Im Herzen von Asien. Zweiter Band.
Part 13
Manchmal ist das Tal so eng, daß wir auf Seitenvorsprünge und Pässe hinaufgehen müssen. Es zieht sich jetzt nach Osten, und nach einer letzten Schwelle entrollt sich vor uns das Haupttal des Tscharchlik-su, nach welchem wir wieder zurückkehren. Der Fluß ist nach dem letzten Regen gewaltig angeschwollen. In der Talweitung, wo wir uns bei einer Pappel einen Lagerplatz wählten, macht er eine scharfe Biegung.
Ich hatte zehn Esel gemietet, die uns mit Mais für die Pferde nach dem Kum-köll begleiten sollten. Ihr Ausbleiben zwang uns, einen Tag am Flusse zu warten, aber keiner hatte etwas dagegen, in dieser schönen Gegend zu rasten. Überdies hatten wir keine Eile, denn, wie langsam wir auch zogen, wir würden doch vor den schwerfälligen Kamelen am Kum-köll anlangen. Im Laufe des Tages trafen die Esel wohlbehalten ein, und nun konnten wir uns wieder in Bewegung setzen.
Eine schwere Tagereise stand uns bevor. Der Weg führt aufwärts durch das tief in grauen Granit eingesägte Tal des Flusses, wo die von den brausenden Wassermassen unterminierten Felsen manchmal gewölbeartig überhängen. Wir wußten, daß wir den Tscharchlik-su sechzehnmal zu überschreiten hatten und daß es galt, sich gut vorzusehen. Ein Hirt, dem wir begegneten, konnte uns keine ermutigenden Mitteilungen machen. Sein Pferd war mitten im Flusse gestürzt, und die ganze, aus Brot, Mais und Kleidungsstücken bestehende Last war verlorengegangen. Der Fluß, dessen Wassermenge jetzt etwa 9 Kubikmeter in der Sekunde betrug, bildete Stromschnellen und rauschte donnernd zwischen rundgeschliffenen Blöcken hin.
Anstrengend und spannend ist diese kurze Tagereise, und man wird erst ruhig, wenn man nach der letzten Furt die Instrumentkisten wohlbehalten auf dem Trockenen sieht. Die Muselmänner untersuchten, halb entkleidet, jede Furt, und die Pferde, welche die wertvollsten Lasten trugen, wurden langsam einzeln hinübergeführt. Wir hatten auch ein paar Maulesel; einer von diesen hatte es sich bei einer Furt in den Kopf gesetzt, nicht denselben Übergang zu benutzen wie die anderen Tiere. Er versuchte es mehr nach der Seite hin, wo die Hauptmasse des Wassers in einer tiefen Rinne strömte, glitt hier aber aus, wurde von der Strömung fortgerissen und eine weite Strecke unterhalb der Schwelle auf eine Kiesbank geschleudert. Die Kosaken stürzten sich angekleidet in den Fluß und richteten das Tier wieder auf, aber die ganze Last, die glücklicherweise nur aus Mehl und Brot bestand, war verlorengegangen.
Leider war die Gegend in dichten Nebel gehüllt, und die Kämme des Gebirges verschwanden wie ein Tempelgewölbe in Abenddämmerung und Weihrauchwolken. Der Lagerplatz trug den Namen +Mestschit-sai+ (Moscheetal).
Die vierte Tagereise führte uns ein Seitental hinauf. Dieses neue Tal ist schmäler und wilder als die vorhergehenden und steigt schließlich so steil an, daß man vorzieht zu Fuß zu gehen, ja bisweilen sogar klettern und sich mit den Händen festhalten muß. Es ist ziemlich schwierig, beladene Pferde solch abschüssige Wege hinaufzuführen; die Lasten rutschen nach der Schwanzwurzel oder schlagen über und müssen beständig zurechtgerückt werden. Auf diesem schuttbedeckten Felsboden ist selten ein Pferd sichtbar, und solche sollen hier auch nicht oft benutzt werden.
