Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden
Part 26
Nach einer Weile Schweigen berichtete er mir denn aus seinen Zeitungen von dem entsetzlichen Erdbeben in Messina: »Zweimal hunderttausend Menschen mit einem Schlage tot, eine ganze große Stadt mit einem Male ein riesiger Trümmerhaufen, ein unsagbar furchtbarer Kirchhof!« -- »Warum?« -- »Ich bin dagewesen,« brach er los mit ungestümer Kraft. »Ein Gottesgericht möchte ich es nennen. Die Menschen wußten doch, auf welch gefährlichem Boden sie wohnten! Warum mußten sie denn die Bevölkerung in diese steinernen Massenquartiere zusammenpferchen? Hätten sie die Bevölkerung auseinandergezogen, nach Art der neuen englischen Gartenstädte, nicht die Hälfte, nicht der zehnte Teil des Unheils wäre erfolgt. Aber der Bodenwucher, die Profitsucht hatte sie alle geblendet. So eng mit Mietskasernen besetzt, brachten die städtischen Grundstücke ungeheuren Zins.«
Da dachte ich an meine Vaterstadt und das Unglücksjahr 1892, als der Würgengel Cholera in wenigen Tagen die Tausende von Menschen dahinraffte, und an die Gängeviertel mit ihren Proletariermassen und an das schmutzige, verpestete Wasser der Elbe.
»Aber großartig«, fuhr unser Friese fort, »war die Hilfeleistung von allen Nationen. War noch kein Unglück, das die Menschheit betroffen, so groß gewesen, wie dieses, so waren die Völker noch nie so einig im Liebeswerk gewesen, wie hier. Gelt, Doktor, wenn wir gerade im Mittelmeer gewesen wären, wir wären auch gleich hingefahren und hätten mitgeholfen, so gut wir konnten?« Ich nickte nur und drückte ihm die Hand. In meinem Sinne dachte ich daran, wie dieses furchtbare Unglück Wellenkreise der Liebe gezogen hatte, die nie vergehen können, Freundschaftsbande unter den Nationen geknüpft hatte, fester, inniger, als irgend eine Predigt es vermocht hätte. So mußte auch wohl dieses große Unglück im Weltenplane vorgeschrieben sein, ohne dessen Gesetz nichts geschieht, vorgesehen, um die Menschheit ihrem großen Ziele, in Liebe vereinigt zu sein, näher zu bringen. -- --
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Am anderen Morgen tauchten die neuen Passagiere auf, die wir in Madeira spät abends an Bord genommen hatten. Ein Kommerzienrat aus Dresden, der mit seiner Tochter auf Madeira zur Kur geweilt hatte, um die Nachwehen eines schweren Unfalles ausheilen zu lassen. Das Automobil seines besten Freundes daheim hatte ihn auf der Straße überfahren und ihm ein paar Rippen gebrochen.
Mit Ingrimm gedachte ich bei seiner Erzählung dieser rasselnden und stinkenden Ungeheuer, in denen, wie unser Amerikaner sarkastisch bemerkte, vorzugsweise Menschen führen, die sehr viel Zeit haben: Reiche Damen, junge Gecken, Demimonde und dergleichen an Muße reiche Menschenkinder, die nun in ihrem Übermenschendünkel nichts Besseres zu tun haben, als ihre weniger wohlhabenden, auf der Chaussee dahinhastenden oder zur Erholung schlendernden Mitmenschen in graue, benzinduftende Staubwolken zu hüllen.
Und im Geiste sah ich einen endlosen Totenreigen, von Chausseestaub eingehüllt, von Reichen und Armen, von Greisen und Kindern, von Blinden und Trunkenen, lauter Opfer des Automobilsports, und hörte endlose Schmerzensschreie und Flüche von vereinsamten Müttern.
