Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden
Part 9
Aber der eine Brief von dem ostpreußischen Dorfvorsteher, der ist doch zu bunt. Die Zuckerfabrik hat das ganze Flüßchen, aus dessen Fischereiertrag das einst arme Dörfchen sich zur Wohlhabenheit heraufgearbeitet hatte, in eine Kloake umgewandelt. Kein Fisch ist mehr darin. Beschwerden beim Landrat -- fruchtlos. Der Landrat ist gut Freund mit den Fabrikherren. Beschwerde beim Kreisausschuß -- fruchtlos. Der Landrat sei Vorsitzender. Beschwerde bei der Provinzialregierung. Alles umsonst. Ging an den Landrat zur Berichterstattung. Vorher hätten sie alle konservativ gewählt. Nun seien sie fast alle Sozialisten geworden, weil sie sich nicht anders zu helfen wüßten. Ihr Kandidat habe gesagt, er wolle es im Reichstag schon an die große Glocke bringen. Aber nun hätte er zu mir doch noch größeres Vertrauen. Sei ihm auch lieber, wenn die Sache in Frieden geschlichtet werde. Aber geschehen müßte bald etwas. Ich habe ihm geraten, schleunigst eine dringliche Eingabe beim Reichsgesundheitsamt einzureichen. Habe ihm auch gleich die Eingabe dazu mitgeschickt, da er mit der Feder nicht recht Bescheid weiß. Hoffentlich hilft's was!
Und wie in Ostpreußen, so sind auch hier bei uns die ganzen Flüsse verpestet, -- kein Lachs, kein Aal, kaum noch ein Weißfisch darin. Es ist ein Skandal. Die Gerbereien richten alles zugrunde. Und vor zwanzig Jahren noch Lachse bis oben hinauf. Wegen des Schmutzes kommen sie nicht mehr zum Laichen in den Fluß.
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Heute nacht hatte ich einen wunderlichen Traum. In einem Garten stand eine Tulpe dicht neben einer Narzisse im hellen, warmen Frühlingssonnenschein. War es die Wärme, oder war es der Duft der Narzisse, der die Tulpe sich zur Narzisse neigen ließ, ich weiß es nicht. Aber die beiden freundeten sich an, sie tauschten Duft um Duft und waren guter Dinge dabei und blühten und dufteten, daß es eine Freude war. Und die Tulpe dachte nicht anders, als daß die Narzisse nur ganz allein für sie blühte und duftete. Da kam der Gärtner, schnitt beide ab und stellte sie mit anderen Blumen in eine Vase mit Wasser. Als die Tulpe nun sah, in wie enge Berührung die Narzisse mit den anderen Blumen trat, da richtete sie sich stracks auf, so daß ihr Blumenhaupt möglichst weit von der Narzisse sich wegbog, und machte ein steifes, selbstbewußtes Gesicht. Vor Scham über die Kälte der Freundin ließ die Narzisse ihr Blütenhaupt hängen. Das merkten die anderen Blumen und sprachen: »Tröste dich doch, sie hat nur zu viel Wasser geschluckt. Sie wird verblühen, wie wir alle. Daher laß uns duften und Freude spenden, solange es Zeit ist. Mag sie in ihrem Stolze prangen. Dufte du nur und erquicke die Menschen.«
Als ich aufwachte, fiel mir ein kleines Erlebnis ein, das ich kürzlich auf der Straße gehabt hatte. Ich hörte im Vorbeigehen, wie zwei Bürschchen von vier bis fünf Jahren sich zankten, nachdem sie mir ihre Patschhände gegeben und guten Tag gesagt hatten: »Dat is mien Doktor!« »Nee,« sagt der andere, »dat is mien Doktor!« So fliegt Rede und Gegenrede immer erregter herüber und hinüber, bis schließlich der eine weinerlich ausruft: »Wenn dat ok dien Doktor is, denn mag ick em gornich mehr lieden.«
Merkwürdig, daß die Menschen die Neigung haben, alles ganz besitzen zu wollen, während doch unser ganzes Leben darauf hinweist, daß uns allen alles gemeinsam ist; das Sonnenlicht, das uns alle umflutet, die Luft, die wir alle gemeinsam einatmen, die Töne, die gemeinsam unser Ohr treffen. So sollten auch wir lernen, neidlos Liebe um Liebe zu geben und zu nehmen, uns an ihr zu freuen und zu erquicken, wie am Duft der Blumen, und uns in ihr stärken, wie durch das Licht der Sonne; denn die Liebe ist das Sonnenlicht der Seele!
