Im Herzen von Asien. Zweiter Band.

Part 26

Chapter 263,665 wordsPublic domain

Die Tibeter ritten in einer Linie heran. In der Mitte ritt der Gouverneur auf einem großen, schönen Maulesel; sonst ritten alle Pferde. Er war von seinem Stabe begleitet, der aus Militär-, Zivil- und geistlichen Beamten in prachtvollen Festgewändern bestand. Die Flügel bildeten Soldaten, die bis an die Zähne mit Gewehren, Säbeln und Lanzen bewaffnet waren, als handle es sich um einen Feldzug gegen einen feindlichen Stamm. Wir konnten 67 Mann zählen.

Jetzt trennten sich einige Reiter von der Schar, erhöhten die Geschwindigkeit und gewannen einen Vorsprung von einigen Minuten, dann saßen sie ab und grüßten. Einer von ihnen war unser Freund, der Dolmetscher, der nur anmeldete, daß Kamba Bombo uns in höchsteigener Person mit einem Besuche beehre. Als dieser in der Nähe des Zeltes anhielt, sprangen einige des Gefolges aus dem Sattel und breiteten auf der Erde einen Teppich aus, auf dem der Gouverneur abstieg. Dann nahm er auf gleichfalls bereitgehaltenen Kissen und Decken Platz, und Nanso Lama, ein vornehmer Priester aus Nakktschu, setzte sich neben ihn.

Jetzt ging ich ruhig zu ihm heran und bat ihn, ins Zelt zu treten, wohin er sich sofort begab und wo er nach einigem Zieren den Ehrenplatz -- auf einem nassen Maissack -- unter unseren übelriechenden, beinahe schimmeligen Effekten annahm. Er sah listig und schelmisch aus, blinzelte mit den Augen und lächelte oft. Er mochte 40 Jahre alt sein, war klein und bleich, sah abgezehrt und müde, aber doch entzückt aus, daß er uns jetzt endlich in der Falle hatte; er wußte ganz genau, daß er in Lhasa großen Ruhm ernten würde, wenn er seinen geschickten Schachzug dorthin berichtete.

Sein Anzug war geschmackvoll und elegant; er hatte ihn entschieden eigens für die Visite angelegt, denn er war ganz neu und fleckenlos. Die Überkleider, einen großen roten Radmantel und ein rotes Baschlik, nahmen ihm die Diener ab. Nachdem dies geschehen war, präsentierte er sich in einem kleinen blauen chinesischen Käppchen und in einem weitärmeligen Gewande von schwerer gelber Seide; er trug grüne mongolische Samtstiefel und war mit einem Wort wie zu einem Feste geschmückt.

Nun wurde dem Kamba Bombo ein Tintenfaß, Feder und Papier gebracht, worauf das Verhör begann. Für uns interessierte er sich weniger als für das Hauptquartier und die Stärke der Karawane. Alle Antworten notierte er selbst, denn er sollte einen ausführlichen Bericht nach Lhasa schicken. Dann wurden unsere Habseligkeiten untersucht, aber merkwürdigerweise sprach er nicht einmal den Wunsch aus, unsere Kisten besichtigen zu dürfen. Die Mitteilung, daß sie Proviant enthielten, genügte ihm vollständig. Über mich schien er ganz im reinen zu sein und er hielt es sogar für überflüssig, mir persönliche Fragen vorzulegen. Schagdur gebärdete sich, als er gefragt wurde, wie ein Feldmarschall; er sei russischer Untertan, aber auch Burjate und berechtigt, nach Lhasa zu reisen. Die russischen Behörden würden es als eine Beleidigung betrachten, wenn man uns friedliche Pilger hindere, die Wallfahrt zu machen; niemand, wer es auch sei, dürfe uns antasten. Doch Kamba Bombo erwiderte lachend:

