Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden
Part 1
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Im Kampf um die Ideale
Ein Gegenwartsroman
Im Kampf um die Ideale
Die Geschichte eines Suchenden
Ein Gegenwartsroman von
Georg Bonne
Gekürzte Volksausgabe 17.-19. Tausend
München 1917 Verlag von Ernst Reinhardt
Roßberg'sche Buchdruckerei, Leipzig
»Diese Blätter enthalten Wellenringe meines Geistes. Hilf ihnen, daß sie frei werden.«
Mit diesen Worten vertraute mir mein Freund auf seinem Sterbebette ein Manuskript, das Werk seines Lebens, an. In der Arbeit für andere, in seinem Helferberufe, hatte er seine Kräfte erschöpft. Bei der Pflege des kranken Kindes einer armen Witwe hatte er den Keim des Todes eingeatmet. Sein Lebenslicht war erloschen. Aber der Samen seiner Liebestätigkeit spreute weit über die Lande.
Nun hatten wir ihn da droben in den Bergen zur Ruhe gebracht, hoch oben in den Schneeregionen, wie er gebeten, -- um der Sonne recht nahe zu sein. --
Und wie wir ihn betteten, war es mir, als hörte ich deutlich drei schrille Hammerschläge und spürte den Zauber, der von einer unendlichen Kette unsichtbarer Hände ausging, die den Erdball umspannten, wie eine wunderbare, schier übermenschliche Kraft. --
So flutet denn hinaus, ihr Wellenringe seines Geistes, um zu wirken, wie er es gewünscht!
Die Geschichte eines Suchenden.
Ich war müde geworden im Kampfe gegen das Unglück und die Torheiten der Menschen, gegen Krankheit und Tod, gegen Härte und Verzagtheit.
Von Jugend auf hatte ich Körper und Seele gestählt für diesen Kampf, hatte als zarter Knabe Abend für Abend Gott angefleht, mich zum starken Manne werden zu lassen, um meinem Vaterlande dienen zu können. Die Spartaner und alten Germanen hatte ich mir zum Vorbild genommen, Hitze und Kälte ertragen gelernt. Meine Muskeln waren hart und die Nerven zähe geworden. Dulden von Schmerzen und Entsagung hatte ich auf mich genommen, um mich für den Kampf des Geistes zu stählen. Sollte ich nun doch unterliegen?
Ich fühlte, wie tausend Gegner nach meinem Leben zielten mit Haß und Verleumdung, mit Hinterlist und Verhetzung, fühlte, wie Neid und Eifersucht, wie wilde Kaninchen und Maulwürfe einen gut gehaltenen Garten, mein Arbeitsfeld unterminierten. Und daß ich diese ganze Gesellschaft von Philistern, von Kriechern und Strebern, von Heuchlern und hoffärtigen Toren, die ich gewohnt war nur mit Mitleid zu betrachten, in meinem Lebensgarten an der Arbeit sah: daß ich diese ganze Gesellschaft als dräuende Gegnerschaft empfand, das machte schon, daß ich mich doppelt elend und müde fühlte.
Ritt oder fuhr ich durch unser herrliches Land, über mir den blauen Himmel, auf dem wie silberne Schwäne einzelne schneeweiße Wölkchen schwammen, so sah ich über der nahen Stadt den Dunst stehen wie eine große dunkle Mauer. Die erinnerte mich täglich, ja stündlich an die Riesengröße meiner Aufgaben. Denn hinter dieser großen dunklen Mauer da wohnten das Elend, der Tod, die Krankheiten, die Verkommenheit, die Härte und Kälte, die Leichtfertigkeit und Gleichgültigkeit.
Und aus diesem großen dunklen Dunstkreise heraus kamen zu mir, wie droben am Himmel die kleinen einzelnen Wölkchen, die bei Ostwind von der Stadt her über unserer grünen Gartenlandschaft dahinzogen, gleichsam, als wollten sie dem eklen Dunst entfliehen: Hungernde und Verzweifelte, Ratlose, Liebelose, Kranke und Sieche, wie die Großstadt sie aus dem Taumel der Arbeit und der sogenannten Genüsse gebiert. Und alle wollten Hilfe, -- der wollte Rat, jener Liebe, dieser Brot, jener Arbeit, einer sein Recht, ein anderer Aufklärung oder einen handfesten Rippenstoß in die Seele, daß er aufwachte. Und ich gab, was ich hatte, und was ich wußte.
