Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden
Part 27
Von dem jungen Könige Manuel wußten die Freunde nur Gutes zu berichten. Er hatte bestimmt, daß die acht Millionen, die seinem Vater von der Regierung zu Unrecht vorgestreckt waren, in Raten von 400000 Pesetas alljährlich durch Abzug von seiner Zivilliste allmählich getilgt werden sollten. Kürzlich hatte er auf einer Automobilfahrt, die er mit seiner Mutter unternahm, sich eines verunglückten Radfahrers auf das gütigste angenommen, ihn eigenhändig in sein Auto gehoben und zum Hospital gefahren. Dann war er zu den Angehörigen geeilt, um diese von dem Unheil schonend in Kenntnis zu setzen und sie zu trösten; hat sich auch nachher des Verletzten und seiner Familie auf das liebevollste angenommen.
Das war edel, mein junger König, und die Liebe deines Volkes mag deine Samaritertat dir lohnen, -- aber für einen König nur ein Stäubchen. Dein ganzes Volk braucht dich als Samariter. Riesenarbeit wartet auf dich! Ans Werk! Ans Werk! -- --
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Doch was ist das? Haben Wahnsinnige das verübt? Oder Anarchisten? Oder -- nein, das kann nicht sein. -- Ich lese, -- an allen Straßenecken sind wie von Zauberhand plötzlich Plakate in großer Schrift angeschlagen: »Christus hat nie gelebt!« -- Wahnsinnige Toren! -- -- Wißt ihr, wer Christus war? Er war der Brennspiegel, der alle Strahlen göttlicher Liebe, die je die Welt durchleuchtet und durchwärmt haben, wie Sonnenstrahlen in sich aufgenommen hatte, und nun wie ein großes, leuchtendes und wärmendes Licht, wie eine große Menschensonne, alle diese Strahlen wieder von sich gab, zu leuchten und zu wärmen, wie die Sonne selbst, solange es Menschen gibt. --
Es dunkelt. -- -- -- -- Der Kapitän drängt zur Rückkehr aufs Schiff. Der Himmel bezieht sich. Ein Heulen und Ächzen geht durch die Luft. Dabei lastet von niedrigem Himmel bleierne Schwüle. Vom Hafen rufen die Warnungssignale der Sirene. Wir eilen. Hoch gehen schon die Wogen des Tejo. Mühsam kämpft sich die kleine Pinasse durch, die uns von der Hafenmauer des Königsplatzes an unser Schiff bringt. Mühsam kämpft sie sich zurück. Schon rasseln die Anker in die Höhe. Finsternis liegt auf dem Wasser. Schauerlich heult der Sturm. Blitz und Donner erfüllen die Luft mit fahlem Licht und krachendem Getöse. Da rollt es in der Tiefe, als ob der Donner in den dunklen Wolken vieltausendfaches Echo in dem Schoße der Erde fände. Und alles Toben der Natur übertönend, durchschneidet ein vieltausendfacher Schrei aus Menschenkehlen die finstere Nacht. -- Tausend Schrecken der Vergangenheit werden wach, -- die Erde bebt! Krachen und Wehgeschrei vom Lande her erfüllt die Luft, -- hell lodern am Ufer die Brände in Stadt und Dorf. Schaurig spiegelt sich in den schwarzen Wolken und in den finsteren Fluten die rote Glut. Wir aber fliehen, da wir doch nicht helfen können, mit Volldampf diese Stätte des Grauens und der Zerstörung, um nicht im engen Hafen, Schiff gegen Schiff gepreßt durch die tobenden Wogen, Vernichtung den anderen bringend statt Rettung, mit unterzugehen in diesem -- war es ein Strafgericht? Der Kapitän und ich wechselten kein Wort über diese Frage.
Als wir die Mündung des Tejo erreicht und wieder offenes Meer unter uns hatten, sahen wir uns beide in die Augen und drückten uns schweigend die Hand.
