Im Herzen von Asien. Zweiter Band.
Part 25
Als der lästige Gast uns endlich verlassen hatte, um nach seinem Zeltdorfe zurückzukehren, begegnete er drei Reitern, die sich wohl eine halbe Stunde mit ihm unterhielten. Sie fragten ihn sicher darüber aus, was für Beobachtungen er habe machen können und was für Fragen wir an ihn gerichtet hätten. Sie machten sich daher nicht mehr die Mühe, uns ebenfalls zu besuchen, sondern kehrten wieder um, nachdem sie unsere Maulesel und Pferde nach einem anderen Weideplatze getrieben hatten. Frühmorgens konnten wir unsere Tiere nicht finden, aber vormittags kamen sie wieder ins Lager, wahrscheinlich von irgendeinem entfernteren Platze, wohin man sie für die Nacht gebracht hatte. Vermutlich sollte uns dadurch, daß man die Tiere nachts von uns entfernt hielt, jegliche Möglichkeit zum Entfliehen genommen werden.
Unter den heutigen Gästen war ein langhaariger Greis, dem die anderen mit einer gewissen Achtung begegneten. Er redete viel und gern und wurde mit der größten Aufmerksamkeit angehört. Der Lama fing einiges von seinen zur Hälfte geflüsterten Reden auf.
„Diese drei Männer“, sagte er, „sind nicht von der allerbesten Sorte; nach Lhasa dürfen sie natürlich nicht. Kamba Bombo kommt in zwei, drei Tagen, und dann wird man ja sehen. Inzwischen müssen wir dafür sorgen, daß es ihnen an nichts fehlt; alles, was sie brauchen, soll ihnen geschenkt werden, und keiner darf Bezahlung annehmen. Wenn sie zu entfliehen suchen, sei es bei Tag oder bei Nacht, sollen die Wächter es mir sofort melden. Amgon Lama hat die heiligen Bücher befragt und gefunden, daß diese Männer zweideutige Persönlichkeiten sind, die nicht nach Lhasa dürfen. Der Jäger Ondschi hat sie vor langer Zeit im Gebirge in der Gegend von Merik-dschandsem gesehen und gesagt, die Karawane sei bedenklich groß. Nachricht hiervon wurde sogleich nach Lhasa geschickt.“
„Glaubte Amgon Lama, daß der da ein Burjate ist?“ fragte einer, auf mich zeigend.
„Er sagte, daß er dies nicht feststellen könne“, antwortete der Alte.
Jede Auskunft von seinen Lippen beantworteten die anderen mit „Lakso, lakso“, welches Wort Ehrfurcht, Gehorsam und Folgsamkeit ausdrückt. Unser armer Lama Schereb gebraucht es unausgesetzt, wenn er mit den Tibetern redet, vor denen er fast zittert und mit denen er in einem weinerlichen, unterwürfigen Tone spricht. Er sieht unser Schicksal in den allerschwärzesten Farben und befürchtet das Schlimmste.
Auch heute streiften Reiter in der Gegend umher. Bald kamen sie an, bald ritten sie fort. Die größte Schar zählte 10 Mann. Es hatte entschieden eine vollständige Mobilmachung stattgefunden. Einer unserer Gäste gestand aufrichtig ein, daß sie gegen unser großes Lager im Gebirge gerichtet sei. Ein anderer sagte, es seien nur Patrouillen und Kundschafter, die das Land zu bewachen und aufzupassen hätten, daß sich keine Feinde einschlichen. Um uns selbst war ich nicht im geringsten in Sorge, wohl aber des Hauptquartieres wegen. Wären wir nicht die Gefangenen der Tibeter gewesen, so hätte ich dorthin zurückkehren mögen, um eventuell zu seiner Verteidigung beizutragen.
