Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden
Part 8
Ja, -- was ist los? Alle zwanzig wollen zurücktreten. Kinder, -- eine Wohnung brauche ich nur. Da erhebt sich ein wohlgenährter Brauer und sagt bestimmt und gutherzig: »Mir macht's nichts. Ich kann in meiner Wohnung gern noch ein Jahr wohnen bleiben. Für mich lost der Neue!« Ich gehe zu ihm hin und schüttle ihm die Hand. Es ist ganz still. Dann losten die anderen. -- Der Mann mit der blassen Frau hat sein Haus am Wald.
Das sind nun die gefürchteten und gehaßten Sozialisten. Kinder sind es. Mir ist zum Weinen, und doch bin ich so froh, daß ich am liebsten hell lachte.
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Wenn's nicht so bitter ernst wäre, -- zum Lachen wäre es! Heute mittag zum Fischereikongreß in die Stadt hinein. Es war das reine Theater. Wirklich dramatisch war es.
Ich sollte auf Wunsch des Vorsitzenden einen kurzen einleitenden Vortrag über die Folgen der Flußverunreinigung für die Fischzucht halten. Kaum hatte ich geendet, erhoben sich die Gegner. Aber nicht mehr mit den früheren billigen Einsprüchen: die Schiffsschrauben bewirkten durch die Wasserbewegung eine Sauerstoffanreicherung des durch die Fäulnisprozesse an Sauerstoff verarmten Elbewassers. Das hatte ein alter Apotheker ausgeklügelt. Und wütend waren die Herren geworden, als ich ihnen in der Presse spottend vorwarf: das bißchen Schiffsverkehr könnte den Schaden, den die Kloakenwässer der Elbe zufügten, wohl nicht wettmachen. -- Hamburgs Welthandel, -- und den nannte ich »das bißchen Schiffsverkehr!« Nun natürlich doch nur im Verhältnis zu der Menge des Elbewassers und des Schmutzes, den die Hamburger ihrem Trinkwasser zusetzten.
Dann kam der gelehrte Herr Professor und wollte den Herren Kollegen im ärztlichen Verein, nachdem ich meinen Vortrag über meine Untersuchungen des Flusses und seiner Ufer gehalten und ihnen den ganzen Schmutz +ad oculus+ demonstriert hatte, mit Pathos weismachen: Die Möwen mit ihren Augen, die schärfer sähen, als die der Menschen, fischten den Unrat aus der Elbe wieder heraus.
Aber da kam er schön an. Den Unsinn ließen sie sich doch nicht vorschwätzen. So wurde denn getrampelt und gezischt.
Aber heute war's bitter ernst. Sie hatten sich jetzt einen »Spezialfachmann« herangebildet, um zu beweisen, »daß die Elbe rein sei, und all der Schmutz aus ihren Kloaken die Elbe nur in dankenswerter Weise -- dünge!« Der Herr fischte tagaus tagein auf Infusorien, und da die Infusorien Fischnahrung bilden, und die Elbe infolge von all der faulenden Substanz sehr reich, ja schier überreich an Infusorien ist, so mußte die Elbe schier überreich an Fischen sein. Und Inspektor Meier und Schulze, die von auswärts kamen, die haben es auch gesagt und haben sehr viel Weißfische gefangen. Und alles, was ich geschrieben hätte, sei Phantasie und stamme vom grünen Tisch.
Schon wollte ich antworten, da kam unerwartet Hilfe: ein Fischer nach dem anderen stand auf: »der grüne Tisch sei auf der anderen Seite. Recht habe ich: die Laichplätze seien vergiftet und verschlickt durch den Kloakenschmutz, die Fische, vor allem der Lachs, könnten nun nicht stromaufwärts wandern wegen des verpesteten Wassers, und im heißen Sommer stürbe durch die Fäulnisprozesse die junge Brut zu Tausenden und Abertausenden. Und ihnen, den Fischern, ginge es ans Portemonnaie. Und wenn die Elbe dreimal von Infusorien wimmele.«
Und dann kamen sie an, bieder und kernig, und schüttelten mir die Hand. Das tat wohl.
