Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden
Part 3
Mit fröhlichem Lachen betrat nach ihm ein Ehepaar in mittleren Jahren unser Schiff. Frohe Hoffnung lag auf ihren Gesichtern. Sie war blond, schlank, mit den grau-blauen Augen, die man in Norddeutschland so viel findet, die bei flüchtiger Bekanntschaft eher fernhalten, als anziehen, die aber bei näherem Kennenlernen die ganze Tiefe und Wärme der Seele erkennen lassen.
Den gleichen lebensbejahenden Zug, nur froher noch als bei der Frau, fand ich bei ihrem Gatten, einem sehnigen, augenscheinlich an Arbeit gewöhnten Manne, dem der Schalk und die Schwärmerei aus den blauen Augen leuchtete. Mir war es gleich, als ich ihn sah, als ob ein Stückchen Heimathimmel sich in ihnen widerspiegelte.
Ganz im Gegensatz zu diesen schien mir ein junger badenser Lehrer, ein weicher, fast zarter Geselle mit großen, träumerischen, braunen Augen, die aber doch von gesundem, kräftigem Wollen sprachen. In seiner Begleitung befand sich ein junges Mädchen, braunlockig, mit seelenvollen Augen, deren Dialekt an österreichische Abkunft erinnerte. Als sie das Schiff betreten hatte, war es, als ob plötzlich etwas Frühlingsartiges, Märchenhaftes auf unser überschneites Fahrzeug geraten war, -- so eine Art verirrter Märzensonnenschein, nach dem man sich schon im Dezember sehnt.
Einen höchst sympathischen Eindruck machte mir ein rheinländischer Kollege, eine auffallende schöne, kräftige Erscheinung mit hoher Stirn und edlen, energischen Zügen.
Pustend und schnaubend, auf alles, auf den Schnee, die Kälte, Antwerpen, das Schiff, den Kapitän, die Mannschaft, Belgien und Gott weiß was schimpfend, kam ein dicker, aufgeschwemmter Mensch an Bord, wie sich herausstellte, ein geborener Ostpreuße, der als Delegierter zum internationalen Gastwirtstag nach Lissabon wollte. Und weil er gleichzeitig Vorsitzender des Kriegerverbandes seiner Heimat war, reiste er mit einer Art Ordensbändchen im Knopfloch. Er streckte den dicken Bauch immer möglichst weit vor, als ob er sagen wollte: »Platz da, ich komme!« Ein grenzenlos unausstehlicher Mensch, an dem man schon genug hatte, wenn man ihn zum erstenmal sah.
Schließlich kam noch ein junges Kerlchen aufs Schiff, ein Elsaß-Lothringer, dem man das Muttersöhnchen auf den ersten Blick ansah. Und endlich, damit das weibliche Element nicht fehle, eine fragwürdige junge Polin aus Warschau, die angeblich ihre Schwester in Manáos besuchen wollte, die aber, wie unsere beiden ungarischen Juden bald, nachdem sie angekommen war, ausbaldowert hatten, sich in ihrer Heimat für ein bekanntes Bordell in Manáos hatte anwerben lassen.
Als unser braver Kapitän von diesen Dingen erfuhr, schüttelte er den Kopf. Hatte er an den beiden Lästermäulen von Juden schon genug gehabt, so machte ihm die Ergänzung dieser beiden zu einem Kleeblatt ernste Kopfschmerzen. Etwas von Aberglauben steckt in jedem Seemann. Und wenn ein Schiff untergeht, so sagt ein alter Seemannsglaube, war einer an Bord, der's verdient hatte, den Fischen zum Fraß zu dienen. Und nun drei, -- das war ein bißchen viel.
Das Wetter war danach, um solchen Gedanken Vorschub zu leisten. Schreiend umkreisten die Möwen wie Boten der Sorge das stampfende Schiff. Stockfinster war die Nacht, als wir aus der Schelde wieder in den Kanal einliefen. Dabei dicker Nebel, der von Hagel und Schneeböen nicht lichter wurde. Unaufhörlich warnten die Sirenen. Aber tapfer kämpfte sich unser braver Dampfer durch Wetter und Wogen hindurch.
