Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden

Part 21

Chapter 213,527 wordsPublic domain

Noch ein Weilchen raschen Steigens und leuchtend weiß liegt vor mir die schneebedeckte Felsenwelt -- Ruhe ringsum, große, majestätische Ruhe, -- unter mir, um mich herum strahlend weiß der frischgefallene Schnee, über mir das leuchtende, reine Blau des Himmels, -- allein mit Gott. Da schwebt über mir am Firmament ein Adler, in mächtigem Bogen strebt er der Sonne zu, -- ein Bild der Seele, die suchend und strebend zum Höchsten, zum Ewigen flieht.

Tiefer wird der Schnee, mühsam arbeitet der Fuß sich durch. Die Einsamkeit legt sich schwer auf die Seele, sie fast erdrückend durch ihre eherne Größe.

Da, -- was ist das? -- Keuchend stürmt von oben den Weg herab ein Mann, das Antlitz gerötet, der Schweiß perlt ihm auf der Stirne. Schon will er ohne »Grüß Gott« vorüber eilen. -- »Wohin? Wohin? Ist ein Unglück geschehen?« -- »Laßt mich, -- zu Tal muß ich. Den Doktor holen. Der Fels hat dem Wegesepp das Bein zerschlagen. Droben im Flüelahospiz liegt er, aber sie können das Blut nicht stillen.« »Aber ich bin ja Arzt. Schnell, kommt. Wollen sehen, ob wir ihn retten können.«

Sprachlos starrt der Mann mich an. »Euch hat der Herrgott selber geschickt. 's ist nicht allein um den Sepp, aber auch um seine neun Kinder, und sein Weib liegt krank in den Wochen.«

Das ist kein Steigen mehr durch den Schnee, -- wir laufen.

Ich sah im Geiste das Blut rinnen, -- das treibt an. Endlich am Flüelapaß, da ist auch das Hospiz.

»Kinder, hier ist der Doktor. Der Herrgott hat ihn mir unterwegs geschickt.« -- Nun schnell den Hosenträger herunter, das Bein abgebunden, die Wunde mit dem Notverband, den ich stets bei mir führe, verbunden, geschient, -- das Blut steht; -- nun einen erquickenden Trunk, eine große Schale Milch, noch eine, -- der Sepp ist gerettet. Nun zu der Frau, und die schonend vorbereiten. Schwach ist sie. Ein paar ätherische Tropfen, -- nun ist ihr besser. »Ich hab's gleich gewußt, daß ein Unglück geschehen mußt'. Mir war gar zu elend. Aber Ihnen vergelt's Gott.« --

Ich ging. Draußen lag tiefer Schnee. Nachdem ich eine Weile gegangen, überfiel mich eine große Müdigkeit. Ein Felsblock bot mir einen Sitz. Da schlief ich ein, und schlief und schlief. --

Dann kamen Leute. -- »Der ist tot. Ist erfroren.« -- Vorsichtig trugen sie mich auf einer Bahre zu Tal. Die Kollegen kamen und untersuchten mich. Sie sagten Freundliches und Gutes. Meine Schwester und ihre Tochter kamen und schluchzten. Dann fuhren sie den blumengeschmückten Sarg zum Kirchhof hinaus. Wie in ein weißes Trauergewand gehüllt lag er da, unter ihm das weite Tal und ringsherum die Häupter der Berge, mit blendendem Schnee bedeckt. Als sie den Sarg ins Grab senkten, stieg ein Adler, die Schwingen weit ausgebreitet, in den blauen Äther empor, in weitem Bogen immer höher kreisend, zur Sonne. -- -- -- Da erwachte ich.

