Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden

Part 23

Chapter 233,645 wordsPublic domain

Die Wilden, zu denen wir kamen, die als blutgierig und grausam galten, waren wie Kinder, und ich mit ihnen wie ein Kind. Sie hatten nur, wie jedes Tier, jedes Pferd, jeder Hund, wie jedes Kind, ein unendlich feines und doch starkes und gesundes Gefühl für Gerechtigkeit und vergalten die Herzlosigkeit und Grausamkeit der Weißen, da sie Christi Lehre nicht kannten, nach dem Urgesetze: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Ich aber fühlte mich im Paradies, zeitlos, restlos. Aus der Enge hatte ich zur Weite gestrebt. Hier hatte ich die Weite, die unendliche Weite, voll von Leben bis in das kleinste. In diesem Sichausweiten bis ins Unendliche liegt der Fortschritt für uns Menschen. Daher der Drang nach der freien Natur. Dieses Sichausweiten ist Befreiung, ist Genesung, ist Leben, -- es ist der Sinn des Lebens. Und ich lebte.

So floh die Zeit dahin, wie ein Traum, ein märchenhaft, wunderbar schöner Traum.

* * * * *

Auf Umwegen gelangten wir endlich nach Iquitos. Hier trafen wir mit unserem Rheinländer wieder zusammen. Wir hatten genug gesehen. Er in Argentinien und Bolivia und in Südbrasilien, ich in Nord- und Mittelbrasilien. Hier lag Land, nicht für ein neues Volk, -- für neue Menschheiten, unermeßlich weites, fruchtbares Land. Kommt nur, ihr Ingenieure, und baut hier Bahnen! Strömt herbei, ihr Völker, baut, pflanzt, liebt euch, und Weltgeschichten könnt ihr hier erleben, ohne euch drangen zu müssen, wie in dem kleinen Europa! -- --

Und nun heim! Flußabwärts! Zurück zur Heimat! Helfen, unserem Volke helfen, der Menschheit helfen, neue Menschen werden: größer, reiner, besser, kraftvoller, als bisher!

In Manáos trafen wir wieder unser Schiff, das zur Abfahrt bereit lag. Am letzten Abend gingen mein Kapitän und ich an Land, um noch ein paar Stunden mit den dortigen Deutschen zu verbringen. Wir saßen nach Landessitte in einem der offenen Cafés. Die Nacht war wunderbar milde und sternenklar. Den blauen und grünen großen Nachtfaltern gleich huschten und tänzelten leichtgekleidete Sirenen von der Straße in das Lokal, ließen sich hier und dort nieder, girrten und lockten, bis sie sich ihren Gimpel gefangen hatten.

Das Gespräch kam auf die Polin. Sie war bald erkrankt ins Hospital gekommen und dort durch die Moskitos mit gelbem Fieber infiziert, dem sie dann schnell erlag. Vielleicht war es gut so.

An dem Nebentische saß ein Brasilianer, der sich durch verschwenderisches Bestellen von Sekt bemerkbar machte. Mein Nebenmann stieß mich an und raunte mir zu: »Der Kerl da war ein Hauptkunde der Polin. Er versäuft hier sein Vermögen und seine Gesundheit. Es ist eine Schande!« Ich sah mir den Burschen näher an. Auf der Stirne trug er das Kainszeichen seines lasterhaften Lebens. Nicht lange darauf stand er auf und zog schwankend mit einem jener buntbeflirrten Nachtfalter ab, die unsere Tische umgaukelten.

* * * * *

Unser Schiff lag fertig zur Abfahrt. Die Matrosen holten die Taue ein. Der Maschinist stellte bereits auf langsam rückwärts, damit wir vom Kai loskamen. Plötzlich erschien auf der Kaimauer die Spanierin, ein dunkles Mulattenkind auf dem Arme, in Begleitung des heftig redenden und gestikulierenden Negers. Ich hörte, wie sie sagte, sie wolle nur dem Dampfer ein letztes Lebewohl mit ihrem Taschentuche zuwinken, er möge einen Augenblick das Kind halten. Kaum hielt der Neger seinen Sproß auf seinen Armen, als die Spanierin wie eine Gazelle auf unser Schiff losflog. Schon hatte sich der Rumpf des Schiffes vom Rande der Mauer gelöst. Aber mit der Kraft der Verzweiflung wagte sie den Sprung. Vier kräftige Arme griffen zu und zogen sie vollends aufs Schiff. In diesem Augenblicke kam der Dampfer frei, und »Voll Dampf voraus« zog er majestätisch den Strom hinab.

