Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden

Part 14

Chapter 143,677 wordsPublic domain

Noch ein Opfer des Sturmes in der Biskaya. Der 3. Maschinist war bei dem starken Seegang mit dem Knie gegen die Treppe geschleudert. Er mußte einige Tage das Bett hüten. In seiner Koje hing an der Wand, sauber eingerahmt, unter Glas, eine weiße Atlasschleife, augenscheinlich von einem Totenkranz stammend. Mit Schwarzdruck stand darauf: Die Hilfskrankenkasse der Schlosser in treuem Gedenken ihrem langjährigen Mitgliede Frau Eliese W. Ich fragte ihn nach der Bedeutung dieses seltsamen Wandschmuckes. Die Schleife stammte von dem Kranz, den die sozialistische Krankenkasse seiner Frau gestiftet hatte. Während des Sommers trug er den Kasten mit der Schleife alljährlich auf das Grab seiner Frau, während des Winters aber nahm er ihn mit in seine Koje, da er auf dem Kirchhof bei dem schlechten Wetter zu viel gelitten hätte. Und nun freue er sich immer auf den Winter, dann sei es in seiner Koje noch einmal so gemütlich. Es sei ihm dann immer, als ob er ein Stück von seiner verstorbenen Frau Liebsten noch bei sich habe. Und was ich wohl meine, ob wohl an solchen Dingen ein bißchen Seele haften könne. Ihm sei es manchmal, als ströme von der Schleife etwas zu ihm hinüber, daß ihm ganz warm werde.

Geht's nicht allen so? Ist's nicht so? Gibt es irgend etwas, was wirklich seelenlos ist, irgend etwas, was nicht Gedanken, Empfindungen auslöst, zu uns spricht? Sagen wir nicht selbst, »dieses, jenes, spricht uns an?« Ist es nicht tatsächlich ein Stück vom Leben, was an dieser Schleife haftet, was sie beseelt? Die Dankbarkeit und Treue der Freunde, die Erinnerung an die Liebe und Güte der Verstorbenen, sind das wirklich nur tote Begriffe? Sind es nicht vielmehr lebendige Kräfte, wie die Sonnenstrahlen, Kräfte, die andere Empfindungen ausgelöst haben, die Taten ins Werk gesetzt haben? Oh, ich glaube, wir sind nur so stumpf geworden im Gedränge des Alltags, so abgestumpft und gehärtet, so unfähig zu feinem Empfinden und Genießen aller dieser zarten, geistigen Dinge, -- eben durch unser vieles Genießen. Und hier ein schlichter Mann in seiner kleinen Klause, der nur die Pflicht kennt, sein Glück, was man so Glück nennt, früh ins Grab gesenkt, allen Tand des Lebens von sich getan hat, -- er genießt mit stiller Andacht die feinen Strahlen, die von dem Totenkranze der Geliebten ausgehen, und damit zieht ihre Liebe, die Treue der Freunde und neues Leben, neue Wärme in sein Herz. Bei Gott, -- ich wollte, ich könnte unseren Reichen, unseren Gebildeten zeigen, wie arm sie vielfach sind diesem Manne gegenüber, und wie reich das Leben ist an Schätzen, die, ach, so viele verlernt haben zu genießen. Schätze, die sie vielleicht nie gekannt haben. Schätze, deren Genuß ein ruhiges Herz, eine stille Stunde, ein feines Horchen und Empfinden verlangt. Ich kenne euch, wärmende Strahlen und grüße euch als vertraute Freunde. Bahn möchte ich euch brechen, damit ihr wieder die Welt beherrscht mit eurer Wärme, eurem Licht, und das Lärmende und Gleißende und doch so Kalte dieser Zeit verdrängen helft.

