Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden

Part 22

Chapter 223,615 wordsPublic domain

Haben es geschehen lassen, daß Menschen von der Natur, dieser allgütigen Mutter aller, entfernt, in steinerne Massenquartiere zusammengedrängt wurden, so daß sie verlernten, die Allgüte und Alliebe zu erkennen und zu achten und zu lieben, -- und wiederum nur, damit wenige sich bereicherten? Wir hatten zugegeben, daß Menschen, diese höchsten Geschöpfe der allmächtigen Liebe, als Sklaven verkauft wurden, und gaben es zu bis auf den heutigen Tag, daß sie sich mit ihrer Seele und ihrem Leibe verkauften, aus Not oder aus Unwissenheit, um fremden Lüsten zu dienen, seelenlos, schlimmer, als ob sie Tiere seien? Und wir, wir wagten es, uns Christen zu nennen? Da sprang ich auf! Auf euer Christentum pfeife ich, ihr Heuchler und Pharisäer, ihr kalten, herzlosen, selbstsüchtigen, herrschsüchtigen Priester und Mammonsknechte, Fürsten und Fürstendiener! Lügner und Heuchler seid ihr, die erhalten wollen, was euch beliebt, was euch paßt und guttut, damit ihr im warmen Nest euch wärmen, damit ihr schwelgen könnt, unbekümmert darum, daß Tausende, Millionen darben, hungern, frieren, zugrunde gehen!

Hier am Fuße dieser Palme knie ich und bete dich an, du Grundgütiger, Alliebender, und flehe dich an: gib mir Kraft und ein reines Herz, damit ich zu meinem bescheidenen Teil mit dazu beitrage, daß die Sonne, die Wärme, die Liebe, die du in deiner grenzenlosen Güte über die Erde ausgießest, sich auch über die Menschen ausbreitet und in ihre Herzen hineinfließt, sie erweichend, erwärmend, erhellend, wie deine Sonne, die die Erde erwärmt und erhellt! --

* * * * *

Die spanischen Auswanderer hatten bereits bei unserer Ankunft in Pará unser Schiff verlassen, um von hier über Ceará nach Südbrasilien und Argentinien weiterzureisen. Mit ihnen die junge Französin und unser Rheinländer. Unsere Verabredung ging dahin, er solle diese beiden Länderstrecken durchqueren und durch Mittelbrasilien bis nach Bolivia durchdringen, um dann mit mir am oberen Laufe des Amazonas wieder zusammenzutreffen. So würden sich unsere Erfahrungen ergänzen, und von hier aus würden wir dann gemeinsam heimfahren.

Inzwischen war unsere Reisegesellschaft beim Gouverneur gewesen, hatte die nötigen Schritte zur Erlaubnis der Niederlassung getan, hatte Spaten und Beile, Pflugschar und Äxte, Sägen und Seile eingekauft, und was sonst noch nötig war, um im fremden Lande eine neue Heimat zu gründen. So fuhren wir denn frohen Herzens den Paráfluß wieder hinab, noch einmal an der alten Festung im Flusse vorüber, und in schlankem Bogen um die Insel herum in die Mündung des gewaltigen Amazonenstromes hinein, und damit in das Reich des schier unbegrenzten Urwaldes.

Kein Dom, keine Kirche kann die Andacht erwecken, die die Gewalt dieser großen Natur über die Menschen bringt. Breit, majestätisch rollt der Amazonas seine gewaltigen, gelben Fluten dem Meere zu. Schweigend, unendlich dehnt sich der Wald an seinen beiden Ufern. Dann wieder verengt sich das Bett des Stromes. Dicht gleitet das Schiff am Ufer entlang. Der Wald, der eben noch, aus der Ferne gesehen, schweigend dalag, er ist nicht tot, nein, -- er lebt, -- Scharen buntbeschwingter Papageien beleben das Dickicht, hoch oben in den Baumkronen uralter Urwaldsriesen wiegen sich königliche Kakadus, farbenreich glüht es, wohin das suchende Auge irrt, im Dickicht von wunderbaren Blüten, goldgelben und in purpurnem Rot. Berauschender Duft erfüllt die Atmosphäre.