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Wieder saß ich in meiner Kabine mit meiner Post aus der Heimat, die ich in Lissabon empfangen, vielleicht die letzte vor der Heimkehr. Zu Hause alles wohl. Aber in der Welt? -- Seltsam. Nie habe ich die Hand eines gesetzmäßig waltenden Schicksals so empfunden, so scharf und sicher empfunden, wie in dieser Zeit. Ob die lange Seefahrt, das lange Zusammenleben mit der Natur die Sinne geschärft hat, -- ich weiß es nicht. Aber wunderlich ist es.
Der Minotaurus von England, der im Orient so gern Geschäfte für seine Pulver- und Gewehrfabriken gemacht und nur zu gern einen Weltbrand entfesselt hätte, um dann im trüben fischen zu können, hat sich verrechnet. Nun sitzt er schmollend in seinem heimatlichen Nebellande und sinnt, wo nun vielleicht ein Geschäft zu machen sei. Halt -- in Persien. Da wollen die Russen die begehrliche Hand nach Süden strecken, -- also schleunigst an die zehntausend Gewehre und ein paar Millionen Patronen in großem Karawanenzuge an die Perser geliefert. Ist das Geschäft auch nicht groß, es ist doch mitzunehmen. Um so mehr, da die Serben doch auch schon allerlei an Gewehren und Kanonen gekauft hatten.
Da aber vollendete sich das Werk Bismarcks, des Helden der Tat und der Liebe. Er hatte das Bündnis mit Österreich geschmiedet, weise vorausschauend. Fest und treu stand unser Kaiser zu dem alten Verbündeten aus dem Hause Habsburg, -- Wellenringe der Liebe und der Treue, die jener große Diener des alten Kaisers in die Welt hinausgesandt. Sie wirkten und wirkten so stark, daß alle Intrigen und Hetzereien des englischen Ungeheuers daran scheiterten.
Kaiser, mein Kaiser, -- wir wußten, du würdest treu sein, -- das hast du gut gemacht, mein Kaiser, -- da warst du groß! -- Kaiser, mein Kaiser, -- ich grüße dich! -- -- -- -- --
Selbst dem Serbenvolke, das noch eben den prahlerischen Reden seines Kronprinzen zugejubelt hatte, wird's zuviel. Mit Schande und Spott muß der üble Bursche, überlastet mit Schulden, sein Heimatland verlassen. Er hatte keine Liebe zu seinem Volke, -- so straft ihn die Gerechtigkeit. -- --
Und noch einer irrt in der Welt umher, geächtet und verpönt, Castro, der einstige Präsident von Venezuela, der seinen Beutel füllte, aber sein Volk nicht kannte.
Und wiederum noch einen hat's gepackt, -- den Abdul Hamid, den einst allmächtigen Sultan des großen türkischen Reiches. Mord und Raub war sein Herrscherleben, sein Volk verkam, seine Hauptstadt zerfiel. Er aber erschlaffte im Haremsleben und häufte Schätze auf Schätze. Mit Blut und Hinterlist wollte er den Fortschritt zu einer freieren, besseren Kultur dämpfen -- aber die Macht des Gedankens, die Macht der Liebe zur Freiheit, zur Wahrheit, zum Fortschritt ist unüberwindlich. Ihn schützten seine Garden nicht, noch seine festen Mauern, -- verbannt, einsam muß er den Tod erwarten!
Und Rußland? Die Zersetzung schreitet fort, -- ein verwesender Leichnam. Wie kann es anders sein, da Liebe allein Leben ist, allein Leben verleiht, -- und in Rußland die Liebe fehlt. -- -- --
Ich gedachte des Balten und seiner Lebensgeschichte, seiner Verzweiflung und seines Endes. Es war die Leidensgeschichte des russischen Volkes.
Und plötzlich -- wie es kam, ich weiß es nicht -- fiel mir die Geschichte des dicken Ostpreußen wieder ein, und daß doch auch bei uns im Reiche so manches faul sei, daß an so manchem, manchem Orte die Liebe fehlte, als ob ein kalter Wind von Osten her über unsere Grenze wehe!