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Da schreibt mir der Ökonomierat Ahsbahs aus Glückstadt, daß 1890 im Deutschen Reiche an Milzbrand und Rauschbrand 2798 Stück Rindvieh krepiert sind, 1906 schon 7333 Stück, in Schleswig-Holstein 1890 86 Rinder, 1906 1324 Stück. Er habe meine Schriften gelesen und eingesehen, daß ich völlig recht habe. So dürfe es nicht weitergehen. Die verjauchten Flüsse träten bei Hochwasser über ihre Ufer und verpesteten die ganzen Weideländereien. Die ganze holsteinische Pferdezucht litte darunter. Seine besten Rassetiere unter den Kühen seien dem Milzbrand zum Opfer gefallen. Nun wolle er mit mir Schulter an Schulter für die Wahrheit kämpfen.
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Der König von Schweden, der schon als Kronprinz durch seine Mitgliedschaft des schwedischen Nüchternheitsvereins ein tapferer Vorkämpfer im Kampfe gegen das Elend war, hat die Vertreter des Guttemplerordens auf der Weltlogensitzung in seiner Sommerresidenz empfangen, und offen vor allem Volk die Notwendigkeit unseres Kampfes anerkannt. Nun muß er sich den Haß von Brennern und Brauern gefallen lassen. Aber sein Volk liebt und verehrt ihn mit heißem Herzen.
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Ich sah in einer Gemäldesammlung ein wunderlich ergreifendes Bild. Auf einem sandigen, kahlen Hügel, auf dem nur spärlich stachlichtes Kraut wuchs, stand ein Kreuz, aus drei rohen Balken gezimmert. An ihm hing ein jugendliches Weib. Sein Antlitz zeigte noch im Tode ein selig verklärtes Lächeln und eine schier überirdische Güte. Zart umhüllte das weiße Gewand den vollendet schönen Körper. An dem Fuß des Hügels brandete grau und tot das Meer. Am fernen Horizont ging in trübem Nebel die Sonne unter. Das Bild war ergreifend gemalt. Erschüttert stand ich vor ihm. Wollte es mir eine Geschichte unseres Lebens erzählen, einen Schlüssel des menschlichen Lebens geben? Plötzlich berührte jemand von hinten meine Schulter. »Gefällt es Ihnen,« kicherte eine leise Stimme. »Soll ich Ihnen sagen, was es bedeutet? Ich weiß es, denn ich bin der Maler, der es gemalt hat. Sehen Sie, das schöne Weib dort am Kreuz ist das Glück. Der Hügel, auf dem das Kreuz steht, mit seinen Nesseln und Disteln, -- das ist der Alltag, -- die drei Balken, die das Kreuz zusammenhalten, sind der Hochmut, die Herzlosigkeit und die Genußsucht. Das Meer sind die unnützen Sorgen, die wir uns machen, der Nebel ist der Kleinmut, der die Sonne, unsere Tatkraft, verdunkelt.« Der Maler hatte recht, aber er war über seine Erkenntnis wahnsinnig geworden. Ihm hatte offenbar die Kraft gefehlt, die Nebel zu verscheuchen, das Weib vom Kreuz zu erlösen und vom Hügel herab durch die Wogen des Meeres zum Land der Sonne zu tragen.
