Im Herzen von Asien. Zweiter Band.
Part 23
Erbarmungslos und grausam senkte sich die Nacht über die Erde herab, und der Mond fand keine Gelegenheit, auch nur den allerflüchtigsten Blick auf Tibets naß geregnete Gebirge zu werfen. Ich war nach vier Stunden mit der gewissenhaften Verrichtung meines verantwortungsvollen Nachtdienstes fertig. Kalt und düster, windig und dunkel war es, und es regnete immerzu. Das Zelttuch flattert und schlägt wie ein im Winde schwellendes Segel; ich glaube schleichende Schritte oder herangaloppierende Reiter zu hören. Von zwei verschiedenen Seiten schallen Rufe durch die Nacht. Vielleicht nähern sich die Kum-bum-Pilger; aber nein, diese waren gewiß nicht so verrückt wie wir, jetzt über den Satschu-sangpo zu reiten.
Man wird nervös von der Nachtwache und dadurch, daß der Tag ebenso reich an Spannung ist wie die Nacht. Jetzt ist es kein Geheimnis mehr, daß wir unterwegs sind; wir sind bereits mit den ersten Tibetern zusammengetroffen. Unsere Lage wird mit jedem Tage kritischer; unter wechselnden Geschicken und ungewissen Schicksalen entgegen geht unser Weg immer tiefer in dieses geheimnisvolle Land hinein. Wir nähern uns langsam und sicher dem Ziele, aber müde sind wir; ich sehne mich beinahe danach, irgendwie festzusitzen, damit wir ausschlafen können.
Ich glaubte freilich, daß jetzt, nachdem wir zwei schwere Proben, den Räuberüberfall und den Satschu-sangpo, überstanden hatten, das Glück unsere Reise begünstigen und uns Lhasa erreichen lassen müßte. Es war wie in einem Märchen, wo der Held erst durch Feuer und Wasser gehen muß, ehe er den Preis gewinnt und das erträumte Ziel erreicht.
Auch in dieser Nacht rissen sich einige Tiere während meiner Wache los, und es dauerte ziemlich lange, bis sie wieder eingetrieben waren. Meine beiden Reisegefährten lagen in schwerem Schlaf in unserer nassen Höhle. Der Lama ist jedoch guten Mutes und sieht unsere Aussichten in hellem Lichte, was man ihm, der anfangs durchaus nicht mitwollte, wirklich nicht hätte zutrauen können. Schagdur ist ruhig und ernst. Beide sind prächtige Menschen, gerade solche Leute, wie man sie um sich haben muß, um sich sicher zu fühlen, und deren man bedarf, wenn ein derartiges Abenteuer nicht ein Ende mit Schrecken nehmen soll.
In dieser Mitternachtstunde wartete ich keine Minute über 12 Uhr mit dem Wecken, sondern rüttelte Schagdur unbarmherzig wach; er kroch in das Regenwetter hinaus, nachdem er seine Flinte untersucht hatte, während ich in unser klägliches Nest schlüpfte. Er war zu schlaftrunken und ich zu schläfrig, um zu reden; ohne ein Wort auszutauschen, wechselten wir den Platz.
Sechzehntes Kapitel.
In kritischer Lage.
Der Lama benutzte am 2. August seine Nachtwache, um aus einer Konservendose eine „Lampe“ herzustellen; den Docht drehte er aus einem Seilende, und die Flamme wurde mit Schaffett genährt. Anderes Feuer spendierten wir uns an diesem Morgen nicht. Heute blieben wir merkwürdigerweise während des Marsches vom Regen verschont; der Himmel sah allerdings drohend aus, klärte sich aber gegen Abend auf und ließ die ersehnten Strahlen der Sonne durch.
Unsere armen Tiere sind zu erschöpft, um mehr als 25 Kilometer zurücklegen zu können. Die beiden Pferde sind ganz zu Ende, und zwei Maulesel haben wundgescheuerte Stellen auf dem Rücken.