Mir aber war es, als fühle und höre ich aus der Tiefe ein heimliches Rauschen und Klingen, ein Raunen von Wahrheit und Gerechtigkeit, von großer Sehnsucht nach Sonne, nach Liebe und Frieden. --
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Als ich in meiner Kabine lag, führte mich der Schlaf in einen seltsamen Traum. Um einen Jüngling mit wunderbar gütigen Augen, dessen Antlitz mich an das Kind erinnerte, mit dem Maria und Joseph aus Ägypten heimkehrten, saßen unsere Fürsten geschart: neben seinem großen Kanzler unser alter, weiser Heldenkaiser Wilhelm, sein Sohn, der gütige, geduldige Friedrich, der alte Kaiser von Österreich, der sein Volk so liebt und von seinem Volke so innig wiedergeliebt wird, und der ihm so gern helfen möchte und es nur nicht kann, weil er zu schwach ist gegenüber dem im Lande tobenden Nationalitätenhader -- und viele, viele andere Fürsten, die ihr Volk geliebt hatten; -- und dort der Minotaurus, in sich zusammengesunken, und dort der Sultan, dort Castro, da -- der König von Portugal, und alle die anderen Fürsten und Könige. Seitwärts aber stand einer, der hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen und weinte bitterlich.
Nun erhob sich der Jüngling und ging auf die drei großen Kaiser zu und küßte sie auf die Stirn. Da loderten drei Flammen auf, die ringelten sich aufwärts zur Sonne und ihre Kreise gingen ganz in jener auf. Und ebenso erging es allen jenen, die ihr Volk geliebt hatten.
Mir aber war es, als ob die Sonne heller und wärmer schiene danach. Der Jüngling aber schritt auf den einen zu, der abseits stand, nahm ihm liebevoll die Hände vom Gesichte und führte ihn hinaus, damit er um seiner Reue willen noch einmal lebe.
Auf dem Richterstuhle im Kreise aber saß nunmehr ein Greis, machtvoll, ehernen Antlitzes, der hielt eine Wage in der Rechten und wägte und wog und winkte einem nach dem anderen der Fürsten und Könige zu. Und einer nach dem anderen ging, wenn jener winkte, in Flammen auf, die aber nicht zur Sonne reichten, sondern alsbald in sich selbst zurückfielen, so daß nur ein Häufchen Asche nachblieb. Dann erhob sich ein Heulen, wie von einem Sturmwinde, und alle Asche zerstob in die Winde.
Da ward mir klar: ich hatte das Gericht der Zeit im Traume erlebt. --
Sobald der Tag graute, wechselten wir mit der portugiesischen Küste Signale, ob wir vielleicht nach dem Erdbeben von gestern irgendwo Hilfe leisten könnten. Man verständigte uns dankend, der Schaden sei zum Glück geringer als der Schrecken. Es sei reichlich Hilfe im Lande vorhanden. So konnten wir unsere Reise ruhig fortsetzen.
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Beim Morgenfrühstück war das erste, was mir unser Amerikaner mitteilte, Roosevelt sei nicht mehr Präsident, er wolle sich fortan der Jagd und der Schriftstellerei widmen.