An kleinen Ranchos fahren wir vorbei, Hütten aus Bambus, mit Palmenblättern gedeckt, vor denen Kinder brauner Indianer sich fröhlich tummeln, laut jauchzend, als unser Schiff bei ihnen vorüberzieht, lange Kielwellen ans Ufer werfend. Ab und zu eine Lichtung im Walde, weißgetünchte Häuser. Auf fetter Weide wandeln wohlgenährte Rinder, gerade wie bei uns in der Marschenheimat. Und wieder Wald und Wald, Hüttchen der Indianer, wieder eine Farm mit Weiden und Rindern und wieder Wald, endloser, üppiger Wald, Tag um Tag.

* * * * *

Tropisch schwül sinkt die Nacht hernieder. Die ganze Welt ist in berauschenden Duft gehüllt. Wunderbare Schmetterlinge, schillernd in leuchtenden blauen und grünen Farben, durchgaukeln die Luft. Sternenklar ist der Himmel. --

Ich stand in meiner Kajütentür, lässig an den Pfosten gelehnt, bereit, zur Ruhe zu gehen. Auf dem Vorderdeck lagen die Auswanderer, die noch an Bord geblieben waren, schlafend zwischen ihren Kisten und Körben. Auf der Brücke war alles still. Plötzlich huschte eine Gestalt auf mein Bootsdeck die kleine eiserne Schiffstreppe hinauf, -- von einem dunkelen Mantel lose umhüllt, in leichtem Hemd, die Polin. Sie gleitet zu meinen Füßen nieder, umklammert meine Knie und bettelt um Liebe.

Die Nacht ist glühend schwül. Vom Urwald weht süßberauschender Duft herüber. Leise stampft die Maschine ihren Takt, -- oder ist es mein Herz? Das Blut siedet in meinen Adern, pocht in den Schläfen. Zu meinen Füßen fleht verführerisch das junge Weib. In all der Glut stehe ich wie aus Marmor. O, ich weiß es nur zu wohl, warum ich zitternd erstarre.

Plötzlich ertönt von der Brücke, leise und doch deutlich vernehmbar die Stimme des ersten Bootsmannes:

Es leuchtet ein Stern in Wintersnacht An des Himmels nächtiger Bläue. Er scheint in ewig strahlender Pracht; Es ist der Stern der Treue.

Im Moore das Irrlicht schimmert und winkt Und führt dich in Tod und Grauen, Doch folgst du dem Stern, der vom Himmel blinkt, So wirst du das Morgenrot schauen.

Schon mehrmals hörte ich das Lied von ihm in stiller Nacht, -- es ist sein Lieblingslied. Da kommt neues Leben über mich. Fast hart klingt meine Stimme: »Geh' in deine Kammer!« Mein Herz aber ist voll Mitleid. Ich fühle, wie die Arme von meinen Beinen sich lösen. Ich sehe, wie die dunkle Gestalt die Treppe hinabhuscht. Tief aufatme ich, als ob eine Last von mir genommen sei. Aber der Duft und die glutende Schwüle, -- haben sie mein Blut zum Sieden gebracht? Will es die Adern sprengen?

Wie ich in meine Kabine trete, um schlafen zu gehen, -- kaum habe ich die Tür hinter mir geschlossen, -- barmherziger Gott, -- was ist das? -- Weiche Arme umschlingen meinen Hals, glühende Küsse bedecken mir Mund und Augen: »meinen Sohn will ich von dir, -- einen blondgelockten!« -- Die Portugiesin! --

»Signora!« -- Schon habe ich mich befreit und halte die Zitternde an beiden Händen. -- »Seien Sie doch vernünftig! Wie könnte ich! Denken Sie an meine Lieben zu Hause! Die warten auf mich und brauchen mich! Und mein Weib! Und hätten Sie einen Sohn von mir, so müßte ich mit Ihnen gehen, -- denn mein Kind ließe ich nicht im Stiche.« -- »Ich will aber nicht vernünftig sein! So komm mit mir! Ich will meinen Sohn!« --

Es gelingt mir, mit der einen Hand schnell die elektrische Lampe anzudrehen, so daß ich ihr Auge ins Auge sehen kann. Gluten bedecken das schöne Antlitz. Da senkt sie beschämt die Lider. Das helle Licht verträgt der Glutenrausch nicht.

