Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden

Part 13

Chapter 133,693 wordsPublic domain

Der Balte war es! Als ich ihm meine Hand auf die Schulter legte, schüttelte er sie ab, und warf den Kopf zur Seite, -- ich verstand ihn, -- er wollte allein sein! und so verließ ich ihn. Was quälte ihn? Angst vor dem Tode war es nicht, das fühlte ich. -- Durch Sturm und Gischt arbeitete ich mich wieder zu meiner Kabine. Und wie ich da stand in der finsteren Nacht, mich haltend an den Eisenstangen, in denen das Rettungsboot hing, um nicht von dem heulenden Sturme über Bord gefegt zu werden, unter mir der schwarze, brodelnde, schäumende, donnernde Ozean, da, -- oh, da wurde ich so klein, so namenlos klein, -- was nützte mir nun meine Kraft, was die moderne Schiffsbautechnik, was unser gut versorgtes Rettungsboot, -- wenn der eine nicht wollte! Und dann wuchs, wuchs riesengroß, unfaßbar etwas vor mir auf, -- gerade so wie damals, als ich ein Kind war, als ich ihm, dem nie Gesehenen, meine kleinen Heiligtümer zum Scheiterhaufen auftürmte und sie opferte, wie ich es in der Bilderbibel vom guten Abel gesehen hatte, -- groß, unfaßbar, wie er mir in der Schule in der Religionsstunde erschienen war, wenn unser Lehrer von ihm erzählte und von seinen Eigenschaften redete, -- als ob ein Mensch von seinen Eigenschaften irgend etwas wissen könne, -- aber wir mußten seine Eigenschaften auswendig lernen, da standen sie ja gedruckt, schwarz auf weiß, -- und der Knabe, der Jüngling bäumte sich auf gegen diese Entweihung seines Gottes, seines großen, unfaßbaren Gottes, bäumte sich auf gegen die Anmaßung dieser kalten, lieblosen Pharisäer und Heuchler, die mit diesem Allerheiligsten hantierten, als ob sie es mit ihrem Menschenverstand erfassen könnten! Den Gott wollte ich nicht kennen, den die erfassen konnten! Den Gott nicht, um dessentwillen sie in all den Jahrhunderten Tausende erschlagen und verbrannt hatten, über den sie in Konzilien gestritten und sich vertragen hatten, um den sie gefeilscht hatten auf ihren Kirchentagen, wie die Weiber am Markte um die Ware! Ich fühlte Gott, -- das war mir genug. Ich wollte nichts Näheres von ihm wissen, ja, ich haßte und verachtete die Menschen, die vorgaben, seine Eigenschaften zu kennen, weil ich fühlte und wußte, daß sie nichts Näheres wissen konnten, kein Mensch, niemand. Sie sollten mir meinen Gott nicht beflecken mit ihren Lügen, anstatt sich einfach in Demut vor ihm zu beugen und zu sagen: »Herr wir wissen, daß du bist, aber wie du bist, und wer du bist, das wissen wir nicht: aber daß du bist, das macht unser Leben aus!« -- --

Und wie alle diese Bilder aus der Vergangenheit unter dem Dröhnen des Sturmes und der Wogen durch mein Hirn jagten, da kam wieder diese himmlische große Ruhe über mich, wie früher, wenn ich nach dem Jammer dieser Religionsstunden hinausflüchtete in die weite Heide: Die Sonne sank. Die Nacht kam mit ihren Sternen und ihrem Nebelarme und ihrer großen Stille. Und dann war er da, -- ich wußte es, fühlte es, ich hätte ihn greifen können, so fühlte ich ihn, -- in diesem Gefühl, ein Nichts zu sein in dieser schier endlosen Weite, kaum ein Stäubchen, -- darin erkannte ich ihn. Und dann strömte es zurück: Seinen Gesetzen gemäß leben, seinen Gesetzen, die in der ganzen Natur, wie eine große Harmonie sich ständig wiederholen, -- alles, was an uns und in uns lebt, betätigen, ausbilden, zur höchstmöglichen Vervollkommnung, -- Mutter, das war dein Samenkorn, das du in mich gelegt, -- wie jede Blume, jeder Kristall, jedes Tier die höchste Vollendung erstrebt, die ihm möglich ist, -- das soll mein Ziel sein, so will ich dir dienen, du Großer, Unfaßbarer, den ich weiß, weil ich ihn ahne, fühle, wie ich die Nähe der Mutter fühlte, auch wenn es im Zimmer noch so dunkel war.

