Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden
Part 5
Als ich in Göttingen ankam, rüsteten sich die Freunde gerade zur Fahrt zum Kyffhäuser --, von dem ich eben herkam, -- um dort die erste große Versammlung der deutschnational gesinnten Studenten aus ganz Deutschland mitzumachen. Ich kannte von Leipzig her schon genug, was bei solchen Versammlungen herauskam. Doch der Freunde wegen ging ich mit. Es kam, wie ich gefürchtet hatte. Nur wenige Stunden des Redens und des Hurrarufens, und die allgemeine Berauschung an Phrasen ging über in eine große Berauschung durch das Bier, das in Strömen floß.
Da bäumte sich alles in mir auf, und weinend lief ich querfeldein, den Berg hinunter. Unterwegs begegneten mir bereits Scharen von betrunkenen Studenten, die gemeinsten Lieder gröhlend ... Im Wartesaal der kleinen Eisenbahnstation an der Bahn, die mich nach Göttingen zurückführen sollte, kam ich gerade dazu, wie ein angetrunkener Student sich an einem Mädchen vergreifen wollte, das schüchtern in einer Ecke Platz genommen hatte. Meine drohende Haltung verlieh meinem flammenden Protest Nachdruck. Ich war voll Ekel!
Und dann, anstatt nach meiner Rückkehr in Göttingen zur Ruhe zu gehen, schrieb ich voll Zorn und Scham über das Erlebte meinen »Mahnruf aus Jungdeutschland an Jungdeutschland«.
Allein wanderte ich weiter über den Großen Meißner nach Marburg, von Marburg rheinabwärts bis nach Bonn. -- Überall traf ich Freunde und überall das gleiche sinnlose Kneipen. Und was hatte ich auf meinen Tagen der Wanderfahrt alles gesehen und erlebt! Wie hatte sich der Nüchterne berauscht an den Schönheiten der Natur, an der Größe und Herrlichkeit des deutschen Vaterlandes! Wie hatte er mitgejubelt und gefeiert, mitgetanzt und mitgesungen, wo immer er zu fröhlichen Menschen kam! Wie war er auf einsamer Wanderung eingedrungen in das Empfinden und die Sprache unseres Volkes, wie hatte er gelernt, es zu achten und zu lieben!
Dann kam die Zeit des Kampfes um den Mahnruf.
Manch einer fühlte sich getroffen und glaubte, an dem Verfasser sich reiben zu müssen. Keiner wagte es zum zweiten Male.
Aber eines Tages traf aus Würzburg ein Brief ein von dem Physiologen Professor Fick. Der hatte den Mahnruf im Buchhandel entdeckt. Er schrieb begeistert, ich solle dorthin kommen, mit ihm arbeiten, mit ihm zusammen kämpfen. Welche Aussicht! Wie schlug das Herz höher! Der erste Erfolg im Kampf. Ein Mitkämpfer und was für einer!
Und dann ein herrliches Jahr mit diesem vortrefflichen Manne zusammen. Aber ein neues ging mir auf im Umgange mit ihm: nicht die Begeisterung allein konnte zum Siege führen, -- die wissenschaftliche Erkenntnis mußte helfen.
Jahrelang versuchte ich als Arzt in der Praxis meinen Mitmenschen zu predigen, daß sie Maß halten müßten mit dem Trinken, damit sie nicht krank würden. Alles vergeblich. Es war, als ob sie blind wären. Sie sahen in allen Ständen die Männer sterben, -- fünfzig Familienväter starben mir in zehn Jahren im besten Mannesalter am Trunk dahin, Reiche und Arme, -- und die andern tranken weiter.
