Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden

Part 20

Chapter 203,685 wordsPublic domain

Vor meinem geistigen Auge tauchten meine Maurer und Zimmerleute, Garten- und Zigarrenarbeiter auf, denen ich ihre Häuschen durch unseren Bauverein hatte schaffen können. Manche von ihnen waren verschuldet, verbittert, andere mit biergedunsenem Gesichte eingezogen. Der hatte bisher nie Miete gezahlt, jener wegen Schlägerei im Gefängnis gesessen, der wegen seiner vielen Kinder nirgends Wohnung finden können, -- und nun? Was für ein fröhliches, gesundes, nüchternes Völkchen war es geworden. Dort mein Maurer Börs, dessen Bücherschrank sich allmählich mit Schiller, Goethe, Liliencron und Prinz Schönaich füllte, -- die er alle gelesen -- und wie gelesen hatte; hier die junge Brotträgerin, die jetzt fröhlich per Rad ihr Geschäft besorgte, während sie früher nicht wußte, wovon sie mit ihren Kindern leben sollte. Oh, es ist gar einfach, aus einem proletarisierten Volke wieder Menschen zu machen. Es gehört nur guter Wille dazu, etwas Geduld und viel Liebe. -- --

Spät trennten wir uns. Als ich in meine Kabine trat, fand ich auf meinem Tischchen einen dicken Brief. Ich öffnete ihn und las. Er war von unserem Balten, offenbar in fliegender Hast, geschrieben. Er schrieb:

»Lieber Doktor!

Ich finde nicht die Kraft in mir, Aug' in Auge mit Ihnen zu reden, und vertraue diesem Papier an, was ich doch nicht ungesagt lassen möchte.

Irgend etwas in mir treibt mich, gerade Ihnen zu beichten. Ich tue es, ohne über das Warum lange nachzudenken. In Ihren Augen, in Ihrem ganzen Wesen liegt etwas, das mein gemartertes Herz warm berührt, und so haben Sie mir, ohne es zu wissen, wohl getan, und dafür danke ich Ihnen. -- --

Ich bin der Sohn eines baltischen Landedelmannes; mein Vater war nach Sibirien geschickt, weil er seine Sympathien für Deutschland zu laut bekundet hatte; meine Mutter, einem hannöverschen Adelsgeschlechte angehörig, starb aus Gram über das Schicksal ihres Gatten.

Ihr letzter Wunsch galt mir, ihrem Sohne. Sie wünschte, daß ich in Deutschland in der Familie eines Freundes ihres Vaters erzogen würde. Mit mir wurde meine Pflegeschwester in die Fremde gebracht. Wie sie in das Haus meines Vaters kam, weiß ich nicht. Das Gerücht sagte, sie sei das Kind eines Großfürsten und einer Leibeigenen. -- Ich war der Sklave meiner Pflegeschwester, ihr mit Leib und Seele verfallen, so grausam sie mich mit ihren Launen auch quälte. Schon als Jüngling dachte ich nur an die Zeit, da sie meine Frau werden würde. -- Durch einen Gnadenakt des Kaisers kam ich wieder in den Besitz der Güter meines Vaters, der inzwischen in der Verbannung gestorben war.

Meine Pflegeschwester wurde mein Weib. Vier Kinder entsprossen unserer Verbindung -- alle vier sanken früh ins Grab, ich danke dem Himmel dafür, -- und mein Weib -- --

Was weiß eine Frau davon, was der Mann leidet, der um Liebe fleht und nur Kälte und Härte findet. Wie Kinder der mütterlichen Liebe bedürfen, wie die Blumen die Sonne nicht entbehren können, so bedarf der Mann zum Schaffen, was immer es auch sei, und wenn es sich nur darum handelt, das Feld zu bestellen, des Weibes, das an ihn glaubt, an seine Kraft, an seine Saat, an seine Ernte, des Weibes, das an ihn glaubt mit allen Fasern ihrer Seele. Dieses Glauben an ihn macht ihn zum Gott. Das ist's, was ihm Kräfte verleiht, von denen er früher keine Ahnung hatte. Wo aber dieser Glaube in der Ehe fehlt, da sinkt der Mann zum unfruchtbaren Philister herab, oder er sucht, wenn sein Lebensdrang stark genug dazu ist, so lange in der Welt, bis er das Weib findet, das an ihn glaubt.