Die Landschaft war wenig abwechselnd. Wir steigen durch das Tal des Lagerbaches zu einem kleinen Passe hinauf. Rechts von unserem Wege erscheint in einer Entfernung von einigen Kilometern ein schwarzes Zelt, um welches herum etwa 20 Yake und 400 Schafe weiden. Über ein Gewirr von Hügeln gelangen wir wieder auf offenes Terrain, das recht bequem zu überschreiten gewesen wäre, wenn nicht der Regen das Erdreich so aufgeweicht gehabt hätte. Hohe Bergrücken sieht man gar nicht, aber man kann sich darin auch täuschen, weil dunkle Wolken über allen Kämmen schweben.
Vor uns im Südosten unterscheiden wir ganz in der Ferne etwas Schwarzes, dem wir uns langsam nähern. Es stellt sich heraus, daß es eine Yakherde ist, deren Spur wir eine gute Weile gefolgt sind. Als wir näherkamen, fanden wir, daß sie zu einer Karawane gehörte, die auf einem Hügelabhange neben dem Wege lagerte. Um eine unterhalb desselben rieselnde Quelle herum war das Gras gut, und hier hatten sich die 300 Lastyake zerstreut.
Die Männer, 25 an der Zahl, saßen unter freiem Himmel um ihr Feuer herum; Zelte hatten sie nicht. Die Last war in einem Dutzend Haufen aufgestapelt und bestand aus in Sackleinwand eingenähten Ziegelteestücken, die aus der Gegend von Kum-bum nach Taschi-lumpo am Brahmaputra befördert werden sollten. Die Karawane wollte daher bald nach rechts, d. h. nach Süden, von der Straße nach Lhasa, die andauernd die Richtung nach Südosten beibehält, abbiegen. Sie marschiert nur nachts, bei Tag liegt sie still, um die Tiere weiden zu lassen. Das ist gewiß eine ausgezeichnete Art zu reisen, wenn man den Weg kennt und keine Karte zu zeichnen braucht! Eine Schar bissiger Hunde, die uns anfiel, wurde von Jollbars und Malenki auf eine Weise empfangen, die sogar den Besitzern Respekt einflößte. Als wir in größter Ruhe an ihren Teestapeln vorbeiritten, kamen mehrere Leute nach der Straße herunter, um uns genauer zu betrachten, und da hielten wir. Bei allen war der braungebrannte Oberkörper völlig nackt, und der von der Leibbinde festgehaltene Pelz hing vom Rücken herunter. Ihre erste Frage war: „Wie viele seid ihr?“, als wollten sie sich vor allem vergewissern, wer im Falle eines Handgemenges die größte Aussicht hätte, Sieger zu bleiben. Dann fragen sie, ob man Waren zu verkaufen habe, woher man komme, wie lange man unterwegs sei und wohin man wolle, und als sie erfahren, daß wir nach Lhasa gehen, finden sie es ganz natürlich, daß wir nach dem heiligen Orte pilgern. Ich hörte jedoch einen Mann, der seinen nächsten Nachbarn anstieß und dabei auf mich zeigte, das Wort „Peling“ sagen, welches Europäer bedeutet.
Sie sahen wie leibhaftige Strolche aus, und einige von ihnen waren geradezu abschreckende Erscheinungen (Abb. 250, 251, 252). Infolge der schmutzigbraunen Hautfarbe und des üppigen, schwarzen, oft in zwei Flechten herabhängenden Haares erinnern sie an Indianer. Einer von ihnen verstand etwas Mongolisch und fragte gemütlich: „Ämur sän bane?“ (Ist eure Gesundheit gut?). Die meisten blieben bei den Feuern, wo sie, ohne uns die geringste Beachtung zu schenken, als hätten sie schon oft Pilger vorbeiziehen sehen, Tee aus Holzschalen tranken und ihre Pfeife rauchten. Zwei von den anderen forderten uns auf, hierzubleiben und uns zu ihnen zu gesellen. Es war uns aber nicht um solche Nachbarschaft zu tun, und nachdem wir uns einige Minuten mit ihnen unterhalten hatten, ritten wir weiter.
