Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden
Part 16
Des Königs Volk im Tale wohnt Weitab vom grünen Wald. Viel Krankheit gab's und Elend und Tod Weitab vom grünen Wald.
Der König täglich zu Tale schritt Wohl durch den grünen Wald. Sein Kind, das Mitleid, nahm er mit Wohl durch den grünen Wald.
Er sorgte sich um des Volkes Troß Weitab vom grünen Wald. Und linderte Elend und Krankheit und Not Weitab vom grünen Wald.
Einst kehrt' er vom Tale zum Schloß zurück Wohl durch den grünen Wald. Da saß am Wege ein Bettelkind Mitten im grünen Wald.
Das fiel ihm zu Füßen: »Lieb König mein Mitten im grünen Wald, Laß mich deine Magd im Walde sein, Mitten im grünen Wald.
Die Welt ist gar so laut und hart Weitab vom grünen Wald, Sie versteht nicht meines Herzens Art Weitab vom grünen Wald.
Ich will dir dichten manch Märlein fein Mitten im grünen Wald.« Da nahm der König sie bei der Hand Mitten im grünen Wald.
Und wiederum schritt der König zu Tal Wohl durch den grünen Wald. Da trat zu ihm eine schlanke Maid Mitten im grünen Wald.
»Die Welt verstehet nicht mein Lied Weitab vom grünen Wald. Sie ist so elend, krank und laut Weitab vom grünen Wald.«
Ihr Leid des Königs Herz umzieht Mitten im grünen Wald, Daß er auch ihr ein Hüttchen baut Mitten im grünen Wald.
Und wiederum ein drittes Mal Mitten im grünen Wald, Der König ging zum Volk im Tal Wohl durch den grünen Wald.
Ein Weib im weichen Moose saß Mitten im grünen Wald, Mit Tränen in einem Buche las Mitten im grünen Wald.
»Wer bist du,« fragt der König sie, »Mitten im grünen Wald? Was führt dich her vom grauen Tal Hinauf zum grünen Wald?«
Da leuchtet ihr Aug' wie Sonnenstrahl Wohl durch den grünen Wald. »Die Welt, sie hat verstoßen mich, Weitab vom grünen Wald.
Die Weisheit bin ich, sie hassen mich, Weitab vom grünen Wald. Drum bin ich geflüchtet, König, zu dir In deinen grünen Wald.
Und schenkst du mir ein Plätzchen hier Mitten im grünen Wald, Ich helf dir, König, bei deinem Tun Mitten im grünen Wald.«
Da baute der König ein Hüttlein ihr Mitten im grünen Wald. Und Zauber schritt mit ihm fortan Wohl durch den grünen Wald.
Der Weisheit Rat, des Liedes Klang Mitten im grünen Wald, Der Dichtung Zauber schritt mit ihm Zu Tal vom grünen Wald.
Und war er müd' vom Werk im Tal Weitab vom grünen Wald, Wohl neue Kraft mit einemmal Spürt' er im grünen Wald.
Das stolze Schloß verfiel zur Stund Mitten im grünen Wald. Der König wirkte froh gesund Zu Tal vom grünen Wald. -- -- --
Die Sängerin schwieg. Die Saiten der Laute tönten noch eine Weile nach, -- ich war wie im Traume. Der Zauber, der von dem seltsamen Liede ausging, hatte mich ganz umsponnen.
Da riefen die anderen laut durcheinander, -- der Zauber verflog: ich war nicht mehr im grünen Wald -- --
Tiefblau leuchtete das Meer, durchsichtig flimmerte die Luft.
In zarte Schleier eingehüllt schlummerten kleine Felseneilande im Ozean, -- fuhren wir ein in das alte Märchenland Atlantic?
Noch eine Wendung nach Osten -- und vor uns in blauem Zauberduft lag Madeira.
Madeira, du Insel der Seligen, wie ein Traumbild steigst du aus den Tiefen des funkelnden Meeres empor! Wie trotzige Wächter erheben sich die zerklüfteten Uferfelsen zu deinen Füßen und gleich schneeweißem Hermelin umsäumt die Brandung das königliche Gewand, das dich umhüllt!