Und wie ich da lag in meiner kleinen Kabine, den Traum überdenkend, da fiel mir die Geschichte von einem alten Doktor wieder ein. Der hatte, als er sein Hörrohr auf das Herz einer Patientin gesetzt hatte, einen Herzschlag bekommen. Als er gar solange horcht und auf die Frage der Kranken, ob er denn nicht bald fertig sei mit seiner Untersuchung, nicht antwortet, da stößt sie ihn an und entdeckt, daß ihr Doktor tot ist. Oh, es muß etwas Wundervolles sein, so mitten aus der Arbeit für andere abgerufen zu werden! Ja, ich will arbeiten, arbeiten, wie bisher, für euch alle, solange mir Gott nur Odem läßt, denn arbeiten für euch, heißt für mich -- leben!

* * * * *

Es mochte zwei Uhr nachts sein, da kam der Kapitän und weckte mich. Das Kreuz des Südens stände am Himmel, und in einer halben Stunde müsse der Leuchtturm von Kap Salinas an der brasilianischen Küste in Sicht kommen.

In zauberhaftem Lichte strahlte der Himmel. Rubinrot funkelte der Aldebaran. Leuchtend glänzten das Schwert des Orion und das Sternbild der Plejaden und dort, ein schimmerndes Geheimnis, das Kreuz des Südens. Alles flimmerte, leuchtete, glänzte, strahlte, -- es war eine Herrlichkeit ohne Ende.

Mir aber war es, als ob meine Seele größer und größer wurde und sich dehnte und weitete, bis sie eins war mit Gott. --

* * * * *

Ich stieg von der Kompaßbrücke, wo ich einsam, in Andacht versunken, die Wunder des Tropenhimmels getrunken hatte, hinunter zur Kommandobrücke, wo ich meinen Kapitän neben dem Steuermann stehend traf, die Uhr in der Hand. Tagelang waren wir über den weiten Ozean gefahren, -- der hatte keinen Meilenstein, keine sichtbaren Fährten, -- und nun? Ein Aufblinken am Horizont, -- da ist er, der Leuchtturm von Salinas, just auf die Minute, da wir ihn erwartet hatten.

So geht es dem Manne, der die Wahrheit sucht und sie findet, und müßte er einen Ozean von Irrtümern durchqueren. -- --

* * * * *

Wie ich bei der Maschine vorbeikam, war gerade der Maschinist dabei, die Achsenlager zu ölen. Schweigend schaute ich zu, wie er mit fast andächtiger Liebe seine Maschine behandelte, als ob es ein beseeltes Wesen sei. Mächtig arbeiten die Kolben in unermüdlicher Arbeit. Es war, als sängen sie ein Lied von der Pflichttreue. Wie ich hineinschaute in das Getriebe und sah die Kurbeln sich drehen, da fiel mir ein: ein jedes Rad braucht einen Punkt, in welchem seine Achse ruht, sein Achsenlager. In diesem Punkte duldet es keine Reibung. Und je größer die Schwungkraft des Rades, desto weniger Reibung duldet es. So geht es auch mit uns Menschen: Einen Punkt, ein Herz müssen wir haben, bei dem wir rasten können, ohne Reibung, ohne Kampf. Und je härter und schwerer unser Tagewerk ist, desto mehr sehnt sich unser Herz nach diesem Ruhepunkt. So braucht der Mann des Weibes, wie das Weib ohne den Mann ein Nichts ist. Erst Mann und Weib zusammen sind der Mensch. Nur aus dieser Verbindung heraus erwachsen die höchsten Seelenkräfte. Diese höchsten Seelenkräfte sind aber die eigentlich staatsbildenden Kräfte. So hängt von dem Verhältnis des Mannes zum Weibe unsere gesamte Kultur ab.

Ich gedachte des unglücklichen Balten und seines zerrütteten Vaterlandes.

Aber die Maschine lehrt uns noch mehr. Es ist nicht nur das, daß die Seele des Mannes einen Ruhepunkt braucht, von dem aus er schaffen und wirken kann. Wie das Rad sich nach dem Gesetze stets in seiner Richtung dreht, nicht nach links, noch nach rechts abweicht, so hat auch der, der einer sozialen Mission dient, nicht mehr das Recht, sich von der inneren Vorbereitung auf sein Ziel durch das ablenken zu lassen, »was die anderen tun«. Wahrhaft soziales Handeln kann nur aus einer ganz gründlichen Reinigung der Seele von allen Vorurteilen und aller Furcht vor Vorurteilen, von allen zügellosen Leidenschaften und von aller Selbstsucht, und aus einer tiefinnerlichen Begeisterung für die höheren Güter der Seele, der Menschheit entstehen.