+Jaman-dawan+ (der schlechte Paß) ist ein passender Name für die ungeheuer scharfe, schwer passierbare Schwelle, die wir endlich erreichten. Nur ein Pferd hat dort oben Platz. Auf beiden Seiten dieses Sattels erheben sich gewaltige, wilde Felsen, die zu dem Kamme gehören, in welchem der Jaman-dawan eine recht tiefe Einsenkung ist. Östlich vom Passe ist das Gefälle viel weniger steil und der Boden mit Erde bedeckt und mit Gras bewachsen. Die Luft war jetzt wieder klar, und die Aussicht großartig. Über Hitze konnten wir uns nicht beklagen, denn auf dem Passe hatten wir nur +2,6 Grad.
Von dem Lagerplatze, der keinen Namen hatte, zogen wir nach Osten, indem wir jetzt ein neues Tal hinaufstiegen. Anfangs war es ziemlich eng und schwer passierbar, ja an einem Punkte, wo der Hohlweg ganz mit herabgestürzten Granitblöcken angefüllt war, mußten die Tiere abgeladen und mit vereinten Kräften eine 4 Meter hohe Stufe hinaufgewunden werden. Oberhalb dieser Stelle erweitert sich das Terrain und wird bequemer. Nur hin und wieder sieht man Rebhühner und kleine, niedliche Bergschwalben, sonst kein Wild. Einige unserer Pferde und ein Maulesel sind von dem vielen Schutt steifbeinig geworden und hinken; sie werden daher nach Möglichkeit geschont. In der Nacht ging die Temperatur auf -6 Grad herunter; mitten im Sommer ritten wir wieder dem Winter entgegen. Dieses Jahr war mein Sommer wirklich nicht viel länger als sechs Wochen gewesen!
Eine lange, ermüdende Tagereise führte uns am 23. Mai auf offeneres, plateauartiges Terrain, eine Hochlandsteppe, die stellenweise von dem stehengebliebenen Grase des vorigen Jahres gelb schimmerte. Hier sahen wir die ersten Kulane. Jetzt befanden wir uns auf alle Fälle auf dem tibetischen Hochplateau und hatten das bizarre Randgebirge überschritten. Schwere, dunkle Wolken begrüßten uns bei unserer Ankunft und schütteten von Zeit zu Zeit ihren Inhalt in Form von Regen und Schnee über uns aus. Während wir ein etwas ausgeprägteres Tal hinunterritten, sahen wir abends bei Hascheklik unseren alten Tscharchlik-su wieder; er war hier weniger wasserreich, und das Wasser hatte eine eigentümliche, beinahe milchweiße Farbe, die gewiß von einer verwitternden weißen Gesteinart herrührte.
Schereb Lama in seinem roten Gewande mit dem gelben Gürtel und der blauen Mütze, die nur bei Regenwetter von einem mongolischen Baschlik geschützt wurde, war das malerischste Mitglied unserer kleinen Karawane. Mit mir und Schagdur stand er schon auf dem vertrautesten Fuße, aber die anderen kannte er wenig, denn er konnte nur ein paar Worte Türkisch, doch war er sehr gelehrig und bereicherte allmählich seine Kenntnisse. Was er während der langen Marschtage dachte, weiß ich nicht, aber daß er viel grübelte, konnte ich sehen; er mochte sich wohl den Kopf darüber zerbrechen, was das Schicksal mit seiner priesterlichen Würde vorhatte. Er fand die Gesellschaft, in die er geraten war, gewiß sehr merkwürdig, und es machte mir unglaubliche Mühe, ihm den Nutzen der astronomischen Beobachtungen und des Kartenzeichnens klar zu machen. Ich war in seinen Augen ein recht sonderbarer Mensch, aber mit rührender Anhänglichkeit und unerschütterlichem Vertrauen schloß er sich an uns an und begriff sehr wohl, daß wir Fremdlinge es wirklich gut mit ihm meinten.
