Im Herzen von Asien. Zweiter Band.
Part 14
Darauf erschien Turdu Bai an der Spitze seiner prächtigen, fetten Kamele (Abb. 230). Sie waren munter und sichtlich zufrieden, daß sie sich in der frischen, kühlen Bergluft befanden und die schwüle Hitze und die stechenden Insekten der Tiefebene hinter sich hatten. Während der Ruhetage, die sie unterwegs gehabt, hatten die Männer Tschapane für alle Kamele genäht, um sie gegen den heftigen Temperaturwechsel zu schützen. Die drei Jungen, die den älteren wie Hunde nachliefen, sahen in ihren weißen Mänteln gar zu komisch aus. Sogar das jüngste Kleine sprang umher, ohne eine Spur von Ermüdung zu zeigen. Es war erst wenige Tage alt, als es schon mit der dünnen Luft Bekanntschaft machte, und seine Lungen paßten sich ihr früh an. Ganz sicher trug dieser Umstand dazu bei, es widerstandsfähiger zu machen als seine beiden Kameraden, die es lange überlebte. Sogar dem Hirsche, der mit den Kamelen zu gehen pflegte, ging es gut; er hatte nur den großen Fehler, uns zuviel Mais wegzufressen, denn das gelbe Gebirgsgras verschmähte er verächtlich.
Die letzten im Zuge waren die Pferde mit ihren Lasten und Treibern. Jede Abteilung passierte das Hauptquartier, wo ich inmitten der Kosaken stand, und alle Leute grüßten der Reihe nach höflich. Es dauerte eine ziemliche Weile, bis die ganze Gesellschaft vorbeigezogen war, um unmittelbar südlich vom Hauptquartier die Zelte aufzuschlagen und das Gepäck aufzustapeln. Die Lasten wurden so gestellt, daß sie ein Gehege für die Schafe bildeten, von denen wir jetzt eine ganze Herde hatten, die Wanka, dem Leithammel aus Kutschar, auf den Märschen gehorsam folgten. Wanka begleitete die Karawane schon seit dem Herbst 1899 und war das einzige von allen zu Beginn der Reise mitgenommenen Karawanentieren, das wir im Jahre 1902 wieder mit nach Kaschgar brachten.
Für mich wurde eine ganz neue Jurte aufgeschlagen, welche die Kosaken in Tscharchlik angefertigt hatten. Als das ganze Lager fertig war, glich das Ufer des Salzsees einem lebhaft besuchten Korso mit Gruppen von Leuten, die um rauchende Feuer saßen und plauderten. Die Tiere zerstreuten sich auf der kargen Steppe, um sich ihre knappe Nahrung zu suchen. Unterdessen tobte die Brandung am Ufer, und ein Sturm wühlte den See auf. Dicht und kalt schlug der Regen uns entgegen und durchnäßte unsere Ansiedlung.
Zur Erledigung verschiedener Arbeiten war ein Ruhetag am Kum-köll erforderlich. Ich packte alle meine Kisten gründlich um, damit ich die Sachen und Instrumente, die täglich gebraucht wurden, in den beiden, stets in meiner Jurte stehenden Kisten immer gleich bei der Hand hatte. Das meteorologische Observatorium, das unter Sirkins Aufsicht stand, wurde bei ihm in einer besonderen Kiste verwahrt, und die Thermometer wurden auf jedem Lagerplatz in einem kleinen geschützten Schuppen aufgestellt. Diejenigen der Konserven, die in der nächsten Zeit gebraucht werden sollten, wurden ausgepackt. Eine Anzahl wenig tauglicher Esel mußte, da ihre Lasten verzehrt worden waren, mit einigen Eseltreibern wieder umkehren.
