Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden

Part 17

Chapter 173,772 wordsPublic domain

Nein, und tausendmal nein, -- ich durfte nicht verzagen! Hatte ich doch Freunde allüberall! Und nach Tausenden zählte das Heer der Mitarbeiter und Mitstreiter! Ich durfte nicht mutlos sein! Es wäre feige und undankbar zugleich gegen alle jene, die ebenso empfanden, wie ich, ebenso vorwärts strebten für ihr Volk, für die Menschheit.

Schon wollte ich mich erheben, um den Unbekannten zu trösten. Da klang seine Stimme von neuem, als ob er allen Schmerz in seiner Brust zum letzten Male so recht von Grund aus durchkoste, um ihn, zum Schlusse ihn meisternd, lieben zu lernen wegen der Kraft, die im Leide liegt:

O Urleid du, von Menschheit Anbeginn, Du Urquell aller Schmerzen! O Scheiden, bittres Meiden du, Du Tod für alle Herzen!

Hätt' nimmer ich das Glück verspürt Vom glutenheißen Lieben, -- Zwar wär ich tot, doch glücklich wär' Im Tode ich geblieben.

Doch da ich selig nun erkannt, Dieses heiße Lieben und Leben, So will ich getrost bis an mein End' In des Urleids Schmerzen erbeben!

Ja, -- ich fühlte es mit, -- hier verarbeitete ein starker Mensch seinen großen Lebensschmerz in aller Abgeschiedenheit, wie ein Heiligtum ihn hütend, beinahe ihn pflegend, und dabei sein ganzes großes, heiliges, verlorenes Glück noch einmal genießend.

Es ist schon so, -- wenn das Glück so groß ist, daß es keine Steigerung mehr erträgt, dann muß der Schmerz um das verlorene Glück uns eine neue Quelle werden, um es in einer reineren Form noch einmal zu genießen.

Mein Sänger schwieg. Nun hielt es mich nicht länger. Nicht Neugierde trieb mich zu ihm, sondern eine Art Geistesverwandtschaft. Hatte ich nicht, gerade wie jener, soeben mein eigenes großes Leid, meinen Schmerz um das Elend der Menschen, in neue Zuversicht verwandelt, in eine Quelle neuen Glücks?

Ich trat durch die Büsche in seinen Garten. Er staunte. Beinah erschrocken blickte er auf.

Groß, blond, breitbrüstig, die Arme von der Sonne gebräunt, sehnig und muskulös, so stand er vor mir. Fragend ruhte sein großes, helles Auge auf meiner Erscheinung. Ich reichte ihm stumm die Hand. Mein Blick sagte ihm wohl, daß ich seine Lieder gehört, und er mir infolgedessen kein Fremder mehr sei.

Wir waren schnell bekannt. Es war so, wie ich vermutet hatte. Er hatte ein Weib geliebt, so schön und gut, wie nur eins. Als sie auf dem Gipfel des Glückes sich glaubten, entriß ihm der Tod die Ergänzung seines Seins, sie, die die Sonne seines Lebens gewesen war.

Ich versuchte ihm Mut einzusprechen. Er sollte nicht verzagen, sich aufraffen. Da zog ein feines, wehmütiges und gleichzeitig siegesfrohes Lächeln über sein Gesicht. »Ich verzagen? Niemals! Nur meinen Schmerz verarbeiten mußte ich hier in der Stille. Wenn doch die Menschen mit ihren Schmerzen, die ihnen heilig sein müßten, nicht immer auf den Markt des Lebens gingen. Oh, der Schmerz ist wunderbar schön. Aber nun? Hör zu!«

Da sprang er auf, seine Gestalt reckte und dehnte sich. Mir war's, als ob er zusehends größer wurde, und trotzig jubelnd klang sein letztes Lied in den Abend hinaus:

Ich kenn' eine Kraft, die mächt'ger als du, Du grausames Schicksal, härter als Stahl: Das ist mein Wille, vom Leben gestählt, Bereit zu ertragen der Schickungen Qual.

Du hast gar oft mir schon Schweres gesandt, Zu schwer wohl beinah' für mein menschliches Herz. Ich aber trug mein schweigendes Leid, Verwandelt' in Freude den beißenden Schmerz!