Jeden Abend gab er mir Unterricht im Mongolischen. Ich schrieb alle neuen Worte und Ausdrücke auf und mußte sie bis zum nächsten Abend gelernt haben. Selten habe ich einen so angenehmen Lehrer gehabt. Er wollte, daß ich seine Sprache bald so weit beherrschen sollte, daß er sich mit mir über Dinge, die ihn selbst interessierten, unterhalten konnte.
Schnee und Hagel und naßkaltes Winterwetter herrschten an dem Tage, den wir unseren Pferden zur Rast auf den Wiesen von +Hascheklik+ schenkten. Im Freien zu arbeiten war unmöglich, und ich beschloß daher, mit dem Lama zu sprechen. Wie unsere Pläne künftig auch ausschlagen mochten, ich wollte nicht, daß der Lama je glauben oder auch nur denken sollte, ich hätte ihn hinterlistigerweise in wahnsinnige Abenteuer verstrickt. Ich wollte ihm die Möglichkeit offen lassen, beizeiten mit geretteter Ehre in sein Land zurückzukehren. Deshalb erfuhr er schon jetzt, daß ich die Absicht hatte, als Mongole verkleidet ihn und Schagdur nach Lhasa zu begleiten.
Er war sehr verdutzt und suchte mich zu überzeugen, daß dies unmöglich sei. Mich und Schagdur würde niemand anzurühren wagen, ihm aber in seiner Eigenschaft als Lama würde es den Kopf kosten. Er hegte keine Furcht vor dem Dalai-Lama, den mongolischen Pilgern und den Chinesen in der Stadt, sondern nur vor den Tibetern, die die dorthin führenden Wege bewachen. „Töten sie mich nicht,“ sagte er, „so machen sie mich doch als Lama für immer unmöglich; ich werde als Abtrünniger, als Verräter, der einen Europäer nach Lhasa geführt hat, angesehen!“ Doch schon jetzt war er in seiner Entschlossenheit wankend geworden, denn er schlug vor, die ganze Karawane sollte geraden Weges nach der heiligen Stadt ziehen, -- das Schlimmste, was uns dann passieren könne, sei, daß wir höflich, aber bestimmt zurückgewiesen würden. Er selbst könne sich dann als Türke verkleiden, und keiner seiner Freunde in Lhasa würde eine Ahnung davon haben, daß er bei der Sache beteiligt sei. Als ich jedoch an meinem Plane festhielt, schlug er vor, ich sollte mich lieber für einen „Urancha“ ausgeben; es ist dies ein Stamm aus dem Altai, der dem Lamaismus anhängt, aber einen türkischen Dialekt spricht, der dem Dschaggataitürkischen, das mir recht geläufig war, sehr ähnelt.
So sprachen wir den ganzen Tag miteinander, und schließlich war der Lama wirklich erregt. Nach dem Kum-köll mußte er uns jedenfalls begleiten, und ich versprach ihm, daß er von dort, falls er es wünschte, heimkehren dürfte. An diesem See wollten wir ein paar überflüssige Eseltreiber verabschieden, und mit ihnen konnte er sich nach Tscharchlik begeben. Er fürchtete sich jedoch vor dem Sommer dort und wollte lieber nach Tschimen reiten; ich ahnte sofort, daß er mit der Mongolenkarawane nach Lhasa zu ziehen plante, und sagte mir, daß er ihnen dann, in einem unbewachten Augenblick, meine Absichten anvertrauen könnte. Eine solche Möglichkeit mußte um jeden Preis verhindert werden.
Das Wichtigste, mochte nun aus der Reise nach Lhasa etwas werden oder nicht, war, daß wir unter allen Umständen in Tibet eines Dolmetschers bedurften; dies war so wichtig, daß diese ganze lange Reise durch Tibet bedeutend an Wert verlieren mußte, wenn wir uns mit den Einwohnern nicht verständigen konnten. Ich erklärte dies dem Lama, und er sah ein, daß ich vollständig recht hatte. Ich machte ihm sogar den Vorschlag, daß er bei der Karawane im Hauptquartier bleiben könne, während ich und die Burjaten nach Lhasa gingen. Dieser Ausweg hatte jedoch für seinen Ehrgeiz nichts Verlockendes; er war kein Feigling und gab später bei vielen Gelegenheiten Beweise von wirklichem Mut.