Aber nun war ich müde geworden. Denn riesengroß, als ob sie mich erdrücken und ersticken wollte, sah ich tagtäglich die dunkle Wand am Horizonte stehen und wachsen, -- wie die riesengroße Verkörperung meiner Lebensaufgaben, die ich mir gestellt: mein Volk, mein geliebtes deutsches Volk, reich und frei, stark, gesund und glücklich machen zu helfen.
Wohl klang mir das Wort des Altmeisters Goethe durch die Seele: Mensch sein, heißt Kämpfer sein, wie ein steter Weckruf, nicht nachzulassen im Kampf. -- Aber je mehr ich kämpfte, desto mehr erkannte ich die Größe des Elends.
Manchmal war es mir geradezu, als schwanke der Boden unter meinen Füßen. -- Ich hatte ein Gefühl wie vor langen Jahren, wenn ich als Knabe über die Moore meiner Heimat schweifte: mir kam es vor, als ob der Lebensboden unserer Heimat hohl sei, -- leer an Liebe. Ja, das war's, die Liebe fehlte in der Welt! Und weil die Liebe fehlte, zersetzte sich unser Lebensboden, und tausend Giftpflanzen schossen auf, -- die Sünden unserer Zeit: Selbstsucht und Habgier, Neid und Eifersucht, Unzucht und schrankenlose Genußsucht. Herrgott --, schenke uns doch die Liebe wieder, wie du in jedem Frühling die Sonne der Erde wiederschenkst, damit sie wieder erwärmt wird, grünt, blüht und Früchte trägt.
Und so liebeleer schien mir die Welt trotz alles Glückes daheim, daß ich schließlich nur noch das Elend sah und die Not, nur noch die Sünde und die Lieblosigkeit, -- hoffnungslos.
Mir aber war's, als ob alle Kraft von mir gewichen sei.
Da ging ich in die Heide, um, -- wie einst der Riese Antäus im Kampfe mit Herkules durch die Berührung mit seiner Mutter Gäa, der Erde, neue Kraft gewann, -- im engen Zusammenleben mit Mutter Natur neue Kräfte zu sammeln zu neuem Kampf und neuem Leben.
Ich zog über den Elbstrom in die schwarzen Berge des Hannoverlandes, die den Nordrand der Lüneburger Heide bilden. An den Buchen hing noch zum Teil goldgelbes Laub, durch das das satte Grün der Tannen tröstend und wärmend leuchtete. Noch stand die Heide im Braunrot ihres Herbstgewandes; Erde und Moos strömten ihren kräftigen Dunst aus. Würzig frisch strich die Luft durch Heide und Wald, -- eine Zeit, so recht zum Genesen und zum Kräftesammeln. Tag um Tag, Woche um Woche schlenderte ich durch das Land. Mein Weggenosse war der Herbstwind, der kühler und kühler wurde. Ich hielt Zwiesprache mit den Eichhörnchen und den Rehen im Walde und den Hasen auf der Heide. Warf ich im Tannendickicht meine Kleider ab, um in der frischen Herbstluft die Glieder zu recken und mir von Wind und Sonne den Körper stählen zu lassen, so kam das Wild und lugte neugierig nach dem Fremdling.