Und nun stand ich mit den gleichen Gedanken, den gleichen Empfindungen hier oben in dem brandenden Gischt, umtobt vom Orkan, und nun fühlte ich ihn wieder ganz deutlich, -- befreiend, stärkend, wunderbar stärkend, daß die Brust sich jauchzend dehnte, -- nun laß das Schiff bersten und das Meer sich auftun, -- daß ich dich gefühlt habe, Unendlicher, Unfaßbarer, dafür will ich gern mein Leben geben. --

Ich kleidete mich aus und legte mich in meine Koje. Beim Schein meiner Lampe las ich in Fechners Büchlein »Vom Leben nach dem Tode«. Mir sagte es nichts Neues, nur Allvertrautes: es gibt überhaupt keinen Tod. Mag der Leib sich auflösen in seine Atome und tausendfach neue Gestalt annehmen, -- das, was von uns geistiger Natur war, kann ebensowenig vergehen, wie irgend eine Kraftäußerung der Materie. Geht doch nach Robert Meyers unumstößlichem Gesetze weder von der Materie selbst, noch irgend etwas von einer ihrer Kraftäußerungen jemals zugrunde. Und ist nicht unsere Seele, die Zeit unseres Lebens an unseren sterblichen Körper gebunden war, unser Geist, in letzter Linie auch eine solche Kraftäußerung unseres sterblichen Leibes? Und diese feinste Äußerung unserer Materie, die einst im Leben uns gehörte, sollte vergehen können? Unmöglich! Was wir auch tun und sagen, denken und empfinden, -- es muß seine Wirkung haben in alle Ewigkeit. --

Ja, ja, so ist's, -- in unsere Hand hat Gott es gelegt, daß unsere Seele, unser Leben, das unvergänglich ist, kleine oder große Wellenringe zieht, gute oder schlechte. -- Oh, Gott im Himmel, gib, daß nur Gutes aus meiner Seele hineinfließt in die Welt! -- --

Das Schiff erzitterte und krachte in seinen innersten Fugen. Ich hörte aus dem Ächzen seiner Planken und dem Kreischen in allen Ecken, wie die Nieten sich lockerten. Wie lange würde es den Elementen noch Widerstand leisten? Hatte ich doch Furcht? Da dachte ich eines anderen Lieblingsbüchleins von mir, »Die Hemmungen des Lebens« von Johannes Müller, der im Maintal in seinem Schloß Mainberg allen denen ein trauliches Asyl bietet, die ihre Seele in der Stille ausbauen wollen. Die Furcht sei eine der Hemmungen des Lebens, sagt Müller. Ja, wahrhaftig, das ist sie nur zu vielen! Herr, gib, daß ich keine Furcht habe, wenn es ans Sterben geht! Laß mich freudig sterben!

Und doch ergriff mich grenzenlose Verzagtheit.

Meine Seele kam mir so klein, so einzig klein und schwach vor. Was hatte ich denn geleistet, wie bitter wenig. Freilich, ich hatte mir Mühe gegeben, Tränen zu trocknen und Schmerzen zu stillen, war bestrebt gewesen, glückliche Menschen zu schaffen und Unglück zu verhüten, und wo es da war, zu lindern und zu mindern. Aber war es nicht bitter wenig gewesen, was ich erreicht? Würde es genügen, auch nur einen kleinen Wellenring ins Meer der Ewigkeit zu entsenden? Und hatte ich nicht auch oft, ach, gar so oft gefehlt? Ich hatte Christus nachleben wollen in Werken der Liebe, -- und wie oft hatte ich ihn vergessen! Ich, ich hatte gesündigt, oft und schwer! Ich hatte Wellenringe des Bösen hinausgesandt, die diejenigen des Guten sicher aufheben mußten, -- was blieb dann noch? So wollte Gott mich denn hier verderben? -- Doch still, was war das, -- heute war ja daheim Gustavs erstes großes Kirchenkonzert! Mein blinder junger Freund! Ihm hatte der Brand der herrlichen Michaeliskirche die kühnsten Hoffnungen für seine Zukunft zerstört. Aber die Liebe zum Höchsten führte ihn durch seine Kunst zu neuem Leben. Und nun? --