Sanft drücke ich die schlanke Gestalt auf einen Stuhl und gebe ihre Hände frei, in die sie schluchzend ihr Gesicht birgt.

Leise flüstere ich ihr in ihrer Muttersprache zu: »Signora -- der sächsische Offizier geht mit Ihnen, -- er hat mir gestern heimlich anvertraut, daß Sie es ihm angetan hätten. Er ist schön und stark und gut. Ehe Sie morgen alle von unserem Schiffe scheiden, will ich ihm Mut machen, daß er auf Gegenliebe hoffen dürfe! Er ist der Gatte für Sie, den Sie suchen, und den Sie brauchen. Als Sohn eines Rittergutsbesitzers ist er im landwirtschaftlichen Betriebe groß geworden. Selbst wenn ich frei wäre, paßte er besser für Sie, als ich. Und nun gehen Sie, damit Sie hier niemand findet, in so später Stunde!«

Ein glühender Kuß auf meiner Hand, -- ein leises Öffnen der Tür, ein Rauschen, wie von einem Frauengewande, -- war es ein Traum gewesen, -- ein Spuk der Tropennacht, vom Urwalde hergeflattert? -- -- --

Ich steige zur Kompaßbrücke hinauf, um unter freiem Himmel die Nacht zu verbringen. Hier oben weht milde, frische Luft.

Über mir schimmern die Sterne und erzählen funkelnd von der Pracht und Größe des Alls, von der der Nordländer sich keinen Begriff macht.

Die Allgewalt der Natur und die Kühle der Nacht bringen den erregten Nerven allmählich wieder Ruhe.

Anfangs freilich wogen Gedanken und Empfindungen noch wild gegeneinander: die Gedanken an daheim, -- an meine Lieben. Dann aber wallt das heiße Blut wieder auf, und das Bild der Portugiesin tritt dazwischen. Dann wieder war es mir, als ob ich das Lied unseres Steuermannes noch hörte, -- das Lied von der Treue. -- --

Und dann taucht in meinen Träumen neben der jungen portugiesischen Witwe plötzlich das Gesicht unseres braven Sachsen auf. Sein schönes, männliches Antlitz leuchtet siegesfroh. Mit zärtlichem Lächeln schmiegt sich das schöne Weib an ihn an. -- -- --

Nun drängt sich ein blondes Frauenantlitz durch die Sternenwelt über das Meer her, -- wie Abendsonnenglut leuchtet ihr Haar, -- ich höre den Jubel und das Geplauder der Kinder, -- meiner Kinder! -- -- --

Dann kam eine wunderbare Müdigkeit über mich. Ich rollte meinen Mantel zusammen, legte mich aufs Deck nieder, schob die Rolle ins Genick und schlief ein.

Wie ich am Morgen erwache, ist mir so wunderbar leicht, -- ich fühle mich so rein, so frei, so aufgelegt zu allem Großen und Schönen und Guten, -- wie ein Sieger! -- Das kommt, -- mein Herz ist frei von Reue, weil es Herrscher blieb über die Sinne.

Und dann denke ich an unseren Sachsen und die Portugiesin, und welch stattliches Paar sie abgeben werden, und denke an die Erfüllung der Hoffnungen dieser beiden jugendlichen Menschenkinder.

* * * * *

Eine frische Brise streicht über den Fluß. Ich muß einen Jauchzer hinausschicken in den vom Morgennebel dampfenden Urwald, der in majestätischer Ruhe an unserem Schiffe vorüberzieht.

Da quillt es aus meinem Herzen hervor, wie Jubelgesang lasse ich es in die frische Morgenluft hinausklingen:

Ich streue der Liebe Samen, Wie Eicheln der Eichbaum streut, Wie Stern' ohn' Zahl und Namen Die Sonne dem Weltall beut.

