Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden
Part 24
Merkwürdig, -- beide, Asmussen und Freund Heinz klagen in gleicher Weise, was auch mir immer schon ein Rätsel war, daß sie unsere Lehre so schwer in die Reihen der Freimaurer tragen können, die doch die »Humanität« als obersten Begriff auf ihre Fahne geschrieben haben. Und jeder Begriff trägt doch seine Aufgabe, ihn zu erfüllen, ihn in Leben umzusetzen, in sich! Hätten sie statt des fremden, lateinischen, lieber das deutsche Wort gewählt: »Menschlichkeit«, vielleicht würde ihnen das Wort wärmer zu ihrer Seele sprechen und ihnen den Zusammenhang all' dieses grausigen Menschenelends mit seinen Trinksitten, die sie bei ihren Festen pflegen, klarer werden lassen. Denn das Wort ist der Vater der Tat, wie der Gedanke der Vater des Wortes.
Und doch, Schwager Ludwig, will ich nicht hart noch ungerecht gegen dich und die Brüder sein. Viel schafft ihr, viel, viel Gutes und Großes. Dein Brief führt es mir wieder so recht vor Augen, und ich verstehe deinen reinen Stolz, wenn du von deiner Commeniusgesellschaft berichtest und all den Werken der Liebe, die ihr ins Leben ruft, euren Landerziehungsheimen, euren Töchterheimen, euren Säuglingskrippen und Volksbibliotheken, und was ihr alles Gute schafft. Glaubst, ich sehe die Wellenkreise nicht, die da aus deinem Studierstübchen und aus deinem geheimen Archiv hinausziehen ins Land, alle die Geister mit unsichtbaren Fäden umspinnend, die im Geiste der Liebe zu wirken suchen? Möge vor allem euer Streben, unsere Erziehungskunst mit diesem Geiste zu durchtränken, von Erfolg gekrönt sein!
Wie weit ist's noch bis dahin! In Berlin soll jetzt ein besonderer Lehrstuhl für Pädagogik errichtet werden, nachdem unser vortrefflicher Paulsen gestorben, schreibst du? Das ist famos! Freilich -- das hätte vor hundert Jahren schon geschehen dürfen. Immerhin, es ist ein Schritt vorwärts. Denn die Ergründung der Kindesseele und ihrer tausendfachen Feinde in Schule und Haus, auf der Straße und im Wirtshause ist für unser heutiges Kulturleben wahrlich eine Wissenschaft für sich.
Vorwärts, vorwärts! singt der Kolben in der Maschine. Ob der Kultusminister die Melodie wohl kennt?
Und wir kommen vorwärts! Da zwischen den Zeitschriften, die mein Weib mir, treulich gesichtet und geordnet, nachgeschickt hat, ein Aufsatz von dem tapferen Gurlitt: »Erziehung zur Tat.« Ein mannhaftes Wort an unsere akademischen Kreise über diesen entsetzlichen, so unsagbar viel Gesundheit, Kraft, Seelenleben und Liebe zerstörenden akademischen Trunk. Nur zu sehr hast du recht, wenn du wackrer Streiter sagst:
Durch die akademischen Trinksitten schädigen also die höheren Stände das Gesamtleben des deutschen Volkes in einer Weise, wie es annähernd kein germanisches anderes Volk heute duldet. Es ist Heuchelei schlimmster Art, sich über Trunksucht der Arbeiter zu entrüsten, solange das Vorbild dieser Trunksucht, die akademische Trinksitte, noch Duldung genießt.
Durch die akademischen Trinksitten seiner höheren Stände wird das deutsche Volk verhindert, in der Welt zu dem Platze völlig aufzusteigen, auf den es Anspruch hat. Die akademischen Trinksitten schädigen unser Ansehen im Auslande hauptsächlich da, wo wir vor allem Achtung suchen, bei den Germanen des Nordens und des Westens, den Skandinaviern, Engländern und Nordamerikanern. Diese begreifen nicht, weshalb die Brudernation ihre beste Intelligenz so frevelhaft gegen Vernunft, gute Sitte und eigenes Wohl wüsten läßt.
