Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden
Part 2
An der Scheldemündung stoppte plötzlich der Dampfer. Wie ein Falke schoß durch die brandenden Wogen ein Boot auf uns zu und, nachdem es unseren Schiffsrumpf berührte, wieder zurück in die dunkle stürmische Nacht. Wir hatten den Scheldelotsen an Bord genommen.
Ehe er an sein Amt ging, setzte er sich zu uns an die Abendtafel. Und da der Kapitän auf der Kommandobrücke blieb, nahm er dessen Platz ein. Er war ein großer, starker Mann mit ruhigem, festem Gesicht und Blick. Unsere Mitreisenden waren alle mehr oder minder seekrank. Eine große Schüssel mit Spargel wurde aufgetragen. Unser Lotse, gewohnt mit Geistesgegenwart die Situation zu überschauen und mit Schnelligkeit zu handeln, ließ einen prüfenden Blick über die Tafelrunde gleiten, und da er sah, daß ich bereits genommen hatte, und die anderen krank waren, schnitt er mit ruhiger Hand dem gesamten Spargel die Köpfe ab und legte sie schmunzelnd auf seinen Teller. Das ist die Überlegenheit der starken, gesunden Menschen im praktischen Leben über die Schwachen.
Als ich die blassen Gesichter der anderen sah, meist Leute in jüngeren Jahren, denen man aber anmerkte, daß sie beim Becher oder in nächtlichen Kaffeestunden oder durch zu langes Sitzen in der Schule, im Bureau und Kontor, oder bei dunklen Dingen, die das Licht des Tages zu scheuen haben, ihre jungen Manneskräfte gelassen hatten, da befiel mich ein Grausen vor der Zukunft unseres deutschen Volkes.
Ich sah vor meinen geistigen Augen die Scharen ausgemergelter Industriearbeiter in unseren Großstädten vorüberziehen. Und wie Hohn kam es mir vor, wie auf all den Kongressen mit den schön klingenden Namen für die Bekämpfung der Tuberkulose gesorgt werden sollte. Und ich sah hinein in die Hunderttausende von Proletarierwohnungen im deutschen Vaterlande, klein, dumpf, dunkel, ohne Licht und Luft, vollgepfropft mit Menschen und Lampen und Petroleumkochherden, Einmietlinge mitten zwischen den Familien untergebracht, alle gleich stumpf, übermüdet, unlustig, verbittert. Und heißer Groll stieg in mir hoch, wenn ich daran dachte, wie all die klugen Professoren und Geheimräte und all die Minister und Landräte, und wie sie alle heißen, so schön ihres Amtes walten, und wie die Fürsorgevereine und Frauenvereine und alle diese Menschen sich Mühe geben, das grenzenlose Elend zu lindern, und wie sie Erholungsheime bauen und Waldkurorte und Sanatorien, und wie keiner den Mut hat, hervorzutreten und die Wahrheit zu sagen, daß das alles ja Humbug ist und eitel Schwindel und Selbstbetrug. Seht ihr denn nicht, wie die großen Städte aus ihren Gängevierteln und Höfen, aus ihren Mietskasernen und Mansardenstübchen immer neue Hunderttausende bleicher, ausgemergelter, müder, verbitterter Gestalten hervorquellen lassen, als ob eine Welt von Finsternis und Krankheit und Unglück sich entladen wollte?
Was nützt es euch denn, den krankgewordenen Familienvater ein paar Wochen aus seinem Elend herauszureißen und in ein Sanatorium zu stecken, um ihn nachher in sein häusliches Elend wieder zurückzusenden, das er nun doppelt empfindet? Wenn daheim sein Weib und seine Kinder in der dunklen Mietswohnung dahinsiechen?
Krank und müde und verbittert schleppt sich eine Generation nach der anderen an ihr Tagewerk, und warum? Weil einige Tausende in unserem Volke in dem Grund und Boden der Städte und in den Häusern ihr Geld in Hypotheken angelegt haben. Sie wollen ihre Zinsen einsäckeln, sie haben die Gewalt in Händen, dafür zu sorgen, daß es nicht anders wird, daß es so bleibt bis an der Welt Ende.
