Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden
Part 29
Wie er sich um alles kümmert, Du glaubst es nicht! Ich weiß aber aus sicherer Quelle, daß er seit einiger Zeit zu allen besonderen Kongressen der Gartenstadtgesellschaften und Baugenossenschaften seinen geheimen Berater schickt, der ihm Bericht erstatten muß, und mit dem er bespricht und berät, wie und wo er helfend eingreifen kann, weil die Wohnungsnot des Volkes sein Herz bedrückt. Er möchte eben wie ein Vater des Reiches sein. Und ich bin überzeugt, er wird es noch! Du sollst es sehen! Wird es noch immer mehr!
Im Reichstage soll einstweilen die Wertzuwachssteuer erwogen werden. Ich weiß, was Du sagen willst: ›halbe Arbeit!‹ Aber es ist doch ein Zeichen, daß die regierenden Kreise über diese Fragen, die die Lebensfähigkeit unserer Nation berühren, trotz ihrer Stumpfheit allmählich anfangen nachzudenken.
Zwei Männer, von denen Du, und mit Recht, so viel hältst, Graf Posadowsky und Freiherr von Berlepsch, arbeiten im stillen fleißig und unverdrossen an dem Werke der Gerechtigkeit und der Liebe. Wir glauben alle sicher, daß ihre Zeit und damit die unseres Volkes bald kommen wird. Denn die Gebildeten aller Schichten werden wach.
Vor allem wirst Du Freude haben an unserem neuen Kultusminister! Einen Erlaß hat er herausgegeben, um die Jugendpflege zu fördern, der alle Deine Wünsche erfüllt! Die Besitzenden und Gebildeten sollen sich in Liebe der Jugend der Minderbegüterten annehmen, ihnen Freude verschaffen in Spiel und Sport, sie heranbilden in Handfertigkeit und durch Schaffung von Volksbibliotheken, um sie teilhaben zu lassen an den Kunstschöpfungen unserer Großen, -- und, denk Dir, dieses alles ohne politische Hintergedanken! Vor allem auch deshalb, um sie vor dem Alkoholelend zu bewahren. Die Scharfmacher und politischen Streber wollen die Geschichte natürlich wieder zu einer Hetze gegen die Sozialdemokraten ausnützen. Und die Wirte und ihre Vertreter zetern jetzt schon, daß es ihnen ans Leben ginge. Du aber wirst Dich von Herzen freuen, das weiß ich.
Freilich, noch gibt es Arbeit genug. Doch dazu sind wir ja da!
Aber wohin Du siehst, wird es lichter. Weißt Du schon, daß König Leopold von Belgien tot ist? Sein Neffe, König Albert, versucht, die Kongogreuel zu mildern, wie er kann. Er hat große Summen für Pensionen für die Soldaten und Beamten des Kongostaates und ihre Witwen und Waisen ausgesetzt und über anderthalb Millionen zur Bekämpfung der Schlafkrankheit und für ein Hospital für die Schwarzen gestiftet. So beginnt es, sogar in diesem Erdteile zu tagen. Hoffentlich krönt er sein Werk und hilft uns baldmöglichst, die Branntweinpest aus Afrika zu verbannen, die noch mehr Unheil schafft, als die Schlafkrankheit und das gelbe Fieber zusammengenommen!
Selbst aus Rußland kann ich Dir Gutes melden. Eine Agrarreform soll ins Werk gesetzt werden, um den Bauern eine menschenwürdige Existenz zu schaffen. Eisern wird gegen die Betrügereien und gegen andere Verbrechen der höchsten Beamten vorgegangen. So versucht man, den russischen Augiasstall zu reinigen. Der Zar beginnt, wie es scheint, aus seiner Narkose zu erwachen. Er soll empört sein über die Unterdrückung Finnlands durch seine Beamten und schleunige Remedur zugunsten dieses aufstrebenden Landes verlangt haben.