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Herrgott, -- ich wollte, ich wäre ein reicher Kerl; ich wüßte, was ich täte! Ich legte mein ganzes Geld in Bauvereinen an. Aber nur Einzelhäuser mit Gärten müßten sie schaffen, weit draußen, wo das Land noch billig ist, aber so, daß die Leute mit der Bahn doch schnell zur Stadt kommen könnten, -- und mit den Zinsen, die sie in ihrer Miete zahlen müßten, schüfe ich immer neuen Segen, trocknete ich Tränen von Witwen, hülfe Kranken und Armen und trüge Aufklärung in unser Volk und immer wieder Aufklärung. So schüfe ich ihnen Leben und Vaterland und zeigte ihnen, wie sie beides lieben könnten. Denn Aufklärung heißt Lieben. Nur wo die Aufklärung fehlt, wo die Beschränktheit das eigene Ich in den Vordergrund schiebt, fehlt die Liebe! Nur hier fehlt sie auf die Dauer!
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Ist es Zufall? Oder sind es die Wellenkreise des Geistes, die unser menschliches Leben ausmachen und, unsichtbar für uns und, oft genug von uns nicht beachtet, sich gegenseitig schneidend uns berühren?
Heute abend war ich bei Professor U., einem der Führer des neuen Monistenbundes, zum Herrenabend eingeladen, »zu Ehren von Professor Verworn«, dem Physiologen und Philosophen aus Göttingen. Lange schon haben sie an mir herumgebastelt, daß ich in ihr Lager übertrete; ich, als alter Naturwissenschaftler, Anhänger der Deszendenztheorie, Schüler von Darwin und Haeckel, könne und dürfe gar nicht anders. Aber mich hielt etwas zurück, wußte selbst nicht was.
Monisten? »Monos?« »Nur Eins« -- das ist's, was mich abhielt: Ihr seht nur den Stoff und seine Kraftäußerungen. Für euch ist die Seele nur die Tätigkeit der Ganglienzellen in euren Gehirnen, die aufhört zu sein, wenn euer Gehirn nach eurem Tode wieder in Atome zerfällt, -- aber ihr vergeßt die Wellenringe, die von diesen Ganglienzellen ausgingen, als sie noch zusammenhielten, diese Wellenringe des Geistes, die ebensowenig vergehen können wie irgend eine Kraftäußerung der Materie. Und nun nehmt die Summe dieser Wellenringe des Guten, Schönen; nehmt die Summe dieser Wellenringe der Liebe, die, ehe es Lebendiges auf der Welt gab, das All durchfluten, die es durchfluten seit Ewigkeiten; nehmt die Summe aller jener Gesetze, die so wunderbar das Ganze »werden« ließen, in denen auch ihr die Zweckmäßigkeit bewundern müßt, die wir Weisheit nennen, -- was wollt ihr mit der Summe all dieser Liebe und Weisheit anfangen, die seit Ewigkeiten wirkt und webt?
Ich kenne ihren Träger nicht und hüte mich, das Gebot Mosis zu verletzen, mir ein Bildnis von ihm zu machen! Aber diese Summe ist da, -- ist »Er!« --
Sie wollen auf meine Kinderstubenweisheit nicht hören. »Man könne nicht ins Aschgraue weiterfragen. Man müsse sich mit der erreichbaren Erkenntnis der Gesetze zufrieden geben.« Ein schöner Trost.
Aber es sind feine, kluge, gute Menschen, zumeist Juden. Und einer der klügsten und besten mein Professor U. Es ist wirklich schade, daß er »Monist« ist, und hat doch solch starke Dosis von dieser großen Summe der »Liebe« abbekommen, jener Charitas, die Christus der Welt als Lebensbasis gepredigt hat, Er, der doch auch aus dem Judentum hervorgegangen ist, wenn auch manche jetzt behaupten wollen, Christus sei arischen Stammes gewesen. Aber gelernt hat er im jüdischen Tempel.
Mehr als einmal hat mir der gute Professor geholfen, wo es galt, Not zu lindern, Kollegen, Mitmenschen aus tiefster Not wieder emporzureißen zu menschenwürdiger Existenz. Und nun Monist? Zu schade.
Nach dem Essen komme ich mit seiner braven Frau ins Gespräch, einer feingebildeten, strenggläubigen Jüdin.