Und im Gewirbel der Wogen, die schaumsprühend an die Kajütenfenster klatschten, zogen sturmschnell andere Bilder an meiner Seele vorüber. Da saßen sie, dicht gedrängt wie Heringe, die Knaben mit blassen Gesichtern, die Mädchen schmalbrüstig, blaß, in einer Luft zum Ersticken, ein übler Geruch den ganzen Raum erfüllend, in der Schule.
Ich hörte die pedantisch harte Stimme des Lehrers, der mit dem in jahrelangem Dienste angewöhnten Berufspathos sein Pensum dozierte und seine Fragen stellte. Und die Jungen und Mädchen machten gelangweilte Gesichter und hatten nur den einen Gedanken: ach, wenn es doch nur erst Pause wäre und Frühling, und die Schule zu Ende und Ferien! Und alles, was der Lehrer sagte, ging zu dem einen Ohr herein und zu dem anderen wieder hinaus. Und als sie die Schule verließen, hatten sie vieles gelernt, was sie schnell wieder vergaßen, aber nur bitterwenig, was sie fürs Leben reicher, froher, glücklicher machte. Und vielen waren die Schwingen gebrochen, und sie waren schwach und krank und unlustig und unfähig zu eigener Denkarbeit von all dem Druck aus ihrer Schulzeit! --
Mächtig stampfte das Schiff. Die Wogen prasselten aufs Deck, als wollten sie alles, was nicht niet- und nagelfest war, mit sich reißen. Traumverloren saß ich da. Wieder schweiften meine Gedanken zurück zu all dem Elend, das ich in der Heimat gelassen. Ich sah die Scharen von Studenten auf der Universität mit verhauenen, biergedunsenen Gesichtern, und manche von ihnen mit einem Ausdruck, der an die Physiognomien ihrer großen Verbindungshunde erinnerte. Herrgott im Himmel, was hat denn diese jahrzehntelange Fütterung mit humanistischer Bildung genützt, wenn sie weiter nichts vermochte, als solch' stumpfe, anmaßende Gesellen zutage zu bringen? Freilich, es waren auch andere da. Einzelne feine Kerle mit blitzenden Augen und frischen, roten Gesichtern, biegsam wie Stahl, blondgelockt, aber es waren wenige Ausnahmen. Ich sah Kneipen in feudalem Kreise, buntbebänderte Jünglinge, trunken vom Saft des Gambrinus. Und mancher, der einer der Ersten sein sollte und der Besten, tanzte wie ein Wahnsinniger auf den Tischen, rasend in der Tollheit des Trunkes, ekelhaft und bemitleidenswert zugleich. Es war ein Jammer. Und aus der Rausch- und Katerstimmung der Zechgelage spann sich wie ein giftiges Kraut heraus das hochmütige und herztötende +odi profanum vulgus et arceo+ des Horaz.
Und diejenigen, denen die Nation ihre köstlichen geistigen Güter von Jugend auf überliefert hatte, um mit diesem Pfande zu wuchern und die Gedanken der Humanitas und Charitas ins Leben zu übersetzen, sie, die nach ihrem Wissen und mit ihrer Bildung in der Lage hätten sein sollen, zu übersehen, was unserem Volke nötig war, um die große Masse des Volkes nicht weiter in Elend und Verkommenheit versinken zu lassen, sondern es hochzureißen aus der Stumpfheit, alle seine geheimen Samenkörner zu pflegen, ihm zu helfen, alle seine schlummernden Keime zu entfalten, -- sie denken überhaupt nicht an dich, mein Volk -- odi profanum vulgus. Und wenn sie an dich denken oder über dich schreiben und reden, so fehlt ihnen nur zu oft zum Worte die Tat, und wenn sie etwas für dich tun, so tun sie es, weil sie es müssen, denn eins fehlt ihnen allen, bis auf einige Ausnahmen, die heiße, glühende Liebe zu dir, die Liebe, die sie sich selbst vergessen läßt. -- Aber auf ihren Gütern pflanzen und ernten sie das Korn, um es zu dem Gifte umzuwandeln, mit dem sie sich und dich vergiften. Freilich, deinen Branntwein trinken sie nicht, dazu sind sie zu wohlanständig, den brennen sie nur, -- aber die Weinhändler sorgen dafür, daß das sogenannte edle Rebenblut mit ihrem Spiritus verschnitten wird, und dieser ihnen so wieder zugute kommt. Und das nennen sie Nationalökonomie und sich selbst konservativ. Und ihre Gelder legen sie in Brauereiaktien an, denn das trägt zehn und vierzehn und mehr Prozente, und gaukeln dem Volke vor, daß es die deutsche Tugend der Germanen sei, zu trinken. Und so füllen sich ihre Taschen und gleichzeitig die Gefängnisse und die Irrenhäuser.