„Du glaubst, mir Furcht einjagen zu können; ich tue meine Pflicht, gerade hinsichtlich eurer habe ich meine Befehle vom Dalai-Lama erhalten und weiß selbst am besten, was ich zu tun habe. Nach Lhasa dürft ihr nicht reisen, nicht einen Tag mehr in dieser Richtung, nein! Einen Schritt weiter, -- und es kostet euch den Kopf!“ (Titelbild zum 2. Band.) Und dabei fuhr er mit der flachen Hand, die er wie eine Klinge hielt, um den Hals herum. Und er fügte hinzu, daß es ihm selbst ebenfalls ans Leben gehen würde, wenn er uns durchließe:

„Es ist ganz einerlei, wer ihr seid und woher ihr kommt, aber ihr seid im höchsten Grade verdächtig; ihr seid auf einem Schleichweg hierhergekommen und ihr sollt nach eurem Hauptlager zurückkehren.“

Wir sahen ein, daß hiergegen nichts zu machen war. Schagdur erzählte nun von dem Pferdediebstahl. Anfangs machte Kamba Bombo Ausflüchte und sagte, er sei für das, was außerhalb der Grenzen seiner Provinz passiere, nicht verantwortlich. Schagdur erwiderte:

„So, dies ist also nicht euer Land; ist es denn vielleicht russisches Gebiet?“ Da wurde aber Kamba Bombo ärgerlich und erklärte, daß das ganze Land dem Dalai-Lama gehöre. Schagdur war nachher sehr stolz auf seine Erwiderung. Nun erhob sich der Gouverneur, nahm Schagdur mit und setzte sich draußen auf den Kissen nieder; nach einer Weile wurde ich zu ihm gerufen. Er sei bereit, sagte er, uns zwei neue Pferde zu besorgen, eines davon müsse ich aber bezahlen. Ich lachte ihm gerade ins Gesicht und ging wieder ins Zelt hinein, nachdem ich ihm geantwortet hatte, daß wir derartige Geschenke nicht annähmen: entweder zwei Pferde oder gar keins. Da versprach der Bombo, daß er uns am folgenden Morgen zwei Pferde für die gestohlenen schenken würde.

Schließlich erklärte Kamba Bombo, daß wir aufbrechen könnten, wann wir wollten, daß er jedoch Dschallokk nicht eher zu verlassen gedenke, als bis wir fort seien. Um keine Zeit zu verlieren, beschlossen wir, den Rückweg schon am folgenden Morgen anzutreten. Eine besondere Eskorte sollte uns bis zur Grenze am Satschu-sangpo begleiten, und als wir, um nicht der Tiere wegen nachts Wache halten zu müssen, darum baten, von der Eskorte bis ins Hauptquartier gebracht zu werden, versprach er uns dies. Während der Reise sollte uns alles, was wir an Proviant brauchten, kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Auch jetzt schenkte uns Kamba Bombo eine ganze Menge nützliche Eßwaren.

Im großen ganzen war er sehr freundlich und artig und gar nicht ärgerlich darüber, daß er durch uns Arbeit und Mühe gehabt und selbst hatte hierherreiten müssen. Er war ein rechtlich denkender und handelnder Mensch und wußte genau, was er wollte. Wer ich war, ist ihm wohl nie völlig klar geworden; doch muß er wohl geglaubt haben, daß hinter meiner abgetragenen mongolischen Tracht etwas Außergewöhnliches verborgen sei, sonst wäre er schwerlich mit solchem Pompe und Hofstaate angezogen gekommen. Mit China stehen die Tibeter beständig in Berührung; ihr Land ist nominell ein Vasallenstaat jener Macht, die in Lhasa einen Vertreter und ein „Yamen“ hat, welches in der Nähe von Potala, dem Tempelpalaste des Dalai-Lama, liegt. Ohne Zweifel hatten die Behörden in Lhasa Kenntnis von allem, was kürzlich in China geschehen war, und wußten, wie schwer der Mord des deutschen Gesandten von Ketteler in Peking bestraft worden war. Sie mochten sich daher sagen, daß es klüger sei, sich nicht an einem Europäer zu vergreifen.