Ohne eine tiefere Seelenbestimmung und Seelenbesinnung dient alle Haushaltungsfertigkeit nur der Welt des Todes: die Sparsamkeit der Habsucht, die Hygiene der Verweichlichung, die Kochkunst der Genußsucht, die Ordnung der Selbstsucht, die Schneiderei der Eitelkeit, die Erziehung dem Scheine, und alles zusammen der Verrohung und Verfeindung aller Beteiligten.

Könige, wieviel müßt ihr noch lernen! -- -- -- --

Die Maschine singt und klingt, sie geht ihren Takt, leise, regelmäßig, nach den eisernen Gesetzen ihrer Seele, die der Künstler, der sie erbaute, ihr einflößte mit Hilfe seines Denkens.

* * * * *

Das Meer war spiegelglatt. Beinahe geräuschlos durchschnitt unser Dampfer die Wogen. Leise, wie vergeistigt, arbeitete die Maschine: ruhig und doch unwiderstehlich der Kolben, unaufhaltsam das große Schwungrad, treu und sicher die kleinen Zahnräder.

Und wenn meines Lebens Werk auch nur der Arbeit des kleinsten dieser Räder gliche, jedes kleinste Rad lehrt es mich: die treue Erfüllung jeder kleinsten Pflicht ist notwendig, um unsere Kultur vorwärts zu bringen, auch die schwächste Kraft hat ihre Aufgabe, die sie zu erfüllen hat, -- ohne Reibung.

Und nun schau einer dieses Geschreie und Gelärm in unserer Nation, sobald irgend etwas Notwendiges, irgend etwas, was dem Ganzen frommt, das Ganze fördert, durchgesetzt werden soll: da klagen die Konservativen über die Erbschaftssteuer, -- sie wollen nichts missen vom Ererbten -- da die Freisinnigen und die Brauer und die Tabakhändler über Bier- oder Tabaksteuer, die Sozialdemokraten über Bevormundung, die Brenner über die Branntweinsteuer, -- keiner will sich einfügen, keiner geben, alle wollen den Nutzen vom Reiche, vom Ganzen, von den anderen, einerlei, ob sie damit dem Ganzen, den anderen schaden oder nicht. So werden unsere Flüsse zu Kloaken, unsere Städte zu menschenmordenden Massensiedlungen und unser Volk in weiten Schichten zu Proletariat. Und ihr, ihr alle seid schuld daran!

Wir brauchen heute, um die soziale Frage zu lösen, unsere Kultur vorwärts zu bringen, nicht so sehr neue Gesetze, als neue Menschen, Menschen mit neuem Pflichtgefühle dem Ganzen gegenüber, Menschen, die wissen, daß sie kleine und große Räder sind in der großen Maschine unserer Kultur, unserer Nation, daß sie totes Eisen sind, wenn diese große Maschine jemals still stehen würde. Aber sie müssen lernen, Räder zu sein, die still und treu ohne Reibung ihre Pflicht tun. Denn so unerbittlich erheischt es das Leben des Ganzen. --

Kaiser, -- hierher, an die Maschine!

Sieh, du bist der Kolben; -- hier das große Schwungrad ist unser Reichstag.