* * * * *

Immer wärmer strahlte die Sonne. Das ganze Schiff schien von ihr erfüllt. Auf dem Hinterdeck ging der rothaarige Kapitän aus Friesland, die Pfeife im Munde, die Hände in den Hosentaschen, und wies mit dem Kopf grinsend auf seinen Schützling, der, noch blaß von den überstandenen Strapazen, sich wohlig in dem warmen Lichte reckte. Die Matrosen dehnten und sonnten sich, während der Dampfer die immer blauer werdenden Fluten flott durcheilte. Die junge Polin hatte ein reines, leichtes Kleid angezogen und freute sich ebenfalls am Leben und am Licht. Ich versuchte in freundlicher Weise auf ihre Seele einzuwirken, allein sie entschlüpfte allen Fragen wie ein Aal. Und doch schien auch ihr die Sonne, und auch sie wärmte sich an den warmen Strahlen. Sollen wir Menschen nicht lernen von dieser Alliebe, die das All beherrscht und die Sonne scheinen läßt über Gerechte und Ungerechte?

Auf der Reeling hockte unser Schiffsjunge aus Finkenwärder, mein blondlockiger Freund, und putzte die Messingbeschläge, an denen sich Rost und Grünspan als Erinnerung an die Stürme der Biskaya angesetzt hatten, gerade wie die Seele Rostflecken bekommt in den Schicksalsstürmen des Lebens.

Halb wehmütig, halb schelmisch, wohl denkend, den Sturm hätten wir erst einmal wieder überstanden, sang er ein altes Volkslied aus seiner Heimat. Sein Schatz hatte es ihm wohl dort beim Abschied vorgesungen. Nun dachte er ihrer und zauberte sich ihr Bild, indem er ihr Lieblingslied sang.

Auch unsere anderen in Antwerpen an Bord gekommenen Mitreisenden freuten sich der leuchtenden Wärme. Selbst dem finsteren Balten schien ein Strahl seinen Gram ein wenig aufhellen zu wollen.

Der Weinhändler aus Bordeaux, der ostpreußische Delegierte vom internationalen Gastwirtetag und unsere beiden Magyaren saßen mit müden Gesichtern auf der Schattenseite des Schiffes, jeder ein großes Glas Pilsener vor sich, wegen der Hitze. »Wissen Sie,« hörte ich ohne zu wollen den Weinhändler mit Emphase ausrufen, »hier auf dem Meere kommen einem die großartigsten Gedanken. Wir alle, die wir an möglichst großem Konsum der mit Recht so beliebten Getränke beteiligt sind, sollten uns zusammentun, um dieser albernen sogenannten Menschenfreundlichkeit, von der auch unser Doktor angekränkelt ist, den Garaus zu machen. Ich habe in Hamburg einen Freund, einen großen Spiritusfabrikanten, der wird Feuer und Flamme sein, wenn ich dem unsern Plan vortrage. Dieser verdammte Humanitätsdusel.« »Ja,« grunzte der Ostpreuße in seinem Bierbaß, »mit dem Wort haben Sie recht. -- Wissen Sie, was der Doktor neulich sagte, als ich ihm seufzend vorrechne, was wir Besitzenden, die wir doch die Säulen des Staates sind, an Beiträgen für die verfluchten Arbeiterversicherungen in Deutschland zahlen müßten? -- Das wäre unsere nackte Pflicht und Schuldigkeit und Bismarcks größtes Verdienst, daß er diese Versicherungen gegen den Willen der Mächtigen durchgesetzt hätte. Wissen Sie, was ich ihm am liebsten geantwortet hätte? -- Se. Majestät hätte am klügsten getan, Bismarck vor Erfindung dieser Arbeiterversicherungen den Laufpaß zu geben. War entschieden Humanitätsdusel aus beginnender Altersschwäche. Äh, -- sehr guter Schnack, nicht? Na, über Bismarck nichts Übeles: denn wissen Sie, was auf diesen Bismarck-Kommersen gesoffen wird, -- meinetwegen könnte es zehn Bismärcke geben; -- äh, muß selbst über meinen Schnack lachen.« Der Weinhändler lachte heiser mit und sagte: »Kommt von der Seeluft, macht so witzig, -- haben aber vollständig recht. Großartig, was der Patriotismus unsereins einbringt. Freilich sollen wir die Geistlichen, die Ärzte und die Lehrer auch warm halten, denn die Kerls sind maßgebend in Deutschland und trinken gern akademisch bis in ihr Alter weiter, wie sie es auf der Universität gelernt haben. Aber der Patriotismus ist die Hauptsache, denn wenn der Deutsche patriotisch wird, dann säuft er. Muß Ihnen aber doch mal erzählen, -- genialer Streich, -- wie ich vor längerer Zeit mal etwas schlappe Champagnermarke auf den Markt brachte. Fabrikant zahlte ausgezeichnete Prozente. Lag mir viel daran, dem Manne einen Gefallen zu tun. Stiftete einfach Offizierskasino zwei Dutzend Flaschen ›zum Wohle Sr. Majestät.‹ Seitdem beständig Nachbestellungen. Habe nun ganze Reihe von Kasinos, wo ich's ebenso mache. Nenne das patriotischen Sekt. Geschäftsspesen. Rentieren sich großartig.« »Wissen Sie,« tönte der Baß des ostpreußischen Gastwirtsvertreters, »ähnlich geht es uns mit den Kriegervereinen. Ist das beste Geschäft von allen. Fahnenweihen, Stiftungsfeste, Sedan, Kaisers Geburtstag, Komiteesitzungen, Schießabende, Tanzkränzchen, na, usw. -- alles bringt Geld in unsere Kassen. Die Wirte müssen natürlich mit im Verein sein, lieber nicht im Vorstand, fällt zu sehr auf. Was die Bande wegtrinkt an diesen Festen, -- wundervoll, sage ich Ihnen. Wäre eigentlich Hauptspaß, auf dem internationalen Gastwirtetag Komitee anzuregen zur internationalen Ausnutzung des Patriotismus seitens des Wirtsgewerbes.« Allgemeines Gelächter belohnte den sinnlosen Schnack.