»Sie wissen, Doktor, wie lieb ich meinen Mann habe, und wie ich ihn verehre, -- aber in seinen Monistenbund kann ich nicht mit eintreten. Als mein Mann vor einem Jahre so krank war, daß wir uns alle auf das schlimmste gefaßt machten, da habe ich zu Gott gebetet, täglich, stündlich, -- und mein Mann genas. Und nun, wo es uns so gut geht, da soll ich Gott abdanken und in den Bund eintreten, -- das kann ich nicht. Das käme mir zu treulos und undankbar vor.«
Mich durchrieselt es wie von heiliger Scheu vor dieser Frau, die so still und schlicht und dabei so offen und ehrlich ihr Glaubensbekenntnis ablegt. Ich wollte, recht viele von unseren kaltherzigen, modernen Christenfrauen könnten ihr Glaubensbekenntnis hören. Vielleicht würden sie dann auch mehr Dankbarkeit und Liebe für ihre Männer haben.
Und was mich da aus dem kindlichen, unwissenschaftlichen Bekenntnis dieser Jüdin packt, -- ist's nicht wieder ein Wellenring jenes großen Geistes, der eben die Summe aller jener guten, großen, liebevollen Gedanken umfaßt, die die Welt des Geistes seit ihrem Bestehen erwärmt haben? --
Wie ich daheim auf der Eisenbahnstation unserer Vorortsbahn in unserem Gottesgarten aussteige, -- 's ist der letzte Zug, Mitternacht ist vorbei --, treffe ich den Hochtempler unserer Loge, meinen braven Schulmeister. Er sieht so gedrückt aus, fast, als habe er geweint, und etwas Zorniges, Festes liegt auch noch auf dem Gesicht. »Hallo, Bruder, was gibt's? Wo drückt der Schuh?« -- Da erzählt er mir, während wir durch den nächtlichen Nebel heimwärtsschreiten, er käme aus der Distriktslogensitzung. Heiße Köpfe habe es gegeben. »Was war denn los?« -- Zwei Ordensbrüder, -- ich kenne sie wohl, intelligente Köpfe sind es und eifrig an der Rettungsarbeit, -- hätten den Antrag gestellt, aus unserem Ritual alles, was von Gott, Christus oder Gebet darin vorkomme, zu streichen. Es sei nicht mehr zeitgemäß. Wir lebten im Zeitalter der Naturwissenschaften, und da sei es an der Zeit, mit den Überbleibseln der alten Dogmen aufzuräumen. Aber er wolle sich seinen Gott und seinen Christus nicht rauben lassen; lieber träte er ganz aus dem Orden aus. -- So heftig und scharf habe ich den sanftmütigen Mann noch nie reden hören.
Der Teufel soll drein schlagen! Was hat denn Gott und Christus mit dem Dogma zu tun! Mag doch ein jeder sich seinen Gott so groß und so behaglich denken, wie er's kann nach seinem bißchen Verstande. Aber ihn so einfach mir und dir nichts streichen, das ist ja gerade wie zur Zeit der Französischen Revolution!
»Wann ist die nächste Sitzung?« -- »In vierzehn Tagen.« -- Da muß ich hin, ich will ihnen Wellenkreise um ihre Köpfe ziehen, daß ihnen die Schuppen von ihren Augen fallen, und ...
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Das war eine heiße Sitzung. Das Gebet sollte fallen. Es sollte nur eine Aufforderung erlassen werden zu einem sittlichen Lebenswandel. -- Warum nicht in Form des Gebetes?
Wunderlich, die Antragsteller sind alle Beamte. Da liegt's. Sie wollen außerhalb ihres Amtes keinen Vorgesetzten haben. Und wenn sie bitten: Herr, hilf mir --, so spüren sie in dem »Herrn« eben den über ihnen Stehenden. Und weil sie von der Schule her gewohnt sind, dabei an den »Persönlichen« zu denken, so wollen sie ihn abschütteln, wollen frei sein.
