Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden

Part 15

Chapter 153,657 wordsPublic domain

Das ist die Cintra, die portugiesische Königsburg, mit ihren Zaubergärten, die Byron schon ein wundervolles Eden genannt hat.

Unter ihr, wie die durch die Gegenwart besiegte Vergangenheit, völlig beherrscht von dem machtvoll gebietenden Zauberschloß, ein kahler Hügel, der Felsberg mit der alten, zerfallenen Maurenburg, deren Ruinen melancholisch in die Täler zu ihren Füßen hinabschauen.

Ruhiger fließen die Wogen dahin. Wir sind längst in der Mündung des Tejo. Barken mit fremdartig geschweiften bunten Segeln beleben die Flut. Am Ufer grüßt der Turm von Belema, von dem aus Vasco da Gama seine Forschungsreisen antrat, der Menschheit neue Gebiete der Erde zu erschließen. -- --

Hinter uns lag die Cintra. Von weitem winkte schon Lissabon, beherrscht von den Palästen des Königs und der Königin-Mutter.

»Warum fahren Sie nach Lissabon,« fragte ich den Franzosen? -- »Der König muß abdanken.« -- »Warum?« -- »Weil er sein Land ruiniert, wie seinerzeit Ludwig der Sechzehnte mein Vaterland ruiniert hat durch seine Verschwendungssucht, seine Trägheit und seinen Mangel an Liebe zu seinem Volke und seinem Lande.« -- »Und wenn er nicht abdankt?« -- »Dann muß er sterben, wie Ludwig der Sechzehnte. Denn es ist wichtiger, daß ein Volk und ein Land gesund bleibt und gedeiht, als daß der Fürst, der es zugrunde richtet, am Leben bleibt!«

»Das sind ja nette Grundsätze, -- Sie sind ja der reine Anarchist,« ließ sich der schnarrende Bierbaß des Ostpreußen da plötzlich hinter uns vernehmen, »werde Sie bei der Landung der Königlich Portugiesischen Polizei bestens empfehlen,« setzte er höhnisch triumphierend hinzu, »um Ihnen Ihre Throne stürzenden Ideen etwas zu durchkreuzen. Fehlte noch, die Monarchien durch solche phantastische Köpfe in Gefahr zu bringen. Müßte nicht Königlich Preußischer Unteroffizier der Landwehr sein, wenn ich nicht wüßte, wie ich mit Leuten Ihres Schlages zu verfahren hätte.«

Lächelnd, ruhig in seinem Stuhle liegen bleibend, den dunklen Schnurrbart leicht zwischen den Fingern zwirbelnd, hörte unser französischer Reisekumpan das Geschnarre und Geschwätze seines beleibten Gegners an, dessen Wut sich nur steigerte, als der Franzose, ohne ihn eines Wortes zu würdigen, sich zu mir wandte und sagte: »Sehen Sie dort die Fahne auf dem Palaste des Königs. Wir sind in Sicht. Wenn sie jetzt niedergeht, so sind die Tage des Königs gezählt.« Kaum waren seine Worte verhallt, da senkte sich die Fahne, um nach einer Weile langsam wieder hochzugehen.

Vor uns lag die Stadt.

Ein wundervolles Panorama bot sich dem Auge. Wie ein Amphitheater zog sich Straße um Straße an den Bergen empor bis oben zu den Höhen, von denen die Königspaläste herabschauten.

Schon stoppte unser Dampfer seine Fahrt. Rasselnd fuhr der Anker zu Grund. Unmittelbar vor uns lag der Hafenplatz mit seinen Triumphbogen. Dahinter das Zeughaus, die Kathedralen, Kasernen, Klöster, ein Gewirr von Straßen, dazwischen große, mit Bäumen bepflanzte Plätze, ein immer aufs neue fesselndes Bild.