Ich finde es nicht mehr.

Sie hatten recht, als Sie kürzlich das Verhältnis zwischen Mann und Weib in der Ehe mit dem Verhältnis zwischen Regierung und Volk verglichen.

Sie sagten: ›Weib und Mann sollen in der Ehe zusammenklingen wie Glockentöne, die zusammen einen harmonischen Zweiklang geben.‹ Wo die Menschenglocken dies aber nicht tun, da gibt es nur ein amtlich attestiertes Zusammenleben, aber keine Ehe. Heutzutage gibt es leider Gottes nur zu viel Ehen, deren Glockentöne nicht zusammen erklingen, und andere, die überhaupt nicht tönen, -- die tot sind. Und wie es mit den Ehen geht, so geht es auch mit dem Verhältnis zwischen unserer Regierung und unserem Volke.

Aber das ist das größte Verbrechen, das ein Weib begehen kann, schlimmer als Treulosigkeit und Verrat: dem Manne, der sie zum Weibe gewählt hat, die Liebe nicht entgegenzubringen, deren er bedarf, und die er begehrt. Sie entwürdigt seine Mannheit und wandelt seine Liebe und Tugend in Haß und Verbrechen. Sie verkehrt Natur in Unnatur und verdient nicht mehr den heiligen Namen Weib.

Wie diese Liebe sein muß? Still, warm, hingebend, gleichmäßig. Der schaffende Mann will vor allen Dingen die Achtung vor seiner Arbeit, das Verständnis für seine Mühen sehen, einerlei, ob er als einfacher Knecht auf dem Felde ackert, oder als Künstler geistige Ewigkeitswerte schafft.

Und wie es dem einzelnen Manne geht mit seinem Liebesbedürfnis, so geht es dem ganzen schaffenden Volke.

Wehe der Regierung, die nicht die Achtung vor diesem Schaffen von früh bis spät hat, sei es das Schaffen mit der schwieligen Faust, sei es das Grübeln des Gelehrten oder das Jagen des Künstlers nach dem göttlichen Prometheusfunken!

Wehe der Regierung, die nicht diese stille, warme, hingebende gleichmäßige Liebe zu dem ganzen großen Volke hat; die duldet, daß Tausende verbittern, darben und verkümmern. Aus dem Moder dieser Tausende wächst furchtbare Saat.

Oh, es ist leicht, Liebe zu säen und Liebe lebendig zu erhalten; aber es ist unsagbar schwer, erstorbene Liebe neu zu erwecken, oder in Haß verwandelte Liebe in Liebe zurückzuverwandeln.

Wenn ein Weib einem Manne, der ihrer Liebe begehrt und von Natur ein Recht auf diese Liebe hat, diese ihre Liebe versagt, so tut sie dasselbe wie ein Wahnwitziger, der einen Damm mitten quer in einen Fluß hineinbaut, anstatt schützende Dämme an seinen Ufern zu errichten, und sich nun wundert, daß die sich aufstauenden Fluten verheerend Wiesen und Acker, Dörfer und Städte überfluten. -- -- --

Eines Tages tat mein Weib das Letzte: sie verließ mich und lebte mit einem Fürsten in der Großstadt.

Einsam, mit blutender Seele dämmerte ich auf meinen Gütern dahin. Der Schulmeister im Dorfe war mein einziger Freund, mit ihm las ich die Klassiker. Das war meine Erholung nach des Tages Last und Mühe. Mein alter Freund war ein aufgeweckter Mensch, -- anders wie die Lehrer im russischen Reiche zu sein pflegen.

Eines Tages wurde er vor den Popen zitiert; in der Schule hatte er darüber gesprochen, wie grausig das Elend des Volkes sei, wie die großen Herren es mit Branntwein betäubten, um es auszusaugen. Einer seiner Schüler hat das im Hause erzählt, so kommt es auch dem Polizeiobersten zu Ohren, der meldet es dem Popen und der Pope wirft dem Lehrer Neigung zu nihilistischer Aufhetzerei vor.

