Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden

Part 7

Chapter 73,734 wordsPublic domain

Aber der Heinsen war doch dankbar, daß ich kam. Leid tut er mir doch, trotz seines Trinkens und seiner selbstverschuldeten Not. Das Wasser in den Beinen zu haben und dabei das Bewußtsein, daß einem kein Ziegel auf dem Dache mehr gehört, das ist keine Kleinigkeit. Ja, wenn er seine Maria nicht hätte, sein braves Weib. Und wenn sie auch dreimal von Juden abstammt, -- fix ist sie doch. Wo wäre heute dieser alte trunkene Germane wohl, wenn sie ihm nicht seit Jahresfrist die Schlüssel und Bücher aus der Hand genommen und wenigstens erst einmal Ordnung in diesen Wust von Schulden gebracht hätte. Und kein Wort der Klage darüber, daß er fast ihr ganzes Erbteil durchgebracht hat, daß Vater und Mutter sich, weil sie treu zum Gatten hielt, von ihr losgesagt haben. -- Und wie die Felder anders bestellt sind als früher! Wie sehen die Gebäude, wie die Leute schon anders aus. Unter den ganzen Leuten ist ein anderer Zug. Man merkt, sie haben Achtung vor der Frau. Aber eine Kunst muß es sein, die drängenden Gläubiger von Tag zu Tag hinzuhalten, bis man endlich wieder Boden unter den Füßen fühlt. Aber nur so, wie sie's macht, ist's möglich.

Jede Ecke im Garten selbst wird ausgenutzt. Hier für Beerenobst, da für Erdbeeren, dort hat sie Gemüse angebaut gehabt, alles Dinge, die schnell Geld bringen; kein Ei geht in die Wirtschaft, kein Maß Milch wird gebucht, zu dem sie nicht ihr ja und Amen gesagt. Und was sie in unserer Kreisstadt nicht absetzt, geht wohlverpackt zu noch besserem Preise zur Stadt. Ich wette, daß sie in absehbarer Zeit den Hof schuldenfrei gearbeitet hat, während ihr Gatte seine geschwollene Leber, das Resultat eleganter Herrendiners und feiner Bowlen, im Lehnstuhl pflegt. Das Ganze ist ein Stück unserer Agrarfrage, wie es im Buche steht. Entweder kaufen diese Herren ihre Güter zu teuer, weil sie nun mal versessen darauf sind, und der Verkäufer nutzt das aus. Oder sie kaufen aus Ehrgeiz oder jugendlichem Tatendrang eins, das größer ist, als ihre Mittel es erlauben, so daß sie kein Betriebskapital in Händen behalten, -- da nützt denn freilich kein Fleiß und keine Umsicht! -- Oder aber der Herr Papa setzt sie so recht warm in die Wolle, und sie verstehen nichts von der Landwirtschaft oder zechen und reisen im Lande herum, als ob sie der Kaiser selbst seien, und überlassen ihrem Inspektor die Verwaltung, der dann mit seinen akademischen Kenntnissen bestenfalls so viel herausackert, wie er versteht, -- wenn er's nicht ebenso macht, wie sein Herr, und sich bei Skat und Bier auf die faule Haut legt. Und dann kommt Herr Diederich Hahn, unser Reichstagsabgeordneter, mit seinen Genossen im Land und in der Presse und schreit über die Not der Landwirtschaft, bis die Bauern, bis die Parteien, die Minister und der Kaiser selbst es glauben: Und schwupps hagelt es Getreidezölle und Grenzsperre fürs Vieh, und der kleine Bauer hat das Nachsehen, weil er das Futter fürs Vieh zukaufen muß und nicht bezahlen kann bei den hohen Preisen, und der Arbeiter in den Städten klagt über die hohen Fleischpreise und verlangt mehr Lohn. Und je mehr Lohn er erhält, desto mehr laufen die deutschen Knechte vom Lande in die Stadt, und weil sie dort nicht ihr gesuchtes Brot finden können, wenden sie sich weiter nach Westen übers Meer und werden drüben zu Konkurrenten für uns. Und statt ihrer kommen zu uns die Polen. Und da auch sie von den hohen Löhnen in den Städten und im Westen hören, wenden sie sich ebenfalls weiter, und so kommen die Russen über die Grenze. Und das nennt man »nationale Wirtschaftspolitik«!