Da erhielt ich eines Tages wiederum einen Brief aus Würzburg, in dem der Freund mir schrieb: seine physiologischen Studien hätten ihn aus logischen Gründen geradezu gezwungen, gänzlich enthaltsam zu werden. Ich aber verstand ihn nicht und schrieb ihm, ich hätte ihn immer für einen so mäßigen und verständigen Mann gehalten und könne nicht begreifen, warum er jetzt so übertrieben strenge sei. Und dann ging ich zu meinem Freunde und früheren Lehrer, dem Professor Reuter, und klagte ihm meine Skrupel. Ich wußte, daß er als Student ein flotter, schneidiger Burschenschafter gewesen war. Er erwiderte mir auf meine Zweifel: »Männer von so radikalem Standpunkt wie Ihr Freund, der Professor Fick, sind in Zeiten des Niederganges gleichsam ragende Säulen, Stützen, an denen die große Masse sich wieder aufrichten kann.«
Und doch -- wie schien es schwer, mit der alten Gewohnheit, der alten Form der Geselligkeit zu brechen.
Da war unser Gänseessen im November, zu dem die Kollegen aus der Stadt kamen. Wie mancher hatte sich ein fröhliches Räuschlein beim gut temperierten Rotspon dabei geholt. Wie harmlos vergnügt waren wir gewesen, und doch --, war irgend etwas von bleibendem Werte aus irgend einer dieser Gesellschaften entstanden? -- Wie mancher Bocksbeutel mit altem Steinwein war mit Kennermiene im engsten Freundeskreise geleert worden bei ernstem, anregendem Gespräch, bei welchem Gedanken über Pläne und Ziele des Lebens ausgetauscht wurden, nachdem wir wissenschaftliche Arbeiten prüften und Kunst pflegten. Was hatte das alles mit dem alten Wein zu tun! Und doch war es so unsagbar schwer, mit dem alten Vorurteil zu brechen, daß ein gutes Glas Wein notwendig sei zum Leben! Hatte ich doch meinem Mütterchen bei der Hochzeit versprechen müssen, -- dieser einzig guten und klugen Mutter, -- meine halbe Flasche Wein bei Tisch zu trinken. Das hätte ich nötig bei meinem schweren Beruf. --
Draußen klatschte der Regen an die Kabinentür. Das Ohr gewöhnte sich allmählich an das brandende Gewoge und die stampfende Gangart des Schiffes.
In der Hand hielt ich noch immer die Mappe mit den Erinnerungen. Da waren sie ja, die Tagebuchblätter aus dieser Übergangszeit, die mich bald hinausführen sollte in den großen heiligen Kampf um die besten Güter der Menschheit. Da hielt ich sie alle in der Hand, die Zeugen aus jenen Tagen der ersten Kämpfe und der ersten Erfolge. Ich erinnerte mich an jedes einzelne Erlebnis, als ob es gestern gewesen wäre. Und während ich las, vergaß ich völlig, daß ich mit einem Dampfer mitten im Schneesturm in nebliger Nacht durch den Kanal dahinfuhr, vergaß, daß Jahre schwerer Arbeit und schweren Kämpfens dahingegangen waren, und genoß in vollen Zügen aus den schlichten Blättern noch einmal die Zeit des Erkennens und des Erwachens und der ersten Taten.
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So muß es kommen. Treffe ich da heute den Hausmann angetrunken auf der Straße. Als ich ihn stelle und ihm eine Standrede halte, daß er doch das alte Schnapssaufen nachlassen solle, kümmerlich genug ging es doch her in seinem Hause, und für sein Herz und seinen Rheumatismus tauge es erst recht nicht, -- was antwortet er mir? »Ja, Herr Doktor, ich habe kein Geld zu Bier und Wein, wie Sie, da trinke ich eben Schnaps!« Und als ich ihm antworte: »Ja, mein Lieber, das wenige, was ich trinke, das habe ich nötig als Anregung bei meinem schweren ärztlichen Beruf! Sie wissen, Tag und Nacht muß ich heraus, immer soll man frisch sein.« »Will ich auch gar nicht sagen, Herr Doktor, aber den ganzen Tag in dem nassen Lehm stehen, ist auch was, da brauche ich eben meinen Schnaps, wie Sie Ihren Wein.« -- Ich fühle mich doch recht beschämt. Was sollte ich dem Manne nur darauf antworten? Und ich möchte dem armen Teufel doch gern helfen.