Während der Unterhaltung drängten sich die anderen Tibeter um uns und machten ihre Bemerkungen und Beobachtungen. Sie trugen Säbel in reich mit Silber beschlagenen Scheiden, die mit Korallen und Türkisen besetzt waren, Gavo (Amulettfutterale) von Silber, Armbänder, Rosenkränze, bunte Schmucksachen in ihren langen Zöpfen und waren entschieden mit dem Feinsten, was sie anzuziehen hatten, ausstaffiert. Die Vornehmeren trugen große, weiße Hüte mit Federn, andere Binden um den Kopf, die gemeinen Soldaten gingen barhäuptig.

Schereb Lama war von all dieser Pracht ganz überwältigt. Er lag vornübergebeugt auf den Knien, starrte auf die Erde und konnte sich nicht entschließen, dem Blicke Kamba Bombos zu begegnen, als dieser ihn scharf verhörte. Er gab kurze, hastige Antworten, als ob er kein Geheimnis mehr zu wahren hätte. Was er sagte, verstanden wir nicht, denn sie sprachen tibetisch. Nachher sagte er uns, daß der Bombo ihm schwere Vorwürfe darüber gemacht habe, daß er uns begleitet habe, da er doch habe wissen müssen, daß Europäer in Lhasa nicht geduldet würden. Sein Name sei in die Tempelbücher eingetragen, und er werde nie wieder die Erlaubnis erhalten, das Gebiet der heiligen Stadt zu betreten! Versuche er, sich dort mit einer Pilgerkarawane einzuschleichen, so werde es ihm schlimm ergehen. Er sei seiner Priesterwürde untreu geworden und sei ein Verräter!

Zuletzt schlug ich Kamba Bombo noch vor, ich wolle selbst mit Hilfe des Lamas und des Dolmetschers einen Brief an den Dalai-Lama aufsetzen, der uns, wenn er erfahre, wer wir seien, gewiß mit Vergnügen empfangen würde; der Bombo aber antwortete, dies sei ganz unnötig, da er ja seine Befehle über unsere Behandlung täglich direkt von Lhasa erhalte; auch könne er sich in seiner Stellung nicht erlauben, dem Dalai-Lama Ratschläge zu geben; dies würde ihm im besten Falle sein Amt kosten.

Darauf sagte er artig Lebewohl, schwang sich in seinen reichgeschmückten Sattel und ritt, von seinem großen Stabe gefolgt, schnell davon. Die Dämmerung hatte sich schon auf die Gegend herabgesenkt, die Reiterschar entschwand bald unseren Blicken und mit ihr meine Hoffnung, das Mekka des Lamaismus zu schauen! Hell glänzten die Sterne über Lhasa, kein Lüftchen regte sich an diesem stillen Abend, nur dann und wann hörte man in der Ferne einen Hund bellen.

Achtzehntes Kapitel.

Rückzug unter Bewachung.

An diesem Abend saßen wir noch lange plaudernd in unserem Zelt. Der Lama war wortkarg und niedergeschlagen, aber Schagdur und ich waren vergnügt. Allerdings war uns unser Versuch, Lhasa zu erreichen, mißlungen, aber wir hatten doch immerhin die Befriedigung, das Abenteuer bis auf seine äußerste Spitze getrieben zu haben. Wenn man auf unüberwindliche Hindernisse stößt, ist es Zeit, umzukehren, und man kann dies mit gutem Gewissen tun. Seltsam war es aber, daß uns die Tibeter ohne ein unfreundliches Wort aus der Gefangenschaft freigaben.

Am Morgen des 10. August befahlen wir unseren nächsten Wächtern, unsere zwei Pferde und fünf Maulesel nach dem Zelte zu treiben, denn wir hatten beschlossen, den Rückzug diesen Morgen anzutreten. Ohne Abschied konnten wir uns nicht auf den Weg machen, aber von Kamba Bombos Zelten kamen keine Boten. So beschloß ich denn, allein dorthin zu reiten, obwohl Schagdur und der Lama mich warnten und meinten, wir müßten wie bisher beisammenbleiben.