In dickem, graugelbem Nebel lag Englands Küste versteckt. Mir aber war es, als hörte ich durch das Donnern der Wogen und das Brausen des Sturmes hindurch das Hämmern auf den Werften unserer englischen Vettern, auf denen sie Schiff um Schiff bauten in siegdürstendem Eifer, um über uns Deutsche herzufallen und unseren aufkeimenden Welthandel brachzulegen. Und im Geiste sah ich den gekrönten Moloch der Pall-Mall-Gazette als +Commis voyageur+ im Hermelin unter dem Frack von Hof zu Hof reisen, das Feuer zum Weltbrand zu schüren.
Seid ihr blind, oder sollen wir in kurzem wiederum einem Jena entgegentreiben? Die Weltgeschichte schreitet im Zeitalter des Dampfes und der Elektrizität schneller als in der Zeit der Postkutschen und Galeeren. England hat mit Japan sein Schutz- und Trutzbündnis; mit Amerika ist es durch die Sprachverwandtschaft enger verbunden als wir; -- an Frankreich ist es durch herzliches Einvernehmen verknüpft, -- mit Rußland fädelt es Verhandlungen ein, die einem Bündnis verzweifelt ähnlich sehen, -- Österreich buhlt augenscheinlich um Englands Freundschaft, -- Frankreichs Kriegsflotte schwärmt an der Nordsee wie eine Schar Krähen, -- und von Englands besten Schiffen liegen siebenzig kriegsbereit an der Küste des Atlantischen Ozeans. -- Und unser Heer, unsere Offiziere, unser Volk? Sollte es doch an der Zeit sein, daß wir wieder einmal die Not des Krieges kennen lernen? Für viele unserer Offiziere wäre es ein Aufrütteln aus eitler Streberei und fadem Genußleben. Ist nicht unser ganzes Bürgertum angesteckt von diesen beiden Krankheiten?
Ja, der Krieg ist furchtbar, und doch möchte man fast ausrufen: »Kommt, ihr Feinde, greift uns an, damit der deutsche Michel, damit der Stammtischphilister in Uniform und Zivil erwache aus seiner Narkose, damit wir herauskommen aus dem Zeitalter der Phrase in das Zeitalter der Tat.«
Ihr Gedanken, wohin verirrt ihr euch! -- Freilich ist es verführerisch, diese schlaffe Masse mit einem Male aufgerüttelt zu sehen durch den dröhnenden Kriegslärm, aber tausendfach ehrenvoller und größer ist es doch, in tausend und abertausendfacher Arbeit, in Liebe und Gerechtigkeit ein Volk zu heben und aufzuklären und vorwärts zu führen zur Gesundheit, zur Freiheit, zur wahren Kultur.
Mit diesen Gedanken kam ich zur Tafel. Gleich zum Beginn fielen unsere neuen Gäste über mich her, ich solle berichten, warum ich nichts tränke, warum ich den guten deutschen Trunk verabscheue. Ich blieb ihnen die Antwort nicht schuldig: »Sicherlich,« führte ich aus, »rührt nicht alles menschliche Elend aus der Trinksitte und von der Trunksucht her; aber ebenso sicher ist es, daß wir einen sehr großen Teil aller Not und allen Elends aus der Welt schaffen könnten, wenn wir die Trinksitte, das heißt, die Sitte, berauschende Getränke als Genußmittel zu gebrauchen, aus der Welt schafften. Und ich an meinem Teil will diese Sitte nicht stützen helfen.«