Auch im Lager der Katholiken wird es lebendig, und man besinnt sich mancherorts darauf, wie es scheint, daß die Religion nicht dazu da ist, Politik zu treiben, um die Macht an sich zu reißen, sondern daß die Charitas, die das Grundprinzip der Katholiken, wie der ganzen Welt sein sollte, diese alles beherrschende Liebe, das einzige ist, was auf die Dauer Bestand hat.
Und nun zum Schlusse nur noch ein kurzes Wort über die Friedensbewegung. Ich habe den Eindruck, als ob unsere Arbeit auf diesem Gebiete noch nie so gute Fortschritte gemacht habe, als in diesen letzten zwei Jahren. Der Gedanke, daß alle Völker aufeinander angewiesen sind, daß alle Völker nur Glieder eines großen Haushaltes, einer großen Familie sind, beginnt immer mehr Allgemeingut der Völker selbst zu werden. So bleibt den Fürsten, und mögen sie noch so machtdurstig sein, nichts übrig, als sich dieser Erkenntnis der Massen zu fügen. Roosevelt widmet sich übrigens neuerdings immer mehr der Aufgabe, die Fürsten in diesem Punkte aufzuklären. Ja, selbst unser englischer Vetter scheint sich friedlicheren Gedanken zuwenden zu wollen.
Bruder, Du sollst es sehen, -- der Menschheitsfrühling naht! Wohl jedem von uns, der eine Scholle mit umgraben durfte, um das Ackerland zu bereiten, damit die Saat aufgehe zur Ernte!
Und nun Glückauf zur Heimkehr! Die Hand an den Pflug! Noch dürfen wir schaffen!
Dein
Heinz.«
Heinz, du Goldiger! Hab Dank, tausend Dank für diese Wellen warmen Sonnenscheins auf dem Wege zur Heimat! -- --
Kaiser, mein geliebter Kaiser, -- oh, ich wußte es ja, du bist groß und gut, und mit der Frau an deiner Seite, die Gott dir geschenkt, mußtest du den Zeitgeist verstehen!
Ja, wenn du könntest, so wie du wolltest! O ich weiß, es wird dir so schwer gemacht, alles das zu erfüllen, was du für recht und notwendig längst erkannt hast! In deinen besten Wünschen und Absichten bist du nur zu oft mißverstanden in engherziger Beschränktheit und durch die Liebeleere ihres Herzens gehemmt, nur zu oft von denen, die dir helfen, dich fördern sollten! -- Doch nun weiter, unermüdlich.
Weiter! -- Durch die Worte zur Tat! Immer größer, immer herrlicher! Immer mehr im Geiste der Liebe!
* * * * *
Im hellen Sonnenschein der Liebe sah ich mein Heimatland, -- diese Liebe mußte siegen! Die Fürsten an der Spitze, -- die Reichen und Großen folgten, -- ich dachte an Krupp, den Kanonenkönig, und seine soziale Fürsorge für seine Tausende von Arbeitern, seine Wohnungsfürsorge, seine Alters- und Invalidenfürsorge, ich gedachte des großen Arbeiterfreundes Zeiß in Jena, der die Arbeit seiner Leute so gut zu schätzen wußte, daß er sie teilnehmen ließ an seinem Gewinn. Nach Bielefeld schweiften meine Gedanken zu dem großen Liebeswerke des greisen Pastor Bodelschwingh, der das Wort zur Tat werden ließ: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Und des Operationssaales in unserem Krankenhause gedachte ich, des messerkundigen Freundes und Kollegen, der schon so manchen Kranken dem schier sicheren Tode mit seiner Kunst entrissen hatte, und unserer Diakonissinnen dort und unserer gemeinsamen Arbeit, bei der jeder, ohne auf ein Wort zu warten, nur den einen Gedanken hatte, wie er auf seinem Posten mit seinen Händen am besten und geschicktesten zum Gelingen der Operation beitragen könnte, mit Zufassen und Stützen, einerlei, ob es ein Reicher oder ein armer Vagabund war, der ins Krankenhaus eingeliefert war; an alle die Tausende meiner Kollegen im Reiche dachte ich, die ebenso wie ich von früh bis spät sich mühten, das Leben ihrer Mitmenschen zu erhalten; und an die Liebestätigkeit unserer Frauen!