Heilige Einfalt! Und hier zeigt ein Weib, wie man es machen muß. Das Geheimnis heißt: arbeiten, rechnen, sparen, gerecht sein. Ist ihr doch in diesem ganzen Jahr kein Knecht, keine Magd weggelaufen! Freilich kriseln tut's auch hier. Wenn ich ihr nur helfen könnte!

* * * * *

Dann kam eine schwere Zeit. -- Da lagen die Blätter, die davon berichteten. Ich kannte ihren Inhalt nur zu genau. Ein halbes Jahr unter unsäglichen Qualen und Schmerzen, sehenden Auges ständig zwischen Tod und Leben. Aber mein Geist rang mit dem Körper, -- ich mußte ja leben, leben meines Weibes, meiner Kinder, meiner Armen, meines Volkes willen!

Doch leise traten meine vom Trunk geretteten Freunde an mein Krankenbett: »Bruder, wir haben schon wieder einen! den haben wir gerettet!« »Und wieder einen!« »Und noch einen! Und bald sind wir so viele, daß wir selbst eine Loge gründen können.« »Ja, -- ich bleibe am Leben und helfe euch, treu als Bruder Hand in Hand! Und dann wollen wir gemeinsam retten, helfen, Samen des Guten ausstreuen!« Das half. Wie Feuerstrom glitt es durch die Adern. Wahrhaftig! die Seele überwand den Körper. -- Ich genas.

Die Loge wurde gegründet. Sie wuchs und gedieh. Töchterlogen wurden abgezweigt in die Umgegend. Einer riß den andern aus dem Sumpf. Die Inhaber der Branntweinschenken, die schon in sicherer Hoffnung auf meinen Tod wahre Orgien in ihren Spelunken gefeiert hatten, sie mußten bald sehen, wer der Stärkere war. Wir siegten. Nein, -- die Wahrheit und die Liebe siegten.

Bald gab's kaum noch einen Trinker in unseren Gemeinden!

Und dann sprach es sich herum. Da sitzt einer, der rettet die Menschen vom Trunk. Da kamen sie heran, in Scharen, flehend, Hilfe suchend, Frauen und Mütter, Bräute und Schwestern, Greise und Jünglinge, Arme und Reiche. Offiziere, die als junge Leutnants durch das Beispiel des Herrn Hauptmanns oder des Herrn Obersten an den Trunk gebracht waren, Grafen, Minister- und Professorensöhne, die der Sekt an der elterlichen Tafel ins Elend gestürzt hatte, Lehrer, die den Trunk auf dem Seminar vom Herrn Direktor oder auf der Universität vom Professor gelernt, Ärzte, die ihren reichen Patienten zuliebe sich das Trinken angewöhnt hatten.

Auch ein Pfarrer kam. Er hatte in seiner Gemeinde viel Gutes getan, viel Segen gestiftet. Sein Superintendent konnte viel vertragen, er aber nicht, weil sein Vater gern pokuliert hatte. Aß er nun aber bei seinem Vorgesetzten zu Mittag, so trank ihm dieser fleißig zu. Daher kam es, daß er eines Tages nach der Nachmittagspredigt, noch erhitzt von dem Wein des Herrn Superintendenten, sich in der Sakristei am Abendmahlswein vergriff, dann im Halbrausch, um das Fehlen des Weins zu maskieren, die Kirchenfenster einschlug, den Chorrock zerriß und so einen Einbruch mit Schändung des Gotteshauses vortäuschte. Durch Zufall wurde er entlarvt.

Der nämliche Herr Superintendent, der ihn an seinem Tische das Trinken gelehrt hatte, und der selbst so viel vertragen konnte, saß über ihn zu Gericht. Mit Schimpf und Schande wurde der Pfarrer aus dem Amte gejagt. Da kam er zu mir. Und ich half ihm. Nun sitzt er wieder in Ehren im Amt, trinkt aber nichts mehr und ist ein Segen für seine Gemeinde.

