Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden

Part 12

Chapter 123,464 wordsPublic domain

Heda, Herr Kultusminister! Jetzt hab' ich dich! -- -- Merkst du's, Wie die schwingenden Wellen Meines Geistes dich treffen? -- Gegen den Nordoststurm an, Der mir die Schneeflocken übers Meer ins Gesicht peitscht, Schießen sie zu dir hinüber Übers Meer Und treffen dich und packen dich, -- -- Du willst Minister sein Über das Unterrichtswesen? Ja, schläfst du denn, Oder bist du tot? Schau doch nach Amerika, nach Skandinavien und Finnland! Schau doch, wie sie's dort machen! -- -- Du tust deine Pflicht nicht! Du siehst nichts und hörst nichts! Tausendmal schon habe ich dir zugerufen, Daß unsere Kinder blaß und elend sind! -- Tausendmal habe ich dir schon zugerufen, Daß du nur Lernmaschinen erziehst! Keine Charaktere bildest, Sondern Mollusken! Aber keine Männer Mit Knochen, mit Rückgrat! -- Weichlinge, die nachher Den Verführungen im Leben nicht standhalten! -- Du bist schuld, Denn du hast dafür zu sorgen, Daß die Schule Charaktere bildet! -- -- Hörst du denn nichts? Siehst du denn nichts? Ein Viertel unserer männlichen Jugend Ist erkrankt an ekelhaften Krankheiten! Hunderttausend deutscher Mädchen werden zu Dirnen! Durch deine Hand sind sie gegangen! Du hast nicht acht gegeben! -- -- Herr Minister! Du hast es geschehen lassen, Daß die teuflischen Gifte So viele krank und elend Und zu Verbrechern gemacht haben! -- -- -- Ha, ich weiß, warum du schweigst! Du selbst trinkst gern Sekt Und Weißwein, Aber nur mäßig! -- Natürlich! -- -- Aber ich zerre dich, Und die Wellen meines Geistes Sollen dich einengen und klemmen, Wie die brandende See! Und die Wahrheit soll dich pressen, Wie eiserne Klammern! Du selbst trinkst gern Sekt und Weißwein! Und darum lässest du's geschehen, Daß die andern sich In Bier und Branntwein berauschen! -- -- Ein Wort von dir, Und der Kaiser würde Mit dem Beispiel vorangehen, Und der Reichstag würde dem Beispiel folgen, Und die Brauer und Brenner Würden dir fluchen, Aber die Mütter dich segnen! -- -- Und warum lässest du Die Kinder verderben? Warum kannst du nicht einsehen, Wo die Quellen des Übels, Der Krankheiten, Des Elends Entspringen? -- -- Du verschleuderst deine Kraft In Kleinigkeiten, In Quengeleien und Disziplinarverfahren! -- Doch nun ergreife die Axt Und leg' Hand An die Wurzel des Übels, Wenn du Herr sein willst Über das Unterrichtswesen eines ganzen Volkes! -- -- Nun wohl, die Quelle alles Übels und Unheils Ist Unterdrückung der Freiheit, Die Mollusken erzieht Statt Männer! -- -- Gib den Kindern gesunde Geistesnahrung, Daß sie Einsicht bekommen, Was gesund ist und gut, Daß sie gefeit werden Gegen die Sünde, Die sie krank und elend macht! -- Dulde nicht, Daß unsrer jungen Mannschaft Durch diese Kreuzspinnen Von Wirten und Brennern und Brauern Das Mark Ausgesogen wird! Und vor allem: Sä' Liebe in diese jungen Menschenherzen, Warme, lebendige Liebe, Und noch einmal Liebe! -- -- Du bist schuld an all dem Elend! Hast du denn Liebe? Nein, du bist träge und stumpf Den Zeichen der Zeit gegenüber! -- Aber ich will dich rütteln, Und dich in die Wellen hineinziehen! Du mußt sie spüren, -- -- -- Gib acht! Die Brandung wird so stark werden, Daß sie dich zerschmettert, Wenn du nicht auf mich hörst! -- -- --

Der Sturm schleuderte Hagelböen und Wogenschwall auf das Schiff. Er donnerte durch die Takelage und die Rahen an den Schornstein, daß die schweren eisernen Ketten, die ihn hielten, klirrten und kreischten. Dann entfaltete er plötzlich seine Schwingen und wehte mit aller Macht aus einem Atem der Heimat zu, als wolle er die Worte, die ich ihm mitgegeben, in rasendem Schwunge hinüber tragen in mein geliebtes Vaterland.