Kultusminister, du bist der Maschinist! Hast du deine Räder, deine Lager, deine Kolbenstange mit hingebender Liebe geölt, wie jener treue Mann da unten im Schiffsraum? Hast du es nicht getan, so warst du ein schlechter Maschinist im Schiffe unserer Nation. Oh, geh in dich, und nimm deine Ölkanne und lehre deine Räder, die großen und die kleinen, wie sie ohne Reibung ihre Pflicht zu tun haben; -- aber nimm das Öl der Liebe, denn alles andere wird ranzig und frißt den Stahl unserer Kraft. --

Mir fiel der Balte wieder ein und sein an Liebe bares Vaterland. Ich sah im Geiste das tote Eisen der russischen Schiffe in den vereisten Häfen der Ostsee und auf dem Boden des japanischen Meeres. Sie waren ohne Liebe gebaut, ohne Liebe geführt, ohne Liebe waren sie zugrunde gegangen. Nun zerfraß sie der Rost. Und das große Reich, dem sie entstammten, zerfiel wie sie aus Mangel an Liebe. -- --

* * * * *

Als ich beim Sternenschein vor meiner Kabinentür stand, hörte ich leises Singen. Ich beugte mich über den Rand der Treppe und sah unseren Freund von Madeira auf einem Deckstuhle sitzen, zu seinen Füßen das Hexlein, das lockige Köpfchen in seinen Schoß gebettet. Und deutlich hörte ich sein Lied:

Ich nehm' meine große Liebe Und schütte sie über dich aus: Will schmücken mit ihr dein Leben, Will schmücken mit ihr dein Haus.

Sei du der Glanz der Sterne, Sei du mein Sonnenschein; Ich will dir Blumen und Früchte Bringen als Erde dein!

Sei du mein blauer Himmel, Der Sommerwölkchen Heer, Und schau' dich in meiner Liebe, Die grundtief wie das Meer!

Als ich dann in meiner letzten Runde beim Hintersteven vorbeikam, wo die Schraube aus den blauschwarzen Wogen silbernen Schaum emporwirbelte, da war es mir, als ob ich weit, weit aus der Ferne ein gar trauriges Lied vernahm mit einer unsagbar schwermütigen Melodie.

Sang ein Geist sie über den Wassern? Gespenstisch klangen die Töne durch die Nacht:

Ich habe keine Heimat mehr, Meine Heimat ist das Grab ...

Alles andere verklang in dem Rauschen des Gischtes und in dem Brausen des Nachtwindes, der um die Rahen und Masten raunte.

Ich wußte nicht mehr, wo ich das Lied gehört hatte, -- auf dieser Reise war es gewesen. Mir war's, als ob der Balte es einmal vor sich hingesummt hatte.

Brasilien!

Beim ersten Morgengrauen fuhren wir den Paráfluß hinauf.

Noch sahen wir kaum Land. Aber bald schimmerten durch den leichten Nebel hindurch die Kronen der Wälder, unermeßlicher Wälder. Eine weiche, warme, wunderbare Luft, erfüllt von märchenhaften Wohlgerüchen, wehte uns entgegen. Immer größer, immer grüner wurden die Wälder, immer berauschender der Duft.

* * * * *

Die portugiesische Mutter mit ihrer schönen Tochter hatte sich zu uns gesetzt. Ich hatte der jungen Frau von meinen Kindern erzählen müssen. Nun saß sie da und hielt traumverloren das Bild meines blondgelockten Jüngsten in ihrer Hand. Tränen standen in ihren Augen.

Nach dem Frühstück erzählte mir die Mutter die Ursache ihrer Traurigkeit. Ihr sehnlichster Wunsch, Kinder zu besitzen, war ihr versagt geblieben. Ihr Ehemann war bereits krank in die Ehe gekommen und trieb sich seit Jahren in den Hafenstädten von Südbrasilien oder in Buenos Ayres herum, ein arbeitsscheuer, verkommener Lebemann. Kurz vor ihrer Abreise hatte ein Telegramm die Damen nach Brasilien gerufen: der Mann war in Rio in einer Schenke von einem Neger, dessen Tochter er vergewaltigt hatte, erstochen. So war sie in jungen Jahren Witwe geworden.