Ich sah, wie der eine und der andere nachdenklich wurde. Zwei oder drei riefen, während die Stewards aus und ein liefen: »Doktor, erzählen Sie mehr!« Und da sagte ich ihnen kurz, wie ich's wußte, und wie es mir in den Sinn kam: »Es ist im Laufe der letzten Jahrzehnte tatsächlich eine ganz neue Wissenschaft entstanden, die leider selbst manchem sonst ausgezeichneten Gelehrten ein noch unbekanntes Gebiet ist. Sie umfaßt eine neue Volkswirtschaftslehre und eine neue und doch uralte Sittenlehre. Sie lehrt uns die Schädlichkeit selbst des mäßigen Trinkens; sie lehrt uns, wie schon durch dieses unser Denken verlangsamt und unsere Widerstandskraft gegen Krankheiten herabgesetzt wird. Diese neue Wissenschaft zeigt uns, daß eine Reihe wichtigster Kulturaufgaben in unserem Volke liegen bleibt wegen angeblichen Geldmangels; aber unser Volk vertrinkt den zehnten Teil seines Gesamteinkommens und gibt noch einmal die gleiche Summe aus, um die Opfer unserer Trinksitten in Krankenhäusern, Irrenanstalten und Gefängnissen unterzubringen.«
Da warf einer der beiden Juden ein: »Doktor, Sie vergessen die vielen Tausende, die in der Alkoholindustrie ihr Brot verdienen.« »Jawohl,« antwortete ich, »anderthalb Millionen deutsche Männer.« »Sehen Sie wohl,« zischte triumphierend der Jude über den Tisch herüber, »die macht der Doktor brotlos mit seiner Temperenzlerei.« »Nein, Herr,« erwiderte ich ruhig und ernst, »nicht brotlos. In der Alkoholindustrie haben sie die schlechteste Sterbestatistik. Alle diese Wirte und Brenner und Brauer und Direktoren und Weinhändler und Whiskyreisenden« -- bei diesem Worte zuckte die Begleiterin des Badensers schmerzlich zusammen, ich wußte nicht warum, weil er mir nicht danach aussah, als ob er je im Leben Whiskyreisender gewesen wäre -- »haben eine schlechtere Sterbestatistik als die Feilenhauer und die Arbeiter in den Schwefelbergwerken.« »Ach was,« schnarrte der andere edle Magyare über den Tisch hinüber in einem Ton, mit dem er offenbar den Anschein erwecken wollte, als habe er in den Kreisen von Honvedoffizieren verkehrt, »auf Statistik gebe ich gar nichts! Alles läßt sich auf statistischem Wege beweisen.« -- »Nun,« erwiderte ich, »Sie haben ja einen gut ausgeprägten Geschäftssinn, Sie wissen selbst, die deutschen Lebensversicherungsgesellschaften nehmen keine Alkoholisten auf, geschweige denn die englischen. Nun lehnen schon seit Jahren viele deutsche Gesellschaften Brauereidirektoren und Weinreisende von vornherein ab und machen selbst oft bei den solidesten Hotelwirten die größten Schwierigkeiten. Warum wohl? -- Aber noch mehr. Eine Reihe großer, englischer Lebensversicherungsgesellschaften führt getrennte Statistiken über die Lebenschancen der Mäßigen und der Totalenthaltsamen und gibt den letzteren auf Grund ihrer Erfahrungen erheblichen Prämienrabatt. Bis zu fünfundzwanzig Prozent! Glauben Sie, daß diese Engländer so geschäftsunkundig sind, daß sie das tun würden, wenn sie nicht ihren Profit dabei machten?« Ich sah, wie unsere beiden ungarischen Helden um eine Nuance nachdenklicher wurden; der jüngere der beiden Brüder bestellte sich eine Flasche Apollinaris, und als der Steward sie brachte, folgte der ältere seinem Beispiel, schenkte sich ein und rief mir mit verlegenem Grinsen über den Tisch zu: »Prost Doktor.« »Aber diese anderthalb Millionen, die jetzt in der Alkoholindustrie ihr Brot verdienen, die machen Sie brotlos; das müssen Sie doch zugeben?