Ich ritt also in langsamem Trab zwischen den Sümpfen hindurch nach Kamba Bombos weißblauem Zeltdorfe. Als ich den halben Weg zurückgelegt hatte, wurde ich von einer aus etwa zwanzig Mann bestehenden Schar bis an die Zähne bewaffneter Reiter umringt. Sie sagten kein Wort, sondern ritten schweigend vor und hinter mir. Ungefähr einen Kilometer vor den Zelten machten sie Halt und bildeten einen Ring um mich, dann saßen sie ab und gaben mir zu verstehen, daß ich dasselbe tun solle.

Kaum eine Viertelstunde brauchten wir zu warten, bis sich dieselbe große Reiterschar wie gestern vom Zeltplatze aus in Bewegung setzte und sich uns im Galopp näherte. In der Mitte ritt wieder Kamba Bombo in seinem gelben Gewande. Ein Teppich und Kissen wurden auf der Erde ausgebreitet, und er lud mich ein, neben ihm Platz zu nehmen. Der Dolmetscher war zugegen, und nun unterhielten wir uns eine gute Weile.

Diese Art, mich nicht in seinem Zelte, sondern auf neutralem Gebiete zu empfangen, war ein Zug von Etikette, der vollkommen berechtigt und taktvoll war. Ich hatte mich ja gestern geweigert, seiner Einladung zu folgen, und nun dachte er wohl: „Ich will ihm zeigen, daß er sich mit Visitenmachen nicht anzustrengen braucht.“ Er hatte auch gesagt: „Keinen Schritt weiter in der Richtung nach Lhasa“ und wollte mich daher auch jetzt zurückhalten.

Alle Überredungskunst von meiner Seite war gerade so vergeblich wie das erstemal.

„Ich habe keine Lust, euretwegen den Kopf zu verlieren“, sagte er. „Mir persönlich ist es einerlei, ob ihr nach Lhasa reiset oder nicht, aber den Befehlen, die ich von dort erhalten habe, muß ich gehorchen.“

Zum Scherz sagte ich ihm, wir beide könnten ja auf ein paar Tage allein dorthin reiten, niemand werde eine Ahnung davon haben; doch er lachte nur darüber und schüttelte den Kopf.

„Zurück, zurück, nach Norden!“

Auf einmal blinzelte er mit den Augen, zeigte auf mich, sagte das eine Wort „Sahib“ (so werden in Indien die Engländer und die Europäer im allgemeinen genannt) und zeigte dann nach Süden in der Richtung des Himalajagebirges.

Auch ohne Hilfe des Dolmetschers verstand ich, daß er sagen wollte: „Ihr seid ein Engländer aus Indien“. Trotz allen Hinundherredens war ihm diese Überzeugung nicht aus dem Kopfe zu bringen. Ich nahm die Maske ganz und gar ab und sagte ihm, daß ich allerdings ein Europäer, aber kein Engländer sei und aus einem Lande im Norden weit hinter Rußland komme; er lächelte jedoch und wiederholte sein „Sahib, Sahib“. Nun erzählte ich ihm, daß ich zwei burjatische und zwei russische Kosaken bei mir habe, die mir vom russischen Kaiser zur Verfügung gestellt worden seien, und fragte ihn, ob er denn glaube, daß Engländer mit russischen Kosaken reisten, und ob er es für wahrscheinlich halte, daß Engländer von Norden kämen, da ihr indisches Reich ja südlich von Tibet liege. Diese Einwendung begegnete demselben Zweifel; er sagte nur: „Ihr seid alle Sahibs; ist es euch gelungen, einen mongolischen Lama mit euch zu bekommen, so könnt ihr auch einen Burjaten dazu bewegen.“

Jetzt wurden zwei Pferde, ein Falbe und ein Schimmel, vorgeführt, die mir Kamba Bombo, wie er sagte, schenken wolle.

„Laßt zwei eurer Leute aufsitzen und im Galopp vor uns im Kreise reiten“, sagte ich. Dies geschah; aber die Pferde, die recht mager waren, stolperten und sahen wenig nach Vollblut aus. Ich wandte mich an Kamba Bombo und fragte ihn, wie er, ein so reicher und vornehmer Mann, mir, der ich mindestens ebenso vornehm sei, zwei so elende Gäule schenken könne; ich wolle sie nicht haben, sondern sie ihm für seine eigene Kavallerie lassen.