»Gott sei Dank«, fügte die Tochter des Amerikaners hinzu, »wird neuerdings bei uns in Amerika jeder, der durch zu schnelles Fahren einen Menschen tötet, kurzerhand wegen Totschlags bestraft, und ein Chauffeur, der das Auto seines Herrn ohne dessen Erlaubnis aus der Garage nimmt, um auf eigene Faust auf demselben Vergnügungsfahrten zu unternehmen, wegen Diebstahls, weil man beobachtet hat, daß gerade bei solchen Fahrten dieser rücksichtslosen Menschen das meiste Unglück passiert!«
Sodann war ein junger Arzt aus Südwestafrika aufs Schiff gekommen, ein paar Franzosen und Belgier aus dem Kongogebiete, feine, schneidige, jüngere Leute, dabei bescheiden und zurückhaltend und ein besonders angenehmer Landsmann in mittleren Jahren, der Sohn eines Hamburger Senators, der, von Ostafrika kommend, den Seeweg durchs Mittelmeer genommen hatte, um in Madeira Zwischenstation zu machen, ehe er in seine nordische Heimat zurückkehrte.
Ich erkundigte mich bei den Belgiern und Franzosen nach dem Gesundheitszustande in ihren Kolonien. »Uns geht es dort ausgezeichnet«, erwiderten zwei von ihnen in gutem Deutsch und lächelten dabei vielsagend. Ich fing den Blick auf und fragte, was sie mit der eigentümlichen Betonung des Wortes »uns« sagen wollten. »Eh nun,« sagte der Belgier, »die Deutschen sterben bei uns fast alle an der Malaria und am gelben Fieber.«
»Und warum?« »Sie können das Trinken nicht lassen, Bier und Wein und Whisky mit Soda; dazu essen sie viel zu viel Fleisch und vor allem die in den Tropen so überaus schädlichen Konserven, Wurst, Schinken und Büchsengemüse. Wir leben wie die Einheimischen dort von den Gemüsen und Früchten des Landes, Brot und Reis, etwas Fisch, ab und zu ein Huhn, und unser Getränk ist Milch, Kaffee, Tee oder Limonade aus unseren Früchten.«
Mein junger Kollege aus Südwest sprang erregt auf und sagte: »Meine Herren, Sie haben völlig recht. Ich selbst habe das Glück gehabt, zeitig durch einen vortrefflichen Landsmann, den deutschen Regierungsarzt +Dr.+ Külz in Kamerun, über diese wichtigen Fragen aufgeklärt worden zu sein, der seit zehn Jahren in unseren Kolonien tätig ist und durch unausgesetzte Aufklärungsarbeit dort unendlichen Segen stiftet. Er ist einer der wenigen Deutschen dort, der absolut enthaltsam lebt und infolgedessen in den ganzen Jahren nicht einmal krank gewesen ist, während fast alle übrigen Deutschen durch Malaria und gelbes Fieber schwer zu leiden haben. Aber was soll der einzelne machen, solange in Berlin in unseren leitenden Kreisen eine solche schülerhafte, ja, ich möchte sagen frivole Unwissenheit über diese Frage herrscht. Hören Sie nur den Bericht über eine Rede des Staatssekretärs Dernburg, die ich soeben in einer meiner deutschen Zeitungen fand, die meine Mutter mir nach Madeira nachgeschickt hat. Dernburg hat diese Rede am 21. Januar in der deutschen Kolonialgesellschaft in Gegenwart des Kaisers im Plenarsitzungssaale des Reichstages gehalten:
›Die Tausende Bastardkinder machen einen geradezu schmerzlichen Eindruck. Die Eingeborenenverordnungen, die das Verhältnis der Schwarzen und Weißen regeln, müssen im wesentlichen aufrechterhalten bleiben. Der Schwarze wünscht eine Autorität über sich, die ihn verständig leitet. Da die Ansiedler in Südwestafrika eine dauernde Heimat für ihre Kinder und Kindeskinder suchen, wird ein Ausgleich ihrer speziellen Farminteressen und der allgemeinen Interessen leicht zu erreichen sein. Die meiste Bevölkerung gibt in der Heimat sehr vieles auf. Der einzige Ort zum Austausch der Gedanken und zu geistiger Anregung ist in Südwestafrika das Wirtshaus, daher ein enormer Alkoholkonsum; außer Spirituosen und Wein für 7000 erwachsene Männer jährlich 35000 Hektoliter Bier. (Große Heiterkeit, in die auch der Kaiser einstimmt.) Damit vergleiche man, daß auf der vorjährigen Münchener Ausstellung nur 8600 Hektoliter Bier ausgeschenkt wurden. (Erneute Heiterkeit.)‹«
Der Leser schwieg tiefaufatmend. Ein schwüles Schweigen herrschte in unserem kleinen Kreise. Mir schwindelte. Ich stand im Geiste wiederum auf dem Bergesgipfel von Madeira und reckte meine Hand nach ihm aus, der so viel Unheil verhüten konnte, und es nicht tat. -- Kaiser, mein Kaiser, wie konntest du lachen, wenn der Mann, den du zur Erkundigung unserer Kolonien hinausschicktest, so entsetzlich beschämende Dinge mitteilt! -- -- Du hast nicht gelacht. Die Zeitung lügt einmal wieder. Oder hast du die Opfer vergessen, die unser Feldzug in Südwest gekostet hat, all dieses gute deutsche Blut, was dort geflossen ist?