Und die Trinksitten der hohen Herren von den Korpskneipen und den Offizierskasinos, sie spreuen wie giftiger Unkrautsamen aus durch das Beispiel, das der Offiziersbursche daheim in seiner Heimat, in seinem Dorfe in Hinterpommern gibt, und der Lohnkellner der Korpskneipe in seinem Kreise, bis der Handwerksbursche in der Fuhrmannskneipe am Wege mit seinem Kumpanen Komment trinkt.
Und weiter sah ich, wie diesen Sitten Mord und Totschlag folgte. Hier ist der Handwerksbursche auf einsamer Landstraße, vom Branntwein berauscht, zum Wegelagerer geworden. Dort fällt der Sohn des greisen Gelehrten durch den Schuß seines Gegenübers, weil sie sich im Ballsaal im Champagnerrausche auf die Füße getreten oder um ein Mädel geschimpft haben.
Wirbelnd, stürmend jagten diese Bilder und Gedanken sich, und immer wieder endigten sie in dem Ausruf: »Herrgott, Kaiser, ist denn niemand da, der dir ob all des Elendes die Augen öffnet, der dir zeigt, wie dein Volk wohnt, wie die Kinder von stumpfen Lehrern in überfüllten Klassen stumpf gemacht werden fürs Leben, wie dein Volk sich dumpf und siech und müde trinkt und seine Keime und Knospen vergiftet durch den Trunk. Und wie es glücklich und froh und frei und stark sein könnte, wenn es die Wissenschaft als schöne Blume pflanzte und als heilige Frucht zöge, und wenn der Grund und Boden wieder in den Besitz der Allgemeinheit käme, der er gehört, so daß jedem sein Plätzchen an der Sonne sicher wäre! Oh, könnte man den Menschen das verfluchte Gift doch nehmen, das sie so aufgeblasen und hart und voll falschen Stolzes und Dünkels macht, und so siech und so schlecht, und Tausende so todunglücklich.
Und wenn dir, mein Kaiser, niemand einen alten Hut und Mantel borgen will, so nimm den meinen und tue endlich das, was schon vor dir mehr als ein König und Kaiser tat, und gehe ohne Kling Klang Gloria und ohne Töff-Töff hinaus in dein Volk, still und unerkannt, aber mit offenen Augen und Ohren, und sieh zu, wie es ihm geht, was es treibt, und was es leidet, was es sündigt, wie es sich quält, was es ersehnt, was es sich wünscht, was es glaubt, und was es hofft, was ihm fehlt und ihm mangelt. Dann bist du ein Kaiser, nein -- dann bist du ein Vater! Jetzt bist du nur ein glänzender Kaiser. O Gott, Kaiser, könntest du doch groß sein, was könntest du schaffen, was könntest du helfen, was könntest du aus unserem Vaterlande machen, was für ein Denkmal könntest du dir setzen! Wenn du auf all den Firlefanz verzichtetest, Schnurrbartbinden und Purpurmantel, Champagner und Paradefrühstück, -- Kaiser, mein Kaiser, wie könntest du glücklich sein!« -- --
* * * * *
Bitterkalt war die Nacht. Scharf trieb ein schneidender Oststurm dichte Schneemassen unserem Schiff entgegen, als wir die Schelde hinauffuhren. Weißgrau dehnten sich im Morgennebel rechts und links die Ufer hin. Dunkel hoben sich aus dem Grau die Türme Antwerpens ab. Lautes Pfeifen und Tuten kündeten an, daß wir im Hafen waren, Schiff bei Schiff, fast alles deutsche Schiffe. Ich sehe es, mein Volk, noch wohnt Riesenkraft in dir, noch Tatenlust und Unternehmungslust, -- Gott Lob und Dank.
