause -- so auf der Lauer zu liegen. Es wird mir recht schwer, mich daran zu gewöhnen, muß ich sagen.“

Helge wurde rot:

„Liebste Jenny, ich +mußte+ mit dir sprechen. Die Portierfrau sagte, sie glaubte ganz bestimmt, du seiest oben. Du weißt doch wohl, daß ich nicht +dir+ mißtraue --“

„Ich weiß bald nicht mehr aus noch ein,“ antwortete sie aufgebracht. „Ich kann das nicht mehr aushalten -- all den Argwohn, diese Geheimnistuerei, diesen Unfrieden und die Häßlichkeit. Herrgott, Helge -- kannst du mich denn nicht ein wenig dagegen schützen!“

„Arme Jenny.“ Er erhob sich und ging zum Fenster, den Rücken ihr zugewandt.

„Ich habe mehr darunter gelitten, Jenny, als du ahnst. Es ist zum Verzweifeln. Denn -- begreifst du das nicht selber -- Mutters Eifersucht ist doch nicht ganz unbegründet.“

Jenny zuckte zusammen. Helge wandte sich um und sah es.

„Ich glaube natürlich nicht, daß Vater sich dessen bewußt ist. Sonst würde er seinem Verlangen, mit dir zusammen zu sein -- nicht in diesem Maße nachgeben. Obgleich --. Er sprach auch mit mir darüber, daß wir beide fort müßten, fort aus dieser Stadt. Ich weiß nicht -- hat er dich nicht überhaupt auf die Reise gebracht?“

„Auf diese Reise nach Holmestrand bin ich selbst gekommen. Er sprach aber gestern mit mir davon, daß wir nicht hier in der Stadt wohnen dürften -- wenn wir verheiratet wären --“

Sie ging auf ihn zu und legte beide Hände auf seine Schultern. Ihre Stimme war klagend:

„Helge, mein Freund -- ich muß ja reisen, wenn es so ist -- Helge, Helge -- was sollen wir tun?“

„Ich reise,“ sagte er kurz. Er nahm ihre Hände von seinen Schultern und preßte sie an seine Wangen. So standen sie einen Augenblick still.

„Auch ich muß reisen. Kannst du denn nicht verstehen? Als ich noch dachte, deine Mutter sei ungerecht -- ja, und auch unfein -- konnte ich ihr gegenüber tun, als ginge es mich nichts an. Aber jetzt -- du hättest das nicht sagen dürfen, Helge -- selbst wenn du dich irrtest. Ich kann nicht mehr dorthin gehen, wenn ich darüber nachgrübeln muß, ob sie auch nur einen leisen Schein von Recht hat; ich werde unsicher, ich weiß, ich kann ihr gegenüber nicht meine Fassung bewahren -- ich komme mir vor wie eine Schuldige ...“

„Komm.“ Er zog sie mit sich zum Sofa und setzte sich neben sie. „Ich will dich etwas fragen.“

„Liebst du mich, Jenny?“

„Das weißt du,“ sagte sie hastig und bang.

Er nahm ihre Hand in seine beiden:

„Ich weiß, du hast es eine Zeitlang getan. Gott weiß, ich begriff nie, aus welchem Grunde. Aber ich wußte, du sprachst die Wahrheit, wenn du es sagtest. Dein ganzes Wesen gegen mich war Liebe, Güte und Freude. Aber ich hatte immer Angst, daß der Tag kommen würde, an dem du mich nicht mehr liebtest.“

Sie blickte ihm in das weiße Gesicht:

„Ich bin dir so gut, Helge.“

„Ich weiß es wohl.“ Er lächelte flüchtig. „Ich weiß wohl, du bist nicht eine von denen, deren Herz erkaltet gegen den Mann, den sie einstmals liebten. Ich weiß auch, du willst mir nicht wehe tun -- du wirst selbst leiden, wenn du mich nicht mehr liebst. -- Ich habe dich so grenzenlos lieb, siehst du --“