Die Tochter hatte vom Vater ausgedehnte Besitzungen am Amazonas geerbt, die die junge Frau, so gut sie es vermochte, mit großer Energie bewirtschaftete. Aber es mangelte an Arbeitskräften. Und vor allem, -- der Erbe fehlte, der einst die Frucht ihres Fleißes ernten, ihre Ideen zu Ende führen könnte.

Als die Damen hörten, daß unsere Deutschen Land zur Niederlassung suchten, jauchzte die Jüngere auf und hieß unsere Gesellschaft mit offenen Armen willkommen.

In kurzem war der Plan fertig. Unsere Gesellschaft sollte sich in Pará mit Handwerkszeug, Waffen, Sämereien, Nahrungsmitteln für die erste Zeit versehen -- unsere neue portugiesische Freundin stellte bereitwillig alle dazu notwendigen Mittel zur Verfügung -- und sollten dann als Kolonisten in ihr Königreich am Amazonas einziehen. Ich aber solle und müsse auch mitkommen. Lachend wehrte ich ab. Ich müsse in Jahresfrist wieder daheim sein bei meinen Lieben. Da ward sie traurig. Aber es blieb bei der Abmachung mit unserer Gesellschaft.

Näher traten die Ufer. Immer wärmer wurde die Luft, immer würziger das Duften, das von den Wäldern herüberdrang.

* * * * *

Mitten im Strome taucht plötzlich ein altes Kastell auf: Pont de Barrá. Vor hundert Jahren mögen die ersten Ansiedler es zum Schutz gegen Überfälle der Indianer errichtet haben. Es erinnert an die Weihnachtsfestungen in unseren Spielzeugläden. Aus den Schießscharten lugen neugierig-harmlos ein paar verrostete Kanonen. Zwei nackte braune Gestalten markieren die Garnison. Als unser Dampfer in Sicht kommt, rennt einer der Burschen zur Flaggenstange und hißt die brasilianische Flagge, der andere steigt schnell in seine blauleinenen Unaussprechlichen, um, auf dem Wall stehend, die Honneurs zu machen. Glückliche Unschuld der Tropen!

Bald zeigen sich Villen am Flußufer, ein zweites Blankenese, die Herrensitze der reichen Kaufherren von Pará. Der Kapitän läßt den Mörser laden. Donnernd krachen hintereinander drei Böllerschüsse in den stillen Morgen hinein, den Brasilianern die Ankunft des deutschen Dampfers meldend.

Vor uns liegt Pará, ein kleines, bescheidenes Lissabon, umrahmt von Palmenhainen und Urwald. Und über dem allen der strahlend blaue Himmel und die wundervoll glühende Sonne.

* * * * *

Wir sind in fremdem Land. Am Hafen liegen und lungern schwarze Neger und gelbe Mulatten, rothäutige Indianer und braune Brasilleres, ein fremdartiges Bild. In unseren weißen Tropenanzügen, durch große Panamahüte gegen die Sonne geschützt, schritten wir Deutsche wie ein Herrschergeschlecht durch dieses buntfarbige Volk.

Schmeichelnd hängt die junge Portugiesin an meinem Arme. Der blonde Germane hat es ihr angetan. Ich solle mitkommen. Ihr ganzes Königreich solle mein sein. Einen Sohn wolle sie haben, groß und stark, wie ein Deutscher, der solle ihr Erbe sein. Ich lasse sie schwatzen und lache.