8. August. Die ganze Nacht regnete es in Strömen. Ich erwachte halb erstickt von dem gräßlichen Rauche, der das Zelt füllte, durch dessen Tuch die Regentropfen wie feiner Sprühregen drangen. Der Morgen war naßkalt und die Luft wie in einem Keller. Und dabei sollte noch Brot gebacken werden! Fort mit dem Zelttuch und frische Luft hereingelassen, wenn es auch noch so sehr regnet! Recht bequem ist es, daß man sich bloß aufzurichten braucht, um gleich fertig zu sein; ein weiteres Toilettemachen kommt überhaupt nicht in Frage. Eine dicke Rußschicht hat sich auf dem Fette, mit dem mein Gesicht zuletzt eingerieben worden ist, abgelagert.
Die Visiten wurden in gewohnter Weise fortgesetzt und stellten unsere Geduld auf die Probe. Zuerst erschienen fünf Leute mit einem Schafe und fragten, ob wir sonst noch etwas wünschten. Wir bestellten Fett, Butter, süße und sauere Milch und erhielten sofort alles in viel größeren Mengen, als wir bewältigen konnten, selbst wenn wir uns von den Hunden helfen ließen. Sie fragten uns, ob unser großes Lager auch nahe genug bei einem Nomadenlager liege, so daß die Unseren alles, was sie an Proviant brauchten, erhalten könnten. Dies klang wenigstens beruhigend, und ich begann wieder daran zu zweifeln, daß die Mobilmachung unserem Hauptquartier gelte. Ferner war die Nachricht gekommen, daß Kamba Bombo von Nakktschu und Nanso Lama unterwegs seien und morgen hier eintreffen würden.
Darauf begann das Kreuzverhör von neuem, aber jetzt erklärte ich rund heraus, daß sie sich gefälligst gedulden möchten, bis Kamba Bombo angelangt sei; er solle alles erfahren, was er zu wissen brauche, sie jedoch gehe es gar nichts an, wer wir seien. Wenn sie nicht aufhörten, uns tagtäglich mit denselben dummen, zudringlichen Fragen zu überhäufen, würden wir sie künftig nicht mehr ins Zelt hineinlassen. Da verbeugten sie sich ganz verdutzt, murmelten ihr höfliches „Lakso“ und schwiegen. Der Lama erklärte, daß sie fürchterlichen Respekt vor mir hätten. Ich kam mir ungefähr vor wie Karl XII. in der Türkei. Wir waren in ein fremdes Land eingedrungen, ein lächerlich kleiner Haufe gegen eine erdrückende Übermacht. Die Tibeter verhinderten uns, dorthin zu gehen, wohin wir wollten, zugleich aber war es ihnen darum zu tun, uns möglichst schnell wieder loszuwerden. Wir waren gleichzeitig ihre Gäste und ihre Gefangenen, und sichtlich war höheren Ortes Befehl erteilt worden, daß wir mit größter Rücksicht behandelt werden sollten und uns kein Leid zugefügt werden dürfe. Nur der Lama war düster und schwermütig. Er erinnerte sich ganz genau Kamba Bombos von Nakktschu, der die mongolische Pilgerkarawane, mit welcher der Lama nach Lhasa gereist war, so gründlich untersucht hatte. Wenn Kamba Bombo ihn wiedererkennen sollte, sei er verloren, und auch im entgegengesetzten Falle sei sein Schicksal mehr als ungewiß. Er erzählte von einem mongolischen Lama, der durch irgendein Vergehen sein Recht, die heilige Stadt zu besuchen, verwirkt habe und der, um sein Vergehen abzubüßen, von Da-kuren (Urga) nach Lhasa -- in Gebetstellung, d. h. auf den Knien, gerutscht sei. Er habe sich mit den Händen auf die Erde gestützt, die Knie nachgezogen, die Hände weiter gesetzt, und so habe er die ganze lange Reise gemacht, zu der er sechs Jahre gebraucht habe! Und als er nur noch eine Tagereise vom Stadttore entfernt gewesen sei, habe ihm der Dalai-Lama das Betreten der Stadt untersagt, und unverrichteter Dinge habe er wieder umkehren müssen. Der Lama sagte noch, daß der Mann seinen Bußgang auf den Knien, die schließlich hart und hornig wie die Liegeschwielen der Kamele geworden seien, noch zweimal wiederholt habe, aber das Herz des Dalai-Lama doch nicht erweicht worden sei.
