Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden

Part 25

Chapter 253,623 wordsPublic domain

Nach einer Weile, während wir beide in Schweigen unseren Gedanken nachgegangen waren, griff mein amerikanischer Reisegefährte den Faden unserer Unterhaltung noch einmal auf. »Sehen Sie,« begann er, »ich bin Jude, -- aber mein Feind soll mir nicht nachsagen, daß ich an der Krankheit leide, die man Mammonismus nennt. Ich bin im Gegenteil der Ansicht und habe versucht, ihr durch mein Leben und das meiner Kinder Nachdruck und Geltung zu verschaffen, daß vornehm sein sich nicht verträgt mit irgend welcher Härte oder Ungerechtigkeit gegen diejenigen, die anscheinend unter uns stehen, sondern daß auch der Ärmste vornehm sein kann, wenn er freudig die Vorzüge des anderen anerkennt und sein Leben dafür einsetzt, anderen zu helfen und dem Ganzen zu dienen. Wir müssen dahin kommen, daß wir es als einen Mangel an Bildung brandmarken, wenn einer, wes Standes er auch sei, nur an sich denkt und hochmütig oder herzlos auf die anderen herabschaut. Ich habe oft darüber nachgedacht, wie sich diese, ich möchte sagen krankhafte Selbstsucht der Menschen von heutzutage entwickelt hat, und da komme ich immer wieder zu dem Resultat, daß sie zum Teil begründet liegt in der tierischen Abkunft des Menschen, wurzelt in dem rein tierischen Instinkte der Selbsterhaltung, des Hungers und der Fortpflanzung. Zum Teil aber scheint sie mir direkt zusammenzuhängen mit jenem von der christlichen Lehre zuerst gepredigten persönlichen Fortleben nach dem Tode, als ob unsere Seele etwas Umrissenes, etwas Substantielles, etwas in sich Abgeschlossenes, uns speziell Ausmachendes und Angehörendes sei und nicht vielmehr, ebenso wie unser Körper, ein sich täglich, stündlich Erneuerndes, Ergänzendes, über seine Grenzen Hinüberflutendes und von allen Seiten in sich Aufnehmendes, ständig Wachsendes und Gebendes.

Haben wir uns aber erst zu dieser Anschauung durchgerungen, so verliert ebenso der Tod seine Schrecken, wie das eigene Ich dieses überwiegende Interesse, das wir ihm heute schenken. Wir sind vielmehr gezwungen, uns mehr für die zu interessieren, von denen wir ständig neue Seelenbestandteile, wenn ich so sagen darf, in uns aufnehmen, als auch für die, in die Teile von uns ständig übergehen. Ja, es wird unser ernstestes Bestreben werden, möglichst viele solcher Seelenteile von außen in uns aufzunehmen und auf andere wieder zu übertragen, da wir sehr bald einsehen lernen, daß hierin vor allem und in denkbar schönster, vollkommenster Weise das Leben besteht.«

Mir war eigen zu Sinn. Nun entwickelte mir hier, mitten auf dem Ozean, ein Fremder diese innersten Gedanken meiner Seele, und noch dazu so klar und sicher, als ob sie bereits Gemeingut der ganzen heutigen Menschheit seien.