* * * * *
Wahrhaftig wie ein Traum lag das Märcheneiland da.
Zu unseren Füßen das tiefblaue Meer. Vom Strande terrassenförmig aufsteigend die Stadt, die Masse der Häuser unterbrochen vom Grün der Bäume, von Palmen, Bananen, Felswänden mit Geranien und Klematis bedeckt und von rot und blau blühenden Schlinggewächsen überrankt. Mitten im Stadtgewirr ein kleines altes Kastell auf steilragendem Felsen, über und über mit tiefvioletter Blütenpracht übersponnen. Die Stadt verliert sich allmählich höher hinauf an den Bergen hin: hier noch ein Hotel, dort ein Sanatorium, ein Häuschen, ein weißes Hüttchen, dort noch eins, wie ein Punkt, -- dann beginnt die Region des Hochlandes. Neue Bergketten, von den vorderen durch tief einschneidende Täler getrennt, tauchen empor. Aus den Talschlünden steigt ein in zaubrisch zarten Schleiern bläulich schimmernder Duft, der sich allmählich zu Wolken zusammenballt, die gespenstisch zur Höhe strebend die hinter ihnen wiederum hochsteigenden Bergketten mit Nebelarmen zu umfassen scheinen.
So türmen sich die Bergmassen hintereinander immer höher und höher, bis der höchste Gipfel, aus Schnee und Eis emporragend, sich fast in den Wolken zu verlieren scheint. Versunken in die wahrhaft majestätische Schönheit des Bildes stand ich da. Da weckte mich aus meinen Sinnen lauter Lärm.
Zahllose kleine Boote, von braunen Jungen gerudert, umkreisten unser Schiff. Die Burschen warteten auf den Augenblick, daß einer von den Passagieren ein Silberstück ins Meer würfe. Dann schnell den Mantel abgeworfen, und wie Möwen, die nach den Bissen tauchen, die ihnen vom Schiff ins Meer geworfen wurden, schossen die nackten, braunen Gestalten ins Meer, um alsbald wieder aufzutauchen und triumphierend in der hoch aus den Fluten emporgereckten Hand das Geldstück zu zeigen. Klappernd und frierend saßen alsdann die armen kleinen Kerle in ihren Booten, ein Bild menschlichen Elends mitten in dieser schier überreichen Stätte und gleichzeitig Opfer menschlicher Gedankenlosigkeit und frivoler Schauspielsucht. Gleichzeitig kamen Scharen von Händlern an Bord mit Spitzen, Goldarbeiten, Korbflechtereien aller Art, bis unser Schiff einem europäischen Basar glich.
Endlich kamen der Hafenarzt und die Deutschen. Der eine der letzteren, ein liebenswürdiger Mann, verheiratet, voll Sehnsucht nach der Heimat. Der andere, von Haus aus offenbar ein gescheiter Kerl, total verkatert von einem Zechgelage von gestern. --
Man lud uns, den Kapitän und mich, zu einem Mittagessen in einem der vornehmsten Hotels auf der Insel ein. Wir speisten auf einer Art offener Veranda, zu unseren Füßen ein Meer von Blumen und Blüten in einer schier unerhörten Farbenpracht, darüber hinaus das azurblaue Meer. Bei Tisch herrschte allgemeine Verwunderung, daß zwei Deutsche, noch dazu ein Kapitän und ein Doktor, nichts tranken. »Warum?« Wieder streute sich der Samen aus. Unbemerkt, aber sicher fiel er ins Erdreich, helfend, rettend. Wirken die Wellenringe des Guten so stark? Sie mußten wirken, -- nach den uralten Gesetzen von der Erhaltung der Kraft!
Nach Tisch ritten wir aus, an der Küste entlang in ein romantisch zwischen Felsen und Meer eingeklemmtes Fischerdorf.
Über schäumende Sturzbäche, die aus den Bergen zum Meer brausten, zwischen Weinbergen entlang, an deren Felsmauern zahllose grau- und grünschillernde Eidechsen entlang eilten. Von den Mauern rankten Geranien und wild wachsende Kaktusfeigen, dazwischen Bananenpflanzungen, Gärten mit wundervollen Obstbäumen -- ein Garten Eden.