Die Dampfpinasse mit dem Regierungsarzte und der Hafenpolizei legte an, Zollwächter kamen aufs Schiff, zahlreiche Boote umschwirrten uns und legten zum Teil längsseits sich an den Dampfer. Der Franzose trat, in der linken Hand ein Köfferchen, höflich auf mich zu und reichte mir seine Rechte: »Leben Sie wohl, und bringen Sie uns Sonne mit. Wir alle können sie brauchen.« Damit wollte er die Schiffstreppe hinabsteigen, da sprang plötzlich unser Ostpreuße auf den nächsten Zollwächter zu: »Verhaften Sie den da! Er führt etwas im Schilde gegen Ihren König. Sie müssen ihn verhaften!« Der Mann verstand ihn nicht. Der Franzose aber rief dem Zöllner auf portugiesisch zu: »Haben Sie Mitleid mit dem Herrn. Er ist nicht ganz normal im Kopfe,« worauf der Portugiese mitleidig lächelte und seinen Patrouillengang auf dem Schiffe wieder aufnahm. Unser Ostpreuße aber, der sein Rettungswerk an der portugiesischen Monarchie noch nicht aufgab, kletterte, so schnell als seine Körperbeschaffenheit dieses erlaubte, in das nächste Boot, das hinter demjenigen, mit welchem der Franzose den Dampfer verlassen hatte, zur Hafentreppe fuhr, und landete kurz nach jenem am Kai.

Wir sahen vom Schiff, wie er heftig gestikulierend und laut rufend auf Beamte der Hafenpolizei einredete, von denen ihn natürlich niemand verstand, und konnten deutlich sehen, wie die Beamten den immer aufgeregter sich Gebärdenden schließlich in ihre Mitte nahmen und abführten.

Eine Stunde später gingen auch wir an Land und erfuhren, daß die Polizei ihn als einen scheinbar Geistesgestörten erst einmal in Schutzhaft genommen, nach Klarstellung der Dinge durch einen Dolmetscher aber alsbald wieder entlassen hatte. Der Franzose war inzwischen von seinen Freunden längst in Sicherheit gebracht.

Leichten Herzens durchschlenderten wir in Gesellschaft liebenswürdiger Deutscher, die in Lissabon ansässig waren, die Stadt, labten uns an der erlesenen portugiesischen Küche und vergaßen am Abend im Zirkus bei Clownspäßen und Taschenspielerkunststücken die Todesnot der Biskaya und die Schönheit der Cintra. So ist der Mensch. --

* * * * *

Faß um Faß flog mit Hilfe unserer Schiffskräne aus den Leichtern in unsere Räume, Traubensaft aus Portugal enthaltend, vermischt mit Hamburger Spiritus. Nun sollte dieses Gift die Brasilianer krank machen. Der Teufel sollte dreinschlagen! Neuen Spiritus hatten wir selbst für die nächste Weinkampagne in zahlreichen Fässern von Hamburg mitgebracht und am Tage vorher ausgeladen. Gerade wie in Boulogne, wo wir den Hamburger Spiritus zur Fabrikation »besten französischen Rotweins« ausluden. Auch für Madeira hatten wir noch an die hundert Fässer im Schiffsraum. Daß doch die Menschen nicht klug werden! Da schauen sie mit Kennerblick nach den Etiketten, riechen am Glase, loben die »Blume«, nippen, schnalzen mit der Zunge, »feiner Bordeaux«, »feiner alter Portwein«. -- Feiner alter Esel, -- Hamburger Sprit trinkst du in deinem vergorenen Traubensafte, -- wir selbst haben ihn mitgeschleppt, selbst durch die Biskaya. Ich kann's bezeugen. Und du, der du ihn trinkst, vergiftest damit dein Blut, dein Gehirn, deine Nachkommenschaft, deine Seele, daß sie nicht mehr lieben kann!

Nicht mehr lieben, wie unser Volk es verdient, wie es die Menschheit bedarf! --

Vor uns lag die Stadt, -- darüber die Paläste, zu ihren Füßen die Wogen des Tejo. In schlanken Windungen führt durch weite Gefilde die alte maurische Wasserleitung der Stadt ihr Wasser zu. Als ich aber weite Strecken um die Stadt herum nur mangelhaft bebaut liegen sah, drängte sich auch hier wieder die Frage auf: was würden die Leute unter diesem Himmel aus diesem Lande machen können, wenn sie die Abwässer der Stadt in richtiger Weise zur Berieselung ihrer weiten Ländereien heranzögen! Aber wenigstens trinken die guten Lissaboner das verseuchte Wasser des Tejo nicht, wie die Hamburger und die Altonaer die durch ihre Kanalwässer vergifteten Fluten der Elbe.

