Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden
Part 28
Eben erst weilte eine Schar deutscher Arbeiter in England, um das Leben englischer Arbeiter kennen zu lernen. Eine Deputation englischer Stadtoberhäupter macht eine Studienreise nach Deutschland, um deutsche Vorbilder in Hygiene und Wohlfahrtseinrichtungen in Augenschein zu nehmen. Was wollen Sie mehr!«
»Und hier,« fuhr der Amerikaner fort, »finde ich eine ausgezeichnete Rede des englischen Handelsministers Churchill, in welcher er in der ernstesten und eindringlichsten Weise seine Nation zur Vernunft und zum Frieden mahnt. Und hier, ein Brief von Lord Northcliffe, dem Besitzer der Daily Mail, in welchem er die Invasionsfurcht der Engländer vor den Deutschen in der schärfsten Weise geißelt. Und hier ein Blatt von der Daily Chronicle, das in gleicher Weise seine Landsleute wegen ihrer Panik verspottet.«
Ich sah hinaus durch den dichter werdenden Nebel und sah jenseits des Kanals einen die Hände ballen, daß sein Spiel gescheitert war. Fast wäre es ihm geglückt, sein fleißiges, vorwärts strebendes Volk hineinzuhetzen in einen ruchlosen Krieg, damit er sein Geschäftchen machen und sich mit sogenanntem Ruhm bedecken könnte, um seine Vergangenheit etwas vergessen zu machen!
Nein, König Eduard, -- es hilft dir alles nichts! Die Zeit ist über dich hinweggeschritten: Die Zeit steht im Zeichen der Liebe und der Tat! Die Menschheit will vorwärts! Du hast den Kolbenschlag nicht gehört von dem vieltausendarmigen Wunderwerk, das die Menschen vorwärtstreibt, um das Elend aus der Welt zu schaffen! Du hast keine Ahnung, was die Sonne der Welt bedeutet! Du hast keine Ahnung von der Macht der Liebe!
Geh' zu deiner Königin! Knie vor ihr nieder! Küsse den Saum ihres Kleides und bitte sie, daß sie dich lehrt, was Liebe heißt, und Liebe in Tat umzusetzen. Hilf deinem braven Volke, gesund zu werden! Gib ihm sein Land wieder, das deine Herzöge und Lords ihnen geraubt und in endlose Jagdgründe umgewandelt haben, damit es wieder ackern und Wurzel fassen kann in seinem Mutterboden.
Rotte die Pesthöhlen in deinen Fabrikstädten aus, wo sie noch bestehen. Hilf den Nüchternen in deinem Volke gegen die Übermacht der Schnapsbrenner und der Bierbrauer.
Wandle deine Gewehr- und Pulverfabriken um in Fabriken für elektrische Bahnen, um die Arbeitermassen aus deinen Fabrikstädten aufs Land hinaus zu bringen, -- dann, Minotaurus von England, du Kreuzspinne der Welt, dann sollst du König von England heißen und Vater deines Volkes und gesegnet sollst du sein bis an deinen Tod und vergessen soll sein deine Vergangenheit!
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Ich brauchte Einsamkeit. So ging ich oben auf mein Kompaßdeck. Von Südwest brauste der Sturm von hinten über das Schiff und überschüttete uns mit Schnee und Hagelschauern. Aber er trieb unser Schiff wie mit Geisterhand vorwärts der Heimat zu.
Unter mir klang, von kräftiger Männerstimme gesungen, es war der zweite Offizier, der auf der Kommandobrücke auf und nieder schritt, eins meiner Lieblingslieder:
Schön seid ihr Berge und Täler zu schau'n, Schön sind des Südlands dunkle Frau'n! Schöner die Heide, mein sonniges Feld, Schöner des Nordlands kraftvolle Welt!
Freund ist der Sturm mir so brausend und kalt, Lieb mir der tannenduftende Wald, Freiheit ruft mir das wogende Meer -- Hier im Tal wird das Herz mir so schwer!