Freilich, die Kräfte und der Schlaf kamen wieder bei dem Leben, das ich da führte, aber die Seele wurde doch nicht frei. Und das kam so. Wenn die Sonne im Westen, dort, wo die Elbe sich ins Meer ergießt, versank, und ihr letzter matter Strahl verglommen war, dann saß ich oben am waldigen Bergesabhang, wo ich als Knabe schon gesessen und mich satt getrunken hatte an der Abendsonnenglut, und schaute über die Elbe, dorthin, wo in grünen Hügeln mein Heim versteckt lag, wo meine Lieben hausten, mein Weib, die treue Gefährtin meines Lebens, meine Buben und Mädel. Ich sah sie im Geiste ihre Schiffe bauen und ihre Spiele spielen mit selbstgeschnitztem Pfeil und Bogen, sah sie ihre Gärtchen bestellen und die Tauben füttern, ich sah, -- nein, ich durfte nicht sehen, sonst erfaßte mich die große schlimme Krankheit, welche die Menschen befällt, wenn sie eine Heimat haben, -- das Heimweh. Aber ich war ja kein Knabe mehr, das Heimweh meisterte ich schon.
Doch es war ein Schlimmeres da, was ich sah, was meine Seele selbst aus der Ferne nicht ruhen ließ, sondern wie ein ätzendes Gift in ihr fraß und bohrte. Wenn über die Heide und den Wald, über die weiten Marschwiesen und den Strom das Dunkel sich gesenkt hatte, dann strahlte drüben im Westen, von Blankenese an bis zum Osten, da, wo Harburg an den Elbstrom stößt, ein Riesenkranz von Lichtern auf, wie eine ungeheure Perlenkette als Schmuck für die Königin Nacht. Wo tagsüber die Dunstwolke über der großen Stadt gestanden hatte, flammte jetzt eine heiße, qualmende Glut auf: der Widerschein von Tausenden von Lampen und Lichtern. Gleichzeitig drang deutlich vernehmbar ein Summen und Brausen an mein Ohr, wie das Rauschen eines fernen Meeres. Mir klang es wie das Ächzen und Stöhnen eines großen Elends. Wohl hörte ich das Rasseln und Stampfen der schweren Wagen und Maschinen, das Pfeifen der Lokomotiven und das Tuten der Nebelhörner der Schiffe, -- das waren nur Zeichen des tätigen Lebens, -- die störten mich nicht, die liebte ich. Waren sie mir doch vertraut von Jugend auf. Aber aus all dem Lärm heraus hörte ich immer wieder, leise, doch ganz deutlich, das Ächzen und Stöhnen der Tausende und Abertausende von Unglücklichen, von Hungernden und Verzweifelnden, von Verführten und Verkommenen, von Obdachlosen und Arbeitslosen, von Kranken und Siechen, die krank und siech geworden waren durch eigene Schuld, durch den Trunk, zu dem andere sie verführt, und zu dem sie wiederum andere verführt hatten, krank und siech durch liederliche Dirnen, die, selbst ein Opfer des großen Molochs, mit ihren Opfern elend zugrunde gingen.
Und durch das trunkene Jauchzen und wilde Schreien hörte ich das Wimmern elender Kinder und das Schluchzen hungernder, gemißhandelter Frauen, das Stöhnen der Reue und der Verzweiflung und das Röcheln reuevoll und ruhelos Sterbender. Und nicht helfen zu können mit allem guten Willen, das machte mich schier rasend! Und in ohnmächtigem Schmerz sah ich die Glutwolke über der Vaterstadt und hörte den Puls seines Lebens und das Stöhnen und Röcheln seiner Elenden und Sterbenden. Und von der Vaterstadt flog mein Geist weiter durchs deutsche Land und überall sah er das nämliche Elend. So nagte der Gram weiter, und die müde Seele kam nicht zur Ruhe.
* * * * *
Eisiger wurde der Wind; kahl stand der Buchenwald; graubraun lag die Heide. Regenschauer wechselten mit Nebeltagen, heulender Weststurm mit Schneetreiben aus Osten. Da wurde mir allmählich klar, was mir fehlte. Ich hatte den Glauben an die Menschheit verloren. Ich hatte verlernt zu hoffen, daß sie je aus dem Elend herauskommen könnte; hatte den Glauben verlernt, daß je das Gute das Böse werde besiegen können. Aber ohne diesen Glauben, ohne dieses Hoffen gleichen wir hungernden Reptilien, die in dunkler Erde eklem Gewürm nachkriechen, um zu leben!
