Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden
Part 11
Und den Gott der Liebe wollen sie auch noch abschaffen? Wie mag es dann erst werden! -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
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Als ich am Morgen erwachte, hielt ich meine Tageblätter noch in den Händen. Der Himmel hatte sich etwas aufgehellt. Von Englands Küste war kaum etwas zu sehen. Dort im Nebel mußte Dungeneß liegen, weiter nach Süden Brighton, dort Hastings, dort der Leuchtturm von Quessant. Plötzlich trat die englische Majorsfrau auf mich zu, die sich bis jetzt nur selten an der Tafel gezeigt hatte.
Wir hatten sie in Antwerpen mit an Bord genommen, da sie ihren Gatten in Boulogne treffen wollte. In ihrem englischen Akzent, der die amerikanische Herkunft verriet, fragte sie mich: »Nun, Doktor, Sie schauen ja mit so bitterbösem Blick nach England hinüber, als suchten Sie dort jemanden, den Sie erdrosseln möchten.« »Ich denke,« erwiderte ich ihr, »mit banger Sorge an das, was der Minotaurus von England wieder Schlimmes für England und für die Welt spinnt.« -- »Der Minotaurus von England,« fragte sie, gespannt aufhorchend? »Erinnern Sie sich nicht, Mrs. Elson, an die Artikelreihe aus der Pall Mall Gazette, in der dieses Blatt vor rund zwanzig Jahren von einem Moloch, dann wieder von einem Minotaurus berichtete, von einem Ungeheuer, dem alljährlich Hunderte unschuldiger Kinder Englands geopfert wurden? Haben Sie nie von diesem gekrönten Ungeheuer gehört?« »Nein,« erwiderte sie, »die Geschichte ist mir entfallen. Richtig, sie war in der Presse erschienen, als mein Gatte und ich in Afrika in unseren englischen Kolonien waren und viele Monate fern von aller Kultur in der Wildnis lebten. Ich weiß, wen Sie meinen. Und ich will Ihnen eine kleine Geschichte aus meinem Leben erzählen, die Ihre Kenntnis dieser Persönlichkeit bereichern wird.
Mein Gatte und ich waren damals verlobt. Ich besuchte ihn in Aldershot, wo er damals als Leutnant stand, um mit ihm noch einige Dinge für unsere nahe bevorstehende Hochzeit zu besprechen. Wir saßen an einem Tischchen in einem der ersten Hotels der Stadt, um unser Frühstück einzunehmen. An einem zweiten Tischchen in unserer Nachbarschaft saß ein General. Ich fühlte instinktiv, auch wenn ich nicht zu ihm hinsah, wie derselbe mich fast unausgesetzt fixierte. Mein Verlobter mußte bald nach unserer kurzen Mahlzeit in den Dienst. Mein Zug, der mich nach London zurückführen sollte, fuhr früh abends, ehe mein Verlobter den Dienst beendet hatte, so daß ich in dem nämlichen Hotel vor meiner Abfahrt noch zu Mittag speiste. Kaum hatte ich mich an meinem Platze niedergelassen, als ich an dem Nachbartischchen wieder jenen General erblickte, der mich genau in derselben unverschämten Weise fixierte, wie am Vormittage. Ich beendete, unangenehm berührt, hastig mein Mahl, zahlte und fuhr nach Hause. Am andern Morgen meldete mir mein Diener einen Herrn. Ich fragte nach seinem Namen. Der Diener antwortete, der Herr hätte seinen Namen nicht nennen wollen. Ich nahm an, daß es sich um irgend eine Überraschung oder einen Scherz meines Verlobten handle und ließ den Herrn bitten. Wer beschreibt mein Erstaunen, als mit der verlegensten Miene von der Welt und mit tiefsten Bücklingen der Wirt des Hotels in Aldershot bei mir eintrat. Ich unterbrach seine endlosen Entschuldigungen, daß er es wage, sich bei mir melden zu lassen, mit der Frage, was er von mir wünsche. Mit dem Zeichen der höchsten Verlegenheit fragte er mich, ob ich mich entsinne, daß an einem Nebentischchen im Hotel ein älterer Herr gesessen, der sich sichtlich für mich interessiert habe. Ich nickte bejahend. »Was ist's?