Nach langem hin und her der Lotsen und Hafenpolizei erhielten auch wir endlich unser Plätzchen am Kai. Meterhoch lag der Schnee auf den Straßen. Grau und kalt hob sich die Silhouette des Steen von dem Häusergewirr der Stadt ab. Alles überragte die majestätische Pyramide des Domes. Starkknochige, schwere Pferde zogen am Hafen Karren voll Schnee. Zahlreiche Arbeiter, die sonst wohl keinen Verdienst fanden, schaufelten den Schnee aus den Straßen. Alle, ebenso wie die Frauen des Volks, derb, starkknochig wie ihre Pferde.
Wie wohltätig, trotz Schnee und Frost, wieder Land unter den Füßen zu haben, wenn es auch fremde Erde war. Je mehr ich dieses Antwerpen kennen lernte, um so mehr drängte sich in mir die Empfindung auf, daß hier eigentlich zwei Städte in eine vermengt waren: Hier eine Stadt der Gegenwart, die lebte nur im Handel und vom Handel. Es war, als ob der Trieb nach Provision, die Jagd nach Gewinn alles andere erstickt hätte, den Trieb zu großem, freiem Schaffen und Handeln. Die Anlagen am Hafen, sie machten den Eindruck, als wenn sie neu, aber unter dem Druck der dringendsten Erfordernisse entstanden wären. Wo waren die Schiffe, die Flotte der einst so stolz die Meere beherrschenden Holländer und Belgier? -- Und dann im Gegensatz zu dieser, fast möchte ich sagen nüchternen Gegenwartstadt diese warm empfindende sonnige Stadt der Vergangenheit, die, obwohl Jahrhunderte tot, doch so intensiv gelebt haben muß, daß man den Puls ihres Lebens noch jetzt zu spüren vermeint -- die Stadt Rubens' und van Dycks.
Einsam schlenderte ich durch die verschneiten Straßen, von Museum zu Museum, von Kirche zu Kirche.
Niemals in meinem Leben bin ich von einem Kunstwerk so ergriffen gewesen, wie von Rubens' Kreuzabnahme in der Kathedrale. Das ist tatsächlich ein vollendetes Meisterwerk. Will der Meister uns hier zu Gesichte führen, was die Liebe vermag, -- daß sie selbst den Tod überwindet? Fast scheint es so! Sieh nur, wie der Leichnam Christi, von der Liebe getragen, sanft und leise vom Kreuz herabgleitet, wie die Schulter der Maria dem gleitenden Fuß Halt bietet, wie alle Hände beschäftigt sind, mit größter Sorgfalt den Körper zu stützen, wie selbst der Mund mithelfen muß, das Leinentuch zu halten, wie alle Blicke und Gebärden sich in der einen Aufgabe vereinigen, ihn zu stützen, ihm durch dieses letzte Liebeswerk noch irgend etwas Gutes zu erweisen. Hier hat menschliche Kunst wahrhaft Unsterbliches geschaffen. Im Königlichen Museum erkannte ich, wie dieses wunderbare Werk zustande gekommen war. Saal bei Saal, gefüllt mit Hunderten von Zeichnungen, Entwürfen, Skizzen und Bildern, großen und kleinen, und immer wieder die Kreuzabnahme. Ein ganzes, langes Leben hat der Meister sich mit eiserner Selbsterziehung und Selbstkritik durchgearbeitet, bis er das Werk zustande brachte, nach dem seine Seele dürstete. Hier könnt ihr Modernen lernen, ihr, die ihr so viel Wesens macht von eurer Kunst, und die ihr mit so viel Leinwand die modernen Kunsthallen schmückt und bezeugt, daß euer Können auch noch nicht annähernd eurem Wollen entspricht, hier könnt ihr lernen, wie man ein Meister wird, und daß das Genie nur zur Reife gelangen kann durch eisernen Fleiß.