-- -- Ich legte den Brief aus der Hand und dachte an vergangene Zeit, als auch ich als Schüler sozialistischer Umtriebe verdächtigt wurde, ja, mir war es einst ja in die Konduitenliste vermerkt: ich stände mit den Arbeitern auf vertrautem Fuße. Und warum das? Weil ich einem Arbeiter zu Hilfe kam, der von einem Hoteldiener mit einem Stock zu Boden geschlagen war. Und an den Judas Ischariot in unserem Kreise dachte ich. -- Ja, ja, wie so etwas tat, hatte ich jung schon am eigenen Leibe verspürt. -- Ich las weiter:

Nur wenige Tage später stand der Lehrer wieder vor dem Popen. Der Totengräber, der gern Küster geworden wäre, hatte ihn wegen Gotteslästerung verklagt: der Lehrer habe in der Schule behauptet, man könne nicht alles wörtlich nehmen, was in der Bibel stände. ›Das wolle er ihm eintränken!‹ hatte der Pope gerufen, und er tat's, tat's so gründlich mit Inquisitionen und Visitationen und brutalen Beschimpfungen angesichts der Kinder, daß er meinen armen, einzigen Freund in den Tod jagte. -- Die Pulsadern hat er sich durchgeschnitten! Als man mich zu ihm ruft, liegt er röchelnd auf seinem armseligen Bette, -- händeringend steht seine alte Lebensgefährtin neben mir. Er versucht noch zu sprechen. Ich verstehe nur einen Satz: ›Wilde Tiere haben mich zu Tode gehetzt!‹ -- und sein Auge bricht.

Ich suchte die Ehre meines Freundes zu retten. Da fragte man mich, ob ich Lust habe, mit Sibirien Bekanntschaft zu machen.

Die Revolution feierte ihre Orgien. Das Volk, dem man mit Hilfe des Branntweinmonopols den Schnaps auf allen Gassen feilbot -- denn der Staat brauchte Geld, viel Geld -- war wild und toll in seinem Freiheitsdrang, die Jugend entartet und verwildert, je jünger der Nachwuchs, desto sinnloser.

Nur ein holdes Kind, ein Mädchen von seltener, überirdischer Schönheit, einer Lilie gleich, die in einem Sumpfe erblüht ist, die Tochter des Krugwirtes im Dorfe, war mir treu geblieben. Bei ihr saß ich oft und streichelte ihre fieberheiße Hand. Ihre Tage waren gezählt, da sie an der nämlichen Krankheit litt, an der ihr Vater kurz vorher hingesiecht war.

Eines Tages überfielen meine Bauern und Tagelöhner, aufgestachelt von ruchlosen Buben, mein Haus, zerstörten mein Hab und Gut und legten mein Heim in Asche.

Ich entkam in den Wald und kehrte, wie so viele meiner Leidensgenossen, meinem Vaterlande den Rücken.

Ich hatte gehofft, in der Ferne Frieden zu finden.

Aber je mehr ich über die Verrottung unserer Zustände nachdenke, die Allmacht des Beamtentums, die Dummheit und Korruption desselben, die Roheit, die fade Genußsucht, den Stumpfsinn in unserem Volke, die Früchte eines tyrannischen, kurzsichtigen Regimentes, und dann wiederum sehe, welche Fülle von Kraft und Liebe, von Freiheit und Einsicht Ihr ganzes deutsches Volk vom Fürsten bis zum Arbeiter durchdringt; als ich dann von Ihrem häuslichen Glücke hörte, da erkannte ich, wie in diesem Familienleben, das wir in Rußland kaum noch kennen, die Wurzeln der Kraft für ein ganzes Volkstum verborgen sind, wie recht Sie haben, daß die Ehe kennzeichnend sei für das Verhältnis zwischen Fürsten und Volk, wie recht unser Badenser hat, wenn er auf Fichtes Wort hinweist, daß unser Leben abhängig ist vom Leben unseres Volkes, daß wir nur in unserem Volke und durch unser Volk leben.