Seltsam, -- sollte es in der Rasse liegen? Den kritischen Verstand hatte er schon. Er hatte ganz richtig gesehen, wo der Schaden lag: bei den Menschen, bei der Dollarsucht der Kleinen und dem Mammonismus der Großen, der Trusts. Hatte er doch selbst gesagt: »die Menschen seien alles, die Einrichtungen nichts in der Geschichte. Nur durch die menschliche Kraft erhielten die menschlichen Institutionen ihren Stempel.«
Auch der Wille zum Helfen war da. Aber eins fehlte ihm, so daß er es fertig brachte, vom unvollendeten Werke seines Lebens zu scheiden: er hatte nicht die glühende Liebe zu seinem Volke, die den Willen zur Tat reifen läßt, sein Geist war nicht von Christi Geist, und er war kein Bismarck. Sein Werk war unvollendet, sein Volk seufzte noch unter der Herrschaft des Dollars, -- und er wollte Antilopen und Elefanten in Afrika jagen? -- Aber war es denn sein Volk? Wo war sein Volk? -- --
Kaiser, mein Kaiser, -- du stammst aus deinem Volke! Du gehst nicht nach Afrika, um Elefanten zu jagen und dein Volk zu vergessen! -- Ich weiß, was du tun willst! Ich sehe dich im Geiste und reiche dir im Geiste die Hand. -- -- -- -- -- --
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Der Amerikaner brach zuerst das Schweigen und sagte, obwohl er selbst geborener Republikaner sei, müsse er sich bei der Wahl einer Regierungsform doch für die Wahl einer Monarchie entscheiden. Die Republik komme ihm vor wie eine große Aktiengesellschaft, in der die Aktionäre kein Herz für die Arbeiter hätten, sondern nur an den Bestand des Unternehmens und die Höhe der Dividenden dächten. Die Monarchie aber schiene ihm wie ein großer Gutshof oder ein großes industrielles Unternehmen, das der Gründer selbst führe, der, selbst aus der Schar der Arbeitenden hervorgegangen, ihre Bedürfnisse und ihren Wert genau kenne und durch Dankbarkeit und Liebe mit ihnen zu einem einheitlichen Organismus verbunden sei.
Die Königinnen aber, wie das Beispiel der edlen Königin Elena von Italien bei dem Unglücke von Messina wieder beweise, und wie die meisten Königinnen und Fürstinnen der Jetztzeit zeigten, seien wie gütige Gutsherrinnen, gewissermaßen das Prinzip der werktätigen Liebe auf dem Throne. Selbst die alte Königin Viktoria von England hätte, trotz ihrer Schattenseiten, hiervon keine Ausnahme gemacht.
Ich aber dachte an unsere Kaiserin mit ihrem großen Herzen so überreich an Menschenliebe, an die Königin von Württemberg, an die Großherzogin von Baden, und alle die anderen edlen Frauen aus deutschen Fürstenhäusern. Und gedachte der Sonne meines Hauses. --
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Vorwärts, weiter stampft der Kolben, -- mir viel zu langsam. --
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Unseren kranken Neger hatten wir glücklich schon in Madeira an Land gesetzt. Von dort wollte er mit dem nächsten Woermann-Dampfer nach Afrika.
Unsere Spanier waren ausgelassen vor Heimkehrfreude. Von früh bis spät war ein Gejubel wie in unserem Garten, wenn im Frühling Finken und Drosseln mit den Kindern um die Wette ihre Lieder erschallen lassen. Nun mußte auch bei uns bald Frühling werden.
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Wieder lagen wir in der Bucht von Vigo. Mit Tücherschwenken und Liedern fuhren sie mit ihren Booten an Land, -- die einen, um möglichst bald wieder zurückzukehren ins Land der Sonne, -- die anderen, um in ihr Land die Sehnsucht hineinzutragen nach Wärme, Leben und Liebe.
Spanischer König, besinne dich, -- denk daran, wie es deinem Nachbarn erging!
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Zurück durch die Biskaya. Was sagt uns der Sturm und das wogende Meer? -- -- Heimwärts, heimwärts war der einzige Gedanke! Schaffen, helfen, befreien, aufklären, Sonne bringen, Liebe! -- Vorwärts! Vorwärts! -- -- --
Oben auf Deck war's ungemütlich. Regen und Schnee, kalter Wind aus Norden.
Wenn ich so recht durchgefroren war, ging ich eine Weile in den Maschinenraum und setzte mich dort still in eine Ecke, ungesehen und unsichtbar für die Heizer und Maschinisten, und sah der Arbeit der Maschinen zu.