Und plötzlich tauchte vor mir das Bild von Rubens in der Kathedrale von Antwerpen wieder auf, wie die Jünger und die Freunde den Leichnam Christi bei der Kreuzabnahme stützen mit Schultern und Händen, nur von dem einen Gedanken beseelt: Die Liebe in die Tat zu wandeln! -- -- -- --
Und mit einem Male quoll es mir hoch; Kaiser, mein Kaiser, auch diese alle sind deine Freunde, Krupp und Bodelschwingh und alle die, die sich mühen im Geiste der Liebe, du hilfst ihnen, und du liebst sie, wie du die Güte liebst, und weil du selbst gut bist! Du liebst sie, wie du die Größe liebst, weil du selbst groß bist!
Ich aber fühlte die zauberische Kraft, die von der Kette von Bruderhänden ausgeht, die den Erdball umspannen. -- -- --
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Jauchzend streichen die Möwen um mich herum. Ein kräftiger Südwest drängt unser Schiff durch die Wogen der Nordsee der Heimat zu. Ruhelos arbeitet der Kolben. Vorwärts! Vorwärts! -- Wir eilen heim. -- In mir flutet es von Gedanken, Hoffnungen, Wünschen, -- von Sonnenschein, von hellem, strahlendem, wärmendem Sonnenschein! -- --
* * * * *
An der Kaffeetafel in unserer Kajüte war lebhafte Unterhaltung. In Havre waren neue Passagiere an Bord gekommen, die mit uns nach Hamburg wollten: englische und französische Mitglieder der internationalen Friedensliga, die nach Deutschland zum Friedenskongreß wollten, Hamburger Kaufherren, die von London nach Havre gefahren waren, um nun wieder heimzukehren. Und vor allem ein lieber Freund und Ordensbruder, Franziskus Hähnel aus Bremen, der zum 40jährigen Stiftungsfeste der englischen Großloge als Abgesandter der deutschen Großloge nach London gefahren war.
Da erhob sich Hähnel und berichtete mit leuchtenden Augen von der englischen Großlogensitzung:
»In einer großen, von den Guttemplern und anderen Enthaltsamkeitsorganisationen einberufenen öffentlichen Volksversammlung in Gloucester, die in dem großen Saale der Shire-Hall mit etwa 2000 Zuhörern stattfand, hatten Joseph Malins das Präsidium und der Großtempler der schottischen Großloge, Counselor J. Nelson, Kapitän Richard Rigg, High Sheriff von Westmoreland, und ich zu sprechen. Der erste über den Kampf um die Gesetzesvorlagen in Schottland, der zweite über diejenigen in England, und ich war aufgefordert worden, über die Ergebnisse der deutschen Alkoholforschung zu berichten. Unter stürmischem Beifall der Riesenversammlung hatten die beiden Ordensmitglieder ihre wirkungsvollen und dem Abend besonders glücklich angepaßten Reden in der ihnen eigenen temperamentvollen Weise gehalten, als ich der Aufforderung harrte, um das Wort zu nehmen. Aber es kam zunächst anders. Es war eine Resolution eingebracht worden von Mr. Fox, die folgenden Wortlaut hatte:
›Die Versammlung wünscht, durch ihren geehrten Gast, den Vertreter von Deutschlands Großloge II, den Mitgliedern des Guttemplerordens und der anderen Enthaltsamkeitsvereine in Deutschland, sowie durch diese der ganzen deutschen Nation eine Botschaft des Friedens, der Freundschaft und der Brüderschaft zu entbieten und ihm, sowie den Deutschen zu versichern, daß in den breiten Volksschichten Englands auch nicht der geringste Wunsch vorhanden ist, die gegenwärtigen freundlichen Beziehungen zwischen den beiden großen Nationen vermindert zu sehen, sondern sie vielmehr zu erhalten und zu erhöhen.‹
Mr. F. J. Brooke, sowie der Großtempler der Großloge von Wales, Evan Rees, unterstützten aufs lebhafteste diese mich aufs höchste überraschende und so unvermittelt als besondere Freundlichkeit gegen unsere Großloge eingebrachte Resolution. Unter stürmischem Beifall wurde sie einstimmig angenommen.