Da sagte ich ihnen, wie ich es erschaut hatte: ich halte es für einen Frevel, von einem »persönlichen Gott« zu reden, für einen Frevel gegen das Wort im 2. Buch Mosis: »Ihr sollt euch kein Bildnis machen!« Denn diesen »persönlichen Gott« haben sich die Menschen nach ihrem kleinen Menschenbildnis zurechtmodelliert.
Ich aber beuge mich vor dem »Unbekannten«, -- der in der Welt ist als Seele der Welt, unvergänglich, wie die Welt unvergänglich ist, unvergänglich, wie jede Kraftäußerung der Materie, -- eins mit ihr und doch über ihr stehend, wie eure guten, mitfühlenden Herzen, die euch zu eurem Samariterwerk treiben, die Verlorenen aufzusuchen und zu retten; die euch treiben, die Wahrheit zu bekennen, Aufklärung zu verbreiten und Samen des Guten auszustreuen, Samen, der, wenn eure Körper längst in Atome zerflattert sind, weiterwächst und weiterwuchert, wie ein feiner Same, heute und weiter wohl in alle Ewigkeit.
Und mögen sie tausendmal beweisen, daß der Christus, den sie sich in ihren Dogmen zurechtgeschnitzt haben, nicht gelebt hat, -- Einer hat sicher gelebt, Der, dessen Wellenringe der Liebe nun schon zwei Jahrtausende die Menschen lebendig gemacht haben; die, wie die Sonne, Wärme und Licht in die Menschheit ausgestrahlt haben! Und wenn sie sagen, daß Christi Lehre schuld sei, daß so viel Blut vergossen ist, und so viel Martyrium erduldet ist, so sage ich euch: nicht Christus, nicht Christi Lehre ist daran schuld, sondern einzig und allein der Mangel an Liebe, die Genußsucht und die Selbstsucht der Fürsten, Pfaffen und ihrer Knechte.
Aber dieses: »Herr, hilf uns!« -- Da sagte ich ihnen: »dann laßt uns beten: Du Unfaßbarer, Unendlicher, von dem jeder von uns ein Teil ist, der du das Ganze, das All umfassest und mit ihm eins bist, wie das Gute, das aus irgendeinem von uns herausging, eins ist mit dir und doch noch weiterwirkt, wenn der Leib, dem es entsprang, längst verweht ist, du Großer, Inbegriff alles Guten, aller Liebe, sei in mir, sei in uns lebendig, damit wir dich ausströmen in die Menschheit als neue lebendige Liebe, als neue lebendige Kraft, wie die Sonne tagtäglich neue Wärme ausstrahlt in das allnächtlich erkaltende All. -- -- So wollen wir uns konzentrieren, um möglichst gut und groß zu werden.«
Das war ihnen wieder zu lang. Da blieben wir denn bei dem kurzen: Herr, hilf uns!
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Heute war ich bei dem Ehepaar Waldbrecht. Mein Gott, was ist das für ein Elend. Beides brave, tüchtige, gesunde Menschen. Sie eine kühle, nordische Natur, nüchtern, ihrem Hause, ihren Kindern lebend, er mit seinem heißeren, südlichen Temperament alles ergreifend, was ihm in den Weg kommt, in sich verarbeitend, von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr über sich selbst hinauswachsend. Aber anstatt in ihrer Ehe immer mehr in eins zusammen zu wachsen, entfremden sie sich immer mehr, und anstatt in Frieden und Freundschaft ehrlich zu sagen: »wir hatten uns ineinander geirrt, laß uns wie ein paar gute Kameraden, die ein Stück Weg zusammen gewandert sind, auseinandergehen und unseren heranwachsenden Kindern, jeder in seiner Art, Freund und Berater sein«, zerquälen sie sich gegenseitig in diesem Martyrium ihrer Ehe ihr schönes Leben und machen sich gegenseitig, ohne es selbst zu wissen und zu wollen, krank. Und unser Leben auf dieser Welt fliegt doch gar so schnell dahin und wird uns doch nur einmal geschenkt. Da ist eine ehrliche und reinliche Scheidung doch das einzig Sittliche.