Ich wollt', ich könnte den Kaiser selbst einmal an seiner geliebten Elbe spazieren führen und ihm persönlich den Schweinekram demonstrieren. Sonst kriegt er es doch nicht zu sehen! -- Herr Gott, wenn der wüßte, was die Hamburger Herren ihm in seinem Kaffee und seiner Bouillon vorsetzen, wenn er in Hamburg zu Gast ist, -- verdünnte Abtrittsjauche hat schon vor zwanzig Jahren der verstorbene große Pettenkofer das Elbewasser genannt, -- und der mußte es doch wissen! -- und wenn's auch filtriert und mit Grundwasser verdünnt ist, -- es bleibt, was es ist! -- Daß sich aber alle die Tausende reicher Leute in Hamburg und Altona eine derartige Schmutzerei tagtäglich gefallen lassen, wo sie doch sonst so peinlich sauber mit ihrem Essen und Trinken sind, das ist mir ein psychologisches Rätsel. Vielleicht kommt es daher, weil sie diese heillosen Zustände von Kindesbeinen auf gewohnt sind. Vielleicht fürchten sie auch, etwas mehr Steuern zahlen zu müssen. -- Pfui Deubel aber, -- begreifen kann ich es doch nicht. Wie bin ich dankbar, daß ich für mein Haus meinen schönen Brunnen habe!
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In Mörchingen sind nach der amtlichen Statistik 30 Prozent der Garnison syphilitisch.
Mein Kaiser, schläfst du, daß du nicht weißt, wie es in deinem Heere hergeht?
Nach der amtlichen Statistik sind 25 Prozent der Marine syphilitisch, 8 Prozent vom Landheer! Und die Zahlen werden in den öffentlichen Blättern gedruckt, und die Stammtischphilister lesen sie mit Grinsen und pharisäerhafter Entrüstung.
Wer aber treibt die Söhne unseres Volkes, wenn sie als Soldaten ihrer Pflicht gegen das Vaterland genügen, in die Bordelle? Der Schnaps, das Bier, der Wein, bei den Einjährigen und Offizieren außerdem der Sekt.
Mein Kaiser, -- ich weiß ein Mittel. Kein Erlaß, kein Armeebefehl, kein Verbot, keine Rede kann so wirken, als wenn du mit der Tat voraufgingest! Leb enthaltsam, und du rettest Hunderttausenden deutscher Eltern ihre Söhne, dir und dem Vaterlande Hunderttausende tüchtiger Soldaten! Du säest in unzählige Familien, in unabsehbare Generationen, die sonst von Siechtum verzehrt würden, Kraft und Gesundheit. Du hebst den Sinn für Wissenschaft und Kunst in deinem ganzen Volke, du hebst unsere ganze Kultur, -- aber die Philister am Stammtisch werden dir grollen, und die Brenner und Brauer und die Wirte werden dir fluchen.