Endlich hieß es wieder aufbrechen. Die anderen reiten voraus. Wie ich mein Pferd schon am Zügel habe, sehe ich neben mir auf der Türschwelle ein Weib, in reifen Jahren, das immer noch schöne, von der Sonne gebräunte Antlitz von Tränen überströmt. Ich frage freundlich, was der Grund ihres Kummers sei. Ihr Sohn, ihr einziger, ist gestorben. Sie wies auf ihren Gatten, der in unserer Nähe Gemüse und Früchte auf einen Wagen ladet, um sie zur Stadt nach Funchal zu fahren: »Die Stütze ihres Alters hätte er werden sollen!« Neues Schluchzen erschüttert ihren Körper.
Ergriffen beuge ich mich zu ihr nieder und flüstere ihr leise ins Ohr, -- sie schüttelt ihr Haupt und sieht mich ungläubig und verzagend an, -- ich weise auf ihren Mann und wiederhole meine Trostesworte, -- da beginnt sie zu hoffen und zu glauben. Sie winkt dem Gatten und nun raunt sie dem ins Ohr, was ich ihr gesagt. Leuchtenden Auges tritt er an mich heran, schüttelt mir die Hand und dankt für die tröstende Aussicht, und wie ich mich aufs Pferd schwinge, ist mir's, als ob ein leises Lächeln über das tränennasse Gesicht der Frau huscht, wie sich ihre Augen in die des Gatten senken. --
Oh, wundervolles Los, Tränen trocknen zu dürfen! Und doch komme ich mir so klein, so armselig vor. Könige, Könige, wie seid ihr glücklich, ihr, die ihr berufen seid, durch eure Liebe, eure Macht, eure Gerechtigkeit Tränen eines ganzen Volkes trocknen zu können! -- --
Ich will dem braunen Kerl, der mein Pferd gehalten hat, noch ein Trinkgeld geben. Ein Bauer mit einer torfbeladenen Karre sperrt mir meinen Weg. Mein Hengst darüber hin. Verschwunden sind die anderen. Mein Weg führt über eine Brücke, unter der schäumend ein Flüßchen zum Meer braust. Die Straße windet sich landeinwärts, dem Gebirge zu. Immer romantischer wird der Pfad. Rechts und links türmen sich waldbedeckte Berge immer dichter an den Weg heran. Bald scheint das Tal vor mir vermauert durch undurchdringlichen Wald. Plötzlich weicht der Weg zurück, in scharfem Bogen windet sich das Tal seitwärts, immer mehr sich verengend, immer steiler emporsteigend. Plötzlich ein neues, liebliches Tal, -- auf der Insel des seligen Lebens das Tal des Vergessens. Soviel zauberhafte Üppigkeit habe ich nie vorher gesehen. Die purpurn blühende Erika mannshoch, die berauschendsten Düfte aushauchend; rote und weiße Kamelien; Rhododendron zu Bäumen aufgewachsen; Veilchen, wilde Rosen, Glyzinien; Jasmin in wildem Geranke, die Luft mit den herrlichsten Wohlgerüchen erfüllend.
Und mitten in dieser Blumenpracht ein Häuschen, klein, sauber, ein märchenhaft anmutendes Schmuckkästchen in dieser Waldeinsamkeit, umgeben von Wein, Bananen, Pfirsichen und Aprikosenbäumen. Zwischen den Felsgesteinen wucherte die Kaktusfeige; an den Hecken ästen zwei weiße Ziegen. Daneben eine kleine Weide mit saftigem Gras. Ich sprang vom Pferde und ließ es durch das Heck hineintraben, hinter ihm das Tor wieder schließend. Dann stieg ich den steilen Pfad zu Fuß bergan. Schweigender Hochwald nimmt mich auf. Bald weichen die Eichen den Tannen, die Tannen niedrigen Kiefern. Wolkenschwaden umspinnen den Pfad. Steiler führt er bergan.
Da höre ich durch den Nebel hindurch, ohne jemanden sehen zu können, eine wohlklingende Stimme in der Heimatsprache singen.
Ich bleibe stehen und lausche. Sehen kann ich niemanden.