Mein Pferd war jedoch so schlecht, daß es mit den Mauleseln nicht Schritt halten konnte, und nach nur wenigen Kilometern mußten wir daher an einer Quelle auf freiem Feld etwa einen Steinwurf südlich vom Wege Halt machen. Der Weg hatte sich während dieser Tagereise zu einer großen Landstraße entwickelt, deren schlechter Zustand von recht lebhaftem Verkehre zeugte.
Der Abend war herrlich. Die Sonne schien ordentlich heiß, und wir breiteten alle unsere Kleidungsstücke, Pelze und anderen Sachen zum Trocknen aus, wobei eine leichte Süstostbrise half. Das Zelt trocknete am besten in aufgeschlagenem Zustande; die Sattelkissen wurden bald mit der einen, bald mit der anderen Seite in die Sonne gelegt.
Der Lama brachte seine Patentlampe, auf der das Abendessen gekocht werden sollte, in Ordnung. Lange hatten wir jedoch noch nicht gesessen, als wieder ein Gewitter mit betäubenden Donnerschlägen heraufzog, und ein ungeheuer heftiger Hagelschauer das Zelt beinahe zu Boden schlug. Die meisten Donnerschläge riefen einen eigentümlichen, metallischklingenden Ton hervor, der langsam in der Ferne erstarb und dem Klange einer Kirchenglocke glich. Ich habe dergleichen noch nie gehört.
Wir blieben an diesem Abend noch lange auf, plauderten und berieten uns über unsere Lage. Wenn wir nur Gelegenheit hätten, unsere Tiere durch einen ehrlichen Tausch loszuwerden, dann würden wir mit den neuen wieder lange Tagemärsche machen können. Ja, es wäre sogar noch besser, Yake zu haben als unsere erschöpften Maulesel und Pferde, und wir beschlossen, uns bei der nächsten Gelegenheit Yake zu verschaffen.
Während der letzten Tage war in unserer Nähe nichts Verdächtiges vorgefallen, aber der Lama glaubte, daß die Yakjäger den Gouverneur von Nakktschu benachrichtigt hätten, der in diesem Falle sogleich Eilboten in alle Teile seiner Provinz mit dem Befehle schicken würde, daß auf allen nach Lhasa führenden Wegen Ausguck zu halten sei. Kämen wir nur erst in die dichter bewohnten Gegenden, wo die Leute an Pilger gewöhnt seien, so würden wir nicht länger besondere Aufmerksamkeit erregen.
Nachts wurde strenge Wache gehalten, denn die mit mindestens zehn Flinten bewaffnete Eskorte der Teekarawane sah nichts weniger als vertrauenerweckend aus. Hätten sie es gewollt, so hätten sie uns in der Dunkelheit überrumpeln können, und wir wären in verzweifelter Lage gewesen.
Obwohl es im höchsten Grade wünschenswert war, daß wir uns so sehr wie nur irgend möglich beeilten, ehe unser schleichender Zug auffiel, beschlossen wir dennoch, am 3. August in dieser Gegend, welche die Tanguten +Amdo-motschu+ nannten, zu bleiben. Ihrer Meinung nach hatte eine Yakkarawane von hier noch fünf Tagereisen bis Nakktschu und sieben bis Lani-la.
Nach einer ruhigen Nacht wurde ich von meinen Reisegefährten um 9 Uhr geweckt, -- es war zu herrlich, einmal wirklich ausschlafen zu dürfen! Sie sagten, die Teekarawane ziehe heran und sei wirklich sehenswert.
Es war auch in der Tat ein höchst origineller, malerischer Anblick. Die Karawane zog in militärischer Ordnung vorbei, und es dauerte eine geraume Zeit, bis die letzten unser Zelt hinter sich hatten. Sie marschierten in verschiedenen Abteilungen von je 30 oder 40 Yaken, und jede solche Gruppe wurde von ein paar Leuten getrieben. Die Yake gingen langsam, mit kleinen, trippelnden Schritten, beobachteten aber eine vorzügliche Ordnung und machten den Leuten, die sie durch scharfe Pfiffe und kurze, abgerissene, gellende Rufe antrieben, nicht allzuviel Mühe. Wenn ein Yak sich von dem Haufen trennte, so brauchte einer der Treiber nur mit dem Arme nach derselben Richtung zu schlagen und einen gellenden Pfiff auszustoßen, um das Tier zu veranlassen, sofort nach seinem Platze im Gliede zurückzukehren.