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Es gibt offenbar Wissenschaften, die beharrlich stehenbleiben, anstatt sich weiter zu entwickeln. Das sind vorzugsweise diejenigen Wissenschaften, deren Betätigung vorwiegend abhängig von den Charakteren ist, die ihre Träger sind. Und da die Charaktere der Menschen sich seit Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden nicht geändert haben, sofern es immer schon Sanftmütige und Heftige, Bescheidene und Anmaßende, Demütige und Hochmütige gab, so ist es wohl kein Wunder, daß gerade diese Wissenschaften in all der Zeit kaum fortgeschritten sind. Dahin gehört vor allem die Pädagogik. Das fiel mir ein, als heute morgen die kleine Doktorswitwe mit ihrem zehnjährigen blonden Krauskopf zu mir kam, dem der Oberlehrer B. mit der Faust einen Schlag ins Gesicht versetzt hatte. Warum? -- Weil der Junge die Luftklappe geschlossen hatte, ohne dazu befugt zu sein. »Es habe auf seinem Platze so gezogen.« Ich versprach der braven Mutter, die ihren Jungen vortrefflich erzieht, selbst zu dem Lehrer zu gehen, um solchen Vorkommnissen vorzubeugen. Ich kannte den schneidigen Oberlehrer, der sich sehr viel auf seinen Reserveleutnant zugute tut, seit Jahren schon als einen jähzornigen, bildungsbedürftigen, von sich übermäßig eingenommenen Herrn. So ging ich denn gleich auf den Kern meines Besuches ein und sagte ihm, ich käme wegen einer pädagogischen Eigentümlichkeit von ihm, deren Begründung zu erfahren mir als Psychologe interessant sei. Er meinte, er wüßte nicht, -- worauf ich ihn kurzerhand fragte, wie er psychologisch oder pädagogisch wissenschaftlich seine Erziehungsregel begründete, die Jungen mit der Faust ins Gesicht zu schlagen. Er errötete, stotterte etwas von Übertreibung, worauf ich aufstand und ihm empfahl, die beiden mitgebrachten Bücher zu studieren: Försters Erziehungslehre, von dem ausgezeichneten Pädagogen in Zürich, und Gottfried Kämpfer, eine Herrenhuter Erziehungsgeschichte, aus der jeder Pädagoge lernen kann, wie er es nicht, und wie er es machen soll. Ich würde mich freuen, wenn er mir an einem der nächsten Sonntagnachmittage zur Kaffeestunde die Bücher wiederbringen wollte.
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Wie hat Bismarck doch so schön gesagt? »An seinen Geheimräten wird Deutschland noch einmal zugrunde gehen.« -- Es ist zu fidel: seit Jahren haben meine Freunde und ich immer wieder darauf hingewiesen in Dutzenden von Publikationen, daß ebenso wie die Flüsse, die Meere allen Unrat, alles Tote an ihren Ufern absetzen, um sich rein zu halten, -- jeder Geheimrat kann's beobachten, wenn er in seinem Sommerurlaub ins Seebad reist, -- nichts hat's genutzt: ertrinken da in einer Sturmnacht oben im Schleswigschen an die achthundert Rinder. Als bei der Regierung telegraphisch angefragt wird, was sie mit den achthundert Kadavern machen sollen, telegraphiert irgend ein kluger Herr zurück: ins Meer damit. Dabei ist in Kiel eine große Kadaververwertungsanstalt! Und achthundert Rinder haben doch wahrlich einen respektablen Wert an Fett und Knochen und Fleisch zu Dung- und Futterzwecken aller Art. Allein der grüne Tisch kommandiert »ins Meer«, -- also ins Meer. Aber siehe da, -- alsbald speit das Meer die Kadaver ans Land, jetzt heißt es, schleunigst die verwesenden Teile sammeln und beerdigen, um Seuchen vorzubeugen; und nun hat man zu den Extrakosten noch den Hohn und Spott zu tragen.
Ja, ja, die Unfehlbarkeit ist ein eigen Ding!