Mit jedem Siege wuchs mir die Kraft! Wie eisengepanzert ward mir die Brust! Nicht einmal sahst du am Boden mich: Mein Leid zu tragen ward mir zur Lust!

Und bürdest du mir das Schwerste auf, Und nimmst mir mein Liebstes, was ich nur hab', Zertrittst mir mein Leben und raubst mir das Sein: Ich trotze dir, Schicksal, bis an mein Grab!

Jubelnd fiel ich ihm um den Hals. Wie Feuerstrom war mir sein Lied durch die Seele gedrungen, neue Kraft erweckend, neue Ziele entflammend. Das war gleicher Pulsschlag!

Aber das ist der Kernpunkt: der Schmerz um das eigene Herzeleid wird uns als ein Wichtiges, Notwendiges vom Schicksal ebenso auferlegt, wie der Schmerz um fremdes Leid. Der Schmerz ist eine heimliche, heilige Macht, durch die unsere Seele gereinigt, gekräftigt werden soll zu Größerem. Der Schmerz soll nicht uns, sondern wir sollen den Schmerz besiegen. Und während wir, mit ihm ringend, siegen, zwingen wir die Mächte, die den Fortschritt der Menschheit hemmen möchten.

Ich erzählte ihm von mir, von dem Elend daheim.

Er nickte zustimmend, kannte genug davon. Er war mit seinem Schmerz hier in die Einsamkeit gezogen, um die Seele erst genesen zu lassen. Und nun? -- In die Heimat wolle er nicht wieder. Dort sei zu vieles, was ihn ständig an seinen Verlust erinnere.

Da schlug ich ihm vor, mit mir auf unser Schiff zu kommen; erzählte ihm von unserem Kapitän, unserer Reisegesellschaft, von dem Land der Sonne, in das wir führen. Er horchte hoch auf. Das paßte in seinen Lebensplan: neue Ziele, neue Felder zu schaffen für die Tatkraft, die in ihm wohnte.

Ein kurzer Entschluß: »Ich fahre mit.« -- »Und das Häuschen?« -- »Mag's ein anderer bewohnen, der seinen Schmerz verarbeiten will.«

Seine wenigen Habseligkeiten waren leicht gepackt. Ich warf meinem Hengst den Zaum wieder über, nahm ihn am Zügel. Das Gepäck hing über dem Sattel. So wanderten wir zwei fürbaß durch die Berge der Hafenstadt zu.

Längst hatte die Nacht sich auf Wald und Tal gesenkt. Aber was für eine Nacht! Die laue Luft von unendlichen Düften erfüllt, über uns ein Funkeln und Leuchten vom dunkelblauen Himmel herab, daß es einen schier berauschte. Zu unseren Füßen murmelten die Bäche. An unserer Seite rauschten die Quellen von den Felswänden ins Tal. Schweigsam wanderten wir unseren Weg, selig erfüllt von den wonnigen Wundern dieser zauberhaften Natur.

Im Morgengrauen gelangten wir nach dem Hafen. Ein Knabe nahm uns das Pferd ab. Ein Fischerboot brachte uns ans Schiff. Mein Kapitän, der sich schon um mein langes Ausbleiben gesorgt hatte, machte große Augen, als ich mit dem neuen Passagier ankam.

Aber es ging ihm, wie mir. Auch ihm war der Fremde bald kein Fremder mehr. Er paßte zu unserem kleinen Kreis. Als mein Findling, wie ich ihn scherzweise nannte, unserer jungen Badenserin vorgestellt wurde, zuckte er zusammen. Sein Gesicht wurde wachsbleich, um gleich darauf von flammender Röte übergossen zu werden. Hastig ergriff er ihre Hand, drückte sie, faßte sich mit der Linken an die Stirn, und ich hörte, wie er murmelte: »Verzeihung, -- eine Ähnlichkeit, wie ich sie nie erlebt, -- Sie sehen meiner verstorbenen Frau so unsagbar ähnlich!« Ich sah, wie er zitterte. Gleich darauf raffte er sich gewaltsam zusammen.