Voll Ekel über diese Gesellschaft wandte ich mich wieder der Sonnenseite des Schiffes zu und trank mich satt an der Sonne, bis sie sank.

* * * * *

In einen märchenhaft zarten, blauvioletten Schleier gehüllt, tauchten von fern die Bergketten der spanischen Küste auf, die Ciousfelsen, die den Eingang zum Hafen von Vigo bilden. Donnernd brechen sich an den schroffen Klippen auf beiden Seiten der engen Einfahrt die Wogen.

Inzwischen ist die Nacht herabgesunken. Nur äußerste Vorsicht kann das Schiff ungefährdet in den Hafen bringen.

Aber nun sind wir in der Bucht und gehen vor Anker. Die erste ruhige Nacht seit unserer Abreise aus der Heimat.

Im ersten Morgengrauen erhob ich mich. In weitem, sanftem Bogen rahmen Bergketten das Meer ein. In liebliches Grün eingebettet liegt die Stadt. Noch ruht die Welt in morgendlicher Stille. Vereinzelt blinken sogar noch Lichter in den Fenstern. Aber der Nebel hebt sich. Leuchtend bricht im Osten die Sonne durch. Nun beginnt es am Ufer zu leben. Dampfpinassen und Boote stoßen vom Lande ab. Plötzlich wimmelt das Meer von Fischerbooten, die, wie große Möwen, mit weißen, geblähten Segeln schnell und sicher die Wogen durchschneiden.

Mit flotter Wendung legt sich eine große Schaluppe längsseits an unser Schiff, so daß sein Rumpf das Fischerboot gegen die Blicke vom Land her verbirgt. Das Segel fällt. Hoch aufgerichtet steht der Kommandant auf Deck und reckt den Hals auf unser Schiff. Da sieht er die beiden Zollwächter, die mit aufgepflanztem Bajonett gravitätisch auf unserem Schiff auf und nieder promenieren. Zum Glück sind es Bekannte. Er nickt ihnen zu, sie nicken wieder. Ein Tritt mit dem Fuß, und Tauwerk und Netze, welche die Falltür zur Kajütentreppe bedecken, fliegen zur Seite. Vorsichtig wird der Deckel gelüftet. Ein Kopf wird sichtbar, saugt gierig die frische Morgenluft ein, fragt nach oben, gibt das gehörte Ja nach unten weiter und heraus quillt's, als ob man von einem Korb mit Aalen den Deckel lüftet; braune Gestalten, der eine strahlend, jener keck, dieser schelmisch, ein anderer ängstlich, der frech beinah, jeder Gefahr spottend, die im engen Gelaß steif gewordenen Glieder reckend; und nun wie die Katzen vom Boot an der Strickleiter auf unser Schiff hinauf. Oben empfängt sie der Kommandant. Er stellt sie in Reih und Glied, zieht gravitätisch eine Rolle aus der Tasche und ruft die Namen auf. Dann zählt er noch einmal nach, geht zum Zollsoldaten und meldet 37. »Nein,« erwidert der Spanier, »es sind 38.« Der erstere beteuert die Richtigkeit seiner Zahl. Hier sei die Liste. Dort stehen die Leute. Es stimmt. -- Schmunzelnd steckt der Soldat die Handvoll Silbermünzen in die Tasche. Ein Pfiff, und jauchzend fliegen die braunen Burschen vom Achterdeck über das Promenadendeck nach vorn -- in die Arme ihrer Frauen, ihrer Liebsten.

