Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden
Part 10
Da habe ich es ihnen naturwissenschaftlich klargemacht, was ich gesagt habe. Vampyre und Kreuzspinnen sögen ihren Mitgeschöpfen das Blut aus. Und daß viele, nur zu viele unter den Wirten dieses ebenso machten, dafür wolle ich den Beweis der Wahrheit antreten und ihnen reihenweise die Bierfahrer aufführen als Zeugen an Gerichtsstelle, die mir, ihrem Arzte, ihr Leid geklagt, daß sie, um ihre Familie ernähren zu können, erst ordentlich trinken müßten bei den Wirten, weil diese ihnen sonst kein Bier abkauften, und wieder trinken, damit sie nur ihr Geld beim Einkassieren erhielten. Und die Witwen und Waisen von solchen, die sich auf diese Weise zu Tode getrunken hätten.
Und wie das Gericht eine Pause machte, tritt aus dem Zuschauerraum ein Milchhändler auf meinen Rechtsanwalt und mich zu und bietet sich gleich als weiteren Zeugen an, um das, was ich gesagt, sofort unter seinem Eid zu bekräftigen. Champagner hätte er ausgeben müssen, nur um die Ehre zu haben, in einer Wirtschaft seine Milch zu verkaufen, und Wirt und Wirtsfrau und Kellnerin hätten mittrinken müssen, um die Zeche hochzubringen. Da hätte er die Sache vor Gericht gebracht, und der Wirt sei wegen Nötigung und Begünstigung der Völlerei verurteilt und mit Entziehung der Konzession bedroht.
Aber meine Richter kannten die Gesellschaft offenbar ebensogut wie ich. Der Vorsitzende hat hochdeutsch mit ihnen geredet. Nun ist ihr Schimpfen und Verleumden ihnen teuer zu stehen gekommen.
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Ich kann nicht darüber wegkommen, daß die Juden in der Monistenbewegung wiederum die Hauptrolle spielen. Das Gute, das sie dabei tun, ist wieder die zersetzende Kritik, die sie damit an unseren verspakten Dogmen üben, an die ja doch von hundert keine drei mehr glauben. Es ist die reine Bakterienarbeit, die sie treiben: wie die mikroskopischen Tausendkünstler der Chemie zersetzen sie, was immer in unserem Kulturleben sich als Absterbendes, Totes zeigt, in Rußland, in Österreich, in Italien, in Frankreich, in Spanien, wie bei uns. So sind sie in der Tat der Sauerteig der Erde.
Wunderbar, wie fein die Bibel diese Wirkung der Hefezellen des Sauerteigs bereits auf das Geistige zu übertragen wußte, obgleich sie von der mikroskopischen und mikrochemischen Natur dieser kleinsten Lebewesen noch keine Ahnung hatte. Aber es ist keine Frage; die alte Prophezeiung ist eingetroffen: sie sind der Sauerteig der Erde.
Aber wirken sie nur zersetzend, nicht auch aufbauend, schaffend? Ist nicht die Tätigkeit jener zahllosen jüdischen Frauen, die ihr Leben selbstlos der Wohltätigkeit, besonders in den Frauenvereinen widmen und gewidmet haben, -- ich denke an eine Rahel Varnhagen, Lina Morgenstern, -- ist nicht die Tätigkeit aller dieser eine aufbauende? Ja und nein. Vor allem zersetzen sie die Kälte, die Lieblosigkeit, die ein Zeichen des Todes ist, und bringen die Herzen in Gärung, und Gärung erzeugt Wärme, und Wärme ist Liebe.
Wohlan, ihr tapferen, warmherzigen, jüdischen Frauen, kommt mit eurer Wärme, die ihr vor tausend Jahren mit der wärmeren Sonne eures Vaterlandes Palästina eingesogen habt, und helft die Gleichgültigkeit und Kälte des Nordens in Gärung versetzen! Ich heiße euch willkommen im Kampfe der Geister!