Der kleine Zwischenfall war von niemandem weiter beachtet worden. Ich aber bemerkte wohl, wie sein Auge an der lieblichen Erscheinung hing, wo sie auch ging und stand.

Bald darauf lichteten wir die Anker. Und wunderbar, wie wir dahinglitten auf diesen blauen Wogen, vorbei an der Küste Madeiras mit seinen grünen Wäldern und blühenden Gärten, seinen braunen, in blaue Märchenschleier gehüllten Felsen, da war das erste, was mir auffiel, -- die Möwen, meine Sorgenvögel, die uns von der Heimat durch den Nebel des Kanals, die Stürme der Biskaya bis nach Madeira begleitet hatten, -- sie waren verschwunden. Die Fahrt ins Land der Sonne machten sie nicht mit. Statt ihrer gaben uns eine Weile zwitschernde Seeschwalben das Geleit. Dann blieben auch diese zurück. Und einsam und majestätisch durchfurchte unser Schiff, die letzten Felseneilande in bläulichem Dunst hinter sich lassend, die kornblumenblauen Wogen des unendlichen Ozeans.

Atlantisches Meer! Wer dich nicht gesehen hat, hat nicht gelebt! Wer deine Luft nicht eingeatmet hat, deine kornblumenblauen Wogen, in denen der Kiel des Schiffes silberne Furchen zieht, nicht geschaut, deine Sonne nicht getrunken, deine unendliche Weite nicht gekostet hat, der hat das Größte und Schönste der Erde nicht genossen.

Alles schien aufzuleben. Alles trank Bläue des Himmels und des Meeres. Alles trank sich satt an der Sonne und an ewigem Frühling.

* * * * *

Unsere Auswanderer hatten es sich auf dem Deck bequem gemacht. Die Frauen schlummerten in ihren Liegestühlen; die Kinder balgten sich auf dem Boden, jauchzten und tanzten. Die Männer sangen oder rauchten, machten Pläne und waren guter Dinge. Ein Bild des Friedens und der Hoffnung.

Wir standen auf dem Hinterdeck zusammen und schauten in die zaubrisch blauen Fluten. Plötzlich tauchte eine Schar Delphine auf. Paar auf Paar, Männchen und Weibchen, begleiteten in anmutigen Wellenbewegungen unser Schiff, gleichsam als wollten sie voll Freuden zeigen, daß es ihnen ein Vergnügen sei, mit unserem schnellen Schiff Schritt halten zu können.

Plötzlich trat einer unserer beiden Magyaren, der auf eine kurze Zeit verschwunden gewesen war, eine Doppelflinte, die er aus seiner Kabine heraufgeholt hatte, in der Hand, zum Schuß bereit an die Reeling.

»Was wollen Sie machen?« scholl es einstimmig und entsetzt aus unserem Kreise. »Eins von den Tieren wegblasen,« antwortete der Magyarenheld mit fadem Lächeln. Und damit legte er an.

In dem nächsten Augenblick ging der Schuß los, und die Rehposten flogen prasselnd nach oben in den blauen Himmel. Unser neuer Freund hatte dem Halunken blitzschnell die Flinte nach oben geschlagen.

In der ersten Wut wollte der kühne Schütze den zweiten Schuß auf sein wehrloses Gegenüber abfeuern. Allein der kam ihm zuvor, -- ein Ruck, und der Schießprügel flog in weitem Bogen ins Meer. Wutschnaubend verduftete der Held aus Ofen-Pest.

Damit war unser Neuling nun tatsächlich unser Freund geworden. Und wie es im Leben geht -- ein an sich keineswegs welterschütterndes Ereignis, aber eins, in dem die Gedanken und Empfindungen vieler sich begegnen, sich einen, genügt oft, um alle diese zu einem Kreise zusammenzuschließen.

Bis dahin waren wir nur eine Reisegesellschaft gewesen, wie andere auch. Aber unser gemeinsames Empfinden bei diesem Geschehnis hatte uns mit einem Schlage, ohne daß wir es selbst in dem Augenblicke so voll empfanden, zu einem Freundeskreise zusammengeschmiedet.