Vorwärts, vorwärts! Wie der Kolben stößt! Hochauf wirbelt die Schraube in die Luft, da das Schiff sich mit dem Bug vorn in die Wogen bohrt. Zitternd steht das Schiff. Aber vorwärts, vorwärts stampft der Kolben, und vorwärts drängt unser Kiel. --
Die Seele der Maschine hält mich in ihrem Bann. Wer gibt dir leblosem und doch belebtem Ungetüme die Kraft, gegen diese vom Nordost gepeitschten Wogen unermüdlich anzukämpfen? Wer beseelt dich, tote und doch lebende, gewaltige Eisenmasse, mit diesem unermüdlichen Willen? Und aus dem stählernen Dröhnen des Kolbens heraus klingt es wie eine unendliche Melodie: Die Sonne, die Liebe! --
Vor Jahrtausenden hatte die Sonne die Pflanzen aus der Erde gelockt. Die Kraft der Sonnenwärme speicherte sich in ihren Zellenleibern auf; -- Liebe zum Leben, Liebe zu Weib und Kind hieß den Bergmann in die Tiefen der Erde hinabsteigen, die zu schwarzer Steinkohle gewordenen Palmen und Farne der Urzeit ans Tageslicht zu fördern, damit sie hier, in Herd und Ofen, den Menschen die Wärme wieder spenden, die sie vor Jahrtausenden in den Sonnenstrahlen getrunken hatten, die nämlichen Sonnenstrahlen, die hier unter den gewaltigen Dampfkesseln prasselnd das Wasser in Dampf verwandeln, der stöhnend und fauchend den Kolben zwingt, auf und nieder zu fahren.
Und der Ingenieur, der das rohe Eisen zur sinnreichen Maschine umgewandelt hatte, die Schmiede und Schlosser, deren Schläge und Feilenstriche ihr die Form gaben, -- waren sie nicht geworden, was sie waren, durch die Liebe von Vater und Mutter? Und nun trug dieses Gebilde von Menschenhand, geschaffen von Urzeiten her durch Liebe, getrieben mit der Kraft der Liebe und der Sonne, Waren und Geistesfäden von Land zu Land, Länder und Völker verbindend zu immer neuer Freundschaft, den Pfändern der Liebe immer neue Wege weisend zu neuen Ländern, ein Träger der Liebe, getrieben von Liebe, und doch alle diese Liebe eingezwängt in den stählernen Rahmen des Gesetzes der Mechanik, -- unabänderlich wie die Gesetze, die berufen sind, die Menschheit als Menschheit zusammenzuhalten, soll sie nicht als Herde zugrunde gehen.
Und wie der Kolben mächtig stampfend sich hob und senkte, und desto mächtiger, je mehr der Nordostpassat sich uns entgegenstemmte, da rief er mir zu: »Je größer die Aufgabe, je größer der Widerstand, um so größer sei unsere Kraft, um so eiserner unser Wille, ihn zu besiegen, unendlich, unermüdlich.«
Da gedachte ich wiederum unseres Bismarck, des Mannes der Tat, dem kein Widerstand zu groß war, und der seine Kraft schöpfte aus seiner Liebe zu seinem Vaterlande und seinem Volke.
Und das Achsenlager, in dem er ruhte, -- dieser Eiserne, der uns vorwärts brachte! -- ohne Reibung ruhte, -- es lag in seinem deutschen Hause, in seiner Ehe, in der Liebe seines Weibes, seiner Johanna.