Die Schönheit des Anblickes verscheuchte alsbald wieder die trüben Gedanken. Das, was Lissabon als Stadt so schön erscheinen läßt, was so harmonisch einen anmutet, ist nicht der Reichtum an Denkmälern oder monumentalen Bauten, sondern eben diese Harmonie des gesamten Stadtbildes, die Einheitlichkeit der Bauart, die selbst in den Straßen mit den einfachsten Fassaden nicht ermüdend, sondern beruhigend und wohltuend wirkt. Man sollte wirklich einmal die gesamten Architekten und städtischen Baumeister Deutschlands auf längere Zeit hierher schicken, um Harmonie der Formen zu studieren. Gerade in der Einfachheit der Gesimsführung, in der schlichten Stilisierung der Fensterumrahmung, die immer wiederkehrt, wirken diese Fassaden der Straßen vornehm, behaglich.

* * * * *

In den Anblick der schönen Stadt versunken, habe ich kaum bemerkt, daß wir den Anker schon wieder gelichtet haben. Schon taucht von neuem, wie wir den Tejo wieder hinabfahren, die Cintra auf.

Oh, ich war da, in ihren Gärten mit der beispiellosen Üppigkeit; Wälder von Eichen, Buchen und Eukalyptus fuhren zur Höhe hinauf. Und droben, -- Kamelien und Oleander, mit Blüten übersät, zu hohen Bäumen emporgewachsen, rosenübersponnene Laubgänge, von Veilchenduft erfüllte, lauschige Grotten mit plätschernden Quellen und Springbrunnen, und eine Pracht architektonischer Kunst, wie man sie kaum auf der Erde wiederfindet.

Hier tragen schlanke Säulen Bogengänge aus Marmor, der unter dem Meißel des Bildhauers zu einem zierlichen Spitzengewebe geworden zu sein scheint, das sich, wie unendlich zartes Gitterwerk, in graziösen Linienzügen bald zu geometrischen Figuren verbindet, bald sich trennt, um sich aufs neue zu rätselhaftem, von Schriftzeichen wimmelndem Gebilde zu gruppieren. Wände und Fußböden bedecken Arabesken, Ranken streng stilisierter Pflanzenformen, in denen der Künstler Farnkräutern, Pinien, Efeu und Granatäpfeln, dem ganzen Reichtum dieser verschwenderischen Natur, unsterbliches Leben verlieh! Dann ragen plötzlich massige Quadermauern auf steilem Felsen empor, die sich zu mächtigen Palästen mit Türmen zusammenschließen, gleichsam, als wollten sie ein Denkmal darstellen der unbesiegbaren Kraft des energischen Willens.

Und doch bei all der Pracht des Palastes und des Gartens, trotz aller Sonne und aller Blumen ein schwermütiger Hauch; -- die Liebe fehlt doch in all dieser Schönheit. Einsam haust dort oben eine trauernde Königin, fern von ihrem Volke, während der König mit seiner Mätresse im Viergespann durchs Land kutschiert.

Das sagt alles. Und das Volk verarmt, durch Steuern ausgesogen, die der Hof verpraßt. Die Höhen stehen unbewaldet, das Land zum Teil verdorrt, Handel und Ansehen gesunken.

Ich gedenke des Franzosen und seiner Freunde. Wie wird das Schicksal dieses Volkes und seines Königs enden? Die Liebe fehlt, vom Könige zum Volke, und vom Volke zum Könige. Welch ein Menschheitsparadies würde hier erstehen, wenn hier Liebe waltete!