Hatte die Seele doch Flügel? Schwieg der Sturm? -- Deutlich hörte ich weihevolle Klänge. Ich sah den Freund in der Kirche hinter seiner geliebten Orgel, -- und deutlich vernahm ich von einer weichen, seelenvollen Altstimme das Lied:

Herr, du kennest meine Sünden, All mein Leben ist dir Licht, Woll'st dich doch nicht von mir wenden, Herr, verlaß mich Sünder nicht!

Wohl, ich kannte die Gebote, Die du uns gegeben hast. Ja, ich hab' sie übertreten, Hätte sie vergessen fast.

Doch nun kam ich zur Besinnung, Sehne mich nach deiner Ruh. Herr, nun hilf mir wieder werden, Wie dein Ebenbild, wie du!

Reich mir deine starken Hände, Ziehe mich zu dir empor! Laß mich ruhn in deinem Geiste, Leihe gnädig mir dein Ohr!

Klar liegt vor mir meine Sünde, Und mir ist so sterbensbang, Vater unser, laß mich hören Deiner sanften Stimme Klang.

Sieh' ich lieg' dir hier zu Füßen, Jede Strafe ist mir recht, Will gern büßen meine Sünden, Nur erhöre deinen Knecht.

Nimm von mir die Last der Sünden, Hebe mich in deine Ruh'! Herr, nun hilf mir wieder werden Wie dein Ebenbild, wie du!

Da zog es wie ein warmer, sonniger Strom von Demut und Frieden in mein Herz. Es hilft nichts, -- wir müssen uns beugen vor dem, in dem allein und durch den allein wir sind, der allein die Größe ist und die Güte und Liebe.

Und jetzt wußte ich mit einem Male, wo ich gefehlt, was ich gesündigt: ich hatte das Schlechte hassen wollen und bekämpfen und hatte darüber die Menschen, die Träger des Schlechten waren, gehaßt und verachtet und bekämpft; und im Bestreben, zu helfen und zu lindern, zu trösten und Liebe zu geben, war ich über das Ziel hinausgeschossen und hatte mehr gegeben, als ich durfte. -- Christus war Maß und Harmonie. Er hatte uns gezeigt, Maß zu halten, harmonisch zu bleiben, -- ich hatte nicht von ihm gelernt, -- so mußte ich als Mensch mich verirren in meinem Fühlen und Denken und Handeln. Und nun litt ich, litt unsäglich. Das war meine Strafe.

Aber da setzte die weiche Altstimme auch schon wieder ein, und wie beim Klang der Orgel durch die weiten Hallen der Kirche das Lied ertönte, drang es wie Trost in meine Seele:

Lern zu leiden, ohne zu klagen, Erst im Dulden erweist sich der Mann! Lern, ohne Hoffnung nicht zu verzagen: Gott ist allmächtig! Denke daran!

Lern zu leiden, ohne zu klagen! Niemand trägt schwerer als er nur kann. Hab' nur Geduld: Gott hilft dir bald tragen, -- Gott ist Alliebe! Denke daran!

Lern zu leiden, ohne zu klagen, Sieh nicht dein Leid als das schwerste an! Sieh als Prüfung an deine Plagen, -- Gott ist allweise! Denke daran!

