Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden
Part 18
Und ihre Seele war groß. Ihre Seele war sie selbst, denn sie selbst war ganz Seele. Und groß wie ihre Seele war ihre, unsere Liebe. Unsere Liebe hatte nichts Selbstsüchtiges; die Liebe zueinander war gleichsam nur das Gefäß, das unsere Liebe zur leidenden Menschheit barg. So war es nur zu natürlich, daß sie in kurzem die gute Fee meiner Armen und meiner Kranken wurde.
Da sie immer wieder kränkelte, siedelte ich mit ihr nach Madeira über. Hier verlebten wir Zeiten seligsten Glückes. Schon hoffte ich auf vollständige, endgültige Genesung. Wie eine seltene Blume, die liliengleich aus Schutt und Moder erblüht, entfaltete sich ihr Geist. Aber ihre Krankheit saß doch schon zu tief, oder unser Glück war zu groß; nach einer kurzen Spanne Zeit wurde sie mir durch den Tod entrissen.« --
»Und ich bin ihre Schwester!«
Schluchzend lag die Badenserin zu Füßen unseres Erzählers. Schluchzend, abgerissen erzählte sie, wie ein Student ihr vor wenigen Jahren Liebe vorgegaukelt, gerade als die Eltern gestorben waren; sie sei ihm von Wien nach Heidelberg gefolgt. Sie habe versucht, ihn zu halten, er aber habe sie in sein leichtsinniges Leben mit hineinziehen wollen. Da habe sie der Ekel erfaßt, sie habe sich von ihm losgesagt und habe ihr Lehrerinnenexamen gemacht, um auf eigenen Füßen zu stehen. Nun sei sie mit dem jungen Lehrer, dem treuen Berater ihrer Studien, der auch in der Neuen Welt das Glück versuchen wolle, hinübergefahren.
Da reichte unser Freund ihr eine Anzahl Blätter hin: -- »Hier, nimm diese, als Erbteil deiner Schwester. Es sind die Lieder aus der Zeit unseres Glückes.« Sie aber nahm die Blätter und schaute still über das Meer, als suche sie die Lösung all dieser wunderbaren Schikkungen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Dann stand sie auf und ging fort. Man sah, sie brauchte Einsamkeit.
Wir anderen saßen noch lange schweigend beieinander. Als ich am Abend, träumend von all den Erlebnissen des Tages, in meiner Kabine saß, klopfte es, und herein trat mein Findling und die junge Badenserin. Auf beider Antlitz lag ein Hauch von Frieden und reinstem Glücke. Es bedurfte keines erklärenden Wortes: ihre Seelen hatten sich gefunden.
»Sie haben mir mein Lebensglück aufs Schiff gebracht, Doktor,« sprach sie --, »so nehmen Sie die Lieder, die meiner verstorbenen Schwester gehörten, und bewahren Sie sie als ein Dokument aus der Vergangenheit und zur Erinnerung an ringende Menschenherzen. Wir aber wollen der Gegenwart gehören und der Zukunft leben.«
Lange noch saßen wir drei zusammen in traulichem Gespräch, das mir den feinen Geist und das tiefe Gemüt dieser beiden Menschen, die sich hier auf dem Schiffe so wunderbar gefunden hatten, in seltsamer Weise offenbarte.
Ich aber freute mich von Herzen dieser Fügung.
Als sie gegangen waren, las ich in meiner Kabine die Lieder und durchlebte dabei das Ringen zweier Seelen mit der Sünde und der Liebe.
Und während ich sie las, dachte ich daran, wie mein neuer Freund von dem Weibe stets als von der Seele der Welt sprach. Ich aber dachte an daheim und an diejenige, die die Seele meiner Welt, die Sonne meines Hauses war.
Und dann dachte ich wiederum, wie die Sonne gleichsam die Seele der sichtbaren Welt sei, und wie sie hier auf dem Ozean alles beherrschte, gerade wie Gott die Seele des Weltalls ist, die das Weltall durchdringend beherrscht. Und gleichzeitig mußte ich daran denken, daß noch niemals das Weib an sich so viel Raum in meinem Denken und Empfinden eingenommen hatte, wie hier auf dem Ozean. Kam es daher, weil hier draußen auf dem Meere die Sonne herrschte, daß das Weib als die Sonne des menschlichen Lebens die Gedanken an das Elend in den Schatten drängen wollte?