* * * * *

Ich saß in meiner Kabine und blätterte in Zeitungen aus der Heimat, die ich in Pará noch an Bord bekommen hatte. Meine Gedanken weilten noch bei den Gesprächen mit unserem Amerikaner. Wir waren wiederholt auf die Arbeiterversicherungen gekommen. Ich hatte ihm meine Pläne von der Vereinfachung und dem Ausbau dieser Versicherung zu einer deutschen Volksversicherung erzählt. Er war ganz meiner Ansicht, daß wir danach streben müßten, unser an sich schon kompliziertes modernes Kulturleben großzügiger, einfacher zu gestalten und begrüßte daher meine Vorschläge als wertvollen Anfang in dieser Richtung. Und nun las ich hier: »Die neue Reichsversicherungsordnung. Es heißt nicht mehr Arbeiterversicherung, weil eine ganze Reihe weiterer Berufszweige einbezogen wird, Lehrer und Beamte mit kleinen Gehältern; sie will endlich auch die Versicherung der landwirtschaftlichen Arbeiter und der Dienstboten von Reichs wegen sicherstellen.« Soweit wäre nun der Widerstand der Konservativen gebrochen, und diesen beiden großen Gruppen von Arbeitenden, die bislang zum größten Teile dem patriarchalischen Wohlwollen preisgegeben waren, endlich Gerechtigkeit geschehen. Nun, -- meine Rechtsanwälte haben auf meine Kosten manchen Strauß ausfechten müssen, um armen Dienstmädchen zu ihrem Rechte gegen dieses »patriarchalische Wohlwollen« zu verhelfen, das nur zu oft gerade dann versagte, wenn Krankheit die Ärmsten arbeitsunfähig gemacht hatte.

Ja, stoß nur, Kolben, wirbele nur, Schraube, -- unser Schiff geht vorwärts, -- ich fühle es hier in der Kajüte, mag der Nordostpassat auch noch so ungebärdig sich entgegenstemmen. Und was du, eiserner Kolben, dem Schiff bist, das ist für das Vorwärtskommen der Menschheit die Kraft der Wahrheit und der Liebe.

Der Durst nach Gerechtigkeit in der Nation wächst. Der Wille ist da. So wird auch der Weg gefunden werden zur Gerechtigkeit.

Aber das ist köstlich, -- das alte Gesetz hatte schon rund 900 Paragraphen, das neue gar 1793 Paragraphen! Herrgott, -- das haben gewiß 1793 Geheimräte fabriziert! Und im Geiste sah ich 1793 Allongeperücken mit langen Zöpfen. Das Bild war so lustig, daß ich laut zu lachen anfing.

Da schaute mein Kapitän herein: »Was lachen Sie denn, Doktor?« Ich erzählte ihm von dieser drohenden Mißgeburt und erinnerte ihn an das Wort Bismarcks, »Deutschland wird noch an seinen Geheimräten zugrunde gehen.«

Er nahm aber meinen Arm unter den seinigen und zog mich auf die Kommandobrücke. »So,« sagte er, »hier oben unter der Sonne, im Sturme berichten Sie mir von Ihrem Plane, wie Sie sich die Sache denken.« Er mußte mir recht geben: ein Kaufmann, der sein ganzes Leben schwer gearbeitet hat und nun Bankerott macht, weil ein Bankhaus falliert, mit dem er geschäftlich verbunden war; ein Fabrikant, der sich ehrlich bemüht und fleißig geschafft hat, der sein Vermögen verliert, weil irgend eine unvorhergesehene Konjunktur seine Industrie lahmlegt; der Arzt, der durch Krankheit seine Tätigkeit einbüßt; der Künstler, den sein Genie über die Grenze menschlichen Könnens hinausführte und ihn in Trübsinn warf, daß seines Schaffens Kraft gelähmt wurde: wer sorgt für sie in Krankheit und Alter? Für jeden Arbeiter, für jedes Dienstmädchen soll gesorgt werden. Das ist gut, war längst notwendig, -- aber wer sorgt für alle diese anderen?

Deswegen müssen wir eine deutsche Reichs- oder Volksversicherung haben, in die jeder Deutsche vom vierzehnten Lebensjahre hineinzuzahlen hat, wes Standes er sei, an die er aber erst Ansprüche stellen darf, wenn er unter 2000 Mark Jahreseinnahme hat. So wäre für die Schwachen gesorgt durch die Starken und für die Starken, wenn sie einmal schwach werden. Und statt der 1793 Paragraphen brauchten wir nur diesen einen.

In diesem Augenblicke drückte der Sturm das Schiff mit seinem Bug in die Wogen, daß der kornblumenblaue Schaum hoch über das Deck spritzte, und die fliegenden Fische erschreckt nach beiden Seiten über das Meer glitzerten. Sekundenlang schnarrte die Schraube hinten in der Luft, und seufzend stampfte der Kolben, bis endlich das Schiff wieder Fuß in den Wellen gefaßt hatte und seinen Kurs wieder aufnahm.