Anstatt diese offenherzige Kritik übelzunehmen, ließ er sofort zwei andere Pferde holen, die gut und wohlgenährt waren und nach abgehaltener Prüfung angenommen wurden.

Darauf ritten wir alle nach meinem Zelte, und hier blieb Kamba Bombo wieder eine gute Weile sitzen. Er aß Rosinen, wie ein Pferd Hafer frißt, und wurde mit Tee, Tsamba und Tabak bewirtet. Der ganze Stab umgab uns. Die Sonne beleuchtete dieses farbenreiche Bild. Die Tibeter sahen vorzüglich aus in ihren phantastischen Trachten mit Kopfbedeckungen wie Damenhüte mit Federn, mit kriegerischen Lanzen und Schwertern in brüderlichem Vereine. Alle lachten pflichtschuldigst über die Witze des Gouverneurs.

Nun wechselten wir uns tibetisches Silbergeld gegen chinesische Jamben ein, die der Bombo sorgfältig auf seiner mitgebrachten Wage wog; dann zeigten wir ihm unsere Waffen, die sichtlich tiefen Eindruck auf ihn machten. Ich sagte ihm, daß das Zusammentrommeln so vieler Soldaten, wie es hier geschehen sei, gar nichts nütze; mit ihren erbärmlichen Vorderladegewehren schreckten sie uns nicht ein bißchen. Wollten sie Krieg anfangen, so möchten sie erst bedenken, daß wir 36 von ihnen niederschießen könnten, ehe sie überhaupt mit dem Laden fertig würden. Er versicherte, es sei durchaus nicht seine Absicht, Krieg anzufangen, sondern nur, die Grenzen gegen unzulässige Fremdlinge zu bewachen.

Nun fragte ich ihn geradezu, weshalb er nicht wage, in mein Zelt zu kommen, ohne sich von einer 67 Mann starken Eskorte begleiten zu lassen; ob er wirklich so entsetzliche Angst vor mir habe.

„Nein“, antwortete er, „aber ich weiß, daß ihr ein vornehmer Sahib seid, und ich habe Befehl von Lhasa erhalten, euch dieselbe Ehrerbietung zu bezeigen, die die höchsten Beamten unseres eigenen Landes beanspruchen können!“

Nachdem ich lange genug vergeblich auf den Engel gewartet hatte, der vom Himmel herabsteigen und uns mit einem feurigen Schwerte den Weg bahnen würde, erhob ich mich und gab Befehl zum Beladen der Tiere. Mit Hilfe der Tibeter war dies im Handumdrehen getan. Kamba Bombo stellte mir eine Eskorte von drei Offizieren und zwanzig Mann vor, die uns nordwärts bis über die Grenze der Provinz Nakktschu bringen sollte. Er versicherte, daß wir uns so lange, wie wir uns in Begleitung dieser Eskorte befänden, um gar nichts zu kümmern brauchten; sie würde für unsere Tiere einstehen und uns mit allem nötigen Proviant versehen, wofür wir nichts zu bezahlen hätten. Er schenkte mir 6 Schafe und eine Menge Lebensmittel in Näpfen und Schüsseln.

So nahmen wir denn Abschied von diesem hochgestellten Beamten, der so freundlich und so ungastfreundlich gewesen war und uns so unerschütterlich den Weg versperrt hatte, und ritten in der Richtung zurück, aus der wir gekommen waren.

„Ja, lieber Schagdur“, sagte ich zu meinem prächtigen Kosaken, dessen Mut und Treue nicht einen Augenblick gewankt hatte, „Lhasa zu sehen, war uns nicht beschieden, aber am Leben sind wir noch, und wir haben allen Grund, dafür dankbar zu sein!“

In einiger Entfernung wandte ich mich im Sattel um und sah Kamba Bombo und seine Leute wie Mäuse auf dem Platze, wo unser Zelt gestanden hatte, umherschnuppern. Einige Stearinlichtstücke und Zigarettenstummel werden sie gewiß in der Überzeugung, daß sie es mit Europäern zu tun gehabt, noch bestärkt haben. Erst nachdem wir eine gute Stunde geritten waren, konnten wir die Lage überblicken und sehen, wie viele zu unserer Eskorte gehörten, denn bis dahin war bald der eine, bald der andere wieder umgekehrt, zuletzt unser Freund, der Dolmetscher, der die ganze Zeit über um Branntwein gebettelt hatte.