Ich streue der Liebe Blüten, Streu' sie ohn' Ziel noch Zahl; Möcht' jedes Herz behüten Vor Leid und Sorg' und Qual.

O Frühling, liebewarmer, Hätt' ich die Kräfte dein! So aber bin ich Armer Nur Staub im Sonnenschein!

Was ist das? Wie leises Echo schallt vom Kajütendeck ein portugiesisches Lied herauf, lockend, weich, schwärmerisch, selig:

+Nosso céo ten mais estrellas Nossas varzeas ten mais flores, Nossos bosques ten mais ares, Nossa vida ten mais amores!+

Ich kannte das Lied. Mein sterbender Bruder, der selbst auf seinem letzten Schmerzenslager sein schönes Brasilien nicht hatte vergessen können, hatte es mich kurz vor seinem Tode gelehrt:

Unsere Wiesen sind so voll Blumen, Und unser Himmel voll Sonnenlicht, Und unsere Büsche so voll von Vöglein, Und unser Leben voll glühender Liebe, Wie auf der Erde kein anderes nicht!

Weib, Weib, -- suchst du deinen Sohn, den König deiner Wälder? -- --

Auf dem unteren Deck höre ich den Marschtritt unserer Bootsleute, die zum Deckwaschen kommen. Halblaut klingt ihr Friesenlied zu mir empor:

Den Starken und Klugen gehöret das Recht Und den Feigen und Schwachen die Nacht, Sich selbst vernichten, nur das heißt schlecht, Sich selbst erhalten die Macht!

Das waren die Klänge, die mich nach der Sturmesnacht in der Biskaya aus schwerem Schlafe erweckten. -- --

* * * * *

Lichter wird der Tag. In flammendem Golde liegen die Wipfel der Urwaldbäume. Strahlend frohlockt der blaue Himmel der Tropen. Unaufhaltsam kämpft unser Schiff gegen die Fluten des Amazonas. Unendlicher Wald zieht an uns vorüber.

Endlich eine große Lichtung. Eine Anzahl Indianerhütten zeigen an, daß der Ort zur Niederlassung günstig ist. Mais- und Maniokafelder, Kakaoplantagen und Bananenpflanzungen, zahlreiche Gummibäume und dazwischen fette Weiden mit bunten Rindern, mit Pferden und Schafen, zeigen die reiche Fruchtbarkeit des Landes.

Hier ist der Platz. Rasselnd fährt unser Anker zu Grund. Eine kleine Dampfpinasse, die unsere Gesellschaft in Pará erstanden, wird zu Wasser gelassen, Werkzeuge und Waffen, Saatgut und Nahrungsmittel werden hineingeladen, und nun geht es ans Abschiednehmen. Oh, wie ist doch die Trennung so schwer, wenn man weiß, daß es nach menschlicher Voraussetzung eine Trennung fürs Leben ist. Und doch, -- die Seelen, die einmal ineinander geflossen sind, die Leid und Lust getauscht haben, für die gibt es keine Trennung, kann es keine Trennung geben.

Sanft errötend, die Augen schamhaft niedergeschlagen, reicht mir die junge Portugiesin die Hand zum Abschiede, ehe sie die Schiffstreppe hinabsteigt. Herzlich küßt mich unser Hexlein auf die Wange und raunt mir, schier triumphierend, zu: »ich glaube, wir haben unseren König an Bord.« Mit festem Händedruck grüßen wir Männer uns zum letztenmal. Sie werden ein neues Volk begründen. Vom Ufer her ein Winken, ein Tücherschwenken, und vorwärts dampft unser Schiff. --

Über die Baumkronen hin ziehen meine Gedanken. Ihr wird es schon gut gehen. Unser Sachse wird ihr ein trefflicher Gatte sein. Segen wird auf ihrem Bunde ruhen. Mein österreichischer Kollege wird ihr treu beistehen in schwerer Stunde. Unser Badenser Lehrer wird dem Kindchen ein treuer Führer sein. Der Freunde Liebe und Treue wird beide umgeben, solange sie leben.