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Heute wurde ich eilends zur Brauerei gerufen. Einem der Heizer war ein schweres Kohlenstück auf den Fuß gefallen. Nachdem ich ihn verbunden und gelagert hatte, -- auf der Pritsche unten im Heizkeller neben den Dampfkesseln, -- kamen wir miteinander ins Gespräch. Der Krankenwagen war bestellt, um ihn ins Krankenhaus zu fahren. Ich mußte noch seine Personalien aufnehmen wegen der Meldung an die Berufsgenossenschaft. Er war bekannt als einer der Hauptsozialisten auf dem Platz. Ein tüchtiger Arbeiter, nüchtern, riesenstark. Ich fragte nach seinen Familienverhältnissen. Sieben Kinder. Er hatte ein Haus vom Bauverein bekommen. Nun ging's ein wenig besser. Er hatte doch nun wenigstens einen Keller und einen Schweinestall und einen Garten. So konnte in der kleinen Wirtschaft alles verwertet werden. Jeder Pfennig schlug zu Buch. Die Milch und Fleischreste, die früher verdorben waren, -- sie konnten im Keller bis zum nächsten Tage geborgen werden. Die Abfälle bekam das Schweinchen. Der Mist düngte das Land. Das war Gewinn. Aber es kneift doch arg mit der Miete bei sieben Kindern; die putzen was weg. Und Kleider und Schuhe sollen auch da sein. Die Frau kann nicht mehr vom Hause fort, -- der Jüngste bedarf der Mutter, -- und dann die Krampfadern an den Beinen von den Wochenbetten. Ja, -- wenn er noch einen kleinen Handel würde anfangen können, eine kleinere Hökerei im Hause, der die Frau von der Küche aus vorzustehen vermöchte. Ich versprach zu tun, was möglich sei.
Dann fragte ich ihn, warum er Sozialist geworden sei. Da erzählte er, wie er als Bergmann in den Steinkohlengruben gearbeitet habe, in Schlesien, im Ruhrgebiet, in Gruben, die in Privatbesitz und in solchen, die fiskalisch waren. Fast überall seien die Bergleute von den Vorgesetzten gedrückt, oft übers Ohr gehauen, und wenn sie sich's merken ließen, schikaniert worden bis aufs Blut. Die polizeilich vorgeschriebenen Vorsichtsmaßregeln seien oft nicht getroffen gewesen. Habe einer sich beschwert, sei er als Nörgler gebrandmarkt worden und Schikanen und Härten seien ihr Los gewesen. Um die Frage, wie die Arbeiter hausten, habe kein Mensch sich gekümmert, ob sie mit dem Lohn auskämen, noch viel weniger. Aber Kantinen und Wirtshäuser seien massenhaft dagewesen. Denn die Grubenbesitzer seien oft auch selbst Besitzer von Brennereien, und wenn sie nicht, ihre Freunde. So habe das Geschäft doppelt geblüht: einmal habe die Kohle, die der Bergmann mit Gefahr seines Lebens aus den Tiefen der Erde heraushole, die Herren reich gemacht, -- dann aber sei der karge Lohn, den die Herren dafür zahlten, zu einem guten Teil für Schnaps, den sie den Leuten verkauften, wieder in ihre eigenen Taschen zurückgeflossen. Gerad wie die Engländer es mit den Kulis, Hottentotten und Abenteurern in den Diamantgruben und Bergwerken in Südafrika machten. Und weil er die anderen vom Trinken abhielt, wurde er als unruhiger Kopf notiert und erfuhr die üblichen Schikanen. Daher der Groll und die Verbitterung unter den Leuten. Daher das Gefühl, daß von diesen Zuständen nur Befreiung möglich sei, wenn alle zusammenhielten. Früher sei es anders gewesen. Da habe jeder Bergmann sein Häuschen gehabt. Schnaps sei kaum ins Revier gekommen. Der einzelne Besitzer habe getan, was er konnte, habe jeden Bergmann gekannt, für jeden ein Herz gehabt. Aber nun! Seitdem die Aktiengesellschaften da seien, kümmere sich kein Mensch um die Arbeiter, und die ausrangierten Unteroffiziere, die als Aufseher angestellt würden, trügen den Kasernenhofton auf die Arbeitsstätte. Und das halte kein Mensch aus. Und dann das Saufen! Bei solchem Leben würde der Beste zum Vieh. Da sei er abgewandert, und trotzdem, daß er es sich sauer genug hier werden lassen müsse, wolle er's in seinem Leben nicht besser haben. Er sei völlig zufrieden. Nur die kleine Hökerei, -- die hätte er zu gern. »Ja, aber, -- wenn er so zufrieden sei, warum er dann noch Sozialist wäre?