„Und wie“, fügte er hinzu, „wird es mir jetzt ergehen, da ich mich versündigt habe, indem ich mit euch hierhergekommen bin? Wenn sie mich auch am Leben lassen, so ist doch meine Laufbahn zu Ende, und ich darf Lhasa nie wiedersehen.“
Ein paar hundert Meter südlich von uns wurde heute ein Zelt aufgeschlagen, in welchem der Spion von gestern, Ben Nursu, wie er uns selbst offenherzig mitgeteilt hatte, künftig residieren sollte, um uns unter Augen zu haben.
Um die Mittagszeit sahen wir 15 Reiter nach Süden sprengen; wir nahmen an, daß sie dem Kamba Bombo, der wahrscheinlich nicht mehr sehr weit entfernt sein konnte, entgegenritten.
Nach Tisch schliefen wir ein paar Stunden und wurden wenigstens da in Ruhe gelassen. Schlafen, Essenkochen, Speisen und Milchtrinken sind eigentlich das einzige, womit wir während unserer unfreiwilligen, die Geduld auf die Probe stellenden Gefangenschaft die Zeit totschlagen können. Wir liegen, dehnen uns und schlummern, wir entfernen uns keine 50 Schritt vom Zelte, wir sitzen stundenlang vor der Zeltöffnung und beobachten die Tibeter, ihr Tun und Lassen, ihre schwarzen Zeltdörfer und ihre Herden. Wir sehnen uns danach, daß die Zeit vergehe und Kamba Bombo komme, aber eigentlich ist es ein Trost, daß wir nicht in diesem ewigen Regen zu reiten brauchen, wo es überall kalt, rauh, grau, naß und dunkel ist.
Beständig tauchen neue, unbekannte, neugierige Gesichter um uns herum auf. Der einzige wirkliche Stammgast in unserem Zelte ist Ben Nursu, der beinahe bei uns wohnt und mit uns ißt. Dafür muß er sich aber auch nützlich machen; er muß Leben ins Feuer blasen, wenn es regnet. Es kommt beinahe nie vor, daß uns jemand besucht, ohne etwas Eßbares mitzubringen. Sie nehmen sich unserer mit rührender Fürsorge an. Wie man sagt, geschieht dies auf besonderen Befehl des Dalai-Lama. Die Behörden in Lhasa erhalten ganz gewiß täglich Bericht aus unserem Lager. Die Reiter, die aus jener Richtung kommen und dorthin reiten, sind Kuriere und Eilboten. Wir erfuhren auch, daß die Lebensmittel, die wir von den Nomaden erhalten, ihnen später aus Lhasa ersetzt werden. Auf dieselbe Weise wird bei einer Mobilmachung verfahren. Die Soldaten sind berechtigt, sich alles, was sie wollen, von den Nomaden zu nehmen, und diese erhalten dafür Entschädigung aus der Hauptstadt. Wir hatten also durch unseren friedlichen Zug den Tibetern entsetzlich viel Mühe gemacht, und Dschallokk war gewissermaßen ein militärischer Knotenpunkt geworden. Es wimmelte hier von Stafetten, Spionen, Kundschaftern und Kurieren. Das Land erhob sich wie zur Verteidigung gegen einen feindlichen Einfall. Man würde uns nicht geglaubt haben, wenn man erfahren hätte, wie unschädlich wir selbst und wie wenig böse unsere Absichten waren.
Gegen 2 Uhr guckte die Sonne eine Weile hervor und warf ihren grauen Schleier ab, der übrigens zu der Situation gut paßte. Sieben Tibeter leisteten uns am Feuer im Freien Gesellschaft. Während wir in eifrigster Unterhaltung waren, erschien im Südosten eine Reiterschar. Sie ritt schnell gerade auf das Zelt los.