Und wieder flogen meine Gedanken heimwärts zu meinem Heime und den Meinen, zu meiner Heimat, zu unserem Elbstrome, zu meiner Vaterstadt Hamburg. Und wieder sah ich vor meinem geistigen Auge das Doppelzeichen der Liebe und der Tat: unsere alte Michaeliskirche und das granitene Standbild des eisernen Kanzlers. --
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Neben mir standen der Amerikaner und seine Tochter. Unwillkürlich flossen unsere Gedanken zusammen. Da begannen sie zu erzählen von ihrem großen, freien Vaterlande, von ihrer Jugenderziehung, die nur das eine Ziel hatte, starke, kluge Menschen heranzubilden, die wußten, was sie ihrem Körper, dem Gefäße ihrer Seele schuldeten: die wußten, was sie dem Lande, das sie hervorgebracht, das sie ernährte, schuldeten. Stolze, freie Liebe sprach aus ihren Worten, wenn sie von ihrem Lande sprachen. Und ihr Präsident, ihr Roosevelt! Den Trusts, den schier allmächtigen Vereinigungen der Geldfürsten Amerikas, die nur an ihr eigenes Portemonnaie dachten, aber kein Herz für ihr Vaterland und ihr Volk hatten, hatte er den Riesenkampf aufgezwungen. Die unermeßlichen Wälder, die sinnlose Habgier vernichtet hatten, so daß das Klima nicht nur Amerikas, sondern sogar Europas darunter litt, sollten neu aufgeforstet werden. Die Arbeiter sollten durch eine Schutzgesetzgebung, der die deutschen Gesetze als Muster gelten sollten, sichergestellt werden für den Fall der Not infolge von Krankheit, Unfall und Alter. Fest und unerschütterlich hatte er gemahnt zum Frieden mit Japan. Aber seine Regierung war nur die Fortsetzung geworden all der anderen großen Präsidenten, wie Franklin und Lincoln, bis auf seinen letzten Vorgänger. Den unglücklichen Negern hatten sie das menschenunwürdige Sklavenjoch abgenommen, unbekümmert um das Geschrei der Frommen im Lande und der Besitzenden. Staat um Staat hatte sich frei gemacht von dem Fluche des berauschenden Giftes, Gefängnisse in Schulen, endlose Einöden in blühende Gefilde verwandelnd! Das alles hatte die starke Liebe eines freien Volkes zu seinem Vaterlande vermocht!
Und dann berichtete die Tochter, wie sie im Vereine mit Männern und Frauen für die Verbesserung der Wohnungsverhältnisse der arbeitenden Klassen arbeitete, erzählte von Pullmanns Arbeiterstadt mit ihren vortrefflichen hygienischen und sozialen Einrichtungen, berichtete von ihrer +sunshine society+, ihrer Sonnenscheingesellschaft, durch die sie keine Wohltätigkeit ausüben, sondern nur Freude und Liebe, Sonnenschein denen bringen wollten, die seiner bedurften. Ein Gedanke sei es, der alle, die ganze Nation, beseele, vom Präsidenten an bis zum jüngsten Mitgliede der Sonnenscheingesellschaft: daß die Menschen alles seien, die Institution nichts. Darum sei das ganze Ziel des Regierens, wie das der Erziehung, Menschen zu bilden, starke, freie, gesunde Menschen, die ihr Vaterland liebten.
Mir aber war es, als fühlte ich trotz des eisigen Nordostpassats, der uns entgegenwehte, einen warmen, weichen Hauch des Westwindes aus höheren Luftschichten, wie er im Frühlingssturme von Amerika her über den Ozean an die Küsten meines deutschen Vaterlandes braust.
Weich und warm wie Frühlingswind klang auch das, was uns die Engländerin, die sich zu uns gesellt hatte, aus ihrem englischen Vaterlande erzählte. Sie hatte es sich zur Lebensaufgabe gewählt, zwischen dem englischen und dem deutschen Volke zu vermitteln, als eine liebevolle, geschickte Geschäftsträgerin von Volk zu Volk hinüber- und herüberzutragen, was jedes an sozialen Liebeswerken Neues, Großes, Gutes schuf in Bekämpfung der Alkoholnot, der Säuglingssterblichkeit, der Tuberkulose, der Flußsanierung, der Wohnungsnot, des Arbeiterschutzes, der Volksbildung, der Gartenstadtbewegung, der Bodenreform und der internationalen Schiedsgerichte zur Wahrung des Weltfriedens.