Und nun erscholl jauchzend und triumphierend der Schlußchor:

Wenn ich gestorben bin, Sollt ihr nicht trauern! Frei aus den Mauern Schwingt sich mein Geist

Wenn ich gestorben bin, Sollt ihr euch freuen: Mögt ihr euch scheuen, Daß nicht der Faden, der zarte, zerreißt.

Wenn ich gestorben bin, Fort mit den Tränen! Schwächliches Sehnen, -- Bin ja bei euch!

Wenn ich gestorben bin, Führt mich der Meister Schaffender Geister In sein großes, himmlisches Reich!

Unendlicher Friede überkam mich. Eine unsagbare, große, wohltuende Ruhe erfüllte mich, und in mir selbst klang es wie eine sanfte Harmonie, wie ein Abschiedsgruß an die Menschen.

Aus der Fülle meines Seins Wollt' ich euch beschenken, Drückt' den einen dies und eins, Wollte keinen kränken.

Habe Sonnenschein gesät, Nicht um selbst zu ernten, -- Samen, den kein Wind verweht, Zeiten, den entfernten!

Vom Unendlichen geborgt, Mögen sie's erwerben: Hab' für Enkel treu gesorgt, Will nun ruhig sterben!

Voll Ruhe, wie in einer Feiertagsstimmung, schlief ich ein. Ein wunderbarer, großer Friede war über mich gekommen.

Wie lange ich geschlafen, ich weiß es nicht. Schließlich träumte mir, ich wäre auf meiner geliebten Nordseeinsel, auf Sylt. Donnernd schlug die Brandung gegen die Dünen, aber der Sturm hatte sich gelegt. Ich sah, wie die Männer mit ihrem Rettungszeuge vom Strande heraufkamen, triumphierend und singend:

Den Starken und Klugen gehört das Recht, Den Feigen und Schwachen die Nacht; Sich selbst vernichten, nur das heißt schlecht, Sich selbst erhalten, die Macht.

Wenn das Meer die Wogen am Deiche zerschellt, Und der Sturm seine Schwingen bricht, Dann jauchzt der Friese: mein ist die Welt, Ich fürchte die Brandung nicht!

Zwar hat das Meer seinen Vätern geraubt Manch fruchtbaren Acker Land; Da hat er Scholle zu Scholle geklaubt Mit unermüdlicher Hand.

So entstand einst der Deich! Und bezwungen das Meer! Und gebrochen der Wogen Schlacht! Doch heute noch gilt, ist's lange auch her: Dem Starken gehöret die Macht!

Ganz deutlich hörte ich den Gesang. Ja, -- was war das? Ich rieb mir die Augen, ich tastete nach der Wand meiner Koje, -- ich war wach, wahrhaftig wach, und noch immer hörte ich in Wahrheit den Gesang, das alte Friesenlied, das ich von meiner Jugend auf kannte, das ich die Männer meiner nordischen Heimat so manches Mal hatte singen hören, wenn sie, den Spaten auf der Schulter, im festen Marschschritt von der Arbeit am Seedeich nach Hause marschierten. Mit einem Satze war ich aus dem Bette, die Tür aufgerissen, -- wahrhaftig, lachend und singend wuschen sie bereits mit kräftigem Strahl das Deck, um die Spuren der furchtbaren Sturmnacht zu vertilgen. Die Biskaya war besiegt. Vorüber alle Not und Gefahr! -- -- --