Schon lange hatte ich am fernen Horizonte einen leichten, grauen Streifen betrachtet, der wie eine Fata Morgana bald schwand und bald wieder sichtbar war, einer Nebelbank gleich, die über den Wogen zu ruhen schien. Aber nun wuchs das wolkenartige Gebilde. Es nahm Formen an, Bergketten ähnlich. Die Formen erhielten Farbe, das nebelhafte Grau wich helleren Streifen und dunkleren Schatten, -- es war kein Zweifel mehr: vor uns lag Madeira. Dort oben, zum Teil im Sonnenlichte glitzernd, zum Teil von Nebelwolken verhüllt, der ewige Schnee jenes höchsten Gipfels, von dem aus ich Befreiung erlangt hatte von der Qual meiner Seele.

Und nun, am Fuße der Bergketten hier und da grüne Streifen, dazwischen, wie aus einer Spielzeugschachtel entnommen, Häuschen, Dörfer, und nun, in großem Bogen dem Meere angelagert, die Hafenstadt Funchal.

* * * * *

Kaum hatten wir Anker geworfen, so waren auch die Händler schon wieder an Bord mit Stickereien und Goldwaren, Spielzeug, aus seltenen Hölzern geschnitzt, und anderem Tand. Ich kaufte ein für meine Lieben daheim, was mir gefiel. Nur für mein Weib fand ich nichts, was mir gut genug schien. Und doch, -- da oben in meiner Kabine lagen eine Anzahl Blätter, auf denen hatte ich festgehalten, was Sturm und Sonne mich gelehrt auf der Reise, -- der »Sonnenscheinsamen«, der mir geworden war in fremden Landen und auf dem unendlichen Ozean.

* * * * *

Ich fuhr mit einem der zahlreichen Boote an Land, -- einmal wollte ich noch das Tal des Vergessens erleben, in dem ich damals den österreichischen Kollegen entdeckt hatte. Ein gutes Pferd war bald gesattelt und in scharfem Trabe ritt ich die mir bekannten Pfade ins Gebirge hinein.

War niemand in der Zeit dorthin gekommen in diese Einsamkeit? Oder hatten Dankbarkeit und Pietät der Anwohner gegen den einstigen Besitzer das verlassene Häuschen mit einer Art heiliger Scheu beschützt? Ich fand noch alles genau, wie wir es seinerzeit verlassen. Nur der Garten war zu einer Art Wildnis ausgewachsen, so daß das Haus völlig versteckt in einem Walde von Bananenbüschen, Kamelien und Rhododendron lag, das Ganze mit wilden Rosen, Wein und Efeu überrankt, wie das Zauberschloß Dornröschens.

Und wie ich auf einem moosübersponnenen Stein dasaß in der Wildnis, tauchte noch einmal der ganze Zauber der Geschichte meines Freundes wieder vor mir auf, sein Leid, seine Liebe, seine Lieder.

Und unwillkürlich mußte ich eines Weibes gedenken, das mir selbst vor langen Jahren wie ein guter milder Stern erschienen war, an die ich geglaubt, und zu der ich gehofft hatte, und die mir dann schweres, bitter schweres Leid angetan. Ich hatte sie ausgemerzt aus meinen Sinnen, -- doch wunderbar, hier in dieser märchenhaften Einöde, hier kam mir unwiderstehlich die Erinnerung und mit dieser das Bewußtsein, daß sie der Hilfe bedürftig sei. Da schwand der letzte Rest von Haß und Groll aus meinem Herzen, und das Gefühl drängte zur Tat, ihr helfen zu müssen um jeden Preis. Ja, -- das wollte ich, sobald ich daheim war.