Einen Augenblick hatte der Neger wie versteinert, das Kind auf dem Arme, dagestanden. Dann brüllte er auf, wie ein verwundeter Tiger. Wütend warf er in weitem Bogen das Kind hinter dem Schiffe her, hinab in den strudelnden Strom, in dessen gurgelnden Wogen es sofort verschwand. Er schrie, fluchte, raufte sich die Haare und schäumte vor Raserei. In diesem Moment kam der Brasilianer, den wir am Abend vorher im Café getroffen hatten, auf die Brücke, lächelnd, trippelnd. Umstehende hatten ihm wohl kurz von der Liebestragödie des Negers erzählt. Lachend trat er an den Neger heran, ihn offenbar mit höhnendem Witze noch hänselnd, da, -- ein Aufschrei, -- wie ein rasendes Tier hatte sich der Neger auf den Unbesonnenen gestürzt, froh, ein Opfer zu haben, an dem er seine Wut auslassen konnte, -- ein kurzes Ringen, -- ein Aufklatschen im Wasser, und gurgelnd schlossen sich die Wogen des Amazonas über den Körpern der beiden Unseligen.

Sekunden nur hatte die ganze Tragödie gewährt. Vor Entsetzen starr hatten die Zuschauer am Hafen gestanden, starr hatten wir vom Schiffe aus das Entsetzliche mit erlebt. Jetzt ging es wie ein Aufatmen der Erleichterung durch uns alle. Es war, als ob die Verkommenheit und die Bestialität sich gegenseitig dem Untergange geweiht hätten.

Unsere Spanierin war von einer leichten Ohnmacht befallen, die sie später das Ende dieser furchtbaren Tragödie ihres Lebens nicht in der vollen Grausigkeit erinnern ließ.

* * * * *

In Manáos hatte mich seit meinem Verweilen in der Wildnis die erste Post aus der Heimat erreicht. Meinem Weibe und meinen Sieben ging es gut, -- das war die Hauptsache. Die übrigen Briefe und Zeitungen hatte ich mit an Bord genommen, um sie hier in Muße zu lesen. Was war alles geschehen in der kurzen Zeit! Der König von Portugal ermordet, sein Sohn, der Kronprinz, ermordet! Wahrlich, -- die Revolutionäre hatten gründlich gearbeitet.

Schlechte und Gute mäht der Tod. Mein lieber, guter Freund, Prinz Emil von Schönaich-Carolath, ist nicht mehr. Der Mensch, der die Güte und Liebe selbst war! Das tut weh, -- so weh, als ob im März die Sonne sich plötzlich verbirgt, und nun die Frostluft uns doppelt empfindlich erschauern läßt. So weh tat es damals, als der Sonnenmensch von Egidy von uns ging, dieser Mensch, dessen Herz von Liebe zu den Menschen überfloß.

Doch da, -- was ist das? Wellenringe des Geistes, die da zeigen, daß das Gute nicht mit dem Tode untergeht, sondern weiterwirkt im Geiste der Liebe, wie die Sonne nach Millionen von Jahren in der Steinkohle uns Wärme gibt, -- ein Brief von meinem Maurer, dem verketzerten Sozialdemokraten, -- mit einer Nummer vom Hamburger Echo: er wisse, wie warm ich den Prinzen als Freund und Mensch verehrt habe, und deswegen glaube er, daß es mir eine Freude und Genugtuung sein werde, zu sehen, daß auch in seinem sozialdemokratischen Parteiblatte, dem Hamburger Echo, diesem edlen Menschen, obwohl er ein Prinz sei, vollste Gerechtigkeit in einem warm gehaltenen Nachruf widerfahre. Er kenne die ganzen Schriften von diesem adligen Dichter und liebe sie, er habe sie sich alle angeschafft, und seine Frau und seine Freunde läsen sie auch gern. Und nun wünsche er mir baldige glückliche Heimkehr. --