Während die Schaluppe auf der einen Seite unseres Schiffes anlegte, um diese spanischen Deserteure heimlich einzuschiffen, war auf der dem Land zugekehrten Seite des Schiffes Boot um Boot mit Frauen und Kindern angekommen, mit Kisten und Kasten, mit Ballen und Körben. Nun fanden sich die Paare jubelnd zusammen.

Ich trat auf den Posten zu und redete ihn auf spanisch an, es sei doch unverantwortlich, um schnöden Geldes willen diese Leute dem Dienste fürs Vaterland zu entziehen. Da zuckte er lachend die Schultern und meinte: es sei ja doch nur Schund. Nein, es war kein Schund! Fixe, tüchtige Kerle waren es, sehnig, in Arbeit hart geworden, aber sie wollten Freiheit, Land, Arbeit und den Ertrag ihrer Arbeit, sie wollten lieben, und die Frucht ihrer Liebe wollten sie gedeihen sehen. Oh, ich verstand sie nur zu gut. Daheim? Da war es auch schön. Aber das Land gehörte den großen Herren. Und wollte man arbeiten, dann galt's für die, und für einen selbst blieb nichts nach. Nein, den eigenen Acker wollten sie bebauen, und wenn es noch so heiß, noch so mühsam sei. Aber was durch ihren Schweiß wuchs, das sollte auch ihr Eigen sein. Das wollten sie. Und deswegen kehrten sie ihrer schönen Heimat den Rücken.

War es nicht bei uns das nämliche Lied? Die eigene Scholle! Nur so groß, daß man sich ordentlich müde darauf arbeiten könnte und satt werden, selbst und die Seinen, -- nicht mehr. Aber was darauf wuchs, ganz mein, mein Schweiß, meine Frucht. Und wenn Kinder kamen, so mußte Platz auch für sie sein, Luft, Licht, Boden, Frucht und Brot. Nur nicht die ewige, entsetzliche Angst, -- um Gotteswillen, wovon soll es satt werden, das, was noch gar nicht geboren ist? Vor allem Elend ringsum ist der Sonnenschein des Wortes von den Lilien auf dem Felde der Menschheit verloren gegangen, -- als ob kein Platz mehr für die Menschen auf der Erde sei! -- --

* * * * *

Schon durchfuhren wir vorsichtig steuernd das enge Felsentor des Hafeneinganges, im Hintergrunde verschwindet das liebliche Panorama, -- die Heimat unserer Auswanderer. Wehmütig sitzen die Männer da, leise weinend die Frauen. Wie wird es werden? Werden wir dich wieder sehen, Land unserer Väter, dich, schönes Spanien? Selbst die Kinder scheinen angesteckt von der Wehmut der Eltern und lassen die Köpfchen hängen, wie Blumen, denen das Lebenslicht fehlt. Ich bringe den Kleinen Apfelsinen und Kuchen von unserer Kajütstafel, spreche den Männern Mut zu; die Frauen lachen, da sie die Freude der Kinder sehen. Nun kommt neues Leben in die Gesellschaft. Wie sie erst sehen, daß sie selbst hier auf dem Schiffe als Menschen gelten, da überkommt sie ja wohl das Gefühl: das warme Sonnenlicht, das in der Heimat uns die Früchte reifte, wird uns auch in der Ferne nicht verlassen!