Du hast es gelitten, daß den Hereros, die vor der Zeit, ehe wir ihnen »unsere Kultur« brachten, ein fleißiges, starkes, gesundes, nüchternes Volk waren, schiffsladungsweise der von unseren adligen Herren und Schnapsbrennern gebrannte Sprit hinübergebracht wurde. Wir haben diese Wilden, die uns fleißige Arbeiter in diesem heißen Klima hätten werden sollen, zu faulen Bestien gemacht, ihre Häuptlinge zu Trunkenbolden, -- deine eigenen Behörden in unseren Kolonien haben ihnen den Branntwein verkaufen helfen und die Gewehre dazu, mit denen sie dann die Söhne unseres Landes aus dem Hinterhalt niederknallten, als ihnen in ihrer Verkommenheit der Durst nach der alten Freiheit -- Freiheit von »unserer Kultur!« -- aufdämmerte! Und als der Mann, den du selbst hinübergeschickt hast, dich über all das Unheil, was dort herrscht, durch uns dort herrscht, unterrichten will, -- da lachst du mit der Menge, wie ein unwissender Knabe, -- Kaiser, mein armer Kaiser, -- wieviel mußt du noch lernen! -- -- -- -- -- --
Kaiser, mein Kaiser, -- du kannst nicht gelacht haben! -- --
Oder hat dich dein eigener Sohn nicht aufgeklärt über das Unheil, das der deutsche Trunk in unserem Vaterlande sowohl wie in unseren Kolonien anrichtet? Der ist doch von unseren Freunden genügend unterrichtet worden! -- Aber freilich, der ist ja, wie die Zeitungen melden, in letzter Zeit beschäftigt gewesen, ein neues Patent für Manschettenknöpfe zu erfinden, -- und hat die Anmeldung zurückziehen müssen, weil selbst diese Erfindung vor ihm schon ein Handschuhmacher gemacht hatte. -- -- -- -- -- --
Als wollte er das peinliche Schweigen brechen, fing der Erzähler noch einmal von dem +Dr.+ Külz an und berichtete, wie dieser auf dem Zweirade durch die endlos weiten Distrikte führe, viele Tausende von Negern in ihren Dörfern bereits geimpft hätte, überall aufklärend wirke, helfend, heilend, dem deutschen Namen Achtung verschaffend, dankbar verehrt von den Schwarzen, wie ein Heiliger, und dabei ein lebensfroher Mensch!
Mir aber schlug das Herz höher, denn dieser +Dr.+ Külz war ja vor Jahren als blutjunger, frischgebackener Doktor von Kiel zu mir als Assistent gekommen. Wie hatte er mich damals ausgelacht über meine Enthaltsamkeit von Wein und Bier. Dann hatte er sich selbst eine Praxis gegründet in seiner schlesischen Heimat, hatte sein blondes Mädel gefreit. Aber der Drang nach größerem Wirkungskreise ließ ihn nicht rasten.