Diese schlichte Frau mit ihrem warmen Herzen, ihrer sprudelnden Lebhaftigkeit und ihrem klugen Verstande war eine Kulturträgerin und Kulturvermittlerin, von deren segensreicher Arbeit nur diejenigen etwas ahnten, die mit ihr zusammen arbeiteten, deren Arbeit wie befruchtende Samenkörner der Liebe in das geistige Erdreich beider Völker fiel, um zu immer neuer Saat aufzukeimen, und deren Name anspruchslos in den Archiven schlummerte, für die sie arbeitete. Und während kein Titel und kein Ruhmesblatt sie nannte, zog ihr Geist Wellenringe von Volk zu Volk, die sich wie dichte Fäden hinüber- und herüberspannten, unvergängliche Bande des Friedens knüpfend.
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Bei Tisch wurde unser Gespräch fortgesetzt. Der Amerikaner erzählte, wie Roosevelt Kanada und Mexiko zu einem Kongreß eingeladen habe, um gemeinsam mit Nordamerika den Waldverwüstungen entgegenzuwirken, um so die natürlichen Hilfsquellen des Landes zu erhalten.
Ich berichtete mit freudigem Stolze, welchen Vorsprung Deutschland vor allen Ländern der Erde in der Arbeiterschutzgesetzgebung errungen habe, welche Summen alljährlich von den Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufgebracht würden, um dem Elend zu steuern; und wie in Deutschland allen Ernstes jetzt an dem Ausbau der Witwen- und Waisenversicherung gearbeitet würde. Beschämt berichtete der Amerikaner, wie zurzeit in Nordamerika alljährlich noch 35000 Arbeiter infolge von Betriebsunfällen ums Leben und zwei Millionen Arbeiter alljährlich in ihren Betrieben zu Schaden kämen. Aber nun würde auch dieses bald anders werden.
Leuchtenden Auges erzählte seine Tochter von den Apfelsinenpflanzungen im San Bernardius-Gebirge in Kalifornien, wo menschliche Arbeit durch Kultur des Bodens, durch Düngung und Bewässerung, Vertilgung der Schädlinge, zweckmäßigsten Versand und Schaffung eines Riesenmarktes gezeigt hat, was sie zu leisten vermag; wo ein Gut von hundert Hektar alljährlich 100000 Dollars einbringt. Aber was ist geschaffen worden! Flüsse sind um und über und durch Gebirge geleitet, um Wüsteneien in Gärten der Hesperiden zu verwandeln.
Und dann erzählte sie, wie der Gesetzentwurf der Nationalreklamation durchgebracht wurde, durch den diese Bewässerungen zur Tat wurden. Wie es zum größten Teil der energischen Agitation des Senators Francis Newland vom Staate Nevada zu danken war, der vor der Annahme des Gesetzes Abend für Abend Lichtbildervorträge veranstaltete, um seine Notwendigkeit zu beweisen. Zwei Fünftel der gesamten Landfläche der Vereinigten Staaten bestanden bis vor zehn Jahren aus Wüsten oder doch aus Ländereien, die nur während der kurzen Regenfälle, die über sie niedergingen, sich mit einem Anfluge von Gras bedeckten. Und nun waren es fruchtbare Fluren, die Tausenden Brot und Arbeit spendeten.
Unwillkürlich gedachte ich der endlosen Heiden und Moore in unserem Vaterlande und sah sie umgewandelt im Geiste in blühende Gefilde und bevölkert von jauchzendem glücklichen Volke.