« -- Er erwiderte: »Der Herr war General E.« -- »Ich habe ihn erkannt; was wünscht der Herr von mir?« Der Wirt, sich sichtlich vor Verlegenheit krümmend: »Der Herr General läßt das gnädige Fräulein fragen, ob dem gnädigen Fräulein daran läge, Seiner Königlichen Hoheit, dem Prinzen von Wales, vorgestellt zu werden.« Ich fühlte, wie mir alles Blut zum Herzen schoß, als ob ich einer Ohnmacht nahe wäre, und wie gleich darauf mir eine flammende Röte ins Gesicht stieg. Nur einen kurzen Augenblick besann ich mich auf meine Antwort, -- dann erklärte ich dem verlegen auf Antwort Harrenden mit so eisiger Stimme, daß ich mein eigenes Organ kaum wiedererkannte: »Sagen Sie General E., ich wäre die Braut des Herrn Leutnant R. bei den 4. Dragonern. In vierzehn Tagen wäre unsere Hochzeit. Nach meiner Hochzeit würde es mir eine Ehre sein, mit meinem Gatten zusammen Seiner Königlichen Hoheit vorgestellt zu werden.« Wie der Wirt aus dem Zimmer gekommen ist, weiß ich nicht mehr, -- ich hatte nur ein Gefühl von grenzenlosem Ekel, von unsagbarer Scham, wie nach einer tödlichen Beleidigung. War doch in der Gesellschaft genugsam bekannt, was eine derartige Einladung bedeutete. -- Mir, der Tochter der großen Republik, der Braut eines königlichen Offiziers, eine solche Schmach! -- Aber ich war schön und jung, von tadellosem Wuchs, und so schien ich dem General geeignete frische Ware für seinen königlichen Herrn. Wenige Tage nach unserer Hochzeit erhielt mein Gatte seine Versetzung in die afrikanischen Kolonien, wohin ich ihm selbstverständlich folgte. »Wissen Sie,« fuhr sie fort, »es mag Mörder und Verbrecher in England und auf dem Kontinent geben, -- dieser Minotaurus der Pall Mall Gazette ist der größte unter ihnen, der blutgierigste, der habgierigste, der skrupelloseste. Erinnern Sie sich an die Entstehungsgeschichte des Burenkrieges, den Jamesoneinfall in Transvaal und die Gerichtskomödie mit der Bestrafung seiner Urheber?« Ich nickte. Sie fuhr fort: »Ich kannte sie alle, diese Herren, den Jameson, Cecil Rodes sowohl, wie Beit.
Die Depesche Ihres Kaisers war ein Zeugnis für das reine, gesunde und starke Empfinden dieses großen Mannes, daß es sich um einen gemeinen Schurkenstreich, um einen frechen, räuberischen Überfall auf ein scheinbar wehrloses Volk handelte. Aber hinter diesem Jameson standen Chamberlain, Cecil Rodes und Beit, von dessen Hotel geheime Gänge zu den Gemächern im Palaste ihres Freundes führten, des Minotaurus der Pall Mall Gazette. Und lediglich die gemeinste Habsucht war die Triebfeder ihres verbrecherischen Vorgehens. Der gewinnbringende Handel nach Afrika mit Branntwein, an dem alle diese Herren beteiligt waren, war bedroht durch die antialkoholische Politik der Burenrepubliken; die Goldgruben und die Diamantenfelder in Transvaal lockten diese Mörderbande; die Waffen und Pulverfabriken, deren Mitinhaber sie waren, mußten bei einem Kriege enorme Gewinne abwerfen. So wurde mit Hilfe des käuflichen Teiles der englischen Presse der englischen Nation und der übrigen Kulturwelt das Märchen aufgebunden, der Krieg gegen die Burenrepubliken sei eine Ehrensache für England. Es sei eine Kulturaufgabe für die englische Nation, aufzuräumen mit dem verkommenen Volke dieser Freistaaten. Es ist die alte Geschichte: Wenn der großen Masse das Verlogenste, Widersinnigste nur immer wieder aufgetischt wird, vergißt sie, was ursprünglich wahr war, und glaubt das, was sie glauben soll. Ich habe durch unseren jahrelangen Aufenthalt in Afrika die Buren gründlich kennen gelernt, und ich kann Ihnen sagen, es