Da hörte ich, wie einer der Trimmer, die die Kohlen herbeischafften, den Heizer fragte: »Sag 'mal, Neumann, wie kommt es, daß du als Sozialist so für Bismarck schwärmst? Ich hörte dich neulich über den alten Junker reden, als ob du selbst Rittergutsbesitzer wärst.« Der Angeredete stand auf seine Schaufel gestützt da: »Einfach der Arbeiterversicherungen wegen. Denn das kann ich euch sagen, -- wenn Bismarck nicht gewesen wäre, und wenn er zehnmal selbst Junker gewesen ist, der anständigste war er doch, -- dann hätten wir die Arbeiterversicherung heute noch nicht. Denn diese Schnapsbrenner und Altarstützen, die jetzt dem Reiche wieder die Steuern versagt und sie dem kleinen Manne aufgehalst haben, sie hätten das Werk nie geschehen lassen, wenn Bismarck sie nicht gezwungen hätte. Und ist auch noch mancherlei an unserer Versicherung auszusetzen, ein großer Anfang ist gemacht. Nun müssen wir alle helfen, das Werk zu vollenden, denn einen Bismarck kriegen wir doch nicht wieder.«
»Wenn sie aber jetzt so vielen Lärm darüber machen, daß in den zwanzig Jahren, die die Arbeiterversicherungen nun bestehen, von den Unternehmern und den Arbeitern zehn Milliarden für die Versicherung aufgebracht sind, so ist das einfach lachhaft,« rief der eine Trimmer, den sie den Anarchisten nannten, -- »denn in dem nämlichen Zeitraum hat unser deutsches Volk das Sechsfache von dem versoffen, -- sechzig Milliarden in zwanzig Jahren! Das sagen die Herren Unternehmer aber nicht dabei, -- das Volk könnte ja aufgeklärt werden, daß es sich für seine sechzig Milliarden was Besseres hätte kaufen können, als Schnaps und Bier, -- und dann würden ja die Dividenden sinken von all diesen Spritbaronen und Brauereiaktionären! Und deren sind nicht wenige! Der Teufel soll die ganze Bagage holen!«
Er schlug mit seiner schwarzen, schwieligen Faust gegen die eiserne Schottentür, daß der Raum dröhnte.
»Aber nun sagt'mal Leute,« fing der erste Heizer wieder an, offenbar um das Gespräch in andere Bahnen zu lenken, -- »das müßt ihr mir eigentlich 'mal erzählen, wie ihr Anarchisten geworden seid?«
»Nichts einfacher als das«, erwiderte einer der Angerufenen. Mir entging kein Wort, weil die Leute wegen des Lärmens der Maschine sehr laut sprachen.
»Du weißt, ich bin ein Bayer. Ich bewirtschaftete den kleinen Hof meines Vaters. Eines Tages fuhr ich mit meinen beiden Braunen aufs Feld, um Heu zu holen. Holt mich da so ein Prinz ein mit seinem Automobil und fährt so dicht an meinen Wagen heran, daß meine Pferde beiseite springen, und der Wagen durch den Anprall in den Graben fliegt. Ich hörte nur noch ein ›verdammtes, dummes Bauernpack‹ aus dem Wagen mir nachrufen. Mir selbst wurde die linke Schulter ausgerenkt. Das Automobil hatte aber bei dem Anfahren auch einen Knacks abgekriegt und stand auf der Landstraße. Da ging ich auf den Prinzen zu und sagte: ›Königliche Hoheit, das wird Euch halt an 3000 Mark kosten,‹ und schrieb's ihm auch noch, so gut ich's konnte.
