Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden

Part 19

Chapter 193,619 wordsPublic domain

Als unser Rheinländer geendet hatte, herrschte einen Augenblick nachdenkliches Schweigen in unserem Kreise. Es lag wie eine stille Anerkennung auf aller Gesichter für unseren wackeren Reisegefährten, der so unbeirrt durch die Lockungen der Welt sein Ziel verfolgte.

Plötzlich horchten wir auf. Die Luken, die zum Maschinenraum führten, standen der Hitze wegen weit offen, und da wir in der Nähe saßen, so hörte man, wenn es bei uns still war, und unten laut gesprochen wurde, fast jedes Wort.

Die Maschine ging leise ihren Takt. Das Kohlenschaufeln war eingestellt. So konnten wir deutlich das Lied vernehmen, das eine kraftvolle Männerstimme, offenbar die eines der Heizer, trotzig in den Raum hinaussang:

Ich kenn' dich nicht mehr, Und ich mag dich nicht mehr, -- Wir haben die Rollen vertauscht! Seitdem du dem anderen Küsse geschenkt, Hast deinen Liebsten zu Tode gekränkt, Ist meine Liebe verrauscht!

Einst warst du mir meine Märchenblum', Die blaue, am Meeresstrand, -- Jetzt seh' ich nur graue Wogen dort Und weißen, toten Sand.

Einst warst du mir meine Königin, Mein Lebenssonnenschein, -- Jetzt höre ich nur in einemfort Das Sterbeglöckelein.

Jetzt möchtest du wohl, Und jetzt kann ich nicht mehr, Wir haben die Rollen vertauscht! Ich kenn' dich nicht mehr, Und ich mag dich nicht mehr, -- Meine Liebe, die ist verrauscht!

Armer Bursche, -- welch Leid hat dich wohl solch ein Lied gelehrt? -- Das war nicht nur der Liebe Leid! Fast klang es wie Haß gegen alles Bestehende.

Grimmig schurrte die Kohlenschaufel, -- ich hörte, wie der, der sie handhabte, heftiger als sonst die Kohlen ins Feuer warf. Krachend flog die Feuertür des Kessels ins Schloß.

Dann war es stille da unten. Nur die Maschine sang ihr gleichmäßiges Lied von der Arbeit.

Der Sachse brach zuerst das Schweigen, das sich schließlich fast beklemmend unserer bemächtigt hatte.

»Ich will mich kurz fassen,« begann er. »Mir ist es ähnlich wie unserem Freund Rheinländer gegangen, -- und doch um vieles anders. Ich bin eines Weibes wegen über See gegangen. Sie war klug, schön, edel, -- wie kaum eine; ihr Mann, soweit ich sehen konnte, ein vortrefflicher Mensch. Aber aus einem Jugendfehltritt war ihm ein Kind entsprossen. Das hatte er ihr beim Eingehen der Ehe verschwiegen. Ihre Ehe selbst war kinderlos -- eine Folge jener Liebschaft.

Eines Tages schrieb die verlassene Geliebte an seine Gattin und bat sie um Unterstützung für das kränkelnde Kind. Da fing sie an, den Mann zu hassen, -- nicht, weil er ihr seine Vergangenheit nicht offenbart hatte, sondern weil er sich um sein Kind, sein Fleisch und Blut, nicht besser kümmerte. Und ohne daß er es wußte, half sie der armen Verlassenen mit ihrem Kindchen, sparte für dasselbe und sorgte für beide in rührendster Weise. Da ging ihre Liebe wandern.

Wir fühlten es, wie unsere Seelen zueinander drängten. Aber wir wollten nicht aus dem Gleise der Pflicht heraus. Ihr Händedruck, als ich von ihr Abschied nahm, um übers Meer zu fahren, sagte mir zur Genüge, daß wir uns voll und ganz verständen.