waren, natürlich von Ausnahmen abgesehen, die fleißigsten, intelligentesten Leute, die ich je gesehen. Sie wären eine Quelle von unschätzbarem Werte zur Regeneration unserer Kulturwelt gewesen. Sie wissen, wie der Krieg verlief. Ein reiches, glückliches, lebensfrohes Volk wurde vernichtet unter unsäglichen Martern, Englands Waffen befleckten sich mit Schimpf und Schande, bis endlich die Scharte einigermaßen wieder ausgewetzt wurde, bis endlich der schwächere Gegner nach jahrelangem Ringen von dem um das Vielfache stärkeren erwürgt wurde. Aber um welchen Preis! -- Wieviel gutes englisches Blut ist geflossen, wieviel Elend über englische Familien gekommen, wieviel Glück zerstört! Ich schweige von meinem eigenen angesichts des endlosen Jammers im ganzen Königreiche. -- Und warum? Lediglich der gewissenlosen Habsucht dieses Minotaurus und seiner verbrecherischen Freunde willen. Begreifen Sie, daß ich diesen Menschen, der kein Mensch ist, hasse, hasse, wie man die Sünde haßt? Mir ist es, als ob alles Böse, alle Verlogenheit, alle Grausamkeit der Welt von ihm ausginge. Denken Sie an den Krieg zwischen Rußland und Japan! Wer hat ihn geschürt? Der Minotaurus! Und nun sehen Sie, wie er und seine Henkersknechte die Welt durch die Presse beherrschen.
Haben Sie seinerzeit den Umschwung der öffentlichen Meinung beachtet, als endlich unter Lord Roberts und Kitcheners Führung das Kriegsglück sich zugunsten Englands wandte? Wie plötzlich der ganze Haß gegen England verstummte? Wie plötzlich die Kulturtat Englands in allen Tonarten gepriesen wurde?
Aber so wahr ein Gott lebt,« und hier hob sich ihre Stimme, daß sie bei dem herrschenden Sturm und der Brandung des Meeres fast etwas Dämonisches bekam, »so wahr es eine Gerechtigkeit im Leben des einzelnen und der Völker gibt, es wird und muß der Tag kommen, wo dieser Minotaurus entlarvt sein wird, wo er zusammenbrechen wird unter der Wucht seiner Verbrechen, verfolgt von den Geistern seiner zahllosen Opfer, die er gemordet hat, und wo endlich Frieden auf Erden sein wird!«
Das war nicht mehr das in ihrer Frauenehre beleidigte, haßerfüllte, rachedürstende Weib: wie eine Prophetin stand sie da, -- ihr rotgoldenes Haar, vom Winde zerzaust, leuchtete durch den Gischt, der uns entgegensprühte, wie strahlende Abendsonne, die in der Heimat im Herbstnebel untergeht.
In mir aber war etwas, das mir Mut und Ruhe verlieh: der Glaube an meinen Kaiser. --
Wie eine Lichtgestalt sah ich ihn durch das Dunkel der Nacht in die Zukunft unseres Volkes schreiten. --
In diesem Augenblick kam ein Steward und bat mich, zu dem jungen Elsässer zu kommen, der sich sehr elend fühle. Er saß vor seiner Kabinentür zwischen seinem wohlverschnürten Handgepäck und seinen fertig gepackten Koffern. »Wollen Sie an Land gehen?« fragte ich ihn lachend, wohl wissend, daß sein Billett nach Brasilien lautete. »Ich will wieder nach Hause,« stöhnte er, »ich kann nicht mehr. Sagen Sie dem Kapitän, Doktor, daß er den nächsten Hafen anlaufen solle, koste es, was es koste, ich muß an Land.« -- »Aber Ihr Billett?« -- »Ist mir einerlei! -- Ich will an Land, ich will wieder nach Hause.« Ich versuchte, ihm Mut einzureden. Ich erinnerte ihn an seine kühnfliegenden Pläne, mit denen er prahlte, als er in Antwerpen aufs Schiff gekommen war. Ich malte ihm aus, wie seine Landsleute ihn verspotten würden, wenn er so bald und unverrichteterweise wieder heimkehren würde, -- alles umsonst. Kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn, und mühsam stieß er die Worte heraus: »Durch die Biskaya bringen Sie mich nicht lebendig durch, -- ich kann nicht mehr!« Er dauerte mich.