Im Verhältnis zur Stärke der Tiere waren die Lasten leicht. Alle Männer gingen zu Fuß, und zehn von ihnen trugen Flinten auf der Schulter. Sie waren nicht im geringsten zudringlich. Obwohl sie dicht an unserem Zelte vorbeizogen, guckte doch keiner von ihnen hinein; sie waren ausschließlich damit beschäftigt, die Karawane in Ordnung zu halten.
Der Lama sprach mit einigen von ihnen. Der Abwechslung halber hatten sie auch in der Nacht geruht und sagten, daß nun, da sie Gegenden mit besserem, üppigerem Grase erreicht hätten, die Yake auch nachts weiden könnten, besonders wenn Mondschein herrschte. Sie baten wieder, wir möchten uns doch fertigmachen und mit ihnen nach ihrem nächsten Lagerplatze ziehen.
Es war wirklich interessant, diese wandernde Gesellschaft aus Kum-bum zu sehen, diese Tanguten, die mit den Tibetern eines Stammes sind und auch dieselbe Sprache sprechen. Die ganze Gesellschaft war kohlschwarz, die Yake, die Männer, ihre Kleider, ihre Flinten, ihre Hunde, und sie warfen sogar schwarze Schatten, denn jetzt stand die Sonne am Himmel und beleuchtete den Zug. Ein Schattenspiel, ein Karneval von Dämonen -- ihnen stand der Weg offen nach Taschi-lumpos heiligen Tempeln und den Basaren von Schigatse, wo der Tee verkauft werden sollte.
Wir hatten den ganzen Tag vor uns und sollten uns gründlich ausruhen, aber ich konnte nicht mehr schlafen, ich hatte das Bedürfnis, die Sonne zu sehen und mich an der lachenden Landschaft zu erfreuen. Ich saß mehr als leicht gekleidet da und ließ mich vom Sonnenschein trocknen; um 1 Uhr hatten wir +14,6 Grad im Schatten, und die Wärme war fühlbar. Jetzt hatten wir endlich Gelegenheit, alle unsere Habseligkeiten wirklich trocknen zu lassen. Kleinere Sachen wurden auf Pelzen und Mänteln ausgebreitet. Der Lama beschäftigte sich mit seinen Medikamentbeuteln, und es stellte sich heraus, daß er der glückliche Besitzer eines ziemlich großen Beutels mit Rosinen war, den er von Tscharchlik mitgenommen hatte und der erst jetzt zum Vorschein kam. Die Packsättel wurden fleißig umgedreht und trockneten im Laufe des Tages. Die Stiefel wurden mit trockenem, warmem Sand gefüllt, der sie ausspannte und ihnen ihre richtige Form wiedergab.
Zweimal hatte ich das unbeschreibliche Vergnügen, uns Mittag kochen zu müssen, was ~con amore~ geschah; die frischen Fleischstücke wurden in dünne Scheiben geschnitten, die ich in Butter briet, die uns Sampa Singi geliefert hatte, und das mit Käsepulver und Salz gewürzte Gericht schmeckte delikat. Die sauere Milch war leider zu Ende, aber wir hatten zum Nachtisch Tee und Rosinen. Eine Pfeife Virginia schmeckte hinterdrein vorzüglich, und dann streckte man sich wieder in der Sonne aus, den Sattel als Kopfkissen benutzend. Selten bin ich so faul gewesen wie an jenem 3. August 1901.
Schagdur und der Lama schliefen dann und wann. Unsere Tiere grasten so nahe, daß wir sie jeden Augenblick zählen konnten, und wir verloren sie nicht aus den Augen.