Tief im Herzen wohnte mir die Sehnsucht nach der Sonne, nach Wärme und Licht, -- ich war ja Licht und Wärme und Sonne gewohnt, -- das rettete mich -- aber nur zu oft kam immer wieder ein dunkler Drang über mich, es ebenso zu machen, wie die Tiere des Waldes, wenn sie den Tod nahen fühlen! Ich wußte oben im Tannendickicht ein lauschiges Plätzchen, wo kaum je der Fuß eines Wanderers hinkam. Wenn ich mich dort hinlegte und mit Laub ganz zudeckte und einschlief, einschlief für immer, -- dann war ich alle meine Qualen los.
Eines Tages tat ich es, schlief ein dort oben. Da träumte mir, ein überirdisch schönes Weib, nur mit dem Schmuck ihrer langen blonden Haare angetan, trat zu mir und weckte mich mit Küssen, die neues Leben durch meine Adern rieseln ließen. Und als sie mir entwich durch den Tann, eilte ich ihr nach und holte sie ein. »Wer bist du?«, fragte ich. »Ich bin die Hoffnung,« sprach sie, »verzage nicht, ich will dir Wege, immer neue Wege zeigen, wenn du am Ende deines Tuns und Könnens glaubst angelangt zu sein.« -- Da wachte ich auf.
An einem der nächsten Abende, -- ich war wiederum völlig verzagt, -- wanderte ich weit, weit durch die Heide, durch braune, schweigende Dünentäler, die kaum betreten schienen. In ehrfurchtgebietender Ruhe lagen sie da, wie eine in sich abgeschlossene Welt, wie der verlassene Riesentempel eines unbekannten Gottes.
Da war es mir, als hörte ich neben mir Schritte. Wie ich zur Seite schaue, schreitet neben mir ernst und still ein Weib. So heilig ernst und doch fröhlich heiter. Wunderlich wurde mir zu Sinn. Mir war's, als käme die Stimme von ihr, und kam doch nur aus meinem Herzen: »Ich bin die Pflicht. Hast du das Elend deines Volkes erkannt, so darfst du auch nicht verzagen, mußt arbeiten und schaffen und helfen, solange noch ein Atemzug in dir ist.« -- Und wie sie sprach, ging im Westen die Sonne unter.
Am frostklaren Himmel stand eine große, zerrissene Wolke. Die sah aus wie ein gigantischer Cherubim mit zwei Flügeln, die von Osten nach Westen reichten. Dunkler wurde die Heide. Ihr Braun wich blauschwarzem Violett. Plötzlich strahlten die Flügel des Wolkenengels in leuchtendem Purpurgold, und es schien mir, als ob sein ausgestreckter linker Arm nach Westen reiche und seine Rechte mich faßte, als ob sie mir den Weg weisen wollte. Dann versank Himmel und Heide in tiefes nächtliches Schwarz.
Da tauchte in mir wie ein heller Hoffnungsschimmer der Gedanke auf: Geh' übers Meer, weit, weit fort, daß tausend Meilen zwischen dir und dem Elend sind, damit du lernst, es aus der Ferne schauen. Dann wird es dir kleiner scheinen, als jetzt, wo du es täglich vor Augen hast. Du wirst zur Ruhe kommen und genesen. Und mit frischer Hoffnung und neuem Mut, mit neuer Kraft wirst du ans Werk, an deine Arbeit, deine Pflicht gehen!
So schüttelte ich den Staub von den Füßen und stieg zu Schiff, um hinaus zu fahren über das Meer, um mir neue Kräfte und klaren Blick zum Helfen und Schaffen und Kämpfen zu suchen.
Der Hafen von Hamburg war in Eis verwandelt. Krachend und stöhnend arbeiteten sich die Schlepper durch die weißen Schollen der Elbe hindurch. Mühsam drangen die Jollen hinterher. Ein grauer Nebel lag über den Fluten der Elbe. Schrille Signale der Dampfsirenen durchschnitten die kalte Luft. Von den Türmen der Stadt klang zitternd der Ton der Glocken, die den ersten Weihnachtsfeiertag einläuteten. Kalt und grau lagen Hafen und Stadt. Vereist und verschneit die Straßen am Hafen. Vereist und verschneit das Schiff.