Hier in dieser Welt von Schönheit wird es einem klar, welche Bedeutung die Schönheit für unser Leben hat. Unzweifelhaft beruht sie auf Gesetzen, auf Gesetzen, die so einfach und klar sind wie die Grundgesetze der Natur. Es ist vor allem die Wirkung der Gegensätze und der Wiederholung. »Schön« ist das, was in uns die Sehnsucht erweckt, es wiederzusehen. Hier auf bewaldeter Höhe das stolze Königsschloß, dort, nur durch eine Kluft von jenem getrennt, auf kahlem Felsenkegel die Ruinen des alten maurischen Kastells. Das ist's, was dem Bilde die Vollendung gibt. Und nun der stete Wechsel des Bildes: dieses Verschwinden und Wiederauftauchen aus den Gebirgsmassen. Ist's nicht der gleiche Reiz, der uns das Spiel der Wellen, diesen Wechsel von Wellenberg und Wellental, so anziehend macht? Der gleiche Reiz des Gegensatzes von Berg und Tal in der Landschaft, von Frühling und Herbst, von Sommer und Winter, Tag und Nacht, Arbeit und Ruhe? Und nun im stetig wiederkehrenden Wechsel des Lebens, -- ist's nicht dieser ewige Wechsel, der uns das Leben so lebenswert macht?

Mir fielen die Psalmen ein mit ihren Wiederholungen, die der hebräischen Poesie so eigentümlich sind, und die in ihrem Reichtum, mit dem sie den Gedanken immer wieder neue Färbungen verleihen, so machtvoll und eindringlich wirken.

Und weil die Schönheit in ihrer Wiederholung und in ihrem Wechsel zu einem Bestandteil unseres Lebens wird, so können wir nicht anders, wir müssen sie lieben, als ob sie ein Stückchen von uns selbst, von unserer Seele wäre. Wir müssen sie lieben, eben weil sie schön ist, weil sie, wie die Sonne, unser Leben erhellt, erwärmt, weil sie unser Leben erst zum Leben schafft. Die Aufgabe der Kunst aber ist es, uns die Schönheit so anschaulich zu machen, daß wir ohne sie nicht leben können, daß sie unser ganzes Denken und Empfinden erfüllt, uns immer wieder emporzieht, immer höher und höher hinauf zur Vollendung.

Da aber die Schönheit auf dem Gesetze beruht, so müssen wir auch das Gesetz lieben, weil es uns zur Schönheit, zur Schönheit des Lebens verhilft. Sollen wir aber das Gesetz lieben, so muß das Gesetz selbst Liebe sein, -- denn alles, was Leben gibt, stammt von der Liebe ab.

Pflicht und Gesetz ist eins. Auch die Pflicht kehrt täglich wieder, sie geht mit uns zur Ruhe, schläft mit uns und wacht in der Frühe wieder mit uns auf, und dieser Wechsel macht auch sie schön. Wehe dem, der die Schönheit der Pflicht nicht erkennt. Anstatt in fürstlicher Ehe ihr vermählt zu sein, frönt er ihr als Knecht. Hier auf der Cintra hatte der Stein selbst Leben gewonnen. Ihn hatte der Geist, der Fleiß, die Phantasie, die Liebe des Künstlers beseelt, hatte ihm Geist von seinem Geiste eingehaucht. Hier war die Arbeit nicht als Fron geleistet, -- hier war die Arbeit Freude, Leben gewesen! -- Das sagte der Stein in tausendfältiger Form noch nach Jahrhunderten. Das war es, was ihn uns als schön empfinden ließ, was ihn uns so lieb machte. --

Das Bild der Cintra kommt und geht, kommt wieder und geht wieder, um leise im blauen Nebelhauch zu verschwimmen.