Und von dem einstigen Besitzer des Hauses zogen die Gedanken zu den anderen, die damals mit hinausfuhren: alle, alle kamen sie noch einmal im Geiste und grüßten mich, ehe ich von dem blauen Ozean, der uns nun trennte, Abschied nahm. Und leise, leise hörte ich aus weiter Ferne ein weiches brasilianisches Lied und sah ein paar glückliche Mutteraugen auf einem prächtigen Krauskopfe ruhen. -- -- --

Da horch, -- vom Hafen her, wie ein störendes Aufwecken aus seligem Traume, drei schrille, doch nur zu bekannte, langgezogene Töne unserer Nebelpfeife, -- das Zeichen meines Kapitäns, daß es Zeit zum Aufbruche sei.

Mir war es die Stimme der Pflicht, die mich aus weichen Träumen zur Arbeit, zu neuem Leben rief. Fort, ihr romantischen Zauber, die ihr so süß seid und die Wunden der Seele so wonnig zu heilen versteht. Das Leben verlangt mich, die Arbeit, die Tat. Denn nur Arbeit, strenge, ernste, ausharrende Arbeit führt zum Ziele.

Hellauf wieherte mein Pferd, als ich im Bügel saß. Die Studentenzeit tauchte noch einmal vor mir im Geiste auf. So hoffnungsfroh war mir zu Sinn. Während ich in der Richtung nach dem Meere zu durch die Schluchten Madeiras ritt, sang ich mein altes Reiterlied, das ich als fröhlicher Bruder Studio so oft gesungen hatte, wenn ich auf meiner Schimmelstute durch Marburgs Wälder und Berge geritten war. Und ich sang mein Lied von Anfang bis zu Ende:

Ich reite über die Felder Im hellen Sonnenschein, Bin frohgemut im Herzen Und bin doch so allein!

Der Wind streicht über die Heide; Ich merk's an seinem Duft! Mir ist's, wenn ich ihn trinke, Als ob mich die Liebste ruft!

So reit' ich über die Berge Und durch manch tiefes Tal, Ihr Bild in meinem Herzen, Bis sinkt der Sonne Strahl.

Bald sinkt die Nacht hernieder, Die bringt mir der Freuden viel. Ich reite unverdrossen, Bis ich an meinem Ziel.

Mein Ziel? -- Was war mein Ziel? -- Mein Heim stand fest begründet. Darinnen erwartete mich mein Weib und die blonde Schar meiner Kinder, meine schlanken Mädchen und meine starken Buben. -- Größer noch war mein Ziel, -- so groß, daß es mich schier erdrückt hätte: meinem Volke hatte ich helfen wollen nach meinen Kräften aus seiner Not, seinem Elend. Und dabei hatte ich mich müde und krank gearbeitet, und bitter gering hatte mich der Erfolg meiner Arbeit gedeucht, -- zum Verzweifeln gering.

Aber da oben auf dem schneebedeckten Berge, da war es mir klar geworden, daß der Wille von uns Menschen größer ist, als alles Elend der Welt, daß der Geist mächtiger ist, als alle sogenannte Macht. Denn der Geist ist Liebe, und die Liebe stammt von Gott, dem allumfassenden, allmächtigen Geiste. So muß der Wille, der von der Liebe erfüllt ist, alles erreichen können!

So kam es denn nur darauf an, mit diesem Geiste diejenigen zu erfüllen, die an der Spitze des Volkes stehen, das ganze Volk, vor allem sich selbst erfüllen: dann mußte es anders werden.

Ich hatte erkannt, daß jeder Mensch sein Leid, seine Bürde hat. Daß aber ein froher Wille uns frei macht auch von dieser Bürde.

Die Weite der Erde hatte ich erkannt, und wie sie noch Platz hat für uns alle.

Und wohin ich kam, hatte ich die große, allumfassende Liebe gespürt, die das Weltall regiert. Aus aller Herren Länder hatte ich Atemzüge dieser Liebe empfunden und war erwärmt und gestärkt von den Wellen warmen Geistes, die von dieser Liebe ausgingen. Was Wunder, daß ich mit neuem Mute meinem Ziele entgegenstrebte.