Sehnsuchtsvoll ziehen meine Gedanken weiter über den Wald und das Meer, durch Sturm und Nebel bis in das Gartenland der Heimat, zum eigenen Herde, zu meinem Weibe, zu meinen Sieben, meinen starken blonden Jungen, meinen sinnigen Mädchen.

* * * * *

In die gelben Fluten des Amazonas mischen sich die schwarzen Wasser des Rio Negro. Das Flußbett weitet sich, und siehe da, mitten im Urwalde eine große, moderne Stadt mit Kirchen und Rathaus und Hospital und einem von stattlichem Säulengange umgebenen Theater, -- wie ein Traumbild liegt vor uns Manáos, die Hauptstadt des Waldlandes.

Kaum liegt unser Schiff an der aus mächtigen Quadern erbauten Kaimauer, drangt durch die Menge der an Bord Kommenden ein stattlicher Neger, schwarz wie Ebenholz, und ruft laut den Namen der jungen Spanierin, die von Lissabon mitgefahren war, um hier in Manáos auf die Heiratsannonce hin ihren Mulatten zu freien. Er stellt sich ihr vor, er sei der Gesuchte. »O nein,« ruft sie entsetzt, »ein heller, ganz heller Mulatte solle es sein, so stände es im Kontrakte.« Da fletscht der Neger grinsend die elfenbeinweißen Zähne und antwortet mit höhnender Verbindlichkeit: »Jawohl, Signora, -- aber er ist ein bißchen dunkel ausgefallen.« Dem jungen Weibe schwinden die Sinne. Wir versuchen zu intervenieren. Triumphierend zeigt der Neger seinen Kontrakt. Da ist nichts zu machen, weder mit List noch mit Gewalt. Wie ein gekauftes Stück Vieh zieht er die Willenlose mit sich fort. Mir aber fielen die Tausende von Mädchen und Frauen in der Heimat ein, die sich zwecks Versorgung für die Ehe verkaufen, -- oft genug an Männer, deren Haut zwar weiß ist, deren Seele aber an Gemeinheit schwärzer ist, als die Haut jenes Negers.

Am folgenden Tage war Kaisers Geburtstag. Ich hörte auf der Straße, wie ein paar Brasilianer sich über die Feier zu Ehren unseres Kaisers unterhielten und lachend sagten: »Da betrinken sich die Deutschen wie die Schweine und rufen Hurra. Das nennen sie Vaterlandsliebe.« Ich fühlte, wie ich rot wurde bis unter meinen Panama. -- --

Im deutschen Klub zuerst allgemeines Entsetzen, als mein Kapitän und ich statt des üblichen Bieres Sauerbrunnen bestellten, das Kaiserhoch in Sauerbrunnen tranken. Aber kein Mensch betrank sich bei der Feier. Zum ersten Male seit Bestehen der deutschen Kolonie waren alle nüchtern. Und -- so schön sei es noch nie gewesen, behaupteten alle.

Nur später hatten zwei deutsche Jünglinge sich doch noch einen Rausch angetrunken. In dem durch das Bier erzeugten obligaten Größenwahne hatte der eine sich als »Reserveoffizier« aufgespielt, während er nur das Examen für den Einjährigen-Dienst bestanden hatte. Der andere, der davon wußte, hatte ihn Schwindler geschimpft. Das Ende vom Liede war eine solenne Keilerei zum Gaudium der Brasilianer, der Neger und Mulatten.

Könnte man unseren deutschen Studenten, Offizieren und Stammtischphilistern doch einmal, wenn sie nüchtern sind, im Spiegel zeigen, welch lächerliche und klägliche Rolle sie unter dem Banne von Bacchus und Gambrinus dem Nüchternen bieten. Und wieder fing ich das Wort aus Negermund auf: »Deutsche Schweine.« Ich tat, als hörte ich es nicht. Denn die beiden mit Kot besudelten Trunkenen lieferten dem Sprecher den Beweis der Wahrheit.