Das sogenannte heilige russische Reich aber ist ein Abgrund, aus dessen Tiefe giftige Dünste steigen, -- Tod und Verderben!

Auch ich habe jene Dünste eingeatmet, -- mein Leben ist vergiftet, meine Kraft gebrochen, -- ich kann nichts mehr von der Zukunft hoffen, -- ohne Hoffnung ist das Leben unerträglich, -- Gott verzeihe mir meine Sünden.

Mein letzter Wunsch ist, daß diejenigen, die mir in den letzten Tagen meines Lebens in freundlicher Weise begegneten, über die Beweggründe, die mich den Tod suchen lassen, aufgeklärt sind.

Leben Sie wohl! Mögen die Hoffnungen unserer kleinen Gesellschaft in Erfüllung gehen. Mögen Sie die Sonne finden auf Ihrer Reise, die Sie Ihrem Volke mitbringen wollen!

Leben Sie wohl, und seien Sie stolz auf das Vaterland, dessen Sohn Sie sind, und für das Sie kämpfen dürfen!

Dieser Brief soll Ihnen erst gegen Abend gegeben werden. Wenn Sie ihn gelesen haben, schlummert mein Körper schon seit Stunden in den Wellenarmen des Ozeans.

Es grüßt Sie Glücklichen

Ihr

unglücklicher Freund aus dem Baltenlande.«

Das Blatt flog zu Boden, -- ich sprang die Treppe hinauf und eilte zum Kapitän.

»Der Balte, der russische Herr ist über Bord,« -- wie ein Lauffeuer schnellte diese Kunde über das Schiff. Kommandorufe flogen hin und her, Rettungsboote wurden klar gemacht, alle Räume des Schiffes wurden abgesucht, Ferngläser wurden nach allen Seiten hin gerichtet, -- -- Menschenwerk! -- unaufhaltsam, unerbittlich sank die Dämmerung auf die leise wogende Meeresfläche, -- unser Balte ruhte im Schoße der Unendlichkeit.

* * * * *

Du armer Mensch, der du ohne Hoffnung warst!

Ohne Hoffnung, ja, ohne Hoffnung muß das Leben unerträglich sein. In der Hoffnung wurzelt alles menschliche Leben, von der Wiege bis zum Grabe, -- Hoffnung hebt uns über das Irdische hinaus, -- Hoffnung läßt uns den Himmel offen sehen.

Mußtest du sterben, du Armer?

War die Erde nicht vor Urzeiten eiserstarrt, und ist sie nicht doch wiedererstanden in neuer lebenspendender Wärme?

Kann nicht auch aus deinem Volke, aus dem Schoße des mächtigen russischen Reiches wieder neues Leben erstehen, sind nicht auch dort geheime Kräfte im Verborgenen tätig, Keime des Guten zu erhalten?

Um wieviel glücklicher sind wir daran in Deutschland! Wieviel weiter sind wir! -- Wie regt die Volksseele bei uns bereits ihre Schwingen. Auch bei uns wird es noch Arbeit von Generationen kosten, -- aber die Grundlage ist geschaffen! Es lebt und sproßt da unten in der Volksseele, -- oh, ich weiß es genau --, ich kenne sie, -- in allen Schichten, -- es brodelt und drängt, -- alte Vorurteile weichen zurück. Überall schließen sich die Geister zusammen. --

Mir war es, als ob mein Geist mit Riesenschritten über die Erde ginge, alles sehend, alles hörend, -- während mein Körper auf unserem kleinen Schiffe über die schäumenden Wogen des Ozeans getragen wurde.

Aber ist nicht unser ganzes Leben eine Reise? Ich hab's gespürt am ganzen Leibe. Wohin geht's? Wo ist der Hafen? --

Ich weiß, wie es tut, wenn man müde wird von vergeblichem Kampfe. Mutlos bin ich gewesen, aber ohne Hoffnung? Nein! Nur nicht ohne Hoffnung! -- --

* * * * *

Der Kapitän nahm die Daten und Einzelheiten des Unfalls zu Protokoll und trug sie ins Schiffsbuch ein. Und damit war seiner Pflicht einstweilen Genüge getan.