Den unsichtbaren Sänger führt offenbar der Weg in Schlangenwindungen bergab. Die letzten Töne verhallen beinahe unhörbar. Sollte es der Bewohner jenes idyllischen Häuschens dort unten im Tale sein? Bei meiner Rückkehr werde ich das Rätsel lösen.
Jetzt weiter dem Gipfel zu.
Steiniger wird der Pfad; immer steiler führt er bergan. Dort hinauf winkt der Gipfel. Über Schneefelder schreitet mein Fuß; kein Sterblicher vor mir ist hier gegangen. Unter mir liegen die Wolkenschichten, die Nebelschleier, -- zu meinen Füßen der Wald, -- noch eine Steigung, -- endlich, endlich am Ziel.
Und wie ich oben stehe auf dem höchsten Gipfel, einsam in Schnee und Eis und starrenden Felsen, unter mir die Waldtäler und Madeira mit seinen blühenden, duftenden, fruchtreichen Gärten, zu meinen Füßen das ewig blauende, reine Meer -- da fällt mir ein, wie ich vor Jahren hoch oben auf dem »Père-la-chaise«, dem alten, berühmten Kirchhof von Paris stand. Unter mir, soweit das Auge reichte, lag die Riesenstadt, und aus dem Häusermeere empor hoben sich Türmchen und Türme, Dome und Kuppeln und alles überragend der Turm des altehrwürdigen Domes »Notre Dame«. Und wie mein Auge immer wieder traumverloren in die Weite schweift, weithin über das Meer, nach Norden sich verlierend in grauem Nebel, den das leibliche Auge schon nicht mehr sieht, -- hinüber in das Heimatland, da scheint alles, was ich dort gelassen an Sorgen und Schmerzen, an Not und Elend, an Gram und Furcht, so klein, so unendlich klein, -- mir war's, als ob ich plötzlich Herrscher über alles das war: die Brust dehnte sich, der Blick wurde heller und heller: jauchzend zog ich die reine Luft ein. Mir war's, als ob mir Schwingen wüchsen, Schwingen so groß, wie damals dem Genius in der Heide, dessen Flügel von Osten nach Westen reichten, -- Schwingen und Hände, die vom Süden bis zum Norden reichten! Mein ganzes Sein wuchs und dehnte sich.
Mein Blick reichte weiter und weiter; ich sah die Menschen und Männer in meinem Vaterlande, wie sie sich quälten und mühten, wie sie dachten und schufen; sah sie, wie ein Heer wimmelnder Ameisen, nur hier und da ein Größerer, -- und dort, alle überragend und beherrschend, wie der Dom von »Notre Dame« die Kuppeln und Türme von Paris, einen, stark an Geist und Willen, klug, weitblickend, sorgend für das Reich. Was Wunder, wenn er auf seiner Turmhöhe das Gewimmel und die Not der Kleinen da unten zu seinen Füßen nicht sieht.
Aber ich stand noch höher, als er, und sah es doch. Freilich, ich war ja dort unten aus dem Flachlande, aus ihren Höfen und Katen, aus ihren Hütten und Kellern, aus ihrer Not und ihren Schmerzen hier heraufgestiegen, Schritt für Schritt; hatte, den Rücken und die Seele gebeugt, all ihr Leid und ihre Schmerzen bis hier hinaufgeschleppt -- was Wunder, daß ich ihr Leid, ihre Not, ihre Sorgen, ihr Elend selbst von hier aus besser kannte, als jener, der gleichsam als Turm zur Welt gekommen, nun hochragend dastand, selbst ein Türmer auf höchster Warte, weit ausschauend in die Zukunft, weise, wohlbedacht, und doch menschlich unvollkommen. Denn sonst müßte er ja auch zu seinen Füßen schauen können, wo es wie Ameisengewimmel sich mühte und sorgte in Elend und Tränen und Gram.