Herz, mein Herz, was klopfst du so sehr? Sehnst dich nach Tannen und Heide und Meer? Sehnst dich nach Weststurm und Wogengebraus? Herz, mein Herz, halt ein wenig noch aus!
Plötzlich stand mein Kapitän hinter mir: »Nun noch ein wenig Geduld, Doktor! Nach einem Tage liegen wir in Havre, -- dann ein paar Tage Nordsee, -- Cuxhaven, und dann sind wir wieder daheim!«
-- »Daheim, daheim!« Das klang wie Glockengeläute mitten im Schneesturme und im Gestampfe der Maschinen. -- »Wie weit sind sie wohl in Hamburg mit dem Wiederaufbau der Michaeliskirche?« begann mein Kapitän wieder. Sein Frauchen hatte ihm geschrieben, das Dach wäre schon neu gebaut; und der Turm sei schon fein hoch wieder erstanden. Freilich alles noch umgeben von großen Gerüsten.
Ich aber sah im Geiste klar und deutlich meine alte geliebte Kirche und ihr gegenüber das Standbild von unserem Bismarck, dem Vorbilde für alle, die deutsche Männer heißen wollen. -- -- -- -- --
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Havre! Das erste, was aufs Schiff kam, waren die Pächter des französischen Zolles. Nirgends in der Welt habe ich eine so kleinliche, schikanöse Durchsuchung aller Räume des Schiffes und alles Gepäckes gefunden, wie hier von diesen Agenten der freien Republik Frankreich. Man glaubt sich hundert Jahre zurückversetzt. Da sah ich wieder, -- nicht die Staatsform macht die Menschen glücklich, sondern einzig nur die Menschen, die an der Spitze einer menschlichen Gemeinschaft stehen.
Mir fiel die Erzählung von unseren Trimmern wieder ein und ihre Angst vor dem sozialistischen Zukunftsstaate, in dem vielleicht die stärksten Ellbogen regieren und arges Regiment führen könnten.
Und ohne Regiment, wie jene wollten? Grundgütiger Himmel, -- das wäre noch schlimmer, als in ein Rudel hungriger Wölfe zu geraten, in dem die stärksten und hungrigsten die anderen auffressen, bis ein paar Starke und Satte übriggeblieben sind, die sich knurrend umkreisen, bis der vorletzte dem letzten zur Beute fällt.
Rein, danke! Wie der Körper Hände und Füße, Arme und Beine, einen Mund und einen Magen, Augen und Ohren und vor allem einen Kopf braucht, ein Gehirn als Sitz seiner Seele, so braucht die menschliche Gesellschaft Arbeiter für jegliches Fach und eine Regierung als Sitz ihrer Seele, die für sie sorgt, wie das Gehirn für den übrigen Körper, -- in Übereinstimmung mit dem, was Auge und Ohr, Hand und Fuß ihm übermitteln.
Aber Pflicht unseres Gehirnes ist es, unseren Körper gesund und stark zu halten, dafür zu sorgen, daß er genügend Nahrung erhält, daß in den Adern, seinen Verkehrswegen, Blut und Lymphkörperchen frei kreisen können, daß Telegraph und Telephon, die Sinne und die Gefühlsnerven, ordentlich leitungsfähig sind, daß die Bewegungsnerven, die Exekutivbehörden, ihre Pflicht tun, ohne die Muskeln, die arbeitende Masse, zu drangsalieren.
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Abends kam von einem in unserer Nachbarschaft liegenden Dampfer ein Schiffsjunge zu uns an Bord: er wolle den Doktor gern sprechen. Wer war's? Der große Schlingel aus der Heimat, den sie vor zwei Jahren in Untersuchungshaft gesteckt, aber dann mit Hilfe der bedingten Begnadigung freigelassen hatten. Nun war er ein guter, fixer Kerl geworden, -- man sah es an seinen Augen, -- starkknochig, mit breiter, brauner Brust. Trinken täte er auch nicht. Guttempler sei er geworden. Zur Bekräftigung gab er das Zeichen. Ich aber freute mich, denn mir war es, als ob ich einen Sonnenstrahl aus einer helleren Zukunft unseres Volkes erschimmern sah.