« »Meine Herren,« erwiderte ich, »wir haben Gott sei Dank noch eine derartige Fülle großer Kulturaufgaben zu erledigen, daß die Hände und Köpfe dieser anderthalb Millionen Männer kaum ausreichen werden, um diese Aufgaben in Deutschland zu erfüllen. Sehen Sie unsere Schulen. Tausende sind überfüllt, und die Kinder unseres Volkes aus allen Ständen erleiden durch die Überfüllung der Klassen in dumpfiger, übelriechender Atmosphäre von ermüdeten und überangestrengten Lehrern unterrichtet, dauernden Schaden und erhalten, statt daß sie fürs Leben mit Herzens- und Geistesbildung ausgerüstet werden, im besten Falle einen Geistesdrill, der sie aufjubeln läßt, wenn die Zeit des Schulbankdrückens für sie vorüber ist. Jetzt schlagen Sie aber einmal im Staate oder in der Gemeinde vor, daß mehr Schulen gebaut werden müssen, da heißt es gleich: Es ist kein Geld vorhanden. Aber über dreitausend Millionen Mark vertrinken wir jährlich! Gehen Sie durch unsere Großstädte, und sehen Sie, wie unser Volk dort haust, in engen Höfen und finsteren Mietskasernen zusammengepfercht, und da wundern wir uns noch, wenn diese Leute, die einen großen Teil ihres sauer verdienten Geldes für Wohnungen ausgeben müssen, die die meisten von ihnen sich scheuen würden zu betreten, Sozialdemokraten werden, unzufrieden mit der heutigen Staats- und Gesellschaftsordnung ........« »Aha,« rief der Delegierte vom deutschen Gastwirtsverbande und gleichzeitiger Ehrenvorsitzender im Provinzialkriegerverein, »merken Sie es, meine Herren, wohin der Doktor hinaus will? Das sind ja die reinen sozialdemokratischen Anschauungen.« »Mann,« erwiderte ich ihm, »ich bin Arzt und Offizier und weiß, was ich meinem Vaterlande und meinem Kaiser an Treue schuldig bin. Aber das sage ich Ihnen, wenn Sie und ich und wir alle, die wir hier sitzen, einfache Arbeiter wären und in diesen Gängevierteln und Kasernen unserer Großstädte wohnten, wir wären Narren oder Schwächlinge, wenn wir uns nicht gegen eine Weltordnung aufbäumten, die so viel Ungerechtigkeit und Elend im Gefolge hat.« Alle stimmten mir bei, der patriotische Gastwirtsvertreter wurde rot wie ein Krebs und schwieg. Der Ingenieur fragte gespannt: »Und wie denken Sie diese Zustände zu ändern?« »Sehr einfach,« erwiderte ich, »statt der jetzigen Zentralisation der Bevölkerung in die Städte müssen unsere Städte systematisch dezentralisiert werden. Der Staat muß das die Städte umgebende Gelände zu dem Preise ankaufen, der dem Werte entspricht, den der jetzige Besitzer seinem Grund und Boden verliehen hat. Dieses Land wird vom Staate nur in Erbpacht gegeben. Durch geeignete Bauverordnungen wird die Bebauung des Landes in der Weise geregelt, daß die sozial und hygienisch verderbliche, heute beliebte großstädtische Bebauungsweise vermieden wird. Sodann müssen in radiärer Weise Verkehrswege aus der Stadt nach diesen neuen Ortschaften geführt werden, die dem Arbeiter und den draußen Wohnenden ermöglichen, auf schnellstem Wege des Morgens in der Frühe in die Stadt zu den Arbeitsstätten zu gelangen.« »Beim Zeus,« sagte der Rheinländer, »das scheint einleuchtend und einfach genug, und warum wird's nicht so gemacht?« »Freund,« sagte ich, »wir haben kein Geld, unser Patriotismus und der Gastwirtestand verlangen, daß wir alljährlich dreitausend Millionen Mark vertrinken.« Der dicke Ostpreuße brummte etwas in den Bart, was ich nicht verstand.