„Ha“, riefen die Männer, „da haben wir den Bombo von Nakktschu!“
Wir erhoben uns und erwarteten die Fremden; als sie jedoch näherkamen, sahen unsere Gäste, daß es nicht der Gouverneur selbst war, sondern nur sein mongolischer Dolmetscher in Begleitung von vier Häuptlingen aus der Nachbarschaft mit ihrem Gefolge.
Der Dolmetscher war ein geborener Tibeter, und sein Mongolisch war bedeutend schlechter als meines, aber er war ein angenehmer, heiterer Mensch und nicht im geringsten zudringlich. Er erzählte, daß, sobald die Nachricht von unserer Ankunft nach Nakktschu gelangt sei, Kamba Bombo ihm befohlen habe, hierher vorauszureiten, der Gouverneur selbst werde aber so schnell wie möglich nachkommen. Im Nu saß der arme Dolmetscher im Sattel und ritt mit seinen Begleitern Tag und Nacht in strömendem Regen nach Dschallokk. Hier rasteten sie nicht einmal bei den Zelten der Tibeter, sondern begaben sich direkt zu uns.
Jetzt begann das Verhör wieder, und zum zwanzigsten Male mußten wir das Hauptquartier und seine Besatzung ausführlich beschreiben. Trotzdem sie ohne Zweifel durch Spione über die Karawane unterrichtet waren, war es schwer, die Neuangekommenen dahin zu bringen, daß sie unseren Worten glaubten. Sie bildeten sich ein, daß unser Hauptquartier nicht unsere ganze Stärke ausmache, sondern nur der Vortrab sei, dem Tausende von Soldaten folgen würden. Diese Furcht verdrängte alle kritischen Spekulationen in betreff meiner wirklichen Nationalität. Der Dolmetscher sagte, es spiele gar keine Rolle, woher und von welchem Stamme wir seien; nach Lhasa dürften wir unter keinen Umständen reisen, sondern müßten von hier nach unserem Hauptquartiere im Gebirge zurückkehren. Zuleide werde uns jedoch nichts getan werden, denn in dieser Beziehung habe der Dalai-Lama seine Befehle gegeben.
Jetzt begannen Schagdur und ich auf Mongolisch derart zu predigen, daß dem armen Dolmetscher die Ohren gellten. Wir sagten, der Dalai-Lama habe Burjaten, die auf russischem Gebiete wohnen, nie verboten, die Wallfahrt nach Lhasa zu machen. Es könne Kamba Bombo den Kopf kosten, wenn er sich unterstehe, uns an der Weiterreise zu verhindern. Ihn holen zu lassen, sei ganz unnötig, da wir auf jeden Fall nur mit einem hohen Beamten aus Lhasa verhandeln würden.
Alles, was wir sagten, übersetzte der Dolmetscher seinen Kameraden, die mit ernster Miene zuhörten. Von Rußland und Indien hatten sie sehr dunkle Begriffe, und was von der Macht und Größe dieser Reiche gesagt wurde, imponierte ihnen nicht im geringsten.
Schließlich gingen wir darauf ein, daß ein Kurier an Kamba Bombo geschickt werde, um ihn zu ersuchen, sich zu beeilen, -- aber nur unter der Bedingung, daß gleichzeitig ein Eilbote nach Lhasa abgehe. Der Dolmetscher war in jeder Beziehung ein Gentleman, nur darin nicht, daß er unaufhörlich um Branntwein bat, eine Ware, die unsere Kisten nicht enthielten. Wir sagten ihm, wir seien hier in ein merkwürdiges Land geraten, wo friedliche Reisende nicht einmal vor Räuberüberfällen sicher seien. Er schien von dem Pferdediebstahl zu wissen und versicherte, der Wert der Tiere werde uns zu unserer völligen Zufriedenheit ersetzt werden und wir hätten nur zu befehlen, falls wir etwas wünschten. Wir hätten gesagt, daß zwei Europäerhäuptlinge in unserem Hauptquartier seien, und er bitte um ihre Namen. „Sirkin und Tschernoff“, antworteten wir; die Namen wurden aufgeschrieben. Als er aber nach unseren Namen fragte, wurde ihm der Bescheid, daß ihn dies gar nichts angehe und wir nur mit vornehmeren Herren verhandeln würden.