Fröstelnd bis in das Innerste meiner Seele betrat ich seinen Boden. Doch was war das! Waren die Menschen, die mich begrüßten, eine andere Rasse? Aus dem rauhen Ton ihrer Stimme klang etwas unendlich Warmes und Weiches heraus, etwas Herzliches, als ob es aus einer anderen Zeit stamme, etwas, was der Seele so wohl tat, wie dem Leibe bei kaltem Wetter ein heißes Getränk. Ein kurzes, männliches, herzliches »Willkommen«, ein derber Händedruck, »auf gute Kameradschaft für die Reise«, und eingereiht war ich als Schiffsarzt in die Besatzung. Ich trat in meine Kabine, und seltsam, -- als ich dies kleine Raumgeviert betreten hatte, das wohldurchwärmt und behaglich erleuchtet war, so groß, daß ich mit ausgestreckten Armen nach allen vier Richtungen fast die Wände berühren konnte, da wurde mir so seltsam wohlig zumute, es kam solche innere Ruhe über mich, wie ich sie seit Jahren nicht gekannt. Ich hätte aufschluchzen können vor Glück und Frieden: hier in den vier sauberen engen Wänden wird dir unendlich wohl sein. Ich hatte die Empfindung, als ob ich in meinem eigenen Herzen zu Besuch war.
Ich saß und saß und träumte und fühlte mich selig wie ein Kind. Ab und zu hörte ich wie aus weiter Ferne und doch ganz in meiner Nähe, daß geklopft und gerasselt wurde. Doch es störte mich nicht in meinem Glücke. So saß ich Stunden. Dann schritt ich hinaus auf Deck.
Knirschend schob sich unser Schiff durch das Eis des Hafens. Leer gähnte in dem die Stadt verhüllenden Nebel die Lücke, wo einst mit grünleuchtendem Haupte der hohe Turm der großen Michaeliskirche den seewärts fahrenden Schiffern sein letztes Lebewohl zugewinkt hatte. Mir war der mächtige Turm von Jugend auf wie ein steter Mahner zur christlichen Liebe erschienen. Und nun hatten Gedankenlosigkeit und Fahrlässigkeit, die so oft das Beste im Leben vernichten, ihn zu Schutt und Asche werden lassen. Da faßte mich aufs neue namenlose Bitterkeit. Dieses Kunstwerk, eines der schönsten, das Menschen je geschaffen zu Ehren des Höchsten, des Gottes der Liebe, durch Nachlässigkeit und Gedankenlosigkeit zerstört! Aber, machten sie es nicht mit der ganzen christlichen Kirche so, mit der ganzen Lehre Christi? Ließen sie die nicht ebenso verbrennen, wie die Handwerker bei ihrer Arbeit den herrlichen Turm, beim Streit um das Dogma, beim Tanz um das goldene Kalb, in ihrer öden Genußsucht? Wohl übten sie Wohltätigkeit, veranstalteten Basare und Konzerte, Sammlungen und Tees, -- aber Liebe, -- Liebe hatten sie nicht, oder doch nur die allerwenigsten unter ihnen, keine Liebe und kein Nachdenken! Denn sonst hätten sie all das Elend nicht entstehen lassen können bei all ihrem Reichtum, geschweige denn dulden, daß es so fortwucherte, namenlos, riesengroß. Oh, sie taten so viel mit Ferienkolonien und Lungenheilstätten, mit Asylen und Kinderkrippen, mit Krankenhäusern und Arbeiterkolonien, in denen sie den Armen die Brosamen reichten, die von ihren reichen Tischen fielen, hielten fromme Reden und warnten das Volk vor Begehrlichkeit. Aber ihre Hypothekenzinsen und ihre Einnahmen aus dem Bodenwucher wollten sie nicht einbüßen; und deshalb bauten sie immer neue Massenquartiere als Brutstätten des Elends um die alten herum. Oh, ich kannte wohl den Dunst, der aus ihnen emporstieg, und was er sagen wollte. -- --
Eindringlich und gigantisch hob sich das Riesenstandbild unseres großen Bismarck in den Nebel hinaus, warnend, mahnend, zur Tat aufrufend, wie ein Herold aus alter, großer Zeit. --
Immer rascher wurde die Fahrt, immer freier das Fahrwasser. Hinter uns lag die Stadt in Rauch und Nebel. Wir glitten vorbei an den verschneiten Gärten der Hamburger Patrizier, vorbei an den weiten, jetzt durch verschneite Deiche geschützten Marschen Schleswig-Holsteins und Hannovers.