Ich aber fand reiche Arbeit. Überall stieß ich auf erregte Gemüter: mehrere Damen weinten zum Herzbrechen, keinem schmeckte das Essen, Brausepulver und Zuspruch wurden verlangt.

Selbst im Zwischendeck herrschte Unruhe und fast Furcht vor der Nacht.

* * * * *

Das tiefe Blau des Ozeans bekam einen leichten Stich ins Gelbliche.

Wie ein großer, starker Mensch weit um sich her seinen Einfluß spüren läßt, so dringen die gelben Fluten des Amazonenstromes wohl hundert Seemeilen weit in das Meer vor, durch ihre Farbe schon kündend: »wir stammen von ihm und bringen Kunde von den Ländern, die er befruchtend durchschneidet!« --

Unsere Auswanderer banden Spaten und Äxte zusammen, knirschend fügte sich Holz zu Eisen. Kisten wurden auf Deck geholt, gelüftet und gepackt. Es wurde gewaschen und gebürstet. Dazwischen Gesang und Kastagnettengeklirr.

Die beiden Magyaren und der Weinhändler droschen ihren Skat oder rekelten sich auf ihren Stühlen, ihre unvermeidlichen Zigaretten paffend.

Unser kleiner Kreis saß traulich beisammen auf Deck. Der Tod des Balten hatte uns alle tief erschüttert. Aber er bedrückte uns nicht, im Gegenteil, es war uns allen, als ob ein Alp von uns gewichen sei.

Wir versuchten, uns darüber klar zu werden. Es wollte nicht so recht gelingen.

Da begann unser Hexlein: »Ich will es euch sagen, muß aber ein wenig weiter ausholen. Ihr wißt, alles, was wir sehen, ist nur ein Gleichnis für die geistige Welt. So sind auch wir Menschen nur Symbole unserer geistigen Beziehungen, äußerliche Erscheinungen unseres Seelenlebens. Das erstreckt sich naturgemäß auch auf die Tierwelt. Nennen wir nicht selbst den Hund das Sinnbild der Treue, die Ameise und die Biene das Bild des Fleißes, den Fuchs das Symbol der Schlauheit?

Ist's mit uns Menschen etwa anders? Jeder von uns ist eben nur ein Symbol, ein äußerliches Zeichen dessen, was er ist. Seht unsere Spanier dort. Sind sie nicht ein natürliches Bild hoffnungsfrohen Wagemutes? Und unser Trio dort ein trauriges Symbol ödesten Stumpfsinnes?« --

Unser Hexlein saß, das Haupt sinnend nach hinten gebeugt, während die Augen sich an dem herrlichen Sternenhimmel zu verlieren schienen, auf ihrem Stühlchen, die Hände über den Knien gefaltet. »Woran denkst du?« fragte der Freund, der Träumenden mit der Hand über das braune Haar streichend. »Ich denke noch immer,« sprach sie, »wie unsere schöne Fahrt so bis ins kleinste dem Leben gleicht, und wie alles, was wir erleben, was wir sehen, alles, was wir sind, nur Gleichnisse des Geistigen sind.

Und so kam es, daß ich mich in meinen Gedanken in eine fesselnde Geschichte vertiefte.« --

»Erzählen! erzählen!« tönte es von allen Seiten. --

»Nun wohl,« begann sie mit ihrer weichen Stimme. »Meine Geschichte fängt an, wie alle Geschichten, mit ›es war einmal‹.

Es war also einmal ein starker Mann; wir wollen ihn die Verkörperung des praktischen Idealismus nennen. Der lebte glücklich zwischen seinen Kindern, die in ihrer blühenden Entwicklung den Künsten und Gewerben in seiner schönen Heimat glichen. Sein Weib war die Verkörperung der glücklichen, gesunden Häuslichkeit.

In seinem Garten blühten die Blumen als die Symbole für seine Freundschaften, seine Neigungen. Ihr kennt sie bereits.

Aber allerhand Getier unterwühlte seinen Garten und ermüdete ihn in seiner Arbeit: Neid, Dummheit und Torheit, kleinlicher Sinn und Eifersucht erregten seinen Ekel, so daß er, um Atem zu schöpfen und neue Kraft zu sammeln, einmal hinausziehen mußte in die Ferne.