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Es gibt Menschen, die von Natur jeder Verinnerlichung und Vergeistigung abhold, und andere, für die die gesamte äußere Welt lediglich Symbole des Geistigen sind, und die in sich nicht zur Ruhe kommen, die nicht leben können, wenn sie nicht diesen geistigen Kern der Außendinge erfaßt, in sich verarbeitet und aufgenommen, -- ihn genossen haben. Wenn zwei derart verschiedene Naturen in einer Ehe zusammenkommen, so muß das zur Katastrophe führen, -- früher oder später.
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Heute zum Hofbesitzer R. gerufen. Herzlähmung. Tod. -- Jahrelang habe ich um ihn gekämpft. Als ich ihn vorzeiten zum erstenmal untersuchte, merkte ich gleich, wo der Hase im Pfeffer lag. Herz und Leber vergrößert. Die Bäuerin sagte nichts. Aber ihr gramerfülltes, stummes Gesicht und das angsterfüllte Auge sprachen mehr als eine lange Jeremiade. Er war einer der Hauptkunden von dem patriotischen Lautenthal. »Junge, so'n Kerl as du, de ward doch wol noch 'n Grog drinken können.« »Du warst di doch von de Waterdrinkers nich int Slepptau nehmen loten? 'n Kerl as du!« »Wenn du di dat nich leisten wullt, wokeen kann sik denn sünst dat leisten?« -- Mit solchen Redensarten umgarnte die fette Kreuzspinne ihn immer wieder, wenn er eben versuchte, den stummen Bitten der Augen seiner Frau zu folgen und daheim zu bleiben. Nun hatten sie ihn so weit. Ein Glück, daß der Sohn inzwischen herangereift war. Der hatte sein Einjährigenexamen bestanden, sein Dienstjahr hinter sich, -- nun leitete er mit seinen zwanzig Jahren den Hof, so gut er's konnte. Vom Vater hatte er keinen Rat. Der stand nur höchstens störend auf der Tenne oder dem Hofe herum, wo er am wenigsten am Platze war.
Aber ehe der Sohn zum Militär ging, hatte er Sommertags auf dem Hofe gearbeitet und im Winter die landwirtschaftliche Schule besucht. Daher befremdete es mich auch nicht, als ich den Hof betrat, in dem ich den Vater auf dem Totenlager wußte, daß auf der Diele die Dreschmaschine ging, -- es war der Pulsschlag gesunden Lebens. Den Vater hatten sie schon längst zu den Toten gerechnet.
Als ich auf dem Heimweg den Kanzleirat traf und meinem Kummer Luft machte, daß der 54jährige Mann so früh hätte ins Gras beißen müssen, meinte der achselzuckend: »trank zu viel.« --
An sämtliche Ecken im Dorf möchte ich mich stellen und rufen: »Die da sind seine Mörder! Die da sind die Räuber, die seinem Weibe den Gatten, seinen Kindern den Vater geraubt haben, um seine Taler zu kriegen, die er mit Pflug und Egge aus seinem Acker herausgearbeitet hat im Schweiße seines Angesichts. Mit Lug und Trug haben sie ihn umnebelt, bis sein Geist umnachtet war, und er als halber Idiot auf seinem Hofe herumschlich.«
Oh, -- aber es ist so patriotisch zu saufen! Der Lautenthal muß ja doch gehalten werden gegen die verdammten Roten. Und erst neulich im Reichstage haben die Konservativen wieder einstimmig dagegen Front gemacht, daß der Zehnte aus der Branntweinsteuer zur Bekämpfung der Trunksucht verwandt würde, -- das sei keine Sache des Reiches, das sei »Privatsache«. Jawohl, Privatsache! Privatsache von euch adligen und bürgerlichen Branntweinbrennern, die ihr euch die »staatserhaltenden Elemente« schelten laßt, -- als ob man unser Volk wie Museumspräparate in Spiritus konservieren könnte!