* * * * *

Bei strahlendem Sonnenscheine waren wir abgefahren von Manáos. Während ich in meiner Kabine saß und las, hatte ich nicht bemerkt, wie am Horizonte schnell eine dunkle Wolke hoch stieg, und sich alsbald der Himmel verfinsterte. Plötzlich war tiefschwarze Nacht. Dicke Tropfen fielen, die Vorboten des Urwaldgewitters. Schon rauschte es vom Himmel in Strömen. Unsere indianischen Lotsen hatten die Maschine abstellen lassen und lagen, wie zwei Raubtiere, mit funkelnden Augen am Steuer, auslugend, daß sie sich beim Aufblitzen des Wetterleuchtens im Fahrwasser des Stromes hielten. Die zahlreichen Wracks, die wir auf der Hinfahrt im Uferschlamme des Urwaldes halb vergraben hatten sitzen sehen, waren Mahner genug zur äußersten Vorsicht.

Und nun ein grelles Aufleuchten, als ob der ganze Wald in Flammen stände! In helleuchtendem Violett erstrahlten plötzlich die Blätter auf den Wipfeln der Bäume. Sekunden nur. Dann ein Krachen und Donnern, als ob die Erde bersten und uns verschlingen wolle. Tiefschwarze Nacht. Tosendes Rauschen des Wolkenbruches. Ein neues Flammenmeer, gelb dieses Mal, betäubendes Krachen, -- Sekunden nun schwarze Nacht, nun in leuchtendem Blau der ganze Wald, rauschendes Plätschern, Blitz um Blitz, Donner um Donner, -- ein wunderbar majestätisches Schauspiel. -- --

Ich vergaß, wo ich war. Zeitlos ward mir die Zeit. Lautlos, langsam glitt unser Schiff, von den Fluten getragen, stromabwärts.

Zum Strome der Zeit ward mir der Strom, auf dem wir dahintrieben. In Nacht versunken lag mir die Menschheit. Blitz auf Blitz erhellte ihren Schicksalslauf, warnend, führend. Hier eine Sandbank, dort die Ufer mit ihren Gefahren, ihrem Schlamm, ihren Steinen. Könige und Fürsten sanken dahin, dieser infolge der Tafelfreuden, jener durch Mörderhand, emporgewachsen aus dem Elend des Volkes. Haben die Blitze euch nicht gelehrt, wohin ihr steuert, ihr Könige? Hattet ihr die Sonne vergessen, die allein Licht, Leben schafft, -- die Liebe?

Kriege kamen und mähten die Völker nieder. Haben sie euch nichts gelehrt, ihr Könige, ihr Völker? Seuchen kamen, und wie Gras, das der Präriebrand frißt, starben die Menschen! Fünfzehntausend an einer Cholera, -- weißt du es noch, du stolzes Hamburg? -- Hunderttausende an Schwindsucht und Typhus im herrlichen Deutschen Reich, jämmerlich, elend! Und Kloaken gleich fließen unsere einst so reinen Flüsse im Vaterlande dahin. Niederem Gewürm gleich, zu Knäulen zusammengeballt, hausen die Menschen in euren steinernen Gefängnissen und siechen dahin! Schlaft ihr klugen Geheimräte und ihr Professoren? -- In Nacht liegt die Menschheit, in finsterer, schwarzer, schweigender Nacht der Selbstsucht und der geistigen Blindheit, und die Seufzer und Tränen der Millionen klingen zusammen, wie das strömende Rauschen des Wolkenbruches.

Aber die Nacht währt nicht ewig, wie der Schlaf und der Tod nicht ewig währen. Ewig ist nur die Sonne und die Liebe.

Das Rauschen wird gelinder, von fernher leuchtet hier und da noch ein Blitz, -- der Donner wird zu fernhin verhallendem Grollen, -- lichter wird der Himmel. Endlich, endlich, was wir bänglich ersehnten, der Tag bricht wieder durch. Strahlend steht die Ewige wieder am Himmel. Sonne, du Allbezwingerin, Sonne, du alles Schaffende, Liebe, du alles Erhaltende, sei uns gegrüßt!