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In der Nacht hatte ich einen schweren Traum. Ich sah in Riesengröße einen seltsam gestalteten Baum vor mir mit seinen entsetzlichen Früchten des Elends und der Verkommenheit. Und in der Tiefe des Bodens, in dem er wurzelte, war ein emsiges Hasten und Treiben. Wagen voll Korn wurden abgeladen, Eisenbahnzüge voll Kohlen. Mächtige Maschinen stampften und rollten, Essen qualmten, in riesigen Bottichen dampfte und brodelte giftige Brühe. Endlose Reihen von Wagen rollten in der Frühe Fässer auf Fässer die Straßen entlang und brachten das Gift in die Wirtschaften und in die Häuser, auf die Bauplätze und in die Fabriken. Dann hörte ich, erst leiser, und dann immer lauter ein Ächzen und Wimmern, ein Stöhnen und Weinen, ein Jammern und Klagen, als ob es von Tausenden von hungernden Kindern und geschlagenen und getretenen Frauen im ganzen Reiche käme, und von Kranken und Sterbenden, und von Verwundeten und Irren, von Rasenden und von Reuigen, die sich im Jammer wanden.
Ich sah, wie die Wurzeln des Baumes riesengroß, wie ein giftiges Rankengewächs, unser ganzes Volk durchwucherten, Mann und Weib, Greis und Jüngling, Bettler und Fürsten mit den Wurzeln umstrickend, ihnen den Atem auspressend, das Blut aussaugend, -- und mächtig stieg der Saft aus den Wurzeln in die Höhe, dem Baume seine stattliche Krone mit den entsetzlichen giftigen Früchten schaffend.
Doch plötzlich -- was ist das? -- Ich höre Lieder singen, frohe, fromme Weisen. Wie Kampfgesänge tönt es. Ein Klirren von Äxten höre ich. Wie im Marschtritt eilt es heran, -- immer neue Scharen, -- Männer und Frauen. -- Siegesgesänge. -- Krachend splittern die blanken Äxte in den Stamm des Baumes. -- Er wankt -- er stürzt -- und im Fallen begräbt er unter sich die qualmenden Essen, die Bottiche voll brodelnder Giftbrühe und die Wagenreihen mit Fässern. Jauchzender Siegesjubel erscholl, und über das weite Land ergoß sich der Strom eines großen glücklichen, freien Volkes! --
Da wachte ich auf.
Noch einmal kam all der Gram um das Elend unseres Volkes in mir hoch. Aber die Bitterkeit und das Gefühl des Erlahmens waren gewichen.
Ich will euch nicht anklagen, ihr fröhlich Trinkenden und Genießenden, daß ihr so träge im Helfen und so selbstsüchtig seid: -- Geht über eure Kirchhöfe! Da liegen eure Angehörigen, eure Männer, eure Frauen, eure Brüder, Söhne, eure Freunde, die, durch eure Trinksitten verführt, an den Trunk kamen, -- und nun sie auf dem Kirchhofe liegen, habt ihr sie schleunigst vergessen.
Aber ich habe sie nicht vergessen und habe nicht vergessen, wie sie dahin kamen. Und ich sage euch: eure Toten klagen euch an! -- Geht durch eure Häuser! Seht eure blassen Kinder, die Früchte eurer Hochzeitsmahle, eurer fröhlichen Diners, eurer Skat- und Kegelabende, eurer Sektbowlen -- und Bier- und Branntweinzechereien -- seht eure kranken und vergrämten Frauen, die schlaflos wachten, während ihr in der Spelunke oder in der eleganten Bar herumlungertet: Eure Lieben, eure Kranken klagen euch an, -- und ich rede für die, die stumm sind! -- Geht durch eure Krankenhäuser, eure Gefängnisse und Zuchthäuser, eure Animierkneipen und Bordelle, in denen die Töchter unseres Volkes zur Ware und zum Tier erniedrigt werden, um gleichzeitig Tod und Pestilenz über eure Söhne zu bringen. -- Das ganze Elend unseres Volkes, das aus allen diesen Stätten des Elends euch entgegenschreit in tausendfacher Gestalt, -- das Elend unseres Volkes klagt euch an! Euch, die ihr noch immer an eurer Tafel sitzt und den Trinkfreuden opfert, ihr Fürsten und Knechte, ihr Ärzte und Lehrer, ihr klugen Räte und Minister! Und ihr, die ihr euch Diener des Höchsten nennt, -- euch, euch alle klagt das Elend eurer Freuden an, die alle diese Tausende hinabgleiten ließen in Unglück und Schande und Tod! -- --
Seht ihr denn nicht, daß schon Hunderttausende im Deutschen Reiche dem verfluchten Rauschtrank Valet gesagt haben, Männer und Frauen aller Stände, unsere Kaiserin als eine der ersten, Studenten und Studentinnen, und alle frisch und fröhlich leben, ein Leben der Liebe und der Tat?