Nun warte ich ab, wohin der Zufall mein Lebensschifflein steuert. Ich habe meinen Abschied genommen, bin frei und ledig, gesund und arbeitsfroh, -- irgendwo wird mir mein Glück ja wohl blühen.«

Sein männlich schönes Gesicht leuchtete voll zuversichtlicher Hoffnung bei diesen Worten. --

Es war ein eigen seltsamer Genuß, dieses Ineinanderaufgehen und Sichmitteilen. -- -- --

* * * * *

Vom Vorderdeck klang leise ein spanisches Lied in schwermütiger Weise. Unser Schiff glitt sanft durch die dunkelblaue Flut. Ich stand am Steuer und schaute in die Richtung der Heimat. Wie Abendglocken klang es in meiner Seele.

* * * * *

Als ich auf meinem Lager lag, führte mich der Traum heimwärts, und von einer lieben, lieben Stimme hörte ich das Lied:

Wenn meine Seele die deine sucht, So schwinden Raum und Zeiten, Und schreit' ich einsam durch den Wald, Du wandelst an meiner Seiten!

Und wenn du noch so fern mir bist, Ich kenn' dein Denken und Fühlen, Und dankbar spür' ich deine Hand, Die mir die Stirn' will kühlen.

Wenn meine Seele die deine sucht, Und das ist immer und immer, Die ganze Welt mir wonnig ruht In rosigem Hoffnungsschimmer.

Wenn meine Seele die deine sucht, Dann schwinden Sorg' und Kummer, Du bist bei mir, und selig leg' Ich mich zum letzten Schlummer.

Ich sah mein Weib an ihrem Flügel sitzen, das Fenster war geöffnet. Durch die Blumen, die auf der Fensterbank standen, zog milde Frühlingsluft. Aus dem Garten tönte Kinderjubel in das Lied hinein.

* * * * *

Mit einem Herzen voll Sehnsucht erwachte ich. Wie hatte ich je verzagen können! Ich hatte eine Heimat! Eine sonnige, liebedurchflutete Heimat! Kein Mißton, kein kalter Hauch trübte die Quelle der Kraft, -- so konnte und durfte diese nie versiegen.

Es war mir, als ob mir die Bedeutung des Weibes und der Heimat für den Mann noch nie so klar geworden sei, wie hier, fern von der Heimat, draußen auf dem weiten Ozean, und ganz besonders nach den Erlebnissen der letzten Tage mit ihren Erzählungen und Beichten. Klarer als je war es mir: das Weib ist die Seele der Welt, die Sonne unseres Seins! -- --

* * * * *

Auf dem Vorderdeck wurden eifrig Pläne geschmiedet. Einige der Auswanderer wollten mit uns den Amazonenstrom aufwärts, andere von Pará südwärts, nach Ceará und Pernambuco. Wie Samen streuten sie sich über das weite Land. Auf dem Promenadendeck, in einer schattigen Ecke, saßen unsere Magyaren mit dem deutschen Weinhändler aus Bordeaux -- und spielten ihren Skat. Für sie gab es keine Biskaya, für sie keinen Atlantischen Ozean, keine Sorge und Liebe ums Vaterland, um ihr Volk. Sie tranken ihr Bier und spielten ihren Skat. So ist der Philister. Sein Horizont reicht nicht weiter, als der Rand seines Bierglases, seines Portemonnaies, im besten Fall bis zur Türe seines Hauses. Was Wunder, daß die erschreckend große Zahl dieser Sorte von Menschen, die sich in allen Ständen findet, unter den Handwerkern, wie unter den Geheimräten und Ministern, im Gemeinderat des Dorfes, wie im Reichstag, in steigendem Maße zu einem Hemmschuh, ja, geradezu zu einer Gefahr für unsere Kultur wird.

* * * * *

Während unser Trio von Zeit zu Zeit ein Stöhnen über die Hitze laut werden ließ, labten wir uns in unserem Kreise an der herrlichen Sonne. Die Freunde waren längst meinem Rate gefolgt, hatten mit der zunehmenden Wärme sich in steigendem Maße des Fleischgenusses enthalten -- Wein und Bier hatte schon längst keiner mehr angerührt -- und hatten sich durch regelmäßige Sonnen- und Luftbäder oben auf der Kompaßbrücke derart an die Tropensonne gewöhnt, daß sie sie ebenso wie ich, nur noch als wundersame Lebensweckerin empfanden.