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So mußte es kommen. Haben sie den großen starken Lümmel, den Jacobsen, auf der Schulbank festgehalten, anstatt ihn, der mit seinen vierzehn Jahren so ungeschlacht war, wie ein starker Zweiundzwanzigjähriger, laufen zu lassen. Der Vater hat gebeten, -- er könne den Jungen nicht mehr zahm halten, -- der Großvater habe mit fünfundsechzig Jahren noch die fünfte Frau gefreit.
Die Mutter hat gefleht, -- sie sollten den Jungen konfirmieren, damit er zur See könne. Ungern ließe sie den Einzigen aufs Schiff; aber sie, als Mutter, wisse am ehesten, daß es das Beste für den Jungen sei. Er müsse sich ausarbeiten; könne die Kraft nicht mehr zügeln. Alles umsonst. »Er weiß noch nicht genug. Soll noch ein Jahr zur Schule gehen.«
Vor einem halben Jahre erst hat er den Streich gemacht und ist mit des Brückenwarts Boot die Elbe hinuntergesegelt, -- hat nach Amerika wollen, -- fort, nur fort!
Nun ist es über ihn gekommen, der große dunkle Drang, -- alles Denken hatte aufgehört in ihm, wie er nachher selbst geäußert hat.
Mit des Nachbars Zehnjährigen hat er Holz gesammelt am Strand. Da hat er sie niedergeworfen in den weichen Sand. Und da ist's geschehen. Das Mädel ist nachher zur Mutter gelaufen, die Mutter zum Gendarmen, -- der hat den Burschen gleich verhaftet. Dann ist sie mit dem Kind zu mir gekommen. Ich sollte es untersuchen. Nichts ist ihm geschehen zum Glück.
Aber der Bursche! Wenn er gelind davonkommt, stecken sie ihn in die Fürsorgeerziehung. Einstweilen sitzt er erst einmal Wochen, Monate in Untersuchungshaft, wie sie das so schön nennen, bis diese entsetzlich langsam arbeitende Maschine Justiz Untersuchung und Urteil beendet hat. Und dann? Dann ist aus dem kräftigen Burschen mit seinem ungebändigten Naturtrieb ein elender, verkommener Wicht geworden. So züchtet man Verbrecher, -- +im maximam Dei gloriam et scholae+.
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Alle Kämpfe, die wir draußen im Leben kämpfen, müssen wir zuerst in unserem Herzen durchgekämpft haben. Sei es, daß es sich um die Klarheit in unserem Verhältnis zu dem handelt, was wir Gott nennen, sei es, daß es sich um unsere Stellung handelt, die wir den sozialen Fragen unserer Zeit und unserer Regierung gegenüber einnehmen wollen, vor allen Dingen unseren Mitmenschen gegenüber, -- sei es, und das ist das Wichtigste für den Mann, daß wir das Weib zu gewinnen suchen, mit dem zusammen wir in eins verschmolzen uns zu dem Gemeinschaftswesen »Mensch« verbinden und erheben wollen, in der Erkenntnis, daß weder der Mann allein, noch das Weib allein den Ehrennamen Mensch verdient! -- -- -- Nur die Unklarheit diesen Fragen gegenüber ist es, die uns schwächt und lähmt und nur zu oft die Sucht in uns großzieht, uns zu betäuben, damit wir nicht an sie zu denken brauchen. Und doch ist dieser Kampf in uns das einzige, was uns Klarheit und Ruhe und damit die Kraft zum Weiterleben und den Sieg über uns selbst wiedergeben kann.
Wie ich es vorher gesagt, ist es gekommen! Nun gibt es was zu reden für die Sittlichkeitsrichter, unter denen sich nur zu oft Leute befinden, die sich mit ihrem vielen Bier dicke Bäuche herangezüchtet, und, wie Bismarck so schön gesagt hat, »impotent getrunken« haben, nun jammern und zetern sie über das Zunehmen der Sinnlichkeit. Und was ist geschehen? Ein unreifer Schlingel, der längst auf dem Schiff oder auf dem Acker sich seine pferdestarken Muskeln und Knochen hätte müde arbeiten sollen, hat, krank vor unverbrauchter Kraft, unreife Früchte pflücken wollen.