Hier sollte sich auch der Lama endgültig entschließen, ob er mitkommen oder umkehren wollte. Er hatte sich die Sache entschieden überlegt und mit Li Loje eine kleine Intrige angezettelt. Letzterer, der jetzt fast ein Jahr lang tadellos seinen Dienst verrichtet hatte, bat um seine Entlassung und gab als Grund an, er habe erfahren, daß sein alter Vater in Kerija gestorben sei, und müsse deshalb unverzüglich dorthin, um seine Interessen wahrzunehmen. Dies wurde ihm natürlich nicht geglaubt, denn dieselbe Geschichte hatte er uns schon bei ein paar Gelegenheiten mitten in der Wüste einreden wollen. Das Schlimmste aber war, daß er seinen Lohn in Tscharchlik für ein halbes Jahr voraus bekommen hatte. Es war eigentlich recht eigentümlich, daß er nicht einfach durchbrannte, da er ja sein eigenes Pferd, eines der besten der ganzen Truppe, hatte. Von nun an ließ ich ihn eine Zeitlang bewachen, damit er nicht in einer Gegend, wo wir ihn nicht mehr einholen könnten, verduftete. Der Lama hatte beschlossen, Li Loje zu begleiten, um die Mongolenkarawane dann in Tschimen oder Zaidam aufzusuchen. Als er aber sah, daß der Mann doch bei uns bleiben mußte, wurde auch er anderen Sinnes, suchte mich in meiner Jurte auf und erklärte, daß er mir bis ans Ende der Welt folgen werde, was auch daraus entstehen möge. Das einzige, was er erbat, war, nicht verlassen zu werden, falls er erkranken sollte; er sah selbst bald ein, daß er in dieser Beziehung nichts zu fürchten hatte, da nicht einmal eines der Tiere ohne weiteres verlassen wurde. So ordnete sich diese Sache im Handumdrehen. Ohne den Lama hätten wir in den bewohnten Gegenden Tibets kaum fertig werden können, und Li Loje (alias Tokta Ahun) war, obwohl ein bißchen verrückt, bei allen beliebt. Er erzählte lustige und grauliche Geschichten und führte sich bis Ladak ausgezeichnet.
Schließlich wurden alle Muselmänner zusammengerufen und Turdu Bai feierlich zum Tugatschi-baschi (Kamelobersten) ernannt. Hamra Kul, ein großer, kräftiger Mann aus Tscharchlik, der seinen sechzehnjährigen Sohn Turdu Ahun bei sich hatte, wurde Att-baschi (Pferdeoberst); die anderen hatten diesen beiden in allem, was mit der Wartung der Tiere zusammenhing, unbedingt zu gehorchen. Mollah Schah erhielt keinen Befehlshaberposten, weil er, dessen Aufgabe es gewesen war, die Pferde am Kum-köll zu bewachen, gar nicht gemerkt hatte, daß ihm die ganze Herde fortgelaufen war. Er fing die meisten allerdings noch vor Abend wieder ein, aber fünf wurden erst am nächsten Morgen wiedergefunden. Natürlich hatten die Kosaken einen höheren Rang als die Muselmänner, und jeder von ihnen hatte seine bestimmte Beschäftigung und überwachte das Ganze.
Zehntes Kapitel.
Die Zusammensetzung der Karawane.
So brach denn der erste Tag auf dieser Reise im innersten Asien an, an welchem ich die ganze Karawane auf +einer+ Stelle versammelt hatte und vom Rücken meines prächtigen, weißen Reitpferdes mein wanderndes Eigentum mustern konnte. Wir ließen jetzt keine Abteilung hinter uns zurück; das Hauptquartier selbst war auf dem Marsche, und wir brauchten uns nicht um Abwesende zu beunruhigen. Mit dem Abbrechen des Lagers und dem Beladen der Tiere ging es ziemlich schnell; denn jeder der Leute hatte seine bestimmte Arbeit. Während einige die Zelte abnahmen und die Kisten packten, hoben andere die Proviantlasten auf Kamele und Pferde, und sobald eine Abteilung fertig war, brach sie auf.