Mich aber durchflutet es heiß, wie ein glühender Wunsch:

Ich möchte die Sonne sein, Die alle Seelen auf Erden wärmt, Wo immer ein Herz im Busen sich härmt, -- Die Sonne möchte ich sein!

Ich möchte die Sonne sein. -- Ich gönnte wohl jeder Erde den Mond! Doch, die Wärme spendend am Himmel thront, Die Sonne möchte ich sein!

Ich möchte die Sonne sein, Die die Welt erfüllet mit Liebesglut, Zum Leben erweckend, was licht und gut, -- Die Sonne möchte ich sein!

In ruhiger Fahrt fuhren wir an Spaniens Küste entlang. Auf den Bergketten hoben sich scharf vom blauen Himmel in langen Reihen die dunklen Silhouetten alter Pinien ab, die wie Wächter den Kamm des Gebirges hüteten. Mir schienen es Mahner. Wo sind die Wälder geblieben, von denen die einzelnen Stämme traurige Reste bildeten? Hatte hier die Habsucht die Axt geführt, wie überall, wohin Romanen den Fuß setzten? Hatte hier sinnlose Gewinnsucht die Berge entwaldet? Wie die Italiener ihre Berge in den weiten Gebieten, die einst in unerhörter Fruchtbarkeit die Kornkammern der Welt genannt wurden, und die nun zum Teil in trostloser Dürre daliegen? Und weiter schweifte mein Geist nach Palästina, wo die Entwaldung der Berge das Land in eine Wüstenei verwandelt, von dort nach Mexiko, wo die Barbarei der Spanier vor Jahrhunderten den Wald ausgerottet und das reiche fruchtbare Land der Azteken zum Teil in öde Steppen verwandelt hatte. Voll Sorge dachte ich an das schöne Schweden, wo in ähnlicher Weise die Raffgier fremder Kapitalisten beginnt, skrupellos den Wald zu lichten; dachte frohlockend an Deutschlands sorgsam gehegte Forsten, an Dänemarks treue Arbeit am Kattegatt, wo seit Jahrzehnten liebevolle Sachkenntnis den öden Dünen herrlichsten Wald entlockt hat, der nun das dahinter liegende Land vor der verheerenden Wucht der Meeresstürme schützt, so daß der dänische Bauer hoffnungsfroh sein Korn in den Acker senkt. Aber hier? -- Wie fruchtbar müßte dieses Land sein, wenn der Wald das Wasser auf den Bergen hielt, um es von dort den tiefer gelegenen Ländereien als befruchtendes Element mitzuteilen. Wie viel tausende glücklicher Familien könnten hier wohnen, Korn, Trauben, Früchte aller Art bauend, sich und der Menschheit zum erquickenden Segen.

Plötzlich legte sich eine Hand auf meine Schulter. Während ich in Sinnen verloren die kahlen Ufer hatte vorüberziehen sehen, hatte ich nicht bemerkt, daß der Franzose sich mir genähert hatte. »Ich lese aus Ihrem ernsten Gesichte Ihre Gedanken,« redete er mich an. »Sie haben recht, was müßte bei verständiger Regierung aus diesem Lande, das von drei Seiten vom Meere umgeben ist, das unter der mildesten, herrlichsten Sonne liegt, zu machen sein! Wie viele Millionen würden hier Brot und Dasein finden, wenn Liebe und Klugheit hier das Szepter führten. Der Hauptfehler liegt hier, wie auch in Italien daran, daß der größte Teil des Landes in den Händen Großer und Mächtiger sich befindet, die ihn durch Pächter und Unterpächter ausnützen, um immer reicher, immer mächtiger zu werden, ohne sich des Segens, den sein Besitz bringt, des Segens der Bearbeitung des Bodens bewußt zu werden. Und wohin Sie sehen, finden Sie das nämliche Leid, nur in anderer Form, in Ihrer Heimat, wie in der meinigen. Die Allgemeinheit schafft neue Werte, baut Straßen, Bahnen, Kanäle, Plätze, Parks, Museen, Schulen, -- aber nur die wenigen, die im Besitze von Grund und Boden sind, haben den Nutzen davon, daß der Grund und Boden durch alle diese Neuschöpfungen im Werte steigt. Die Städte drängen über ihre Weichbilder hinaus. Was heute Kartoffelland ist, wird morgen Baugrund. So wächst diese üble Sorte von Parvenüs aus der Erde heraus, diese Millionenbauern, Menschen ohne Bildung, zumeist infolge des mühelos erworbenen Reichtums Protzen und Schwelger, -- und die Masse muß ihnen fronden mit Zins und Zinseszins. Die Schätze des Bodens, die Wälder und Bergwerke, die Salzlager und Petroleumquellen machen einzelne zu Fürsten des Geldes, -- und die Menge darbt.