Hier entdeckte er, daß seine Angreifer und Widersacher tatsächlich nur Ungeziefer waren.

Ganz glatt ging aber die Fahrt in die Ferne nicht vor sich. Fast wäre sein Schiff im Sturme gescheitert; denn die Gemeinheit und die Gewinnsucht fuhren mit und galten dem Kapitän, dem Glauben, als böses Omen.

Allein der erste Offizier, die Gewissenhaftigkeit, der erste Maschinist, die Sachkenntnis, und der Steuermann, die Treue, die führten das Schiff durch Sturm und Grauen zur Insel des seligen Vergessens.

Mit unserem Freunde zog aus der Heimat ein in sich gefestetes, glückliches, frohes Paar, die Heimatliebe und die Arbeit, denen ebenfalls durch Ungeziefer, Leichtsinn und Gewinnsucht die Heimat vergällt war. Sie wollten im Lande der Sonne sich eine neue Heimat suchen und schaffen.« --

Unser Ehepaar aus der Lüneburger Heide lächelte dem Hexlein verständnisinnig zu. --

»Und ferner zog mit ihm der gesunde Sinn in die Ferne, der den Schlingen der Lüsternheit entflohen war. Er wollte im Lande der Zukunft, in der Ferne die echte Weiblichkeit suchen, um mit ihr ein neues, tätiges Leben zu beginnen, zum Heile seines Volkes.« --

Ich sah unseren Rheinländer leicht erröten. --

»Und weiter zog in die Ferne der Wagemut; der wollte sehen, ob in der Ferne für die Kunst Neuland zu finden sei.

Auch die Tugend begleitete das Schiff auf seiner Fahrt.« --

Hier legte unser Hexlein ihre Hand in die der jungen französischen Mutter, die, wirklich wie die Madonna selbst, mit ihrem Kindchen auf dem Schoße sich während der Erzählung neben dem Hexlein niedergekauert hatte. --

Ihre Anwesenheit auf dem Schiffe war wohl einer der Gründe mit für seine Rettung im Sturme gewesen.

»Und weiter fuhr mit« -- träumte das Hexlein weiter -- »die Freundschaft, die der Treue zuliebe hinausging in die Fremde, da die Treue in unglücklicher Ehe mit der Strenge vermählt war. Es war das Richtigste. Nun mögen sie im Geiste aus der Ferne sich lieben. Dagegen kann keine Macht der Erde, selbst die Strenge nicht, etwas haben.

Zur Reisegesellschaft gehörte auch der Pessimismus, ein unglücklicher Kranker, den die Herzlosigkeit aus seiner Heimat in die Fremde trieb, die Sonne, die Wärme zu suchen.

Und zum Schluß« -- hier lachte das Hexlein schelmisch -- »ein schnurriges Paar, ein herzlieber, guter Kerl, ich taufe ihn die Selbstlosigkeit, und seine Freundin, -- die Romantik.«

»Wie sie da saß, in ihrem weißen Gewande, vom Scheine des Mondes und des tropischen Sternenhimmels überflutet, da konnte man tatsächlich glauben, irgend ein poetischer Spuk, ein Nixlein oder Hexlein aus dem Neckartale sei zu uns aufs Schiff gestiegen. »So kam« -- erzählte die Romantik nun weiter -- »unser Schiff zur Insel des seligen Vergessens. Hier traf unser Wanderer einen kraftstrotzenden Mann, die Verkörperung der Tatkraft, der trauerte hier um sein gestorbenes Lieb, das verlorene Ideal des Weibes. Aber unter dem Zuspruche unseres Freundes, des Idealismus, raffte auch er sich zu neuem Werke auf und zum Zuge ins Land der Sonne, der Liebe.