« »Nicht für mich, Herr Doktor, können's mir glauben,« -- und sein Gesicht leuchtet so ehrlich, -- das lügt er nicht, -- »ich krieg's in Bebel seinem Zukunftsstaat nicht um einen Deut besser, als ich's jetzt hab' -- aber ich denke an die anderen, da in den großen Städten, in den Gängevierteln, an meine früheren Kameraden, die noch in den Bergwerken sich abschinden und nicht herauskommen aus ihrem Elend, -- ein Hundsfott wär ich, wenn ich die vergessen wollt'.«
Der Krankenwagen kam. Er wurde hineingehoben. Ich mußte eilends zur Sprechstunde. In meinem Ohr klingt immer noch sein: »ein Hundsfott wäre ich, wenn ich die vergessen wollt'!«
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Was für naive Menschen sind doch diese Theologen. Da glauben sie immer noch, daß mit der Taufe und der Konfirmation der Mensch etwas Neues, Bestimmtes geworden sei, -- und ist doch nichts von alledem, sondern er ist und bleibt ein Werdender und Wachsender, der, wenn er gesund ist und bleibt, sich durchringt zur Erkenntnis dessen, was Geist bedeutet. Als der Pastor heute beim Abendmahl sein: »Das ist der Leib Christi« sprach, -- da wollt' ich in dem Augenblick wahrhaftig lieber Reformierter, als Lutheraner sein. Denn lediglich als symbolische Handlung hat Christus das Abendmahl doch eingesetzt! Warum also diese Verdrehung der Tatsachen? Warum in aller Welt diese ganzen Dogmen, die auf den verschiedenen Konzilien von den Päpsten und den Parteien zusammengeschroben sind, als ob es sich um Paragraphen irgend eines menschlichen Gesetzbuches oder um Abmachungen eines Geschäftes handelte?
Seht ihr Männer auf der Kanzel denn nicht, daß das Volk nicht nur der Kirche entfremdet ist, -- aber wohlvermerkt das ganze Volk, mit Ausnahme einer kleinen, noch gläubigen Gemeinde, -- das ganze Volk, arm und reich, gebildet und ungebildet, weil es an eure Dogmen nicht mehr glauben kann und glauben will? Und weil es an eure im Laufe der Jahrhunderte künstlich zusammengeschmiedeten Dogmen nicht mehr glaubt, wirft es ohne Bedenken die Lehre Christi mit über Bord, als ob die eins sei mit euren Dogmen, und -- vergißt sein oberstes Gebot, wie die meisten von euch es vergessen haben über euren Streit um die Dogmen! Mein Gott, wann wacht ihr auf und werdet klug?
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Nein, so etwas, -- wer hätte das gedacht! Bringt mir der alte Zigarrenmacher, der mich vor noch nicht allzu langer Zeit in der Generalversammlung vom Bauverein so höhnisch angriff, als er sich mit seinem Glase Bier Mut angetrunken hatte, -- er wolle den Genossen nur sagen, warum ich den Bauverein gegründet habe, -- meinen reichen Patienten, die Geld zu dem Häuserbau hergegeben hätten, wolle ich nur hohe Zinsen damit verschaffen, -- bringt mir der heute in der Sprechstunde, als ich ihm seinen Krankenschein unterschreiben soll, ein Buch, sauber eingewickelt: Er sei ein anderer geworden. Seit zwei Jahren habe er sein eigenes Haus. Seit einem Jahre sei er Guttempler.
Nun sei ihm erst so recht aufgegangen, wie reich und schön das Leben sei. Und daß er mir das Buch bringe, solle ich ihm nicht übelnehmen. Seine Frau habe ihn davon zurückhalten wollen, -- ich könne es als Anmaßung auffassen und ihm übelnehmen. Er wolle mich aber sicher nicht beleidigen, -- denn es sei so wundervoll schön und groß, daß, falls ich es nicht kenne, ich es kennen lernen müsse. -- Und was ist es? Trines herrliches Werk: In Harmonie mit dem Unendlichen.