Kap Finisterre! Ich kann mir denken, daß die alten Römer, wenn sie von Süden an diese Landspitze kamen, glaubten, daß hier das Ende der Welt gekommen sei. Noch umstürmte uns eisiger Wind, noch zog jeder von uns den Mantel fester an sich, als nach Südost hinüber eine niedrige leichtgraublaue Gebirgslinie sichtbar wurde. Aber dann, -- war es Sinnestäuschung, war es Zauber? Der Sturm ließ nach, die Kälte wich, es schien plötzlich Frühling zu werden! Nein, es wurde Frühling! Linde, laue Lüfte umwehten uns, -- den Mantel ab, in meinem Herzensstübchen die Heizung abgestellt, -- wunderlich: Kaum hatte ich den Hebel auf kalt gestellt, ward mir fast wehmütig zu Sinn. Mir war's, als ob auch dieser tote Mechanismus eine Seele gehabt hätte: ich war ihm dankbar gewesen, er hatte mich gewärmt, hatte mir in Eiseskälte und Sturmeswüten Trost und Wärme gespendet, wie ein liebender, guter Freund, wie eine liebe, gute Freundin. Und nun, da wir ins Reich der Sonne kamen, drehe ich ihm mit einer Kurbeldrehung die Seele ab und stelle ihn auf kalt! Da fielen mir die Menschen ein, die ihr Herz, ihre Seele, ihr Empfinden so meisterlich in der Gewalt haben, wie eine Zentralheizung. Brauchen sie Wärme, rugs, stellen sie ihre Herzensleitung auf warm; wird es ihnen zu warm, rugs, stellen sie ihre Herzensleitung auf kalt. Was geht es sie an, wie die anderen empfinden, -- haben sie nicht das Recht, die Zentralheizung ihrer Seele so zu stellen, wie es ihnen paßt?

Ich dachte einer schönen, klugen und guten Frau meiner Bekanntschaft. Die verstand es meisterhaft, ihre Herzensstimmung nach Bedarf zu regulieren. Bedurfte sie der Wärme, so flogen die Herzen ihrer Umgebung, ihrer Freunde und Verwandten, der Dienstboten, der Armen und Bedrängten in die Heizung, daß es nur so prasselte; -- kam dann die Zeit, in der es ihr zu heiß wurde, hatte der eine dieses, der andere jenes verbrochen: hier wurde eine Heizung abgestellt, dort eine andere. Und vor mir tauchten die Gesichter meiner Armen auf, die ich ihr zur Hilfe anvertraut, mit deren Herzen sie ihre Heizung geheizt hatte, und die die schöne, kluge und gute Frau nicht verstehen konnten, wenn sie nun plötzlich die Heizung abstellte. Und dann flogen sie zurück zu mir mit stummem Flehen und tränenden, fragenden Augen: ob sie was verbrochen hätten; -- du läßt uns doch nicht im Stich, du läßt uns doch nicht fallen? Nein, nein, nein, und tausendmal nein, -- ich stelle die Heizung meines Herzens nicht ab, und wenn ich darüber zugrunde gehen sollte. Kommt nur, kommt, ihr trauernden, bekümmerten Herzen, ihr, die ihr in Not und Sorge seid, kommt nur, es findet sich wohl noch Rat und Hilfe, und wenn's nicht anders geht, so gehe ich für euch betteln, wie ich es schon so oft getan. Aber ich kann nicht frieren, und ihr sollt auch nicht frieren!

* * * * *

Kap Finisterre! Was hast du mich gelehrt! Hab Dank! -- Fast hätte ich die Heizung in meiner Kammer wieder angestellt, um ihr die alte Seele wieder zu geben, das heiße, behagliche Rauschen in ihren Adern, den Röhren, -- aber was war das? Die Seele war nicht tot, -- strahlende, wonnige Wärme erfüllte mein kleines Gemach, himmlische Helle, blauender Himmel, lachende, lockende Sonne! O Liebe! Liebe, du bist wie die Sonne, nein, du bist die Sonne selbst, wärmend, hellend, lebenspendend! Weh euch Ärmsten, Unglücklichen, die ihr keine Liebe, keine Sonne, keine Wärme, keine Helle in eurem Leben habt! Ich wollte, ich könnte sie alle herrufen, oder zur Sonne sagen: geh hierhin, oder dorthin und wärme und helle, da tut es not!

Oh, ihr Menschen, die ihr reich an Sonne in eurem Leben seid, verschließt sie nicht in euch, nicht so ängstlich, nicht so selbstsüchtig, -- strömt eure Liebe, eure Wärme aus, wie die Sonne ihr Licht, ihre Wärme jenseits von Kap Finisterre!