So untergraben unsere Landsleute draußen in der Fremde das Ansehen des deutschen Namens nur zu oft durch eine einzige Unbesonnenheit zehntausendmal mehr, als je der Paradeprunk und der Kanonendonner unserer Kriegsschiffe wieder gutmachen können. --

Vielfach hörte ich unsere Landsleute klagen, daß die Engländer ihnen das Geschäft verdürben. Als ich aber sah, wie die Deutschen beim Bier oder Soda mit Whisky über die Hitze stöhnten, während die Engländer unter der strahlenden Sonne ihr Fußballspiel trieben, wußte ich den Schlüssel zu der Frage, woher die angelsächsische Rasse uns draußen in der Welt so oft den Rang abläuft.

Im Hospital für die Gelbfieberkranken lernte ich in seinem Laboratorium einen englischen Arzt, +Dr.+ Jonas, kennen, der von der englischen Regierung dorthin geschickt war, um diese mörderischste aller Tropenkrankheiten zu studieren. Er hatte in München von den deutschen Studenten das Biertrinken gelernt und hier in Brasilien zweimal bereits das Fieber gehabt, beide Male war er wie durch ein Wunder gerettet, -- vielleicht, daß er von seiner früheren Nüchternheit, die er in England, ehe er nach Deutschland kam, geübt hatte, noch Schutzkraft in sich trug, die den Tod fernhielt.

Bei ihm arbeitete unter dem Namen einer Baronin von R. eine Fürstin deutscher Abkunft. Die Mutter stammte aus einer alten jüdischen Familie. Sie war fast in der ganzen Welt herumgewesen, in Indien, um die Cholera zu studieren, in Afrika, um die Schlafkrankheit zu erforschen, eine tapfere, kluge, energische Frau, die mir in ihrer zweifachen Abstammung wie die Verkörperung der aus deutschem Adelsgeiste und dem hygienischen Instinkte eines Moses entsprossenen Hygiene erschien.

Sie lehrte mich, immer tiefer in die Wunder der Tropen einzudringen. Die Urubus, die Aasgeier des Urwaldes, sie wurden zu richtigen Gesundheitsbeamten, die jeden Kadaver in den Straßen der Stadt sofort beseitigten, auf dem Marktplatz die Abfälle der Schlachter, am Ufer des Stromes die Eingeweide der Fische, die die Fischer beim Ausnehmen der Wasserbewohner achtlos beiseite werfen. Neben den Indianern, die auf dem Markte die Riesenschildkröten schlachteten, hockten sie zu Dutzenden, und sogen selbst das Blutwasser mit ihren Schnäbeln aus dem Sand und Kies heraus. Und was sie übrig ließen, beseitigten im Nu die flinken Ameisen und Milben, alles Tote, was vielleicht Fäulnis und Krankheitsherd werden könnte, in neues Leben verwandelnd. Überall Weisheit, überall Liebe, wohin das Auge sah! Überall Leben!

An den Ufern des Flusses hockten als Gesundheitspolizei Scharen prächtig braun gefiederter Cingunas, deren Beute aus den toten Fischen und Tierkadavern bestand, die sonst den Strom verpesten könnten. Wahrlich, man sollte einmal bei ihnen unsere deutschen Behörden in die Schule gehen lassen, damit sie hier aus dem Buche der Natur lernen, wie wichtig es ist, die Flüsse rein zu halten.

Weisheit, wie bist du voll Liebe! Liebe, wie bist du weise! Wenn nur die Menschen nicht so unweise und oft so lieblos wären!

* * * * *

Die Fürstin verabredet mit mir, sobald ich nach dem Abschlusse meiner Fahrt aus dem Gebiete des Waldlandes zurückgekehrt sei, die gemeinsame Heimreise.

Mein Kollege, der zu Studienzwecken nach Europa gehen und mich auf meinem Schiffe für die Rückfahrt als Arzt vertreten wollte, war zur Stelle.