Es ist schon so. Die Liebe eines reinen, warmherzigen Weibes ist für den Mann der Himmel auf Erden. Wehe dem Ärmsten, der diese Himmelsgabe nie gekannt, -- und wehe dem, der sie besessen, aber nicht erkannt und von sich gestoßen hat.
Aber dreifach wehe dem Weibe, das seine Aufgabe, die Lebenssonne des Mannes zu sein, nicht begriffen hat oder vergißt!
Sie verstößt gegen die Naturgesetze und bricht die Ehe, indem sie den Mann aus seinem Gleise treibt, wie die Erde ihre Bahn verlassen würde, wenn die Sonne nur auf einen Augenblick -- nicht die Sonne wäre! --
Dieses Weib war eine Lebenssonne für den Mann gewesen. Sie hatte ihre Aufgabe erfüllt. --
Ich legte die Lieder zwischen die Blätter meines Tagebuches, wie man Rosenblätter zwischen die Blätter eines lieben Buches legt. Mag sie dort nach meinem Tode finden, wer will, und sie lesen, wer will. Mir waren sie Dokumente der Kämpfe zweier sich zum Guten und zueinander sehnenden Menschenherzen.
* * * * *
Am anderen Morgen erscholl vom Vorderdeck Gesang und Kling-Klang. Einer unserer spanischen Auswanderer hatte sich bei einem der Maschinisten einen Schleifstein erbettelt, und nun ging ein lustiges Schleifen los an Beil und Messer, an Sense und Sichel, Spaten und Säge. Oh, es ist etwas Herrliches und Großes um Menschen, die ihr Vaterland größer machen wollen, damit Raum wird für die Kinder ihrer Liebe! Jeder einzelne, der der alten Heimat in diesem Sinne den Rücken kehrt, ist ein Held, ein Großer und Freier, den seine Enkel deswegen noch dankbar feiern müssen.
»Weswegen seid ihr eigentlich aus dem Lande gegangen,« fragte unser Österreicher das Lüneburger Ehepaar; »ich dachte, in eurer Heide wäre noch Platz genug.«
»Unser Hof lag an der Grenze der Petroleumbezirke. Der Qualm der Schornsteine, der Lärm, der von den Bohrtürmen ausging, die Abwässer, die unseren Forellenbach vergifteten, die polnischen Arbeiter, die betrunken Sonntags unsere Dörfer unsicher machten, die Unzahl polizeilicher Bestimmungen, mit denen man uns in unserer freien Heide das Leben sauer machte, all das hat uns bewogen, die alte Heimat aufzugeben. Sauer genug ist uns der Entschluß geworden. Aber wir hoffen von der Tätigkeit unserer Arme besten Erfolg in neuen, freien Weiten. Unsere Heide ist schwer zu bearbeiten, ihre Schönheit schwer zu begreifen; aber hat man ihren Zauber erst erfaßt, dann läßt er einen auch nicht wieder los.
Und wie es mit unserer Heide geht, so geht es auch mit unseren Menschen. Schwer ist ihre Liebe zu erringen, -- nicht wahr, Schatz?« und dabei legte er seinen Arm zärtlich um den Nacken seines Weibes und zog sie an sich, während sie ihn voll Liebe anlächelte, -- »aber wenn sie sich erst einmal lieb gewonnen haben, dann trennt sie auch nichts mehr in der Welt.
Und wie es mit den einzelnen Menschen geht, so geht es der Regierung mit dem Volke. Und das ist der Grund, warum wir Hannoveraner noch immer nicht unser altes Welfenhaus vergessen können, soviel die preußische Regierung auch für unser Hannoverland getan hat. Anstatt unsere Liebe zum angestammten Herrscherhaus zu verfolgen und zu vertilgen, hätte sie unsere Treue ehren und verstehen sollen, das wäre klüger und besser gewesen.