Da durchströmt es mich wie neues, warmes, pulsierendes Leben, wie neue, treibende, schaffende Kraft! Es ist, als ob der Blick nie so weit, die Kraft nie so groß, die Liebe zu den Menschen nie so warm gewesen sei, wie jetzt: Liebe muß die Nacht besiegen, Arbeit, nie rastende Arbeit die Menschheit vorwärts bringen!

Weiter, immer weiter wird der Blick, immer heller liegt mir das Ziel, wie weithin der Wald in flammendem Sonnenlichte: Der Kampf gegen den Trunk wird zum Kampfe gegen alles Niedrige, Gemeine, gegen alles Unglück und Elend der Menschen! Er wird zum Kampfe für die Gesundheit unseres Volkes, für das Schöne und Reine, für alles Gute und Große! Der Kampf gegen das Zusammendrängen der Menschen in den Städten, den Massenquartieren, er wird zum Kampfe gegen Selbstsucht und Habsucht, gegen alles Enge und Kleine, zum Kampfe für den eigenen Herd, für die Familie, die Ehe! Und der Kampf gegen die Verpestung der Flüsse, er wird zum Kampfe für die Erhaltung der Heimat, zum Kampfe für die Reinhaltung unserer Sitten, unserer Kunst, zum Kampfe für die geistige Reinheit unseres Volkes, zum Kampfe für die Menschheit! Für diesen großen Dreikampf das Leben einzusetzen, das heißt leben! Nun komm, Tod, wann du willst, -- ich hab' gekämpft und kämpfe, bis du kommst! -- mir ist es einerlei, -- ich hab' gelebt! -- Ihr Wellenringe, werdet frei! -- -- --

Ja, stampf' nur, Maschine, -- dein Eisenton gibt mir den neuen Takt zu neuem Leben! Auf zu neuem Kampfe, zu neuem Schaffen und Ringen! Auf zur Heimat!

* * * * *

Jubelnder Zuruf weckte mich aus meinen Träumen. Vor uns lag die Kolonie unserer Freunde. Aber welche Veränderung hatte hier stattgefunden. Weithin war der Urwald gelichtet. Schmucke Blockhäuser, wohin man sah, umgeben von Bananen- und Orangenhainen, üppigen Maisfeldern, dazwischen saatgrüne Weiden mit wohlgenährtem Rindvieh, zahlreichen Pferden und Schafen, das ganze ein Bild blühenden Wohlstandes.

Unsere Freunde waren mit der Pinasse längsseits des Dampfers gekommen, der die Maschine gestoppt hatte und langsam stromab trieb. Während sie stolz und frohlockend berichteten von ihrer Arbeit, ihren Erfolgen, stand am Ufer jenes schöne Weib hochaufgerichtet, ein Bild strahlender Gesundheit, in den erhobenen Händen ihr Knäblein haltend, braun von der Sonne, mit dunkelblonden Locken. Und neben der glücklichen, jungen Mutter fest und glücklich unser sächsischer Freund von der Ausfahrt.

Mich aber erfaßte ein heiliger, beseligender Schauer, -- ich sah den Gedanken Wirklichkeit geworden, Mensch geworden: sah den germanischen Stamm, wie er das Volk der Romanen zu neuem Leben erweckte, dieses herrliche, weite Land neuer Menschheit erschließend.

Hier durfte ich nicht bleiben, soviel mich auch hinüberzog an das verlockende Ufer. Die Pinasse löste sich vom Schiffe, -- ein Tücherschwenken, ein Händewinken, -- und stampfend sang die Maschine ihr »Vorwärts zur Heimat!« Lange stehe ich noch auf Deck und schaue in der Richtung der im Urwaldzauber verschwindenden Kolonie. Da höre ich über mir unseren Steuermann leise ein Lied singen:

Es blüht eine blaue Blume In fernem Märchenland An schroffem Berggehänge An stillem Meeresstrand.

Und wer die Blume findet, Kehrt nimmermehr zurück, -- Vergessen ist die Heimat Und alles vergangene Glück!