Längst war das Eis aus dem Strome verschwunden, nur an dem Ufer schob es sich schneeig und glitzernd zusammen. In voller Fahrt eilte unser Schiff dem Meere zu, und in der Brust erwachte und wuchs ein neues seliges Gefühl -- Freiheit! Und dieses Gefühl wuchs und dehnte sich aus, als wollte es das ganze Wesen, die ganze Seele erfüllen, als wollte es alle Hüllen sprengen, die den inneren Menschen gefesselt hielten. Es war, als ob in jenem leichten Dunstnebel, der nur von fern anzeigte, wo Rauch und Qualm der großen Stadt verschwunden waren, alles Kleinliche, alle Sorgen, alle Qualen hängengeblieben wären. Frei und groß lag vor uns das Meer, frei und groß wurde die Seele, und es war, als ob die Seele mit dem Meere verwandt wäre.
Der Tag ging zu Ende. Schatten um Schatten senkte sich hernieder auf die Wogen. Der Mann am Steuer verfolgte seinen Kurs unverwandt, das Auge auf den kleinen, erleuchteten Kompaß gerichtet. Um uns herum tiefe, schwarze Nacht und eine eigenartig kraftvolle Symphonie, deren Melodie gebildet ward von dem Stampfen der Maschine, und deren Begleitung das tosende Grollen des Meeres bildete.
Da plötzlich, wie aus unendlicher Ferne, durch alles Dunkel ein heller Lichtschimmer in der Gegend, aus der wir kamen. Wie ein magischer Strahl durchzitterte er hell auf Sekundendauer die finstere Nacht, und wieder und wieder in regelmäßigen Zwischenräumen, so regelmäßig wie der Schlag unseres Herzens: Das Leuchtfeuer von Helgoland. Wie ein letzter Gruß aus der Heimat winkte er herüber, als wollte er sagen: nun, wo du die Heimat hinter dir gelassen, laß dort alles Trübe und Schwere, alles, was dich bedrückt und kränkt, und nimm nur mit hinaus aufs Meer das Lichte, Helle, was dich erfreut, und was du liebst, -- so grüß' ich dich, leb' wohl, fahr' wohl! --
Und weiter ging es in die schwarze, stürmende, tosende Nacht. Bald tauchte rechts, bald links ein Lichtschein auf, als wollte er uns warnen vor dräuender Gefahr. So geht es dem Wanderer auf dem Lebenswege. Er schreitet dahin mit verbundenen Augen, keiner von uns weiß, was die Zukunft bringt. Es ist, als ob unser Leben in Dunkel gehüllt wäre. Unsere Pflicht, unser Lebenskompaß, weist uns den Weg durch die Nacht. Weh' dem, der seines Lebenskompasses vergißt und auf die Klippen und Riffe zusteuert, vor denen blinkende Lichter ihn warnen.
Eisig warf der Sturm schneeige Böen über das Schiff. Krachend und donnernd schlugen die Wogen an seinen Bug. Ruhig und stolz kämpfte es sich hindurch, dem Morgen entgegen.
Da suchte ich für kurze Stunden mein Lager auf. Mein kleines Zimmerchen, fast kam es mir vor wie ein traulicher Sarg, in dem ich lag. Mir war's, als ob alles Leibliche und Weltliche von mir abgeweht sei, und ein unendlicher Friede und eine unendliche Ruhe kam über mich. Das Wogen des Meeres wurde mir schließlich so vertraut, daß es mir war, als würde ich in meine früheste Kindheit zurückversetzt und im Arme der Mutter gewiegt.