Draußen heulte der Schneesturm, rasselten die Ketten am Schornstein. Stampfend arbeitete das Schiff sich vorwärts. Wunderlich drängten sich die Erinnerungen. Wie Scharen lebender Menschen quollen sie aus der Tiefe empor. Ich sah die verweinten Gesichter, die gramdurchfurchten Züge, sah die Verzweiflung, die Reue, -- sah das ungläubige Aufhorchen, das Aufleuchten der Augen und fühlte den dankbaren Druck der Hände. Mir wurde ganz warm ums Herz. Aber weiter, weiter wie das Schiff, jagten die Gedanken.

Neue Aufgaben drängten. Immer teurer wurden die Wohnungen, immer knapper der Boden, immer größer die Not. Es mußte Wandel geschaffen werden.

Eine Baugenossenschaft wollte ich gründen, wie sie anderswo auch bestanden. Keiner wollte helfen. Jeder hatte eine andere Ausrede: in unserer Gegend sei das Land zu teuer. Ein anderer: die Löhne seien zu hoch. Solche Häuschen, wie ich sie wollte, würden unerschwinglich werden für die Arbeiter. Der dritte: Wer denn für alle die vielen Arbeiterkinder, die in den Häusern geboren werden würden, die Schullasten tragen sollte! -- Als ob in den Mietskasernen der Herren Unternehmer keine Kinder geboren würden! Der vierte: die Schweineställe würden riechen und Ratten herbeiziehen. -- Als ob die Schweine der Herren Ortsvorsteher und Honoratioren im Dorfe nach Eau de Cologne röchen! -- Der fünfte hielt die ganze Sache für sehr riskant, -- er wolle kein Risiko laufen und sich die Finger verbrennen. Das Genossenschaftsgesetz -- na, und dann ... Der Sechste war der Patriotische: er sähe im voraus, in den Häusern würden Sozialdemokraten wohnen, und denen auch noch obendrein Häuser bauen, -- nee, Deibel. --

Da wünschte ich ihnen eine »gute Nacht«, -- dann würde ich das Werk allein angreifen. Aber gemacht würde es. Das half. Der eine und der andere lenkte ein: Wenn ich denn durchaus meinte, daß es ginge, dann wollten sie auch nicht zurückbleiben.

Aber die Feigen, die Halben und diejenigen, die sahen, daß es nichts für sie zu fischen gab, verzogen sich leise im Hintergrund.

Die Baugenossenschaft wurde gegründet.

Hier und dort wurde unter der Hand ein Stückchen Land gekauft, hier ein sandiges Feld, da eine Ecke Heideland, dort ein Stück Wald; die Landesversicherungsanstalt gab uns Kredit, -- der Landpreis blieb als Hypothek stehen; Häuschen um Häuschen entstieg dem Boden, weiß, mit rotem Dach und grünen Fensterrahmen, einem Stall fürs Schweinchen und die Ziege, ein Gärtchen für Obstbäume und Gemüse lockte zur Arbeit, -- Himmel, welch ein glückliches Leben entwickelte sich da!

Aber Sozialisten waren dazwischen, hatten Häuser erhalten, -- Staatsfeinde bauten Kohl und freuten sich am Gedeihen ihres Schweines. Das war ja der reine Landesverrat, -- diesen Feinden von Thron und Altar auch noch Häuser bauen, und noch dazu mit staatlichen Geldern! Das mußte gerochen werden. Und Neid und Haß und Klatschsucht machten sich an die Hetze und Wühlarbeit. Da nahm ich mein Schwert in die Hand und ließ es funkeln, und die Feinde schwiegen feige eine Zeitlang, um aber immer aufs neue wieder zu stören. Ich aber ließ nicht nach im Kampf, so müde er auch machte.

Eines Tages wurde ich vor den Landesdirektor zitiert. So ginge es nicht weiter mit der Baugenossenschaft. Mit staatlichen Geldern, mit den Mitteln der Landesversicherungsanstalt den Sozialisten Häuser bauen, -- das hieße auf den Landesverrat Prämien aussetzen.