Der Blume Duft bezaubert Den Wanderer Tag und Nacht. Die Welt liegt ihm versunken, In blauer Märchenpracht.

Ich hab' am Meeresstrande Die Wunderblume gesehn, Leb' wohl, du Welt, du Heimat, Es ist um mich geschehn!

Da schüttelte ich den Zauber von mir. Mich erwarten andere Aufgaben: andere Liebe! anderer Kampf!

Mit Volldampf eilt unser Schiff, von der reißenden Strömung getragen, flußabwärts. Eilends zieht der Wald an uns vorüber. Orangerot geht die Sonne hinter dem Urwalde unter. Gegen Norden lagert violettes Gewölk über den Wipfeln der Bäume, -- düster starrt von beiden Seiten der Wald auf unser Schiff. Die Flußarme erweitern sich, -- eine frische Brise weht von Osten uns entgegen, -- Seeluft, -- nur noch achtzig Seemeilen von der Küste. Die drückende Schwüle ist verschwunden. Wie ein Traum in farbenprächtiger Erinnerung liegt hinter mir das Erlebte. Im Dunkeln flimmern die Lichter von Boa Vista auf, einer größeren Niederlassung. Von den Gärten und den Booten, die im Dunkel des Dickichts versteckt lagen, steigen uns zu Ehren Raketen leuchtend zum nächtlichen Himmel empor, -- über uns hellschimmerndes Sternengeflimmer auf dunkelblauem Grunde. Wie ich einsam oben auf der Brücke stehe, ist es mir, als hörte ich es leise, lockend aus dem unendlichen Waldrevier ertönen:

+Nosso céo ten mais estrellas, Nossos varzeas ten mais flores, Nossas bosques ten mais vida, Nossa vida ten mais amores+ -- -- --

* * * * *

In Pará gab's fieberhafte Arbeit. Unaufhörlich hob der Kran die schweren Kisten mit dem kostbaren Gummi auf unser Schiff, daneben Bananen, Orangen, Paranüsse, Mais, Erze und Felle: -- mit reicher Rückfracht kehrten wir heim.

Im Hospital, wohin ein Bote mich rief, da ein Schwerkranker mich zu sprechen wünschte, fand ich unseren Weinhändler aus Bordeaux. Das gelbe Fieber hatte ihn gründlich gepackt gehabt. Die Ärzte hatten erklärt, er könne nur noch Genesung hoffen, wenn er unter sorgsamer Pflege nach Hause transportiert würde. Matt und abgezehrt lag er da. Auf sein Flehen ließ ich ihn mittels Tragbahre auf unser Schiff schaffen und bereitete ihm auf Deck ein bequemes Lager. Dankbar faßte er meine Hand und sprach: »Sie haben nur zu recht gehabt mit Ihren Lehren. Ich wollte, ich hätte Ihnen früher geglaubt. Aber Sie sollen noch Ihre Freude an mir erleben.«

Unter anderen Passagieren nahmen wir in Pará noch einen reichen Nordamerikaner mit seiner Tochter auf, ferner eine Dame englisch-deutscher Abkunft, eine Miß Cantack, und einen deutschen Grafen, der mittellos nach Südbrasilien gekommen war und hier die Tochter eines reichen Großgrundbesitzers geheiratet hatte. Auch unsere beiden ungarischen Juden reisten wieder mit zurück, beide sehr kleinlaut. Der eine war krank, dem anderen hatte in Buenos Aires eine internationale Schöne in einer Schäferstunde beim Glase Sekt seine gesamte Barschaft abgenommen. Nun schimpften beide weidlich auf die »Weiber« und waren doch nur betrogene Betrüger.

Im Zwischendeck fand ich unseren Teppichhändler aus Beirut wieder. Er hatte alle seine singenden Teppiche verkauft und kehrte nun mit vollem Beutel in die Heimat zurück.

In seiner Begleitung befand sich ein alter Neger, der schwer lungenkrank war. Er wollte zurück um jeden Preis, um in der Heimat zu sterben. Dabei quälte ihn arge Todesfurcht. Ein Neger nur, ein einfacher Neger, und dabei doch so voll Seele und Empfinden, daß sein ganzes Trachten danach ging, einmal die Heimat noch wiederzusehen, nur einmal noch die Stätten seiner Kindheit, die Palmen seines Landes, -- und dann in ihrem Schatten sterben.