Eine weise und liebevolle Stiefmutter ehrt die Liebe der Kinder erster Ehe zu der verstorbenen Mutter und hegt und pflegt ihr Andenken. Gerade dadurch erwirbt sie sich am ehesten die Liebe der fremden Kinder und bringt wieder Sonnenschein in das durch den Tod durchkältete Haus. Eine neue Regierung ist wie eine Stiefmutter. Mag sie an diesem Beispiel aus unserem Menschenleben lernen. -- Wie einst bei uns in Hannover, so geht's wohl überall in der Welt, -- in Elsaß und Lothringen nicht anders als in unseren Kolonien, -- schließlich ist die Liebe doch eine stärkere Macht, als alle Schneidigkeit und Waffengewalt.«
»Hätte Bismarck 1866 seinen Willen gegen die preußischen Junker durchsetzen können,« warf der Rheinländer dazwischen, »ihr Hannoveraner hättet damals schon eine andere Verfassung nach eueren Wünschen erhalten. Denn unser großer Kanzler war nicht nur der Mann mit der eisernen Faust, sondern ebensosehr der Mann mit dem großen Herzen voll Liebe und Gerechtigkeit.« --
Es waren widerstreitende Empfindungen, die die Worte des Lüneburgers in mir auslösten. Die geschichtlichen Notwendigkeiten haben sicher für die Nächstbeteiligten Härten im Gefolge, die nur schwer verwunden werden, -- aber seltsam, -- gewisse Ideengänge liegen gleichsam in der Luft, wie Düfte im März, von denen alle Wege, alle Felder erfüllt sind, -- an denen wir merken, daß der Frühling kommt. -- Ist es das, was den Zeitgeist ausmacht, den »Geist der Zeit?«
Dann wäre das, was der Lüneburger uns da eben erzählte, ein Zeichen des Geistes, der nach Liebe hungert.
Bismarck hatte diesen Geist der Zeit damals begriffen, -- oh, er war gut und groß, und seine Taten entsprangen einzig aus dem Geiste der Liebe, der Liebe zu seinem großen deutschen Vaterlande.
Doch der Haß und die Selbstsucht und die kleinliche Gesinnung jener preußischen Junker, die heute noch so viel Unheil bei uns anrichten, die lähmten selbst dem Starken damals den Arm zur Tat im Geiste der Liebe! --
Wenn aber ein Volk nach Liebe hungert, so ist es ein Zeichen, daß es nach Leben hungert! Nach dem höchsten Leben!
Ihr Könige, gebt acht, daß ihr diesen Liebeshunger eurer Völker nicht vergeßt! Sonst sterben sie ab, und ihr mit ihnen! -- -- --
»Du bist schuld mit deinen ernsten Auseinandersetzungen,« schmollte sein Weibchen, »daß sich diese Schweigewolke auf unsere Gesellschaft niedergelassen hat. Nun will ich versuchen, deinen Fehler wieder gutzumachen, und Ihnen, wenn's allen genehm ist, ein Märchen vorlesen, das ich mir zur Erinnerung an die Heimat mit aufs Schiff genommen habe, und das Ihnen, was mein Schatz da soeben berichtet hat, vielleicht noch ein wenig weiter erläutert und Sie den Zauber unserer geliebten Heide ahnen läßt.«
Ein Lied von der Heide, voll Sonne und Heimatduft, das war freilich verlockend hier draußen auf dem wogenden Ozean. So begann sie mit ihrer weichen Stimme, die bei dem Vortrage der eingestreuten Lieder wie seltsam feine Musik klang, »das Märchen aus der Heide«.
Und wie sie las, flutete es über den Ozean von der Heimat her, wie starker Heideduft. Alle Entfernung schwand. Ich war daheim, daheim im Vaterland! Das war der Dichtung Zauber! -- --
* * * * *
Vor meinem geistigen Auge tauchte die Heimat wieder auf mit ihren Tannenwäldern, ihren Mooren und Heiden. Ich sog den kräftigen Tannenduft und den Erdgeruch der frischgepflügten Felder ein, den feinen Rauchdunst, der im Frühling beim Westwind von den ostfriesischen Mooren zu uns herüberweht, wenn sie dort das Moor brennen. Ich vergaß den Atlantischen Ozean. Ich hörte nicht mehr die spanischen Lieder vom Vorderdeck und das Schleifen der Spaten!