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Kommt da heute solch junger Fant zu mir zum Besuch, ein Studentlein, lang aufgeschossen, mit hellblondem Flaum unter der langen, geraden Nase, mit blitzenden, blauen Augen, ein echter junger Germane, gesund, fröhlich, der Typ der Ariers. Ich kenne ihn von Jugend auf; stammt aus altdeutschem Geschlecht; die Väter seit zwei Jahrhunderten protestantische Prediger im Holsteinischen, Hannoverschen und in den Hansestädten. Das ist Urrasse. Als ich ihn frage, wie er denn mit seinem Wassertrinken auf der Universität durchkomme, -- hat er doch überhaupt noch niemals Wein oder Bier in den Mund genommen --, lacht er mich strahlend an: »Fein! wenn die anderen benebelt sind, bin ich fein klar und fröhlich, und dann gehe ich nach Hause.« --
Von dem kann man lernen! Und als er mir rät, es doch einmal ebenso zu machen, ich solle nur mal sehen, wie viel besser es sich ohne alle diese Getränke leben ließe, schlage ich kurzerhand ein und verspreche ihm, die nächsten vier Wochen nicht zu trinken. Wollen sehen, was es gibt.
Ob ich den Hausmann nun durch mein Beispiel wohl nüchtern mache?
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Wieder einer! Es ist ein Jammer, diese Zunahme der Geschlechtskrankheiten. Und nicht nur unter der Stadtbevölkerung, nein, auch die Landbevölkerung wird durchseucht. Entweder kommen die jungen Burschen krank vom Militär zurück, oder die Knechte und die jungen Bauernsöhne gehen in die Stadt, um sich zu »amüsieren«. Und nachher? Kommen sie heulend in unsere ärztliche Sprechstunde und jammern um ihre schöne verloren gegangene Gesundheit und um ihr Lebensglück. Denn daß dies was auf sich hat, empfinden sie alle, und mit Recht. Wohin ich komme als Arzt, fast überall sind diese Jugendsünden die Ursache alles Elendes in der Ehe. Und wie ein Strom schwellen die Folgen dieser Entgleisungen unserer jungen Männer an. Da lese ich kürzlich, daß die Geschlechtskrankheiten unseren Krankenkassen bereits 100 Millionen Mark kosten, und daß die Zeit nicht fern sei, wo sie mit 300 Millionen rechnen müßten. Aber was nützt alles Predigen und Ermahnen, alles Resolutionenfassen und Konferenzenmachen der Sittlichkeitsvereine und des Vereins zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, solange alle diese vielen Herren in ihren maßgebenden Stellungen selbst noch dem Sekt, dem Wein und dem Bier huldigen. Denn eins ist doch klar! Nehmt unseren jungen Männern die Gelegenheit, den alten Adam in ihnen mit diesen Getränken zu stacheln und gleichzeitig ihr Gewissen einzuschläfern; gebt ihnen andererseits dafür Gelegenheit, sich zu tummeln und auszutoben; gewöhnt sie, im zwanglosen täglichen Verkehr das andere Geschlecht als ein ihnen gleichstehendes anzusehen; lehrt sie, in jedem Mädchen die eigene Schwester, in jeder Frau die eigene Mutter zu achten! Vor allem aber schafft unserem wachsenden Volke Raum auf der Erde und besonders im eigenen Lande, daß es sich wieder seßhaft machen kann auf eigener Scholle, -- heraus aus dem Dunst der Städte, -- wofür haben wir denn Eisenbahnen und Elektrische --: so muß es anders werden! Aber mit Reden ist nichts getan, nur mit Taten.