So kam ich zum Hafen. Dem braunen Burschen übergab ich das Pferd, und dann aufs Schiff.

* * * * *

Dunkel drohte der Himmel. Ich hatte, in Sinnen verloren, nicht bemerkt, daß ein schweres Gewitter heraufzog. Schon fielen dicke Tropfen. Heulend brauste der Sturm los, während wir die Anker lichteten. In finstere Nacht versunken lag das schöne Madeira. Kaum sah man hier und da ein Lichtlein blinken. Dumpf rollten die Donner von Berg zu Berg, gespenstisch durchglühten Blitze die Finsternis.

Da -- ein scharfer Blitz, ein Krachen, ein Splittern, als ob der Himmel einstürzen wollte, -- plötzlich sah ich in der Richtung, aus der ich soeben gekommen, eine Flamme auflodern, fern oben in den Bergen.

Dort droben in der Richtung des Feuers lag der Gletschergipfel und an seinem Fuße das Hüttchen, in dem ich noch soeben geweilt. Weit und breit war kein anderes Haus. Kein anderes konnte es sein, das der Blitz sich ausgewählt. Nun sah man deutlich im Scheine der Flammen auf einen Augenblick die Umrisse erschimmern. Dann sank die Glut in sich zusammen, und dunkele, stille Nacht lagerte sich über die Insel.

Wir aber fuhren Volldampf voraus, der Heimat entgegen.

* * * * *

In meiner Kabine lag reiche Post, Briefe und Zeitungen, sorgfältig von liebender Hand gesichtet, aus langer Zeit angesammelt.

Wie schnell doch die Menschen heranreifen!

Meine Älteste will sich mit dem blonden Studentlein, der ein tüchtiger Arzt geworden, verheiraten, nach dem Osten des Vaterlandes, dort, wo der Slawenansturm unsere deutsche Kultur schon zu bedrängen droht! Recht so -- das nenne ich Liebe zum Vaterlande durch die Tat. Helft nur mit eurem Leben und eurem Blute dort die Grenzwache verstärken und den germanischen Schutzwall.

Und mein Ältester, -- das freut mich, -- von unten auf! Willst du Baumeister werden, mußt du erst wissen, wie der Mörtel gemischt wird und die Steine gesetzt werden, und lernen, wie es tut, in Sonne und Regen mit gekrümmtem Rücken den Tag über stehen, und die Hände rühren. Höre von Mund zu Mund, wo unser Volk der Schuh drückt, -- und hilf ihm später. Ich wollte, daß auch unsere Fürsten solche Lehrzeit von unten auf durchzumachen hätten!

Und die Emma? Ist am Rhein, lernt Obstbäume ziehen und Gemüse bauen. Ja, -- wurzele nur mit beiden Beinen und deiner ganzen Seele im Reiche der Natur, erkenne ihr weises Walten, erstarke dabei an Leib und Seele, und zeige den anderen Frauen und Mädchen später den Weg zur Gesundung, damit wir herauskommen aus diesem faden, schwächenden Genußleben von heute. So tust du eine Kulturtat, so groß, daß du ihre Wellenringe heute noch nicht ahnen kannst.

Ich träumte lang, mit dem Briefe meines Weibes in der Hand, -- sah im Geiste meine drei jüngsten Buben bei ihren Büchern sitzen, sah sie ihre Schiffe bauen und ihre Kähne zimmern, sah mein Weib meine Kranken trösten und Sonnenschein ausgießen über die Menschen. Alles, was sie schreibt, ist erfreulich, erwärmend, um sie herum ein Kreis sonniger, gütiger Menschen. Die reiche Nachbarin, die elf Kinder hat, hat bei dem Schneewetter einen ganzen Waschkorb voll alter Kinderstiefel geschickt. Bald ist's im Dorfe ruchbar geworden, und nun ist eine Völkerwanderung losgezogen von armen Leuten, die Schuhzeug für ihre Kleinen bei uns haben konnten.