Diese verfluchten scheinheiligen Pharisäer mit ihrem Zetern über die Zunahme der Sinnlichkeit, als ob die an sich eine Sünde wäre. Und ist doch eingesetzt von der ewig gütigen und allweisen Mutter Natur zur Erhaltung der Menschheit! Ist zu vergleichen einer reinen und schönen Quelle, die uns Gesundheit und Kraft zu geben bestimmt ist. Aber die Torheit und Gemeinheit der Menschen wirft Kot und Unrat hinein und verunreinigt und vergiftet sie und wundert sich dann, wenn diese Quelle ekle Krankheiten und Tod hervorbringt, oder die Menschen lassen sie versiegen, wie diese Stammtischpharisäer mit ihren dicken Bäuchen, und schelten dann neidisch auf die Gesunden, bei denen sie sprudelt. Und dabei fangen die deutschen Regierungen bereits an, sich zu sorgen über die Abnahme der Geburten! -- Verdammt noch mal, -- schließt doch diese verfluchten Schnapshöllen, Bierpaläste und Bordelle, und gebt unserem Volke Land, Land und nochmal Land, und unser Volk wird für alle Ewigkeiten der Menschheit eine Quelle sein für Kraft und Gesundheit und Fortschritt zum Guten!
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Ich kann in mir nicht zur Ruhe kommen. Was heißt denn Sünde? Ich habe herumgefragt bei den Autoritäten, auch den amtlich für solche Fragen angestellten, -- aber keiner scheint es zu wissen. Auch mein Pfarrer nicht. Der eine sagt, alles, was den Gesetzen widerspricht. Den Gesetzen? Welchen Gesetzen? Jenen, die von Menschenhand gemacht sind und anders sind in diesem oder jenem Land, anders heute und anders morgen? Ein anderer sagt, alles sei Sünde, was unserem Gewissen widerspricht. Da haben die Menschen es sich freilich bequem gemacht, -- denn Fürst, Minister, Professor, Doktor bis zum jüngsten Lehrling, -- sie betäuben einfach ihr Gewissen mit ein wenig oder -- mit etwas viel Wein, Bier, Sekt oder Schnaps, -- und dann schweigt der unbequeme Schlingel Gewissen, -- und die Sünde ist keine mehr. So machen sie es, wenn sie nach ihren Diners, Kommersen, patriotischen Festgelagen und Kneipereien in Gott weiß was für Winkelschenken ins Bordell taumeln, wie neulich erst wieder die Turner nach ihrem großen Fest zu Hunderten, -- so machen sie's am Regierungstische, wenn sie zugeben, daß unseren so wertvollen, ja unentbehrlichen Arbeitskräften in unseren Kolonien, den Negern, schiffsladungsweise der Schnaps, den unsere hohen Herren brennen, verkauft wird, und dann, wenn sie zu Säufern geworden sind, noch obendrein Gewehre hinterher. Denn Menschen mit klarem Gewissen und nüchternem Verstande können doch solche an Wahnsinn grenzende Taten nicht begehen oder auch nur gutheißen!
Auch das mit dem Gewissen genügt also nicht. --
Halt, -- ich hab's: Sünde ist alles das an Gedanken, Worten oder Werken, wodurch wir selbst oder andere krank oder unglücklich werden oder gar sterben.
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Mir ist so angst, seitdem mir seit gestern das Wesen der Sünde, wie es schon in der Macht des Gedankens beruhen kann, klar geworden ist. Der einzige Mensch, den ich je in meinem Leben wirklich gehaßt habe, aus ganzer tiefster Seele gehaßt habe, weil er gar so verlogen und falsch ist, die Jugend zum Trinken verführt und mit seiner Gehässigkeit so viel Unglück stiftet unter den Menschen, saß mir im Gericht gegenüber, wohin ich ihn zitiert. Und wie ich ihm gegenüber saß, hatte ich nur den einen Gedanken, ihm im Zweikampf mit einer Hand, die, wenn sie will, nicht fehlt, eine Kugel in die Stirn zu jagen, damit er nicht weiter Haß und Unheil unter den Menschen säen kann. -- Und grauenhaft! Seit dem Tage fast trägt der Mensch an seiner Stirn ein Kainszeichen, just an der Stelle, an der meine Gedanken sich wie eine Kugel einbohrten, um ihn zu töten. Und die Stelle heilt nicht, -- will nicht heilen, kann nicht heilen. --
Die Okkultisten nennen das »schwarze Magie«. Aber das ist ja Unsinn. Ich glaub' nicht daran.