Nachdem sie uns endlich verlassen hatten, blieben wir wie gewöhnlich noch lange sitzen und sprachen über die Tageserlebnisse und die Aussichten für die nächste Zukunft, die für den Lama nicht besonders gut waren. Um unsere Tiere bekümmerten wir uns nicht mehr. Sie waren bei den Tibetern gewissermaßen in Pension, und wir sahen sie gar nicht.
Am 9. August herrschte wieder Leben und Bewegung in unserem offenen Kesseltale. Eine Menge Reiter und Patrouillen zogen nach Südwesten die nächsten Berghöhen hinauf und trieben die Herden dorthin. Von allen Seiten ertönte Geschrei und Pferdegetrappel, das Blöken der Schafe und das verdrießliche Grunzen der Yake. Von den Zelten unserer Nachbarn ritten kleine Reiterscharen nach Nakktschu und nach Lhasa. Es gelang uns nicht zu ergründen, was alles dieses bedeutete; es hatte den Anschein, als beabsichtigten die Nomaden, ihre Wohnsitze nach anderen Weidegründen zu verlegen, aber Schereb Lama, der hier alles in schwarzem Lichte sah, glaubte, daß sie das Feld räumten, um freien Spielraum zu haben, wenn der große, vernichtende Reitersturm gegen unser Zelt gerichtet würde.
Um 10 Uhr erschien unser Freund, der Dolmetscher, von drei anderen Männern begleitet. Wir baten ihn, diese fortzuschicken, um mit ihm über verschiedene wichtige Angelegenheiten verhandeln zu können. Hiergegen protestierte er aber auf das Bestimmteste; es war ihm wohl unheimlich, mit so zweideutigen Personen allein zu sein. Er hatte übrigens, wie er sagte, einen besonderen Auftrag auszurichten und würde uns, sobald dies geschehen, verlassen. Er teilte uns mit, daß Kamba Bombo von Nakktschu mit großem Gefolge angekommen sei und uns zu sehen wünsche.
Ein ganzes Zeltdorf erhob sich ein paar Kilometer von uns entfernt auf der Straße nach Lhasa (Abb. 256). Eines der Zelte hatte bedeutende Dimensionen; es war glänzend weiß und oben blaugestreift; die anderen, die es umgaben, waren kleiner, und von mehreren von ihnen stiegen Rauchsäulen auf. Um das „Dorf“ herum schwärmten Massen von Reitern. Der Lama konnte das Fernglas nicht von seinen Augen nehmen und sich nicht von diesem großartigen Anblicke losreißen; unablässig starrte er dorthin und war augenscheinlich eine Beute immer größer werdender Unruhe.
Der Auftrag des Dolmetschers bestand darin, uns in Kamba Bombos Namen einzuladen, uns mit Sack und Pack in seiner unmittelbaren Nachbarschaft anzusiedeln und heute bei dem mächtigen Gouverneur ein Gastmahl einzunehmen. In einem der Zelte tische man bereits die Gerichte auf. In der Mitte stehe ein ganzes gebratenes Schaf, umgeben von Schalen für Tee und Tsamba, und bei unserer Ankunft würden wir jeder mit einer „Haddik“ beehrt werden, mit einer dünnen, hellen Binde, welche Mongolen und Tibeter vornehmen Gästen als Ehrfurchtsbezeugung überreichen.