Warm und licht umfing mich meine Kabine. Vom Wärmeraum für die Mannschaft hörte ich die Stimme unseres Schiffsjungen, der dort sein triefendes Ölzeug trocknete. Seine Stimme, die sonst so froh klang, hatte einen sehnsuchtsvollen Ton. Wort für Wort drang durch die dünne Wand zu mir, und meine Seele, die auf den gleichen Ton gestimmt war, sang mit:

Über die Matten, über die Sande Streichet die Möwe hin zum Meer; Über die Heiden, durch die Lande Irr' ich wandernd hin und her.

Nach dem Lieb mein unter den Linden, Wie sie ruht an meiner Brust, Nach den meeresfrischen Winden Geht mein Sehnen, meine Lust.

Über die Heiden, durch die Lande Zieh' ich mit dem Wanderstab; Ach, der Heimat süße Bande Halten fest mich bis zum Grab.

Als ich dann in meiner Koje lag, wohl merkend, wie das Wetter zunahm, mußte ich noch einmal unseres Lotsen gedenken, und wie er mir vorgekommen war wie die Erinnerung, die uns durch die Stürme des Lebens hindurchführt.

Und da kam sie schon selbst, die gütige Zauberin.

Das Lied des Schiffsjungen weckte alte Melodien und traute Farben und süßen, berauschenden Erdgeruch. Ich vergaß den Sturm, vergaß, daß wir im gefürchteten spanischen Meere auf schwankem Schiffe von brüllenden Wogen auf und nieder gehoben wurden. Ich fand mich wieder im Geiste, wie ich als Knabe mit meinem treuen Hunde durch die braune Heide streifte. Ich lag in der duftenden Erika und sang mein Lied. Über mir blaute der Himmel und aus dem nahen Kornfeld stieg jubelnd die Lerche in die Luft.

Und mit dem Lerchengesang und dem Heideduft kamen die Lieder wieder angeflogen, die der Zauber der Heide mir zugetragen hatte vor langer, langer Zeit. Und eins nach dem anderen sang ich leise für mich hin, -- meine Begleitung war das Heulen des Sturmes draußen -- oft genug hatte ich meine Lieder bei meinen nächtlichen Wanderungen durch die heimische Heide mir gesungen, wenn die Äquinoktialstürme über die Erde brausten. So war mir das Toben der Sturmgeister im Zauber der Erinnerungen an die Jugendzeit doppelt heimisch.

Unwillkürlich griff die Hand nach dem Buche der Erinnerungen, das mein Weib mir mitgegeben hatte beim Abschied. Da lagen sie sauber eins beim anderen, und dazwischen gepreßter Jasmin, rote Rosenblätter und Veilchen, da ein Goldlack aus ihrem Fenster und hier ein Myrtenzweiglein von einem Bäumchen, das ich ihr einst in einer Scherbe geschenkt. Und da, fast wehmuthauchend ein Taxuszweig, ein getrocknetes Distelblatt, -- Erinnerungszeichen an all die kleinen Schmerzen und Kämpfe der ersten Liebe, an dieses Suchen und Sehnen, dieses Ausweichen und Fliehen, an all dieses wonnige Wiederfinden und zarte Hoffen.

Und da kam die Zeit der Trennung, -- ich mußte hinaus in die Fremde, die Kräfte wollten wachsen, -- ich mußte die Welt sehen, hinaus, hinaus. Doch wo ich auch ging und stand, wie zog's mich immer wieder zur Heimat hin. O wundervolle, sehnsuchtsvolle Zeit des Wanderns. Wie stärkst du die Kraft, wie weitest du den Blick, wie lehrst du das Gute der Heimat schätzen!

Aber auch diese Zeit des Drängens und Stürmens ging vorüber. Die Sehnsucht nach dem eigenen Herd, der Drang, Wurzel zu fassen im eigenen Lande, wurde so stark, daß der Wanderfalke sein Nest sich baute. Doch nicht in der Stadt -- dahin paßte der freie Falke nicht, -- da hätte er die Flügel sich wund gestoßen im engen Gemäuer. Aber da draußen, weit vor dem Tore am Ufer des blinkenden Stromes, mitten im Grünen, da fand er Platz, sein Nest zu bauen. Ein Häuschen, klein, aber sonnig und freundlich, ein Rosenkranz über der Gartenpforte und Goldregen und Jasmin, daß es nur ein Leuchten und ein Duften war, -- dahinein führte er den Schatz. Und nicht zu lange dauerte es, da sandte Gott die erste Frucht der Liebe, ein liebliches, rosiges Kind. Und siehe da, bald kam ein zweites und drittes. Da ward das Häuschen zu klein.