Während der alte Herr auf mich einsprach in ständig steigender Erregung, sah ich durchs Fenster die jungen Apfelbäume in seinem Garten. Als er geendet hatte, stand ich ruhig auf, zeigte mit der Hand in seinen Garten und sprach: »Die Bäume haben Sie neu gepflanzt, Herr Graf?« »Jawohl, Herr Doktor, -- was soll's?« »Wie lange müssen Sie wohl warten, bis sie Früchte tragen?« »Fünf bis sechs Jahre schätze ich.« »Und dann verlangen Sie von mir, daß ich aus verbitterten Proletariern, die durch den Mangel an Liebe und Weisheit in unserer Regierung zu verbitterten Feinden der Gesellschaft geworden sind, im Handumdrehen hurrarufende Bürger mache? Warten Sie wenigstens so lange, wie Sie bei Ihren Apfelbäumen auf die Frucht warten, und Sie sollen aus diesen verarmten, heruntergekommenen, verbitterten Leuten wieder Menschen, Staatsbürger werden sehen. Aber damit sie's werden, werden können, braucht's Zeit und -- Liebe.«

Mit Tränen in den Augen reichte mir der alte brave Mann über den Tisch hinüber die Hand: »Bauen Sie nur, -- Sie haben den Kredit, den Sie brauchen.«

* * * * *

Wie ich heute meinen Vortrag im ärztlichen Verein über die Fortschritte unserer Wissenschaft in der Erkenntnis der Giftwirkungen kleinster Mengen von berauschenden Getränken gehalten habe, -- natürlich unter verstecktem Gekicher und schlecht unterdrücktem Grinsen einer großen Zahl der zuhörenden Kollegen, -- was erwidert mir in der Diskussion der Klügsten einer? 's ist kaum zu glauben! Als Antwort auf die Mitteilungen von all den nackten Tatsachen und exakten Forschungen unserer besten Gelehrten, unserer ersten Nervenärzte und Physiologen: »er glaube nicht, daß ein mäßiges Glas so schädlich sei, -- ihm sei es immer vortrefflich bekommen, -- und dann solle man doch einmal an unseren größten Deutschen, an Bismarck, denken, -- der habe einen tüchtigen Humpen gehoben und habe doch so viel geleistet!« --

Da erwachte teutonischer Zorn in mir: »Meinen Bismarck sollten sie mir unangetastet lassen! Freilich habe er zeitweise reichlich getrunken, -- eine Folge alter studentischer Suggestionen aus der Zeit des Korpsstudententums, -- aber selbst diesen urgermanischen Recken habe das heillose Gift zerrüttet, wie er oft genug selbst bitter geklagt hat, kaum aus Doktors Händen ist der alte Riese gekommen sein Leben lang, -- er selbst hat in nüchternen Stunden dem Nationallaster unseres Volkes arg genug gegrollt, -- und was er, der Gewaltige, wenn er stets nüchtern gewesen wäre, unserem Volke noch mehr geleistet hätte, als er so schon getan hat, -- von uns Epigonen soll's keiner sagen!« --

Die Diskussion war zu Ende. Aber Sturm gab's. Die einen waren für mich, die anderen gegen mich. Wenn sie nur erst zum Nachdenken kommen. Die Wahrheit siegt doch. Haben die Sklavenbefreier unter ihrem Banner gesiegt, so werden auch wir unter dem gleichen Zeichen siegen!

* * * * *

Da -- ein neues Blatt!