Voran marschierten die Kamele in fünf verschiedenen Gruppen, jede mit einem Führer; die erste führte Turdi Bai selbst. Wie unter den Männern, so waren auch unter den Tieren einige, die besondere Beachtung verdienten, z. B. die drei Kamelfüllen, die ihren Müttern treu folgten und sich bei diesen dann und wann einen Schluck Milch holten. Sogar das jetzt 33 Tage alte Junge legte seine 38 Kilometer mit Leichtigkeit zurück. Unter den älteren Kamelen zeichnete sich namentlich der große, schöne „Bughra“ (Hengst) aus, der mir 1896 durch die Kerijawüste und nach dem Lop-nor geholfen und den wir jetzt in Tscharchlik wiedergekauft hatten. Sein Gang war ruhig und majestätisch, und mit Resignation betrachtete er die öden Gebirge, die ihm bald sein Leben kosten sollten. Nahr, der Dromedarhengst, war noch immer gehalftert, um nicht um sich beißen zu können; er hatte uns durch die Gobi bis Lôu-lan begleitet. Die beiden „Artan“ (Wallachs), die alle drei Wüstenreisen mitgemacht hatten und von denen ich das eine geritten hatte, trugen jetzt, weil sie völlig leidenschaftslos und ruhig waren, meine Instrumentkisten. Mein altes Reitkamel war eines der neun, die schließlich Ladak erreichten.
Auch Pferde und Maulesel, 45 an der Zahl, wurden in getrennten Gruppen geführt, respektive getrieben und von Fußgängern begleitet, die aufpaßten, daß die Lasten auf beiden Seiten gleiches Gewicht hatten und nicht herunterglitten. Die Schafe folgten Wanka, und man brauchte sich nur von Zeit zu Zeit nach ihnen umzusehen. Unsere acht Hunde liefen in munterem Spiel nebenher und waren sichtlich von dem ganzen Unternehmen sehr erbaut. Der Hirsch wurde auf dieser Tagereise sehr krank oder erschöpft und ließ sich nicht länger zum Maisfressen bewegen. Er blieb unaufhörlich zurück, und da ich sah, daß er nicht die Kraft hatte, mit uns Schritt zu halten, ließ ich ihn blutenden Herzens schlachten. Das Knochengerüst wurde der Skelettsammlung beigefügt.
Zuletzt wurden die Esel fertig, und wir verloren sie bald aus den Augen. Sie gelangten abends nicht einmal bis an das Lager. Von ihnen werden bestenfalls nur einige wenige diese Reise überleben. Jetzt waren ihrer etwa 60.
Diese lange Karawane von Tieren, die mit Kisten, Zelten, Jurten, Ballen und Säcken beladen waren, gewährte in der öden Landschaft einen ebenso großartigen wie malerischen Anblick. Es war eine bunte Truppe, die langsam und schwer an dem blaugrünen See entlangzog. Die ungleichartigen Trachten und Typen trugen zur Abwechslung bei: die Kosaken, Russen und Burjaten, mit ihren abgetragenen Uniformen und den hinter dem Sattel mit Riemen festgeschnallten Pelzen, die Muhammedaner mit ihren Tschapanen und Fellmützen, Eseltreiber, die große Ähnlichkeit mit einer Rotte von Lumpen und Landstreichern haben; der Lama in seinem roten Gewande taucht wie das gutmütige Heinzelmännchen der Karawane bald hier, bald dort auf. Das Ganze erinnerte an ein Heer auf Kriegsfuß, das auszieht, um neue Länder zu erobern. Es war auch wirklich so; aber die Eroberung war friedlicher Art, da sie nur den Zweck hatte, dem menschlichen Wissen bisher unbekannte Länder zu unterwerfen. Noch sah die Karawane stark und lebenskräftig aus, aber man brauchte nur einen Blick um sich zu werfen, um zu ahnen, daß sie von dem Augenblicke an zum Untergange verurteilt war, als sie ihre