Ich weiß als Arzt, woher die Stelle stammt und kann doch nicht ruhig werden.
Herrgott im Himmel, -- gib, daß seine Stelle heilt! Hilf mir, wenn es nicht anders sein kann, meinen Haß besiegen, damit sie heilen kann! --
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Es ist entsetzlich in diesen ganzen Monaten. Ich habe sie nicht gehaßt! Bei Gott im Himmel, ich habe sie nicht gehaßt, und sie sterben reihenweise; der eine an Zuckerkrankheit, der andere an Arterienverkalkung, der dritte und vierte an Herz- und Leberverfettung und ich weiß nicht was alles. Ich weiß aber, sie haben sich gebrüstet damit, wieviel sie vertragen könnten und haben auf uns Wassersimpel geschimpft, haben uns verleumdet und schlecht gemacht. Wir haben versucht, sie aufzuklären, ich habe es wahrhaftig an Mühe nicht fehlen lassen, und nun sterben sie weg, diese armen Kerle, wie die Fliegen. Sie sagten, wir wären ihre Gegner und ruinierten ihr Gewerbe. Mein Gott, aber sie ruinierten die Menschen, und mehr als ein Dutzend kräftiger, junger Männer könnte ich an den Fingern herzählen, die gesund und arbeitsfroh in unsere Gegend kamen, und die sie an ihren Stammtischen festgehalten haben, und die nun schon längst auf dem Kirchhofe liegen. Ich habe sie nicht gehaßt, wahrhaftig, ich weiß es, ich habe sie nicht gehaßt. -- Warum, mein Gott, hast du sie denn sterben lassen und sie nicht aufgeklärt, daß sie gesund blieben? Vielleicht hätten sie doch Einsicht bekommen und hätten alles anders gemacht. Mein Gott, es ist zu entsetzlich!
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Das erschwert uns den Kampf aufs äußerste, daß dieser Mann, dessen Beispiel als Tat so unsagbar segenbringend für unser ganzes Volk, für unsere ganze Nation wirken könnte, beständig hin und her gezogen wird durch die Einflüsse seiner Umgebung. Da sind auf der einen Seite diese vielen vortrefflichen, klugen Männer, mit allen Waffen der modernen Wissenschaft und Technik ausgerüstet. Und ist er durch diese aufgeklärt, so hält er vortreffliche Reden in unserem Sinne, begeistert und begeisternd. Und alsbald kommt die Gegenpartei; Leute, die große Brennereien haben auf ihren Rittergütern und die für den Absatz ihres Branntweins fürchten, hohe Herren, deren Verwandte Brauereidirektoren sind, und tuscheln ihm ins Ohr, der deutsche Trunk müßte hochgehalten werden, die Alkoholgegner wären schlappe Kerle und Guttempler vollends mit ihren internationalen Gefühlen verdächtig. Das »international« erinnert womöglich ein wenig an die »internationale« Sozialdemokratie. Und alsbald wird an einer passenden oder unpassenden Stelle wieder ein freundliches Wort über das deutsche Trinken gesagt, und der Alkohol müßte hochgehalten werden, und der Wein soll leben, und begeistert wird von der ganzen Alkoholpresse und Alkoholindustrie das Wort aufgenommen und in tausendfachem Echo in der deutschen Tagespresse breitgetreten. Und dann wird wieder drauflos gesoffen, und wir Guttempler haben wieder die Rettungsarbeiten in erhöhtem Maßstabe. So kommen wir nimmer und nimmer vorwärts!
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Heut morgen war die junge Heidbäuerin bei mir. Ich solle ihr helfen, ihren Mann wieder auf den richtigen Weg bringen. Die braune Lisbeth mache ihn ihr abspenstig.