Ich sah in der Kathedrale das unsagbar fein gemalte Christushaupt von Leonardo da Vinci auf weißer Marmorplatte, -- kunstvoll geschnitzte Altäre und über dem allen ein Duft von Mystizismus, der sonderbar kontrastierte mit dem nüchternen Geschäftsleben draußen.
Sieh, lauschig, in schwere Eichenholzschnitzereien eingebettet ein Beichtstuhl, dessen traulicher Charakter beinahe etwas Verführerisches hat zugunsten des Katholizismus. Als ich dann aber im Steen die Mittel der Inquisition sah, die Marterwerkzeuge und die dunklen, engen Kerkerverließe, gerade wie in Nürnberg auf der Burg, da packte mich ein Schauder vor der Kirche, die solches vollbringen konnte.
Aber ist es heute denn anders? Ist es bei uns im evangelischen Lande anders? Verfolgt nicht auch heute noch bei uns die Kirche jedes Streben nach Wahrheit? Will sie nicht heute noch herrschen, hart, liebeleer, unerbittlich? Jesus Christus, daß du so falsch verstanden werden konntest und heute noch so falsch verstanden wirst!
Und wie ich in Sinnen und Schaudern versunken stand vor all den finsteren Kerkerlöchern mit ihren eisernen Ketten und Ringen, da war es mir, als quöllen aus den dunklen, modrigen Winkeln wie greulicher Schrecken die Geister der Vergangenheit heraus, unheimlich, schwarz, tödlich kalt, die Geister der Inquisition, der Unduldsamkeit, des Pharisäertums, der Härte und Lieblosigkeit, des Fanatismus, -- und wie sie quollen, -- Entsetzen --, da nahmen sie Gesichter an von heute noch lebenden Menschen, Erzbischöfen und Kultusministern, Vikaren und Superintendenten, von Katholischen und Lutherischen, die alle den rechten Glauben hatten -- nur eins fehlte ihnen: die Liebe!
Da, Gott sei Dank, ein heller Strahl der Wintersonne, und verschwunden der grausige Spuk. Und als ich hinaustrat in Eis und Schnee, da schien es mir frühlingswarm im Vergleich zu dem eisigen Grabeshauch, welcher der Fronfeste einstiger Unduldsamkeit entströmte.
Während ich so in der Stadt herumschlenderte, herrschte an Bord reges Treiben. Unaufhörlich hoben die Kräne aus den Eisenbahnzügen die an das Schiff herangeführten Ballen um Ballen in den Raum. Nürnberger Tand und Webereien waren da aus dem Rheinland, Stahl aus Westfalen; ganz Deutschland entlud hier die Produkte seiner Industrie.
Wie aber, wenn die Belgier in Antwerpen und die Holländer in Rotterdam darauf kämen, selbst Schiffe zu bauen und die Produkte deutschen Gewerbefleißes über die See zu führen? Dann würde ein großer Teil deutscher Arbeiter brach liegen, unser Sechzig-Millionenvolk um ein gut Teil seiner Schiffahrt verkürzt werden, und +navigare necesse est, vivere non necesse+. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Ei, so baut doch eure Kanäle, wie der Kaiser sie wollte, mit klarem Blicke und scharfem Verstande, vom Rhein zur Weser, von der Weser zur Elbe; warum laßt ihr nicht Emden und Bremen die Ausfuhrhäfen deutschen Fleißes sein?