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Wenn wir doch lernen wollten, die Gesetze der Physik auf das Geistige zu übertragen! Denn da die sichtbare Welt nur ein Gleichnis ist für die unsichtbare, so müßten die Gesetze der sichtbaren Welt auch Gültigkeit für die geistige haben! Und sie haben sie. Wir sehen es täglich; Kälte erzeugt Kälte, Wärme Wärme. Das Gesetz der Polarisation, der Anziehung, der Abstoßung, der Anhäufung der elektrischen Spannungen mit ihren Entladungen, -- ist es nicht das gleiche in der sichtbaren Welt, wie in der geistigen? Kann daher in dieser irgend etwas verloren gehen an Kraft, da doch von der Kraft, die den Stoff bewegt und erwärmt, nichts verloren geht? Die Kraft des Dampfes und der Gase, die unter Druck stehen, ist sie nicht zu vergleichen mit der Kraft niedergehaltenen Hasses, der eines Tages, übermächtig geworden, jeglichen Druck überwindet? Sollte die Macht des Beispiels nicht ebenso nach gleichen Gesetzen wirken?
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Nun habe ich vier Wochen weder Wein noch Bier getrunken. Als ich dann das erste Glas von meinem leichten Landwein an die Lippen setze, rieche ich den Spiritus. Der erste Schluck schmeckt wie Branntwein. Da lasse ich das Glas stehen. Ich schreibe an den Weinhändler, er solle mir nicht so verschnittenen Wein schicken. Der tut bis in den Tod beleidigt und verlangt gerichtliche Untersuchung seiner Vorräte. Kein Tropfen Spiritus komme in seinen Keller. Nun weiß ich es, was ich längst wußte: diese ganze Geschichte von dem sogenannten Göttertrank, mit der die Weinhändler uns allen und sich selbst ein X für ein U vormachen, ist Mumpitz. Vergorener, verdorbener Traubensaft ist's und weiter nichts, der die Menschen duselig macht, weil satanische Hefezellen den süßen Zucker der Trauben in noch satanischeren Sprit verwandelt haben. Das ist der ganze Zauber, der uns hypnotisiert.
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So geht es nicht weiter. Der dritte Fall von Kindbettfieber in vier Wochen. Aber die Leute sind selbst schuld. Haben sie dem armen Weib von Hebamme bei ihren Wochenbettbesuchen, an Kindbetten und Kindtaufen das Trinken beigebracht, und nun scheinen Seife und Lysol unbekannte Dinge für sie zu sein, und die armen Frauen müssen es büßen, und die Männer werden zu Witwern und die Kinder zu Waisen. Was soll ich tun? Der Kreisarzt reagiert nicht auf meine Meldungen, die Regierung nicht auf meine Beschwerden. Es scheint, man sieht mich als unbequemen Querulanten an. Und ich kann doch meine jungen Frauen nicht um dieses Weibes willen dem sicheren Tode ausliefern!
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Der Tischler ist untröstlich. Noch kein Jahr verheiratet! Und was hatte er für eine Frau, -- fleißig, sauber, liebevoll wie nur eine. Nun liegt sie da, -- mit verfallenem Gesicht und aufgetriebenem Leib, -- vier Tage hat die pflichtvergessene Person sie schon mit heißen Umschlägen behandelt. Bis heute abend wird die Kranke ausgelitten haben. Und das Kind, den kleinen strammen Burschen, der erst acht Tage lang mit seinen blauen Augen den Vater angeleuchtet hat, den können wir ihr getrost mit in den Sarg legen, -- Nabelvereiterung. Natürlich, -- mit rostiger Schere und ungewaschenen Händen besorgt. Es ist zum Rasendwerden.
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Es lebe die Konkurrenz! Heute stellt sich eine neue Hebamme bei mir vor, eine saubere junge Witwe mit gutem Gesicht. Ob ich sie unterstützen wolle, eine Praxis zu bekommen. Sie habe schon gehört, daß ich aus bestimmten Gründen die andere umgehe, wo ich könne.
Halt, -- Witwe ist die andere auch; aber ich kann die Verantwortung nicht tragen. Drum, es sei! Vielleicht, daß die Not sie kuriert. Und doch, ich kann nicht anders. Ich sage der neuen gleich dabei, wenn die alte sich bessert, müssen sich beide in das Feld teilen.