Wie sich in alten Zeiten die Germanen gegenseitig in Bruderkriegen abschlachteten, so vernichten sie sich heutzutage gegenseitig mit der Verführung zum Trunk aus schmutziger Erwerbssucht, aus Eitelkeit, aus Stumpfsinn, aus »Patriotismus« und aus sonstigen blödsinnigen Gründen. Man möchte mit dem Schwerte dreinschlagen!
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Heidi, nun tobt der Kampf! Aber Methode haben die Gegner, -- das muß ihnen der Feind lassen. Die Arbeiter unter meinen Kranken hetzen sie dadurch gegen mich auf, daß sie ihnen vorhalten, ich sei so ein hochnasiger Reserveoffizier, und was ich für sie täte, tue ich nur aus politischen Gründen, aus Eitelkeit und aus Selbstsucht. Den Unternehmern sagen sie, ich hetze ihnen die Arbeiter auf, mache sie begehrlich und verwöhne sie mit meinen Häusern, die ich ihnen mit Hilfe der Baugenossenschaft baue. Den Führern in der Arbeiterschaft haben sie klar gemacht, daß ihre politischen Versammlungen nur deshalb so schlecht besucht seien, weil die Arbeiter jetzt diese verdammte Genügsamkeit sich angewöhnten und mehr an Schweineschlachten und Kohlpflanzen und Kartoffelbauen dächten als an Politik. Und gleichzeitig denunzierten sie mich bei meinem Bezirkskommando, ich hielte es mit den Arbeitern und sei nur so ein verkappter Roter, und das dürfe doch nicht gelitten werden! Aber sie sagen nicht dabei, daß sie nur deswegen so wütend auf mich sind, weil ihr Schnapshandel nicht mehr so floriert und die Schankstuben nicht mehr alle vierundzwanzig Stunden des Tages so voll gepfropft sind voll rauchender und trinkender Menschen, die dort ihr Geld und ihre Gesundheit lassen, wie ehedem.
Und sterben doch immer noch genug Männer in den Dörfern ringsumher, die nicht auf uns Guttempler hören wollen, die auf uns schimpfen und über uns lachen, Wirte und Stammtischler, Arbeiter, Handwerksmeister und Rentnersleute, denen kein Mensch ansah, daß Herz und Leber längst gelb und verfettet waren.
Daß ich aber mit meiner Nüchternheit und mit meinem Häuserbauen nur eins will: gesunde, glückliche Menschen schaffen, -- oder vielmehr -- auf eine praktische Art den Menschen helfen will, gesund und glücklich zu werden, -- ein Sandkorn beitragen will mit meinen schwachen Kräften, daß unser geliebtes deutsches Volk stark und tüchtig bleibe für alle Zeiten, das sagen diese edlen Patrioten, obwohl sie es selbst klar genug wissen und durchschauen, weder den Arbeitern, noch den Unternehmern, weder den Führern, noch meinem Bezirkskommando. Nun wohl, -- so muß ich's allen diesen wohl selber sagen.
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Sie wollten's nicht wahr haben mit ihrer Verurteilung und hatten Revision eingelegt. Nun haben sie noch die Kosten und den Spott dazu. Hatten gedacht, sie könnten's mit mir ebenso machen, wie mit dem armen Landpfarrer, den das Gericht zu 200 Mark Geldstrafe verurteilt hat, weil er öffentlich gesagt hat, das Braugewerbe sei ein unsittliches Gewerbe.
Zurücknehmen sollte ich, was ich in meinem letzten Vortrage von den Vampyren und Kreuzspinnen unter den Wirten gesagt hätte. Nichts nähme ich zurück, habe ich ihnen geantwortet. Aber beleidigend für mich und albern sei es, mir, der ich, wenn ich hungrig und durstig auf der Praxis sei, tagtäglich bei den Wirten einkehre, um mich mit Milch und Brot oder Früchten oder Bouillon zu restaurieren, zuzumuten, diese Leute, die mir helfen, mich zu erquicken, schlechthin von Standes wegen zu Vampyren stempeln zu wollen.