Im rötlichen Heidekraute lag ich draußen in einsamer Heide. Sengend brannte die Sonne auf mich herab. Da schlief ich ein, vergaß die Welt und Haus und Hof. Mir war's, als ob ich glühende Küsse spürte. War das ein Weib? War's die Sonne? Feuer durchrieselte meinen Leib. Ich fühlte, wie ich wuchs, neue Kräfte durchfluteten meinen Körper, -- endlich erwachte ich. Ich lag noch immer im Heidekraut. Glühend strahlte die Julisonne. Da sprang ich auf. Eine neue heiße Liebe hatte mich erfaßt, heißer als je, die Liebe zur Heimat. Und dann kam ich heim. Noch ganz trunken vom Sonnenrausch und seligem Wollen. Da kommt mir ein altes Mütterchen unterwegs entgegen. »Haben's schon gehört?« fragt sie mich mit erregtem, verstörtem Gesicht. »Ja, was denn?« »Die große Michaeliskirche in Hamburg ist abgebrannt.«
Blitzschnell liefen die Bilder vor meinem geistigen Auge dahin: ich sah die Jugendgeliebte, blond, züchtig, mit gesenktem Blick, das Gesangbuch in der Hand, zur Kirche wandern, den goldenen Zopf wie eine Krone ums Haupt gewunden. Ich sah den grünen Turmhelm aus der Ferne aus dem Stadtnebel zu uns in unser Gartenhaus draußen am Strome herüberschimmern und unter dem Helme die große Uhr mit ihrem vergoldeten Zifferblatte blinken. Ich hörte die Stimme meines Töchterleins: »Vater, heb' mich hoch, ich will die Uhr auch 'mal sehen!« -- Und wieder sah ich uns, mein Weib und die Freunde, in der Kirche sitzen; durch ihre mächtigen Bogen hallten jubelnd und gen Himmel tragend die Orgeltöne, die Chöre der Bachschen Matthäuspassion. Und nun? Ich hörte im Geiste das Prasseln der Flammen, das Krachen der zusammenstürzenden Mauern. Fiebernd jagten sich die Bilder, -- während ich träumend in der Heidesonne gelegen hatte, brannte in der Vaterstadt die Kirche nieder, die wir alle so liebten! -- --
»Doktor, wo sind Sie mit Ihren Gedanken?« -- »In der Heimat,« erwiderte ich, -- »das Heidemärchen hat's mir angetan.«
Da stand ich auf und ging auf das Kompaßdeck, hoch oben über dem Schiffe, um allein zu sein mit meinen Träumen und Gedanken.
Wunderlich, wie die Perspektive durch die Ferne wirkt. Durch das Heidemärchen war mir die Heimat vor die Sinne gezaubert, -- aber wie ein fernes, grünes Land sah ich sie liegen, und wie auf sanftem Hügel hob sich aus dem Grün die Kirche mit ihrem Turme heraus. Deutlich sah ich sie vor mir liegen, die doch in Wirklichkeit in Trümmern lag. -- --
Da war es mir, als müßte ich hier draußen auf dem Ozean die Kirche neu erstehen sehen, jetzt gleich, emporgewachsen aus dem grünen Boden der Heimat, aber größer, schöner als je zuvor.
Der unendliche, blaue Dom des Himmelsgewölbes, das sich wie ein azurnes Zelt über den weiten Ozean spannte, schien mir gerade groß genug, um den Tempel, den ich in meinem Herzen baute, aufzunehmen.