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Wir alle zusammen sind nur Tagelöhner, die die Türme ihres Lebens bauen. Die einen kommen kaum dazu, ein paar Steine zum Fundament zusammenzutragen; die anderen bauen das Fundament notdürftig; wieder andere schleppen ihr ganzes Leben rüstig Steine, kommen aber nie zum Bauen; nur wenige, die zum Bau von Türmen kommen, von denen sie ein wenig Ausschau halten können; -- aber nur einzelnen Auserwählten gelingt es, sich Lebenstürme zu errichten, von denen aus sie über die Wälder des Irrtums, die Täler der Vergangenheit, die Schluchten der Sünde und die Berge der Zukunft in die unendliche Weite der Ewigkeit blicken können.
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Heute war ich bei dem Hofbesitzer Helmers. Er lag um zwei Uhr noch betrunken im Bett. Der Gülzow ist nun schon von Haus und Hof und arbeitet als Gelegenheitsarbeiter in der Stadt. Und was war er für ein netter Kerl. Ein echter Germane. Und der Evers? Sitzt im Armenhaus und erwartet mit seinem gebrochenen Bein sein Letztes. Der reichste Bauer in der Gegend einst. Aber nun wollte ihn niemand als Knecht mehr haben. Und da sitzt der Krugwirt und reibt sich die Hände. Man sagt, er habe sich in der Nähe von Berlin eine Villa gebaut, -- natürlich von den Hufen unserer Bauern, die er ins Garn gelockt hat. Es ist eine Schande! Was nützt uns da Agrarpolitik und Innenkolonisation! Sitzt da so eine verfluchte Kreuzspinne in ihrem Netze und zieht ihre Opfer an sich heran: Besprechung über den Bauernbund, Karpfenessen, Skatabend, -- und schließlich sitzen die Brüder da abends und morgens und würfeln und bilden sich ein, sie wären alte Germanen und sehen nicht, wie ihnen der Teufel von Wirt das Blut aussaugt. Und ehe sie es sich versehen, zieht der Jude die Schnüre zu, klagt die Wechsel ein, und der Hof kommt unter den Hammer.
Meinem Bäuerlein habe ich einen Denkzettel mit großen, schwarzen Buchstaben an seine Stubentür geheftet, daß er draufschauen muß, sobald er aufwacht: »Wenn ich so weiter trinke, wie bisher, so muß ich bald eines elendigen Todes sterben.« Der Helmers ist aufgestanden am andern Tag, liest den Zettel über der Tür, zuckt zusammen und sagt ruhigen, festen Tones zu seiner Frau: »Frau, nimm den Zettel von der Tür. Ich trinke nichts mehr.« Wirklich zieht der gute Kerl tagtäglich in der Früh mit zu Felde, wie er's seit Jahren nicht mehr getan hat, nimmt seine Blechflasche voll Milch mit und setzt keinen Fuß mehr zum Krugwirt hinüber.
Der grüßt mich seitdem nicht mehr. Ist mir auch recht. Spar' ich meinen Hutrand.
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Als ich heute zu Hofbesitzer Helmers komme, sitzt dort ein Weib aus dem Nachbardorf, eines Kätners Frau. Sie habe gehört, daß ich den Bauer vom Trunk befreit hätte, so solle ich auch ihr das Mittel geben. Auch ihr Mann trinke so, schlage sie und die Kinder und versaufe den ganzen Hof. Ich sage ihr, sie solle sich an ihren Arzt wenden. Der wüßte nichts dafür, antwortet sie. Ich suche ihr klar zu machen, ich hätte keine Medizin dafür, ich hätte dem Helmers nur etwas aufgeschrieben auf einen Zettel, das habe er gelesen --, freilich hätte ich schon vorher auf ihn einzuwirken versucht. So solle ich ihr das gleiche auf den Zettel schreiben, drängt sie. Vielleicht hülfe es auch, und schaden könne es ja nicht. Da das arme Weib mir leid tat und so flehte, schrieb ich ihr mit innerem Widerstreben auf ein Stück Papier das nämliche auf, wie erst kürzlich dem Helmers, und gab ihr das Blatt. Hocherfreut dankt sie und fragt, was sie schuldig sei. Ich lehne ab, weil es mir im Innern graust, als ob sie mir einen Judaslohn böte. Und weiß doch nicht, warum. Ob's hilft? Wenn nur, sie haben sieben Kinder.