So war er hinausgezogen in die afrikanische Wildnis. Aber ehe er hinausfuhr, war er noch einmal eingekehrt bei mir, und in der Fliederlaube in meinem Garten hatte ich ihm so lange zugesetzt, bis er, in die Enge getrieben durch meine Berichte über die Erfahrungen aller unserer großen Tropenforscher, die ich ihm aufzählte, mit raschem Entschlusse sein Gelübde unterschrieb. Die Feder mit Tinte hatte ich ihm in die Hand gedrückt. Und nun war das Samenkorn aufgegangen und trug tausendfältige Frucht.
Und dankbar und glücklich gedachte ich der Lehre von den Wellenringen des Geistes, die nimmer aufhören!
Die Franzosen und die Belgier hatten sich inzwischen taktvoll still empfohlen, da sie merkten, daß wir Deutsche durch den Bericht über den Vortrag von Dernburg sämtlich auf das peinlichste berührt waren. Mein junger Kollege wandelte wie ein Löwe über das ganze Schiff, um seine innere Erregung zu meistern.
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Mein Landsmann, der Hamburger Patriziersohn, war ein stiller, kluger Mensch. Wir waren allein sitzen geblieben. Wir sprachen über Hamburg, über den Handel in Ostafrika, über Professor Koch und seine Studien über Schlafkrankheit. Aus allen seinen Erzählungen leuchtete ein vornehmer Sinn und ein scharfer Verstand, gepaart mit einer wohltuenden Freundlichkeit. Er erzählte von seiner Reise durch das alte Wunderland Ägypten und dem seltenen Schauspiele, das er in Kairo bei Gelegenheit der Heimkehr der Mekkapilger hatte erleben können.
Eins vor allen Dingen habe er gelernt bei dieser Gelegenheit, das sei das höchste Ziel, um das der Mensch ringen müsse: die Erkenntnis dessen, der die Seele der Welt ist, -- einerlei ob die Menschen ihn Gott oder Jehova oder Allah nennten! -- Ich aber gedachte der Offenbarung des Geistes aller Welten, die mir unter dem Himmel der Tropen am Fuße jener Palmen geworden war, die mich gelehrt hatte, daß dieser Geist eins ist mit der Liebe! --
Ein unsichtbares Band war es, was mich mit diesem neuen Freunde verband und mich lebhafter ahnen ließ als je zuvor, daß wir Menschen alle »Brüder eines Vaters« sind. -- -- --
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Je mehr wir uns dem Festlande näherten, desto eisiger und schärfer wehte uns der Wind entgegen. Wenn ich oben auf der obersten Brücke, wo nur der Schiffskompaß stand, mein gewohntes Luftbad nahm, um mit Turnen die Glieder geschmeidig und stark zu halten, brannte die Sonne mir die Haut wund und braun, während der Sturm mich schier über den Ozean forttragen wollte. Aber da oben in meiner stillen Abgeschiedenheit, da war mir das Meer, dieses herrliche, blaue, endlose Meer, zum vertrauten Freunde geworden, dessen Seele mir Wunderdinge zuraunte, von unendlicher Schlichtheit und Größe. Und immer klang mir aus dem Rauschen des Ozeans die Mahnung wieder: Von dieser Schlichtheit sollen wir lernen für unser Leben, unsere Kultur.
Und klein und Stückwerk schien mir unser Kulturleben, hin und her gerissen und eingeengt von tausend kleinen selbstsüchtigen Interessen. Nur einen Gedanken sah ich von Christus Zeiten her wie ein sonnenhelles, die Menschheit erwärmendes Licht, sah ihn bei Protestanten und bei Katholiken das graue Gespinst ihrer Dogmen leuchtend überstrahlen, -- den einen Gedanken, das eine Wort: »Liebet euch untereinander!« -- und aus diesem Worte heraus, nur immer maßgebender, den einen Begriff wachsen für unsere Kultur, wie eine Aufgabe, wie eine ungeheure Pflicht, die der Erfüllung harrt: den Wert des einzelnen Menschen als Träger eines Stückchens Gottesgeistes!