Als Kunstkenner bemalte mir der Lama wieder den Kopf vorn und hinten, den ganzen Hals und die Ohren außen und innen. Ich hatte eine kleine Dose mit brauner Farbe, einen Wattebausch und als Spiegel meine Uhrkapsel, so daß ich, wenn es nötig war, den Anstrich selbst auffrischen konnte. Es ist nur ärgerlich, daß, sobald die Haut abblättert, augenblicklich eine rosa Stelle inmitten des orthodoxen Farbentones erscheint, ungefähr als wenn ein Flicken von dem Kleide einer Balldame auf der Nase eines Schornsteinfegers haften geblieben wäre!
Kein Wort Russisch durfte über Schagdurs oder meine Lippen kommen, nur Mongolisch ertönte in unserem Lager, und wir bereiteten uns jetzt auf die Antworten vor, die wir auf eventuelle inquisitorische Fragen geben wollten. Wir waren alle Burjaten aus Sachir und hatten das Land der Chalchamongolen und Zaidam durchreist. Der Lama wollte unter keiner Bedingung für einen Mongolen gelten; er war ein Burjate, und, um nicht von denen, die er früher in Lhasa getroffen hatte, wiedererkannt zu werden, trug er gleich mir eine schwarze Schneebrille und wollte im übrigen allen seinen Bekannten aus dem Wege gehen. Besondere Angst hatte er vor dem Oberlama des Tempels, in welchem er seine Studien betrieben hatte. Würde er erkannt, so glaubte er, daß die Folgen für ihn verhängnisvoll sein würden. Man würde uns umkehren lassen, ihn aber unter dem Vorwand, er sei ein Lama von Lhasa, zurückbehalten und dann als Verräter, der Spione in das verbotene Land geführt habe, bestrafen. Während all der Tage, gleichviel ob wir stillagen oder über unbekannte Berge ritten, plapperte er seine Gebete an die ewigen Götter und unterhandelte mit seinem Gewissen.
Er hegte großes Interesse für das Christentum und bat mich oft, ihm meinen Glauben auseinanderzusetzen; nach seiner Ansicht hatten wir so viele Berührungspunkte, daß ich eigentlich ebenso berechtigt war wie irgendein Buddhist, die Wallfahrt zu machen. Er selbst kannte nichts weiter als die heiligen Bücher Tibets und der Mongolei, und da er mich während unserer Reise mit so vielen Arbeiten, von denen er früher keine Ahnung gehabt hatte, beschäftigt gesehen und beobachtet hatte, wie ich an der Erforschung der Erdrinde arbeitete, die Himmelskörper beobachtete und abends in Büchern las, war er zu dem Schlusse gekommen, daß ich mindestens ebenso gut sei wie ein Lama und daß sie sich in Lhasa freuen könnten, wenn ich sie besuchte. Der Dalai-Lama war allwissend. Er wußte, wer wir waren, mit was für Absichten wir kamen, ja, er wußte, was wir jeden Tag miteinander redeten. Und er würde nicht zulassen, daß mir etwas Böses widerfahre; wie er sich aber zu dem Lama selbst stellen würde, war eine andere Frage. Wenn ich einen allmächtigen Gott hätte, sollte ich ihn doch bitten, daß er, der Lama, Leib und Leben behalten dürfe, da er doch nur meinetwegen mit auf dieses Abenteuer ausgezogen sei. Ich versicherte dem Lama, daß er ganz ruhig sein könne, wir würden zusammenhalten, wohin es auch ginge, und würden ihn nicht im Stiche lassen.
Eine Stunde lang war es finster wie in einem Sacke gewesen, als der Mond aufging und still und freundlich wie ein Engel an dem mit Sternen übersäten Himmelsgewölbe stand. Ich hatte die Wache von 8-11 Uhr, und um 5 Uhr wollten wir aufbrechen. Schweigend und friedlich lag die Gegend da, nah und fern störte kein Laut die Stille. Nur ein paarmal knurrten die Hunde. Der Lama und Schagdur schliefen der Abwechslung halber vor dem Zelte. Je mehr wir uns dem Ziele unserer Reise näherten, desto ruhiger war mir zumute. Es ist leichter, mitten in der Gefahr zu leben, als ihr Eintreten abzuwarten.
