Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden

Part 4

Chapter 43,668 wordsPublic domain

Dann kamen sie allwöchentlich, und wir verschlangen die Dramen von Schiller, Goethe, Lessing, Shakespeare und vergaßen darüber Wurst und Bier. Und sie nannten mich ihren Führer, ihren Achilles. Wir Myrmidonen hielten gute Freundschaft bis auf den heutigen Tag. -- Und die nicht zu unserem Kreise gehörten, -- wo sind sie geblieben? Verdorben, gestorben. Der eine ertrank im Rausch bei einer Bootfahrt auf der Elbe, der andere starb im Gefängnis, der dritte im Delirium, der vierte siechte an der Schwindsucht dahin, und der fünfte, der als Zwischendecker nach den Vereinigten Staaten auswanderte, verscholl als Schafhirte in den Prärien Amerikas.

Und was war der Dank von seiten der Lehrer dafür, daß ich die entsetzlichen Trinksitten auf der Schule durch Erweckung der Liebe zur Kunst und zu allem Guten, durch Sport und Turnen, in einem Teil der Schülerschaft ausgerottet hatte, dafür, daß mir in kurzer Zeit gelang, was die Herren Magister in jahrelangem Kampfe mit drakonisch strengen Polizeimaßregeln nicht hatten erreichen können? Ich sehe sie noch, die vom Weinfrühschoppen geröteten und gedunsenen Gesichter der Herren, wie sie aus der Tür ihres Stammlokals auf mich Ahnungslosen zugesegelt kamen, gleichsam als ob meine rote Primanermütze die gleiche Anziehungskraft auf sie ausgeübt hätte, wie das rote Tuch auf den Stier. »Wir kennen Sie! Unter dem Vorwand, das neue Fußballspiel von Hamburg hier einzuführen, treiben Sie Politik! Wir werden Ihnen das eintränken!« -- Zu ihrer Entschuldigung konnte ich nur anführen, daß wir in den Attentatsjahren lebten. Kurze Zeit war verstrichen, nachdem jener wahnsinnige Verbrecher auf unseren geliebten greisen Kaiser geschossen hatte.

Ich und Politik! Aber ich wollte den Schmutz und die Gemeinheit aus dem Leben meiner Mitschüler ausmerzen. Und da galt ich ihnen als Idealist, und Idealisten sind Schwärmer, sind gefährlich. Und dabei lag mir die Politik schon damals so weltenfern, wie heutigen Tages noch.

Aber halt -- ich hatte mit meinen 17 Jahren einen Vortrag gehalten über die Wohnungsnot in meiner Vaterstadt Hamburg. Das hatte der Schmidt, der Judas Ischariot in unserem Kreise, der würdige Sohn eines preußischen Subalternbeamten, seinem Vater hinterbracht, und dieser hatte es gewissenhaft der Schulbehörde weiter gemeldet, und diese hatte den Fall pflichtgemäß registriert, -- und daher die Wut und der Zorn der Herren Schulmänner, nachdem sie sich soeben mit dem edlen Wein gestärkt hatten. Über Wohnungsnot zu sprechen in einem Schülerleseverein, -- das war ja tatsächlich kolossal verdächtig. Wie ich dazu gekommen war? --