Er senkte seinen Kopf und weinte. Sie zog ihn fest an sich:

„Helge. Mein Junge. Mein lieber, lieber Junge.“

Er hob wieder den Kopf und schob sie sanft zurück:

„Jenny -- damals in Rom -- ich hätte dich nehmen können. Du wolltest mein werden -- ganz. Du hattest den guten Willen -- in deiner Seele herrschte kein Zweifel darüber, daß unser Zusammenleben für uns Glück bedeuten würde. Ich war nicht so sicher -- darum wohl wagte ich es nicht --. Später, hier zu Hause ... Ich sehnte mich so unsagbar. Ich wollte dich ganz besitzen, da ich fürchtete, dich eines Tages zu verlieren. Aber ich merkte, wie du immer auswichest, wenn du fühltest, daß dies Begehren in mir aufstieg.“

Sie blickte ihn erschrocken an. Es war so! Sie hatte es sich nicht gestehen wollen -- aber er hatte Recht.

„Wenn ich dich jetzt bäte. In dieser Stunde!?“

Jenny bewegte die Lippen. Dann sagte sie schnell und fest:

„Ja.“

Helge lächelte traurig und küßte ihre Hand:

„Willig und gern? Weil +du+ mein sein willst? Weil du dir ein Glück ohne mich und dich nicht denken kannst? Nicht nur, weil du mir etwas Liebes antun willst? Nicht nur, weil du nicht dein Wort brechen willst? Antworte aufrichtig!“

Sie warf sich weinend über seine Knie:

„Laß mich fortreisen! Ich will ins Gebirge fahren. Hörst du, Helge -- ich muß mich selber wiederfinden -- ich will +deine+ Jenny werden, wie in Rom. Ich +will+, Helge -- ich weiß weder aus noch ein, aber ich +will+. Wenn ich ruhiger geworden bin, schreibe ich an dich; dann kommst du nach und dann bin ich nur deine, ganz deine Jenny --.“

„Jenny,“ sagte Helge leise. „Ich bin meiner Mutter Sohn. Wir haben uns voneinander entfernt -- wir haben uns schon jetzt voneinander entfernt. Du müßtest mich davon überzeugen, daß ich dir das Höchste auf Erden bin, das Einzige, mehr als alles andere -- aber du kannst nicht. Ich fühle ja, daß du zu deiner Arbeit, deinen Freunden mehr gehörst als zu mir, während du dich unter den Menschen fremd fühlst, die mir nahestehen --.“

„Ich fühle mich deinem Vater gegenüber nicht so fremd,“ flüsterte Jenny unter Tränen.

„Nein. Aber Vater und ich sind uns fremd. Jenny -- da ist deine Arbeit, in der ich niemals ganz eins mit dir werden kann. Ich weiß jetzt, daß ich auch darauf eifersüchtig bin. Jenny, verstehst du nicht, ich +bin+ ja ihr Sohn. Fühle ich nicht sicher, daß ich für dich alles auf der Welt bedeute, so muß ich eifersüchtig sein, fürchten, daß eines Tages einer kommt, den du ganz lieben wirst, der dich besser versteht --. Ich bin von Natur eifersüchtig --.“

„Du darfst es nicht sein, Helge. Dann zerbricht alles. Ich +dulde+ kein Mißtrauen gegen mich. Hörst du -- ich kann leichter verzeihen, wenn du mich betrügst, als wenn du an mir zweifelst --.“

„Das könnte ich nicht.“ Er lachte gequält.

Jenny strich sich das Haar aus der Stirn und trocknete die Augen:

„Helge. Wir haben uns doch gern. Wenn wir alles um uns her verließen und wenn wir beide den +Willen+ hätten, alles gutzumachen. Wenn zwei Menschen einander gut sein und einander glücklich machen +wollen+ --.“

„Ich habe zu viel gesehen. Ich wage nicht auf meinen und deinen Willen zu bauen. Da sind andere, die auch auf den guten Willen gehofft haben. Ich habe gesehen, wie zwei Menschen einander das Leben zur Hölle machen können. -- Du sollst mir auf das antworten, was ich dich fragte. Liebst du mich? Willst du mein sein -- wie in Rom? Darf ich heute Nacht bei dir bleiben? Ist das dein Wunsch, der höchste, den du hast?“

„Ich bin dir doch gut, Helge.“ Sie schluchzte verzweifelt und leise.