Da packte es mich mit Allgewalt. Das Bewußtsein von der Kraft der Wellenringe des Geistes übermannte mich, wie damals, als ich im Schneesturm den Kultusminister in die Wellenkreise zog, -- ich mußte es ihm sagen, mußte meine Seele erleichtern, mußte Raum haben für das, was mich schier erdrückte, -- und ohne es zu wollen, ohne Besinnung schier, von einer geheimen Kraft getrieben, breitete ich die Arme weit aus, als ob ich hinüberfassen könnte in mein Vaterland, -- mir war's, als ob der Klang meiner Stimme in dem reinen Äther sich tausendfach verstärkte, so daß er wie Donner hinüberhallte über den Ozean, durch die brandende See der Biskaya, den Nebel des Kanals durchschneidend, nun über das Land. Jauchzend, trunken vor Begeisterung stand ich da:
»Kaiser, mein Kaiser, gib acht!
Wellenringe vom höchsten Berge hier von Madeira, aus sonnenreinem Äther und sonnenreinem Herzen dringen zu dir! Kaiser, mein Kaiser, gib acht! Gib acht, es handelt sich um dich, deinen Ruhm, um dein Geschlecht, um dein Volk, um die Menschheit!
Wer bin ich? Ein Mann wie du! Gleich alt wie du! Stark und gesund an Geist und Körper wie du! Aus altem Geschlecht wie du, -- dir ebenbürtig als Freier, Starker! So mußt du mich hören!
Wer bist du? Kaiser der Deutschen? Nur eines kleinen Teiles! Millionen und Millionen kennen dich nicht, -- wie du sie nicht kennst! Wen kennst du denn von deinem Volke? Deine Höflinge am Hofe, ein paar Reiche, Vornehme. Und wenn dir einer die Wahrheit sagt, ja, sie dich nur empfinden läßt, so jagst du ihn weg, weil du sie nicht verstehen kannst. Wie kannst du dich Kaiser nennen des deutschen Volkes? Kennst du dein Volk? Weißt du, wie es ihm geht, wie es lebt, wie es sich freut, wie es leidet? Kennst du sein Elend, seine himmelschreiende Not?
Du sagst, Vaterlandsverräter seien es? Heimatlose Gesellen nennst du sie? Unter deiner und deiner Vorfahren Regierung wurden sie heimatlos! Sie haben keinen Boden mehr unter den Füßen; wissen nicht wohin mit ihren Kindern! Weißt du, wie dein Volk haust? Tausende, Millionen? Warum gehst du nicht hin, wie Kaiser Franz oder der große Fritz und schaust selbst nach?
Potemkinsche Dörfer läßt du dir zeigen, wenn du im Viergespann oder im Auto zur Kaiserparade jagst. Schaff' ihnen Land! Schaff' ihnen ein Vaterland, eine Heimat! Lehr' sie wieder wurzeln im Boden. Es geht. Es ist das einzige, was bleibt, dir, ihnen, uns allen.
Du hast keine Zeit, dich um alles zu kümmern? Ei, so lasse deine vielen Feste zum Teufel fahren und schau' dir dein Volk an! Du hast keine Macht, dieses alles zu ändern? Freilich, deine Erlasse und Gesetze bleiben Papier, wenn du nicht vorangehst durch die Tat!
Armer Kaiser, wie oft hast du deinen Offizieren Einfachheit gepredigt! Aber sie lachen deiner, und wenn sie unter sich sind, tuscheln sie und schlemmen weiter und bekommen dicke Bäuche und Gicht. Sie bitten dich zu Gast bei ihren Gelagen, und wenn du dort bist, vergißt du, was du ihnen befohlen!
Weißt du, wie dein Volk seine Feste feiert? Kennst du seine Freuden, die von Tausenden, Millionen? Die der Jugend deines Volkes? -- Nein? -- Ei, so geh' einmal Sonntags oder auch Alltags in die Tausende von Tanzsälen und Bierpalästen und sieh, wie die Kultur, die du erstrebst, und die wir alle begeistert pflanzen und hegen, dort vergeudet und in den Staub getreten wird, erstickt in Bierdunst und Tabaksqualm. -- --
Weißt du, wie dein Volk wohnt? Ei, so geh' in die Massenquartiere der Städte, in die Katenwohnungen der Arbeiter deiner Adligen, und du wirst schaudernd sehen, wie die Kultur, die du erstrebst, und die wir alle begeistert mit dir erstreben, in Elend und Schmutz und Schmach verkommt! -- --
Willst du einmal sehen, wie deine Landräte, wie die großen Herren in der Industrie, wie die Städte deinen Königlichen Erlaß respektieren, die Flüsse, unsere herrlichen deutschen Flüsse reinzuhalten? Halte die Nase nicht zu dicht heran, mein Kaiser, -- sie stinken, wie Kloaken! -- --
Kaiser, mein Kaiser! Wohin sind wir gekommen unter deiner Regierung! Du meinst es so gut und bleibst auf dem Papier! Du hältst Reden, aber deinen Reden folgen keine Taten! Du predigst Christentum, aber Christus war demütig und war die Liebe. Du aber gehst in Purpur und kennst dein Volk nicht.