Wer will heute sagen, was in zwanzig oder dreißig Jahren aus dem unehelichen Kinde einer Magd wird, das in Liebe gezeugt wird, -- wenn es in Liebe zur Liebe, zur höchsten Liebe erzogen wird?
Sind nicht Bischöfe und Fürsten aus solchem Stande hervorgegangen? Und war Christus nicht der Sohn eines armen Zimmermanns?
Wer will uns sagen, welch edles Samenkorn in der Seele eines Verbrechers, eines Mörders schlummert? Ich kenne einen, der, hinter Zuchthausmauern sitzend, ein Leben lang aus seiner Zelle heraus mit seinen armseligen Mitteln mehr Gutes tat für die Ärmsten der Armen, als mancher Fürst!
Ich kenne Säufer, denen alle fluchten, die sie kannten, -- und als sie nüchtern geworden waren, wurden sie ein Segen für die Ihrigen und für ihre Gemeinde!
Wir haben kein Recht zu verdammen, -- aber wir haben eine große, hohe, heilige, unabweisbare Pflicht dem Gottesfünkchen gegenüber, das in jedem Menschenkinde schlummert, -- denn dieses Fünkchen kann zur Flamme werden, die uns einstens als Fackel auf dunklen Wegen leuchtet und wie ein Herdfeuer wärmt in eisiger Nacht. -- -- --
Machen wir uns nicht alle zu Mitschuldigen unserer Verbrecher, dieser schier zahllosen Unglücklichen, wir alle, und diejenigen, die an der Spitze unserer Staaten stehen, am meisten, weil wir es dulden, daß die Menschen so vertieren und verrohen und gewissenlos werden?
Und was ist die Ursache? Das alte Lied: das Schwinden der Liebe vor allem!
Sodann das Zusammenpferchen der Menschen in den Städten! Und wer ist schuld daran? Die Männer, die unsere Bebauungsgesetze zu machen haben!
Und weiter, -- dieses teuflische Gift, für das unser Volk über drei Milliarden ausgibt, das unsere Männer krank macht und die Familien zerstört, das unser Brotkorn und unsere Trauben vernichtet und unsere Kultur hemmt und zurückschraubt! Und wer ist schuld daran? Die Männer, die unsere Gesetze machen helfen!
Schaut nach Kanada, schaut in den Finnischen Landtag, seht nach Norwegen und Schweden, -- da sitzen im schwedischen Reichstage hundert Enthaltsame! -- Die alle haben ihre Länder frei und glücklich gemacht! --
Aber unsere Herren im Reichstage und Landtage, in der Gemeinde und im Herrenhause, -- sie können sich von ihrem Glase und Humpen noch immer nicht trennen! -- -- Hier, aufgewacht, ihr deutschen Philister an den Regierungstischen, die ihr über den Rand eures Glases nicht hinüberseht, -- gebt acht, --: dort unten aus dem handarbeitenden Volke, da wächst ein Sturm heraus, angefacht von der Lohe der Wahrheit und der Menschenliebe, der wird eure Brennereien und eure Brauereiaktien und eure Sektkübel hinwegfegen, wie einstens drüben in Amerika die Sklavenbefreier die uralten Vorurteile und die Selbstsucht der Sklavenhalter!
Ihr wollt das deutsche Volk in eurer Sklaverei halten, mit drei Milliarden soll es euch alljährlich fronen -- -- aber es wird sich frei machen und euch besitzlos, ihr, die ihr mit eurem Bier und Branntwein ihm das Mark aussaugt!
Freilich -- von euch, die ihr für euer eigenes Portemonnaie so wacker rechnen könnt, denkt keiner daran, daß jedes Menschenleben ein bares Kapital ausmacht, -- einen greifbaren, volkswirtschaftlichen Wert, mit dem wir zu rechnen haben, den wir hüten müssen, als einen ungehobenen Schatz!
Was geht euch das an! Wenn ihr nur euren Sprit verkauft, euren Wein, euer Bier! Mag auch das Volk darüber zum Teufel gehen!