Stumm und niedergeschlagen saß er die folgenden Tage im Sattel und fand sicherlich, daß die Gesellschaft, in die er geraten, noch viel sonderbarer sei, als er anfänglich gedacht. Mit Schagdur verkehrte er nie wieder freundschaftlich; er fand mit Recht, daß dieser ihn schon in Kara-schahr in den ganzen Plan hätte einweihen müssen. Ich erklärte ihm, daß Schagdur auf meinen bestimmten Befehl so gehandelt habe und daß, wenn er davon gesprochen hätte, daß ein Europäer verkleidet mit nach Lhasa wolle, kein einziger Lama in der ganzen Mongolei sich, um welchen Preis es auch sei, bei uns hätte anwerben lassen. Kein Tagemarsch ging von nun an durch die Täler, kein Abend dämmerte, ohne daß wir Rat hielten und über unsere Lhasapläne sprachen. Schereb Lama machte hierbei wirkliche Seelenkämpfe durch. Ich war aber froh über seine Gesellschaft; er war einer der besten Menschen, mit denen ich zu tun gehabt hatte. In der Folge wird der Leser mit seinen weiteren Schicksalen Bekanntschaft machen. Jetzt wurde also für den Anfang vereinbart, daß er uns bis an den Kum-köll begleitete; dort sollte er seine endgültige Entscheidung treffen, dort sollte er wie Herkules am Scheidewege stehen und zwischen seiner sicheren Zelle im Kloster zu Kara-schahr auf der einen und ungewissen Schicksalen und unter allen Umständen merkwürdigen Abenteuern auf der anderen Seite wählen.
Während der folgenden Tage kreuzten wir mehrere Nebenflüsse, die nach Nordwesten strömen und dem Tscharchlik-su ihren Tribut bringen. In dem großen, offenen Kesseltale +Unkurluk+ (Tal der Erdhütten), das wir in dichtem Schneegestöber erreichten, sahen wir an mehreren Stellen Schafherden, aber keine Menschen. Die Kosaken suchten die Gegend ab, ohne daß es ihnen gelang, jemand zu treffen. Ein wenig höher oben blieben wir in der Mündung eines kleinen Seitentales, wo es gute Weide, aber kein Wasser gab (Abb. 227).
Als die Luft sich ein wenig geklärt hatte, sahen wir zwei Zelte und etwa zehn Leute. Die Kosaken ritten dorthin, um mit den Bergbewohnern zu unterhandeln und Brennmaterial, Milch und ein Dutzend Schafe, die wir mitzunehmen beabsichtigten, zu kaufen.
Die 18 Hirten, die sich in +Unkurluk+ aufhalten, wohnen hier beständig und hüten Schafe und Pferde aus Tschertschen. Den Winter verbringen sie in erbärmlichen kleinen Erdhütten. Die Gegend ist reich an Wild; Archari (wilde Schafe), Steinböcke, Yake, Bären und Wölfe kommen vor. Seit dem Herbst hatten sich jedoch keine Yake gezeigt; sie begeben sich im Sommer in höhere Regionen hinauf. Rebhühner hörte man hier und da in den Bergen rufen. Der Schnee fiel abends außerordentlich dicht, und wir waren wieder von vollständigem Winter umgeben.
Als wir am 27. bei kaltem, windigem Wetter das „Tal der Erdhütten“ verließen, nahmen wir zwölf ziemlich magere Schafe ohne Fettschwanz und drei Hirten mit statt unserer Tscharchliker Führer und der fünf Esel, deren Maislast bereits verzehrt war (Abb. 229).