Unser Gefolge bestand aus zwei Offizieren, Solang Undü und Anna Tsering, einem Unteroffizier und 14 Soldaten mit Säbeln, Piken und Flinten (Abb. 258). Außerdem waren sechs Männer dabei, die keine Soldaten waren; sie hatten die Aufgabe, die Proviantpferde der Truppe zu führen und eine Herde von 10 Schafen zu treiben. Wir ritten ziemlich schnell und es war lustig, die Marschordnung der Tibeter zu beobachten. Sie ritten vor, hinter und neben uns und ließen uns keinen Augenblick aus den Augen; hätten sie es gekonnt, so wären sie auch wohl über und unter uns geritten, um uns zu verhindern, in den Himmel zu steigen oder in die Unterwelt zu fliehen!

Es war schon spät geworden, denn wir waren erst um 2 Uhr aufgebrochen. Wiederholt hielten die Tibeter an und schlugen vor, daß wir lagern sollten; sie beabsichtigten wahrscheinlich nicht, sich sehr zu beeilen. Doch jetzt war ich derjenige, welcher zu befehlen hatte, und ich ritt, ohne mich um unsere Lasttiere zu bekümmern, mit dem Lama und Schagdur bis in die Nähe des Sees Tso-nekk. Für unsere Habe hatten ja die Tibeter einzustehen versprochen, und sie ritten auch artig mit, ohne zu murren. In der Dämmerung lagerten wir. Sie hatten zwei schwarze Zelte, die sie auf jeder Seite des unserigen und ganz dicht neben diesem aufschlugen. Sobald das Lager in Ordnung war, wurden alle Tiere auf die Weide getrieben und dort von einigen Tibetern bewacht. Ich ging zu Solang Undü und Anna Tsering und aß mit ihnen zu Abend. Letzterer war ein außergewöhnlich liebenswürdiger, sympathisch aussehender junger Mann. Beide waren wie die meisten Tibeter bartlos, und Anna Tsering glich einem jungen Mädchen mit langherabhängenden schwarzen Haaren.

Abends ertönte eine Weile ein summendes, murmelndes Geräusch aus ihren Zelten; sie sprachen ihr Abendgebet. Der Lama erinnerte sich melancholisch desselben, wenn auch unendlich viel kräftigeren Summens von Lhasa her, wo in allen Tempeln stetig Gebete gesprochen werden und wo es wie in einem riesenhaften Bienenkorbe summt. Er würde es wohl nie wieder hören!

Die ganze Nacht goß es, wir aber schliefen ruhig und ungestört. Am Morgen standen alle Tiere, von ihren Wächtern dorthin gebracht, festgebunden an ihrem Platze. Doch alles war schwer und durchnäßt, und der Erdboden schlüpfrig und glatt. Während des Tages (11. August) regnete es jedoch nicht, obwohl der Himmel drohend aussah. Wenn die Sonne scheint, ist es beinahe drückend heiß, so daß es durch meine dünne Chinesenmütze brennt. Die meisten unserer Wächter tragen nur ein grobes Hemd, einen Schaffellpelz und Stiefel. Wenn die Sonne scheint, lassen sie Pelz und Hemd von dem rechten Arme und dem Oberkörper, die dann nackt bleiben, herabgleiten, sobald es aber kalt wird, schlüpfen sie wieder hinein. Das ist sehr bequem und praktisch.