So geht es im Leben der einzelnen Familien, wie ganzer Völker. Deswegen sollten die Familien sehen, daß sie recht viel gemeinsam erleben, und sei es nur ein gemeinsamer Sonntagsspaziergang in Wald und Heide, ein feierlich begangener Geburtstag, ein Buch, das gemeinsam oder nacheinander von allen gelesen wird; damit sie etwas haben, was sie immer wieder durch das gemeinsame Empfinden neu zusammenbindet. Das ist der Segen gemeinsamer Freuden und gemeinsam ertragener Trauer, daß sie die Menschen immer wieder zusammenführen. Geistige Fäden sind es, die sie verbinden, indem sie sich von einem zum anderen spinnen.

Wehe den Familien, den Völkern, die nichts erleben, deren Leben im steten Alltagsgleichmaß dahinfließt. Ihr Zusammenhang wird sich lockern; das Gefühl ihrer Einheit wird absterben, und die Stunde der großen Freude, der Not, der Trauer findet eine zerfahrene Gesellschaft.

Aber ebenso wirkt jeder Schmerz, jeder Streit, jedes harte Wort, jede Wunde, die einer dem anderen schlägt, trennend, entfremdend, zerstörend zwischen Freunden, in der Ehe, in der Genossenschaft, zwischen Volk und Regierung: die geistigen Verbindungsfäden zerreißen!

So gibt es Menschen, die andere anziehen, wie der Magnet das Eisen anzieht, weil sie es verstehen, alles Harte, Trennende auszumerzen und mit ihrer Liebe und ihrem zarten Verstehen Geschehnisse zu erwecken, die eben bindend wirken. Und andere gibt es, Rechthaberische, nur an sich Denkende, alles auf sich Beziehende, nur ihre eigene Individualität bewahren Wollende, die wirken wie Schwefelsäure. Und mögen sie noch so mächtig sein, sie werden einsam stehen und einsam zugrunde gehen.

Die nächste Frage, die nach dem soeben Erlebten unseren kleinen Kreis beschäftigte, war die: haben die Tiere eine Seele? Wie ein stiller Jubel ging es durch unsere Reihen, als wir feststellten, daß wir sämtlich die Frage bejahten.

Nun kam die große Frage: was heißt »Seele«, -- was ist die Seele? Ich sollte das, was wir alle empfanden, in Worte kleiden.

»Nun wohl, die Seele ist das, was wir am Sichtbaren nicht riechen und nicht sehen können, was aber vom Sichtbaren zu uns hin und von uns zu ihm strömt, wie die Atemluft von ihm zu uns und von uns zu ihm. Noch während du mit mir sprichst, wird dein Seele zu einem Teil der meinigen und meine zur deinigen, wie ich die Luft einatme, die dir entströmt, und du die Luft in dir aufnimmst, die ich ausatme.

Wenn du meinen Brief erhältst, so erhältst du Papier und Tinte und etwas, was nicht Tinte und nicht Papier ist, was du nicht sehen und nicht wägen kannst, und was doch da ist: das ist der Geist, die Seele des Briefes, die ich ihm eingehaucht habe, als Teil meiner Seele.

Der Kristall, der klare Tropfen, der dich in seiner Klarheit und Reinheit mahnt, deine Seele reinzuhalten, er gibt dir etwas Geistiges, Seelisches, was er dir nicht geben könnte, wenn er es nicht besäße. Was es ist? Woher es stammt? Wohl von dem einen, der die Seele der Welt ausmacht, und den wir nie ergründen können.

Und nun vollends ein Tier! Nimm deinen Hund, dein Pferd mit seiner Treue, mit seinem Verständnis deiner Freude und Trauer, -- die sollten keine Seele haben? Das kann nur leugnen, wer das Denken verlernt hat.

›Aber ein Wurm, ein Fisch, ein Vogel?‹ Habt ihr denn nicht gehört, nicht gesehen, daß bei allen diesen Tieren das Männchen, wenn es um das Weibchen wirbt, in hellen Farben schillert?