Bis zur seiner Abreise hatte er im Elternhause gelebt, unter der Obhut des alternden Vaters und der schwächlichen Mutter, verzogen als einziger Bruder von drei Schwestern, -- so hatte er niemals gelernt, die Kraft im Kampfe ums Dasein zu erproben und zu stählen.
Sind doch die kleinen und großen Widerwärtigkeiten des Lebens, auf welche die allermeisten Menschen schimpfen und schelten, die notwendigen Heilmittel der Natur und des Lebens, um unsere Seelenkräfte zu stärken, unseren Willen zu kräftigen, um unser ganzes geistiges und damit auch unser körperliches Sein vor Erschlaffung zu behüten. Wehe dem, dem diese Widerwärtigkeiten des Daseins in seiner Jugend allzusehr erspart werden. Er bleibt ein Muscheltier ohne Schale, und ist den Unbilden des Lebens in einer Weise ausgesetzt, wie der Hummer seinen Feinden, wenn er im Frühling seinen Panzer abgeworfen hat.
Unwillkürlich mußte ich, während ich bei meinem Elsässer auf einem seiner Koffer Platz genommen hatte, an eine Reihe junger und älterer Leute denken, die bis ins reifere Alter im Elternhause geblieben und dadurch in ihrer ganzen Entwicklung gehemmt, ja, geradezu geistig verkümmert und krank geworden waren. Und plötzlich tauchte mein Garten vor meinem Auge auf, und ich mußte daran denken, daß unter den Buchen keine Buche, unter den Tannen keine Tanne, unter den Eichen keine Eiche gedeihen könne.
Da ich sah, daß alles Zureden nutzlos sei, kalkulierte ich einfach: stirbt er in der Biskaya vor Angst, mag er ebensogut nach seinem Willen zu Hause sterben. Hoffentlich sorgt ein gütiges Geschick dafür, daß er seine willensschwache Rasse nicht vererbt.
* * * * *
Da lag Boulogne auch schon vor uns. In sanftem Halbkreise lag die freundliche Stadt mit ihrem Badestrand da, geschützt gegen die anbrandende und hochaufschäumende See durch einen in großem Bogen mehrere Kilometer in das Meer hinausgebauten Steindamm, hinter dessen felsigen Böschungen haushoch das Meer seine Wellen in schneeweißem Gischt emporpeitschte.
Kaum legte der Hafendampfer unserer Kompagnie längseits an unserem Schiff an, so warf unser Elsässer auch schon sein Gepäck über die Reeling in das Boot und sprang mit einem Satze nach, -- auf ein Haar beide Beine brechend, -- begleitet von dem schallenden Hohngelächter unserer Matrosen.
Statt seiner stieg ein fetter Herr mit gerötetem Gesicht an Bord, dem man den Weinhändler aus Bordeaux auf den ersten Blick ansah, aber mit mehr deutschem, als französischem Typus; ferner ein hagerer Franzose mit Augen, die den fanatischen Politiker verrieten; nicht zu vergessen eine allerliebste kleine Französin, mit großen dunkelbraunen Augen und einem entzückend fein geschnittenen Mund, das fast schwarze Haar glatt gescheitelt. Auf ihren Armen trug sie ein Kindchen, blondlockig, das mich unwillkürlich an die Christuskinder von Rubens in der Antwerpener Galerie erinnerte.
Als unsere neuen Passagiere an Bord waren, verließ unser treuer Lotse, der uns so sicher durch den Kanal geleitet hatte, das Schiff. So führt den Menschen, der in die Fremde zieht, durch Sturm und Klippen des Lebens, die Erinnerung an die Heimat, dachte ich und wußte nicht, wie bald die Erinnerung an die Heimat, an die Jugend, an alles, was ich hinter mir gelassen, mein Lotse durch Sturmesnot mir werden sollte.