Hatte ich soeben den Zusammensturz der alten Kirche in meiner Erinnerung erlebt, mit deren Zusammenbruch gleichsam dieses ganze künstliche Gebäude verstaubter Dogmen in Asche zusammenstürzte, dieser künstlich zusammengestoppelten Lehren, die mit ihrem Moder lange genug die Herzen verstaubt hatten, so wuchs nun hier in dieser unendlichen Freiheit und Schönheit der Natur in meinem Geiste ein neuer Tempel empor und wuchs und wuchs, unendlich, wie der Geist dessen, der uns alle, der das All erfüllt, der eins ist mit dem All, und durch den wir eins sind mit dem All.
Ich wußte von der alten Orgel, die damals bei dem Brande der Kirche in Asche versank, daß geheime Kanäle unter dem Boden der Kirche hingingen, um zwischen den Emporen und den Reihen der Andächtigen zu münden. Nur einer außer mir kannte ihr Geheimnis. Von ihm hatte ich es erfahren. Alle Welt staunte nur über den Zauber, mit dem die alte Orgel den ganzen Riesenbau der Kirche erfüllte. Diese geheimen Kanäle waren die Lebensadern der Orgel. Durch sie strömte sie ihre Schallwellen, ihre Töne unter die Menge, andächtigen Zauber in ihr erweckend.
Oh, mein Tempel, den ich der Menschheit baute, hatte auch solche geheime Kanäle, durch die der Geist des Tempels in die Menschheit strömen sollte. Und dieser Geist hieß Liebe!
Liebe, du bist die Mutter der Kraft! Liebe, du bist die Mutter der Tat! Liebe, sei mit uns! -- -- --
Verschwunden war der Heidetraum. Verschwunden Schiff und Atlantischer Ozean. Ich hörte nicht mehr das Singen und Kastagnettengeklirr vom Vorderdeck, nicht das Stampfen der Maschinen, noch das Wogen der kornblumenblauen Wellen rings um mich herum. Sehnsucht nach der Heimat hatte mit elementarer Macht den Wunsch entfesselt, gleichsam als ein Symbol der Heimat, die Kirche neu erstehen zu sehen. So träumte ich denn weiter, da oben, hoch über den Wogen des Ozeans: unser Leid über die Zerstörung der alten Kirche der Heimatstadt, ihren Wiederaufbau, ihre Einweihung; und halb im Traum, im Erinnerungsrausch, im Sehnsuchtsdrang nach daheim schrieb ich nieder, wie es mir kam. -- --
Und siehe da: als es fertig war, wachte ich auf aus meinen Träumen. Vor mir lag der Text zu einem Oratorium für die Einweihung der neuerbauten Kirche. Und weil dieses Kind meiner Seele hier auf dem Ozean gezeugt und geboren ist aus der Liebe zur Heimat und zu den Menschen, so gehört es auch mit in meinen Reisebericht, -- als ein Bindeglied im Geiste zwischen dem, der da draußen fuhr, und der Heimat, zu der ihn sein Sehnen trug.
* * * * *
Als ich nachts in meiner Kabine lag, sah ich im Traume wieder den abgebrannten Turm der alten Michaeliskirche. Ein riesiges Gerüst hatten sie um ihn gezimmert, mächtige eiserne Sparren in die Höhe geführt. Ja -- es war offenbar -- sie gaben sich alle Mühe, die durch Leichtfertigkeit zerstörte Kirche wieder aufzubauen.
Mir aber war es, als ob der Neubau keine Seele hatte.
Und dann versank alles in dunkles Schwarz. Es war Nacht. Plötzlich flammte es hell auf. In bengalischem Lichte erstrahlte das steinerne Standbild des großen Bismarck. Musik erscholl. Hurrarufen. Die deutschen Studenten brachten dem Eisernen einen Fackelzug. Da nahten sie schon. Wie eine Schlange mit tausend leuchtenden Schuppen ringelte sich der Zug durch die Finsternis herum um den Berg, vom Standbilde wiederum hernieder ins Tal. Dann erloschen die Fackeln, und in der Finsternis verschwand auch das Bild des Mannes der Tat.