Handel und Industrie schaffen ungeheure Reichtümer, die, nur zu oft anstatt dem Ganzen zu dienen, törichten, schwelgerischen, übertriebenen Luxus fördern.

Dräuende Rüstungen aller Länder verschlingen den Wohlstand der Völker, die, aufgehetzt vom Rassenhaß durch eine gewissenlose und profitgierige Presse, sich gegenseitig befeinden und beargwöhnen.

Die Länder schließen sich ab und erzeugen so den tollen Zustand, daß hier Gebiete der Erde die Menschen kaum zu fassen vermögen, dort unermeßliche Gebiete des Pflugs und der Axt harren.

Die Künstler, der Natur entfremdet, in einem entarteten Kulturleben entnervt, schaffen zumeist Werke, die den Todeskeim schon in sich tragen, wie Kinder, die einen kranken Vater hatten, oder die in den Höfen der Großstadt erzeugt sind, wie Blumen, die der Sonne entbehrt haben. Die Lehre Christi ist vergessen. Die Sonne des Lebens ist erloschen. Die Liebe ist tot.« --

Vor uns lag die zerklüftete Steinwüste der Bocca da Inferno, der Höllenstrand. Dunkel stiegen die Felsen aus dem brandenden Meere empor, unheimlich finster. Wie eine Eiseshand legte es sich mir auf die Seele. Und doch, -- war es nicht tröstend, daß ich hier auf fremdem Meere einen Menschen fand, der so klar das Elend der heutigen Welt erfaßt hatte! Aber gab es denn keinen Ausweg?

Oben auf der steilen Küste leuchtete weiß und hell ein Leuchtturm, ein Wahrzeichen für die Schiffer, das gefährliche, riffreiche Gestade zu meiden; warnte Portugiesen und Spanier, Engländer und Deutsche, Holländer und Franzosen, und wer immer hier vorbeifuhr, Freund und Feind.

Nein, und tausendmal nein, -- die Liebe ist nicht tot! Liebe hat den Leuchtturm hier gesetzt, -- Liebe zu fremden, wildfremden Menschen. Und Liebe muß dieses ganze Wirrsal entwirren.

Schweigend reichte er mir die Hand. -- Nach einer Weile sagte er kurz: »Es ist schon so, der Alkoholismus, der Mammonismus und der Egoismus, diese drei internationalen Bestien sind es, die unsere Kultur in den Staub zu drücken drohen mit ihren Tatzen.« -- --

Allmählich wurden die Ufer lieblicher, Dorfschaften in grüne Gärten eingebettet, dann wieder kahle Hügel mit felsigen Gestaden. Hügel, deren Kämme, wie man wieder an den hier und dort einsam ragenden Bäumen erkennen konnte, einstmals wohl Wälder getragen hatten, wechselten mit kleinen Städten. -- Wir hatten es uns bequem gemacht und sahen das Panorama der portugiesischen Riviera an uns vorüberziehen.