So saßen wir denn wie gewöhnlich in trautem Kreise beisammen. Ich sollte erzählen von mir, von daheim, warum ich auf die Reise gegangen sei.

Da berichtete ich ihnen denn, wie ich müde geworden war in meinem Kampfe gegen das Elend und die Krankheiten und die Dummheit der Menschen. Und wie ich keine Hoffnung und keinen Glauben an die Menschen mehr gehabt hätte, weil ich tagtäglich gesehen habe, wie mit der Zunahme unserer Kultur das Elend, anstatt abzunehmen, riesengroß wuchs.

Aber durch die Erlebnisse der letzten Tage sei es mir so recht klar geworden, welch unerschöpfliche Quelle der Kraft für den Mann in einer liebevollen, geordneten Ehe und in einer Heimat läge, in der der Mensch wirklich wurzele. Noch niemals hatte ich das eigene Glück im eigenen Hause so warm und lebendig empfunden, wie am gestrigen Tage bei den Erzählungen der Freunde.

Und nun berichtete ich ihnen, von der Erinnerung an daheim und von der Sehnsucht getragen, von meinem Weibe, von meinen Lieben, meinen blonden Mädeln und meinen flinken und starken Jungen, wie sie mit der Armbrust zu schießen verständen, und wie geschickt sie ihre Schiffe bauten. Und von allem und jedem erzählte ich, und wenn ich's nicht tat, war des Fragens kein Ende. Alles wollten sie wissen. Sie hungerten förmlich nach dem Sonnenscheine meines Hauses. Und wie ich ihnen davon erzählte, wurde mir das eigene Glück so recht im Innern lebendig und erfüllte mich so ganz und gar mit Sonnenschein, daß ich schließlich durch die offene Tür in die Kajüte trat, in der das Klavier stand und jubelnd das Lied anstimmte, zu dem ich den Text gedichtet und mein Weib die Melodie komponiert hatte.

Und wie ich das alte Lied, das vor langen Jahren mein Lieblingslied gewesen war, mir vom Herzen gesungen hatte, da wuchs wiederum mein Mut, das Vertrauen in meine Kraft und mein Glaube an die Menschheit! Gewiß, -- viele waren noch verblendet in Kurzsichtigkeit und Gehässigkeit, -- aber stammten diese Fehler nicht vorzugsweise aus Unkenntnis und mangelhafter Erziehung her? Nun, Unkenntnis und mangelhafte Erziehung lassen sich abhelfen. Und schließlich waren es doch nur untergeordnete Mächte, die sich dem Fortschritte entgegenstellten. War nicht das Verhältnis der Regierung zum Volk in meiner Heimat ein ähnliches, liebevolles, fruchtbringendes, wie in unserer Ehe zwischen mir und meinem Weibe?

Hatte die Regierung mir nicht alle die Jahre treulich geholfen mit unermüdlicher Hergabe großer Summen, um Häuser zu bauen für meine Armen?

Waren es nicht nur die engherzigen, beschränkten, selbstsüchtigen Philister gewesen, die sich meinem Werke entgegenstellten, aus Angst, daß sie vielleicht ein paar Mark mehr Steuern bezahlen müßten, wenn sie der Kinder der Armen wegen eine neue Klasse anbauen, vielleicht sogar eine neue Schule einrichten müßten? Oder daß ihre Mietskasernen vielleicht einmal leer stehen könnten? Oder daß sie bei dem Bau der Arbeiterwohnungen statt Tausende nur Hunderte verdienen könnten? Oder, noch törichter, daß in der Nähe der Villen der Reichen zu viel Sozialdemokraten zu wohnen kämen, deren Kinder dann Lärm machen könnten oder Unfug? Als ob ihre Kinder und ihre Hunde keinen Lärm und keinen Unfug verursachten!