Unser kurzer Aufenthalt in Boulogne war beendet. Nun hinaus ins offene Meer!
Wir Reisenden, die wir von Hamburg und Antwerpen schon an Bord waren, hatten uns allmählich an den Sturm gewöhnt. Unsere Neuankömmlinge hatten die Fahrt auch schon einige Male gemacht. So saßen wir trotz des Unwetters ziemlich vollzählig bei der Mittagstafel.
»Ja, was ist denn das, meine Herren,« platzte der Weinhändler aus Bordeaux heraus, »ich scheine hier ja auf ein nettes Schiff geraten zu sein. Was muß ich sehen, der Kapitän trinkt nichts, der Doktor trinkt nichts, -- lauter Selterswasser und Apollinaris, -- sind Sie denn alle krank?« Ein schallendes Gelächter war die Antwort auf seine Frage. Der dicke Ostpreuße brummte: »Bedanken Sie sich bei dem Doktor, der verdirbt Ihnen das ganze Geschäft. Der hat die anderen alle angesteckt mit der verdrehten Wassertrinkerei.« -- »Werde meinem Schwager in Hamburg davon Mitteilung machen,« schnarrte der Weinhändler, »Mitglied der Bürgerschaft. Wird dafür sorgen, daß künftig solche Leute auf Hamburger Schiffen nicht mehr angestellt werden. Hat das größte Rotweingeschäft in Hamburg, Herr, wird dem gerade passen, sich von Ihnen und Ihren Gesinnungsgenossen das Geschäft verderben zu lassen.« Die anderen Gäste der Tafel fochten statt meiner das Thema, über das sie inzwischen genügend Kenntnisse, gesammelt hatten, in geschickter Weise durch.
Ich versuchte der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben und lenkte das Gespräch noch einmal auf die Kunstschätze Antwerpens, die wir erst vor wenigen Tagen genossen hatten, und erwähnte beiläufig, wie auffallend es doch sei, daß wir zurzeit und eigentlich seit langem schon nicht einen Künstler gehabt hätten, der so wie Rubens einer ganzen Zeitepoche den Stempel aufdrückte. »Mir will es immer wie ein Zeichen des Niederganges erscheinen, wenn ein Künstler nicht wie der gigantische Rubens oder Michelangelo aus sich selbst heraus aus seiner Zeit heraustritt, sondern vielmehr den Künstlern von den regierenden Fürsten, wie jetzt oft von unserem Kaiser, gewissermaßen die Richtung vorgeschrieben wird, in der die Kunst ihrem Wunsche gemäß sich weiter entwickeln soll.« -- »Kaiser, -- großartiger Mann,« schnarrte der Weinhändler dazwischen, »kenne S. M.! Habe mit ihm in der Kieler Woche an einer Tafel gespeist, -- kolossal gebildet, von allem unterrichtet, -- steckt die ganzen Geheimräte in die Tasche! Sind die Herren mal in Berlin gewesen? Hat Berlin überhaupt erst zu dem gemacht, was es ist! Schönste Stadt der Welt!« »Kann ich nicht behaupten,« warf ich dazwischen. »Eine Stadt, die solche Unsummen von Elend in sich birgt, kann nie und nimmer eine schöne Stadt genannt werden. Wer gewohnt ist, mit geistigem Auge zu sehen, sieht nicht nur die paar Statuen, Paläste, Denkmäler, die breiten Parkstraßen und die glänzenden Läden, sondern sieht in dem engen Häusergewirr die vielen, vielen Tausende von Hungernden und Verkommenen.« »Na, Doktorchen,« sagte der Weinhändler, »das ist wohl nur halb so schlimm, als Sie meinen.« -- »Lassen Sie uns, meine Herren,« sagte ich, »nur eine Zahl nehmen, nur den einen Umstand, daß diese schönste Stadt der Welt, wie unser neuer Freund aus Bordeaux sie eben nannte, über 50000 Prostituierte in ihren Mauern birgt. Können Sie ermessen, welche Unsummen von Menschenelend hinter dieser Riesenschar von Unglücklichen lauert? Können Sie ermessen, welche unglaubliche Flut von Unglück und Krankheit durch diese eine Schar Unglücklicher über unser ganzes Volk gebracht wird? In wie viele hunderttausend Familien durch den Verkehr mit diesen Unseligen die entsetzlichsten Krankheiten getragen werden? Wie viele Hunderttausende von Frauen mit den furchtbarsten Krankheiten durch ihre Männer vergiftet werden, die diese sich im Verkehr mit jenen Verlorenen zugezogen haben?