O, nehmt unserem Volke das verfluchte Bier und den verfluchten Schnaps, und gebt ihm wieder ein Heim, und ganz von selbst findet es sich wieder, und das Volk der Dichter und Denker ersteht aus ihm von neuem!
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Es geht nichts über den Patriotismus, der nebenbei bemerkt, nichts gemein hat mit der Vaterlandsliebe. Es ist eben eins dieser vielen Fremdwörter, mit denen wir Deutsche uns so gern beduseln, weil wir uns bei ihnen nichts zu denken und somit keinen von ihnen angeregten Gedanken in die Tat umzusetzen brauchen. -- Sitzt da der dicke Kanzleirat Abend für Abend bei dem Lautenthal in der Wirtschaft, streicht seinen langen Schnurrbart und trinkt und trinkt, nicht etwa aus Lasterhaftigkeit oder Genußsucht, i Gott bewahre! -- nein, aus reinem Patriotismus und treuer konservativer Gesinnung (d. h. der »Konservativen« der Kreuzzeitung usw.). Denn wenn er dort nicht säße und den anderen Gästen, die durch sein Dortsein angelockt werden, nicht so reichlich spendierte, so könnte der Lautenthal sich nicht halten, oder er müßte, -- schrecklich auszudenken --, sein Lokal den Sozialdemokraten für ihre Versammlungen vermieten. »Aber so weit darf es nicht kommen in unserem Dorf! Kinder, sauft, sauft, sauft, damit der Lautenthal leben kann, und wenn wir alle darüber das Zipperlein oder den Schlagfluß kriegen.«
Herr Kanzleirat, -- ich wollte, der Teufel holte dich, ehe du mir noch mehr Unheil im Dorfe anstiftest!
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Meine Ursula Lorenzen! Liegt das liebe Kind da, röchelnd, mit kurzem Atem, doppelseitiger Lungenentzündung, -- den Rippenfellerguß habe ich ihr abgezapft, hat gute Linderung gegeben. Aber nun muß sie schwitzen, das mag sie gar nicht. Ich verspreche ihr für jedes Schwitzen zehn Pfennige. Wie ich nach ein paar Stunden wiederkomme, hat sie sie verdient. »Weißt du, Onkel Doktor, das Geld kann ich prachtvoll brauchen.« »Wofür denn, Schatz?« »Erika braucht so schrecklich viel Geld!« »So, die Erika?« frage ich neugierig, »wofür denn die?« »Für ihren Kanarienvogel, -- der frißt so schrecklich viel Rübsamen! Aber nun schenke ich ihr von meinem Geld.« -- Du wonniges Kind, wie du deinem Schwesterchen eine Freude machen kannst, -- in all deiner Not denkst du daran. O Liebe, wie bist du groß! Selbst in solch schwachem Kinderherzen! -- Vielleicht da am meisten.
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Nun ist der Kronprinz schon viermal in dieser albernen Narrensposse »Die lustige Witwe« gewesen! Er soll sich ausgezeichnet amüsiert haben, berichten die Blätter, ja, sogar seine Leibkompagnie habe er ins Theater führen lassen.
Und das ist der Mann, der uns vielleicht einmal, wie Hermann der Cherusker vor 2000 Jahren die alten Deutschen vom Joch der Römer befreite, durch die Kämpfe des Weltbrandes führen soll!
Und dabei soll er durchaus einen guten Kern in sich und guten Willen haben. Ist denn kein Mann in seiner Umgebung, der ihm zeigt, wie sein Geschmack maßgebend ist für breite Schichten unserer Nation? Verflachend, herunterziehend -- oder hinaufführend.