„Ich danke dir,“ sagte er. Er ergriff ihre Hand und küßte sie. „Du kannst ja nichts dafür, armes Liebes, daß du mich nicht liebst. Das weiß ich wohl.“

„Helge!“ klagte sie flehend.

„Du kannst mir nicht sagen, Jenny, daß ich bleiben soll, weil du ohne mich nicht leben kannst. Wagst du es, die Verantwortung für alle Folgen zu übernehmen, wenn du sagst, du liebtest mich, nur damit ich jetzt nicht traurig von dir gehe --?“

Jenny starrte in ihren Schoß.

Helge zog den Regenmantel an und griff nach seinem Schirm.

„Leb wohl, Jenny.“ Er nahm ihre Hand.

„Gehst du von mir, Helge?“

„Ja, Jenny, ich gehe.“

„Kommst du nicht wieder?“

„Nur, wenn du mir sagen kannst, was ich dich fragte.“

„Das kann ich jetzt nicht sagen,“ flüsterte sie verzweifelt.

Helge strich ihr flüchtig übers Haar. Dann ging er.

* * * * *

Jenny blieb weinend auf dem Sofa sitzen. Sie schluchzte bitterlich und lange -- ohne zu denken. Und inmitten der tiefen Müdigkeit, die darauf folgte, der Mattigkeit nach der kleinlichen Quälerei, der kleinlichen Demütigung und dem kleinlichen Hader der letzten Monate fühlte sie ihr Herz so leer und kalt. Helge hatte Recht.

Nach einer Weile verspürte sie Hunger. Als sie nach der Uhr sah, war es sechs.

Sie hatte vier Stunden so dagesessen. Als sie ihren Mantel anziehen wollte, entdeckte sie, daß sie ihn gar nicht abgelegt hatte.

Drüben an der Tür hatte sich eine Wasserpfütze gebildet -- zwischen einigen Bildern im Blendrahmen. Jenny suchte nach einem Lappen und trocknete den Boden auf. Da fiel ihr plötzlich ein, daß das Wasser von Helges Schirm herrührte. Sie lehnte die Stirn an den Türrahmen und weinte wieder.

VIII.

Das Mittagessen war schnell beendet. Sie versuchte die Zeitung zu lesen und eine Weile ihre Gedanken auszuschalten. Es war aber umsonst. So würde es doch besser sein, heimzugehen und sich dort hinzusetzen --.

Als sie kam, stand ein Mann wartend auf dem obersten Treppenabsatz. Er war groß und schmächtig. Sie sprang die letzten Stufen hinauf und rief Helges Namen.

Sie erkannte seinen Vater. „Es ist nicht Helge,“ entgegnete er.

Jenny streckte ihm atemlos beide Hände entgegen:

„Gert -- was ist -- ist etwas Schlimmes geschehen?“

„Still, still, Jenny.“ Er ergriff ihre Hand. „Helge ist fortgereist nach Kongsberg zu einem Freund, einem Schulkameraden, der dort Arzt ist. Zu Besuch. Herrgott, Kind, du fürchtest doch nichts anderes --.“ Er lächelte ganz leise.

„Oh, ich weiß nicht --.“

„Nein. Aber liebe Jenny -- du bist ja ganz außer dir --.“

Sie ging ihm vorauf durch den Gang und schloß das Atelier auf. Drinnen war es taghell und Gert Gram betrachtete sie. Er war selbst bleich.

„Ist dir so weh ums Herz, Jenny? -- Helge sagte -- ich verstand ihn jedenfalls so -- daß ihr übereingekommen seid ... ihr fändet beide, daß ihr nicht zueinander paßt --.“