»Eines schlimmen Feindes, vielleicht des schlimmsten für das Vorwärtskommen der Völker haben wir noch nicht gedacht,« hob mein französischer Reisegefährte wieder an, »das ist die Schule.« Gespannt fragte ich, womit er das begründen wolle. »Sie bringt den Kindern alle möglichen Kenntnisse bei, aber das Wichtigste bringt sie ihnen nicht.« -- »Und was ist das Wichtigste?« -- »Das Beste und Köstlichste! Sein Glück darin zu finden, daß man andere glücklich macht, Not lindert und der Not vorbeugt. Nicht der Besitz ist verwerflich, sondern der falsche Gebrauch des Besitzes.« -- »Und worin besteht dieser falsche Gebrauch?« -- »Darin, daß man seinen Reichtum, seine Stellung benutzt, um andere auszusaugen, andere Menschen unglücklich zu machen. Sehen Sie, das ist die Sünde. Und an dieser Sünde bewahrheitet sich wieder das alte Wort: ich will die Sünde der Väter heimsuchen bis ins dritte und vierte Glied. Denn der Mammonismus der Väter rächt sich an ihren Enkeln und Urenkeln. Erst wenn wir gelernt haben, die menschliche Persönlichkeit wieder zur Geltung zu bringen, die Selbstsucht der Besitzenden zu brechen; wenn wir erst wieder Achtung haben vor dem Nebenmenschen, vor dessen Leben; erst wenn wir gelernt haben, die Liebe zum Glück des Nebenmenschen zu tatkräftigem Leben zu erwecken: erst dann werden wir unser Ziel erreicht haben!«

Ich hatte während der letzten Worte des Franzosen die Augen geschlossen. Durch meine Seele zitterte es nach: mit dem Billigsten, mit dem, was nichts kostet, wie Sonnenschein und Luft, die noch allen Menschen gemeinsam sind, sind die Menschen am sparsamsten, mit der Liebe. O, mein Gott! Wie viel Liebe kann ein Mensch verschenken und wird dabei immer reicher, -- und wie wenig Liebe verschenken die Menschen. Und da wundern sie sich, daß sie immer ärmer, daß es um sie herum immer finsterer, immer kälter, immer freudeloser auf der Erde wird. Und tragen die Lebenssonne doch im Herzen, aus der sie nur zu schöpfen brauchten, um die ganze Welt mit Licht und Wärme zu erfüllen! --

Als ich die Augen öffnete, bot sich mir ein märchenhafter Anblick. Hinter den Hügeln, die die Ufer begrenzten, stiegen bewaldete Bergketten empor, terrassenförmig sich hintereinander emportürmend. Und oben auf dem höchsten Gipfel, wie ein Gebild kühnster, dichterischer Phantasie, in lichten blauen Nebelhauch gehüllt, ein Zauberschloß, mit hochragenden Mauern und Zinnen, mit Türmchen und Türmen, und alles überragend ein gewaltiger Turm mit hell im Sonnenlichte blinkender, goldener Kuppel.

So mag dem Jüngling, der zuerst ins Leben tritt, von weitem das Ideal seines Strebens entgegenschimmern, aus weiter Ferne, lockend, leuchtend und doch fast unerreichbar.

Den Windungen des Ufers folgend, drängen sich neue Bergmassen vor das liebliche Bild -- wie sich die Schwierigkeiten des Lebens vor das Ideal drängen --; verschwunden ist das Schloß, verschwunden wie Märchenzauber. Doch nun, was ist das, -- von neuem taucht es empor, näher, deutlicher. Schon unterscheidet das Auge die arabischen Zinnengesimse, die maurischen Zacken und Hufeisenbogen der Fenster. Und wieder von neuem, obwohl dem Auge schon so faßbar nah, drängen sich in erneuter Windung neue Bergketten vor den herrlichen Bau, wiederum ihn den Blicken verbergend. Vergeblich sehnt sich das Auge, das Wunder zu schauen, immer höher türmen sich graugelb gewaltige Bergmassen im wirbelnden Zuge am Horizont empor, als wollten sie bis zu den Wolken sich emporrecken. Jetzt aber, strahlend in Goldesglanz und Farbenpracht, mit schimmernden Fenstern und leuchtenden Türmen, machtvoll, gebietend, wunderherrlich liegt es da, gleichsam als wollte es unser ganzes Denken und Empfinden erfüllen, wie das Ideal, das uns gepackt hat, unsere ganze Seele erfüllt, daß wir fortan nur seiner gedenken, ihm lebend, ihm uns hingebend mit jeder Faser unseres Seins.