Auch einige von unseren spanischen Auswanderern, die mit uns hinausgefahren waren, kehrten mit zurück. Die einen, um sich ihr Bräutchen nachzuholen, die anderen, die schnell reich geworden waren, um sich in der alten Heimat niederzulassen; andere aus Heimweh. Ihnen schloß unsere junge Spanierin sich an, und es schien mir, daß sie in nicht zu langer Frist den richtigen Ankergrund für ihr Herzensschifflein gefunden hatte.

Neue reiche Post kam an Bord. Und dann ging es fort vom sonnigen Wunderland, den Paráfluß hinab, an dem alten kleinen portugiesischen Kastell vorbei mit seinen zwei nackten Soldaten, die wiederum zum Flaggenhissen erst gelangten, als unser Dampfer bereits vorbei war, weil der eine sein Hemd und der andere seine Hose nicht gleich finden konnte, immer weiter flußabwärts, dem freien Ozean entgegen.

Der süße berauschende Duft wich wundervoll kräftiger Seeluft. Schäumend mengten sich die gelben Fluten des Paráflusses und des Amazonas mit den blauen Wogen des Atlantischen Ozeans. Dort in der Ferne Kap Salinas. -- Leb' wohl, du großes, freies, herrliches Land, -- leb' wohl, leb' wohl! Mögen meine Enkel in dir eine neue sonnige Heimat finden!

* * * * *

Silbern und kornblumenblau schäumten und spritzten am Bug hochauf die Wogen. Ein scharfer Nordostpassat trieb sie gegen das Schiff. Hart arbeitete die Maschine.

Ich saß in meiner Kabine und studierte meine Post. Obenauf hatte der Kapitän mir eine offene Postkarte, adressiert an den Balten, gelegt: ein Freund schrieb ihm, er sende keinen Brief, weil ein solcher doch nur abgefangen und nicht in seine Hände gelangen würde. Volk und Regierung in Rußland verständen sich ebensowenig, wie je. Er möge nicht erschrecken, hielte es aber doch für seine Pflicht, ihm mitzuteilen, daß die Leiche seines Weibes, eingebettet in das Eis der Newa, beim Aufbruche des Flusses im Frühjahre aufgefunden sei.

Unwillkürlich gedachte ich der Symbolik unseres Hexleins. Mir war es, als sähe ich die Regierung Rußlands, ohne Liebe zum Volke, zu Eis erstarrt, zugrunde gehen, und mit ihm das ganze, einst so mächtige Reich. Und von Rußland hatte der große Napoleon einst das Heil der Welt gehofft und prophezeit! Hatte ihn die Größe geblendet? Hatte er, der nur die Liebe zum Ruhme besaß, aber keine zu den Menschen, übersehen, daß in Rußland keine Kultur entstehen konnte, da die Liebe fehlte, die Liebe zwischen den herrschenden Klassen und dem großen Volke? Heute würde auch er kaum noch das Heil der Welt vom großen -- unheiligen Rußland erwarten! --

Wie pulsierendes Leben muteten mich zwei andere Briefe aus der Heimat an. Der eine war von meinem treuen Mitarbeiter im Bauverein, Drazdak. Mein Plan, den ich ihnen vor meiner Abreise hinterlassen, die Heide und den Wald der Spekulation zu entreißen, sei gelungen. Hundert neue Häuschen mit Garten seien nach meinen Angaben erbaut und bezogen, ein fröhliches Gewimmel betriebsamer Männer und Frauen, jubelnder Kinder. Nur in dem einen Dorfe seien die Bauern noch rückständig, aufgestachelt von einem reichen Städter, der sich dort einen Luxushof gekauft, und nun mit mammonistischem Raffinement sich ausgerechnet hätte, daß wir ihm fein zu einem Wege durch sein Moorland verhelfen könnten. »Wir sollten in der Heide, die zu dem Dorfe gehörte, nicht bauen, es sei denn, daß wir eine Chaussee durch die Heide legten.« Das fehlte noch, mit den Arbeitergroschen dem reichen Herrn sein Moorland in Baugrund umwandeln!