Ihre kleinen, langhaarigen, feisten Pferde laufen ziemlich schnell und machen kleine, trippelnde Schritte. Sie sind jedoch oft ungeberdig, werfen ihre Lasten ab und gehen damit durch, bis diese an der Erde schleppen. Die Männer bringen jedoch bald alles wieder ins rechte Geleise, sind aufgeweckt und achtsam und, wie man sich denken kann, an Karawanenreisen gewöhnt.

Einer der Offiziere hatte einen gelben, langhaarigen, mit blauen Bändern und Schellen geschmückten Windhund mitgenommen. Ich riet ihm schon beim Aufbruch, das Tier lieber zu Hause zu lassen; er wollte aber den Hund durchaus mithaben. Wir waren auch noch nicht weit gekommen, als Jollbars sich über den Ärmsten hermachte und ihn schrecklich zurichtete. Blutend, hinkend und heulend, mußte der Hund von einem Reiter zurückgebracht werden. Vor unseren beiden Hunden hatten unsere Reisegefährten ganz gewaltigen Respekt. Sogar, wenn sie zu Pferde saßen, ritten sie sofort beiseite, wenn Jollbars in ihre Nähe kam, und auf den Lagerplätzen wagten sie nicht eher abzusteigen, als bis die Hunde angebunden waren.

Es war zum Sterben langweilig, denselben Weg wieder zurückzureiten, aber ich sehnte mich doch nach dem Hauptquartier zurück, um mit der ganzen Karawanenmannschaft neuen Erfahrungen entgegenzugehen. Ich zählte die Stunden und bezeichnete auf meinen schon fertigen Kartenblättern die Strecken, die wir an jedem Tage zurücklegten. Die tibetische Eskorte sorgte inzwischen für unsere Zerstreuung. Man kann sich nicht satt sehen an diesen Wilden, ihren malerischen Trachten und ihrer Art zu reisen, zu reiten, mit den Pferden umzugehen, zu rasten, zu lagern, Feuer anzumachen und Essen zu kochen. Abgesehen von den Offizieren sehen die anderen wie Straßenräuber aus (Abb. 259). Unterwegs haben mehrere ihre Zöpfe zusammengerollt unter die hohen, breitrandigen Hüte gesteckt. Ein paar Greise, Lamas, tragen das Haar kurzgeschoren; diese drehen während des Reitens unausgesetzt ihre Korle (Gebetmühlen) und murmeln unermüdlich in anschwellenden und abnehmenden, monoton singenden, einschläfernden Tönen ihr „Om mani padme hum“. Wir sind schon ganz intim mit ihnen, und die Bewachung ist weniger streng. Alle plaudern und lärmen und freuen sich sichtlich über die kleine Vergnügungsreise, die ihnen zuteil geworden ist. Schagdur ist von einer Gruppe Soldaten umgeben, mit denen er lustig scherzt. Sie lachen bis zum Ersticken über seine Versuche, die fremden Ausdrücke zu lernen und anzuwenden.

Solang Undü trägt über der Achsel ein rotes Zeugband, auf dessen Rückseite vier große silberne Gavo festgenäht sind, und am Gürtel Säbel, Messer, Feuerzeug, Tabaksbeutel, Pfeife und verschiedene andere Kleinigkeiten, die um ihn herumbaumeln und klappern. Unter diesen Utensilien befindet sich eine kleine Zange, mit der er sich wiederholt Barthaare, die sich zeigen, ausreißt; er ist auch völlig bartlos und sieht infolge der Runzeln, die sein Gesicht durchfurchen, wie ein altes Weib aus. Seinen Zopf hat er sorgfältig in ein rotes Tuch gewickelt und um den Kopf gewunden. Obendrauf thront der Filzhut mit einer großen Feder.

Nach dreieinhalbstündigem Ritt hielten die Tibeter an und fragten, ob wir etwas gegen eine Rast zum Teetrinken hätten. Meine beiden Reisegefährten stimmten für Weiterreiten, ich zog es aber vor, den Tibetern den Willen zu lassen, um ihre Reisegewohnheiten zu studieren. Sie sagten, sie hätten am Morgen noch kein Frühstück essen können, und der Appetit, mit dem sie die Speisen vertilgten, bestätigte ihre Worte.