Hatten im Vater die Überlieferungen nachgewirkt, daß die Vorfahren aus edlem Hugenottengeschlecht ihr Vaterland Frankreich um ihres Glaubens willen verlassen hatten, um in der alten Hansastadt ungestört ihrem Glauben nachleben zu können? Hatte das Christentum der Tat, das mein Vater von den Ahnen ererbte, ihn veranlaßt, seinen blühenden Handel nach Brasilien in andere Hände zu legen, nachdem er so viel verdient hatte, um seine und der Seinen Zukunft vor Not und Sorge gesichert zu sehen, damit er den Rest seines Lebens als Armenpfleger in der Vaterstadt wirken und auf seinen täglichen Gängen durch die Höfe und Gassen der Stadt das Elend der Ärmsten lindern könne? Hatte die Mutter dieses Erbteil des früh verstorbenen Vaters auf den Sohn verpflanzt, hatte dazu das eigene warme Herz, das sie von ihren Vätern ererbt hatte, auf ihre Kinder wieder vererbt? Sicher nicht ohne Grund hatte sie ihren hoch aufhorchenden Kindern von den Vorfahren erzählt, wie diese in Urzeiten als edle Ritter im Westfälinger Lande gesessen hatten. Wie der Erzbischof von Bremen sie als die Tapfersten und Zuverlässigsten in die Marschen an der Elbmündung gesandt, damit sie das reiche Land dort gegen den verheerenden Ansturm der Wenden und die räuberischen Überfälle der Normanen schützen sollten. Und wie sich die Bauern des Landes um sie sammelten zu einer Heldenschar, genannt die Männer vom Morgenstern. Die bauten für sich und ihre ritterlichen Schirmherren, die Ritter von Lappen, die feste Burg Ritzebüttel, die heute noch steht wie ein aus der Urzeit ragendes Wahrzeichen schirmender Kraft.

Es war wohl beides gewesen, das Gefühl der Pflicht, den Sinn des Vaters auf die Kinder zu vererben, und das eigene warme, mitempfindende Herz, das die Mutter antrieb, uns als Kinder schon in die Wohnstätten der Armut zu schicken, um Not lindern zu helfen, wo immer sie davon erfuhr. Und wenn ich mit der Schwester, dem guten Geiste meiner Kindheit, die engen finsteren Stiegen in den dunklen Gassen und Höfen hinaufstieg, um in den dumpfigen Wohnungen der Armen uns unserer kleinen Aufträge zu entledigen, und wir all das namenlose Elend und Unglück dieser Menschen sahen, die doch auch Menschen waren, wie wir, deren Kinder Kinder waren, wie wir, dann krampfte sich mein jugendliches Herz zusammen, und wenn ich abends auf meinem Bette lag, betete ich inbrünstig zu meinem Gott: »Herr, hilf mir, daß, wenn ich ein Mann bin, ich dieses Elend lindern kann.«

Aus diesen Erfahrungen heraus hielt ich eines Tages meinen Myrmidonen einen Vortrag über die Wohnungsnot in meiner Vaterstadt. Und daraus drehten sie mir den ersten Strick.

Als die Zeit heranrückte, in der wir uns vorbereiten sollten für das Reifeexamen, da warf der Ordinarius mit seinem weingeröteten Gesicht mir, dem Primus, mein Zeugnisbuch durch die Klasse zu mit dem höhnischen Ruf: »Bei mir werden Sie nie das Examen machen.« Ich ließ das Heft unter dem Tische liegen, wohin es geflogen war, nahm meine Bücher unter den Arm und verließ mit einem stolzen: »Lebt wohl, -- Kameraden!« die Klasse.

Oh, wie danke ich es euch guten, freundlichen Menschen heute noch, dir, meinem alten guten Direktor Detlefsen, und dir, meinem alten treuen Freunde und Magister Reuter, daß ihr mich, wie einst die Phäaken den irrfahrtmüden Odysseus, in Glückstadt's traulichen Mauern so freundlich aufnahmt. Ihr kanntet kein Polizeiregiment und keinen Frühschoppen, und mit warmem Herzen halft ihr dem Vorwärtsstrebenden, die Flügel zur Fahrt durchs Leben zu entfalten.

Und dann hinaus zur Universität, nach Leipzig, in das geistige Zentrum akademischen Lebens. Wohl schäumte dem jungen Studio fröhlich das Leben entgegen. Aber die Klinge war scharf und gut geübt, um dem eklen Zwang zum viehischen Saufen mit Trotz zu begegnen. --

Nun aber war ich zwanzig Jahre gegen den Strom geschwommen und hatte geliebt, wo die anderen verachteten und haßten. Zwanzig Jahre lang hatte ich versucht, ihnen klar zu machen, wo sie fehlten. Ich sah, wie Lieblosigkeit und Härte, Genußsucht und Gewinnsucht, Ungerechtigkeit und Hochmut Tausende und Abertausende krank und elend, hart und trotzig und schließlich fähig zu allem Bösen machten. Ich sah, wie man Scharen unserer Volksgenossen in Gefängnisse und Zuchthäuser sperrte, weil sie schlimme Dinge getan hatten, Junge und Alte, und sah, wie die Alten, im Verbrechen grau Gewordenen, die Jungen, deren Herz noch weich und gut war, die nur der Taumel ins Gefängnis geworfen hatte, in den Morast der Sünde hinabzerrten.