Und wie ich mit wachenden Sinnen dalag, da hörte ich wieder den Klang der Äxte und die Siegesgesänge aus meinem Traume; -- ich hatte sie singen hören in einem Tempel, den die Menschenliebe gebaut hatte in dem Geiste des Weltenmeisters, -- seit Jahren hatten sie auch mir immer wieder neue Hoffnungen und Kampfesmut in die Seele gehaucht -- und wie Sturmeswehen hörte ich aus der Tiefe des Volkes neue Erkenntnis, neues Wollen, neue Menschenliebe heraufbrausen, unaufhaltsam, unbezwingbar, siegreich bis ans Ende!
Ich sah im Geiste in meiner Heimat nüchterne Gesellen Stein auf Stein zu neuen Häusern bauen -- jedes Haus ein Tempel, -- in den Städten, auf den Dörfern, in der Heide, am Meere!
Ich sah die Erkenntnis einziehen auf unseren Universitäten, -- schon machten unsere Studentenverbindungen sich frei vom albernen Trinkzwange -- Frohsinn und Freiheit überall, -- o mein Gott, es wurde wunderschön im Vaterlande! -- Die Alten, die sich stumpf der neuen Lehre, der neuen Liebe verschlossen, sie starben dahin; aber in einem neuen, jungen Geschlechte wuchs die neue Zeit heran, herrlich, sonnig, blütenreich, wie ein Frühling unseres Volkes! -- --
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Ich saß wieder unten im Maschinenraume auf meinem versteckten Lieblingsplätzchen. Wir hatten Havre hinter uns und steuerten der Nordsee zu.
Einer von den Zwischendeckspassagieren, ein Freund unseres einen Heizers, war in den Maschinenraum getreten und unterhielt sich mit ihm über die Englandfahrt der deutschen Arbeiter, die er mitgemacht hatte. »Krieg zwischen Deutschland und England? -- Ich kann dir sagen, und wenn der englische König und seine Kreaturen es auch zwanzigmal wollten, -- das englische Volk will nicht! Das englische Volk will mit uns Deutschen gemeinsam arbeiten, daß die Menschheit vorwärts kommt. Zurzeit handelt es sich vor allem um zwei Fragen: das arbeitende Volk zu befreien von der Blutsteuer, die es sich unter dem hypnotischen Banne der Trinksitten und der Brenner und Brauer für Bier und Branntwein selbst auferlegt. Schaut mal hier!« Und damit zog er ein englisches Flugblatt aus der Tasche, das mit großen Buchstaben die Überschrift trug: »Der Giftbaum des Volkes.« Da hingen an kahlen Zweigen eines knorrigen Baumes große, giftig ausschauende Früchte, die jede eine der Folgen unserer Trinksitten darstellte.
Merkwürdig, seltsam, -- mein Traum von voriger Nacht! Ein Beweis mehr, daß wir Völker alle Kinder nur einer Mutter, der Menschheit, sind, verwandt in Gedanken und Gefühlen.