Eine Menge kleinerer Bäche in ziemlich offener Gegend überschreitend, zogen wir am 4. August nach Südsüdost weiter. An einem Punkte, wo der Weg sich teilte, blieben wir ratlos stehen, kamen aber bald zu dem Schlusse, daß der linke Weg nach Lhasa, der rechte nach Taschi-lumpo führen müsse. Nachdem wir jedoch eine Strecke auf dem ersteren zurückgelegt hatten, fanden wir, daß er viel zu gerade nach Osten abbog, weshalb wir vermuteten, daß er nach Nakktschu Fuhre und die wahrscheinliche Straße nach Lhasa wieder aufsuchten.
Hier erhielten wir bald die Bestätigung für die Richtigkeit unseres Schlusses. Eine Karawane von 100 Yaken mit leichten Lasten kam, von einem halben Dutzend berittener und bewaffneter Männer getrieben, von Lhasa zurück. Die Männer trugen große, hohe, gelbe Hüte und hatten einige Ziegen und Hunde bei sich. Sie schienen sich vor uns zu fürchten und zogen möglichst schnell an uns vorbei.
Unsere Maulesel, die sich infolge der guten Weide und des Ruhetages sehr erholt hatten, fanden die Yake entweder so nett oder so komisch, daß sie ihre Gesellschaft der unseren vorzogen; sie machten kehrt und gesellten sich zu der Karawane. Die Yake dagegen waren anderer Meinung. Vermutlich hatten sie noch nie mit Mauleseln Bekanntschaft gemacht; genug, sie galoppierten davon, und ihre Besitzer sowie die Maulesel folgten ihnen auf den Fersen. Auf diese Weise kamen sie vom Wege ab und auf das freie Feld hinaus. Die Tibeter pfiffen, wir schrien und riefen, die Hunde hatten sich in aller Geschwindigkeit in eine heftige Beißerei eingelassen, und die größte Unordnung herrschte auf dem so plötzlich zur Walstatt gewordenen Grasboden. Endlich gelang es uns, die Tiere zu bemeistern und in guter Ordnung zu trennen.
Irgendein böser Geist mußte an diesem Tag in einen unserer Maulesel gefahren sein, der der „Dungane“ hieß, weil er von einem muhammedanischen Chinesen gekauft war. Ohne sich irgendwie von den Yaken stören zu lassen, lief er draußen auf der Ebene im Kreise umher, bis alles, was er trug, am Boden verstreut lag und sein Packsattel hinter ihm her schlenkerte. Die Sachen wurden gesammelt, und er wurde wieder beladen; als sich aber dasselbe Manöver noch zweimal wiederholte, mußte das muntere Tier am Stricke geführt werden. Nach der Ruhe hatte auch mein Reitpferd sich erholt und legte seine 34½ Kilometer gut zurück. Der Lama saß schläfrig im Sattel und machte die komischsten Verbeugungen; ich erwartete jeden Augenblick, ihn auf der Erde liegen zu sehen, aber er verlor das Gleichgewicht nicht.
Das Wetter ist wunderschön, und nach zweitägigem Sonnenbrand ist die Erde wieder trocken und unser Gepäck bedeutend leichter geworden.
Der Weg führt jetzt zu einem niedrigen, bequemen Passe hinauf, der sich durch ein Steinmal (Obo) aus Sandsteinplatten mit der Inschrift „Om mani padme hum“ auszeichnet. Der Boden ist überall unterhöhlt von den Löchern und Gängen kleiner Feldmäuse, wodurch das Reiten erschwert wird und die Pferde leicht stolpern. Man verabscheut diese verwünschten Tierchen, die ihr dreistes Untergraben der Straße manchmal mit dem Leben bezahlen müssen. Die Hunde jagen sie unverdrossen. Malenki frißt sie mit Haut und Haar, während sich Jollbars damit begnügt, sie im Genick zu packen und hoch in die Luft zu schleudern.