»Nun, Herr Kollege,« sagte der rheinländische Doktor, der mit einem Blick voll Heimweh übers Meer hinüber sich nach seiner herrlichen Heimat zu sehnen schien, »wenn Sie durch die Befreiung unseres Volkes von seinem sinnlosen Trinken so viele Millionen flüssig bekommen, so tun Sie mir eine Liebe und helfen Sie mir, unseren schönen Rhein, dessen früher grüne Fluten von unseren Dichtern besungen wurden, von seinen entsetzlichen Verunreinigungen zu befreien.« Da fiel ihm der Thüringer ins Wort: »Ach, Doktor, und unsere Saale und unsere Unstrut, -- die reinen Kloaken! Es ist doch der reine Hohn, wenn unsere Studenten singen: An der Saale hellem Strande. Sind doch in ganz Sachsen und Thüringen fast alle Flüsse und Bäche bis ins Gebirge hinein verpestet und verjaucht.« »Bei uns ist's kaum besser,« klagte der Badenser. »Was wollen Sie denn mit allem Wasser aus den Flüssen und Bächen machen?« brummte der Baß des Ostpreußen. »Als ich noch Lehrer war, ließ ich mich auf einer Turnfahrt von meinen Jungens verleiten, einen Schluck aus einer Quelle zu nehmen. Den schönsten Typhus hätte ich mir beinahe geholt, so hatte ich mir den Magen dabei erkältet! In einem guten Restaurant ein gutes Glas Bier, wenn möglich einen Kognak vorher, oder ein gutes Glas Wein, noch besser eine Flasche, das sind die einzigen Getränke, an denen ein echter Deutscher seinen Durst löschen sollte.« Keiner der Anwesenden würdigte sein fades Geschwätz, mit dem gewohnheitsgemäßen Pathos des Bierphilisters vorgebracht, auch nur eines Wortes. Es war einen Augenblick so still, daß man durch das Klatschen der Wogen gegen die Kajütenfenster den gellenden Schrei der Sturmmöwen, meiner Sorgenvögel, hören konnte, die kreischend, durch das Licht der Kajüte angezogen, im Dunkel der Nacht an der Schiffswand entlangstrichen.
Weh dir, Deutschland, dachte ich, daß so viele solcher Subjekte in deinem Volke ihr ungewaschenes Maul auftun dürfen.
»Nun Doktor, worüber sinnen Sie,« fragte mich unser erster Maschinist über den Tisch herüber, »wollen Sie von Ihren Millionen etwas hergeben oder nicht?« »Und ob ich will! Hat mir unser Reichskanzler doch selbst zu wiederholten Malen versichert, daß er die Reinhaltung unserer deutschen Gewässer, für die ich seit Jahren mit meinen Freunden mit allen Kräften kämpfe, für eine der wichtigsten Kulturaufgaben des Reiches halte.« »Der Reichskanzler?« fragte mein rheinländischer Kollege mit einem leichten Anflug von Ironie, und fügte gleichzeitig hinzu: »Ich bin überzeugt, er hat Ihnen mit guter Absicht und redlichstem Willen sein Versprechen gegeben. Aber wird er's halten? Er ist ein so gutherziger Kerl, daß er allen alles verspricht, -- aber die Tat, -- die fehlt ihm. Er will's allen recht machen und kommt nicht dazu, es auch nur einem recht zu machen. Und diese Schwäche wird ihn eines Tages noch zu Fall bringen. Herr Gott, wenn wir doch endlich einmal wieder einen Mann der Tat unter uns hätten. Aber verzeihen Sie, Kollege, daß ich Sie unterbrach.«
Ich fuhr fort.
»Vor gut einem Menschenalter noch brachte die Elbe einen schier überreichen Segen an Fischen aller Art, und die Ortschaften an ihren Ufern waren bevölkert von Hunderten von fleißigen Fischern, die in ihrem gesunden Gewerbe behaglichen Wohlstand fanden. Längst ist das Wasser verpestet, die Ufer sind verschlammt und die Fische zum großen Teil verschwunden.