Mit Glacehandschuhen hab ich ihn nit angefaßt, aber doch auch nit allzu grob, -- so wie wir Bayern nun einmal sind. -- Was meint ihr? Nix erhielt ich, wegen Erpressung wurde ich angeklagt, und drei Monate habe ich sitzen müssen. Als ich wieder frei war, habe ich meinen Hof verkauft und den Erlös versoffen und hab' auf alle Regierungen und Gesetze gepfiffen. Denn daß das Gerechtigkeit sein sollt', das ging in meinen bayerischen Bauernschädel nit rein. Nun mag halt alles gehen, wie es will!«
»Mir ist's nicht viel anders ergangen,« begann der zweite, ein Sachse. »Ich war Drechslergeselle in Dresden, hatte die Vorträge von Pfarrer Naumann gehört, und kam so zu den Christlichsozialen. Da fing ich an, zu den Arbeitern zu reden über Wohnungsnot und sprach gegen das Trinken und suchte sie für Bauvereine und Genossenschaftswesen zu begeistern, für Nüchternheit und Volksbildung, für Turnen und Sport, -- mit einem Male war die Polizei auf mich aufmerksam, -- hier stieß ich auf Widerstand und dort, -- wurde hier schikaniert und da, -- da wurde ich Sozialist und schwor dem Polizeistaate Urfehde und stimmte mit ein in den Ruf: »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« Dann aber sah ich, wie auch in der Arbeiterpartei Protektion und Strebertum, Geldinteresse und Ehrsucht sich breit machten. -- Da graute mir davor, daß eines Tages der Zukunftsstaat Wirklichkeit werden könnte. Ich kann euch sagen: es würde noch tausendmal schlimmer werden, als es heute schon ist. Die Regierung, die was taugt, soll noch geboren werden. Einstweilen fühle ich mich wohl in dem Gedanken, daß keine mich etwas angeht.«
»Paß man auf,« lachte der Heizer, »daß dich die jetzige nicht beim Kragen kriegt.« -- »Pah,« meinte der andere gleichmütig, »ich habe nichts auf der Kerbe, da kann mir die ganze Polizei im Mondschein begegnen.« »Und warum du?« wandte sich der Heizer an den dritten, einen hübschen, blonden jungen Burschen mit schwermütig dreinschauenden Augen. »Das ist eine traurige Geschichte,« begann jener. »Ich hatte ein Mädel lieb, es gab kein saubereres auf der Erde. Während ich auf der Wanderschaft war, hatte ein Assessor, der bei der Herrschaft, bei der mein Mädchen diente, als Einlogierer wohnte, sie verführt. Als sie ihn auf die Alimente verklagen wollte, schwor er ab, daß er der Vater sei und brachte Zeugen bei, daß sie sich auch anderen hingegeben habe. -- Sie hatten sie mit Wein und Sekt betrunken gemacht. -- Dann wurde sie krank und konnte nicht mehr für sich und das Kind arbeiten. Ich schickte ihr von der Wanderschaft, was ich hatte. Eines Tages kam die Verzweiflung über sie, und sie erstickte das Kind in ihren Kissen. Die Freundin, die ihr geholfen, bekam sechs Jahre Gefängnis, sie selbst wurde wegen Mordes zum Tode verurteilt und schließlich zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt.
Der Herr Assessor aber ist jetzt Landgerichtsdirektor geworden. Nun pfeife ich auf den heutigen Staat und seine Gesetze und leb' mein Leben als ein Freier.«
Das Stampfen des Kolbens mahnte zur Arbeit. Schweigend gingen die Trimmer wieder an ihr Werk. Krachend flogen die Kohlen von der Hand des Heizers wieder in die Glut. Mir war es, als ob er heftiger als sonst mit der Eisenstange die Glut durchstieß. Es war, als wollte er sich Luft schaffen. Ich aber ging nach oben in den Schneesturm. Mir hatte sich etwas aufs Herz gelegt, wie schwerer Alpdruck.