Kaiser, mein Kaiser, hat dich das Junkertum, das dir schon andere Suggestionen um den klaren Verstand herumgesponnen hat, so weit schon untergekriegt, daß du deinen guten Willen zu großer Tat nicht mehr durchsetzen kannst? Das nämliche Junkertum, das dir das +odi profanum+, das deinem warmen Herzen so fern lag, als Jüngling in die Seele gehaucht hat, daß es sich wie Mehltau auf dein ernstes, großes, heiliges Wollen legte, damals, als du ein Kaiser werden wolltest dem ganzen Volke, ein Arbeiterkaiser. Besteht doch dein ganzes Volk aus Arbeitern, mit Ausnahme jener kleinen Schar giftiger Drohnen, die dir dein Leben zu verbittern und zu lähmen drohen! Sie, die dir beständig vorgaukeln, daß sie deine treuesten Freunde seien, die sich die Konservativen nennen, die Erhalter des Reiches, und die dir jedesmal lähmend in den Arm fallen, wenn du zu großem Wurf und Werk ausholen willst? Klar hattest du erkannt, daß große Wasserwege unser Binnenland mit unseren Häfen verbinden müssen, um die Landesprodukte billig und schnell ans Schiff bringen zu können. Werde stark und vollende dein Werk, fahre über das Meer und ziehe in die Fremde und sieh, wie notwendig das ist, was du als richtig erkannt hast. Und dann jage die selbstgefälligen Schmarotzer zum Teufel, die vor dir kriechen und dienern, so lange es ihnen Vorteil bringt, und die dir Gruben und Fallstricke bereiten, sobald es ihrem Geldbeutel frommt, und für die dein Volk nur Bagage ist, die ihnen Geld einzubringen hat, bis es zugrunde geht. --
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Reges Leben herrschte trotz des Feiertages am Hafen. Knirschend und schreiend flogen die großen Kräne von den Eisenbahnwagen, die an der Kaimauer entlang standen, hinüber zum Schiff und wieder herüber. Kommandorufe der Schiffsoffiziere, Fluchen und Lachen der belgischen Schauerleute, Klirren der Ketten und das Aufknirschen der Lasten im Schiffsraum, Pfeifen der Dampfsignale im Hafen ringsum, und zum Zeichen, daß Feiertag ist, von den Türmen der Stadt feierliches Glockengeläute.
Endlich ist die Ladung fertig, die Luken werden geschlossen. Alles drängt zur Abfahrt, der Lotse schilt und mahnt, daß wir mit der Tide fortkommen. Schon rasseln die Ankerketten in die Höhe, fauchend entweicht aus dem Bauche des Schiffes der Dampf.
Ein Dutzend und mehr der belgischen Schauerleute sind noch an Bord beschäftigt mit Stauen und Packen. Da löst sich unser Schiff vom Ufer und stromabwärts geht's, die Schelde hinunter, dem Meere zu. Neues Fluchen und Schelten der Männer, daß sie nun mit müssen, bis der Lotsenschoner kommt, den Lotsen von Bord zu holen. Frierend und hungrig stehen sie am Deck. Ein junger Mensch tritt höflich auf mich zu und teilt mir auf französisch mit, daß er den ganzen Tag eigentlich noch nichts genossen hätte, ob ich ihm ein Stück Brot verschaffen könne. Ich spreche mit dem behäbigen Obersteward. Doch der kennt keine Not. Er regiert in seiner Sphäre wie ein Fürst. Das +odi profanum+ steht auch ihm auf den Lippen geschrieben. Mit harten Worten fährt er die Bittenden an, so daß sie scheu zurückweichen, aber unter sich grollend und murrend. Merkwürdig, daß das Wohlleben und der Luxus die Menschen oft gerade so hart und herzlos macht, wie die Not und die bittere Armut.
Die kleine Stewardeß hat unseren kurzen Wortwechsel belauscht, sie weiß noch, wie der Hunger tut. Ehe sie aufs Schiff kam, hatte sie es erfahren. Viele, viele Pfunde Brot und Speisereste wandern tagtäglich ins Meer, ein Fraß für den Mövenschwarm, der von Hamburg her schreiend und kreischend unser Schiff begleitet. Und da sollte man diesen Männern nichts zu essen geben? Kaum ist der gestrenge Obersteward um die Ecke verschwunden, so wandert Teller um Teller mit Bröten durchs Küchenfenster in die Hände der hungrigen Gesellen.