Seltsam, -- wie das Königsschloß meinem leiblichen Auge längst entrückt ist, und nur das geistige Auge das Wunderbild noch schaut, da sehe ich über dem maurischen Kunstwerk mit seiner Filigranarbeit und seinen Zinnen Strebepfeiler der Gotik emporsteigen, ernst, aufwärts, himmelan, wie eine Verkörperung der mahnenden Pflicht, zum Höchsten zu streben; sehe die hohen Spitzbogen der Fenster, sehe, wie ihre Pfosten in runde und spitze Kleeblattbogen auslaufen, wie sie sich zu Kreisbogen, zu Dreiecken und Polygonen zusammenschließen, wie sie in den großen Rundfenstern der Fassaden in strahlenförmigen Gebilden auseinandergehen. Und wie mein geistiges Auge, angeregt durch all die Herrlichkeit, die mein leibliches Auge geschaut hat, sich vertieft in alle Schönheiten der heimischen Gotik, da reißt sich die Seele plötzlich los und zieht wie ein Adler über das weite Vaterland, hoch im Bogen, aus der Höhe hinabspähend, und schaut und schaut all den herrlichen Reichtum an Münstern und Domen in Köln und Straßburg, in Freiburg und Ulm und ringsumher, schaut die Burgen und Schlösser, die stolzen Rathäuser; sie findet Rast in der Heimat am Fuße der herrlichen Nikolaikirche, da, wo meine Wiege stand, in dem alten Patrizierhause zu Füßen des hohen gotischen Turmes, der schon das Entzücken des Knaben bildete, zu dem der Jüngling mit Ehrfurcht emporsah.

Und dann durchzieht es die Seele wie Heimatklänge. -- Ich sitze am Fenster und kann mich nicht satt sehen an den herrlichen Formen, die der Stein gewann, an den hohen Spitzbogen und den Zieraten. Die nach oben strebenden Spitzbogen mahnen an die Aufgaben, die der Jüngling sich gestellt, und die Zieraten an die Freuden, die ihm deren Erfüllung bringt. Die Drachenköpfe und Fratzen an den Knaufen der Dachrinnen aber, das sind die häßlichen Gedanken, die jedes Menschenherz einmal gebiert. Und wie die Fratzen an den Dachrinnen in ihrer Häßlichkeit noch dem praktischen Zwecke dienen, den stürzenden Regen vom Gesteine der Spitzbogen abzuhalten, so sollte es auch mit der Sünde sein. Sie soll die Treppenstufe sein, an die unser Fuß wohl stößt, die uns aber immer wieder aufwärts führt zur Höhe.

Wunderlich führt mich mein Traum. Hinter mir im Zimmer sitzt die Schwester. Unter ihren Fingern erklingt eine Symphonie Beethovens. Und auf den Fittichen ihrer Klänge, ihrer verschlungenen und doch so klaren Harmonien verirrt sich die Seele in immer neuen Gedankengängen, sie sucht und sucht nach dem Urgrunde der Dinge und findet ihn immer nur wieder in den strengen Gesetzen des Seins, gerade wie der Stein in seinen tausend Formen sich immer wieder auflöst in die Urformen des Kreises und des Dreiecks.

Das ist's, was diese hochragenden Münster und Dome uns zurufen: werdet wie wir, in Schönheit vollendet, aufwärts, himmelan! Erwin von Steinbach, das Münster, das du gebaut, es ist nicht dein Denkmal, das du dir gesetzt, -- du selbst bist es, dein Leben, was da vor uns steht, groß, erhaben, schön, uns mahnend, zu werden wie du! Und so alle ihr erhabenen Baumeister, habt Dank, habt Dank für eure Beispiele, die ihr uns gebt! O kommt, alle ihr anderen, laßt uns ihnen nachleben! Laßt uns unser Leben schön leben, groß, erhaben, es ausgestalten, wie einen gotischen Dom! Du kannst nicht? Bist schwach und klein? Hast keine Kraft? Oh, so bau dein Lebenshaus, dein Hüttlein, und sei es noch so klein, so schön und erfreulich, wie du nur kannst, bau es, ein schlichtes Arbeiterhäuschen, bau es in Renaissance, bau es gotisch, -- nur bau es, bau es schön, und daß es mit seinem Dache nach oben strebt! Aber bau dir dein Haus, dein Hüttlein, damit du ein Mensch bist!

Die Toren auf den Thronen und an den Stammtischen, -- wollen Revolutionen, Kriege und Aufruhr mit Gewalt, mit Bajonetten und Kanonen verhindern und aus der Welt schaffen! Gebt jedem Mann ein Hüttlein in seinem Krautgarten, ein Stückchen Paradies, in dem er noch einmal wurzeln kann, wie Adam in seinem, als der Erzengel mit dem flammenden Schwerte ihn aus dem offiziellen Garten Eden vertrieben hatte, -- und kein Mensch wird an Revolution, an Krieg, an Aufruhr denken. Aber das ist's, -- der Mensch will wurzeln mit seinem Hüttlein, mit seinem Hause, mit seinem Dom auf dem Urboden von Mutter Natur, wie dieses stolze Königsschloß auf seinem Waldgebirge, wie unsere Vorfahren ihre stolzen Dome erbauten auf hohen grünen Hügeln.