Ich kenne die Bäuerin von klein auf. Das hübscheste Weib ist es in ihrem Dorfe, und er ein kreuzbraver Kerl, und gut und tüchtig.
Ich lege ihr die Hände auf die Schultern, schau ihr ins Gesicht und frage: »Sag, Margreth, hast ihm schon fix zugeredet?« -- »Und ob, -- ich passe ihm auf Schritt und Tritt auf, und kommt er mir einmal später nach Hause, lese ich ihm tüchtig den Text.«
»So ist's recht, Heidbäuerin, dann wirst ihn bald los sein und der anderen ins Garn jagen!« --
Oh, über euch törichten Weiber!
Ihr wollt, daß euere Männer euch lieb haben und euch treu seien, und das einzige Zaubermittel, das unfehlbar wirkt, das nichts kostet und euch nur Glück bringt, das wendet ihr nicht an!
»Deern, sei nicht so kreuzdumm, sondern leg' ihm Schlingen der Liebe um seinen Hals und seinen Nacken, daß er dir nicht durchbrennen kann, -- sollst sehen, er ist zahm wie der Stier, der dem Hütejungen am dünnen Strick folgt.«
Sie sieht mich ungläubig an. Als sie aber mein ernstes Gesicht sieht, begreift sie. Dankbar schüttelt sie mir unter Tränen lachend die Hand. Da schiebe ich sie zur Tür hinaus.
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Der dicke Brauereidirektor aus der Stadt war bei mir wegen seines Fettherzens und seiner Leber wegen, ein humaner, guter Mensch. Tausende hat er mir gegeben für meinen Bauverein und 300 Mark für meine Bestrebungen, die Elbe reinzuhalten, und manches Zwanzigmarkstück für unsere Rettungsarbeit an Trunksüchtigen. Ist nun sein Gewerbe ein sittliches oder unsittliches? Ich muß an den Brauer Jacobsen in Kopenhagen denken, der seiner Vaterstadt die wunderbarsten Kunstschätze und herrlichen Museen geschenkt und sie damit zu einer der kunstreichsten und schönsten Städte der Erde gemacht hat.
Aber ich muß auch an unseren guten Br. Wobsen denken in Flensburg, der vor fast einem Menschenalter in Dänemark den Vortrag eines schwedischen Guttemplers hörte und dadurch aufwachte und erkannte, welch furchtbares Unheil er mit seinem Schnapshandel über seine Mitmenschen und Mitbürger die langen Jahre gebracht hatte. Als er nach Hause kam, nahm er seine Flaschen und Demijohns mit den giftigen Getränken und schüttete sie in den Handstein in seiner Küche, eine nach der anderen, -- und wurde Guttempler! Er rettete durch seine Tat der Erkenntnis und der Liebe Hunderten und Tausenden Leben und Gesundheit, wie er früher Leben und Gesundheit von vielen, ohne es zu wissen und zu wollen, vernichtet hatte. Das ist der Markstein, ich möchte sagen die mathematische Lösung, die die Erkenntnis uns gibt: Nicht der Beruf, nicht das Geschäft, alle diese giftigen Getränke herzustellen und zu vertreiben, an sich ist unsittlich. Aber sie werden unsittlich und werden zum Verbrechen, sobald diejenigen, die diese Getränke herstellen und vertreiben, Wissende geworden sind, sobald sie diese Getränke herstellen und vertreiben, trotzdem sie wissen, daß sie mit den Groschen und den Milliarden Mark, die sie daran verdienen, ihre Mitmenschen auf den Weg des Verbrechens und auf den Kirchhof bringen und ihr Vaterland in Not und Gefahr. Sobald sie dies wissen und erkannt haben, handeln sie nicht viel besser als der Straßenräuber, der sein Opfer mit der einen Hand an der Gurgel packt und ihm mit der anderen das Messer in die Brust stößt, um ihm sein Geld abzunehmen. Ob er ihn langsam hinwürgt oder schnell, das bleibt sich für seine Gesinnung und für das Endresultat gleich. Nicht die Verschiedenheit der Anschauungen macht es, -- auf die Gesinnung kommt es an. Und weil sie instinktiv fühlen, daß diese eigene Erkenntnis des furchtbaren Unheils, das von diesen Trinksitten ausgeht, ihnen selbst ihr Urteil spricht, so fürchten und hassen sie diese Erkenntnis, und alle, die sie ihnen bringen. Und belügen sich und andere, um sich und ihr Gewissen zu betäuben! -- Das ist der Kernpunkt unseres Kampfes!