Was geschah? -- Ihr alle wißt es, -- der Pessimismus, unglücklich darüber, daß ihn hier mitten unter der Sonne, im Kreise der Liebe, noch fror, stürzte sich ins Meer. Mein Freund in seiner Selbstlosigkeit wollte ihn retten. Da griff die Tatkraft zu und rettete mir den Freund und damit auch mich. Denn sonst wäre ich mit zugrunde gegangen.«

»Und nun zieh auch du mit uns ins Land der Sonne« -- sagte das Hexlein und streckte dem Rheinländer vertrauensvoll die Hand hin, die dieser fröhlich ergriff und herzlich küßte, -- »wir können dich herrlich gebrauchen, ja, ohne dich sind wir nichts.«

Wir alle waren von dem Zauber der Erzählung unserer kleinen Freundin so gefangen genommen, daß wir alle instinktiv fühlten, wie jeder immer weiter in die ihm von unserer Dichterin zudiktierte Rolle hineinwuchs.

Aber noch ehe jemand etwas sagen konnte, fuhr unser Hexlein fort: »Wißt ihr was, -- wir bleiben alle zusammen, und gründen eine neue Kolonie der Sonnenmenschen.« Ich protestierte lachend, ich müsse zurück zu den Meinen. Desgleichen protestierte die junge französische Mutter, die zu ihrem Gatten wollte.

Schmollend hob das Hexlein gegen mich den Finger und sprach: »So will ich Ihnen prophezeien: Sie werden hier im Lande eine Fürstin finden, die die Welt kennt, -- Sie als Doktor werden sie vielleicht prosaisch die soziale Hygiene nennen, -- in ihrer Begleitung ein junges Mädchen, die Wohlfahrtspflege. Mit denen werden Sie zurückkehren in die Heimat, und die werden Ihnen helfen, unnennbaren Segen zu stiften unter allen Völkern! Und dann, -- und dann« -- und damit nahm sie meine Hände in die ihrigen, als ob sie darin lesen wollte, und ihre schönen, braunen Augen füllten sich mit Tränen -- »dann werden Sie eines Tages in die Berge des Ruhmes und der Einsamkeit wandern. Dort lebt eine Schwester von Ihnen, die Frömmigkeit, mit ihrer Tochter, der Wohltätigkeit, die hier in der Schneeregion ein friedliches, aber segensreiches Leben führen, und hier in den schneeigen Bergen der Weltentrücktheit werden Sie eines Tages, im Begriffe, eine scheinbar kleine Aufgabe zu erfüllen, die zu erfüllen aber notwendige Pflicht ist, an eben dieser Pflicht zugrunde gehen. Doch nur Ihr Körper. Denn, wie Sie selbst es uns gelehrt haben, kann der Geist ja niemals sterben, und du, der du dich dein Leben lang bemüht hast, zu wirken und zu helfen, -- du stirbst niemals!«

Weinend lag mir das liebliche Kind zu Füßen. Ich küßte sie auf ihren Scheitel, hob sie empor und legte sie ihrem Freunde in den Arm, der sie herzlich umfing.

Wir alle aber waren so ergriffen von den Worten unserer jungen Freundin, daß wir uns schweigend erhoben, uns die Hände schüttelten und mit einem Abschiedsblicke auf das im Silberglanze des Mondes und der unzähligen, hellflimmernden Sterne erschimmernde Meer still und andächtig unsere Lagerstätten aufsuchten.

* * * * *

Mit einem Herzen voll Sehnsucht ging ich zur Ruhe. Da träumte mir, ich läge zwischen zwei weißen Lilien, und mein Mund ruhte auf roten Rosen. Aber die Lilien wurden kälter und kälter und größer und größer, und plötzlich merkte ich, daß ich zwischen mächtigen Schneebergen wanderte.

Ich war in Graubünden, hatte in Davos meine kränkelnde Schwester und deren zarte Tochter besucht und war dann weiter gewandert in die Berge hinein.

Zuerst dem Landwasser nach auf der steilen Bergstraße hin in der Richtung zum Flüelapaß. Dann führte mich der Weg hinauf in mächtigem Zickzack durch Lärchenwald mit goldgelben Nadeln. Bald grüßen tiefgrüne, ernste Tannen. Die sagen bald kriechendem Kiefergestrüppe Lebewohl, dann eine Wegecke, und tot und steinern liegt die Bergwelt vor mir.