Plötzlich verfinstert sich der Himmel, dicke Tropfen fallen herab. Eben war es doch noch strahlendes Blau? Wo blieb die Sonne? Schnell in das nächste Kaufhaus, um einen Schirm zu erstehen. Schon gießt es vom Himmel in Strömen. Ob wir das Schiff noch erreichen? Wir treten in ein offenes Portal. Eine Kaserne. Ein Unteroffizier, augenscheinlich indianisches Mischblut, tritt höflich an uns heran und bittet um die Erlaubnis, mir meinen triefenden Schirm abnehmen zu dürfen. Im Gewehrständer stehen die Gewehre. Gute Magazingewehre neuester Konstruktion von deutscher Firma. Da erwachte der alte Soldat in mir. Ich nehme eins heraus und übe stramm unsere deutschen Griffe. Staunend stehen die Brasilianer herum. So scharf machten sie es nicht. So -- leichter, bequemer, wohl der Hitze wegen. Hitze? Ich fühle keine, fühle mich wohlig, wie nur je in meinem Leben. Der Übermut packt mich. Noch hält der Unteroffizier das Gewehr in der Hand, den Tornister hat er auf dem Rücken. Mit einem Ruck habe ich den bepackten Mann mitsamt seinem Gewehr wie ein Kind auf meinen Armen und trage ihn, gefolgt von den staunenden Soldaten, wie im Triumphzuge durch die Korridore der Kaserne. Beim Portal stelle ich ihn sanft wieder auf seine Füße, ihm lachend auf portugiesisch zurufend: das ist deutsche Kraft! Gleichzeitig strecke ich ihm zur Versöhnung die Hand entgegen, die er ehrfürchtig erfaßt.

Es ist ein eigen Ding, wenn auf der Seefahrt die Kraft sich anhäuft. Ich spüre es selbst. Wahrlich, wir sollten sehr ernst daran denken, unserem Janmaat, wenn er an Land kommt, Gelegenheit zu geben, sich auszutummeln in olympischem Spiel, anstatt daß er sein Geld den Schnaps- und Bierhyänen in den Wirtschaften in den Rachen wirft und seine Kraft bei liederlichen Dirnen vergeudet. Das wäre besser, als pharisäisch zu richten.

Am anderen Tage geht's zum Professor Goeldi, einem Landsmanne meines Schweizer Freundes, des Professor Forel in Zürich, -- Wassertrinker wie dieser und wie ich. Er ist bald dreißig Jahre hier in diesem als mörderisch verschrienen Klima, -- noch ist er keinen Tag krank gewesen. Weder an Malaria noch an gelbem Fieber. Dabei züchtet er in seinem Laboratorium die als so unheilvoll erkannten Stechmücken, die Überbringer jener tödlichen Krankheiten. Er nimmt weder Chinin zum Schutz, noch Arsenik, aber er meidet das berauschende Gift, gerade wie Emin Pascha und Livingstone, Stanley und alle die anderen großen Tropenforscher. Und hier, mitten im Urwalde, hat dieser Mann, fern von der Heimat, der Wissenschaft die wichtigsten Dienste geleistet und ein naturhistorisches Museum geschaffen, das einzig in seiner Art dasteht.

In seinem Garten finde ich am Wege ein mehrere Fuß langes stachlichtes Gebilde, das Deckblatt der jungen Sprößlinge der Pupanhapalme. Wäre dieser Schutz nicht vorhanden, die Affen, die Faultiere und die Papageien würden das keimende Blatt schon zernagen und den Baum zerstören. So sorgt die Natur in ihrem schöpferischen Reichtume überall schützend für ihre Kinder.

Auf der Besitzung unserer in Pará ansässigen Freunde entdeckte ich eine andere Palme von wunderbarer Art. Sie nannten sie Assaypalme. Gerade und kräftig stieg ihr Schaft empor. Unter einer mächtigen Krone langer und breiter Blätter hingen in Abständen fußlange, dicke Büschel mit Nüssen, aus denen die Eingeborenen ein erfrischendes, gesundes Getränk bereiten. Über jedem Fruchtbüschel wölbte sich als Kelchblatt ein großes, holziges Dach in schön geschwungener Form, nach vorn in einen gefälligen Zipfel auslaufend, so daß das ganze Gebilde einen anmutigen Anblick erstaunlicher Fruchtbarkeit darbot. Auf den ersten Eindruck hin war mir klar, daß dieses Dach den Fruchtbüschel vortrefflich gegen die wolkenbruchartigen Tropenregen schützen müsse, die jeden Nachmittag um drei Uhr vom Himmel herunterprasselten, und die ohne diesen Schutz sicher die Früchte schon vor der Reife abschlagen würden.