Schöne »Konservative«, herrliche »Volkserhalter« seid ihr! -- -- --
Aus dem Brausen des Ozeans klang es wie ein Tosen an mein Ohr, wenn ich an all das Elend in unserem Volke dachte. Aber aus all den tausend Stimmen hörte ich immer wieder wie einen schrillen Klagelaut das Hohelied vom Leid der Frau. Und je tiefer ich mein eigenes Leid empfand, desto mehr litt ich mit ihr, -- mit ihnen allen. Denn sie, die die Schwachen im Lande hießen, litten am meisten.
Aber ich sah auch, wie aus diesen Schwachen Heldinnen sich erhoben, die Tausende und Abertausende von den schwachen Schwestern mit sich rissen aus dem Leide zur Arbeit, zur Freude, zur Freiheit, zum Leben!
Ja, schäume nur, Ozean, -- spritz nur deinen Gischt herauf bis zu mir, -- siehst du, -- unser Schiff kämpft doch gegen dich an trotz all deinem Wüten, -- -- so werden wir mit unserer Liebe und mit der Kraft der Wahrheit die tausend Vorurteile überwinden, die uns tagtäglich entgegenbranden! -- -- --
Und klarer und klarer, so durchsichtig, wie dieses durchsichtige kornblumenblaue Wasser des Ozeans ward mir der Kampf gegen das menschliche Elend: Das war keine düstere, graue Nebelwand mehr, die mich erdrücken wollte, -- sondern lauter einzelne, praktische, greifbare Fragen, -- wie der Nebel, der über unserer Vaterstadt lag, sich zusammensetzte aus dem Rauche der Tausende von Schornsteinen. Jede einzelne Frage war zu lösen, jede einzelne anzugreifen, jede einzelne durchzukämpfen, -- vor allem die wichtigste: Wir müssen uns mehr Mühe geben, bessere, größere, reinere, willensstärkere, liebevollere Menschen zu ziehen, -- und selbst zu werden: das ist und bleibt die Hauptaufgabe für unsere Kultur!
Wir müssen lernen, die Körperkultur der alten Griechen und Römer in der klassischen Zeit, die Kunst des schönen, großen und freien Lebens aus der Renaissancezeit und die Fortschritte der Technik unserer Zeit zu einem neuen großen Leben zu verbinden im Geiste jener großen Liebe zu unseren Mitmenschen, die Christus uns gelehrt hat!
Und dann wird es kommen, -- diese neuen Menschen werden dann Hand anlegen ans Werk, nüchternen Sinnes, willensstark, liebevollen Herzens, -- und dann, -- und dann mit einem Male wird der Frühling da sein! Der Völkerfrühling! Der Menschheitsfrühling! --
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Wieder bog unser Schiff, dieses Mal von Süden kommend, in den Tejo ein. Wieder tauchte die Cintra auf, erst in der Ferne, dann, den Windungen des Flusses und der Berge folgend, immer wieder verschwindend, -- immer näher, -- aber den Zauber, wie damals auf der Ausreise, übte sie nicht mehr auf mich aus, -- das war ein fremdes Ideal, -- mein Geist schweifte weiter hinauf nach dem Norden, nach einem Hause in grünem Garten mit Lilien, Rosen und Veilchen und grünen Tannen und Buchen, Eichen, meinen Eichen, und blühenden Obstbäumen, und voll von Nachtigallengesang und Kinderjubel, und nach brauner Heide und stillen Tannenwäldern mit ihrem heimlichen Leben im Moose und Heidekraut, nach milder Sonne und brausendem Weststurme, nach einer Stadt am großen Strome, und einer Kirche, die aus der Asche wieder emporwuchs, und einem granitenen Standbilde des Mannes, der die Liebe und die Kraft zur Tat in sich verkörperte. -- -- --
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Ich schlenderte durch die portugiesische Hauptstadt. Die Freunde drängten uns, den ermordeten König zu sehen, der, einbalsamiert und aufgebahrt, im Mausoleum ausgestellt lag.