Ich sah die Irrenhäuser und Krankenanstalten sich füllen mit Siechen und Schwächlingen. Unzählige lebensunfähige Kinder, -- andere, die den Keim elenden Siechtums in sich trugen, sah ich geboren werden; Kinder, die entweder keinen Vater hatten, oder wenn sie einen hatten, besser daran gewesen wären, wenn sie keinen gehabt hätten. Und ich sah den Staat und seine hochweisen Behörden lächelnd an Toren und Schurken die Erlaubnis erteilen, Brotkorn in Gift zu verwandeln und dieses Gift dem Volke zu verkaufen.

Ich sah die nämlichen Herren, die diesen großen unbekannten Geist, »Regierung« genannt, zusammensetzen, lächelnd bei Tisch aus ihren Pokalen das nämliche Gift schlürfen und abends aus schweren Krügen noch einmal das gleiche Gift beim Qualm der Zigarren, der ihnen half, die Sorgen um Land und Volk in ein sanftes Grau zu hüllen. Und weil sie selbst von dem Gifte schlürften, gaben sie ruhigen Gewissens und dreist die Erlaubnis, dieses Gift auch dem Volke zu schenken. Und Scharen um Scharen deutscher Männer zogen alljährlich, vergiftet durch den Trank, ein in die Gefängnisse und Zuchthäuser und füllten die Lücken, die dort der Tod durch die Bazillen der Schwindsucht alljährlich riß. Schar um Schar taumelte in eklem Rausch in die Bordelle, um sich dort bei den unglücklichen Opfern ihrer Lüste mit den Seuchen zu vergiften, die sie daheim dann ihren Frauen und Kindern einimpften, -- körperliches und geistiges Siechtum verbreitend nach Mosis grausigem Wort: Ich will die Sünde der Väter heimsuchen bis ins dritte und vierte Glied.

Und als meine Seele mit ihrem geistigen Auge dieses grauenhafte Elend überschaute, schluchzte sie auf, und in ohnmächtigem Schmerz und Zorn krampfte sich mein Geist, daß trotz aller Arbeit es nicht gelingen wollte, die beim eignen Becher erstarrten Gewissen der klugen Herren, die an der Spitze des Volkes stehen, aufzurütteln.

An den Grenzen unseres Landes hörte ich das Klirren der feindlichen Schwerter. Und wie dunkle Gewitterwolken gefahrdräuend eine blühende Ortschaft mit Nacht überziehen, so sah ich an unseren Grenzen die Gefahr feindlichen Überfalles von Westen und Osten. Anstatt aber wie in alten Zeiten zusammenzuhalten, wie ein Volk, wie Kinder einer Familie, in deren Haus ein feindlicher Nachbar eindringt, hörte ich in unserem Volke Gekeif und Geschelt von beiden Seiten, von den Besitzenden und Besitzlosen. Die einen sollten alles, die anderen wollten alles. Und ich sah, wie die einen, die im Besitz waren, nur danach strebten, ihren Besitz zu mehren. Sie hatten das Land, sie hatten das Geld und damit die Macht, Häuser zu bauen. Da suchten sie diejenigen, die kein Heim hatten, auf kleiner Fläche hoch übereinander in den Städten zusammenzuschichten, nicht duldend, daß jeder ein Heim hatte; damit sie aus ihren steinernen Quartieren den höchstmöglichen Zins zögen. Und nachdem sie so den Volksgenossen das Vaterland genommen, schalten sie sie noch dazu vaterlandslose Gesellen!