Oh, ihr Toren, ihr, die ihr an der Spitze des Volkes steht, -- fort mit euren Bajonetten und Kanonen und eurem Haß und eurer Verachtung, -- baut eure eigenen Dome und Häuser aus und pflanzt Liebe in eure Lebensgärten und säet sie weiter! Schenkt eurem Volke Liebe und Raum, Frieden drinnen und draußen, damit eure Nebenmenschen auch ihre Häuschen und Häuser bauen können! Dann habt ihr Frieden! --

»Doktor, wollen Sie einen schönen Perserteppich kaufen?« weckte mich die Stimme unseres Rheinländers aus meinen Träumereien.

Einer der Syrier, die wir in Boulogne an Bord genommen hatten, und die in kaufmännischen Geschäften mit uns nach Brasilien fuhren, wollte die günstige Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, um auf der Ausreise bereits von seinen Waren in Geld umzusetzen. Und da er aus Erfahrung wußte, daß viele von den Passagieren in Madeira reiche Einkäufe machten, so wollte er die noch ungeschwächte Kaufkraft seiner Mitreisenden für sich nutzbar machen.

Er hatte einen in der Tat wundervollen Teppich, echt persische Handarbeit, auf Deck ausgebreitet. In gebrochenem Französisch erklärte er das Kunstwerk. »Ein guter Teppich sei wie ein Buch. Er müsse seinem Besitzer erzählen, ihn belehren; denn der Künstler webt seine Seele mit den Fäden und den Mustern hinein, wie der Dichter seine Seele in ein Buch haucht. Hier der Stern in der Mitte, das ist der Kern von des Mannes Leben: sein Beruf, seine Lebensaufgabe, die er sich gestellt, -- bis zu dem Mittelpunkt des Lebens: seiner Erkenntnis Gottes. Und dieser warme Purpurgrund des Ganzen, von dem sich Stern und Nebenmuster so lebhaft abheben, als ob der Purpur des Grundes ihnen erst Leben verliehe, das ist die Liebe eines Weibes.

Diese goldenen Fädchen, die so unregelmäßig und kurz aufleuchten und wie Sonnenstrahlen dem Ganzen den Schimmer des Reichtums geben, das sind die Begegnungen und Freundschaften mit edlen Frauen. Und sehen Sie, diese blauen und roten Einschlagfäden, die den ganzen Teppich durchziehen, um als Fransen an beiden Enden herabzuhängen, das sind die Freunde, die sein Leben begleiten, die treuen und guten. Diese gelben Tupfen aber, die immer wiederkehren, das sind die Schmeichler die falschen Freunde. Und diese schwarzen? Das sind die Bosheit, der Haß, die Eifersucht. Die schwarzen Fäden sind notwendig. Sie geben dem Ganzen ein kraftvolles Gepräge und dem Muster gleichsam Richtung. Aber sehen Sie, sie treten ganz zurück gegen dies weißen Wellenlinien, die dem Ganzen ein heiter leuchtendes Aussehen geben; das sind die Freuden des Lebens. Diese breiten hier bedeuten die Dankbarkeit für Wohltaten, die uns erwiesen sind, diese schmalen die Freude an Guttaten, die wir anderen erwiesen haben. Und dieser Kranz von konzentrischen Ringen, der unser Auge fast magnetisch auf den Stern in der Mitte hinlenkt, das ist die Hoffnung, die uns im Leben aufrechterhält, unser Ideal doch noch zu erreichen. Und nun sehen Sie das Spiel der grünen Linien, wie sie, im Verein mit den weißen, die schwarzen von dem Stern in der Mitte fernzuhalten bestrebt sind. Wie sie die gelben isolieren, um schließlich in wundervollen Wellen den Stern zu umsäumen.« --

Und das war ein Syrier, ein Heide, der uns das erklärte. Er hatte keine Schule besucht, war nicht unter den lähmenden Fittichen eines Kultusministers aufgewachsen, sprach miserabel französisch und kannte keine Geschichtstabellen. Ich dachte an unseren Kultusminister. Er hätte mit mir zusammen von diesem Heiden etwas lernen können.