Hatte die Regierung mich nicht vor der Landwirtschaftskammer Vortrag über Vortrag halten lassen darüber, wie der Dung der Städte nutzbar gemacht werden könnte für unsere Felder, unsere Einöden, um gleichzeitig unsere Flüsse reinzuhalten von allem Unrat?

Mußte ich nicht Geduld haben, wenn die neuen Lehren nur langsam in die Hirne der Geheimräte und Philister einziehen wollten, die in den Städten in den Kollegien saßen, ängstlich den Knopf auf dem Beutel, und doch nicht einsehen konnten, daß die neuen Lehren ihnen Vorteil über Vorteil bringen würden?

Hatte die Regierung in der Heimat nicht seit Jahren unsere Guttempler unterstützt, wo und wie sie konnte?

Waren es nicht wiederum nur die Philister gewesen, die Stammtischler, damit sie sich nicht zu schämen brauchten, daß sie immer noch hinter dem Bierglas hockten, -- die Schenkwirte und Brauer, die in den Gemeindevertretungen saßen, die die Menschen immer wieder in die Kneipen zwingen wollten, damit sie ihre unsauberen Groschen durch das Elend, die Krankheit und die Not ihrer Mitmenschen verdienten? Und aller der Tausende gedachte ich, die mitkämpften im deutschen Vaterlande gegen das Elend, gegen Selbstsucht und Beschränktheit, gegen Ungerechtigkeit und Härte.

Und ich wollte mutlos werden? Hatte müde werden können? Nein, und tausendmal nein, -- hab' Dank, du Atlantischer Ozean, daß du mir neue Kraft in die Seele brandetest, mit deiner Sonne mir neue Hoffnung einglutetest, -- ich fühle es, -- jetzt schon, -- der Kampf muß zum Siege führen! -- --

Es ist seltsam: wie nach dem Gesetze der Anziehung verwandter Körper in den Urzeiten der Erdentstehung aus dem Chaos das Eisen, das Silber, das Gold, der Sand, das Wasser, das Erdöl hier und dort sich anhäuften, so finden sich im Leben auch die Menschen, die geistesverwandt sind, zusammen aus der ganzen Welt, sei es auf dem Lande, sei es auf schwankendem Schiffe. Und gerade auf dem Schiffe, dem beweglichsten, aber so eng begrenzten Boden, finden sie sich oft am ehesten.

So ging es auch unserer kleinen Gesellschaft. Die Beichten und Erzählungen der letzten Tage hatten uns alle in wunderbarer Weise näher gebracht. Ein Wort weckte das andere, ein Gedanke den anderen. Nichts ist fruchtbringender und bereichernder für uns Menschen, als dieses Ineinanderfluten der Seelen, nichts lebenweckender und lebensstärkender als das Bewußtsein, Wellenringe zu ziehen im Reiche des Geistes, die, auch die kleinsten nicht, ebensowenig untergehen können, wie irgend eine Kraftäußerung der Materie.

»Ihr Bericht über Ihr häusliches Glück und das erfreuliche Verhältnis zwischen Ihrer Regierung und Ihrem Volke in Ihrer Heimat ruft mir die Worte Fichtes in die Erinnerung zurück,« fing der Badenser an, als ich geendet hatte, »in denen er sagte: Der Glaube des edlen Menschen an die ewige Fortdauer seiner Wirksamkeit gründet sich auf die Fortdauer des Volkes, aus dem er selber sich entwickelt hat und der Eigentümlichkeit desselben, nach jenem verborgenen Gesetze, ohne Einmischung und Vererbung, durch irgend ein fremdes und in das Ganze dieser Gesetzgebung nicht Gehöriges. Diese Eigentümlichkeit ist das Ewige, dem er die Ewigkeit seiner selbst und seines Fortwirkens anvertraut, die ewige Ordnung der Dinge, in die er sein Ewiges legt.