Da hörte ich Gläser klirren und Brüllen von Kommersliedern, sah schwankende Gestalten und Dirnen in buntem Flitter und mit geschminkten Gesichtern, -- und schließlich hörte ich Weinen, sah Jünglinge, die sich grämten und schämten über Grauen und Elend. -- -- -- Der Geist der Tat war weggespült mit Bier. -- --
Es war eine schlimme Nacht. --
Der Seewind und das Blau des Meeres waren meine Heilmittel, als ich erwachte. -- -- -- --
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Die Ruhe, die frische Seeluft und nicht zum mindesten die gute und reichliche Verpflegung hatten bei unseren Auswanderern Wunder gewirkt. Während der ersten Tage hatte eine Reihe von bleichen, mageren Frauen und Mädchen noch müde und matt in ihren Stühlen gelegen, aber die »+soupe de galienas+«, die Hühnersuppe, um die sie baten, und die ihnen freigebig gereicht wurde, und was wir ihnen von unseren Speisen, an Brot und frischen Früchten und Milch, brachten, hatte ihre Kräfte bald gehoben. Schon nach einigen Tagen röteten sich die Wangen, rundeten sich die Gesichter, die Augen erhielten wieder ihren Glanz, und bald mischte sich in den Gesang der Männer das Klingen des Stahls beim Schleifen ihrer Werkzeuge und das Klappern der Kastagnetten, und die bunten Röcke und blauen und roten Tücher der Tanzenden gaben im Umherwirbeln ein frohes, farbenprächtiges Bild.
Und wieder leuchtete mir die Sonne neue Hoffnung ins Herz. Ich dachte an daheim. Aus der weiten Entfernung schien mir unser ganzes Volk wie eine große, einheitliche Menge, wie ein Wald mit dichtem Bestand an Bäumen, wie das Heidekraut da draußen auf der Heide. Ich aber sah das Keimen und das innere Leben in unserem Volke in seinem feinsten Wurzelgeflechte.
Oh, ich kannte Hunderte von jungen Volksschullehrerinnen und Lehrern, -- nicht die im Dienste hart und grau gewordenen, -- nein, fröhliche, frische Menschenkinder mit warmen Herzen. Die kannten auch diese feinen, zarten, hoffnungsreichen Triebe, die in den unschuldsvollen Kindern unseres Volkes schlummern, die aus den blauen Augen so frisch und freudig herausleuchten. -- Kaiser, mein Kaiser, warum duldest du, daß so viele von diesen feinen und zarten und hoffnungsreichen Trieben im Elend verbittern und zugrunde gehen, und könntest sie retten mit deiner Macht! -- -- --
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Heute war unser Rheinländer an der Reihe, von sich zu berichten. Er begann: »Man kann das Verhältnis zwischen Volk und Regierung sehr wohl unter dem Bilde einer Ehe betrachten, in welchem der Mann das Volk, das Weib die Regierung darstellt. Ebenso wie der schaffende Mann des Weibes bedarf, wie er durch das Weib erst die Ergänzung zum Vollmenschen erfährt, ebenso bedarf das schaffende, tätige Volk einer Regierung, die ihm den Bestand als Volk gleichsam gewährleistet. Wie eine prachtliebende und prunksüchtige Regierung ein Volk in Schulden stürzen kann, so wird ein verschwenderisches und putzsüchtiges Weib den fleißigsten Mann dem Bankerott zuführen.
Wie ein genußsüchtiges, rein sinnliches Weib den besten und gesündesten Mann stumpf und früh altern macht, so wird eine Regierung, der es nur auf ihre eigene Machtfülle ankommt, oder deren Ziele unklar sind, das intelligenteste Volk lahm und unlustig zum wahren Fortschritt machen. Das zeigen uns die romanischen Völker, vor allem aber die slawischen, am meisten Rußland. Und wenn unsere Spanier eine bessere Regierung hätten, dann brauchten vielleicht die Wackeren aus ihrem Lande, in dem sicher bei verständiger Verwaltung noch Platz genug ist, nicht übers Meer zu wandern.
Wie ich zu dieser Abschweifung komme? Ich will's Ihnen erzählen.