Nur zu oft haben auch deine Räte und Diener keine Liebe, sondern nur Hoffart; und Hoffart erzeugt Haß.
Du ziehst Wellenringe und stürzest Völker mit ihnen ins Unglück. Sie haben an dich geglaubt, alle, alle, und wie an dich geglaubt! Du aber hast ihnen dein Kaiserliches Wort nicht gehalten! Und nun lachen sie über dich und spotten deiner und hassen dich! Die Buren und die Russen, die Marokkaner und die Türken und ach, so viele, viele in unserem Volke!
Kaiser, mein Kaiser, was hast du gemacht! Kaiser, mein Kaiser! Nun gibt es nur eins für dich: schweige und handle! Lern dein Volk kennen, und du wirst es lieben! Denn wenn du als Kaiser dein Volk nicht kennst, so heißt du wohl Kaiser, bist aber kein Kaiser, und wenn du drei Purpurmäntel übereinander anziehst!
Lern dein Volk kennen!
Lern seine Leiden kennen und lindere sie! Dein Beispiel in allem, deine Nüchternheit, deine Einfachheit sei deine Tat!
Deine Demut sei deine Größe!
Dein Schweigen in der Tat deine Beredsamkeit.
Kaiser, mein Kaiser! Wir brauchen einen Großen, Starken, der uns führt in den Kämpfen der Zeit! Wir brauchen dich!
Wie vor Jahrhunderten die Raubritter das Land zerfleischten und das Volk aussogen, sieh', so zerfleischen jetzt Gemeinheit und Genußsucht unser Volk, und Selbstsucht und Gewinnsucht saugen unser Land aus! Härte und Hochmut erzeugen Haß!
Oh, komm zu uns und bring uns deine Liebe! Zeig ihnen allen, diesen Hoffärtigen, Eigennützigen, Gewinnsüchtigen, wie man die Menschen, wie man sein Volk lieben muß! Das Kleinste sei dir groß genug, deine Kraft daran zu zeigen. Und die Völker ringsum werden aufhören, dich zu verspotten und zu verachten und zu hassen. Denn von dir und deinem Volke werden Wellenringe ausgehen des Reichtums und des Friedens! Kaiser, mein Kaiser! Ich wecke dich! Hör mich, Kaiser!« -- --
War es das Meer, das ich branden hörte? Oder der Wald zu meinen Füßen, der rauschte? -- Waren es Stimmen aus der Heimat, die herüberklangen? War es das Echo meiner Stimme, die sich am Elend unseres Volkes in der Heimat brach? -- Ein seltsames Rauschen und Flüstern ging durch die Luft. -- Er mußte mich gehört haben, -- tausendfach rollte das Echo durch die Luft dahin, -- ein ganzes Volk fing meine Stimme auf und gab sie weiter, millionenfach sie verstärkend. --
»Kaiser, mein Kaiser, ich bin dir über trotz deines Purpurs und Hermelins. Denn du stehst einsam auf deiner Höhe, nur wenige Getreue um dich, die in Sorgen um dich sind. -- Deine Schmeichler und Höflinge zähle ich nicht, das ist Fliegengeschmeiß! -- Ich aber stehe inmitten eines ganzen großen Volkes, das dich lieben möchte und dich nicht lieben kann, weil du dein eigen Volk nicht kennst! -- Oh, lern es kennen und lern es lieben! Kaiser, mein Kaiser, dein Volk, die Menschheit braucht deine Liebe! Denn weil du so mächtig bist, muß auch deine Liebe Macht haben! Und wir brauchen soviel der Liebe in der Welt! Kaiser, mein Kaiser, gib Liebe um Liebe!« -- --
Wunderlich, -- noch nie war mir so leicht gewesen. Mir war's, als ob ich mich befreit hätte von einer unerträglichen Last. War es die leichte, freie Bergluft, die mir das Blut schneller durch die Adern trieb? Mein Schritt war so leicht, mein Mut so frisch, mein Herz so voll von neuen Hoffnungen und Kraft, -- ich fühlte es, ich war genesen!