Der deutsche Graf aus Brasilien meinte, alle diese Liebeswerke nützten doch nichts, um die Sozialdemokratie aus der Welt zu schaffen; die könne und müsse man nur mit Kartätschen von der Erde wegfegen. So kam das Gespräch auf den Sieg der sogenannten nationalen Parteien im deutschen Reichstage über die Sozialdemokraten. Der Graf meinte, diese müßten ausgerottet werden, wie die Moskitos in den Tropen.
»Der Vergleich paßt recht gut,« ließ sich nun die Fürstin vernehmen. »Wir können die Sozialdemokratie als die Folgeerscheinung eines Krankheitszustandes in unserem Volke betrachten, eines Krankheitszustandes,« -- und hier hob sie die Stimme, -- »an dem wir aber selbst schuld sind. Die Moskitos sind freilich die Krankheitsursache selbst, und doch wieder auch eine Folgeerscheinung der Versumpfung des Bodens. So können wir ein altes Schlagwort: ›Eine jede Gesellschaft hat die Verbrecher, die sie verdient‹, dahin ausdehnen, daß wir sagen: ein jedes Volk hat die Sozialdemokraten, die es verdient, wie die Tropen die Moskitos.
Unsere bürgerlichen Parteien haben gesiegt? Gewiß, das ist erfreulich. Sie haben für einige Jahre die Mehrheit im deutschen Reichstage. Es war notwendig, schon der Erhaltung unserer Kolonien wegen. Aber jeder Sieg legt Pflichten auf gegen die Besiegten. War der Haß der Besiegten gegen die herrschenden Klassen ungerecht? Sind nicht seit langem Herzlosigkeit, Hochmut und Ungerechtigkeit der Besitzenden Schürer dieses Hasses? Füllen Brenner und Brauer sich nicht alljährlich ihre Taschen mit den Milliarden, mit denen sie Jahr für Jahr aufs neue Tausende und Abertausende in Schande und Tod treiben? Stecken nicht die Bodenspekulanten die Riesengewinste ein, für die die anderen ihnen hinterher zeitlebens fronen müssen? Die Besiegten sind unsere Brüder. Wenn Krieg ist, sollen wir Schulter an Schulter mit ihnen kämpfen. Sie sind die Masse, die unser Volk, unsere Nation ausmacht, die unser Vaterland verteidigen soll, wenn es in Gefahr ist.
Es ist nicht nur Pflicht des Siegers, gerecht zu sein, sondern auch klug.
Wenn die Menschen ein Land von Moskitos säubern wollen, so rotten sie vor allem die Brutstätten dieser Plage aus, indem sie die Wassertümpel, in denen diese Insekten ihre Eier ablegen, austrocknen oder mit Kalk oder Petroleum desinfizieren. So müssen wir der Sozialdemokratie ihre Brutstätten zerstören. Das sind diese Proletarierwohnungen in Stadt und Land, und was Kalk und Petroleum gegen die Moskitos ist, das ist Gerechtigkeit und Menschenliebe gegen die Besitzlosen. Jede Stadt, jedes Land, jeder Gutshof hat die Sozialdemokraten, die sie verdienen. Sie sehen, meine Herrschaften,« fügte sie lächelnd hinzu, indem sie sich von der Tafel erhob, -- »die Hygiene bietet uns Handhaben genug, um Parallelen zur Politik zu ziehen.« -- Ich konnte ihre Darlegungen nur bestätigen. Der Graf von Holstein hatte ebensowenig Sozialdemokraten auf seinen Gütern gehabt, wie mein guter Freund, der Prinz von Schönaich-Carolath, weder Sozialdemokraten noch fremde Arbeiter hatte, keine Polen, keine Italiener und keine Schweden. Die Arbeiter blieben bei ihnen, weil ihre Herren gerecht waren, weil sie durch Fleiß vorwärts kommen konnten, und weil sie fühlten, daß man sie nicht gering achtete, sondern als Menschen liebte.