Ich eilte auf die Kommandobrücke. Oben erwartete mich schon mein Kapitän und empfing mich mit siegesfrohem Lächeln. »Das war eine harte Nacht. Graue Haare habe ich bekommen. Aber nun ist's überstanden.« Der erste Offizier kam und reichte mir die Hand --: »Nun sehen wir unsere Frauen und Kinder doch noch wieder.« »Ja, ich wußte schließlich nichts Besseres mehr zu tun, als zu Gott zu beten«, gab ich ruhig und fest zur Antwort. Da faßte der Friese aufs neue meine Hand, drückte sie und sprach: »Das habe ich auch getan, das ist das beste, was man dann tun kann.« Der Kapitän, der gerade voraus lugte, hatte unser Gespräch gehört, trat hinzu und sagte schlicht: »Ich habe es auch getan; es ist das einzige, was bleibt: seine Pflicht tun und beten!«

Wie ich am Zwischendeck vorbei kam, saß eine junge Französin, die in Boulogne mit ihrem Kindchen an Bord gekommen war, mit dem Rücken am Schornstein, ihr Kind, ein liebliches, blondlockiges Mädchen von zwei Jahren auf dem Schoß, und sang leise, dem Kind mit den Fingern die Locken streichend:

+Enfant de mon amour, Bienfait par Dieu, Tu es ma vie, La fleur de mes yeux!+

+Enfant de mon amour, Fille de mon coeur, Tu es mon âme, Tu es mon bonheur!+

Es war ein Bild reinster Mutterseligkeit. Ich redete sie an: »Ihr Kind ist wohl Ihre ganze Freude?« »O ja,« sprudelte sie mit echt französischer Lebhaftigkeit entgegen, »meine ganze Seligkeit. Ich wünsche mir unzählige. Ich hasse das Eheleben, wie es in Frankreich betrieben wird. Jedes Kind ist ein Geschenk Gottes. Mein Mann ist vor gut zwei Jahren, unser Mädel war noch nicht geboren, nach drüben gegangen. Dieses Kind ließ er mir als Pfand unserer Liebe zurück. Nun will ich es ihm nachbringen. Er kann es nicht erwarten, es zu sehen. Er hat sich eine Farm in Brasilien erarbeitet und schreibt, ich solle kommen und ihm so viel Kinder schenken, als Gott uns anvertrauen wolle. Land sei genug da, und jedes Kind sei eine neue Arbeitskraft für uns und damit für die Menschheit. Wie viel Kinder haben Sie?« Ich erwiderte ihr, ich hätte sieben. »Können Sie die denn in Deutschland auch alle ernähren?« Da antwortete ich, mein Weib und ich erzögen unsere Kinder so, daß sie erstens einen gesunden, starken und widerstandsfähigen Körper hätten, sodann aber in der Anschauung, daß Arbeit ihnen Freude und Lebensgenuß dünke. Zu dritt lehrten wir sie, die ganze Welt als ihr Vaterland zu betrachten, da sie Menschen seien. In diesem großen Vaterlande sei ihr engeres Vaterland Deutschland, noch enger ihr Dorf, das engste ihr Elternhaus. Ebenso, wie sie als Kind, als sie zuerst die Schwelle des Elternhauses überschritten, sich an ihr Dorf gewöhnen mußten, und später, als sie hinauszogen, die Fremde sich ihnen als ihr Vaterland erwies, ebenso müßten sie sich gewöhnen, die weite Welt als ihr Vaterland in weiterem Sinne aufzufassen und lernen, sich darin zurechtzufinden.