Auf diese Einladung antwortete ich, ohne mich einen Augenblick zu bedenken, daß wenn Kamba Bombo eine Spur von Manier besitze, es seine Pflicht sei, uns erst einen Besuch zu machen, bevor er uns zum Gastmahl einlade; überdies hätten wir noch nie von ihm gehört und wüßten gar nicht, ob er überhaupt das Recht habe, uns gegenüber als zuständige Behörde aufzutreten. Er werde sich wohl nicht einbilden, daß wir seiner Aufforderung, unseren Lagerplatz zu wechseln, gehorchten; wenn ihm daran liege, uns als Nachbarn zu haben, so stehe es ihm frei, seine Zelte in unserer Nachbarschaft aufzuschlagen. Wir wollten nichts von ihm und hätten nicht nach ihm geschickt; wünsche er uns zu sehen und mit uns zu sprechen, so sei es ihm unbenommen, jederzeit unser Zelt zu besuchen. Während der Tage, die wir in Dschallokk zugebracht, hätten wir hinsichtlich der Dreistigkeit der Tibeter viel zu gründliche Erfahrungen gemacht, um uns freiwillig zu Nachbarn von Kamba Bombo und seinem Gefolge zu machen. Wir seien friedliche Fremdlinge aus dem Norden, die das Recht hätten, die Wallfahrt zu machen, und jetzt wünschten wir nur zu erfahren, ob uns der Weg nach Lhasa offenstehe oder nicht; wenn nicht, würden wir sofort nach unserem Hauptquartier zurückkehren, und Kamba Bombo selbst habe die Verantwortung für die Folgen zu tragen.
Mit allem diesen und noch mehrerem wurde der arme Dolmetscher traktiert, der in seiner unangenehmen Unterhändlerstellung, die er bekleidete, sich wie ein Wurm wand. Er bat und flehte und bediente sich seiner ganzen Überredungskunst, aber wir blieben unbeweglich. „Das Gastmahl ist bereitet, und man erwartet euch; wenn ihr nicht kommt, trage ich die Schuld, falle in Ungnade und werde verabschiedet.“ Er bestürmte uns über zwei Stunden; als ich jedoch meinen Entschluß nicht änderte, erhob er sich, um aufs Pferd zu steigen. Noch im Sattel bat er, wir möchten uns doch besinnen, und versicherte, daß uns kein Leid widerfahren werde. Ich antwortete ihm nur, es sei uns vollkommen gleichgültig, welchen Bescheid er dem Bombo zu bringen gedenke, aber zum Gastmahl kämen wir nicht, und beliebe es dem Gouverneur nicht, uns eine Visite zu machen, so werde er keinen Schimmer von uns zu sehen bekommen. Da grüßte der Dolmetscher zum Abschied und ritt zu den Zelten zurück.
Es mag den Anschein haben, als sei diese Antwort auf eine freundliche Einladung ebenso arrogant wie unhöflich und als hätten drei arme Pilger sich einem so mächtigen, vornehmen Gouverneur gegenüber einen solchen Ton nicht erlauben dürfen. Denn er war es, der in Nakktschu (auch Nagtschu; der Ort liegt am Flusse gleichen Namens, der mit dem oberen Saluen gleichbedeutend ist) residierte und dessen Pflicht es war, alle Karawanen zu untersuchen und alle Reisenden, Pilger und Wanderer, die sich Lhasa auf der großen Straße von Zaidam und über Tang-la nähern, zu visitieren. Jetzt, da wirklich Gefahr im Anzug zu sein schien und eine große europäische Karawane sich näherte, mußte er, um nicht sein Amt und vielleicht auch das Leben zu verlieren, seine Autorität nachdrücklich wahren. Ganz gewiß hatte er auch durch besondere Kuriere von Lhasa Befehl erhalten, seinen Posten auf einige Tage zu verlassen und sich nach Dschallokk zu begeben, um dort die Sachlage genau zu untersuchen.