Wir traten aus der Kajüte ins Freie und schauten vom Deck aus über die schäumende, blaue Flut. Gleichsam als wollte der Himmel uns den unerschöpflichen Reichtum der Natur zeigen, stoben nach beiden Seiten des Bugs silbern in der Sonne glitzernde Scharen von fliegenden Fischen über die Wogen dahin.
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Ich ging zur Kommandobrücke hinauf. Dort fand ich unseren Kapitän in schwermütigem Brüten versunken. Ich fragte ihn nach seinem Kummer. Erst wollte er nicht mit der Sprache heraus. Schließlich schüttete er mir sein Herz aus. Er machte sich Sorgen, daß er mit dem Kohlenvorrat nicht reiche. Der ungewöhnlich heftige Nordost, gegen den wir ankämpfen mußten, hatte unsere Fahrt bereits um Tage verzögert. Leicht konnten wir noch auf weitere drei bis vier Tage rechnen, ehe wir Madeira erreichten. Ohne Kohlen im Sturm mitten auf dem Atlantischen Ozean, das war freilich eine ernste Lage. »Stimmt unser Kurs?« fragte ich ihn. »Wir haben genau navigiert, der Kurs stimmt.« »So kommen Sie mit zum ersten Maschinisten. Er muß genau wissen, wie lange unsere Kohlen reichen.«
Wir gingen in den Maschinenraum. Von dort mit unserem Maschinisten in den Kohlenraum. Dessen Rechnung stimmte. Wir hatten noch genügend Feuerung für mindestens sechs Tage. Und selbst wenn der Sturm anhielt, mußten wir längstens in vier Tagen Madeira erreichen. Der Kapitän atmete auf und schüttelte mir die Hand.
Da ward mir klar, ein Glaube ohne Gewißheit ist ein übles Ding.
Ich aber wußte, es gibt etwas, was nicht Stoff und nicht Kraft dieses Stoffes, sondern Geist ist, und da Gott Geist ist, so mußte dieser Geist Gott sein. -- Und so wahr, wie die Sonne am Himmel stand, gab es Liebe in der Welt. Und die Liebe ist Geist, -- so mußte Gott die Liebe sein, die alleinige, allmächtige Liebe. Aber dieser Glaube an Gott, an diesen Gott der Liebe, muß Gewißheit sein. Und wie die Sonne nicht tot ist, sondern lebendig und Leben schafft, so muß auch unser Glaube, der ja selbst Liebe ist, und somit allein uns schon mit Gott vereint, lebendig sein und Leben schaffen, Leben und neue Liebe. Denn der Glaube ohne Liebe, der Glaube ohne Werke ist tot, wie die Sonne tot sein würde ohne Wärme, wie unser Schiff ein toter Haufen Eisen und Holz sein würde ohne die Kohlen, die erfüllt sind von der wärmespendenden Kraft der Sonne.
Und über das Meer herüber grüßte mich das Doppelwahrzeichen der Heimat: der Turm der Heimatkirche und das granitene Standbild des eisernen Kanzlers, die Wahrzeichen der Liebe und der Tat.
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Auf dem Vorderdeck war lustiges Gewoge Tag für Tag, Tanz und Gesang; Spanisch und Portugiesisch klang durcheinander. Alle fröhlich, ausgelassen, erwartungsvoll, was die in der Heimat Zurückgebliebenen wohl sagen würden, daß man nun heimkam mit Geld in der Tasche. Nur einer saß dazwischen, allein. Ich hatte ihn gefragt, was ihm fehle. Errötend hatte er mir gestanden, er habe sich kurz vor der Abreise mit einer Brasilianerin verlobt. Nun wollte er sich selbst von seinen Eltern die Erlaubnis holen zur Heirat; aber er kriege sie, fügte er tief aufatmend hinzu, denn sein Mädchen sei schön und gut, -- fast wie die Madonna selbst. Als ich ihm den Rücken gekehrt hatte, hörte ich, wie er leise sang.