Vorbei ziehen wieder die schnee- und eisbedeckten flachen Ufer der Schelde, schon holt der Lotsenschoner die Belgier vom Schiff, und hinaus geht es wieder in die wogende See, in Schneegestöber und Sturm.
Nach der Abfahrt von Hamburg hatte ich anfangs noch genug mit mir selbst zu tun gehabt, so daß ich wenig Muße fand, auf meine Mitreisenden zu achten. Jetzt schaute ich um mich. Mein Kapitän war ein trefflicher Mann, Sohn eines Predigers in der alten Hohenzollernburg. So rühmte er sich denn mit gutem Humor, er sei auch ein Hohenzoller, aber höher geboren als der Kaiser. Unser erster Offizier, ein breitschultriger Friese, der schon drei Schiffbrüche mitgemacht hatte. Der erste Maschinist, im Dienste ergraut, hatte vor wenigen Jahren seinen Dampfer allein mit einem kleinen Rest der Mannschaft, nachdem Kapitän, Offiziere und Mannschaften im Hafen von Santos dem gelben Fieber erlegen waren, sicher nach Hamburg zurückgeleitet. Die Mannschaft, vom Bootsmann bis zum Schiffsjungen, bestand zumeist aus Friesen, echt deutschen Gestalten, breitschultrig, blondbärtig, mit herzgewinnenden, offnen blauen Augen und gesunden, von Sonne und Sturm gebräunten Gesichtern. -- Als Kajütspassagiere hatten wir von Hamburg her, außer einem kindlichen jungen Hanseaten, nur zwei österreichische Juden mit, die sich bei der Vorstellung stolz als »Magyaren« bezeichnet hatten, weil sie, die in Wien geboren waren, in Pest wohnten. Verlebte, läppische Kerle, von denen der eine, nachdem er den Tag in seiner Koje mit Katzenjammer und Seekrankheit gekämpft hatte, immer erst in den Abendstunden erschien, um dann mit seinem älteren Bruder zusammen um die Wette Zigaretten zu rauchen, Bier zu trinken und Zoten zu erzählen. Mit letzteren hatten sie freilich kein Glück; denn keiner von uns Schiffsoffizieren zeigte Neigung, ihr fades, unsauberes Gewäsch anzuhören. Außer diesen führten wir von der Heimat noch zwei Zwischendeckspassagiere mit, einen vierschrötigen, rothaarigen dänischen Kapitän, der sein Segelschiff in Lissabon treffen wollte, nebst seinem neu angemusterten Schiffsjungen, den er, da dessen Vater gestorben war, unter seine Flügel genommen hatte, um ihn für das Seehandwerk auszubilden, einen blassen, schmalbrüstigen Jungen. Der arme Schelm tat mir von Herzen leid, da er vor Seekrankheit kaum auf den Beinen stehen konnte. Ich gab ihm von meinen Äpfeln und Nüssen und meinem Weißbrot, weil es das einzige war, was er bei sich behielt.
In Antwerpen erhielten wir eine ganze Anzahl frischer Kajütspassagiere. Der erste, der auf unser Schiff stieg, war ein junger sächsischer Offizier von höchst sympathischem Äußeren, männlich, vornehm in seinem Auftreten, mit freien, offnen, ehrlichen Augen. Nach ihm kam ein Thüringer auf Deck, ein feiner Mensch, gesund und kräftig; ich hielt ihn anfangs für einen Musikus. Später stellte sich heraus, daß er Eisenbahningenieur war, voll Sinn für Kunst. Von ernstem, fast finsterem Ausdruck war ein Balte, ein Mann in reifen Jahren, dem der Ernst des Lebens tiefe Furchen ins Antlitz gegraben hatte. Um seinen Mund zuckte es oft wie in schmerzlicher Verzweiflung. Mit schwerem, müdem Schritt war er die Schiffstreppe emporgestiegen.