Kaiserparade! -- Ich hatte mit meiner Sanitätskolonne den Sicherheitsdienst beim Publikum, dort, wo der Kaiser aufs Paradefeld ritt. Das Gedränge war fürchterlich. Zehntausende waren zusammengeströmt, von weit her, um das glänzende Schauspiel zu sehen. Von hinten drängte das Volk, von vorn die Pferde der zur Absperrung kommandierten Reiter. Fast schien größeres Unglück unvermeidbar. Da postierte ich in Zwischenräumen meine braven Sanitäter, ich selbst ging ständig durchs Gedränge, -- vor der Uniform bahnten sie willig eine Gasse, -- und ermahnte in ruhigem, freundlichem Ton die Massen zur Vernunft, ihnen die Gefahr kurz auseinandersetzend. Und siehe da, -- in weniger als einer halben Stunde hatte sich die wogende Menschenmasse beruhigt, -- kein Unfall kam vor, -- jeder stand auf seinem Platz; die Hintersten gaben die Aufklärung gleich in dem gleichen Tone weiter an die Neuzukommenden, -- in Ruhe und Frieden verlief das ursprünglich unheimliche Gedränge. Mir aber wurde klar, wie der Ton die Musik macht, -- wie das Samenkorn zur Ernte wird, -- wie sich das Geistige in Wellenringen fortpflanzt bis ins Urewige, -- wie nichts verloren geht, was wir tun, wie auch das Geringste seine Wirkung hat fort und fort, wie die Kraft unbeschränkt weiterwirkt im Reiche der Natur.

* * * * *

Paradeessen im Rathaussaal! Sämtliche »Spitzen der Behörden« waren geladen. Der Kaiser ließ sich alle vorstellen, redete mit diesem und jenem ein paar Worte und war anscheinend befriedigt von der »Fühlung«, die er mit seinem Volke hatte.

Während der Tafel saß ihm zur Rechten der Erzbischof von Stablewsky, jener polnische Schürer, der im geheimen die Brandfackel durchs Land trägt. Verdenken kann's ihm kein Mensch; denn er ist Pole und will seine Polen polnisch erhalten. Dann soll er aber ehrlich sein und vor den Kaiser hintreten und sagen: »Kaiser, ich kann dir nicht in deinem Geiste zu Willen sein. Ich und meine Volksgenossen wollen keine Deutschen sein, sondern Polen, freie Polen.« -- Aber hier mit ruhiger Stirn neben dem Kaiser zu sitzen, mit diesem süßlichen, devoten Lächeln das Zutrinken des Kaisers erwidern und dabei im Innern brütend, wie er die Seinen zum Siege führen könne gegen den verhaßten Deutschen; -- Kaiser, mein Kaiser, bist du denn blind?

Der Kaiser trank hastig von seinem Sekt; sein Auge glühte, als er den Trinkspruch ausbrachte auf sein Heer, auf die Provinz, auf die Zunahme des Deutschtums -- glatt, wie ein Meer vor dem Sturme, waren die Züge des Erzbischofs, -- auf die Zunahme von Wohlstand und Bildung im Bürgertum, -- die Philister schmeckten mit Wollust noch das letzte Genossene. -- Allgemeines Hurra! Und jeder schlürfte andächtig sein Glas aus. Wie war man patriotisch!

Dann sprach der Bürgermeister. Er erstarb in Ehrerbietung und Dankbarkeit und zählte beredt alle guten Eigenschaften der allerdurchlauchtigsten Majestät auf, alle guten Absichten und Ziele; zum Schluß ein dreimaliges Hurra, -- die Herren vom Honoratiorenstammtisch riefen so laut, daß sie sicher alle den Kronenorden vierter Güte zu erwarten haben, -- dann schlürften alle ihren Sekt und setzten sich mit höchst befriedigten Mienen in dem Bewußtsein, eine große patriotische Tat getan zu haben, wieder auf ihre Polster.

Nach Tisch sprach der Monarch leutselig mit diesem und jenem ein paar Worte und bekam überall höchst zufriedenstellende Auskünfte und schied endlich, -- eine Wolke von Patriotismus hinterlassend; die aber verflog, wie der Rauch der Zigarren, die sie qualmten.