Schiffe hinter sich verbrannt hatte und südwärts über die öden Hochebenen des nördlichen Tibet zog. Jetzt freilich befanden sich ihre Mitglieder in vorzüglicher Verfassung, aber wie lange würde es so bleiben? Dort dehnte sich wohl ein See aus, aber sein Wasser war salzig, und nicht einmal die Wildgänse rasteten an seinen Ufern; hier gab es wohl eine Steppe, aber ihr Graswuchs war verdorrt, erfroren und hart, und die Berge, nach denen wir unsere Schritte lenkten, zeigten ihre grauschillernden, verwitterten, felsigen Abhänge, auf denen nicht ein einziger grüner Fleck zum Grasen war. Daß es nur eine Frage der Zeit war, wie lange wir aushalten konnten, wußte ich aus Erfahrung; ohne Opfer würde die Fortsetzung der Reise nach Süden nie möglich sein. Die Karawane mußte von Tag zu Tag kleiner werden, und nur ein Fünftel davon sollte dieses unheimliche, mörderische Land verlassen! Dreißig Kamele sollten hier umkommen, und von den Pferden sollte nur ein einziges nach Ladak gelangen. Ich hatte 30 Leute; viele von ihnen sollten aber am Arka-tag wieder umkehren, namentlich alle die, welche mit dem Eseltransporte zu tun hatten. Von den übrigen, die für die ganze Reise gedungen waren, sollten auch nicht alle mit dem Leben davonkommen!
Ich selbst ritt bald an der Spitze, bald am Ende des Zuges, mit meinen gewöhnlichen Arbeiten beschäftigt, von denen die Aufnahme der Marschroute die meiste Zeit in Anspruch nahm.
Anfangs gehen wir längs des Ufers nach Süden, müssen es aber tückischer Moräste und Sümpfe wegen bald verlassen. Die Richtung ist dann südöstlich, und zu unserer Linken liegt eine große Lagune mit sehr salzigem Wasser. Die Hügel, die wir auf einem kleinen Passe überschreiten, bestehen aus weichem, lockerem Material, auf dem die ziemlich schwerbeladenen Kamele nur schwer und mühsam gehen können. Auf der anderen Seite ging es beinahe senkrecht nach einem Flusse hinunter, der ein wahres Höllenloch mit ziegelrotem Schlammboden durchströmte, in welchem man ertrinken konnte, wenn man nicht mitten im Flußbette blieb. Sogar dieses lebhaft fließende Wasser hatte einen bitteren Salzgeschmack. Die Kamele gleiten aus und sinken oft bis an die Knie ein. Im ersten besten Nebentale suchen wir Erlösung von diesem Elend, überschreiten noch einen Paß und noch ein Tal und gehen ein drittes, nach Süden führendes hinauf. Auch dieses lag zwischen jähen Wänden von lockerem, rotbraunem Material. Die phantastischsten Türme und Festungsmauern sind hier ausgemeißelt, und man glaubt, durch die Ruinen einer alten Stadt zu reiten.
Jetzt galt es nur, einen einigermaßen brauchbaren Lagerplatz zu finden; als aber unsere Bemühungen auch beim Einbruch der Dämmerung nicht mit Erfolg gekrönt waren, wurde das Lager Nr. 12 in der ödesten Gegend, die man sich denken kann, aufgeschlagen. Weide und Brennstoff zu finden hatten wir gar nicht erwartet, aber hier fehlte es sogar an Wasser. Glücklicherweise fing es um 9 Uhr ziemlich heftig zu schneien an; alle Gefäße wurden ins Freie gestellt, und wir bekamen so viel Schnee, daß das Wasser daraus zu einigen Schlucken Tee für jeden reichte. Den Tieren wurde so viel Mais gegeben, wie sie haben wollten; die Esel würden doch nicht mehr sehr lange mitkommen können, und dann war es besser, uns ihrer Lasten auf diese Weise zu entledigen, als sie im Stiche zu lassen.