An der Hand dieses Flugblattes hielt er ihnen einen Vortrag, dem alle atemlos zuhörten. »Und wenn wir nun streikten,« hörte ich, -- »nebenbei der einzig vernünftige Streik, den wir machen könnten, -- was wäre die Folge? Wenn wir streikten und diese verfluchten Gifte nicht mehr söffen, für die wir jetzt unser so sauer verdientes Geld dieser ganzen Bande von Wirten und Giftmischern in den Rachen werfen? Kein Boykott kann uns zwingen, dieses Gift zu trinken!« Gespannt hingen die Blicke an seinen Lippen. »Nicht existieren könnten unsere hohen Herren auf ihren Schnapsgütern. Verkaufen müßten sie. Aber an wen?
Und nun kommt die zweite große Frage. Bleibt's, wie heute, geht's bei uns ebenso wie in England! Dann kommen, wenn nicht die Polen uns die besten Güter vor der Nase wegkaufen, die reichen Leute und lassen die Dörfer abreißen, als wenn es Laubhütten wären, und wandeln die Gutshöfe in sogenannte Jagdgüter um und pferchen uns immer weiter in die Städte ein, oder wir können übers Meer gehen. Nein, -- so geht's nicht weiter. Da hat ein Engländer, Henry George heißt er, die Lehre erfunden -- das, was wir Sozialisten schon immer verlangt haben --: Das Land gehört allen. Der Staat verleiht das Land an den, der es braucht, in Erbpacht. Seht, dann kann nicht damit spekuliert werden. Braucht der Staat oder eine Stadt oder ein Dorf Land, so ist es jederzeit zur Hand. Jeder, der sich ein Heim begründen will, kann sich eins erwerben zu einem Preise, daß es sich für ihn rentiert.« -- »Aber wie ist das zu machen?« fragte der Heizer. -- »Viel einfacher, als es scheint. Der Staat löst die jetzigen Besitzer durch Ausgabe von Banknoten oder Schuldverschreibungen ab, zu einem Preise, der dem Ertrage des Bodens entspricht. Mag man dem Bodenwucher zehn Jahre lang Zeit lassen, sich von der Spekulation zurückzuziehen, ehe das Gesetz in Kraft tritt. Dann aber hört jede Spekulation im Lande auf. Das, was einer auf seinem Lande erbaut hat an Gebäuden, was er durch Entwässerung oder Urbarmachung seinem Lande zugute getan hat, das ist natürlich sein Privateigentum und soll es bleiben; und will er seinen Besitz abgeben, so muß ihm der Staat das, was er geschaffen hat, nach der Schätzung von Sachverständigen vergüten.« -- »Und die Hypotheken,« fragte der Heizer, »die heute auf den Grundstücken stehen?« -- »Die werden bei der ersten Übernahme des Landes durch den Staat in zinstragenden Staatspapieren von diesem getilgt, und der Betrag wird dem Verkäufer in Abzug gebracht. Sturm wird's geben, daß kann ich euch sagen, schreien werden sie über Sozialismus und Zukunftsstaat, -- aber kommen wird die Verstaatlichung des Bodens, so sicher, wie die Eisenbahnen, die Post und die Versicherung der Arbeiter schon verstaatlicht sind. Und da mögt ihr sagen, was ihr wollt« -- und er schlug mit der Faust auf die Bank, daß sie krachte, -- »wenn nur ein Bismarck unter uns lebte, da hätten wir es gleich!« -- -- -- -- --
Die Maschine stampfte, daß ich nichts weiter hörte. Ich aber wußte, daß da unten in der breiten Masse des Volkes Wellenringe ihr Spiel hatten, die nie zur Ruhe kommen würden, Wellenringe aus grauer Urzeit, als noch nicht römisches Recht unser gutes deutsches Recht verdrängt hatte, und der Besitz an Grund und Boden Besitz des Stammes, des Volkes war, heilig, unantastbar, -- das Wurzelreich für jeden. Und unser Volk wollte wieder wurzeln im Boden seines Vaterlandes! -- -- --
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In Havre hatte ich von daheim nur ein Telegramm erhalten: »Zu Hause alles gesund! Willkommen daheim!« Das sagte mir mehr als lange Briefe.