Jetzt befanden wir uns richtig im Gebirge und auf bedeutender Höhe (3797 Meter). Das merkte man beim Atmen; man kletterte nun nicht mehr unnötig steile Abhänge hinauf. Von Bergkrankheit zeigte sich jedoch noch keine Spur, im Gegenteil, es ging uns allen vortrefflich.
Der folgende Tagemarsch führte uns über vier leichte Pässe zweiter Ordnung und über schneebedecktes, wellenförmiges Terrain nach dem Tale +Kar-jaggdi+, wo es etwas Weide gab. Im Süden und Südosten erheben sich mächtige, schneebedeckte Berge. Der Weg war leicht und angenehm, als wir dieses Tal hinaufzogen, in dessen Mitte sich ein mehrarmiger Bach schlängelte, der von dem frischgefallenen, schmelzenden Schnee gespeist wurde und dessen Wasser von verwitterndem Sandstein, der in der Gegend vorherrschte, rot gefärbt war. Auch jetzt galt es, einen Paß zu überschreiten, der zwar leicht und bequem ist, aber große geographische Bedeutung besitzt, denn er bildet die Wasserscheide zwischen Ostturkestan und dem Tschimentale. Die Höhe beträgt 4079 Meter, und der Schnee lag hier ziemlich hoch.
Wir folgten dem nächsten abwärtsgehenden Tale nach Südosten, wo die beschneite Kette des +Piaslik+ ein herrliches Panorama bildete, und gelangten so in das breite +Tschimental+ hinunter, das wir von so vielen früheren Exkursionen her kannten. Jetzt sah es noch winterlicher und kälter aus als im Oktober vorigen Jahres; alle Berge waren mit Schnee bedeckt, von dem aber nur die allerhöchsten Partien den Sommer über liegenbleiben. Wir lagerten am Ufer eines Flusses, der sich weiter abwärts mit dem Togri-sai vereinigt.
In diesem Lager erkrankte Schagdur ziemlich heftig; sein Puls stieg auf 134 und seine Temperatur auf 38,6 Grad (meine Körpertemperatur stieg in 4000 Meter Höhe und darüber selten über 36 Grad). Wir mußten einen Tag liegenbleiben und ihn pflegen, so gut wir konnten. Sirkin ging auf die Jagd und kam mit zwei Orongoantilopen (~Pantholops hodgsonii~) wieder; wir konnten daher ein paar Tage unsere Schafe sparen. Die Antilopen sind in dieser Jahreszeit ziemlich mager, da sie auf das neue Gras warten. Im Herbst sind sie fetter und besser.
Am 30. war Schagdur besser und bestand fest darauf, daß wir weiterzögen. Unser Weg führte jetzt nach Südosten über den ziemlich großen +Togri-sai-Fluß+ und dann aufwärts in dem Quertal, das östlich vom Durchbruchstal Togri-sai die Piaslikkette durchschneidet.
Als wir schon eine ziemliche Strecke im Tale zurückgelegt hatten, stellte sich heraus, daß der Patient und der Lama nicht mitgekommen waren. Ich kommandierte daher an einem Rinnsale, wo Jappkakpflanzen uns notdürftig mit Feuerung versahen, Halt und schickte Li Loje zurück, um zu erfahren, welchen Grund das Ausbleiben der beiden hatte. Nach einer Weile kamen sie alle drei; Schagdur war matt, schwindlig und beinahe außerstande, sich im Sattel zu halten. Er bekam einen tüchtigen Spiritusgrog, wurde in Filzdecken gewickelt und kam ins Schwitzen. Gegen Abend ging es ihm entschieden besser; er hatte 37,2 Grad Temperatur und 112 Pulsschläge. Der Spiritus wurde aus einer der Flaschen für die zoologischen Sammlungen genommen. Sonst gab es keine Spirituosen in der Karawane, und zur Ehre der Kosaken muß ich sagen, daß keiner von ihnen, und von den anderen ebenfalls keiner, sie entbehrten. Alkoholische Getränke sind ein böses Ding in einer Karawane; sie machen Kräfte und Disziplin schlaff.