Da habe ich ihnen im Namen unserer gesamten deutschen Ordens- und Nüchternheitsbewegung aus vollstem Herzen gedankt für diese freundliche Kundgebung für mein Vaterland und ihnen im Sinne der Resolution versprochen, diese Botschaft nach Deutschland zu tragen, als einen neuen Beweis dafür, wie unser internationaler Guttemplerorden eine Vereinigung darstelle, die auch zur Erhaltung und Förderung des Weltfriedens in hohem Maße beitrage.
Ich habe nach dem Schlusse dieser mir unvergeßlichen Versammlung noch vielen Frauen und Männern die Hand drücken dürfen, aus deren Augen und aus deren herzlichen Worten ich entnahm, daß es ihnen heiliger Ernst mit ihrer Freundschaftsbezeigung war. ›Wir englischen Abstinenten glauben nicht an das Geschwätz der Presse!‹ Das hatte ich noch mehr als einmal zu hören!«
Kaum hatte Hähnel geendet, da sprang der englische Parlamentarier Mr. Ramsah Macdonald auf und sagte mit warmer, herzlicher Betonung: »Deutschland hat seine Kriege ausgefochten und Ruhe in der Welt gefunden. Nun ist es Naturnotwendigkeit, daß es sich zum Erwerbs- und Industriestaate entwickeln muß. Deutschland ist ohne Ambition. Ein Krieg zwischen England und Deutschland kann nimmermehr durch den Willen des Volkes hervorgerufen werden, sondern nur durch Fehler und Mißverständnisse der Politik.
Wir wollen nach Berlin als ein Teil des britischen Parlaments, zwar nur ein kleiner Teil, aber wir werden dem englischen Volke über unsere Erlebnisse Bericht erstatten. Als unsere Partei anfing, sich politisch zu betätigen, haben wir es für erforderlich gehalten, auch mit Deutschland in Fühlung zu treten.
Verschiedene Einflüsse sind am Werke, uns zu trennen. Seien Sie überzeugt, daß wir diejenigen niemals unterstützen werden, die nach dem Kriege schreien. Kein englischer Arbeiter will Feindschaft mit Deutschland, überhaupt niemand in England will einen Krieg. Die englischen Arbeiter empfinden Scham, wenn in gewissen Hetzblättern Zwietracht gesät wird. Hier ist ein solches Hetzblatt,« rief er, hochaufgerichtet dastehend, leuchtenden Auges, zerriß das Blatt und streute die Fetzen in alle Winde: »und so möge es denen ergehen, die diese beiden Völker aufeinanderhetzen wollen. Wir fahren nach Deutschland, um von den Deutschen zu lernen, und kommen als Boten des Friedens!« -- -- -- --
Nun, König Eduard, hast du noch ferner Lust, die Aktien deiner Gewehr- und Pulverfabriken zu protegieren? Ei, so verbünde dich doch mit deinen Lords, Brauern und Brennern und zwing dein Volk, das zur Nüchternheit strebt und zum Glück, wieder zum Trunke zurückzukehren, und führe deine Söldnerscharen, wie vor kurzen Jahren gegen die unglücklichen Buren, gegen die Deutschen! Versuch es nur, -- aber hüte dich, daß der Sturm der Geschichte dich nicht wegbläst, wie Asche! Denn dein Volk kennt dich und deine Freunde! Und dein Volk will leben und aufwärts zur Sonne, wie das meinige! -- Ich weiß es wohl, -- es sind nicht nur deine eigenen ehrgeizigen und gewinnsüchtigen Gedanken, die dich treiben: du willst an deinem Volke wieder gut machen, was du früher gesündigt hast, -- das erste Volk der Erde soll es sein! -- Wohlan, wir sind gerüstet, wenn du es wagen solltest, uns anzugreifen, uns, ein waffengeschultes Volk von sechzig Millionen! -- Wir aber werden euch nicht angreifen, -- wir wollen den Frieden, und achten eure Arbeit. Wir wollen in friedlichem Wettstreite mit euch uns messen, wer vorangeht auf den Wegen der Kultur! --
Ihr Könige, gebt acht! -- Die Völker werden nüchtern und werden durstig nach Liebe! -- -- -- --
* * * * *
Das Wetter hatte sich aufgeklärt. Lange saßen wir noch auf Deck zusammen.