Der Dölke, der Nachbar von meinem Freunde Maurer, ist seinem Krebsleiden endlich erlegen. Da hat denn Tante Olly, die vorher schon mit Bettzeug und Mietegeld ausgeholfen hatte, weil die Krankenkasse abgelaufen war, mit ihrer Schwester für die Hinterbliebenen einen musikalischen Abend veranstaltet; alle Freunde und Verwandten sind geladen worden. Die dritte Schwester hat an der Kasse gesessen, und jeder hat sein Scherflein beisteuern müssen. Sechshundert Mark haben sie zusammengebracht. Tante Olly hat einen Prolog gesprochen, weil die Schwester sich gar soviel Mühe gegeben hat. Den hebe ich mir auf!

Aber die Olly ist stecken geblieben, so hat sie die Rührung gepackt.

Das ist doch ein anderes Wohltätigkeitsfest, als die sonst üblichen Basare mit Putz und Flirt. Ich sehe sie vor mir, diese warmherzigen Frauen, -- da ist nichts von Eitelkeit und Zurschaustellen. Da ist alles Herz und Liebe. Ein Fest sei es gewesen, so recht nach meinem Geschmack, alles äußerliche, Bewirtung und Bedienung, so einfach wie möglich, aber alles Frohsinn, Kunst und Liebe, -- ein Fest im Geiste einer neuen, schönen Renaissance.

Noch einmal griff ich nach dem Briefe aus der Heimat, da, auf einer Seite, die ich vorhin übersehen:

»Und nun noch eine ganz besonders große Freude für Dich. Erinnerst Du Dich noch des Eisenfabrikanten aus der Stadt, dem Du beim Notar, als Du das letzte Stück Land für Deinen Bauverein kaufen wolltest, das halbe Prozent Zinsen abbetteltest? Du warst so glücklich darüber, hattest ihm klar gemacht dabei, wie wichtig es für die Arbeitgeber sei, gesunde, tüchtige, zufriedene und glückliche Arbeiter zu beschäftigen, statt eines in den dumpfen Höfen der Großstädte verkümmerten und verbitterten Proletariats, und wie es Dir gelungen sei, in Deinem Bauverein hier draußen, eine ganze Reihe solcher unglücklichen Familien wieder aufwachen zu sehen zu neuem Menschendasein. Und dann hatte er Dich acht Tage später gebeten, da ihm deine Worte als Samenkorn in die Seele gefallen waren, im Verein der Industriellen einen Vortrag zu halten über dieses Dein Lieblingskapitel. Weißt Du es noch? Denk' Dir nur, wie die Saat aufgegangen ist! Die Stadt hat die ganze große Heide aufgekauft! Und Dein Freund von der Wandsbecker Gartenstadtgesellschaft, für die Du damals den ersten Vortrag hieltest, um die Menschen für diesen neuen Gedanken zu gewinnen, der wird auch dort helfen, eine Arbeiter-Gartenstadt zu erbauen, wie es heißt für zwanzigtausend Familien, mit Einzelhäuschen, und alle im niedersächsischen Heimatstil. Was sagst Du nun dazu?« -- -- --

Wie eine Woge von warmem Sonnenschein durchflutet es mich: Hei, wie der Samen der Liebe aufgeht! Ich muß wieder heim, muß wieder dazwischen sein! Mein Herz verlangt nach Frohsinn, Kunst und Schaffen in Liebe. -- --

* * * * *

Die Nacht ist längst hereingebrochen. Ruhiger ist das Meer, kraftvoll durchschneidet unser Schiff die Wogen, lind zieht die Luft in meine Kabine, durch deren offene Tür die Sterne zu mir hereinfunkeln.

Ich kann nicht schlafen. So greife ich denn zu meinen Zeitungen.