Auch hier blieben wir einen Tag liegen, damit sich der Kranke ordentlich ausruhte. Nach einer ruhigen Nacht legte er am 1. Juni die Tagereise wirklich gut zurück. Freilich war er noch ein wenig matt und mußte auf dem langen Wege ein paarmal rasten, aber er war doch ziemlich munter, als er am Ufer des +Kum-köll+ ankam, wo er sich mehrere Tage der Ruhe und Pflege erfreuen sollte.
Am 1. Juni erreichten wir das Ufer dieses großen Salzsees. Wir ritten auf vorzüglichem Boden nach Südosten. In der Ferne dehnt sich die ungeheure, schön marineblaue Fläche des Sees aus. Nach Osten hin erstreckt sich die +Kalta-alagan-Kette+, die wir in Verkürzung in endloser, aber zusammengedrängter Perspektive sehen; ihr Kamm glänzt matt-weiß. Kulane und Orongoantilopen kamen in Menge vor. Am Ufer suchten wir lange vergeblich nach Wasser, bis endlich einer der Hirten uns eine Stelle zeigte, wo sich seiner Meinung nach ein Süßwasserbrunnen würde graben lassen, und richtig, seine feine Spürnase hatte ihn nicht betrogen. Brennstoff war vorhanden; die Weide war jämmerlich, aber in dieser Jahreszeit konnten wir nichts Besseres erwarten. Die Zelte und die Lasten wurden dicht am Strande so praktisch wie möglich aufgereiht (Abb. 228), und wir hatten jetzt weiter nichts zu tun, als die Ankunft der Karawane zu erwarten.
Wir warteten am 2. Juni, wir warteten am 3., aber keine Karawane kam. Scharfer, östlicher Wind peitschte die Wellen des Kum-köll zu bedeutender Höhe auf, und ihr eintöniges Rauschen gegen das Ufer war das einzige, was das Schweigen der Wildnis unterbrach. Bisweilen herrschte Nebel; doch auch wenn die Luft klar war, sah man auf der Ostseite des Sees kein Land, und der Wind erfrischte wie eine Meerbrise; ja, manchmal, wenn er Schauer von Hagel oder Schnee brachte, kühlte er nur zu fühlbar ab. Die Hirten, die ihren Auftrag ausgeführt hatten, brannten vor Ungeduld, wieder nach ihren Hütten zurückkehren zu können; die noch vorhandenen drei Esellasten Mais wurden im Zelte der Kosaken verwahrt, dann entließen wir die ganze Gesellschaft. Erst aber mußten sie uns noch von den nächsten Schneewehen einige Säcke Schnee zu süßem Wasser holen. Ich kann mir nichts Langweiligeres denken, als jahraus, jahrein in diesem Gebirge zu hausen und anderer Leute Schafe zu hüten! Und doch machten die Hirten einen heiteren, zufriedenen Eindruck, und es war ein billiges Geschäft, sie überglücklich zu machen. Für mich war es eine richtige Geduldprobe, hier stillzuliegen und mir den Kopf darüber zu zerbrechen, weshalb die Karawane noch nicht kam und ob ihr unterwegs etwas zugestoßen sein könnte. Doch der Gedanke, sie in Tschernoffs, Tscherdons und Turdu Bais zuverlässigen Händen zu wissen, beruhigte mich.
Vergebens suchten unsere Blicke im Norden längs des Fußes des Gebirges die lange, schwarze Linie, die das Herannahen der Unseren verkünden würde. Manchmal konnten wir des Nebels wegen gar nichts unterscheiden; wenn aber die Luft klar war, hielten die Kosaken mit dem Fernglase eifrig Ausschau. Unterdessen ging es uns hier ganz gut. Proviant, besonders Schafe, hatten wir noch hinreichend, und es konnte nicht schaden, daß wir uns langsam und allmählich an die Luftverdünnung gewöhnten. Schagdur wurde mit Massage und kalten Umschlägen behandelt und erholte sich allmählich. Sirkin wurde beauftragt, nach unserem vorjährigen Lagerplatz am Nordwestufer zu reiten und unterwegs eine Marschroute aufzunehmen, die, wie sich bei der Kontrolle ergab, recht gut ausfiel. Für den Fall, daß sich die Karawane dort niederlassen sollte, machte er einen Wegweiser aus einem kleinen Brett mit einer darauf gezeichneten Hand, die westwärts, nach unserem jetzigen Lager zeigte.