War das das Glück? Himmel, welchen Sonnenschein hast du zu vergeben!

Mitten in jener weiten herrlichen Gartenstadt, die sich an den Ufern der Elbe von Hamburg abwärts hinzieht, liegt mein Heim. Wie ein geheimnisvolles Zauberschloß liegst du da, nach der Straße hin von deinen alten Buchen und Eichen, zartnickenden Birken, deinen schattigen Kastanien, hochragenden dunklen Zypressen und tiefgrünen Stechpalmen umgeben. Den Eintretenden grüßen die Wappen der beiden seit Urzeiten landeingesessenen Familien, das der eigenen und das meines Weibes. Bilder und Wandschmuck im Treppenhaus, soweit das Auge reicht; -- doch halt, gleich hier an der Wand bei der Tür, auch für den Geringsten, der eintritt, leicht erreichbar, eine Reihe von Bauzeichnungen -- Einzelhäuser für Arbeiter --, damit sie sich leicht aussuchen können, was für ein Häuschen sie in der Baugenossenschaft erwerben wollen.

In alle Fenster versucht der Sonnenschein einzufluten. Und vom Garten her jubelnder Kinderlärm. Da erscheint die Hausfrau, mich willkommen zu heißen, -- halb Krimhilde gleich an sonniger Lieblichkeit und Innigkeit, halb Brunhilde an Kraft, groß, schlank, goldblond das Haar, als ob ein Sonnenleuchten von ihrem Haupte ausginge und doch bei aller Herzlichkeit und Wärme etwas Gebieterisches, als ob sie eine Königin sei, gewohnt in ihrem Reiche zu herrschen. Und wie herrscht sie! War das das Verhältnis der Herrin zur Dienerin, wie sie mit ihren Mägden umging, oder waren es Freundinnen, die der Freundin einen Gefallen erwiesen, indem sie ihr dienten? Wie flogen die Weisungen an die Kinder, sobald das wilde Spiel Knaben und Mädchen in zu lauten Jubel hineinriß: »Magda, vergiß deine Geige nicht, -- Emma, deine Rosen müssen noch Wasser haben, -- Rudolf und Ernst, wird das neue Segelschiff auch zum Wettsegeln zeitig fertig?«

Da lag es auf den Helgen, fast zwei Meter lang, aus Rippen und Planken kunstfertig gefügt, -- die Späne auf der Hobelbank und am Fußboden zeugten von dem Fleiß, der hier in der Knaben Werkstatt geherrscht hatte.

Sinnig half ein blonder Lockenkopf der Schwester im Gießkännchen Wasser tragen für die Blumenbeete und den Gemüsegarten, während aus offenem Fenster ein Trio erscholl: Schwester und Bruder begleiteten die Älteste zum Gesang, -- alles Schönheit, Kunst, Sonnenschein, Kraft, Gesundheit und Leben.

Kinder von Armen kamen und holten Speisen für kranke Mütter, Väter, Kinder, -- das war kein Wohltun an Fremde, sie traten ein, als ob sie hier hingehörten, ohne Scheu, wie in das Haus ihres Bruders.

Leidende kamen und holten sich Rat. Freundlich wurden sie empfangen; froher als sie gekommen, gingen sie wieder. Und über allem lag Sonnenschein.

Hungrige klopften an und erhielten ihren Platz im Zimmer: -- »Hast Arbeit?« -- »Nein.« »Weißt, wo du welche erhältst?« -- »Bin fremd hier.« Da gab ihnen der Hausherr ein Verzeichnis mit, das er sich hatte drucken lassen, mit allen genauen Angaben aller Arbeitsnachweise der Umgegend. Mancher hat später mit einer Postkarte gedankt, daß ihm der Weg zur Arbeit gewiesen wurde. Es ist merkwürdig, wie das Alleinsein in der Fremde, Not, Sorge um die Zukunft und Hunger und Kälte den Menschen dumpf und stumpf und verzagt machen. Viele hören nichts mehr und sehen nichts mehr, nicht einmal die großen Plakate auf den Bahnhöfen. Sie irren wie verlaufene Schafe umher, bis sie im äußersten Elend sind, während andere ihrer Hände Arbeit dringend bedürfen.