Gut ein halbes Menschenalter ist es erst her, daß die Cholera wie ein furchtbarer Würgengel Tausende und Abertausende von Bürgern des reichen Hamburgs ins Grab warf und grenzenloses Elend über die Einwohnerschaft brachte, weil die Regierung der Stadt in unglaublicher Verblendung es gelitten hatte, daß ihre Bewohnerschaft mit dem ungereinigten Wasser des verseuchten Flusses versorgt wurde. Sie hatten die Kosten für die Klärung gescheut. Und das Vielfache dieser Kosten wird alljährlich in Hamburgs Mauern vertrunken. Freilich, wer gewohnt ist, seinen Durst nur mit Wein und Bier zu löschen« -- hier bebte meine Stimme vor Zorn, so viel ich mir auch Mühe gab, mich zu beherrschen -- »und sich dabei das Denken immer mehr abgewöhnt, der braucht sich über die Umwandlung unserer deutschen Flüsse in Kloaken keine grauen Haare wachsen zu lassen.« Der Ostpreuße schwieg, weil er offenbar instinktiv scheute, einen neuen Sturm zu entfesseln. So tat er, als wenn er meine Worte nicht gehört hätte und kaute um so eifriger als der Vertreter des Materialismus und der Streberei an dem gebratenen Geflügel.
»Aber Doktor,« warf der Badenser ein, »bedenken Sie unsere herrlichen Weinberge im Rheinland und bei uns in Baden, was soll aus ihnen werden? Hat man mich doch im Elternhause, so streng mäßig wie es bei den ernsten Lebensanschauungen meines Vaters und meiner Mutter auch herging, gelehrt, den Wein als eine edle Gottesgabe zu betrachten.« »Laßt uns da,« erwiderte ich, »wo mehr Trauben wachsen, als wir verzehren können, unsere herrlichen übrigen Früchte anbauen. Ist's doch ein Jammer, daß wir alljährlich Hunderte von Millionen für Früchte ins Ausland schicken! Und dabei bekommt ein guter Teil unseres deutschen Volkes beinahe überhaupt kein Obst auf seinen kärglichen Tisch. Ich gehe aber noch viel weiter.«
In diesem Augenblick wollte der dicke Ostpreuße sein volles Rotweinglas an die Lippen setzen. Man sah's auf seinem Gesicht geschrieben, wie es ihm schmeckte, weil er's nicht zu bezahlen brauchte, denn es war von dem offiziellen Tischwein, der in offener Karaffe vor ihm stand. Plötzlich legte sich das Schiff nach Lee hinüber -- unser Ostpreuße, sein Glas mit Rotwein, die Kompottschüssel, die vor ihm stand, die Karaffe mit Wein, beschrieben gemeinsam eine große Bogenlinie nach der Schiffswand hin. Als sich der Dicke wieder erhob, scheltend und fluchend über die schlechte Gangart des Schiffes, über die Unberechenbarkeit der Meereswogen, über mangelhafte Führung des Kahnes, wie er sich ausdrückte, mußte er es sich gefallen lassen, daß irgend jemand aus der Gesellschaft ihn fragte, ob er es dem seligen König Jerome hätte nachmachen und in seinem Rotspon hätte baden wollen. Er sah aus, seine weiße Weste mit roten Kirsch- und Weinflecken übersät, das dicke Gesicht fast grün vor Ärger, wie ein halbverblühtes Rhododendronbeet.
Der Ostpreuße verschwand in seiner Kabine. Die andern hatten große Neigung, mich meinen Vortrag weiter halten zu lassen. Mich aber drängte es hinaus in die Nacht und den Sturm. Schwer rollten die Wogen, hochauf spritzte der Gischt am Bug des Schiffes -- kein Stern am Himmel.
Ich ging hinauf zur Kommandobrücke, weil es mir ein Labsal war, nach dem Zusammensein mit diesem faden Menschen, dessen Kaumuskel ich noch im Geiste immer arbeiten sah, einen Augenblick mit unserem braven Kapitän zu verplaudern. Seine ernste Ruhe tat mir wohl. Mit sicherer, ruhiger Stimme gab er dem Steuermann seine Befehle. Mir war's, als ob der Glaube an sein Ziel ihn durch das Dunkel der Nacht seinen Weg finden ließ, und doch, welcher Fleiß, welches Nachdenken, welche Gewissenhaftigkeit, welche Umsicht, zugleich aber welches Selbstvertrauen gehörte dazu, mit diesem schwankenden Werk von Menschenhand sich seinen Weg durch diese schier undurchdringliche schwarze Wand, die ständig vor uns stand, zu bahnen.