Ich hatte zum Schluß noch einen langen Disput mit den anwesenden Geistlichen über die Alkoholfrage. Sie machten mir mein Wassertrinken zum argen Vorwurf. Dies taten sie aber offenkundig nur aus Neid! Sie konnten nicht von ihrem eigenen Glase lassen, obwohl sie in innerster Seele einsahen, daß sie eigentlich als Seelsorger und Hüter des geistigen Wohles zum mindesten ebenso viele Ursache hatten, den Menschen mit gutem Beispiele voranzugehen, wie ich als Arzt und Hüter des leiblichen Wohles meiner Mitmenschen, da die Seele ja immerhin noch etwas Vornehmeres ist, als der Leib, und die Seele durch den Rausch noch mehr leidet, als der Körper. Ihr gröbstes Geschütz führten sie wider mich zu Felde. Anmaßung sei es, mich auszuschließen von allgemeiner Sitte, sagte der Propst; der Erzbischof meinte mit lächelnder Miene, da selbst das Oberhaupt der Christenheit den Wein nicht verschmähe, so dürfe wohl jeder gläubige Christ das nämliche tun. Der rechtgläubige Pastor meinte, Gott habe nichts Schlechtes geschaffen, also könne auch der Wein nicht schlecht sein, worauf ich ihm erwiderte, Gott habe auch das Opium geschaffen, ein vortreffliches Heilmittel gegen Schmerzen, so sei der Wein ein herrlich linderndes Trugmittel für den Sterbenden. Das Volk, das sich dem Opiumgenuß ergäbe, ging unter, wie auch die Goten in Italien nicht dem römischen Schwerte, sondern dem römischen Weine erlegen seien. Der alte Burschenschaftler, der liberale Pastor, zitierte singend »wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang!« Er hielte es mit Dr. Martin Luther, -- was? -- das Lied ist ja gar nicht von Luther, -- hat Luther selbst doch den Erfinder des Bieres eine Pest für Deutschland genannt! Ob sie denn alle nicht den Zusammenhang zwischen ihren Gläsern und dem ganzen entsetzlichen Elend im ganzen Reiche, ja, in der ganzen Menschheit durchschauen könnten? Es nützte nichts.

Der Kaiser war längst gegangen. Mit ihm sein Gefolge. Die Honoratioren nur noch waren geblieben. Bald hörte man hier ein lautes: »nach Hause gehen wir nicht«, -- bald dort ein: »und so wollen wir denn noch mal«.

Wo der Patriotismus wohl heute endigt? -- --

* * * * *

Das war ein wunderlicher Traum! Erst das Kaiserdiner und dann der Disput mit der Geistlichkeit. So schwer habe ich lange nicht geschlafen und geträumt.

Ich stand am Säuleneingang eines hohen Tempels. Mir zu Füßen war eine Riesentafel gedeckt. An ihrer Spitze saß der Kaiser, umgeben von seinen Generälen in goldblitzenden Uniformen, von Prälaten und Bischöfen, Ministern und Räten, dann kamen die Ratsherren, die Gelehrten, und unten drängte sich in endloser, bunter Reihe das Volk. Es ging hoch her. Trinksprüche wurden ausgebracht, Hurra gerufen, der Jubel wollte kein Ende nehmen. Der Sekt am Kopf der Tafel floß in Strömen, bei andern Gruppen der Wein, lange Reihen saßen beim schäumenden Bier, und die grölende Menge, weil ihr Beutel für Wein und Bier nicht ausreichte, stürzte Gläser voll Branntwein in sich hinein. Und nicht lange dauerte es, da begann da unten am Tisch ein Schreien und Streiten; Messer wurden gezogen, Blut floß, und mehr als einer sank tödlich getroffen unter den Tisch. Aber die Tafel war so lang, daß sie oben nicht hören noch sehen konnten, was unten geschah. Da aber das obere Ende des Tisches höher lag, sahen die unten Sitzenden wohl, wie die oben Sitzenden schmausten und pokulierten. Aber die silbernen Schüsseln mit den Pasteten und Fasanen kamen nicht bis zu ihnen, -- und je mehr sie tranken, desto kleiner waren die Schüsseln, die zu ihnen gelangten, ja, schließlich kam nur ab und zu eine trockene Brotrinde von oben nach unten heruntergereicht. Dann murrten die Zechenden wohl. Doch vergaßen sie über den Trunk die trockene Rinde.