Ich habe einmal in einem Terrarium eine Anzahl von Feuersalamandern und Eidechsen beobachtet. Als sie frisch aus der Freiheit in ihr Gefängnis hineingesetzt wurden, waren sie gefräßig und gingen rüstig auf die Jagd nach Regenwürmern. Aber je mehr der Reptilien im Kasten waren, je länger sie der Freiheit entbehrten, desto stumpfer und träger wurden sie, so daß ich ihnen schließlich die Würmer vors Maul legen mußte, damit sie nur nicht verhungerten. Gerade so geht es mit den Menschen. Die Entfremdung von der Natur, die Not macht sie stumpf, raubt ihnen die Tatkraft und bewirkt durch die Lähmung des Gehirns das nämliche, wie der Überfluß, der die Menschen verhindert, ihre Kräfte zu schulen und durch Übung zu nähren. Da heißt es, die warme Bruderhand ausstrecken. Vater im Himmel, laß unserm deutschen Volke recht viele warme Bruderhände wachsen, -- wir können sie brauchen! Über der Tür meines Arbeitszimmers las ich täglich den Spruch als tägliche Mahnung: »Liebe deinen Nächsten als dich selbst!« Das ist's -- was die Seele des Christentums ausmacht, das können wir uns nicht oft genug wiederholen!

Und wie sah ich es überall daran fehlen, in der Ehe, zwischen Herrschaft und Dienstboten, im Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, zwischen Regierung und Volk, -- überall, überall das nämliche Lied. Mit Geld trachten sie alle danach, ihre Verpflichtungen, ihre Dankesschulden gegen ihre Mitmenschen von sich abzutilgen, sich gegenseitig voneinander loszukaufen, und vergessen darüber, daß wir alle Brüder und Schwestern sind. Oh, diese Stumpfheit des Menschempfindens, die über uns gekommen ist!

Ich sah, wie das große Liebeswerk, das unser alter großer Kaiser mit Hilfe seines noch größeren Dieners, unseres Bismarck, ins Leben rief, als der Schuß des unseligen Nobiling ihn aufs Schmerzenslager geworfen hatte, unter den Händen unserer Bureaukraten zu einer Quelle des Hasses und der Erbitterung wurde.

Was hätte aus unserer Arbeiterschutzgesetzgebung werden können, wenn sie einfach und schlicht und einheitlich für unser ganzes Volk geschaffen wäre, für jeden, der in Not war durch Krankheit oder Unfall oder Alter oder Verlust des Ernährers, -- keine Arbeiterversicherung mit dem bitteren Beigeschmack der Trennung des Volkes in zwei Klassen, Versicherte und Nichtversicherte, sondern eine Volksversicherung, die alle umfaßte, die allen half, die wirklich hilfsbedürftig waren! Was wäre das für eine Quelle der Liebe, der Versöhnung, der Gerechtigkeit geworden! Und den Kindern hätte in der Schule gelehrt werden müssen, daß es unehrenhaft und unmännlich und undeutsch sei, aus diesem Quell zu schöpfen, wenn man seiner nicht bedürfe, also aus Trägheit oder Bequemlichkeit. Und den angehenden Beamten hätte gelehrt werden müssen, daß es ein Ehrenamt sei, Priester sein zu dürfen, um die Dürstenden aus diesem Quell zu tränken! So aber wurde diese Quelle besudelt und verschlammt mit Parteihader und Geiz und Gewinnsucht.

Findige Köpfe, hartherzige und ehrgeizige Bureaukraten taten Galle in das Wasser dieser Quelle, so daß sich das Volk vielfach das Gift der Erbitterung daraus trank.

Gastwirte benutzten ihre Ämter an der Quelle, um ihr schmutziges Gewerbe zu fördern, indem sie die Hilfesuchenden zum Trunk luden.

Witwen und Waisen mußten mit den Behörden prozessieren, um endlich ihr Recht auf Rente zu erkämpfen, nachdem ihnen die Maschine oder das Gerüst den Ernährer geraubt hatte.

Krüppel und Sieche mußten darben, bis ihnen endlich nach jahrelangem Kampfe die Rente in der letzten Instanz zugebilligt wurde.