Und die Besitzlosen, anstatt in Ruhe nachzudenken, was ihnen fehle, suchten und suchten, in ihrer Erbitterung und Wut blind, und fanden nicht den Ausweg aus dieser Wirrnis. Bald suchten sie Arbeit, wenn der Hunger sie quälte, bald warfen sie ihr Arbeitszeug hin und ließen die Maschinen stille stehen. Und der Gifttrank verwirrte ihr Hirn vollends.

Und die weisen Herren dort oben sahen es, runzelten die Stirn über die Unzufriedenen, gaben Gesetze über Gesetze und wußten sich doch keinen Rat. Und der Staat, den sie regierten, hätte mit leichter Hand rings um die Städte das Ödland von den Bauern kaufen können; fleißige Genossenschaften würden Häuschen um Häuschen errichten, mit Stall und Garten; der Dung von Mensch und Vieh konnte in Kürze aus den sandigsten Einöden blühende Gefilde schaffen. Auf Schienensträngen müßte der Zug morgens in der Frühe, wie in Holland und Nordamerika, arbeitsfreudige Scharen aus ihren dörflichen Gärten in wenigen Minuten in die Städte tragen, wo sie auf den Speichern und auf der Werft rüstig die kräftigen Hände regen könnten. Und abends hätte die nämliche Bahn die Heimatdurstenden aus den Städten wieder hinausgeführt zu den von Luft und Sonne gebräunten Ihrigen.

Aber die Väter der Städte wollen steuer- und zinszahlende Massen, und mit Schank und Trunk und Flitter und Lärm und mit Licht und Fladusen locken sie die noch mit dem Erdgeruch behafteten Kinder des Landes hinein in die Städte. Sind die Wurzelfäden jener dann zerrissen, sind sie benebelt von Branntwein und Bier, das die reichen und vornehmtuenden Herren ihnen brennen und brauen, sind sie verwildert und entnervt und stumpf und erschlafft in der Großstadtluft: dann zetert und stöhnt und schilt und schreit kein Mensch mehr über die »verwilderte Bande«, als Brenner und Brauer! So bilden diese, mit den Wirten und Hausbesitzern im Bunde, einen wahrhaft edlen Kern der staatserhaltenden Elemente.

Kein Tyrann knechtet unser Volk so wie diese Gesellschaft. Keinen Tyrannen hat je die Weltgeschichte gesehen, der einem ganzen großen Volke so das Mark aus den Knochen gesogen hat, wie dieses Kleber-Vier.

Und weiter sah ich. Wo waren die Nachen unserer fleißigen Fischer geblieben, die bei Tag und Nacht auf schwankendem Kahn den schimmernden Segen, die wimmelnden Fische, den Flüssen und Seen unseres schönen Vaterlandes mit Netz und Angel entlockten? Wo sind die Scharen geblieben von Knaben und Jünglingen, die schwimmend im reißenden Strome die Kräfte erprobten? Dunkel und trübe ziehen die einst so klaren Fluten der meisten unserer deutschen Bäche und Ströme dahin, seit der Unrat unserer Städte und die Abwässer der Fabriken sie verpesten. Und wiederum waren es die Reichen und Mächtigen der Städte und große Fabrikherren, die sich sträubten, die deutschen Ströme rein zu halten. Mochten selbst die Wiesen und Äcker vergiftet werden durch die trüben Fluten der Ströme! Mochten die Fischer doch ihr Gewerbe aufgeben und in die Städte ziehen, wenn die Flüsse ihnen keine Nahrung mehr lieferten, -- was geht das die reichen Fabrikherren, was geht es die Magistrate der Städte an! Jene sparen ihr Geld, und diese halten sich schadlos durch Hinzuzug der reichen Leute, die nicht sehen mögen, wie ihr Dünger dem Acker, der ihnen Brot und Gemüse liefert, zugeführt wird.