Wie wuchs aber mein Erstaunen, als unsere Freunde mir erzählten, unter jedem dieser Schutzdächer niste, von der Blütezeit des Kolbens bis zur Reife der Früchte, ein kleines Eulenpärchen. Sobald die Früchte völlige Reife erreicht hätten, seien die Jungen flügge und dann flöge die ganze Gesellschaft von dannen.

Mit einem Schlage war mir der Zusammenhang klar. Das holzige Dach schützte den Fruchtbüschel vor Regen, gleichzeitig bot er den Eulenfamilien Schutz gegen Regen und Sonne, Tau und Wind. Aber die Eulen bedurften für sich und ihre Jungen der Nahrung. Wären sie nicht gewesen, so hätten sicher die zahlreichen Insekten, die in den von den reifen Früchten entblößten Büscheln ihr Dasein hatten, Blüte und Frucht schon im Werden zerstört. So aber sorgten die Eulen als treue Wächter für die Unberührtheit ihres Heims. Als nun aber die Früchte gereift waren und den Menschen zur Nahrung dienten, hatte der Aufenthalt der Vögel unter dem Schutzdache keinen Zweck mehr, -- der von den Früchten entblößte Büschel diente nunmehr dem Heere der zahllosen niederen Tiere als Wohnstätte und Nahrung zugleich.

Mir war's, als hätte ich kaum je zuvor so anschaulich die unendliche Vatergüte der Alliebe zu bewundern Gelegenheit gehabt: in dem einen Blütenkolben schuf »er« so Nahrung für die Menschen, die Vögel und die kleinste Lebewelt in schönster Form und in so harmonischer Abwechslung und Ergänzung, daß ich am liebsten auf die Knie gefallen wäre, um hier an Ort und Stelle dem Allmächtigen zu danken. Und unwillkürlich fiel mir das alte Wort ein von den Lilien auf dem Felde und den Vögeln unter dem Himmel: sie säen nicht und ernten nicht und sammeln nicht in die Scheunen, und unser himmlischer Vater ernährt sie doch.

Da übermannte es mich. Tränen füllten meine Augen und bittere Wehmut mein Herz: in der ganzen Natur, auf der ganzen Erde diese schier unbegrenzte Fruchtbarkeit, diese endlose Weite, dieser unendliche Reichtum zum Leben, zum lachenden, blühenden, glücklichen Leben in Friede und Liebe, -- und wir Menschen? O Gott, du Allgütiger und Allweiser, wir sind nicht wert, daß wir deine Kinder heißen, sind nicht wert, daß du uns diese wundervolle, überreiche, sonnige Erde geschenkt hast! Wie haben wir die Freiheit mißbraucht, die du uns geschenkt! Was haben wir daraus gemacht in unserer Selbstsucht, in unserer Genußsucht, unserer Lieblosigkeit und Härte, unserer Unvernunft und Kurzsichtigkeit! Und riesengroß stieg mitten in all dieser Sonnenherrlichkeit, all dieser Farbenpracht, all dieser Blumenfülle, dieser üppigen Fruchtbarkeit das Elend der Menschheit, das Elend meines Volkes wieder vor meinen Augen empor, riesengroß, dunkel, zum Himmel schreiend. Mir brauste es vor den Ohren, wie Gedröhn klang mir das Chaos der anklagenden, schluchzenden Stimmen der Hungernden und Frierenden, der Verlassenen und Verzweifelten, der Verkommenen und Verbitterten, und wie ein Angstschrei rang es sich aus meiner Seele los.

Haben es zugegeben, daß Menschen um schnöden Geldes und Gewinnes halber verführt wurden, all diese entsetzlichen Gifte zu sich zu nehmen, Opium und Branntwein, Bier, und wie sie sie alle tauften, Gifte, die sie krank und elend, arm und stumpf machten, falsches Glück ihnen vorgaukelten, sie und ihre Nachkommenschaft in Unglück und Tod stürzten?