Nachdem das Schneien aufgehört hatte und der gefallene Schnee verdunstet oder aufgetaut war, begannen wir spät abends einen Brunnen zu graben, der noch in 99 Zentimeter Tiefe kein Wasser gab und deshalb nicht weitergegraben wurde. Doch am nächsten Morgen hatte sich in ihm eine nicht unbedeutende Wassermenge angesammelt, die für alle Mann reichte; ja, selbst die Hunde bekamen etwas davon ab. Dowlet holte uns mit der halben Eselkarawane ein; damit sich auch die andere Hälfte mit uns vereinigte, wurde nur ein kurzer Tagemarsch gemacht.
Tschernoff hatte die Gegend rekognosziert und führte uns nach Südwesten über ebenes, hartes Erdreich, das dünn mit Jappkakpflanzen bestanden war und nach allen Richtungen hin von Kulanpfaden durchkreuzt wurde. Noch sah man im Norden die Kalta-alagan-Kette, aber der See, der diesseits derselben liegt, wurde von den Hügeln, die wir gestern überschritten hatten, verdeckt. An das charakteristische tibetische Wetter waren wir schon gewöhnt: heftige Hagelschauer, denen Sonnenschein auf dem Fuße folgt, oder auch klare Luft über unserer Gegend, aber schwarze, freigebige Wolken ringsumher.
Wie auf dem Marsche innerhalb der Karawane eine bestimmte Ordnung herrscht, so entsteht auch das Lagerdorf nicht aufs Geratewohl. Derselbe Plan wiederholt sich allabendlich, nur mit unbedeutenden, durch die Gestalt des Bodens bedingten Abänderungen. An dem einen Ende der Lastenstapelreihen hat Turdu Bai sein Zelt (Abb. 231), wo auch Hamra Kul, Mollah Schah und Rosi Mollah wohnen. Letzterer, der muhammedanische Priester der Karawane, ist ein vierzigjähriger, des Schreibens kundiger, sehr netter und zuverlässiger Mann. Er brachte wie Li Loje sein eigenes Pferd mit und erhielt gleich den meisten anderen Muselmännern monatlich 8 Sär.
Das zweite Zelt, von Turdu Bais Flügel gerechnet, beherbergt meine Küche und die der Kosaken; dort residiert Kutschuk allein. Er ist Tscherdons Gehilfe, welch letzterer für die nächste Zeit zu meinem Haushofmeister ernannt worden ist. Tschernoff ist der Koch der Kosaken. Unsere Küche ist also von derjenigen der Muselmänner getrennt, da diese nicht gern mit Ungläubigen speisen und religiöse Furcht vor Töpfen hegen, in die sich möglicherweise einmal ein Stück Schweinefleisch hatte hineinverirren können. Die Kosaken wollen ebensowenig ihre Töpfe mit Kulanfleisch beflecken, welches die Muselmänner wiederum sehr gern essen.
Die dritte in der Reihe ist die große, von Sirkin, Schagdur und dem Lama bewohnte Jurte. Jeder von ihnen hat sein Bett, das aus Filzdecken, Pelzen und einem Kopfkissen besteht, und eine Kiste für seine Sachen. Die Habseligkeiten der Eingeborenen nehmen dagegen wenig Raum ein und haben meistens in einer Kurtschin (lederne Doppeltasche) Platz. Schagdur ist jetzt nach seiner Krankheit jede Arbeit streng verboten. Es dauerte jedoch nicht lange, so hatte er seine frühere Kraft wiedererlangt und hob Kisten und Lasten mit demselben festen Griffe wie vor der Krankheit. Dem Lama hatte ich ein für allemal erklärt, daß er als „Doktor der Theologie“ nichts mit den gröberen Karawanenarbeiten zu tun habe, da diese von den Muselmännern besorgt würden. Ich sagte ihm, seine einzigen Pflichten seien, mir wie bisher Unterricht im Mongolischen zu geben und späterhin unser Dolmetscher für das Tibetische zu sein, unser „Tangut kälä“, wie es auf mongolisch heißt. Doch wie oft ich ihm dies auch wiederholte, er kehrte sich nicht daran. Es gab keine Arbeit, die dem Lama für seine an heilige Folianten gewöhnten weichen Hände zu grob erschien. Er hob schwere Kisten auf die Kamele und von den Kamelen herunter, und Turdu Bai sagte lachend, er habe an ihm einen ausgezeichneten Handlanger. Hierdurch gewann der Lama eine gewisse Popularität bei den Karawanenleuten und stachelte den Ehrgeiz der Muhammedaner an; ein Rechtgläubiger durfte ja nicht schlechter sein, als ein „Kaper“, ein Heide, der Schweinefleisch ißt. Der Lama besaß eine scharfe Beobachtungsgabe und große Menschenkenntnis. Es währte gar nicht lange, so hatte er die Muhammedaner sowohl nach ihrem Werte als Menschen wie nach ihrer Arbeitstüchtigkeit in eine Rangordnung gebracht.