« -- »Wir kennen schon Ihre trübselige Art,« grunzte der Ostpreuße, »immer die Schattenseiten des Lebens zu sehen.« -- »Ich sehe die Wahrheit«, entgegnete ich. »Diese Dinge waren immer so und werden immer so bleiben«, behauptete der Ostpreuße gleichmütig. »Der Doktor hat recht,« unterbrach ihn mein rheinländischer Kollege, »das furchtbarste an der Sache ist nur, daß es in kaum einer deutschen Stadt besser aussieht, als in Berlin, und daß die Pest dieser Krankheiten unser ganzes deutsches Volk längst durchseucht hat. Wenn es so weitergeht, werden wir in wenigen Generationen entartet sein, wie die untergegangenen Völker des Altertums.« »Ach was,« rief der Ostpreuße und schlug mit der Faust auf den Tisch, »so schlapp sind wir noch lange nicht. Freilich, wenn die Wassertrinkerei so weiter zunimmt, -- wir müssen nur ordentlich am deutschen Trunk festhalten! Steward, bringen Sie mir noch eine Münchener!« -- »Mir noch eine Flasche Bordeaux«, rief der Weinhändler.
Plötzlich wurden die beiden Vertreter des germanischen Trunkes aschfahl, -- das Schiff stampfte wie ein Roß, das seinen Zügel zerrissen hat, und legte sich bald auf die linke, bald auf die rechte Seite. Schweigend standen sie auf und wanden sich mit tastender Hand zur Kajüte hinaus aufs Deck.
Wir Zurückbleibenden schauten uns an, keiner sprach ein Wort. Aber auf den Mienen aller lag es halb wie Verachtung und halb wie Mitleid. Mein Herz aber war voll banger Sorge, weil ich diese Stimmen der Gemeinheit und der Kurzsichtigkeit nur zu oft schon gehört hatte. Ich dankte meinem Schöpfer, als ich erst wieder im nächtlichen Dunkel oben auf Deck stand, umbraust vom Sturm, der uns den Gischt entgegenpeitschte. Das Donnern der Wogen und das Kreischen der Möwen klang mir wie Musik gegen das, was ich soeben wieder gehört hatte. Ich hatte das Gefühl, als müßte ich mich, ehe ich zur Nachtruhe in meine kleine, weiße Kabine ging, vom Sturm erst einmal ordentlich wieder reinigen lassen.
Und wie ich da oben stand, war es mir, als sähe ich wieder die Hunderttausende blasser Schulkinder in Deutschland und die Tausende junger Studenten mit bierstumpfen Gesichtern und die Millionen deutscher Bier-, Wein- und Sektphilister, die Millionen deutscher Schnapsbrüder, die Millionen von geschlechtskranken Männern, von eitlen Strebern, von faulen Nichtsnutzen und albernen, hochmütigen Gecken! O, könnte ich meinem Herzen Luft machen und den Mann treffen durch Sturm und Schneeböen, der im Grunde doch maßgebend ist für die Erziehung unseres Volkes, von dessen Beispiel der Geist ausgeht, der in die Seelen der jungen Generationen gelegt wird.
Da fiel mir ein, was unser deutscher Philosoph Fechner, der Amerikaner Trine und viele andere Philosophen schon, und mit Recht, behauptet haben: daß die Wellenringe des Geistes ebensowenig der körperlichen Leitung bedürfen, wie die Wellenringe des Äthers, die durch Schall, Licht oder Elektrizität erzeugt werden. So setzte ich denn meine Hände an den Mund und rief, um meinen Gedanken möglichsten Nachdruck zu verleihen, in den Schneesturm hinaus: