Im Herzen von Asien. Zweiter Band.
Part 24
Die Nachtluft war so still, daß ich während meiner Wache das Licht in der Zelttür brennen lassen konnte. Von den nächsten Zeltdörfern ertönte Hundegebell. Der Himmel war halbklar, und der Mond schien teilweise.
Am Montag, 5. August, ritten wir 34 Kilometer nach dem Lager Nr. 53. Es ging nach Südsüdost, und bald kamen wir an das Westufer des +Tso-nekk+, wo hier und dort mehrere schwarze Zelte und große Viehherden zu sehen waren. Der Weg ging über drei Pässe.
Auf einer ziemlich ausgedehnten, überall von Bergen, die namentlich im Süden und Südosten ziemlich hoch waren, umgebenen Ebene, auf der wir zwölf schwarze Zelte zählen konnten, machten wir Halt. +Bis hierher sollten wir gelangen, aber nicht weiter!+ Wir waren gerade 270 Kilometer vom Hauptquartier entfernt, wo die Unseren mittlerweile wahrscheinlich in größter Unruhe über unser Schicksal schwebten.
Auf dem Ritte hatten wir uns darüber gewundert, daß unser Vorbeiziehen nirgends Aufmerksamkeit erregt und niemand sich uns genährt und uns angeredet hatte. Vor mehreren Zelten saßen Tibeter am Feuer, und Kinder spielten mit Lämmern und jungen Hunden. Auch hier an dem kleinen Bache, wo das Zelt aufgeschlagen wurde, zeigten sich keine Neugierigen. Wir fühlten uns völlig ungeniert, und es war uns natürlich viel lieber, von prüfenden Blicken und beobachtenden Besuchen verschont zu bleiben. Ich selbst hätte allerdings unsere Nachbarn gern in ihren Zelten besucht, hielt es aber für klüger, dies zu unterlassen.
Nach gründlichem Rasieren, Einfetten und Schminken und nach eingenommenem Mittagsessen legte ich mich schlafen. Bei Einbruch der Dunkelheit kam Schagdur, weckte mich und teilte mir mit, daß sich drei Tibeter im Zwielicht unserem Lager näherten. Der Lama und er gingen ihnen entgegen, während ich zurückblieb. Es war ganz dunkel geworden, ein leichter Sprühregen fiel, und der Himmel war bewölkt, ich konnte beim besten Willen weder unsere Tiere noch die Männer unterscheiden.
Meine Begleiter blieben lange fort, und ich fing beinahe schon an, mich ihretwegen zu beunruhigen, als Schagdur endlich zurückkehrte. Er war ruhig wie immer, aber schon, daß er mich auf russisch anredete, zeigte, daß er der Überbringer ernster Nachrichten war.
„+Es sieht schlimm für uns aus!+“ sagte er. „Ich verstand kein Wort von dem, was geredet wurde, hörte aber unaufhörlich die Worte Schwed-peling, Tschanto (Muselmann), Burjate und Lhasa durcheinander. Sie sitzen jetzt und reden, der Lama weint beinahe, ist außerordentlich demütig und verbeugt sich unausgesetzt.“
Dann eilte der Lama, aufgeregt und erschüttert, zu uns. Er mußte sich erst eine Weile beruhigen, ehe er sprechen konnte, und dann kam es stoßweise heraus, in zitterndem Ton und in abgebrochenen Sätzen.
Einer der drei Männer war, nach der Kopfbedeckung zu urteilen, ein „Noijin“ (Häuptling, Offizier). Er war höflich aufgetreten und recht liebenswürdig gewesen, hatte aber doch in streng befehlendem, bestimmtem Tone, der keinen Widerspruch duldete, gesprochen. Sein Blick aber war, wie der Lama sagte, tückisch gewesen.
Der Häuptling hatte berichtet, es sei vor drei Tagen bekannt geworden, daß ein „schwedischer Europäer“ (Schwed-peling) nach Lhasa unterwegs sei, und einige Yakjäger, die kürzlich in Nakktschu eingetroffen seien, hätten erzählt, daß eine Menge stark bewaffneter Europäer, Besitzer einer großen Karawane, von Norden über die Gebirge zögen.
Nun waren dem Lama tausend Fragen um die Ohren gehagelt. Ob er etwas von diesen Europäern wisse, ob einer von ihnen unter uns sei, wieviele wir selbst seien, wieviele Tiere wir hätten, ob wir Waffen besäßen; woher wir seien, wohin wir gingen, weshalb wir diesen versteckten Weg gewählt hätten, der von Mongolen sonst nie eingeschlagen werde. „Rede nur die Wahrheit“, hatte es geheißen, und „Wie kannst du, ein Lama, diese unbekannten Fremdlinge begleiten?“
Darauf hatte der Lama erwidert, der Amban von Kara-schahr habe ihm befohlen, der europäischen Karawane bis Ladak als Dolmetscher zu dienen. Die Karawane sei neun Tagereisen von hier im Gebirge liegengeblieben, und wir drei Pilger hätten die Erlaubnis erhalten, während die Tiere sich kräftigten, Lhasa zu besuchen.
Der Häuptling hatte in betreff des Hauptquartiers sehr genaue Fragen gestellt, und der Lama hatte korrekte Auskunft erteilt, da er es für möglich gehalten, daß bereits alles ausspioniert sei. Er hatte erzählt, wieviele Lasttiere wir hatten und daß uns dort drei Europäer und vierzehn Muselmänner erwarteten.
Der Beschluß des Häuptlings hatte gelautet: „Ihr bleibt morgen hier! Ich komme dann in euer Zelt, und wir werden miteinander reden. Ich werde für einen mongolischen Dolmetscher sorgen, der mit den beiden anderen sprechen kann. Braucht ihr Lebensmittel oder Pferde und Yake, so werden wir das morgen besprechen.“
Es war schon spät, und wir saßen, nachdem wir unsere Pferde und Maulesel wie gewöhnlich festgebunden hatten, noch lange in eifrigem Gespräch an dem im Zelte brennenden Feuer. Zunächst bereiteten wir uns auf das uns morgen bevorstehende Verhör vor; Schagdur bestand mit großer Energie darauf, daß der Lama dann nur als Dolmetscher sprechen solle.
Was mich am meisten interessierte, war, zu erfahren, woher sie das Wort „Schwed-peling“ hatten. Es war denkbar, daß durch die englischen Zeitungen in Indien irgendein Gerücht nach Tibet gedrungen sein konnte. Aber „Schwed“ konnte nichts anderes sein als das russische „Schwed“, Schwede. Sollte die große mongolische Pilgerkarawane, die im Herbst 1900 unser Hauptquartier in Temirlik passierte, dieses Wort aufgeschnappt haben? Damals hatte nicht einmal einer der Kosaken eine Ahnung von meinen Plänen gehabt, und es ist sehr wahrscheinlich, daß die Mongolen, die mit Schagdur und Tscherdon in ihrer eigenen Sprache gesprochen, sich erkundigt hatten, ob ich ein Russe oder ein Engländer sei, und die Antwort erhalten hatten, ich sei ein „Schwed“, welches Wort sich nicht ins Mongolische übersetzen ließ. Diese Pilger haben alles, was sie erfahren hatten, in Lhasa gemeldet, wohlwissend, daß ihnen jede Warnung vor ungebetenen Gästen zum Verdienst gereichen würde. Die Yakjäger, die wir beim Lager Nr. 38 getroffen, hatten die Meldung von dem Vorhandensein und Herannahen der europäischen Karawane bestätigt.
Eine dritte Möglichkeit ist, daß der Lama während des abendlichen Gesprächs mit dem Häuptling derjenige gewesen sein kann, der sich zuerst dieser Bezeichnung bedient hat, -- es war das erste und sicher auch das letzte Mal in meinem Leben, daß ich nicht stolz darauf gewesen bin, ein Schwede zu heißen! In solchem Falle war der Lama ein Verräter, und Schagdur sagte mir auch, daß er unter keiner Bedingung auf ihn bauen würde. Sein Benehmen während der Unterredung sei ihm zu sonderbar vorgekommen, und seine Reden hätten die ganze Zeit über einen zustimmenden Eindruck gemacht.
Allerdings war das Ganze eine mysteriöse Sache. Gewiß ist, daß ihnen das Wort „Schwed“ auf irgendeine Weise zu Ohren gekommen war, aber ohne daß sie wußten, was es bedeutete. Es wurde jedoch durch das Wort „Peling“ verdeutlicht, welches Europäer heißt und wohl von dem persischen „Fereng“ oder „Ferengi“ ins Tibetische übergegangen sein mag.
Ich konnte mit dem besten Willen nicht die Überzeugung gewinnen, daß der Lama ein Verräter sei. Ich konnte es weder damals noch später. Der kleine Schein von Verdacht, der einen Augenblick auf ihn fiel, verschwand bald, und ich ließ ihn nie auch nur mit einem Worte ahnen, daß von solchem Verdacht überhaupt die Rede gewesen war. Vielleicht bewies er mir dafür während der langen Reise bis Astrachan eine Anhänglichkeit und Treue, die danach strebte, einen Augenblick der Schwäche abzubüßen und die Erinnerung an eine Feigheit auszulöschen, die mich bloßgestellt hatte, ihm aber einen Rückzug sicherte?
+Eine+ Sache sprach durchaus zu seinen Gunsten, und das war, daß es ebensosehr in seinem eigenen wie in unserem Interesse lag, die Kette von Wachtposten und Spähern, die alle von Norden nach Lhasa führenden Wege bewachte, ~incognito~ zu durchbrechen. Denn wurden wir entdeckt und festgenommen, so war seine Lage viel schlimmer als die unserige. Hielt ich es für geraten, die Maske zu lüften und mich als Europäer zu erkennen zu geben, so würde keiner es wagen, mich auch nur anzurühren, aber der Lama, der wissentlich einen verkleideten Europäer begleitet hatte, würde hierfür zur Verantwortung gezogen und vielleicht zu Tode gemartert werden. Daher glaube ich nicht, daß er uns den Tibetern preisgegeben hat.
Daß man uns vor dem Abend des 5. August schon erwartete, ist höchst wahrscheinlich. Bei einem Zelte hatte ein Mann gefragt, ob wir unterwegs Europäer gesehen hätten, und einer von den Leuten der Teekarawane hatte mich ja einfach „Peling“ genannt.
Die Stunden vergingen, und meine Nachtwache schrumpfte zu kurzer Zeit zusammen. Ich freute mich wirklich, daß ich einen Ruhetag vor mir hatte und daß unsere unsichere Lage jetzt ein Ende nehmen würde. Daß uns etwas bevorstand, war klar; aber was? Wenn je, so waren wir jetzt mitten in einem Abenteuer, und jetzt sollten wir unser Urteil hören.
Da wir auf allen Seiten so viele Nachbarn hatten, meinten wir, uns einigermaßen gegen einen Überfall gesichert fühlen zu können, aber -- keiner konnte wissen, was das für Leute waren, und einstweilen war es noch das Klügste, die Augen offenzuhalten. Die Tiere blieben daher festgebunden, und der Wachtdienst wurde gewissenhaft verrichtet.
Die ganze Nacht bellten die Hunde in den Nomadenlagern ringsumher. Der Lama glaubte, daß die Nomaden von Zelt zu Zelt gingen, von uns und unserer Ankunft sprachen und sich auf etwas vorbereiteten. An mehreren Stellen sah man Feuer durch das nächtliche Dunkel lodern.
Siebzehntes Kapitel.
In Gefangenschaft der Tibeter.
Am 6. August sollte sich unser Schicksal entscheiden. Schon gleich nach Sonnenaufgang besuchten uns drei Tibeter, aber andere als die gestrigen Inquisitoren. In gebührender Entfernung banden sie ihre Pferde, indem sie ihnen mit einem Stricke die Vorderbeine zusammenschnürten, nahmen dann am Feuer Platz und stopften ihre Pfeifen mit hellem, trockenem, feinkörnigem Tabak von wenig aromatischem Duft. Ihr eigentliches Anliegen schien Untersuchung meiner Augen zu sein, denn sobald ich mich zwischen zweien von ihnen niedergelassen hatte, baten sie mich, meine schwarze Brille abzunehmen. Nun hatten sie wohl gedacht, daß alle Europäer blond sein und blaue Augen haben müßten, denn sie konnten ihre Verwunderung darüber, daß meine Augen ebenso rabenschwarz waren wie ihre eigenen, nicht unterdrücken. Sie waren sichtlich „betroffen“, nickten mir freundlich zu und sprachen schnell und eifrig miteinander.
Ihre Bitte, unser Arsenal sehen zu dürfen, wurde mit dem größten Vergnügen bewilligt, da unsere Waffen ihnen ohne Zweifel imponieren würden. Schagdur beschrieb sein Magazingewehr, und ich den Offizierrevolver. Als wir ihnen zeigten, wie die Patronen eingeschoben wurden, schüttelten sie den Kopf und baten uns, unsere Mordwaffen wegzulegen.
Bald darauf hielten sie es für das Sicherste, sich zurückzuziehen. Doch teilten sie uns vorher noch mit, daß es von hier bis Lhasa eine Reise von drei Monaten sei, -- um uns gründlich vom Weiterziehen abzuschrecken, möglicherweise aber auch in der Hoffnung, daß wir dadurch bewogen würden, freiwillig umzukehren. Ich bat den Lama, ihnen zu sagen, daß es uns nicht eingefallen sei, uns darüber Auskunft zu erbitten, da wir im Lande reichlich so gut Bescheid wüßten wie nur einer von ihnen (Abb. 253). Sie gingen langsam, vorsichtig und -- rückwärts zu ihren Pferden und führten diese, bis sie sich außer Schußweite glaubten; anscheinend waren sie der Meinung, daß wir unsere Flinten an ihnen erproben würden.
Dann wurden wir eine halbe Stunde in Ruhe gelassen. Hierauf erschienen vier Männer, die sich unserem Zelte zu Fuß näherten. Drei von ihnen hatten langes schwarzes Haar, sahen schmutzig aus und waren mit Säbeln und Pfeifen versehen, der vierte aber war ein hochgewachsener, kurzgeschorener, grauhaariger Lama in rotem Gewande mit gelber Mütze. Er machte den Eindruck eines wackeren Mannes; eines solchen bedurften wir gerade unter den jetzigen mißlichen Verhältnissen zur Verhandlung. Er musterte mich durchaus nicht mit indiskreten Blicken und erlaubte sich keine dreisten Fragen. Das einzige, was er wissen wollte, war die Stärke unseres Hauptquartiers, und darüber wurde ohne Umschweif Bericht erstattet.
Der alte Mann, der ein erfahrenes, respektables Aussehen hatte, erklärte mit verblüffender Sicherheit:
„Ihr müßt drei oder höchstens fünf Tage hierbleiben. Heute früh haben wir Kuriere an den Gouverneur von Nakktschu geschickt und angefragt, ob ihr weiterreisen dürft oder nicht. Als Antwort auf unser Schreiben trifft entweder ein Brief mit Verhaltungsbefehlen ein oder Kamba Bombo, der Gouverneur, kommt selbst, und bis dahin seid ihr in jedem Falle unsere Gefangenen. Es würde uns das Leben kosten, wenn wir euch hier durchließen und es sich nachher herausstellte, daß ihr Leute seid, die zu der Reise nach Lhasa nicht berechtigt sind. Der Gouverneur von Nakktschu ist unser nächster Vorgesetzter, dem wir zu gehorchen haben, und wir müssen seine Befehle einholen.“
Mein Vorschlag, durch einen besonderen Kurier in Lhasa anfragen zu lassen, wurde verworfen, da es einen Monat dauern könne, bis die Antwort käme. Ebensowenig Lust hatten sie, auf meinen Vorschlag, daß wir selbst nach Nakktschu reiten könnten, einzugehen. Wahrscheinlich sagten sie sich, daß wir, einmal in Freiheit, Nakktschu vermeiden und nach Lhasa weiterreiten würden. Alle Unterhandlungen waren unnötig; sie wußten, was ihnen zu tun oblag, und wir waren in ihrer Gewalt.
Daß wir zu der großen Karawane, die von Norden gekommen war, gehörten, war ihnen klar, ebenso erkannten wir deutlich, daß sie damit bereits vertraut waren und uns nur auf die Glaubwürdigkeit unserer Aussagen prüfen wollten.
Inzwischen kaufte uns der Alte eine Teetasse ab und teilte uns mit, daß uns alles, dessen wir bedürften, zur Verfügung gestellt werden würde.
Im Laufe des Gesprächs erwähnte der Greis seinen Rang als Lama, was unserem guten Schereb Lama sichtlich außerordentlich imponierte, denn er erhob sich, drückte seine Handflächen gegeneinander und berührte die Stirn des Alten mit der seinen. Von beiden Seiten wurden die gebräuchlichen Höflichkeitsbezeigungen beobachtet und mit Versicherungen von Freundschaft und Achtung nicht gegeizt. Nach einer Weile entfernten sich auch diese Gäste.
Jetzt glaubten wir, daß man uns für heute in Frieden lassen werde; doch schon nach ein paar Minuten ereignete sich etwas, das uns mit der größten Unruhe erfüllte. Von allen Seiten versammelten sich bei dem kleinen Zeltlager, das einen Kilometer von dem unsrigen aufgeschlagen war, kleine Gruppen von Reitern, die bis an die Zähne mit Spießen, Lanzen, Säbeln und langen, schwarzen Gabelflinten bewaffnet waren (Abb. 254). Einige trugen hohe, weiße Filzhüte mit Krempen, andere dunkle Binden, und alle waren sie in Mäntel gehüllt, die braun, rot, schwarz oder grau waren. Sie sahen wie richtige Banditen aus, waren aber entschieden Soldaten, die mobilgemacht wurden, um das südliche Tibet gegen unseren drohenden Einfall zu verteidigen. Woher kamen sie, wie hatten sie so schnell bereit sein können? Sie schienen wie Pilze aus der Erde zu schießen; es wurde ganz schwarz um die Zelte herum, und wir konnten eine Kavallerietruppe von 53 Mann zählen. Sie berieten sich unter lebhaften Gesten, saßen ab, schlugen ein großes, weißes Zelt auf und ließen sich in einzelnen Gruppen an den Feuern nieder, uns drei arme Pilger schienen sie aber nicht weiter zu beachten.
Mit der größten Spannung beobachteten wir sie durch das Fernglas. Der Lama war sehr niedergeschlagen und glaubte, man habe die Absicht, uns umzubringen. Freilich kamen wir uns einer solchen Übermacht gegenüber begreiflicherweise alle drei recht ohnmächtig vor, aber ich glaubte doch, daß es, falls wirklich die Absicht uns zu töten vorlag, hierzu nicht eines so großen Truppenaufwandes bedürfte und es sich überdies auch viel besser durch einen nächtlichen Überfall bewerkstelligen ließe.
Der Tag war regnerisch und rauh, und manchmal verhüllten Nebel und Regen die Aussicht. Wir wunderten uns und besprachen uns über die Bedeutung der Maßnahmen der Tibeter. Wie als Antwort auf unsere Fragen führten sie jetzt eine Bewegung aus, die nicht geeignet war, uns zu beruhigen. Nachdem sieben Reiter in schnellem Trab nach Osten, wahrscheinlich nach Nakktschu, und zwei nach der Seite von Lhasa fortgeritten waren, sprengten die übrigen in dichtem Haufen über die Ebene des Kesseltales gerade auf unser Zelt los. Einen Augenblick sah ich unsere Lage wirklich für mehr als kritisch an. Wir hielten daher unsere Waffen bereit und saßen oder standen am Eingange unseres Zeltes. Die Tibeter schwangen ihre Lanzen und Speere über dem Kopfe und heulten wie die Wilden (Abb. 255); sie stürmten einher wie zu einem Reiterangriff, die Hufe der Pferde klappten auf dem durchnäßten Boden, und der Schmutz spritzte von der rasenden Bewegung nach allen Seiten. Einige Männer schwangen ihre Säbel und schienen Kommandorufe auszuteilen.
Die Schar war nicht mehr weit vom Zelt entfernt, als die Reiter ihre Pferde herumwarfen, teils nach rechts, teils nach links, um in zwei Gruppen nach dem Ausgangspunkt zurückzukehren. Dasselbe Manöver wurde ein paarmal wiederholt, und einige kleinere Gruppen umkreisten unseren Lagerplatz. Es lag entschieden die Absicht vor, uns gebührenden Respekt einzujagen, was uns um so klarer wurde, als sie wieder absaßen und mit ihren langen schwarzen Gabelflinten nach der Scheibe zu schießen begannen.
Um 2 Uhr wurde uns noch eine Vorstellung gegeben. Die Tibeter saßen wieder auf, wickelten sich in ihre Mäntel und ritten, während der Regen in dicken Strahlen auf die Erde fiel, nach Nordwesten, d. h. nach der Seite, von der sie gekommen waren. Jetzt wurde ich wirklich unruhig und fürchtete, daß sie beabsichtigten, das Hauptquartier zu überfallen, während wir von ihm abgeschnitten waren, und ich empfand große Sehnsucht, zu den Unsrigen zurückzukehren.
Nachdem das Feld geräumt war und wir wenigstens in unserer unmittelbaren Nähe wieder Ruhe hatten, tauchten zwei Nomaden auf, die uns vom nächsten Zeltdorfe Fett und saure Milch brachten und erklärten, daß ihr Häuptling ihnen verboten habe, sich dafür bezahlen zu lassen. Als wir ihnen eine Porzellantasse schenken wollten, sagten sie, daß sie das Geschenk ohne Erlaubnis des Häuptlings nicht annehmen könnten, kamen aber später mit dem Bescheid wieder, daß ihm der Tausch recht sei.
Auf diese Weise sorgten unsere Nachbarn den ganzen Tag für unsere Unterhaltung. Die letzten und ausdauerndsten waren jedoch vier Männer, die uns gegen 3 Uhr besuchten. Einer von ihnen war ziemlich frech und untersuchte alle umherliegenden Sachen. Dabei kam ein Kompaß zum Vorschein, der bei ihm großes Interesse erregte. Er fragte, was das sei, und erhielt eine genaue Beschreibung, wobei er sagte:
„Freilich, freilich, solche haben die Chinesen auch.“
Ein paarmal zeigte er auf mich und erklärte:
„Der da ist kein Burjate.“
Er war außergewöhnlich zudringlich und fragte, wie es komme, daß wir diese kleine Seitenstraße eingeschlagen hätten, statt dem großen Pilgerwege zu folgen.
„Wißt ihr nicht, daß es euch den Kopf kosten kann, daß ihr diesen Weg gegangen seid? Alle, die auf diesem Wege nach Lhasa gehen, werden hingerichtet.“
Der Lama versuchte die Situation zu retten, indem er erklärte, daß wir die große Karawane vom Lop-nor an begleitet hätten und es unsere Absicht sei, von hier nach Lhasa zu gehen. Der Mann erwiderte darauf, daß nur der Gouverneur von Nakktschu die Erlaubnis dazu erteilen könne.
Im übrigen waren sie freundlich und ungezwungen und versprachen uns morgen allerlei Lebensmittel zu schenken. Als wir diese lästigen Spione gar nicht loswerden konnten, gingen wir ins Zelt und legten uns schlafen. Aber nicht einmal das half. Der Himmel war wieder dunkel und die Wolkendecke dichter geworden, und als wieder ein Platzregen herabströmte, krochen sie alle vier in das Zelt, wo wir es selbst unter gewöhnlichen Verhältnissen ziemlich eng hatten. Erst in der Dämmerung gingen sie ihrer Wege.
Der Regen stürzte hernieder, mit Hagel und Schnee untermischt. Der Boden war da, wo das Zelt stand, ein wenig abschüssig, und ein kleiner Bach bildete sich zwischen den Zeltstangen längs der Filzdecke, auf der ich lag. Wir mußten in die Nässe hinaus und Kanäle graben, um nicht ganz überschwemmt zu werden.
Wir saßen dann noch bis 10 Uhr plaudernd und rauchend bei unseren Holznäpfen mit saurer Milch. Ein kleines Talgflämmchen verbreitete ein schwaches Licht in unserer ungemütlichen Wohnung. Eintönig schlug der Regen auf das Zelttuch. Draußen war es so finster wie in einem Sack, und die Hunde waren verdrießlich über das schlechte Regenwetter. Infolge der Versicherungen des alten Lamas ließen wir unsere Tiere diese Nacht ohne Aufsicht draußen umherlaufen. Ich sagte mir, daß keiner Lust haben würde, uns der Möglichkeit zu berauben, das Land zu verlassen; es lag ja in ihrem eigenen Interesse, uns möglichst schnell loszuwerden. Doch als er uns angeboten hatte, vier Wächter vor unser Zelt zu stellen, hatten wir uns für solche Auskundschafterei bedankt. In weiterer Entfernung wurden wir jedoch von -- wie wir später hörten -- 37 Wachtposten bewacht! Nachts sah man, besonders auf dem Wege nach Lhasa, die Lagerfeuer derselben schwach durch den Regennebel leuchten.
Jetzt schliefen wir alle drei gleichzeitig, ohne uns um die Tiere oder den Regen zu kümmern. Die Müdigkeit infolge des forcierten Rittes machte sich geltend. Ich wurde bei Tagesanbruch durch das Stimmengewirr der ersten heute zu Besuch kommenden Tibeter geweckt. Im Laufe des Tages (7. August) kamen sie gruppenweise, so daß wir kaum eine halbe Stunde allein sein konnten. Beständig tauchen neue Gesichter auf, und selten kommt derselbe Mann zweimal. Es ist, als würde die Wache beständig abgelöst. Nur der Dreiste von gestern machte uns auch heute einen Besuch und schenkte uns einen Napf voll saurer Milch, einen Sack voll trocknen, vortrefflichen Argols und einen Blasebalg, der uns besonders nötig war.
Ein anderer Tibeter blieb volle drei Stunden bei uns, trank Tee und aß Tsamba mit uns, rauchte und tat, als sei er hier zu Hause. Sein Gesicht war von einem förmlichen Urwalde schwarzer, zottiger Haarsträhnen ohne eine Spur von Ordnung umgeben. Die „Locken“, die die Augen verdecken, sind gestutzt und tragen keineswegs zur Verschönerung des Ganzen bei; ein Teil des Nackenhaares ist jedoch in einen Zopf geflochten. Dieser ist unten mit einem mit Perlen oder gefärbten Steinen besetzten Bande zusammengebunden und mit einem oder mehreren „Gavo“ oder Götzenbilderfutteralen geschmückt. Beim Reiten wird der Zopf um den Kopf oder Hut gewunden.
Dieser Mann, der nicht wieder gehen wollte, verriet uns zu deutlich, daß er ein Spion war, der den Auftrag erhalten hatte, uns in der Nähe zu beobachten. Er war aufrichtig genug, uns zu bitten, über Nacht nicht durchzubrennen, da es ihm sonst das Leben kosten würde. Nach Lhasa seien es noch fünf Tagereisen, sagte er. Doch gibt es dorthin entschieden auch eine organisierte reitende Post mit Pferdewechsel, denn wir machten später ausfindig, daß ein dorthin gesandter Eilbote in zwei Tagen Antwort brachte, also einen Tag bis Lhasa und einen Tag von Lhasa gebraucht hatte. Das Tal, in dem wir uns befanden, hieß +Dschallokk+ und der uns im Westen zunächstliegende Berg +Bontsa+.