Alles, was die Landsleute aus der jüngsten Zeit sonst noch mitteilten aus Deutschland, aus Hamburg, klang erfreulich und zeigte steten Fortschritt zum Guten. Vor allem die zunehmende Erkenntnis von der Verantwortung für die Jugend. Auf das beste bewährten sich die neu eingerichteten Jugendgerichtshöfe. Unser Amerikaner freute sich, als dankbar anerkannt wurde, daß Amerika uns auch hier mit gutem Beispiele vorangegangen sei, -- wieder ein Beweis für den edlen Wettstreit unter den Nationen.
Sein Töchterchen erzählte leuchtenden Auges von der einfachen Volksschullehrerin Miß Piersen, die vor wenigen Jahren die amerikanische Schulfriedensliga gegründet hatte, der bereits viele Tausende von Kindern beigetreten waren, und die so in dem heranwachsenden Geschlechte den Sinn für eine neue Menschheitskultur schuf.
Eine einfache kleine Volksschullehrerin, -- aber mit dem Willen zur Tat, wie ein Bismarck, und einem Herzen voll Liebe, die von Christi Geist stammte.
Daran anschließend erzählte ein norwegischer Kollege, der sich unserem Kreise angeschlossen hatte, daß im Jahre 1905 die hundert enthaltsamen Mitglieder im schwedischen Reichstage, -- ein gut Teil davon Sozialisten, -- die Ursache gewesen seien, daß es nicht zum Kriege zwischen Schweden und Norwegen kam. Nüchterne Menschen führen keine Kriege. -- --
Und dann wußte der eine dieses, der andere jenes zu berichten.
»Im Sommer sollte in Berlin eine große Ausstellung für Kinderfürsorge, Jugenderziehung und Wohlfahrtspflege stattfinden.«
»Waldschulen wurden gegründet, freilich zunächst nur für kränkliche Kinder; aber schon hofften die Freunde, die Neuerung desgleichen auch für die gesunden Kinder zu erreichen, um sie hierdurch vor Krankwerden zu bewahren.«
»In Hamburg werde demnächst in den Schulen der staatsbürgerliche Unterricht eingeführt.«
»Fortschritt überall!«
»Immer mehr aber breche sich die Erkenntnis Bahn, daß es sich vor allem darum handle, dem Elend vorzubeugen durch Neugestaltung der Wohnungsverhältnisse: heraus aus der Stadt, hinaus aufs Land, wieder Fühlung gewinnen mit der Mutter Natur, wieder wurzeln im Mutterboden der Heimaterde, reich und arm, das sei die neue Losung für alle weitsichtigen Geister, die emsig die Hände rührten, um diese Pläne zu verwirklichen, in neuem großen Maßstabe, nach neuen, schönen Vorbildern, zu denen wiederum von England und Amerika die Anregungen gekommen seien.«
Und immer wieder zeigte es sich, wie eng unsere Kulturen verwebt sind durch Tausende lebendiger Fäden!