Sieh den Täuber, wie er sich fein macht, wenn er die Taube umgirrt! Sieh den Hengst, wie er sich trägt, Kopf und Schweif und Rücken, um der Stute zu gefallen; die Katze, wie sie für ihre Jungen sorgt! Jedes Vöglein mit seiner rührenden, aufopfernden Mutterliebe; die Ameisen mit ihrem Seelenleben und ihren sozialen Einrichtungen; -- und all diese Geschöpfe sollen seelenlos sein?

Ich sage euch, es geht durch das ganze All ein Geist der Liebe, von dem wir alle, Kaiser und Knecht, täglich, stündlich nur in Demut lernen können.

Und nun denkt an zwei Menschen, die sich lieb haben, -- -- wie das von einem zum andern hinüberflutet, unmeßbar, unsichtbar und doch so allgewaltig, wie zwei Ströme, die, sich zu einem vermischend, zusammenfließen.

Sagen wir nicht selbst: ein Herz und eine Seele? Gesehen hat sie keiner, aber da ist sie; denn sonst könnten wir sie nicht spüren.

Und selbst der, der sie nicht spürt, ist nicht seelenlos. Er hat wohl nur verlernt, ihr Leben zu spüren, in der Not und Hast des Tages, vielleicht auch im Dunst von Tabak und Bier. Aber auch er hat eine Seele. Habt nur Geduld mit solchem Menschen; klopft immer wieder mit Liebe auf den Stein -- mit einem Male leuchtet sie aus ihm heraus, wie ein Feuerschein. Vielleicht kam es nur daher, daß seine Seele noch zu sehr mit Bierdunst und Zigarrenqualm überzogen war, durch den sie nicht so recht zu uns dringen konnte, wie die unsrigen nicht zu ihr.

Schaut, wohin ihr wollt, und ihr werdet den Geist, die Seele der Welt, erkennen!«

Ich hatte mich ganz warm geredet vor Eifer.

Gleichsam als wollten sie sich dankbar für die Fürsprache beweisen, schossen einige Delphinehepaare in ihren eleganten Bogensprüngen fröhlich neben dem Schiffe hin.

Unser Magyare, der, ohne daß ich es bemerkte, unser Gespräch mit angehört hatte, trat offenherzig auf mich zu, reichte mir seine Hand und sagte beschämt: »Ich erkläre mich für besiegt und will mich bessern! Nun bitte ich die Gesellschaft, mir nicht länger zu zürnen wegen meiner Unbedachtsamkeit.« Wir verziehen ihm alle aufrichtigen Herzens. Allein er blieb uns doch ein Fremder. Es lag eine Kluft zwischen seinem Empfinden und unserem. Und die trennte uns, so sehr wir uns Mühe gaben, eine Brücke zu schlagen.

* * * * *

Als ich am folgenden Morgen nach dem Bade in meine Kabine trat, lag, sauber auf Papier gebettet, ein fast fußlanger fliegender Fisch auf meinem Sofa. Ich hatte den freundlichen Geber richtig erraten: unser erster Offizier hatte den Fisch bei seinem morgendlichen Rundgang auf dem Deck gefunden. Der arme Schelm hatte seinen allzu kühnen Sprung aus den blauen Fluten mit dem Leben bezahlen müssen. Aber welch zarte Aufmerksamkeit von unserem rauhen und doch so weichherzigen Ostfriesen.

Zum Frühstück prangte der Fisch, delikat gebraten, auf unserer Tafel, und da er auf meinem Platz stand, hatte ich das Vergnügen, auch noch den gütigen Gastgeber spielen zu können. Unter Lachen und Scherzen erhielt jeder Fahrgast sein Stückchen, und alle fanden, daß es eine äußerst wohlschmeckende Speise sei. Für die Segelschiffer bilden diese Fische in der Tat einen höchst erfreulichen Leckerbissen und gleichzeitig eine sehr gesunde Abwechslung in der eintönigen Schiffskost.

Seltsam, wie sich auf diese Weise selbst auf dem unwirtlichen Meere wieder der Geist dieser wunderbaren großen Liebe offenbart, deren Größe wir nie ergründen können.