Der Glaube an uns selbst, das ist eine der Quellen der Kraft für unser Handeln, die wir uns bewahren müssen. Wer den Glauben an sich selbst verloren hat, der lasse alles andere beiseite stehen und sehe zu, daß er diesen Kompaß des Lebens wiederfinde.
Ich fühlte es, es war nicht nur der Sturm und die frische Nachtluft, das Atmen des Meeres, was mir neue Kraft einflößte, sondern es war immer wieder die Nähe dieses kraftvollen, ruhigen, festen Mannes, die auf mich wie ein beruhigender und stärkender Zauber wirkte. Wir wechselten nur wenige Worte: »Nach Boulogne werden wir gut kommen; was dann kommt, müssen wir abwarten. Boulogne erreichen wir morgen früh um zehn und nehmen neue Passagiere an Bord. Nach einer Stunde dampfen wir weiter in die Biscaya.« »Gute Nacht.« »Gute Ruh'!« Ein Händedruck, und durch den sprühenden Gischt kletterte ich treppauf, treppab, bis ich in meinem kleinen, hellerleuchteten Traumreich wieder anlangte.
Mir kam der Disput von der Mittagstafel wieder ins Gedächtnis. Wie war's denn eigentlich gekommen, daß der Streit um die alt geheiligten Trinksitten unseres Volkes solchen Raum in meinem geistigen Leben eingenommen hatte? Wie war's gekommen, daß ich in diesem Riesenkampf in vorderster Reihe mit stand? -- Wie es kam, ich weiß es selbst nicht. Das Bild meines guten lieben Mütterchens tauchte plötzlich vor mir auf, ich sah ihren tränenschweren Blick, sah sie mit ihrer sorgendurchfurchten Stirn sich zu uns, ihren Knaben, wenden, als ob sie in banger Sorge um uns und unsere Zukunft sei, in banger Sorge, was wohl das Leben mit seinen tausend Versuchungen aus uns machen würde.
Wie oft hatte sie uns Jungen gesagt: »Vor allem hütet euch vor einem, vor dem Trinken. Der Wein macht hitzig, und das Bier macht dumm. Und gebt acht, wo ihr Elend findet in der Welt, zum allergrößten Teil rührt es vom Trunk her! Bleibt nüchtern und gut, wie euer Vater es war.
Alles, was Gott in euch hineingelegt hat, das baut aus und verwertet es für euch und eure Mitmenschen.
In jedem, auch in dem Geringsten, achtet den Nächsten. Nur aus dieser Achtung kann die Liebe zum Nächsten erwachsen.
In jedem Mädchen achtet eure eigene Schwester, in jeder Frau eure Mutter; dann werdet ihr euch am leichtesten vor der Sünde hüten.
Euer Körper sei euch das heilige Gefäß eurer Seele. Seele und Körper untrennbar voneinander hat euch eine wunderbare Güte geschenkt. Haltet das Gefäß eurer Seele rein und heilig, damit eure Seele rein und heilig bleibe.«
Mit solcher Lehre zog ich hinaus in die Welt.
Und dann sah ich mich als Schüler auf dem Gymnasium der kleinen Stadt, die rote Primanermütze keck auf die Locken gedrückt im Kreise der Kommilitonen. Ich wollte sie herausreißen aus ihren Kneipgewohnheiten. Aber wie? Da lockte ich sie mit der Einladung zu einem Wurstessen in mein Bodenkämmerchen: Doch die Wurst wurde erst aufgetischt, nachdem wir »Die Räuber« mit verteilten Rollen gelesen hatten. Und siehe, es gefiel ihnen so sehr, daß wir die Wurst fast ganz vergessen hätten, wenn »Philipp der Eiserne«, unser Athlet der Prima, zum Schluß des letzten Aktes nicht daran erinnert hätte.