Der 4. Juni war ein schöner, herrlicher Tag. Die ganz klare Luft erlaubte dem Blicke, dem Kalta-alagan-Gebirge bis in endlose Fernen zu folgen, wo sein Kamm undeutlich wurde und wie in einer nadelscharfen Spitze verschwand. Der See zeigte sich in einem neuen Farbenspiel: hellgrün mit weißen Wellenschaumstreifen. Die Pferde weideten weit vom Lager, die meisten Leute schliefen, nur der Lama spähte fleißig nach Norden; das scharfe Zeißsche Fernglas war ihm sehr interessant, und er benutzte es oft. Ich arbeitete in meiner Jurte, als er mir meldete, daß er die Karawane zu sehen glaube. Ich nahm das Fernglas, und richtig, längs des Fußes des Gebirges wurde der gewaltige Zug sichtbar, der in sechs Abteilungen marschierte, voran eine lange, schwarze Linie und dann mehrere kleinere Gruppen; nur mit Hilfe des Fernglases konnte ich diese schwarzen Linien und Punkte unterscheiden.
An diesem Tag wurde nichts mehr getan. Mit gespanntem Interesse beobachteten wir den Gang des Zuges. Jetzt würden wir uns wieder vereinigen und den Marsch nach Süden im Ernst antreten. Die Entfernung war indessen noch zu groß, als daß die Karawane unsere Zelte hätte sehen können. Sie ging noch immer nach Osten, statt gerade auf unser Lager loszusteuern.
Nun sahen wir zu unserem Erstaunen, daß Halt gemacht, die Lasten abgeladen und die Kamele auf die Weide geschickt wurden. Ich sandte daher Mollah Schah dorthin. Je weiter er sich auf dem weitgedehnten Terrain von uns entfernte, desto schwerer wurde es uns seinen Weg zu verfolgen. Schließlich kam ihm ein Reiter von der Karawane entgegen, und beide gingen in das andere Lager. Dort wurden die Kamele von allen Seiten wieder herbeigeholt, und der Zug setzte sich von neuem in Bewegung, indem er umschwenkte wie ein Eisenbahnzug in einer Kurve, den man schließlich in Verkürzung vor sich sieht. Darauf tauchte bei dem östlich von uns liegenden, isolierten kleinen Berge ein einzelner Reiter auf, der sich uns in starkem Trabe näherte.
Es war Kutschuk. Er war vor ein paar Tagen von dem Karawanenführer Tschernoff vorausgeschickt worden, um uns rechtzeitig Nachricht zu bringen. Auf dem alten Lagerplatze am Nordufer hatte er Sirkins Wegweiser gefunden und die Bedeutung der nach Westen zeigenden Hand sofort verstanden. Er ritt mein altes Kaschgarpferd, das älteste in der Karawane, und brachte uns nur gute Nachrichten.
Mittlerweile näherte sich die Karawane in guter Ordnung; die beiden Kosaken ritten in gestrecktem Galopp zu mir und meldeten militärisch, daß alles gut stehe; Leute wie Tiere seien in vorzüglichem Zustand, nur ein Maulesel sei als untauglich in Bag-tokai zurückgelassen; einige von den heimkehrenden Dienern sollten ihn behalten, wenn sie ihn wieder ins Leben rufen könnten.
Jetzt kam die Eselkarawane mit Dowlet Karawan-baschi an der Spitze angezogen; hinter dieser bunten Gesellschaft erschien ein aufgescheuchter Kulan, der in einer Wolke von Staub gerade auf das Lager zurannte, bis er die Gefahr erkannte und sich nach Westen rettete.