* * * * *

Gegen Mittag begann von neuem das Spiel der Delphine. Fast schien es, als ob es die nämlichen Tiere vom Tage vorher seien. So waren sie uns alte Bekannte.

»Ob die beiden dort wohl eine andauernd glückliche Ehe haben,« fragte plötzlich unsere junge Freundin, auf ein fröhliches Delphinenpaar weisend, die in schlanken Bogen die blauen Fluten durchschnitten. »Oh, -- ich habe eine Idee: -- wir setzen uns hier zusammen in die Sonne, und jeder erzählt uns, da die Delphine nicht sprechen können, von daheim, von seinen Schicksalen, seinem Lande und seiner Regierung, und da wir Deutschen nun einmal das Volk der Dichter und Denker genannt werden, so soll es jedem freistehen, uns seine Dichtungen vorzulesen, aus denen wir seine Erlebnisse ersehen können. Fliegen wir wieder auseinander, -- nun, so werden wir uns wohl kaum wiedersehen. Aber durch die Mitteilung dessen, was wir erlebt haben, sammeln wir die Erfahrungen der anderen ein, erleben ihre Empfindungen mit und werden so reicher, weiser, klüger -- und vielleicht,« fügte sie schelmisch lächelnd hinzu, »immer noch ein wenig besser. Schöner können uns die Tage der Ozeanfahrt nicht vergehen. Und werden wir heute nicht fertig, desto besser, so fahren wir morgen fort. Hier hat keiner von uns Eile. Und es ist ein Labsal für die Seele, in unserem heutigen Kulturleben einmal nicht hetzen zu brauchen. Kein Telephon, kein Telegramm kann uns hier abrufen. Nicht wahr, Herr Doktor?« wendete sie sich neckend zu mir. Ich konnte ihre Ansicht nur bestätigen und dehnte mich wohlig in meinem Madeirastuhl.

»Wer soll beginnen?« »Der Jüngste fängt an.« Der jüngste Passagier war immer der Neuhinzugekommene. So war's dieses Mal mein Findling.

Ich war gespannt, weiteres von ihm zu hören, soviel ich nun auch schon von ihm wußte.

»Ich bin Österreicher von Geburt,« begann er, »und war Arzt in der schönen Kaiserstadt an der Donau, in Wien. Eines Tages wurde ich in ein rebenumsponnenes Häuschen der Vorstadt gerufen zu einem kranken, jungen Weibe von seltener Schönheit. Bald erkannte ich, daß ihre Seele noch kränker war als ihr Leib. Ich erfuhr ihre Geschichte, ihr Leid. Sie entstammte einem der ältesten Adelsgeschlechter des Landes. Ihre Eltern waren früh gestorben und hatten ihr nichts hinterlassen als eine Seele, wie eine Blume, ein Gemüt, wie ein Bergsee, -- oh, mein Gott, wohin verliere ich mich!« Ich sah, wie er mit sich kämpfte, um nicht weich zu werden.

»Hatte sie denn niemanden auf der Welt,« fragte unsere Badenserin? »Doch,« -- fuhr unser Österreicher fort, »eine Schwester, die frühzeitig nach dem Tode der Eltern nach Baden ausgewandert war, und die dann verschollen blieb. Wenigstens hatte kein Brief sie in den letzten Jahren erreicht.«

Unsere junge Freundin errötete. »Weiter, weiter,« fragte sie mit Augen, die die Worte von dem Munde des Erzählers wegsaugen zu wollen schienen.

»Man sagte, sie sei in Heidelberg mit einem Studenten, der sie in seine Netze gelockt hatte, auf und davon gegangen.

Als nun das arme Weib so verlassen in der Welt stand, das Herz voll Sehnsucht nach Frieden, Liebe, Kunst, Schönheit, Glück, näherte sich ihr ein Mann, ebenfalls aus altadliger Familie, der ihr vorspiegelte und vielleicht selbst davon überzeugt war, daß er sie liebe. Sein Vater war großer Brennereibesitzer. Er selbst hatte zu Hause nicht guttun wollen, war in der Welt herumgefahren, Kognakreisender geworden, war in Australien gewesen, hatte in den Spelunken in Melbourne Whisky verkauft, war dann nach Österreich zurückgekehrt und sollte nun, als Träger des alten Namens, ein geordnetes Leben beginnen.