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Durch ein Stück Papier zum Mörder geworden! Herrgott, daß mir das widerfahren mußte! Wollte Segen stiften und trieb einen in den Tod. Heute erzählt mir Frau Gärtner, sie sei die Schwester des Kätners, dessen Frau ich neulich den Zettel aufgeschrieben habe. Mich schüttelt es wie im Fieberfrost. Weiter, weiter. Sie habe das Blatt, wie ich geheißen, über die Tür genagelt; da habe der Mann es gelesen, habe mit der Faust auf den Tisch geschlagen und gerufen: »Und wenn ich nicht mehr trinken soll, hänge ich mich auf.« Damit sei er aus der Stube gestürzt. Als er nach einer Stunde noch nicht zurückgekehrt sei, hätten sie ihn gesucht. -- Endlich hätten sie ihn auf dem Heuboden am Dachsparren erhängt aufgefunden.
Die Sinne wollten mir schwinden. Ein Stück Papier, ein einfaches kleines Stück Papier, bekritzelt mit ein paar Worten, die einen Menschen warnen, ihm helfen sollen, treiben ihn in den Tod. Grundgütiger Vater, konntest du so grausam sein und das dulden? Dachtest du nicht an seine sieben Kinder? Und ich, ich habe ihn ermordet! Hätte ich nicht lieber hinüberreiten sollen übers Moor und ihn aufklären und trösten und heben? Statt dessen schicke ich, ich, der Liebe säen will, ihm ein Stück Papier. Ich solle mich trösten, sagt die Schwester des Toten. »Gut,« sagt sie, »daß das Schwein tot ist, es ist ein Glück für ihn und die Familie; die kommt ohne ihn besser durch als mit ihm.« Gott im Himmel, wohin sind wir geraten, in welchen Höllensumpf von Herzensroheit und Verzweiflung. Und dabei ist diese Schwester keineswegs ein schlechtes Weib, ist eine kreuzbrave Gattin und Mutter. Aber ein Stück Papier! Daß das eine solche Macht haben kann! Und da will einer leugnen, daß leblose Dinge Kraft und Geist an sich haben können, den wir nicht sehen, nicht schmecken, nicht fühlen noch wägen können!
Ich will sehen, was ich für die Witwe tun kann. Aber es ist furchtbar!
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Nein, es ist schier zu arg. Sechs- oder siebenmal habe ich versucht, den Lehrer Horst zu retten. Das Stadtverordnetenkollegium, der Superintendent ebenfalls, hatten mich hingeschickt, -- er würde ohne Gnade kassiert, wenn er sich noch einmal betränke. -- Auf den Knien hat er vor mir gelegen, seiner braven Frau und seiner Kinder willen solle ich ein gutes Wort für ihn einlegen, er selbst habe es nicht verdient. Aber nun solle es anders werden. Bei allem, was ihm heilig sei, schwöre er es, -- und drei Tage darauf war er wieder total betrunken in die Klasse gestolpert. Ich weiß es wohl, wer der eigentlich Schuldige war. Die Herren Honoratioren am Stammtisch, vor allem der schneidige Herr Brauereidirektor, der ihn angrölte: »Nanu, Sie wollen doch kein lappiger Wassertrinker werden? Oder gar eine Teeschwester?« -- Da hatte er sich seinen Stammschoppen kommen lassen und Bescheid getan, bis er lallte. Und nun? Kommt da ein alter Bettfedernfabrikant, und was ich als Arzt und Stadtverordneter mit aller meiner Autorität nicht erreichen konnte, erreicht er mit ein wenig -- Liebe.