Und dann ein Gruß aus Hamburg von meinem fürstlichen Freunde! Ich wußte ja, es mußte so kommen! Nun wollen sie einen neuen Leiter anstellen am Biologischen Institut, da der alte gestorben ist, und der neue soll gut acht geben auf die Veränderungen, die unser Elbwasser erleidet durch das rapide Wachsen der Städte. Sie mußten sich ihrer Verantwortung bewußt werden. Und aus der Erkenntnis der Gefahr, mit der sie seit Jahrzehnten spielen, die die Verseuchung unseres Heimatstromes uns heraufbeschwört, wird ihnen die Kraft erwachsen, diese heillosen Zustände zu bessern.
Dein kurzer Gruß, mein Freund, mit dieser inhaltsschweren Nachricht läßt nun doppelt mich freuen auf die Heimkehr. -- -- -- --
Es schreitet die neue Zeit über die Menschen hinweg, als ob sie Gras wären. Ich aber kämpfe für das Kommende und zum Besten der Kommenden für das Ewige.
Aber aus Berlin, von meinem alten, lieben, treuen Freunde Heinz war ein langes Schreiben da. Er wollte mir noch, ehe ich heimkam, mancherlei Gutes mitteilen -- ein echter Freundschaftsdienst! Denn die Menschen, die uns immer nur Übles zu berichten wissen, sie schwächen sich und uns, unser Hoffen, unser Wollen, unser Können. Aber der Hinweis auf die Fortschritte, die die Menschheit macht, auf das Gute und Schöne, das hebt, das drängt dazu, um seinerseits die Kräfte weiter anzuspornen, das Ziel, das näher gerückt scheint, erreichen zu helfen.
So war es mir denn, als ich seinen Brief las, als rücke alles Gute in greifbare Nähe, als erfülle sich jetzt schon Hoffen und Wunsch; und mir schien, als ob aus seinen Zeilen neue Kraft in mich herüberströme.
Er schrieb:
»Lieber Freund!
Nun bist Du bald wieder daheim von Deiner großen Reise.
Von ganzem Herzen willkommen! Willkommen!
Mich aber freut es, Dich bei Deiner Heimkehr mit guter Botschaft begrüßen zu können.
Freilich, Arbeit gibt es noch genug für Deine Kraft, wie für uns alle, alle!
Aber es geht vorwärts auf der ganzen Linie!
Da ist zunächst das, was Dir am meisten am Herzen liegt, weil Du in ihm mit Recht die Hauptquelle alles Elendes, aller Verrohung und Verstumpfung siehst, unsere deutsche Trinksitte!
Freilich gibt es noch manche Philistertische und dumpfe Kreise, die glauben, ohne den geliebten Becher mit Wein oder Bier nicht bestehen zu können, -- aber schon schreitet die neue Zeit über sie hinweg. Solltest nur mal sehen, wie lustig es jetzt in München hergeht, -- halb soviel wird getrunken, wie früher! Aber die Studenten ziehen mit Rodelschlitten und Schneeschuhen ins Gebirge und kehren mit sonnverbräunten und luftdurchglühten Gesichtern wieder heim.
Genau so geht es in Heidelberg. Nur die feudalen Korps in Bonn lebten noch bis vor kurzem im chronischen Rausche und alten Wahne, daß sie die Herren der Welt seien. Nun sind sie zusammengebrochen in tollem Frevel.
Aber unser Volk beschämt diese ›Aristokraten!‹ An die Hunderttausend, zumeist aus dem arbeitenden Volke, haben sich schon jetzt offen unserer Bewegung angeschlossen. Rastlos arbeiten die deutschen Frauen, unter denen es gärt und wogt, wie kaum je zuvor, aus denen heraus sich Kräfte schaffender Liebe entwickeln, die früher niemand ahnte. Und sollst mal schauen, wie die Kunst jetzt in den Logen gepflegt wird. Vor allem muß ich Dir, sobald wir uns sehen, Näheres erzählen von den kraftvollen und doch so zarten Hebbelaufführungen, die unser Br. Schornsteinfegermeister in Wesselburen zustande gebracht hat. Echt, sage ich Dir, echte schleswig-holsteinische Kunst, herzerquickend.