Ich bin von Hause aus Nationalökonom. Ich kam infolge meiner handelspolitischen Studien und sozialen Bestrebungen viel in das Haus eines unserer reichsten rheinischen Großindustriellen, eines klugen, energischen Mannes mit einem guten, warmen Herzen für seine Arbeiter. Sein Weib, von außerordentlicher Schönheit, war eine üppige Blondine, klug, kannte die halbe Welt, -- aber sie war eine Kokette, kalt und sinnlich zugleich, eine Potiphar schlimmster Art.
Ich weiß nicht, wieviel Schuld an diesem Entgleisen ihres Empfindens der Erziehung ihrer Jugend im Elternhause zuzuschreiben war, wieviel vielleicht dem Umstand, daß ihr Mann, von seinen Bestrebungen und seiner Tagesarbeit völlig in Anspruch genommen, ihrem weiblichen Empfinden nicht genügend Rechnung trug.
So fehlte dem Hause, welches in seinem Reichtum und bei der Art des Mannes ein weithin leuchtendes Vorbild hätte sein können, der wahre innere Segen. Für den Mann empfand ich das tiefste Mitleid. Dieses Weib hatte es auf mich abgesehen.
Wenn, was nicht selten vorkam, einer der Leiter der sozialistischen Partei mit den glänzendsten Aussichten für eine ruhmvolle Führerrolle an mich herantrat, um mich für ihre Partei zu gewinnen, so mußte ich immer dieses dämonischen, in ihrem Wollen unklaren Weibes gedenken, -- unklar und verführerisch wie dieses war auch das Bild der Herrschaft in dem zukünftigen Staate jener.
Sie wußte, daß ich die Absicht hatte, eine Reise um die Welt anzutreten.
Ich bin der Ansicht, daß unser Vaterland zu klein wird für unser schnellwachsendes Volk. In gut einem Menschenalter sind wir von 38 Millionen zu einer Nation von 63 Millionen Köpfen herangewachsen. Da habe ich mir die Aufgabe gestellt, selbst mich in der Welt umzusehen, wo noch Platz auf der Erde für uns Deutsche ist. Ich wollte zunächst nach Brasilien, von da nach Argentinien, Nordamerika, von dort nach Afrika und Australien. Nicht um den Erwerb neuer Kolonien zu planen. Unser Platz ist überall da, wo Spaten und Pflug einsetzen können, wo Schafe und Rinder gedeihen, wo der Mensch in der Bearbeitung des Bodens leben und gedeihen kann. Unser Vaterland soll seine Kinder so erziehen, daß sie, wenn sie in fremde Länder gehen, die Gesetze dieser Länder achten und ehren, und doch nicht vergessen, daß deutsches Blut durch ihre Adern fließt. Die Leute sollen Korn und Früchte bauen; das Vaterland wird ihre Ernten mit seinen Schiffen nach Deutschland schaffen und ihnen für das, was sie dem Erdboden entraffen, Werkzeuge, Kleider, Bücher, und was die Industrie nur schafft, liefern. So werden wir ein stetig wachsendes Volk sein, froh, gesund, reich und kraftvoll nach innen und außen.
Eines Abends kam ich früher als der Hausherr. Frau Potiphar, so will ich sie nennen, saß am lodernden Kamin. Der rote Schimmer einer Lampe überflutete die herrliche Gestalt. Sie bot mir einen Platz neben ihrem Sessel. Schweigend saßen wir eine Weile. Ich sah, wie ihre Augen die meinigen suchten, während ich in die knisternden Flammen sah. Plötzlich fiel sie mir zu Füßen, überschüttete mich mit Liebesbeteuerungen und geriet, als ich kühl und gelassen blieb, in eine Art Liebesraserei, so daß ich mich ihrer nur mit Aufbietung aller meiner Kräfte erwehren konnte. Ich solle bleiben, sie wolle es, sie könne nicht ohne mich leben, ich solle nicht die weite Reise machen, -- fast hätte sie Gluten in mir entzündet, die nicht entzündet werden durften. Ich aber riß mich los, um die Aufgabe, die ich mir für mein Volk gestellt, zu erfüllen.«