Liebe, Liebe, was bist du? Frage, die mich nicht verlassen will! Ich rufe dich hinaus in den sonnenwarmen Tag und in die sternenklare Nacht, in den heulenden Sturm, in den leis rauschenden Wald und die stille Heide und in das Getriebe der Menschen, und immer wieder tönt es mir zurück: es ist das Aufgehen des einen in den anderen, das Sichselbstvergessen und Selbstverlieren, um sich im anderen wiederzugewinnen. Wie die Sonne die Erde erwärmt, und die Erde die Wärme wieder ausstrahlt; wie die Sterne sie erhellen, und sie ihr Licht zurückgibt, wie der Sturm die Wolken türmt, daß sie bersten und den Wald und die Heide tränken, bis diese, vom Regen gesättigt, dem Himmel den Tau zurückgeben unter dem Kuß der Sonne, daß er neue Wolken aus ihm forme! Es ist Hingabe der Mutter an ihr Kind, das sie hegt von der wachsenden Zelle, deren Befruchtung sie in liebender Umarmung erfuhr. Es ist das ewige »Nicht ich, sondern du!«, mit dem Christus dahinging, um uns vom Todgedanken zu befreien, um uns zu zeigen, daß es keinen Tod gäbe, um uns alle Angst und allen Schrecken zu nehmen und uns zu lehren: seid eins mit eurem Vater im Himmel, dem Inbegriff aller Liebe, und es gibt keinen Tod für euch, wie es keinen für mich gibt, denn ich bin die Liebe und das Leben. Lieben und Leben sind eins, denn Gott ist die Liebe!
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Heute war ein wunderlicher Alter bei mir, der Bettfedernfabrikant aus der Stadt, Sonnemann. Mit seinem langen, grauen Bart sah er gar würdig aus, fast wie der Weihnachtsmann in den Bilderbüchern der Kinder. Er sei Guttempler, habe von mir gehört, daß ich mich für Trinkerrettung interessiere, auch, daß ich schon mehrmals versucht habe, auf den Gärtner einzuwirken, bis jetzt allerdings nur mit zweifelhaftem Erfolg. Ich wisse wohl selbst, daß er trinke wie immer. Ob es mir als Arzt recht sei, wenn er nun einen Rettungsversuch unternähme und den Gärtner dem Guttemplerorden zuführe. Ich dankte ihm und freute mich im voraus auf seinen Erfolg. Dann erzählte ich ihm von meinem Erfolg bei dem Hofbesitzer, von dem er bereits wußte, und von meinem Unglück bei dem Kätner im Moor, und sagte ihm, wie tief unglücklich ich darüber sei. Er sagte nichts, und doch lag in seinem ganzen Wesen eine solche sichere Ruhe, ein solcher Frieden und so viel warme Menschenliebe, daß mir selbst ganz warm ums Herz wurde. Mir war zumute, als säße ich beim Beichtvater. Ich wüßte selbst, fuhr ich fort, woher das Unglück käme. Mein geschriebener Spruch habe den alten Trinker zu unvorbereitet getroffen. Da erhebt der Alte sein Gesicht, sieht mich ernst und warm an und sagt nur: »Es war keine Liebe dabei. Daher kam es.«
Daher kam es. Ja, bei Gott, daher kam es. Es war keine Liebe dabei. Das Weib hatte keine mehr für den Mann, der sie und die Kinder so oft verprügelt hatte. Und in meinem Zettel war auch nichts vom Geiste der Liebe zu spüren.
Herr Gott, lehre mich, im Geiste der Liebe zu arbeiten! In deinem Geiste!
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Kommt da heute abend spät der Tischler weinend bei mir angerannt. »Mensch,« sage ich, »was haben Sie, armer Kerl, denn schon wieder?« »Herr Doktor, kaum vier Wochen ist meine Frau tot, und nun liegt über mir die Frau von dem Schneidermeister krank im Wochenbett. Und der Kerl sitzt schon den ganzen Tag beim Wirt ›Zur Eiche‹ und säuft und will nicht heimkommen. Und meine Frau ist tot, und er hat noch eine und kümmert sich nicht darum. Ich kann's nicht mit ansehen!«