Ein Deutscher, namens Zarges, der in Pará sein Heim hatte, kaufte den sprechenden Teppich für einen angemessenen Preis. Mich freute es, das Kunstwerk in dem Besitz eines so liebenswürdigen und geistvollen Landsmannes zu wissen, als welchen ich den Käufer kennen gelernt hatte. --

Unsere neuen Passagiere, die wir in Lissabon an Bord genommen, bestanden vor allem aus portugiesischen Zwischendeckern, die Mangel an Arbeit und Land in die Fremde trieb. Und wie viel unbebautes Land hatten wir allein an der Küste vom Schiff aus gesehen! Mit Kisten und Kasten kletterten sie auf den Dampfer, wehmütigen Blicks, weinende Säuglinge an der Brust, verängstigte Kinder an der Hand.

»Signor, wo ist Numero vingt?« fragte mich mit verbindlichem Lächeln eine vornehm aussehende, ältere Portugiesin, die in Begleitung einer bildschönen, blühenden jüngeren Dame von reinstem romanischen Typus, offenbar ihrer Tochter, die Schiffstreppe heraufgestiegen kam. Mich amüsierte das Gemisch von Portugiesisch, Deutsch und Französisch. Ich zeige ihr den Weg zu ihrer Kabine, sie galant am Arm durch die Kasten der Auswanderer und über Ketten und Seile geleitend. Ein dankbarer Blick aus den großen dunklen Augen der Tochter lohnte meinen kleinen Ritterdienst.

Eins andere kleine Szene beobachtete ich. Eine junge Spanierin wurde von ihrer Familie, wohlhabenden Bürgersleuten, an Bord gebracht. Ich entnahm aus den lebhaften Abschiedsgesprächen, daß sie in Brasilien einen Mulatten heiraten wollte, der ihr durch eine Zeitungsannonce warm empfohlen war. Voller Hoffnung blickte sie in ihre Zukunft! Voller Hoffnung schied sie von den Ihren!

Am Abend, ehe wir nach Madeira kamen, ging ich aufs Hinterdeck, um dem Spiel des Mondes in dem blausilbernen Gischt des Kielwassers zuzuschauen. Hinter dem Ankerspill lehnte der Balte an der Reeling und starrte übers Meer hinaus. Er bemerkte mich nicht. Ich hörte aber, wie er leise nach einer unsagbar traurigen Melodie, die an die finnischen Volkslieder erinnerte, vor sich hin sang.

Auf dem Vorderdeck wurde es ruhig. Die Frauen lagen müde und teilnahmslos in ihren Stühlen. Die Männer saßen da und rauchten ihre Zigaretten oder ihre kleinen Pfeifen. Die Kinder spielten Kegel mit den Apfelsinen, die ich ihnen bei meiner Morgenvisite geschenkt hatte, oder schliefen auf Deck in der lauen Luft.

Unsere kleine Gesellschaft saß abends friedlich beieinander. Wir hatten Gedanken und Empfindungen ausgetauscht, die die Eindrücke von Lissabon und der Cintra in uns erweckt hatten. Der Badenser hatte in warmherzigen Worten seines Großherzogpaares und des Königs und der Königin von Württemberg gedacht, die, im Gegensatz zum portugiesischen Königspaare, für ihre Länder und Völker in warmer Liebe sorgen. Da ergriff die Badenserin ihre Laute, und sagte: »Wenn es allen genehm ist, so singe ich Ihnen eine alte Königslegende. Sie paßt wohl in unsere Stimmung.«

Als alle jubelnd beistimmten, begann sie mit sanfter, wohltönender Stimme im Volksliedton ihr Lied:

Auf hohem Berge ein König thront Mitten im grünen Wald. Ein blühender Garten liegt rings ums Schloß Mitten im grünen Wald.