So nahm ich denn Abschied von meinem Schiffe, -- von der Welt, -- nein, nur von der Welt, die mir bislang die Welt gewesen war. -- -- --

* * * * *

Und nun ging es weiter, immer weiter in das Waldland hinein, nur begleitet von meinen beiden indianischen Führern. Urwald auf beiden Seiten. Von den Ufern neigen üppige Blattpflanzen ihre sattgrünen Blätter in die graugelben Fluten. Aus dichtem Unterholz von wilden Kakaobäumen und zu schier undurchdringlichem Dickicht verwachsenen Schlingpflanzen erheben die Umbrula ihre schlanken weißen Stämme, die sich die Faultiere mit Vorliebe zu ihrem Aufenthalt ausersehen. Hin und wieder schimmert die birkenähnliche Rinde eines Gummibaumes durch das Gebüsch. Hochragende Palmen, überladen mit großen Büscheln rotbrauner Nüsse, drängen sich aus dem Gewirr der Schling- und Blattpflanzen empor. Große gelbe Blütenkelche, Stauden, mit rosa Blüten übersät, leuchten aus dem märchenhaften Grün. Wie eine unendliche grüne Wand, die eine fremde Zauberwelt umschließt, immer wieder die gleichen Formen in immer neuer Abwechslung zeigend, ziehen die Ufer an unserem Auge vorüber. Der seltsam fremdartige, süß aromatische Duft, der dem Walde mit seiner Blütenpracht und seinem Blütenreichtum entströmt, wird immer berauschender.

Aber was ist das? Kaum haben wir den Fuß wieder auf eine Stelle der Kultur gesetzt, da geht das Elend wieder los: durch Branntwein vertierte Indianer, die Mädchen und Frauen mit Syphilis durchseucht, das Wasser des Flusses vergiftet durch Unrat. Typhus und Ruhr dezimierten die Menschen neben tropischen Fiebern. Aber all dieses Elend drückte mich nicht mehr nieder, wie einstens; ich hatte den Schlüssel, hatte das Zauberwort gefunden, all dieses Elend aus der Welt zu schaffen.

Ein junger Hamburger, groß, breitschultrig, mit blauen Augen und blondem Haar und Bart, äußerlich der Typus eines kraftvollen Niedersachsen, hatte all dieses Unheil aus seiner Vaterstadt mitgebracht. Sein Vater hatte eine Destillation besessen und sich mit dem Ausschank von Branntwein an die Hafenarbeiter ein Vermögen erworben. Nun vergiftete der Sohn mit dem nämlichen Gifte die Kinder des Urwaldes, die Indianer. Von seiner Vaterstadt her war er gewohnt, daß die Kloaken in die Elbe gingen, und daß die Menschen dieses verschmutzte Wasser wieder tranken. So war ihm der Sinn für Reinlichkeit, die Mutter aller Gesundheitspflege, abhanden gekommen. Was Wunder, daß er die Unsitte der Vaterstadt auf die neue Heimat übertrug! Mit der gleichen Gewissenlosigkeit verseuchte er mit seiner ekelhaften Krankheit, die er von Hamburg mit herübergeschleppt hatte, die indianischen Mädchen, die sich nur zu gern dem blonden Recken ergaben.

Und hier lag der Schlüssel. Nicht in der Natur des Landes wurzelte all dieses Unheil, -- einzig und allein in den Menschen selbst. Die Natur ist vollkommen, wohin wir kommen, -- wir, wir selbst sind die Träger alles Unheils, wir Menschen. Die Menschen müssen anders, besser, größer werden! Wir müssen neue Menschen werden! Das ist die Aufgabe der neuen Zeit, unserer Zeit! -- --

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Immer mehr versanken Heimat und Erinnerung im Märchenzauber der Tropen. Ich ward eins mit der Natur. Ich vernahm ihre Stimme und lernte sie verstehen, immer mehr, immer klarer und deutlicher, -- mir war es, als würde ich selbst wieder Kind, wieder ein Stück Natur, und in ihr wurde ich wieder ruhig und stark, -- ruhiger, stärker, ja, ich glaube, besser, größer, als ich je gewesen.

Ich fühlte, wie die Blumen und Tiere uns verwandt waren, ich lernte ihre Sprache verstehen, verstand die Seelen der Blumen und der Tiere, die mir Geschwister und Freunde wurden, wirkliche Geschwister und Freunde. Mir war es, als ob ich mit meinen Füßen im Erdreiche wurzelte, neue Kräfte aus dem Boden trinkend. Ich verstand die Sprache der Sonne, die mich durchglühte.