Darauf folgt Tschernoffs und Tscherdons kleine Jurte. Tschernoff überwacht alle gröberen Arbeiten in der Karawane und ist dafür verantwortlich, daß jeder seine Pflicht tut, und Tscherdon ist, wie gesagt, mein „Leibdiener“ und Koch.
Zu äußerst auf dem entgegengesetzten Flügel steht meine Jurte, bewacht von Jolldasch und Jollbars, die manchmal gar zu eifrig auf eingebildete Feinde losfahren, nämlich auf unsere eigenen Pferde und Kamele, die friedlich in der Gegend umherstreifen oder, wenn sie vergebens nach Gras gesucht hatten, nach Turdu Bais Zelt zu gehen pflegen, um sich dort Mais zu holen.
Die übrigen Karawanenleute müssen sich mit etwas provisorischeren „Zelten“ begnügen. Sie breiten Filzteppiche über die Kamellasten und finden darunter eine Lagerstatt. Ihr Essen kochen sie an den verschiedenen Feuern, die mitten auf den Straßen und dem Markte der Lagerstadt brennen. Einige von ihnen müssen jedoch die ganze Nacht unsere Tiere hüten und dafür sorgen, daß diese sich nicht zu weit entfernen. In dieser schweren Arbeit lösen sie jedoch einander ab, und Tschernoff paßt auf, daß hierbei keine Ungerechtigkeit vorkommt. Manchmal reitet er mitten in der Nacht zu den Herden, um sich zu überzeugen, daß die Hirten nicht schlafen. Was die Schafe betrifft, so wird für sie stets von den Lasten eine Hürde zurechtgemacht, denn in dieser Gegend ist man vor Wölfen nicht sicher.
Sobald die Ansiedlung für eine Nacht fertig dasteht, herrscht zwischen ihren luftigen Hütten eine gute Weile Leben und Bewegung. Dann schwirren drei Sprachen durcheinander, Dschaggataitürkisch, Russisch und Mongolisch. Allmählich verstummt jedoch die Unterhaltung, Turdu Bai führt die Kamele auf die Weide, wenn es in der Gegend solche gibt, Hamra Kul macht es mit den Pferden ebenso, und beide erteilen ihre Befehle hinsichtlich der Behandlung und Bewachung der Tiere. Wenn an einem Packsattel ein Saum aufgegangen ist, wird er wieder zugenäht, und wenn ein Kamel oder Pferd hinkt oder kränklich ist, wird es im Lager zurückbehalten und mit besonderer Fürsorge gepflegt. Hier werden die Feuer angezündet, die wir jetzt beinahe ausschließlich mit trockenem Miste von Kulanen oder wilden Yaken unterhalten. Einen kostbaren Reservevorrat von Brennholz haben wir an den starken Leitern, an denen der Proviant festgebunden ist. In dem Maße, wie dieser zusammenschrumpft, werden die Leitern überflüssig; sie werden aber nur im äußersten Notfall als Feuerung verwendet, anfangs nur, um den oft noch feuchten Dung zum Glühen zu bringen. Sobald er in Glut ist, werden die Töpfe aufgesetzt und das Essenkochen beginnt. Um die Feuer herum sieht man Gruppen von Männern, die sich eifrig miteinander unterhalten und sich der Ruhe freuen. Wenn der gewöhnliche Weststurm mit tüchtigem Schneetreiben anhebt und, wie heute, die Gegend in wenigen Minuten kreideweiß und winterlich macht, decken sie sich einfach mit einer Filzmatte zu und fahren in größter Ruhe mit der Speisenbereitung fort. Meine Jurte ist in einer Viertelstunde fertig. Die Filzdecken