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Und wenn er nicht zu uns kommen will, weil er nicht ganz von seinem Glase lassen will, so mag er doch die Kelle in die Hand nehmen und zu den anderen gehen, wie sein Vater und Großvater getan haben. Dort wird er manches lernen und erfahren, was ihm seine Höflinge doch niemals sagen. Und wir Menschen können nie genug lernen. Besonders, wenn wir an einer solchen Stelle stehen, wie er!
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Ich fühle es, wie sie hetzen und schüren, die Gegner. Und da sie mir sonst nichts anhaben können, versuchen sie es mit Lügengespinsten und Verleumdungen.
Als mir ihre Stammtischausgeburten zu toll wurden, habe ich das ganze Nest wieder einmal dem Staatsanwalt überantwortet. Der hat wacker zugegriffen und sie als Verleumder festgenagelt und ihnen den Kopf gewaschen, daß es dampfte.
Da sind sie zu Kreuz gekrochen, haben Abbitte getan und zugegeben, es sei »nur ein Bierwitz« gewesen. Nicht meinetwegen hab' ich es getan, -- aber von meinem Wirken sollen sie mir ihre unsauberen Hände lassen, damit ich ungestört weiter schaffen kann für meine Armen und mein Volk!
Wie aber, wenn solch ein »Bierwitz« einen trifft, der dieses schmutzige Gift nicht so, wie ich es getan habe, von sich abstreifen kann, als ob er mit seinen Stiefeln in etwas getreten hat? Da kann's auch mal ein Unglück geben, an das die Herren Stammtischphilosophen nicht gedacht haben.
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Unsere Knicks, die die Felder so lieblich umsäumten, die Hecken, in denen die Vögel im Frühling nisteten und im Winter Schutz suchten, zerstören sie, um Bauland zu gewinnen oder den Streifen ihrem Acker zuzuschlagen. Unseren Wald holzen sie ab, und die Heide, meine geliebte Heide, pflügen sie um. Aus allem wollen sie Geld machen. Ja, -- freilich! Unser Volk wächst und braucht Land und Brot. O mein Gott, daß ich doch reich wäre und möglichst viel von dem Land aufkaufen könnte, damit es uns wenigstens hülfe Häuser darauf zu bauen für meine Armen. Ich fürchte aber, das meiste wird der Spekulation anheimfallen, bis es schier unerschwinglich teuer wird. Und dann? -- Aber einen Teil wenigstens muß ich für meine Arbeiter retten, und wenn die Gemeinden mir auch noch so viele Schwierigkeiten machen! --
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Nun kann ich nicht mehr. Eine seltsame Sehnsucht nach Ruhe erfaßt mich.
Heute morgen kommt der junge Heidbauer in meine Sprechstunde, fällt mir wie ein Kind, -- der große starke Mann, -- um den Hals und schluchzt: »Doktor, ich hab' sie geschlagen! Sie, die ich so über alle Maßen lieb gehabt, lieber als mein Leben, die hab ich geschlagen, -- mit dieser meiner Hand.«
Und dabei sieht er seine Hand an, als ob sie Blutflecken hätte.
Tribuliert hat sie ihn, gequält mit Eifersüchteleien, -- da hat's ihn übermannt. Erst hat er sie gewarnt: tu's nicht, -- angefleht hat er sie, -- aber sie hat weiter tribuliert. Dann ist's geschehen.
Und nun könnt' er sie nicht mehr lieb haben, weil sie ihn so weit gebracht, daß er sich vor sich selber schämen müßte.