Alle diese Reichen und Mächtigen hören und sehen eins nicht. Ihr Hunger nach Genuß und ihr Durst nach Geld macht sie blind und taub. Und ihr vom Rauschtrank umnebeltes Gehirn dämmt ihnen ihren Horizont ein, daß sie die Leiden und den Kummer und die Sorgen ihrer Volksgenossen nicht sehen und nicht hören, sondern nur an sich denken. Und so hören sie nicht, wie es im Volke gärt und murrt, in dem Volke, zu dem doch auch sie gehören; wie es auseinanderfällt wie eine Ehe, aus der die Liebe gewichen ist. Und doch könnten sie gerade tagtäglich in nächster Umgebung prüfen, was es für die Ehe heißt, wenn die Liebe hinauszieht.

Da sind Hunderte von Paaren -- und gerade unter den Reichen und Mächtigen, denen die Kinder versagt sind, weil der Gatte in jungen Jahren ein lustiges Leben führte und sich, wie man sagte, die Hörner ablaufen mußte. Da sind andere, deren Kinder siech und elend und idiotisch sind, weil ihre Väter so urgermanisch den Becher schwingen konnten. Und weiter gibt es Hunderte und Tausende von Ehen in allen Ständen, und in ihnen Hunderte und Tausende von Frauen, die dem Manne, der vor seiner Ehe nur käufliche Dirnen oder nur oberflächliche Gesellschaftsbekanntschaften hatte, nur Magd oder Haushälterin im Hause sind: Frauen, die als Mädchen mit höchsten Lebenszielen in die Ehen gingen, und nun schaudernd gewahr werden, daß ihr Lebensschifflein als sinkendes Wrack auf trübem Strome dahinfährt.

Und all der Tausende von Frauen mit ihrem Martyrium mußte ich tagtäglich gedenken, weil ich tagtäglich Frauentränen zu trocknen hatte. Und das war das schwerste für mich von allem: die Trauer und das Leid um die Trauer und das Leid derjenigen, die die Seelen der Welt bedeuten.

Und schließlich ward diese Trauer und das Leid über all dieses Elend so groß, die dunkle Wand stieg so schwarz, so riesengroß vor mir auf, daß sie mich zu Boden drückte, und alles Glück im eigenen Heim, alle Liebe daheim, der Jubel meiner Kinder, mein Haus, mein blumen- und vögelreicher Garten, die Freunde, die Freude am Gelingen der täglichen Pflicht, mich nicht froh machen konnten. Ich war müde geworden. Und wenn ich mich auch meiner Müdigkeit noch so sehr schämte, mir war's, als ob alle Kraft von mir gewichen sei.

Nun war ich übers Meer gegangen. Hatte ich das Glück suchen wollen? oder Frieden und Ruhe? oder neue Kraft?

Das Glück? was ist das Glück? Mir fiel ein Lied aus früherer Zeit wieder ein:

Mir träumte bang, -- ein wundersamer Traum! Mein Lieb und ich, wir flogen durch die Welt Mit Fittichen, die uns die Nacht gelieh'n: Wir wollten seh'n, ob außer uns noch Glück In dieser Welt verborgen sei, -- Ob aller Sonnenglanz des Glücks Vom Sonnenglanze unseres Glücks entsprang; So voll von Sonne schien unser Herz! Und unser Flügel trug uns in ein Dorf. Still lag sein Kirchlein, leise rauscht der Fluß, In dessen Wellen sich das Mondlicht barg. An seiner Ufer Rand in einer Laube still, Von jungem Frühlingsgrün verdeckt, Saß, küssend sich, ein junges Paar. Die Nachtigall sang zaubrisch hell Dazu ihr Liebeslied, all Leid bezwingend. Da raunt mein Lieb: da ist das Glück. -- Allein der Eifersucht häßlicher Stachel saß Der Braut im Herzen, -- und das Glück entwich. -- Da stiegen wir selband in einen Kahn, Der, wie von Geisterhand geführt, sich von dem Ufer löste Und leise auf des Stromes Wellen trieb. Wir saßen eng und traulich angeschmiegt; Der kühle Nachtwind wärmte sich an uns, -- Wir hatten ja das Glück, und Glück macht warm. Und an den Ufern trieb der Kahn entlang. Das Dorf verschwand; der Kirchturm blieb zurück. -- In dufterfüllten Gärten reihte sich Palast Stolz an Palast. -- Der Reichtum thronte hier, Von Wein und Braten satt; die Fenster strahlten hell. -- Doch Kronenglanz ist noch kein Sonnenschein! Hier war kein Sonnenquell des Glücks zu sehn. Und weiter trieb der Kahn zum Lichtermeer Der großen Stadt. Leis stieß er auf. Wir stiegen aus und wandelten zu zweit, Unsichtbar für der gier'gen Menge Blick, Von unserm Zauberfittich treu gedeckt, Zum hellen Festsaal. Zimbeln, Geigenspiel Und Jauchzen, Beifallklatschen! Froher Sang Schien lauter Glückeszeuge. -- Doch Wir sah'n der Gäste Schar mit müdem Blick Das Fest verlassen, arm an Sonnenglück. Da raunt mein Lieb mir zu: vielleicht im Volk, Im niedern Volk, da wohnt vielleicht das Glück. Allein das wogte, lärmte, schrie und stritt, -- Ein trüber Nebel überm Häusermeer. -- Nur dort ein Fenster hell, als ob Ein Sonnenstrahl vom Tag sich dort verirrt. Wir stiegen auf mit leichtem Flügelschlag: Sieh da, ein armes Judenmädchen ruht' Matt und gelähmt auf seiner Lagerstatt. Und doch im Angesicht ein sanfter Zug Von Dankbarkeit und Glück und Sonnenschein. Sein Mütterlein, vom Alter tief gebeugt, War treu bemüht in warmer Mutterlieb': Ein Blumenstrauß auf schlichtem, weißem Tisch, Ein blankes Glas, ein großes Herz voll Lieb', -- Hier war ein Hauch vom wahren Sonnenglück, Ein Hauch von Frieden, Liebe, wie wir ihn gesucht. -- Bacchantischer erscholl das Stadtgewühl; Die Pulse schienen fieberhaft zu schlagen; Fast wollten uns die Flügel nicht mehr tragen; Mit gier'ger Klammer faßte es nach uns. Mit eklem Dunst umnebelt's unser Hirn Und raunte heiser: Kommt, ich bin das Glück. Die Menschen nennen auch die Sünde mich; -- Doch meine Maske ziert der Totenkopf. Laut schluchzt' mein Lieb und packte meinen Arm. Mich schüttelte der kalte Fieberfrost. Kaum trug ich sie auf meinem Fittich fort. Mir war's, als hing wie schwerer Morgentau Sich zentnerschwer die Reue an uns an. Da wacht' ich auf, und heller Sonnenglanz Schien in das Fenster, und an meiner Brust Lag jubelnd mir mein blütenrosig Lieb, -- Da wußt' ich es, es gibt kein Sonnenglück, Das unserer Seele nicht wie reiner Quell entspringt: Ein Dach, daß uns der Regen nicht durchnäßt, Ein Stückchen Brot und eine reife Frucht, Ein Eckchen Garten für der Blumen Flor Und reine Kunst, die uns das Leben schönt, Ein blühend Kind, das unsre Seelen erbt, Und Liebe, Liebe, Liebe noch einmal: Das ist das Glück! -- -- --

Das Glück hatte ich in reichstem Maße, -- für mich. Aber die anderen? mein Volk?

Und wieder legte sich der Gedanke an sein Elend wie Alpdruck auf meine Seele.

Aber das Ächzen und Stöhnen klang wie aus weiter Ferne. Und dazwischen klang Kinderjubel und Nachtigallensang, und wie Heimatduft kam es zu mir. Da wurde mir leichter.