Sie vertraute seinen Versprechungen und Beteuerungen. Die Eltern waren anfangs dagegen. Endlich heirateten sie. Das Ende vom Liede? Sein elterliches Erbe war bald vertan. Auf dem Gelde, an dem das Elend von Hunderttausenden klebt, ruht kein Segen. Aber zerstörend hatte der Unhold auf dieses einzige Weib gewirkt. Selbst krank durch seinen liederlichen Lebenswandel, hatte er sie mit erkranken gemacht. In die gemeinsten Spelunken hatte er sie unter Drohungen und schändlichem Zwang geschleppt, die niedrigsten Zumutungen hatte er an sie gestellt: Zeugin zu sein seiner Freundschaften hinter bier- und schnapsduftenden Schenktischen.

An Leib und Seele gebrochen fand ich dieses Weib vor. Durch eine Operation auf Leben und Tod gelang es, sie von ihrer schmachvollen Krankheit zu heilen. Allein ihre Seele blieb wund. Der tägliche Kampf mit der Gemeinheit drohte sie aufzureiben.

Das Leid eines Weibes ist das Leid eines Teiles der Seele der Welt. Ich habe nie ein Weib weinen oder leiden sehen können, ohne selbst auf das schwerste mitzuleiden. In dem Leide dieses Weibes litt ich das Leid der Welt, und um dieses ihres Leides willen liebte ich sie, liebte in ihr die leidende Menschheit, liebte in ihr das Leid der Welt. --

Da starb eines Tages der Mann. In der Trunkenheit war er eine steile Treppe, die zum Donauhafen hinabführte, hinunter gestürzt und hatte das Genick gebrochen. Sie sah blaß und müde aus, als ich kam, und doch lag in dem unendlichen Liebreiz ein Hauch auf ihrem Antlitz, der mich immer an die Heimat erinnerte, der die ganze Fülle jenes geheimnisvollen Zaubers auslöste, der, wie leise violetter Heideschimmer, sich als Erinnerung über unsere Jugendzeit legt, die Zeit der ersten Liebe, zart verhüllt, zu neuem Leben erweckt. Und ihre Stimme klang mir wieder wie eins jener weichen, zarten, schwermütigen Lieder, die sie mir einstens sang, wenn ich in den traurigsten Stunden meines Lebens zu ihr ging, um in ihrer Nähe für eine Stunde mein Leid zu vergessen, ihr helfend, das ihrige zu vergessen.

Als das Gesetz es erlaubte, hielt ich um ihre Hand an.

Von Tag zu Tag erkannte ich mehr, daß ich mich in ihr nicht getäuscht hatte, als ich sie zur Lebensgefährtin erwählte, daß alles Unnatürliche, alles Gezwungene nur Folgen der voraufgegangenen Leidenszeit waren.

Oft war es mir, als ob sie in ihrem Inneren mit einer bösen Macht kämpfe. Nur Toren verzagen im Kampfe gegen das Böse und schelten auf die Erbsünde, daß sie uns erdrücke und herunterzöge. Bei Schwachen mag sie es tun, den Starken aber ist sie die Prüfung zur Kraft, die Treppenstufe zur Vervollkommnung, zur Höhe. Nicht das Sündigen an sich ist Schwäche, -- nur das Untergehen, das sich Untergehenlassen in der Sünde, das ist Schwäche, das ist Sünde, das ist der Tod. Das ist eine billige Tugend, die tugendhaft bleibt, weil ihr die Gelegenheit oder die Kraft zum Sündigen fehlt. Aber die Wollust der Sünde gekostet haben, mit der Schlange gespielt haben, und sie dann doch überwinden, sich losreißen aus den zuckenden Umwindungen der Überwundenen, und nun Stein um Stein empor, bis zur Höhe, bis dahin, wo wir uns eins fühlen mit Ihm, -- das ist herrlich, -- das ist die Lösung, auf deren Höhe wir es jauchzend singen hören: Tod, wo ist dein Stachel -- Hölle, wo ist dein Sieg!