Ich red' ihm Mut und Trost ein, an den ich selbst nicht glaube. Dann fahre ich auf Praxis.
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Wie ich durch Nienhusen komme, werde ich angehalten: »Doktor, um Himmels willen, schnell! Ein Gräßliches ist geschehen! In unserem Dorf!«
Ich denke zunächst an den Heidbauern.
Gott sei Dank, -- der ist's nicht. Aber der Hansen ist's.
Wie ich in den Buschwinkel komme, da steht Hinrich Hansen sein rothaariger Bub in der Gartenpforte, den Kopf auf den Arm gebeugt, und weint in sich hinein, daß es einen Kiesel erweichen könnte. Ich streiche ihm über den struppigen Kopf und trete über den Flur ins Zimmer.
Barmherziger Gott, liegt die Frau ausgestreckt auf dem Boden, -- tot, -- der Kopf in einer großen Blutlache.
Ich gehe nebenan hin, wo unter dem nämlichen Dache der Bruder, der Jakob, wohnt. Sitzt die Frau in der Küche am Kaffeetisch, die Kinder um sie herum. Alle wie versteinert. Die abgebissenen Butterbröte und die halbgeleerten Kaffeetassen verlassen und kalt auf dem Tisch.
Um Gottes willen, was ist denn passiert? Tränenlos, mit müder Hand zeigt die Frau durchs Küchenfenster auf den Hof.
Ich trete hinaus, und Grausen packt mich. Blut und Gehirnfetzen rings auf dem Erdboden. Und mitten drin liegt der Jakob, tot, starr, der Kopf von der Küchenschürze der Frau bedeckt. Neben ihm sein Gewehr.
Ich lüfte die Schürze. Schuß in den Mund. Der Schädel auseinandergesprengt. --
Wie ich wieder vor der Frau stehe und ihr stumm die Hand reiche, löst sich der Krampf. Unter Schluchzen stürzt es heraus: »O, er war so gut. Trank nicht. Spielte nicht. Aber das Wildern konnt' er nicht lassen. Vorige Woche hat er einen Fasan geschossen. Da hat der Flurschütz ihn angezeigt.
Und nun ging's los. Ging er über's Feld, hänselten ihn die Arbeiter schon von weitem, legten die Spaten an die Backe und taten, als ob sie schössen.
Vom Stammtisch schickten sie ihm eine namenlose Karte, er solle sich den Fasan nur gut schmecken lassen.
Die Schwägerin hat ihn auch geneckt und gehänselt. Er hat sich's verbeten, ein-, zwei-, dreimal -- sie konnt's nicht lassen.
Morgen sollte er vor's Gericht. Das konnte er nicht überleben.
Drei Glas Grog hat er auf dem Heimweg hinuntergestürzt. Ganz gegen seine Gewohnheit. Den Gram und den Groll hatte er hinunterspülen wollen.
Und wie er beim Kaffee sitzt mit den Seinen, geht die Schwägerin über den Hof am Küchenfenster vorbei und macht ihm eine Grimasse zu.
Da ist sein Maß voll gewesen. Die Verbitterung und der aufgespeicherte Groll haben ein Opfer verlangt. Das hat er mit hinübernehmen wollen in das Nichts.
Denn der Haß ist der Tod. Nur die Liebe bedeutet Leben.
Plötzlich ist er aufgestanden vom Tisch. -- Gleich darauf zwei Schüsse. Und nun haben zwei Kinder keine Mutter und sechs keinen Vater mehr. Und alles um einen Fasan.«
Herr Gott, Vater, nimm mich zu dir. Ich kann nicht mehr. Das ist zuviel für einen Tag. Erst der Heidbauer und nun dieses.
Zwanzig Jahre habe ich Liebe zu säen versucht, und überall geht der Haß hoch, und überwuchert die Liebe. Denn wo sie Haß säen, geht er auf, wie Distelsamen auf Weizenland, daß der Weizen schier erstickt wird.
Was nützt da noch ein Leben in Liebe? Ich kann nicht mehr. Und hab' in meinem eigenen Herzen mit meinem eigenen Haß zu kämpfen! -- --