Ich hatte geholfen, wo ich konnte. Wahrlich nicht für mich. Aber ich sah ihre Not, ihren Jammer und ihre Ohnmacht dem Unrecht gegenüber. Und ich schaffte ihnen ihr Recht, kämpfte für sie, nahm den Haß und den Zorn der Besiegten auf mich für die, um derentwillen ich kämpfte. Und der Händedruck jener Armen und ihre Tränen waren mein Lohn. Oft war es mir, als ob es königliche Arbeit sei. Aber der Haß und der Groll der anderen trug dazu bei, mich müde zu machen. Und doch konnte ich nicht ablassen, für das Recht zu kämpfen. Wie Ertrinkende streckten sie ihre Hände zu mir empor und riefen: hilf uns! Mir war das Helfen Inhalt und Zweck des Lebens geworden.

Ich träumte weiter und hörte kaum noch das Donnern der Wogen und das Stampfen der Maschinen.

In meinem Vorzimmer standen Schränke voller Sammlungen aller Art, aus allen Reichen der Natur, aus aller Herren Länder. Seit meinen Knabenjahren hatte ich Stück für Stück zusammengetragen. Mir galten diese Schränke seit langem als ein Gleichnis für das Arbeiten an unserer Seele. So sollen wir aus dem gesamten Reiche der Natur, aus unserem Leben und dem Leben der anderen, wie aus der Geschichte aller Völker sammeln und lernen, was uns nützt, uns bereichert und weitet, und alles sorgfältig in uns ordnen und aufzeichnen. Nur so können wir die Fülle des Lebens in uns aufnehmen und mit ihr wachsen.

Und dann das Leben gemeinsam, zu zweien! Hier war vollendet, was ich mir immer unter der Ehe gedacht hatte: Mann und Weib zusammen erst ein Mensch. Das Weib allein ist kein Mensch und der Mann allein keiner. Wehe dem Weib, das glaubt, allein schon ein Mensch zu sein, -- sie verliert ihr Bestes als Weib. Sie ist wie eine Regierung ohne Volk, ihr Leben ein Scheinleben, dem die Grundlage des Seins fehlt. Aber zweifach wehe dem Manne, der glaubt, des Weibes entbehren zu können, -- er ist wie ein Volk ohne Regierung, das dahindämmert ohne den Ansporn seiner Besten, wie ein Land ohne Sonne, das nur Früchte des Schattens hervorbringt. Aber Mann und Weib zusammen in der wahren Ehe, die sind wie ein Volk und seine Königin. Sie aber ist die Tochter des ganzen Volkes.

Das Weib ist die Sonne des Mannes, in der Liebe zu ihr lebt er, die Liebe zu ihr adelt seine Arbeit. Ihr gemeinsames Leben ist gleichsam die Spitze der Pyramide, die sich aus der Menge der Schaffenden aufbaut, ihr Abschluß, ihre Krönung, und doch eins, untrennbar eins mit ihr.

Glückseliger Mensch, der so aus Mann und Weib zusammengefügt ist. Auf dir beruht die Zukunft der Menschengeschlechter, auf dir allein die Möglichkeit, aus diesem Staub des Alltäglichen, des Irdischen immer wieder emporzuwachsen zum Licht, zur Sonne, zum Ewigen, zum Geist, zu Gott!

Aber immer größer ward der Drang zum Schaffen, zum Helfen. Das Haus und der tägliche Beruf genügten nicht mehr, um alle schlummernden und erwachenden Kräfte zu betätigen. Die Erkenntnis drängte zur Tat.

Die Kräfte wachsen. In gemeinsamer Arbeit mit den Gleichgesinnten wächst das Selbstbewußtsein, und das Gefühl, anderen helfen zu können, -- Wellenkreise auszusenden, -- Aufgaben zu erfüllen, zaubert immer neue Kräfte, an deren Vorhandensein man selbst früher nie geglaubt haben würde.

Im Dienste des Ordens zog ich durch Deutschland, durch Europa, von Kongreß zu Kongreß, nach Wien, Paris, Stockholm. Überall säend und erntend zugleich. Überall galt es, Aufklärung zu verbreiten, überall, zu lernen. Und von Land zu Land, durchs Rheinland, Westfalen, durch Schlesien, Sachsen, von Stadt zu Stadt zog ich, Vorträge haltend, Logen gründend, Samen streuend. Wie ein richtiger Wanderfalke kam ich mir wieder vor, der in stolzem Bogen über das Land streicht.

Und doch wie anders als damals, da ich als junger Student das Reich durchstreifte.

Land und Leute lernte ich kennen, der Sinn weitete sich, und die Tatkraft wuchs. Und nun wächst der Einfluß! Die Geisteswellen schlagen Wellenringe! Nichts, was wir tun, vergeht spurlos: Der Kampf gegen den Erbfeind, für die Linderung der sozialen Not, der Kampf gegen die Volksmißwirtschaft zieht immer weitere Kreise.