Auf beiden Seiten des Passes ritten wir an mehreren, von Yak- und Schafherden umgebenen schwarzen Zelten vorbei. Da sich jedoch keine Menschen zeigten, hielten wir uns nicht weiter auf. Wir erreichten ein offenes, in ziemlich weiter Ferne von Bergen umschlossenes Kesseltal. Aus einem der dort stehenden Zelte kam ein alter Mann heraus; mit ihm verhandelte der Lama eine Weile. Verkaufen oder Vermieten von Pferden kam überhaupt nicht in Frage, der Geizhals wollte uns nicht einmal Milch überlassen. Er habe allerdings sehr viel davon, erklärte er, aber verkäuflich sei sie nicht, er brauche sie selbst.
Der Weg wird immer breiter und kräftiger ausgeprägt. Aber es ist merkwürdig, daß wir nie einzelnen Wanderern oder Reitern begegnen. Man scheint hierzulande nur in großen, hinreichend starken Gesellschaften zu reisen. Das Gras ist vortrefflich, und man sieht jetzt auf allen Seiten Yake, Schafe und Pferde in zerstreuten Herden, die von ihren Hirten bewacht werden.
Die Zelte wurden immer zahlreicher und sahen aus der Ferne wie schwarze Punkte aus; an einer Stelle lagen vierzehn beisammen. Vor jedem Zelte sieht man gewöhnlich einen großen Haufen Yakdung zur Feuerung für den Winter; manchmal ist er auch schichtweise ausgebreitet, um ordentlich zu trocknen.
Links lassen wir einen ganz kleinen See liegen, an dessen Ufer sich die große Teekarawane von gestern niedergelassen hat. Die Männer waren nicht zu sehen; sie hatten sich wahrscheinlich nach den Zelten der Nomaden begeben, um zu plaudern, zu rauchen und Tee zu trinken.
Um nicht zu sehr von Neugierigen überlaufen zu werden, setzten wir unseren Weg noch eine Stunde fort und ließen uns dann in der Nähe eines aus vier Zelten bestehenden Dorfes nieder.
Nach einem der Zelte lenkte der Lama seine Schritte und kam mit einem Stücke Fett und einem „Domba“ (mongolischer Napf) voll sauerer Milch wieder, wofür er eine chinesische Porzellantasse gegeben hatte. Unterdessen hatten wir Besuch von einem jungen Tibeter, der außerordentlich freundlich und mitteilsam war und ununterbrochen schwatzte, obwohl wir kein Wort verstanden.
Der Lama mußte als Dolmetscher dienen. Unser ungebetener Gast gab sich als ein Bewohner von Amdo zu erkennen, und sein Dialekt unterschied sich wesentlich von der Sprache von Lhasa. Er nannte uns die Namen der nächsten Berge, aber ich möchte nicht für die Zuverlässigkeit seiner Angaben einstehen. Einen See, der sich im Südosten zeigte, nannte er Tso-nekk, den „schwarzen See“, was uns wenigstens wahrscheinlich erschien, denn dieser Name kommt in ganz Innerasien häufig vor, z. B. in den Formen Kara-köll, Chara-nur usw. Der Weg, dem wir gefolgt waren, teilte sich gerade hier in die Straßen nach Lhasa und nach Taschi-lumpo. Ein anderer, östlicherer Weg vereinigte sich mit der großen Pilgerstraße nach Lhasa.
Wir sehnten uns danach, den Fremdling loszuwerden, da wir ihn für einen Spion hielten, der beauftragt war, uns in der Nähe zu beobachten. Als uns dies nicht gelang, mußte der Lama ihn unterhalten, während Schagdur und ich das Zelt zumachten und zu Mittag aßen. Erst in der Dämmerung konnte er sich entschließen zu gehen. Er hatte sein Pferd grasen lassen und mußte es jetzt wieder einfangen, aber das wollte ihm durchaus nicht gelingen. Soweit wir mit dem Fernglase sehen konnten, lief das Pferd nach Süden weiter, und der Mann trabte unverdrossen hinterdrein. Auf unsere Frage, ob hier in der Gegend Räuber hausten, antwortete er: „Für uns Tibeter gibt es keine, aber für euch, die ihr so weit her seid, ist keine Sicherheit.“