»Und noch weiter gingen bereits die Forderungen der neuen Zeit: unserer Heimat den Reiz der alten Zeit zu erhalten, trotz alles Drängens und Hastens der neuen, trotz aller Vermehrung der Menschen. Um die Städte herum sollten Gürtel gebildet werden von Naturschutzgebieten« -- und wieder freute sich unser Amerikaner, daß anerkannt wurde, daß auch hierin Amerika durch Schaffung seines Yellowstone-Parkes die Anregung gegeben habe, -- »um auch den nachfolgenden Generationen den Reiz der Heimat, den Märchenzauber von Wald und Heide, zu erhalten.«
»Ja sogar die Märchen würden wieder lebendig: Auf den Dörfern würden sie aufgeführt von den Dorfschulmeistern und den Kindern, draußen im Freien, im Wald und auf der Heide.« -- -- --
Da überkam es mich wie ein Rausch von zu vielem Lichte und zu großer Freude, und doch kam ich mir so unendlich klein vor mit meinen bescheidenen Kräften in diesem großen Getriebe der geistigen Wellenringe der Nationen.
* * * * *
Leise stahl ich mich aus dem Kreise der Freunde weg und schlich auf meinen stillen Platz hinter der Maschine.
Mein Freund, der erste Maschinist, stand nicht weit von mir und putzte mit augenscheinlicher Liebhaberei an einer kleinen Schraube. Unwillkürlich fesselte seine Arbeit mein Interesse, so daß ich von meinen Träumen abgelenkt wurde.
Nachdem er eine Zeitlang die unscheinbare Stelle mit wahrer Liebe bearbeitet hatte, fragte ich ihn: »Nun sagen Sie 'mal, Freund, warum in aller Welt putzen Sie denn diese kleine Schraube mit solchem Behagen?« -- »Weil ich sie liebe um das, was sie mich gelehrt hat,« antwortete er mir. »Sehen Sie, Doktor, diese kleine Schraube, die so unwichtig und klein aussieht und an sich im Vergleich zu der ganzen großen Eisenmasse der Maschine ja nur ein Pünktchen ist, -- sie ist doch wichtig.
Denn wenn sie nicht wäre, so würden durch den Stoß des Kolbens sich allmählich diese Stahllager lockern, und der ganze Gang der Maschine würde leiden, ja, vielleicht diese selbst mit der Zeit gefährdet werden. So hat diese kleine Schraube mich gelehrt, wie jeder Mensch, -- und sei der Posten, auf den ihn sein Geschick gestellt hat, anscheinend noch so unbedeutend, -- seine Bedeutung hat für das Gedeihen des Menschengeschlechtes, und wie jeder Mensch auf seinem Posten ausharren und seine Pflicht tun soll zum Gedeihen des Ganzen.«
Er drückte mir die Hand und ging nach oben auf Deck.
Ich aber sah nur noch die kleine Schraube neben der großen Welle. -- -- -- Und ich, was war ich denn?
Ich, der müde geworden war im Kampfe gegen das Elend der Menschen, -- als ob ich allein etwas Nennenswertes gegen dieses ungeheure, große, graue Etwas ausrichten könnte! Was war ich denn?
War ich denn nur ein Deut mehr für das Ganze unseres Volkes, als diese kleine Schraube, -- war ich überhaupt so viel?
Hatten nicht gerade die letzten Gespräche auf Deck von allen den Riesenfortschritten in unserer Kultur mir nur zu deutlich vor Augen geführt, wie bitter wenig der einzelne bedeutet in diesem Riesengetriebe des Ganzen, in dieser Riesenmaschine, die den Fortschritt der Menschheit bedeutete?
Nicht mehr als diese kleine Schraube für die große Maschine!
Und doch, -- und doch so viel, wie diese kleine Schraube für die Maschine. --
Wie hatte mein Freund, der Maschinist, doch gesagt? Wenn sie sich lockere, so würden durch den Stoß des Kolbens sich die Stahllager lockern, und der Gang der Maschine, ja, die Maschine selbst gefährdet werden. --
Da ward es mir klar: die Bedeutung des einzelnen liegt in seiner Verantwortung, die er dem Ganzen gegenüber hat. Und um dieser Verantwortung willen darf er nicht lassen von der Erfüllung seiner Pflicht, mag seine Kraft auch noch so gering sein.
Je höher aber seine Stellung ist, desto größer ist seine Verantwortung.