Darauf bricht sie in den Ruf aus: »Es muß doch grenzenlos hart sein, keine Kinder zu haben. Ob es wahr sei, daß so oft der Mann schuld sei? Ein ihr befreundeter Arzt habe ihr gesagt, daß Professor Noeggerath in Neuyork, einer der größten Kenner der Frage dort, gesagt habe, 95 Prozent aller Frauen, die an Frauenkrankheiten litten, seien krank durch ihre Männer; das wäre ja entsetzlich!« Ich konnte es nur bejahen. »Dann«, fuhr sie fort, »hätte sie doppelt Mitleid mit allen kinderlosen Frauen. Nach ihren Empfindungen müsse jeder gesunde Mann das grenzenloseste Mitleid mit solchen Frauen haben und ihnen helfen, wenn es noch möglich sei, ihre Aufgabe zu erfüllen, sonst sei er kein Mann in ihren Augen. Der Ehemann aber habe sein Anrecht auf die Frau als Weib verscherzt.« Die kleine Frau glühte förmlich vor Zorn und Eifer. Ich erwiderte ihr, daß der sittenstrenge Martin Luther die Frage bereits ähnlich gelöst habe, wie sie, indem er dem kranken und unfähigen Ehemanne den Rat erteilte, zu seinem Freund oder Bruder zu gehen und den zu bitten, seine Pflichten zu übernehmen. »Sehen Sie,« eiferte die junge Mutter, -- »ich bin ja freilich katholisch, aber das ist so ehrlich und gut gesprochen, das könnte mich mit Ihrem Doktor Luther beinahe aussöhnen.« Ich warf ihr ein, daß mir die Bedeutung der Ehe noch mehr in dem Zusammenschmelzen der Seelen beider Ehegatten zu liegen scheine und in der Erzeugung neuer Kulturwerte für die Menschheit aus dieser Verschmelzung, als in der Hervorbringung von Nachkommenschaft. Da rief sie leidenschaftlich aus: »Was nützen denn diese neuen Kulturwerte, wenn keine neuen Geschlechter da sind, denen das Menschenpaar, das diese Werte zutage förderte, sie vererben kann?« -- --

* * * * *

Ein Heizer meldet sich krank, der im Sturm in der Biskaya gegen die Wand geschleudert war. Seine rechte Hand war stark gequetscht. Ein echt deutsches Gesicht. Er sprach auch deutsch; aber seine Sprache hatte den Beiklang des Polnischen. Ich fragte ihn, während ich ihn verband: »Was für ein Landsmann?« »Pole.« »Wo bist du her?« »Aus Schlesien.« »Wo da?« »Aus der Gegend von Ratibor.« »Was war deine Mutter von Geburt?« »Eine Deutsche.« »Dein Vater?« »Österreicher.« »Kerl, hast du Glück, dann bist du ja ein Deutscher. Freust dich?« »Ja.« Seine Augen leuchten auf. Etwas wie Zweifel liegt noch in seinem Gesicht. »Wer hat dir Karnickel denn aufgebunden, daß du ein Pole bist?« »Der Pfarrer. Er sagt, ganz Schlesien sei polnisch, alle seien wir polnisch. Deswegen dürften wir auch nur polnisch sprechen.« »Und ich sage dir, ganz Schlesien ist deutsch. Und ihr könnt stolz sein, deutsch sein zu dürfen, weil ihr deutsch seid. Bekommt eine Stute junge Hunde, oder eine Hündin Fohlen?« »Nein.« »Nun überleg' dir, kann der Sohn von einer deutschen Frau eine Pole sein? Oder der Sohn von einem deutschen Vater?« »Nein.« »Na also.« Nun leuchtet's ihm ein. Am andern Tage kommt er wieder zum Verbinden. »Ei, da kommt ja mein Schlesier. Was bist du doch für ein Landsmann?« »Ein Deutscher.« »Freust dich darüber?« »Freilich,« grinst der Bursche und strahlt über sein ganzes Gesicht. »Und ich will's dem Herrn Pfarrer schon klar machen.« Ob er's tut? Ob's was nützt? Aber schlimm ist's, wenn diese Vertreter Christi auf Erden sich in die Politik mengen. Eher könnte man eine Herde Wölfe in einer volkreichen Stadt loslassen. Größer wäre der Schaden auch nicht. Was in aller Welt hat das Evangelium der Liebe mit der Nationalität zu tun, mit der Politik? Wölfe sind es, Wölfe in Schafskleidern, diese »Diener des Höchsten«, blutgierige und macht- und ehrsüchtige Hetzer.