Und wie ich so lag in meiner Kabine und von den alten Zeiten träumte, spürte ich kaum noch das Stampfen des Schiffes und hörte kaum noch, wie die Wogen brandend an seine Brüstung schlugen. Ich drehte mein Lämpchen wieder an, das am Kopfende meines Bettes hing, und griff nach meinem kleinen Bücherbord hinüber. Dort stand in sauberem festen Einband eine Mappe mit Erinnerungen aus alter und neuer Zeit, mit Briefen und Liedern und kleinen Schriften, die ich veröffentlicht hatte im Laufe der Jahre, mit Tagebuchblättern aus dem Leben und aus der Praxis, Bildern von meinen Liebsten, von Weib und Kindern, und dazwischen Rosenblätter und Zypressenzweige, -- das Ganze eine kleine Welt für sich: Mein liebes Weib hatte es mir als Talisman mit auf die Reise gegeben. »Wenn du in deiner Einsamkeit schwere Stunden hast, so nimm es und zaubere dir aus der Vergangenheit eine neue Gegenwart und vergiß, was dich drückt.« So hatte sie gesagt.

Und da fiel mir, als ich die Mappe öffnete, ein Heftchen in die Hand: mein Erstlingswerk, das gedruckt war.

Zu Anfang der achtziger Jahre war es gewesen. Tschechische Studenten hatten damals in Prag die deutschen Kommilitonen überfallen. Die Leipziger Studenten hatten keine Zeit, sich um die Schmach der deutschen Brüder im Osten zu kümmern. Sie hatten offizielle und inoffizielle Kneipen Abend für Abend. Da gelang es mir, einen Leipziger Cherusker, mit dem ich auf dem Fechtboden Freundschaft geschlossen hatte, für meinen Plan zu gewinnen: Die Gelegenheit zu benutzen und die Kommilitonen aus ihrer Lethargie aufzurütteln. Wir eilten von Verbindung zu Verbindung, von Behörde zu Behörde. Endlich hatten wir die Genehmigung zu einer großen Studentenversammlung. Annoncen wurden veröffentlicht, Einladungen erlassen. Hofprediger Stöcker, der uns jungen Studenten als Hauptvertreter des nationalen Gedankens am meisten empfohlen worden war, wurde zum Vortrag gewonnen. In meisterhafter, flammender Rede wußte er die Sympathien für das bedrohte Deutschtum im Osten zu entfesseln. Aber als wir nach dem Vortrage im kleinen Kreise mit ihm bei einem Glase Bier zusammen saßen, da schien es mir, als ob er die Maske abwürfe und alles, was er in seinem Vortrage an Begeisterung in unsere jugendlichen Herzen gepflanzt hatte, wieder herausrisse und zerträte.

Hatte er vorher davon gesprochen, daß die akademische Jugend vor allem dazu berufen sei, das Deutschtum hochzuhalten dadurch, daß es die deutschen Tugenden pflege, so schwächte er die Wirkung seiner Rede nunmehr gründlich dadurch ab, daß er erklärte, an dem Niedergange des Deutschtums seien einzig und allein die Juden schuld; die Juden müßten bekämpft werden. So säete er, ein gefährlicher Aufrührer im Priesterkleide, damals die schlimme Saat des Antisemitismus in die deutsche Studentenschaft, anstatt ihr das einzige zu bringen, aus dem unserer Jugend neue Kraft zu neuen Taten erwachsen kann. Das ist Selbsterkenntnis. Hatten doch die alten Athener nicht umsonst über den Tempel des Apollo die Worte geschrieben: Γνῶθι σ'αὺτόν! »erkenne dich selbst!« Ein neuer politischer Studentenverein entstand mit deutschnationaler Tendenz. Es wurden viele Reden gehalten, und noch mehr wurde gekneipt. Nach Prag wurden einige Begrüßungsdepeschen gesandt. Es gehörte zum guten Ton, auf die Juden zu schimpfen und germanisch zu kneipen. Das war die Frucht unserer Bemühungen gewesen!

Da nahm ich meinen Wanderstab und wanderte von Leipzig zu Fuß durch die Goldene Aue über den Kyffhäuser nach Göttingen. Und wie ich da oben auf dem sagenumsponnenen Kyffhäuser stand, allein in stiller Wald- und Bergeinsamkeit --, noch stand kein Denkmal da oben, noch kein Wirtshaus, -- da reifte in mir der Entschluß, für unser Volk zu kämpfen und zu arbeiten, solange Gott mir Leben ließe.