Herrgott -- was ist das? -- Der Kaiser hat einem englischen Berichterstatter sein Herz ausgeschüttet, -- er wolle Frieden mit England um jeden Preis. Er habe sogar den englischen Feldherren damals im Burenkriege den Feldzugsplan geschickt, nach dem die unglücklichen Afrikaner dann besiegt wurden, -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- nein, nein und tausendmal nein, das ist nicht wahr, das hast du nicht getan, Kaiser, -- so klein, so -- -- so kannst du nicht sein.

Aber zuviel geredet hast du, Kaiser, und nun kommen sie und schieben dir Dinge unter, die du nicht getan und nicht gesagt hast, -- und du als Kaiser kannst dich nicht verteidigen, kannst dich nicht mit dieser Preßmeute herumzanken und sagen, das habe ich gesagt und getan, und das habe ich nicht gesagt und nicht getan. Oh, ich weiß es, drüben über dem Kanal, da neiden sie dich uns und wollen Katzenhaare säen zwischen dich und uns, damit du wehrlos seiest ohne dein Volk, und dein Volk führerlos ohne dich.

Doch du tust das, was du allein als Kaiser tun kannst: du schweigst. Oh, das ist schön, ist groß von dir, -- nun kann ich dich wieder lieben wie zuvor, und über die Wogen des Ozeans hinüber fühle ich -- sie alle lieben dich nun wieder wie zuvor um dieses deines Schweigens willen! Nun bist du wieder unser Kaiser! Und hast du auch zehnmal verkehrt gehandelt, du bist ein Mensch, warum solltest nicht auch du dich irren können? Allein diese Leute von der Feder, die angeblich deutsche Politik treiben wollen, aber an einem Strange ziehen mit deinen Verleumdern jenseits des Kanals, sie sollen dich uns nicht verleiden, damit sie ihr Geschäft machen; -- sie können uns dir nicht abspenstig machen, -- denn du bist aus unserem Stamme und unser Fürst, unser Kaiser, und sollst es bleiben!

Aber warum die lauten Feste, Kabaretts und Narrenspossen in so ernsten Tagen, in denen dein Volk um dich bangt? Haben sie dir die Wahrheit vorenthalten, deine sogenannten Freunde? Es kann nicht anders sein! Und da, -- in deiner schwersten Stunde, während dein Volk entsetzt über das, was ihm zu Ohren gekommen, im Reichstage über dich zu Gericht sitzt, -- beim glänzenden Festmahle -- fern von deiner Hauptstadt -- dein Flügeladjutant tot, -- dein bester Freund, -- tot von der Tafel gesunken -- die Hand erstarrt, die eben noch den Sektpokal umklammert hielt, -- der schöne, kraftvolle Mann! -- Armer Kaiser, -- deine Freunde holt das Geschick dir weg, als ob sie aus Unkrautsamen hochgeschossen seien! Armer, armer Kaiser! -- --

Sei froh, Kaiser, -- es waren keine Freunde! Feinde waren es, die dich umsponnen hatten und dich blind gemacht! -- -- -- --

Ich aber gedenke meines Traumes, damals nach der Kaiserparade, -- als ich die lange Tafel sah, an der unser Volk zechte, und oben saß der Kaiser. Und als er das Sterben an der Tafel sah und den Verwesungsgeruch roch von den Leichen, die beim langen Mahle zu Boden gesunken waren, da stand er auf und schritt über die Brücke. -- --

Kaiser, mein Kaiser, wann stehst du von der Sterbetafel auf und schreitest über die Brücke in das Tal der Liebe und der Tat? -- --

* * * * *

Die Nacht ist wundervoll. Sternenklar der Himmel, maienlinde die Luft, blausilbern das leichtbewegte Meer. Ich gehe zur Brücke hinauf. Unser erster Offizier Stockhorst hat die Wache. »Nun sind wir bald heim,« flüstert er, sich die Hände reibend. »In zwei Tagen Lissabon, dann die Biskaya, Vigo, Havre, Rotterdam, -- die Nordsee, unsere Elbe --« »Halt ein,« falle ich ihm ins Wort, »es ist zu schön, um es auszudenken, -- und über allzu Schönem in der Zukunft soll man die schöne Gegenwart nicht vergessen.«