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Heute ist großer Festtag im Dorf: Stiftungsfest des Vereins zur Bekämpfung der Sozialdemokratie mit Karpfenessen beim Lautenthal, nachher Vortrag über Capri, zum Schluß Ball und Preisskat.
Und mir wollen sie keine Baukonzession für die Häuschen von unserem Bauverein geben, angeblich, weil sie die Schweineställe beim Hause nicht wollen, der Ratten und des Geruchs wegen, -- als ob der Schweinestall vom Herrn Bauernvogt nicht stänke und der Pferdestall des Herrn Kanzleirat keine Ratten anzöge! -- Oh, ich weiß es wohl, ihr wollt nicht, daß die von euch so gehaßten Sozialdemokraten ein eigen Heim haben, -- diese Landesverräter verdienen das nicht.
Aber wenn der Herr Maurermeister Schulze oder Zimmermeister Müller eine ordentliche Proletarierkaserne aufbaut, in der die Wohnungen fast die Hälfte mehr kosten, als unsere wohnlichen Häuschen mit Stall und Garten, dann gibt es prompt die Bauerlaubnis. In solcher Kaserne kann das Pack hausen.
Daß ihr es aber zu dem macht, was ihr sie schimpft, durch euren Haß, euren Mangel an Liebe; daß ihr sie von ihren Frauen, ihren Kindern, ihren feuchten, dunklen, kalten, öden Heimstätten hinaustreibt in die Kneipen, wo sie sich vollsaugen mit Bitterkeit und Haß gegen euch und eure Gerechtigkeit, -- daran denkt keiner von euch, ihr selbstgerechten Pharisäer!
Und jeder einzelne von euch, wenn er nicht der Herr Kanzleirat wäre, oder der Herr Bauernvogt, oder der Herr Gemeindediener, sondern Erdarbeiter oder Zigarrendreher, und sollte mit seinen sechs oder acht Kindern in der feuchten Kate oder dem dunklen, muffigen Keller wohnen und sehen, wie er trotz allen Fleißes und Sparens nicht um einen Deut vorwärts kommt, und wie die Frau blaß und blässer wird, und die Kinder immer krank sind, und wie nun das zweite schon stirbt, wer weiß, das dritte, -- Herren, ihr wäret samt und sonders so knallrot, wie nur irgend einer von jenen da und schriet und balltet die Fäuste noch ingrimmiger in der Tasche als jene.
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Nun haben wir auf Anraten von Freund Landesrat Schuldverschreibungen ausgegeben für den Bauverein, zu tausend, zu hundert, zu fünfzig und zu zwanzig Mark. Ich hatte gehofft, es würde ordentlich etwas bringen. Und was hat's gebracht? Lumpige paar tausend Mark! Und von wem? Von ein paar Leuten, die mir einen Gefallen tun wollen; der eine oder andere auch, weil er es für »praktisch« hält, auch etwas von »gutem Zweck« wittert. Kaum einer mit der warmen, brennenden Liebe, die nicht anders kann, die jener hatte, den sie alle im Munde führen, aber den keiner von ihnen im Herzen, und von dem mancher nicht einmal eine Ahnung hat.
Und könnten mit ihrem Kapital ihre vier Prozent verdienen und gleichzeitig unsagbaren Segen stiften. Herr Gott, was für Segen. Aber sie ahnen es nicht, wie Samen der Liebe aufgeht!
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Vor kurzem habe ich meine Rundfrage an die deutschen Fischereivereine geschickt. Und nun hagelt es Antworten und Bitten. Als ob ich der Herrgott selbst sei. Es ist, als ob diese Männer aufatmen, daß endlich jemand da ist, der sich ihrer annimmt, und der den Mut hat, den Mächtigen die Wahrheit zu sagen, -- denn hier ein armer Fischer, -- und dort die große Stadt oder der reiche Fabrikherr, die den Fluß verpesten: wie könnte einer dagegen ankommen!