Ich sah mich im Geiste an dem geöffneten Fenster meines Studierzimmers stehen; der Blick schweift über die Baumkronen hoffnungsreich in die sternendurchschimmerte Ferne, und neues Selbstvertrauen, neue Ruhe zieht in mich ein.

Sieh, ich ziehe meine Kreise, Und ich leb' in meiner Weise, Ruf' und banne meine Geister, Ich, ihr mächt'ger Herr und Meister.

Schicke sie in ferne Lande, Laß sie knüpfen neue Bande, Laß sie alte fester binden, Laß sie neue Pfade finden!

Und so leb' ich, wirkend, strebend, Mich an's End' der Dinge hebend, Bis der Weltenherr der Geister Mich auch ruft, mein Obermeister.

Die Gedanken hatten sich gejagt. Eine Zeitlang hatte ich vergessen, wo ich war. Die Mappe mit den Blättern hielt ich in der Hand. Plötzlich wurde ich gegen die Wand der Koje geschleudert.

Der Sturm riß an dem Schiff! Dann zwang er es, vorwärts zu jagen. Wenn es sich bäumte, um wie ein gehetztes Roß vorwärtszustürzen, heulte er von hinten nach vorn um das Schiff herum, stemmte sich ihm entgegen und drückte es tief in die schäumenden, gurgelnden Wasser, daß es, nicht wissend wohin, erzitternd stand.

Unser letztes Stündlein schien geschlagen zu haben. Der Sturm schrie in den Masten und brüllte um den Schornstein.

Ich stand auf. An Stricken und Stangen arbeitete ich mich durch rasselnde Hagelböen und Regengüsse von meiner Kabine über das Schiff! Im Zwischendeck und in den Kajüten schlief alles, -- wie Kinder, die sich wohl behütet wissen im Schutze der Mutter. Hatte es irgend einen Sinn, auch nur einen zu wecken? Sollte es sein, so war es den Arglosen zu gönnen, in süßem Schlaf auf den Grund des Meeres zu sinken. Zu retten wäre keiner gewesen. Ein Dampfer mehr wäre in der Biskaya verschollen.

Im Rauchsalon saßen noch ein paar von den Passagieren beim Bier und spielten Skat und ahnten nichts von Gefahr. Alkohol und Tabaksqualm hatten ihr Hirn so umnebelt, daß sie keine klare Vorstellung mehr von ihrer Lage hatten. Ich mußte unwillkürlich an unsere Philister daheim denken, die sich so klug und sicher dünken an ihren Stammtischen und bei ihren Diners, und die keine Ahnung davon haben, wie der Sturm pfeift.

Betrunken war keiner. Im Gegenteil, -- sie spielten sehr emsig. Ich wünschte gute Ruh. Im Hinausgehen fing ich noch die Worte auf, -- es wurde gerade zu einer neuen Runde ausgegeben --: »Majestät wirklich famoser, schneidiger Kerl. Weiß es noch wie heute, als er mir nach dem letzten großen Diner auf der Kieler Woche die Hand schüttelte und sagte: ›Mahlzeit, wie jeht's?‹ -- wirklich famoser Mensch, ganz genial.« Es war der Weinhändler aus Bordeaux, der es sagte. Die beiden Juden aus Budapest nickten andächtig, die Zigarette im Munde.

Ich kämpfte mich durch das Unwetter hindurch bis auf die Brücke, Mein Kapitän stand vorn und lugte in die Nacht hinaus. Ernst, nüchtern, wie aus Bronze. Er zog mich in seine Kajüte. »Doktor, wenn wir diese Nacht standhalten, dann sehen wir unsere Frauen und Kinder, so Gott will, noch wieder. Sorgen Sie dafür, daß die Passagiere nichts merken.« Ich konnte ihm berichten, daß die einen schliefen und die anderen Skat spielten. Ein Lächeln flog über sein männlich schönes, ernstes Gesicht. Dann drückten wir uns schweigend die Hände. Er ging wieder auf seinen Posten.

Mit Not und Mühe gelangte ich durch die Finsternis und die Hagelböen auf das Hinterdeck. Mir war es, als ob ich jemanden hörte. Sehen konnte ich nichts. Doch, dort hinten beim Steuer kauerte, fest angeschmiegt an die Schiffswand, eine menschliche Gestalt.