Und um die Bier und Schnaps zechende Menge drängte sich ein blasses und hungriges Völklein, elende Kindlein und gramgebeugte Frauen, -- die zupften hin und wieder wohl leise die trinkenden Väter und Gatten von hinten am Rockärmel und flehten, sie möchten doch mit nach Hause kommen. Der eine oder andere erhob sich auch und schlich sich leise mit den Seinigen fort; andere nahmen seinen Platz ein; für jeden, der ausschied, waren drei frische Trinker da.

Aber halt, was war das? Bald erblaßte hier ein Bischof, dort ein General, -- zwei verglaste Augen, -- ein Toter sank unter den Tisch, -- bald dort ein Rat, der noch eben eine Flasche Sekt geleert, -- dort einer, der schon längst Grimassen, wie vor Schmerzen, schnitt, -- -- die Opfer des Gelages, des Trunkes! -- Einer nach dem anderen sank unter die Tafel. Ein kurzes Verwundern, -- schnell schloß sich wieder die Reihe der Zechenden und Schmausenden.

Aber allmählich, -- der Kaiser stutzte, als ob ihn etwas schüttelte, -- eine Unruhe, ein Zittern durchlief die Gesellschaft, -- ein durchdringender Geruch, wie von Leichen, erfüllte den Saal, -- da hob der Kaiser den Zipfel des Tafeltuches empor, schaute unter den Tisch und sprang auf: er hatte die Tausende von Opfern seiner Tafelrunde erblickt, die unter dem Tische verwesten.

Hoch aufgerichtet stand er da. Klirrend stieß er sein Schwert auf den Boden. Die Zornesader auf seiner Stirn schwoll hoch, seine Augen funkelten, und wie Donner klang seine Stimme: »Warum verschwieg man mir dies?« -- Wie erstarrt hielt er inne, alles lauschte.

Während des Gelages hatten die wenigsten beachtet, daß unablässig eine Schar von Männern und Frauen sich an die Reihe der Trinkenden heran machte, und wo sie sahen, daß einer in Gefahr war, durch das taumelerzeugende Gift zu erkranken, ihm winkten. Und manch einer stand auf und folgte ihnen. Und mit seltsamen, frommen und frohen Gesängen geleiteten sie ihn über die Brücke, die hoch im Bogen im Hintergrunde der Tafel in selige Gefilde führte. Und Scharen von Geretteten überschritten sie, und Reihen von Rettern und Helferinnen zogen singend an ihnen vorüber, aufs neue ihr Werk an der Tafel zu tun.

Sprachlos schaute der Kaiser dem Treiben zu. Der Zorn wich aus seinem Antlitz. Tiefer Ernst legte sich um seine Züge; -- um viele Jahre reifer schien er plötzlich geworden; -- dann aber, festen Schrittes, das Haupt geradeaus der Brücke zugewandt, als wollte er den Lärm der im Zechen Gestörten nicht hören, schritt er dem Zuge der Singenden nach, hinüber über die Brücke! Da erhoben sich viele und eilten ihm nach. Nur ein Rest blieb sitzen und trank weiter, bis auch die letzten unter die Tafel sanken, zu denen, die da schon moderten.

Plötzlich entstand eine Flamme, blitzschnell zu loderndem Feuer entfacht, -- sie verzehrte die Tafel, die Zecher und die Leichname, -- und erlosch -- und ungetrübt schaute mein Blick von des Tempels Stufen, auf denen ich stand, hinüber in die Gefilde der Seligen.

Da wachte ich auf.

* * * * *

In der Generalversammlung vom Bauverein meldeten sich zwanzig Genossen für die neuen Häuser am Walde. Jeder will eins haben. Es ist aber auch ein schönes Stück Land dabei und viel Sonne. Und ein Duft von Tannen! Es ist schier zum Gesundwerden. Aber das blasse Weib aus der Stadt, dem die Kinder in der Kellerwohnung gestorben waren! Sie sind eben erst eingetreten in den Verein, haben noch kein Anrecht. Es ist gegen die Statuten. Was mache ich nun? Da erzählte ich den Genossen, wie sie es mir gesagt hat, und ich weiß, es ist alles wahr. Aber schließlich kann ich nicht weiter. Mir läuft es naß über die Backe. Die Stimme will nicht weiter.