Da ging ich zu einer anderen Gruppe. Die zählte ihr Geld, das sie mit heim brachten. Der Amerikaner trat hinzu und fragte: »Womit habt ihr euer Geld verdient, Leute?« »Wir haben Land urbar gemacht,« antworteten die einen; »wir haben Straßen und Eisenbahnen gebaut,« die anderen. Da stellte sich ein Kecker vor den Amerikaner hin und fragte: »Und womit du?« »Du hast ein Recht zur Gegenfrage,« antwortete unser Mitreisender, »ich habe Möbel fabriziert, einfache und kostbare. Ich war ursprünglich Tischlergeselle, erfand mir dann selbst meine Maschinen für mein Gewerbe und wurde Fabrikant.« Der Frager zog mit höflichem Danke für die Auskunft ab.
»Wissen Sie,« wandte sich der Amerikaner lächelnd zu mir, »ich war ehrlich froh, daß ich dem Manne die Antwort geben konnte und nicht zu sagen brauchte: ich habe glücklich spekuliert; denn ich hätte mich vor diesen Leuten geschämt. Reichtum und Reichtum ist zweierlei. Jeder Reichtum, der erworben ist durch Schaffung von notwendigen, praktischen, gesunden oder schönen Gegenständen, von wirklichen Werten, oder durch geschickte und richtige Verteilung dieser Güter unter die Menschen, ist ein wohl verdienter Reichtum. Der Arbeiter, der Land urbar macht; der Bauer, der Korn oder Obst pflanzt; der Fabrikant, der irgend Gegenstände des täglichen Lebens anfertigt; der Kaufmann, der den Überfluß unserer einheimischen Waren über das Meer schafft und uns wiederum mit Früchten und Waren anderer Länder versorgt; der Ingenieur, der uns elektrisches Licht schafft; der Schiffsbauer, der unsere Schiffe, der Architekt, der unsere Häuser baut; der Arzt, der uns unsere Gesundheit erhält oder wiedergibt; der Künstler, der unser Dasein verschönt; der Seelsorger, der unseren Herzen Frieden spendet -- sie alle schaffen Werte, die --« »Und die Könige, die Gesetzgeber?« »Auch sie schaffen Werte und vielleicht die größten, vorausgesetzt, daß sie ihre Pflicht tun und fähig sind, ihre Pflicht zu tun. Auf jeden Fall ist ihre Verantwortung am größten.
Aber nehmen Sie alle diese anderen modernen Erwerbszweige, die Brenner und Brauer, die mit ihren Erzeugnissen das Volk vergiften, die Kornspekulanten, die dem Volke das Brot verteuern, wie dieser Schuft von Patten, den sie den Weizenkönig nennen, und vor dessen zusammengeraubten Millionen sie knixen, die Bodenspekulanten, die dem Volke die Grundlage des Daseins verteuern, oft genug die Schaffung des eigenen Heims unmöglich machen und sich dabei die Taschen füllen, -- sie sind Vampyre in des Wortes schlimmster Bedeutung für unsere menschliche Gesellschaft, und wir werden uns, soweit wir ihnen nicht mit Hilfe des Gesetzes ihr unsauberes Gewerbe legen können, nur dadurch von ihnen befreien, daß wir diese Art, Reichtümer zu sammeln, als unehrenhaft, als schimpflich brandmarken. Sie müssen gerichtet dastehen in der Gesellschaft, in einer Linie mit den Schnapswirten und Bordellinhabern.«
Mir ging es bei diesen Worten wie eine Befreiung von schwerem Druck durch meine Seele. Also auch jenseits des Ozeans der gleiche Pulsschlag! Mein Herz pochte vor Freuden. Der gewaltige Stoß des Kolbens aber, der zu uns herüberdröhnte, klang mir wie ein jauchzender Kampf- und Siegesruf zur Anbahnung einer besseren, größeren, glücklicheren Zeit.