In seinem Volkstum hat der Mensch seine Aufgaben, auch wenn er nicht zur Fortpflanzung gelangt. Die Liebe zum eigenen Leben kann umgesetzt werden in die Liebe zum Leben des Volkstums; denn dieses ist ein Stück vom eigenen Ich, nicht anders wie die Kinder ein Stück vom eigenen Ich sind.

So freue ich mich von ganzem Herzen des Glückes meiner lieben Freundin, die in unserem neuen Freunde, -- hier wandte er sich zu unserem Österreicher -- wie ich erkannt habe, den Mann gefunden hat, der mit ihr zusammen und durch sie sich zum Menschen ergänzen wird. Nun verzichte ich gern auf das Glück, das ich mir einst erträumt, das auszusprechen ich aber bis heute noch nicht gewagt hatte, und will mich auflösen in meiner Lebensarbeit für unser Volkstum.«

Feuchten Auges streckte das junge Paar ihm die Hände entgegen. Unsere junge Freundin erhob sich, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und drückte einen innigen Kuß auf seine Stirn.

So kam es, daß eigentlich keiner von uns so recht darauf achtete, daß unser Balte, der als ein schweigsamer, aber gern gelittener Gast sich ganz unserem kleinen Kreise angeschlossen hatte, aufstand und verschwand.

Da er sich des öfteren nicht wohl fühlte, so fiel es auch nicht weiter auf, als er bei Tische nicht erschien.

Bei der Mahlzeit fing unsere junge Freundin, die wir bald »unser Kind«, bald »unser Mütterchen«, bald unser »Hexlein« nannten, »Hexlein« weil sie verstand, alles mit einem poetischen Schimmer zu vergolden, an: »Nun sagt einmal, ihr klugen Männer, woher kommen diese unendlich vielen unglücklichen und unstimmbaren Ehen heutzutage? Woher überhaupt diese Mißstimmungen in unserem ganzen Leben, in unserem ganzen Volke?

Die Männer verstehen die Frauen nicht mehr, die Frauen die Männer nicht, die einzelnen Stände im Volke einander nicht. Fast scheint es, als ob die Nation in Erwerbsklassen auseinanderfallen will. Vor allem aber versteht die Regierung das Volk nicht mehr, und das Volk die Regierung nicht.

Jene meint, sie müsse regieren, während sie doch offenbar nur dazu da ist, das Volk glücklich zu machen, andererseits ein glückliches Volk, meiner Ansicht nach, ganz von selbst eine starke Regierung haben wird. Denn eine Regierung, die, weil sie ihre Pflicht tut, das Volk glücklich macht, wird auch von der Liebe und Achtung des ganzen Volkes getragen werden, -- gerade wie ein Weib, das einen Mann voll und ganz glücklich macht, weil sie ihn so recht von ganzem Herzen liebt, so daß sie ganz und gar in ihm aufgeht, nicht zu herrschen braucht und doch seine Königin ist, für die er lebt und schafft, eben weil er sein Glück, sein Leben, seine Zukunft in ihrem Glück, in ihrem Leben, ihrer Zukunft sieht.«

Ich dachte an unseren Kultusminister und hatte große Lust ihn wieder einmal in meine Wellenkreise zu ziehen, wie damals im Kanal. Da kam mir unser Rheinländer zuvor: »Das will ich Ihnen sagen,« begann er. »Der Hauptkrebsschaden, an welchem wir kranken, der die Ursache dieses Nichtverstehens zwischen Mann und Weib, zwischen den einzelnen Bevölkerungsklassen, wie zwischen Volk und Regierung ist, das ist neben der Vernachlässigung unserer Charaktere, das heißt unserer Willensbildung, die ungleiche Ausbildung, die bei uns in Deutschland nicht nur Knaben und Mädchen, sondern noch mehr die einzelnen Bevölkerungsklassen erhalten. Und zu dieser verschiedenen Ausbildung kommt dann noch die verschiedene Lebensführung hinzu.