Und so losgelöst von Zeit und Raum schlief ich erquickt bis in den hellen Tag.
Mächtig umbrausten die Wogen der Nordsee das stampfende Schiff. Mit rauher Hand umstrich mich der Sturm. Mir war es stärkende Wohltat. Und jauchzend löste sich die Seele vom erdrückenden Gram:
Du urgewaltiges Wunder, du Nordsee! Die du die weiten Strecken fruchtbarer Länder In wildflutendem Wogenschwalle Für ewige Zeiten grausig begrubst; Und Kirchen und Dörfer Und abertausend freie Friesen, -- Sie schlummern ewig in deinem Schoß! Und jetzt noch nagst du mit tückischem Zahn Der rollenden Brandung am ragenden Riff. Vom Sturme gepeitscht brechen die Wogen Der alten Riesen Grabgesteine, Der nord'schen Gletscher ew'gen Granit, Heraus aus den Dünen: Und donnernd poltert die steile Küste Hinab ins Meer! Und ewig nagst du! Wie lang wird's dauern, Und nichts zu nagen beut sich dir, Meer! Zerstörerin du! -- Doch Wunder, o Wunder, Du Schöpferin du! Das, was du dir rissest vom ragenden Riffe Mit rastloser Hand, -- Das spülest du an mit lieblicher Woge Als blühende Fluren Am anderen Strand, Und schaffst dort grünende Felder und Weiden, Mit Blumen und Gras für die Herden bedeckt! Und der nämliche Mensch, der dir fluchend grollte, Dankt dir von Herzen Für dein Geschenk! Und wie du Länder nagend zerstörst Und Länder schufst mit der nämlichen Wog', So hast du der Menschen Tausend vernichtet, -- -- Nun mußt du Tausende retten dafür, Und Heilung spenden Dem, der im Wogenpralle des Lebens Die Kräfte verlor! Wer zu zagen beginnt, Und matt sich fühlt zum Kampfe um's Sein: Der eile zu dir! Mit brausender Woge Und tosendem Sturm, Mit linde wärmendem Sonnenschein, Mit kühlender Flut Und Heideduft, Mit Möwenflug und Dünenruh', Mit des Leuchtturms tröstend schimmerndem Licht Ins Herz pflanz'st du ihm Kraft und Ruh, Und selig gestärkt und himmlisch erquickt Ruft er aus überquellender Seele dir zu: Hab dank, du Nordsee, Du urgewaltiges Wunder! -- --
Brausend ließ ich den Sturm seinen Riesenarm um meine Glieder schlingen. Mir war's, als ob die Urkraft selbst mich küßte. Alles dehnte und reckte sich in mir.
Ich stand vorn im Schiff. Donnernd schlugen die Wellen über den Bug, zerstäubten in silbern glänzendem Gischt und überschütteten mich mit wundervoller Kraft.
Oben im Mastkorb saß der Schiffsjunge, putzte seine Laterne und sang dabei:
Scheltet mir nicht mein Heimatland! Ist es auch neblig und kalt, Scheint doch bei uns auch die Sonn' gar oft, Rauscht doch gar lieblich der Wald!
Scheltet mir nicht mein Heimatland! Sind doch die Menschen gar treu! Sittsam die Mädchen mit blauem Aug', Ach, und die Männer so frei!
Höret mich, alle im schönen Süd'! Scheltet mir nicht mein Heimatland, Lieben würdet ihr's heiß, wie ich, Wär's euch nur besser bekannt!
Mir klang es wie ein Widerhall des eigenen Empfindens, o Heimat, -- du Wiege unseres Seins, du Urquell all unserer Kraft, unseres Schaffens!
Und wieder neigte sich der Tag. Mit dem Wachsen der Finsternis nahm der Sturm zu. Zur Linken begannen Hollands Leuchtfeuer aufzublinken.