Auch aus den militärischen Kreisen kann ich Dir viel Erfreuliches melden. Im Landheere kriselt es. Man ahnt ›oben‹, daß die Gicht der Offiziere meist andere Ursachen hat als den Dienst. Es sind eben schon zu viele da, die die gleichen Strapazen auf sich nehmen, keine Gicht bekommen, sondern mit fünfzig Jahren noch wie Jünglinge sind. Du sollst es sehen: der Geist in Heer und Marine wird ein anderer. Der Kaiser hat als oberster Kriegsherr genehmigt, daß wir Marinelogen gründen, -- eine ganze Anzahl sind schon gestiftet, -- nächstens beginnen wir auch im Landheere! Ist es nicht herrlich? Prinz Heinrich hat in Amerika gelernt, was die Nüchternheit der Mannschaft für die Marine bedeutet. So fördert er uns, wie er nur kann.
Der Kaiser ist ernst, wie noch nie. Man raunt, er ginge oft unerkannt, allein oder mit seiner Gemahlin, durch die Stadt, in die Quartiere der Armen, und sei entsetzt über das, was er dort erfahren.
Ein Kinderheim hat er an waldumsäumter Ostseeküste gegründet, damit die Kinder seiner Hauptstadt dort in den Ferien sich stärken und genesen können. Und in Mürwick hat er bei der Vereidigung der Seekadetten eine Rede gegen den deutschen Trunk gehalten und in Kassel den Schülern seines alten Gymnasiums; -- ich sage Dir, keiner von uns hätte kerniger die Wahrheit sagen können. Es ist offenbar, -- er hat volle Einsicht dessen, was die Zeit angesichts der Fortschritte der Wissenschaft und der steigenden Anforderungen an den einzelnen erheischt. Und Du sollst sehen, er geht von den Worten zur Tat über, wie vor wenigen Jahren schon einmal auf seiner Mittelmeerfahrt.
Wenn wir uns vor dem Geschimpfe und den Verleumdungen der Brenner, Brauer, Wirte nicht fürchten, von denen heute einzig noch die Narkose in der Welt künstlich und gewaltsam unterhalten wird, er als Kaiser braucht sie erst recht nicht zu fürchten und, ich sage Dir, er wird sie nicht fürchten!
Der Kronprinz brennt vor Durst nach Wissen und Arbeit. Er fühlt, wie unendlich viel ihm noch fehlt, um seine Stellung dereinst den hohen Anforderungen der neuen Zeit entsprechend auszufüllen. Provinz auf Provinz will er kennen lernen, sagt man, in treuer Einzelarbeit.
Wie ein neuer Geist ist es über beide Männer gekommen. Man weiß nicht, woher es kommt. Freunde des Hauses sagten, es läge im Blute. Andere, die beiden Frauen übten einen großen und guten Einfluß aus, beide erfüllt von einer großen, starken Liebe zu unserem Volke, zur Menschheit. Freilich, seien die Männer erschüttert durch eine Reihe von Todesfällen aus ihrem nächsten Freundeskreise, durch die Eulenburgkatastrophe, den moralischen Zusammenbruch ihres alten, einst so stolzen Bonner Korps. Eins aber steht fest: wie Sonnenschein strahlt es erwärmend und erhellend über das ganze Land von dem Familienleben des kaiserlichen Hauses aus!
Bei dem letzten Geburtstag der Kaiserin ging es wie ein Aufleuchten durch das ganze Land, -- es war, als ob das ganze Volk fühle, wie warm ihr Herz mit ihm empfindet. Und wenn man weiß, wie sie, ebenso wie die gütige Alexandra von England, seit Jahren keinen Tropfen berauschenden Getränks zu sich nimmt, so muß das doch schließlich allen deutschen Mädchen und Frauen ein Ansporn sein, in gleicher Weise unserem Volke mit leuchtendem Beispiel voranzugehen, um es von dem furchtbaren Fluche unserer Trinksitten zu befreien, und die Herzen frei zu machen für alles Schöne, Gute und Große und für die Not unserer Brüder und Schwestern im Lande.