Heftig stampft das Schiff gegen den Nordostpassat. Eisern singt die Maschine ihr »Vorwärts«.

Das wird Kampf kosten! Prozesse und Eingaben bei der Regierung bis ans Ministerium. Gott sei Dank, daß in Berlin Männer sitzen, die noch den Begriff der Gerechtigkeit kennen. Mehr als einmal haben wir dort unser Recht bekommen, das die unteren Behörden uns weigerten. Schimpfen auf die Sozialdemokraten können sie, aber sie züchten sie künstlich und gründlich mit ihren Härten und Ungerechtigkeiten. -- --

Brauchst mir kaum Mut zuzurufen, mein treuer Freund im Amte, -- ich gebe doch nicht nach, und wenn diese Kurzsichtigen mir für meine Armen auch noch so viel Schwierigkeiten machen. Den Prozeß der armen Brotträgerin, der der Vogt die Invalidenkarte zerrissen hatte, weil sie angeblich nicht versicherungsberechtigt war, die Karte, die ich ihr geschenkt, und die ihren ganzen Trost für Alter und Arbeitsunfähigkeit bildete, -- den haben wir auch gewonnen in letzter Instanz. Herr Gott, gib unseren Vögten und Räten nicht nur Verstand, sondern auch Liebe, damit sie nicht so viele Dummheiten machen und immer wieder Petroleum ins Feuer gießen!

Und da ein langer Brief von Br. Asmussen über den Stand unserer Guttemplerbewegung! Fein ist all der Same aufgegangen, den wir gestreut. In Hamburg-Altona und Schleswig-Holstein ist unsere Hochburg. Tausende kennen das Wahrzeichen des Glases Wasser als Symbol für die Tat, für die Freiheit von törichtem Vorurteil und für die Liebe zu unseren Brüdern. Und wo immer wir den Samen gestreut, am Rhein und in Bayern, in Schlesien, und in Sachsen, überall ist er aufgegangen, überall streuen die Logen Glück, Gesundheit, Wohlstand aus. Freilich, die Wirte schimpfen, und die Brenner schreien Zetermordio.

Aus Berlin berichtet Freund Heinz, der mit seiner »goldigen« Ehehälfte, dieser kleinen tapferen Volksschullehrerin, unermüdlich arbeitet, rettet, aufklärt, Milchhäuschen schafft, Logen gründet, -- Wellenringe aussät, die nie vergehen. Mensch, Lieber, wie bist du lebendig geworden! Wie wärest du tot gewesen, wärst du in deinem soliden und behaglichen Philistertum hängen geblieben! Ja, -- so ist's. Die Lebendigen sind die, die für die anderen mitleben, und die Toten die, die nur an sich denken, an sich, an ihren Bauch oder ihr Portemonnaie. Die ziehen keine Wellenringe. Sie züchten sich dicke Bäuche, an denen die Würmer reichen Schmaus haben, wenn sie sterben, und ihr bißchen sogenanntes Leben sinkt mit ihnen ins Grab. Kommt mir nur mit eurer Unsterblichkeit der Seele, diesem unsichtbaren, weißen Schatten, der im Tode im langen weißen Hemde mit goldenen Flügeln gen Himmel fliegt, -- zum ersten Rang, wenn's ein Reicher war, -- ins Parterre, wenn sie einem armen Teufel gehörte. Nein, und tausendmal nein, -- will euch ein ander Lied singen: Seele ist der Teil Gottes in euch, den ihr euch einsogt durch euer Leben, um ihn als Wellenringe wieder von euch zu geben, -- als Wellenringe der Liebe, denn Gott ist die Liebe! So ihr aber keine Liebe hattet, hattet ihr Gott nicht, hattet ihr überhaupt keine Seele, wart nur Fleisch und Blut, -- und das vergeht gar schnell. -- --

Das Schiff stampft, und eisern singt die Maschine ihr Lied. In der Kabine hört man, wie der Nordost die Wogen gegen den Bug schleudert.