Nun vorwärts ins Land der Sonne! Viel gab es noch zu ergründen! Viel zu erkennen! Viel zu durchkosten! Mir war's, als müßte ich mich nun noch so ganz von Sonnenschein volltrinken, um dann als Sonnenspender zu meinem Volk zurückzukehren!
Ja, arbeiten wollte ich, wieder schaffen, leben, helfen, heilen, lieben!
So stieg ich bergab. Als ich in die Nähe des Häuschens kam, hörte ich wieder jene einsame Männerstimme singen, der ich beim Aufstieg im Nebel gelauscht hatte. Der Sänger war offenbar in seinem Weingarten mit der Pflege der Reben beschäftigt. So konnte er mich nicht sehen, und ich ihn nicht. Wie in seligem Rausche der Erinnerung klang sein Lied.
Ich stand in Tränen verloren. Selige Jugendzeit stieg wieder empor. Des Pfarrers Töchterlein hinter den blühenden Linden, -- der Deich mit seiner Jasminlaube, -- die Heide mit ihren wilden Rosen, -- in Träumen schwand die Zeit. Und dann klang es voll Inbrunst, als ob der Sänger zu einer Heiligen betete.
Ich merkte, wie er mit der Arbeit einhielt. Stützte er sich auf seinen Spaten? In meiner Seele tauchten neue Bilder auf. Ich sah mein blondes Weib, den Buben auf dem Schoß, einer Madonna gleich, selig lächelnd ihre Augen in die des blühenden Kindes versenken. Und nun lag zwischen uns die Biskaya. Ob ich sie wiedersah? Ob mich ein gütiges Geschick zum zweitenmal beschirmen würde? Es konnte nicht anders sein, -- ich mußte sie noch einmal in die Arme schließen, sie, die Sonne meines Lebens. Da hub von neuem der Sänger an. Schwermütig klang seine Stimme.
Was mußte der Ärmste gelitten, wieviel Liebes verloren haben!
Ein Baumstumpf am Wege bot mir Rast. Sinnend saß ich da.
Der Abstand von dem, was ich soeben dort oben auf des Berges Gipfel erlebt hatte, zu diesem Herzeleid eines einzelnen war zu groß, um mich nicht zu übermannen.
Ich, ich hatte alles, was das Menschenherz nur wünschen kann: ein blühendes Weib, eine Schar kraftstrotzender Kinder, ein sonniges Heim, -- und doch freudlos durch das Elend der Menschheit, deren Leid mein Leid war. Ich aber rang mit mir und meiner Hoffnungslosigkeit, die mich mit einem Male wieder überfiel. Und der Schmerz des Sängers mischte sich mit dem meinigen, als er von neuem wehmütig anhub.
Mein unsichtbarer Freund hatte sich augenscheinlich wieder erhoben und war wieder an seine Arbeit gegangen. Ich hörte es an seiner Stimme. Wie ein Volkslied von den rebenumpflanzten Hügeln am Rhein, selig und sterbenstraurig zugleich, klang nun sein Lied.
Nun hörte er wieder auf. Ich hörte ihn tief aufatmen und litt mit ihm. Wieder legte es sich wie ein Alp auf meine Seele; wieder hörte ich das Stöhnen von Millionen Unglücklicher, denen ich nicht helfen konnte, und vor Schmerz krampfte sich meine Seele zusammen. Da setzte die Stimme aufs neue ein; fast hart, bitter klang das Lied durch die Stille.
Grausen packte mich. Stand ich denn auch mit meiner Liebe zu den Menschen so ganz allein?