So kommt es, daß bei der Ausbildung der Mädchen viel mehr Gewicht gelegt wird auf die Ausbildung des Gemüts, des Seelenlebens -- in der Volksschule schon, mehr noch in den höheren Töchterschulen --, während in die Knaben schon von früh auf Kenntnisse, Kenntnisse, Kenntnisse hineingepaukt werden, von denen er nach Schulschluß neun Zehntel schleunigst wieder vergißt. Als ob das Leben selbst nicht schon Mann und Weib genügend drangsalierte.

Und die sogenannten unteren und oberen Volksklassen! Wie wenige Kinder unserer wohlhabenden Leute, aus denen sich später unsere Regierungsräte und Geheimen Regierungsräte rekrutieren, von unseren Ministern und Fürsten ganz zu schweigen, haben in ihrer Jugend einen armen Jungen gekannt, haben ihn hungern gesehen, haben, von Mitleid ergriffen, ihn in das elterliche Haus mitgenommen, um ihn dort zu sättigen. Ja, wie viele oder besser, wie wenige von unseren hohen Herren, aus denen dieser Organismus, Regierung genannt, sich zusammensetzt, sind denn je in einer Armenleutestube gewesen, haben mit ihnen Freud und Leid geteilt, haben mit ihnen empfunden und gesorgt?« --

Mich durchzuckte es ordentlich in Erinnerung an das, was ich noch vor kurzem selbst alles erlebt hatte. --

»Dieses ich hasse das gemeine Volk und halte es mir fern«, das die hohen Herren zu allermeist aus ihrem Korpsstudentenleben von der Universität, aus dem Offizierskasino, in dem sie als junge Reserveoffiziere mit den »Aktiven« trinken durften, mit ins praktische Leben hinübernehmen, in die Fabrik, ins Bureau, in den Gerichtssaal, ins eigene Haus, -- das ist der Krebsschaden, an dem wir kranken!

So entsteht durch die getrennte und völlig verschiedene Ausbildung auf der Unterstufe, in der frühesten Kindheit schon ein in sich zerrissenes Volk, das sich untereinander in seinen einzelnen Ständen und Schichten kaum noch versteht. Und ebenso verstehen sich schließlich nicht mehr Mann und Weib, Volk und Regierung.

Freilich, -- so, wie die Dinge jetzt liegen, läßt sich wohl kaum das ganze Volk mit einem Schlage in eine Schule bringen, -- dazu ist durch unsere herzlose Wirtschaft bereits ein zu großer Teil unseres Volkes oben und unten proletarisiert.

Der Hochmut der Kinder der Reichen und die Verkommenheit der in den Gängevierteln der Großstadt, zwischen Bordellen und Kneipen aufgewachsenen Straßenjugend würde vielfach einen zu großen Gegensatz bilden.

Aber schließt von heute ab zehn Jahre lang alle Schnapskneipen und Bierhallen, lehrt unsere Studenten, daß Sichbetrinken eine Gemeinheit ist, unwürdig eines freien Mannes, lehrt in diesen zehn Jahren die Kinder unserer Reichen, daß sie Kinder eines Volkes sind, in dem jeder jeden als Menschen, als Schwester und Bruder, voll und ganz zu achten hat, einerlei, welch Gewand er auch trägt, und was er arbeitet; daß für andere zu leben das größte Glück ist; gebt unserm Arbeiter außerhalb der Erwerbs- und Geschäftsstadt ein Häuschen mit Stall und Garten, wo sein Völkchen gedeihen kann, für sich und die Seinen, wo er mit der Bahn morgens in der Früh' schnell zur Fabrik oder in die Stadt kann, und unser deutsches Volk wird in einer kurzen Spanne Zeit in seinen breitesten Schichten wieder ein Volk von Aristokraten sein, stark, gesund, glücklich, fröhlich, -- unüberwindbar auf jedem Gebiete.