Tatsächlich war es auch nicht reiner Oppositionsgeist, der unsere Antwort so unfreundlich ausfallen ließ. Aber ringsumher hatte die ganze Zeit über Kriegsstimmung geherrscht, die Tibeter waren mobil gemacht und hatten ihre Streitkräfte gesammelt, und ich meinerseits würde ihnen verziehen haben, wenn sie über unser Unterfangen, das ja darauf ausging, sie zu überlisten, böse geworden wären. Keiner hätte es ihnen verdenken können, wenn sie erklärt hätten: „Hier ist ein Europäer, der sich als Burjate verkleidet hat, um nach Lhasa zu gelangen, und hier ist ein Lama, der seine Studien in Lhasa gemacht hat und jetzt als Führer des ersteren auftritt; laßt uns ein für allemal ein Exempel statuieren und den beiden zeigen, daß solche Versuche übel ablaufen!“ Noch am 9. August ahnten wir nichts von unserem Schicksal; das einzige, was man uns mit absoluter Sicherheit gesagt hatte, war, daß man uns unter keinen Umständen erlauben würde, uns nach der Hauptstadt zu begeben. Jetzt grübelten wir auch darüber nach, ob die heutigen Vorbereitungen und die Unruhe, die unter den Tibetern geherrscht hatte, etwas Besonderes zu bedeuten hätten. War die Einladung ein Versuch, uns in eine Falle zu locken? Zu einem Gastmahl geht man unbewaffnet; sollten die Tibeter nur einen Vorwand suchen, um uns von unseren Waffen, vor denen sie gehörigen Respekt hatten, zu trennen? +Wenn+ es wirklich ihre Absicht war, uns nicht lebendig aus der Gefangenschaft kommen zu lassen, so wollten wir wenigstens erst die fünfzig scharfen Patronen, die wir bei uns hatten, benutzen. Es waren schon Europäer in Tibet verschwunden -- zuletzt Dutreuil de Rhins und Rijnhard -- wenn auch nicht so nahe bei Lhasa, wie wir uns jetzt befanden. Ein verkleideter Europäer mußte noch viel größeren Gefahren ausgesetzt sein; denn sollten die Tibeter hinterher je zur Rechenschaft gezogen werden, so konnten sie mit vollem Recht sagen. „Wir haben nicht gewußt, daß er ein Europäer war; er sagte selbst, er sei ein Burjate.“
Von diesem Gesichtspunkte aus hielt ich unsere Lage für ziemlich unsicher, obgleich mehrere unserer neuen Freunde uns versichert hatten, daß wir für Leib und Leben nichts zu fürchten hätten. Da ich mich aber keinen Augenblick bedacht hatte, mein Leben einer so großen Gefahr inmitten eines den Europäern feindlich gesinnten Volkes auszusetzen, da ich das Abenteuer bis auf die Spitze getrieben hatte und so weit gegangen war, wie es überhaupt möglich war, wollte ich das Spiel auch auf ehrenvolle Weise beenden!
Unseren eigenen Betrachtungen überlassen, saßen wir ein paar Stunden am Feuer und tauschten unsere Ansichten über die kritische Lage aus. Keine Menschen zeigten sich in unserer Nähe, nur in dem Zeltdorfe des Gouverneurs herrschte Leben und Bewegung; dort wurde augenscheinlich über uns Rat gehalten. Aber was sagte man, in welcher Richtung gingen die Beschlüsse? Wir ahnten, daß eine Entscheidung nahe bevorstand. Vielleicht hatte unsere unhöfliche Antwort Kamba Bombo beleidigt, und er schickte sich jetzt an, uns eine ordentliche Lektion zu geben. Es war ein entsetzlich unbehagliches Warten; ich erinnere mich dieser langen Stunden, als wäre es gestern gewesen.
Zwei volle Stunden waren vergangen, als es um die weißen Zelte wieder lebendiger wurde; es gab ein Laufen und Hinundherreiten, die Tibeter bewaffneten sich und stiegen zu Pferd. Ein ganzer Wald von Reitern sprengte in einer schwarzen Linie auf uns los (Abb. 257). Es regnete nicht, und wir konnten dieses in Wahrheit prächtige Schauspiel ungestört genießen. Sie näherten sich in schnellem Tempo, die Pferde liefen in starkem Galopp. Ein undeutliches Sausen ertönt, bald unterscheidet man das schnelle Aufschlagen der Pferdehufe. Wir hatten das Gefühl, als stürze eine Lawine auf uns herab, um uns im nächsten Augenblick zu begraben. Die Gewehre und der Revolver lagen geladen bereit, wir aber standen vor dem Zelt, und keiner sollte die Unruhe ahnen, die sich unserer bemächtigt hatte.