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Die Erzählungen der drei Trimmer gingen mir durch den Kopf und machten mich schier krank. Ja, -- es gehörten Titanenkräfte dazu, hier Wandel zu schaffen. Einmal unsere Gesetze auf das einzustellen, was der gesunde Menschenverstand als Gerechtigkeit empfand! Wie sollte geahndet werden, und mehr: wie sollte wieder gut gemacht werden, was einer an der Seele des anderen verbrochen hatte? Oh, ihr Regierungen und ihr Richter, ihr Ärzte und Lehrer, ihr Geistlichen und ihr Lehrherren, ihr Vorgesetzten und ihr Arbeiterführer, ihr Männer und ihr Frauen, ihr Eltern und ihr Kinder, -- wir alle, alle, -- was haben wir für eine rasend große Verantwortung auf uns für unsere Nächsten! Wehe, wehe, wenn wir der Liebe und Gerechtigkeit mangeln! --
Kultusminister! Kultusminister! Was hast du für eine Riesenaufgabe, in die Herzen von diesen 60 Millionen Deutschen durch deine Hunderttausende von Lehrern und Geistlichen den Samen der Liebe und der Gerechtigkeit zu säen und dafür zu sorgen, daß dieser Same aufgehe und durch nichts, durch keine Wohnungsnot in Proletariervierteln, durch keinen Schmutz in der Literatur, durch keine sinnverwirrenden Trinksitten, durch keine unheilvolle Rechtsprechung, durch keine Herzlosigkeit und keinen Standesdünkel, durch keine Klassenvorrechte und keine Menschenverachtung zerstört werde!
Kultusminister! -- Tust du deine Pflicht? -- -- --
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Zur linken Hand zog Englands Küste herauf. Da saß der Fluch der Welt und sann und spann, wo und wie er neuen Krieg entfesseln könnte, und hetzte sein Volk in neue Aufregung hinein. Ob's ihm gelang? Ob's seiner gütigen Gemahlin, der Königin Alexandra, die wie ein guter Engel durch die Londoner Hospitäler schritt, gelingen würde, ihn umzustimmen zu praktischer Friedensarbeit an seinem Volke und unter den Völkern? -- --
Da trat der Amerikaner zu mir und zeigte mir ein englisches Zeitungsblatt. Unsterblich lächerlich hatten sich alle die Hetzer und Schürer gemacht. Die Angst, die Deutschen möchten über den Kanal herüberkommen, um das stolze Albion zu bekriegen, diese Angst, die sie künstlich angefacht hatten, um immer neue Dreadnoughts aus der Nation herauszupressen, hatte die lächerlichsten Blüten gezeigt. Geheimnisvolle Luftschiffe mit Scheinwerfern sollten über englischen Städten gekreuzt haben. Ganz England war in fieberhafter Erregung. Zeppelins Erfindung hatte das Volk halb wahnsinnig vor Deutschenfurcht gemacht.
Und was war des Pudels Kern? Ein paar Modelle eines englischen Luftschiffabrikanten, mit Spirituslämpchen versehen, um durch Erzeugung von verdünnter Luft den Auftrieb zu ermöglichen, hatten der erhitzten Phantasie John Bulls den Einfall deutscher Luftschiffe vorgegaukelt.
Und doch scheint man in England allmählich zur Einsicht zu kommen, daß es für die Regierung eines Landes höhere Zwecke gibt, als Kriegsschiffe zu bauen und Pulver- und Gewehrfabriken zu begünstigen.
Miß Cantack und die Fürstin traten hinzu. Besonders die erstere wurde nicht müde, von den neuen englischen wundervollen Arbeiterwohnungen und Gartenstadtkolonien zu berichten, über die neuen biologischen Kläranlagen zur Reinhaltung der Flüsse, über die großartigen abstinenten Arbeiterverbände, über die Vereinigung, um die Jugend zu gesunden und sittlich starken Menschen heranreifen zu lassen.
Da entfuhr es mir: »Wahrlich, die Völker sollten herüber- und hinüberfahren über den Kanal und voneinander das Gute lernen, das sie, ein jedes nach seiner Eigenart, hervorbringen, wie unser Kaiser es längst gewünscht hat mit weitem Blick, anstatt sich in Eifersüchteleien gegenseitig zu hemmen und in die Gefahren kriegerischer Verwicklungen hineinzusetzen.«
»Ihr Wunsch ist bereits erfüllt,« begann Miß Cantack, »geben Sie acht: Im Sommer dieses Jahres fahren mehrere hundert Ärzte, Architekten, Sozialpolitiker und Menschenfreunde von Deutschland nach England, um dort Arbeiterwohnungswesen, Gartenstadtentwicklung und Alkoholbekämpfung zu studieren.