Da gedachte ich wieder des Kultusministers und seiner Riesenaufgabe, für die geistige und sittliche Zukunft unseres Volkes zu sorgen.
Und sinnend blickte ich in das Getriebe von Stangen und Kurbeln, die sich alle gewissenhaft drehten und bewegten, weil der Kolben sie unaufhaltsam vorwärtstrieb. -- Und dankbar dachte ich seines neuen Erlasses.
Ich weiß es wohl, wir sind Träger des Geistes, der die Seele der Welt ausmacht, und diese Seele, dieser Geist ist die Liebe, weil nur dieser Geist lebendig ist, und nur Liebe Leben bedeutet. Und wenn wir auch aus der Liebe zur Liebe geboren sind, so bedeutet doch eben diese Liebe den steten Kampf mit allem Finsteren, Schlechten, Kalten, -- allem, was die Menschen krank, unglücklich, elend zu machen fähig ist, -- gerade wie die Sonne tagtäglich den neuen Kampf kämpft mit der Finsternis, mit der Nacht.
Da fiel mir ein Wort unseres großen Bismarck ein: »Das Leben ist ein Kampf, und ohne innere Kämpfe kämen wir zuletzt zur Versteinerung. Ohne Kampf kein Leben. Nur muß man in allen Kämpfen die nationale Frage doch immer als Sammelpunkt haben, und das ist für uns das Reich, nicht so, wie es vielleicht gewünscht wird, aber so, wie es besteht, das Reich und sein Kaiser, der der Vertreter davon ist.« --
Und nahe vor mir stand er im Geiste, groß und gewaltig, Granit, ein Mahner und Rufer zur Tat. Und neben ihm ein Tempel des Höchsten, aus grüner Erde emporwachsend, immer größer, immer herrlicher, alle Völker überschattend im Geiste der Liebe. -- -- -- --
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Die englischen Friedensfreunde, die Amerikaner, Franziskus Hähnel und ich saßen zusammen auf Deck. Da wandte sich der Amerikaner zu mir und sagte: »Wir haben eine herrliche Fahrt zusammen gemacht und manchen Gedanken ausgetauscht. Nun geht es bald ans Scheiden. Ich bin von Jugend auf gewohnt, was mir je Gutes und Liebes erwiesen wird, in einem treuen und dankbaren Herzen zu bewahren. Das Schlimme, Harte, Kalte, Ungerechte, Häßliche, was man mir antut, habe ich mich als Philosoph gewöhnt, als Folge von Mißverständnissen oder Unbedachtsamkeit derjenigen, die mir jenes antaten, aufzufassen, oder wie ein Arzt als Äußerung einer krankhaften Veranlagung anzusehen. So kann es meine Seelenruhe nie erschüttern.
Aber das treue, dankbare Gedenken und Festhalten aller derer, die mir je im Leben gut waren, macht mein Leben so reich, daß ich es gar nicht fassen kann. Und nur in diesem Sinne lasse ich den Begriff der Treue gelten. Treusein heißt festhalten, nicht aufgeben, was man hat, zu dem man gehört, -- treu sein heißt nicht, nur einem Menschen angehören, -- die menschlichen Verhältnisse sind so vielgestaltig, daß sie nicht von einem Gesichtspunkte aus zu beurteilen sind, -- aber festhalten heißt es, damit wir reicher werden und uns zusammenschließen zur gegenseitigen Förderung.
So lassen Sie auch uns, was wir auf dieser Fahrt gemeinsam erlebt haben, in einem treuen Herzen bewahren und reifen zum Besten unserer Völker, zum Besten der Menschheit!«
Wir reichten einander stumm die Hand. Eine weihevolle Stille lag über unserer kleinen Gesellschaft. Und während die Wogen des Meeres an den Bug des Schiffes schlugen, war es in uns so feierlich, als ob wir in einer Kirche der Heimat Ostern feierten.
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Der Abend senkte sich. In regelmäßigem Scheine grüßt weithin übers Meer der Leuchtturm von Helgoland: willkommen daheim! willkommen daheim!