und Pelze, aus denen mein Bett besteht, liegen wie die der anderen unmittelbar auf der Erde. Ich lasse mich auf dem Bette nieder und trage die Beobachtungen des Tages in die Tagebücher ein. Nach dem Abend- oder Mittagsessen, wie man diese Mahlzeit nennen will, wird das am Tage entworfene Kartenblatt ausgearbeitet, die Kompaßpeilungen und die Entfernungen ausgerechnet und der neue Lagerplatz auf einem Übersichtsblatte angegeben. Ich weiß also stets, wo wir uns befinden, kann mich davor hüten, mich den westlich von uns liegenden Routen Littledales und Dutreuil de Rhins und den östlich von uns befindlichen Wegen des Prinzen von Orléans und Bonvalots zu sehr zu nähern, und bin auch imstande, die Richtung nach Lhasa einzuhalten.
Das Lager der Eselkarawane befindet sich ganz in der Nähe des unsrigen. Einstweilen sind dort nur 30 Esel; die anderen sind noch nicht erschienen. Am folgenden Morgen, 8. Juni, mußte der alte Dowlet umkehren, um sie zu suchen.
Wir dagegen zogen südwärts durch ein ausgetrocknetes Tal. Kärgliche Weide gibt es hier überall, aber keine anderen Tiere als Hasen. Der Himmel bleibt immer noch bewölkt. Nach und nach wird das Terrain beschwerlich. Hunderte von kleinen, wasserlosen Bachrinnen ziehen sich nach einem nach Norden gerichteten Tale, das zu unserer Linken liegt. In dieses gehen wir hinunter und folgen ihm dann aufwärts. Es ist ziemlich tief in die Hügel eingeschnitten, und der Bach, der hier seinen Abfluß gehabt hat, hat den Talboden derartig aufgelockert und weichgemacht, daß die Kamele einsinken. Es klatscht nach jedem Schritte, den die schweren Kolosse in dem Moraste zurücklegen. Der lange, schwarze Zug folgt jedoch getreulich den Windungen des Korridors, aber der greuliche Hohlweg wird immer nasser und enger. Unaufhörlich erschallen eifrige Mahnrufe. Ein Kamel ist ausgeglitten und gefallen, ein Pferd hat sich seine Last abgeschüttelt, und ein Maulesel sitzt ganz im Schlamme fest.
Selbst die boshafteste Phantasie kann keinen scheußlicheren, die Geduld mehr auf die Probe stellenden Boden erdenken. Der Abstand zwischen den tief ausgemeißelten Erosionsfurchen beträgt oft nur einen Fuß; Millionen solcher kleiner Rinnen vereinigen sich zu größeren, diese wieder zu noch kräftigeren, die schließlich in das nach dem Kum-köll führende Haupttal münden. Die Abhänge fallen überall sehr steil nach diesen Rinnen ab, und auf dem Schlammboden des Haupttales geht es sich, als hätte man Bleisohlen an den Stiefeln oder schwere Gewichte an den Beinen. Alle gehen natürlich zu Fuß. In einer Lache blieb mein einer Stiefel stecken, und ich fuhr mit dem Strumpfe bis ans Knie in den Morast. Die Wege, die zu Dantes Hölle führen, können nicht scheußlicher sein, als diese siebenmal verwünschte Schlammstraße, die an den Kräften der Karawane unnötigerweise zehrte. Zwei Kamele wurden so matt und unbrauchbar, daß sie von ihren Lasten befreit werden mußten. Aus der Ferne hatten diese Höhen so sanft und niedrig ausgesehen, daß die Männer uns fast ebenes Terrain prophezeit hatten.