Dann ist die Zeit gekommen, das ganze Volk, Mädchen und Knaben, Kinder aller Stände, wieder gemeinsam zu unterrichten, bis Neigung, Befähigung und Berufswahl die Geister auseinanderziehen und verschiedene Ausbildung und Bildung verlangen.«

»Bruder, Freund, -- das waren ja meine Gedanken und Empfindungen!« -- »Geht's uns im Rheinland denn anders, als euch im Norden? Kranken wir nicht alle, alle im weiten deutschen Vaterlande, an dem gleichen System? dem System der Symptomenkuriererei und Flickarbeit? Hier ein Armenhaus und dort ein Findelhaus, hier eine Lungenheilanstalt und dort ein Siechenhaus, und hier eine geschiedene Ehe und dort eine geschiedene Ehe, hier ein trunksüchtiger Arbeiter und dort ein hypergenialer, verknöcherter Geheimrat, alter Herr von irgend einem Korps oder irgend einer Burschenschaft, feudal und konservativ bis in die Knochen. Aber in seinem Bezirke herrscht Not und Unglück.

Doch ich will nicht klagen. Es rührt sich bei uns im Rheinland mächtig, ebenso wie in Westfalen. Schaut, was Krupp Vorbildliches für seine Arbeiter geleistet hat! Seht nur, was die Baugenossenschaften überall schaffen, rings um die Städte die kleinen schmucken Häuschen!

Nur hier und da, wo Grundbesitzer in den Gemeindevertretungen sitzen, durchbrechen sie uns auch schon im Umkreise der Städte das Baugesetz und richten Mietskasernen in die Höhe, ein Fluch für unser Volk. Denn sobald der Mensch dem Erdboden entrissen ist, fehlt ihm der Boden, in dem er wurzeln kann. So zieht man ›vaterlandslose Gesellen!‹ Hier fehlt uns der Bismarck, der uns mit eiserner Hand ein Reichswohnungsgesetz aufzwingt mit nur einem Paragraphen: Zum Bewohnen durch Menschen dürfen im Gebiete des Deutschen Reiches und seiner Kolonien nur Häuser erbaut werden, in denen höchstens zwei Familien unter einem Dache wohnen. Zu Geschäftszwecken dürfen die Häuser in geschlossener Bauweise und so hoch erbaut werden, als die Bautechnik hierfür Sicherheit gewährt.«

Hier war das klar ausgesprochen, was ich seit Jahren bei mir selbst länger erwogen, was, wie es schien, wie Zündstoff in der Luft lag. Wenn der Kaiser, als ein zweiter Bismarck, hier zupackte, -- hier galt eine Tat zu vollbringen, die, wie eine Quelle in der Wüste, ein steriles Land in eine Oase umwandeln könnte! --

Vom Auswandererdeck tönte leise ein Lied herüber, aus dem es wie scheue Hoffnung auf eine schönere Zeit heraus klang. Der schwarzlockige Bursche, der dort singend auf einer Kiste hockte und so keck über die See hinauslugte, erinnerte mich plötzlich an einen meiner Feuersalamander, der mir aus meinem Terrarium eines schönen Tages entschlüpfte. In seinem Gefängnisse hatte er meist trübselig in einer Ecke gesessen. Bald darauf traf ich ihn im Garten. In der Freiheit hob er stolz und frei den Kopf, als ob er sagen wollte: »Du kannst es nicht über dich gewinnen, mich wieder einzusperren, -- sieh nur, wie mir die Freiheit in der kurzen Zeit gut getan hat.« -- Und ich konnte es nicht. Ich ließ ihn laufen -- und seine Kameraden mit. --

Menschenkinder, fahrt übers Meer, dorthin, wo Land und Freiheit ist! --

Sinnend saßen wir da. Ich sah im Geiste unser deutsches Vaterland in eine große Gartenstadt umgewandelt, hier und da kleine und große Zentren mit Fabriken und himmelhohen Geschäftshäusern und dort herum im Grünen weithin ein Gewimmel fröhlicher, glücklicher, gesunder Menschen, dann wieder weite Fluren fruchtbarer Felder und Wiesen. -- Es muß so kommen, um unseres Volkes, um unser aller, um der Menschheit willen!