Der Portier soll ein gutes Geschäft dabei machen. Oh, entsetzliches Metier!
Nein, -- dieser König hatte keine Liebe für sein Volk gehabt. Aber warum hatten seine Freunde ihn nicht aufgeklärt? Oder hatte er keine Freunde? Ist es das Schicksal von euch Königen, keine Freunde zu haben, die euch die Wahrheit sagen? -- Armer König, -- vielleicht lebtest du heute noch, geehrt und geliebt von einem frohen, glücklichen, reichen Volke, wenn deine Freunde dir die Wahrheit gesagt hätten!
Von noch einem wissen unsere Deutschen zu berichten: von dem dicken Ostpreußen, den wir auf der Ausreise an Land gesetzt hatten. Er hatte auf dem internationalen Wirtekongreß in Lissabon des Guten zu viel getan, hatte den Portwein aus Biergläsern geschlürft, mit Orden und Ehrenzeichen, seiner Würde als Vorsitzender des heimischen Kriegervereins, in der Gosse gelegen, -- als Spott für die Straßenjugend von Lissabon. -- »Das deutsche Schwein« hatten sie ihn getauft. -- Eines schönen Tages war er vom Schlage gerührt. Halbseitig gelähmt wurde er ins Hospital gebracht. Dann ging es langsam mit ihm zu Ende. Kurz vor seinem Tode legte er noch einem der ansässigen Deutschen, der sich seiner als Landsmann besonders mitleidig angenommen hatte, die Beichte seines Lebens ab: Er hatte studiert, stand vor dem Oberlehrer. Da mußte er als Einjähriger sein Jahr abdienen. Eines Tages warf er beim Exerzieren vor versammelter Mannschaft dem Unteroffizier sein Gewehr vor die Füße. Gehorsamsverweigerung. -- Ein Exempel mußte statuiert werden, -- im Gefängnis konnte er über Disziplinlosigkeit nachdenken. -- Die Einjährigenschnüre waren ihm genommen, zur zweiten Klasse des Soldatenstandes wurde er degradiert. -- Den Kopf voller Kenntnisse, überall scheel angesehen, so kam er in seinen Beruf der Lohnschreiber; der Trunk führte ihn in die Kreise der Wirte ein, für die er ein vortreffliches Werkzeug bildete.
Aber sein Geschäft blühte weiter. Die Regierung brauchte Kunde, wer in dem Kreise zu den »unruhigen Köpfen« gehörte. -- Woher sie das Geld nahm zur Bezahlung solcher Ehrendienste? Da wurde gemunkelt, -- aus dem Invalidenfonds, aus dem den alten Vaterlandesverteidigern ihr Ehrensold gezahlt werden sollte. Ging der in solche Kanäle? -- Auf dem Totenbette schwatzt einer mehr, als er verantworten kann und sonst wohl tut.
So kam er zu seinen Orden und fetter Pfründe, und war doch nur ein allzu früh und schimpflich gestrandetes Lebenswrack. Ein Schalk, wie unser portugiesischer Gastfreund treffend bemerkte, gemischt aus viehischer Gemeinheit und eklem Strebertume, der mit dem einen Auge nach den derbsten, sinnlichen Genüssen schielte und mit dem anderen nach der Gunst von oben, um Judaslohn und Ordenszeichen! Friede seiner Asche! -- -- --
Uns war allen ganz elend geworden bei dieser Erzählung. Wir atmeten alle ordentlich auf, daß diese Mißgeburt von Mensch kein Unheil im Vaterlande mehr anrichten konnte mit seinem Schnüffeln und Hetzen. Gott sei's geklagt, daß es noch mehr solcher Unholde daheim gibt. Man sollte ihnen wie Schlangen den Kopf zertreten, denn sie demoralisieren gleichzeitig unsere Regierung und unser Volk. Aber wie der Gedanke auftauchte, sah ich auch schon im Geiste die Reihe der Gegner, -- hingesunken in der Blüte der Jahre, einer nach dem anderen aufs Totenbett, weil sie die neue Lehre verhöhnt hatten. -- --
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