Im Herzen von Asien. Zweiter Band.
Part 12
Schagdur hatte noch zwei Reisegefährten, alte Bekannte von uns, mitgebracht. Der eine war Ördek, der den Tempel in Lôu-lan entdeckt hatte, der andere Chalmet Aksakal von Korla. Es war ein recht eigentümliches, interessantes Quartett, das jetzt die Bevölkerung unseres leeren Serai vergrößerte, und die Stimmung wurde wieder heiter. Jeder von den vier Gästen mußte vorbringen, was er auf dem Herzen hatte. Zuerst berichtete Schagdur über seine Mission, zeigte seine Abrechnung und lieferte den Rest der erhaltenen Summe wieder ab. Er brachte ungefähr die Hälfte wieder, -- ein anderer Asiat hätte dieses Geld natürlich in seine eigene Tasche gesteckt, aber Schagdur war ein ehrlicher, redlich denkender Mensch. Schon der Gedanke zu stehlen wäre ihm ganz absurd vorgekommen.
Ördek war gesund und munter und bat aufs flehentlichste, mitkommen zu dürfen, gleichviel wohin und unter welchen Bedingungen. Als er im vorigen Jahre um seine Entlassung bat, hatte er als Grund eine bösartige Krankheit angegeben. Jetzt versicherte er, dies sei gelogen und der wahre Grund der gewesen, daß Islam ihn mit dem Tode bedroht habe, wenn er es wagen würde, sich in Temirlik sehen zu lassen.
Jetzt, da Islam uns verlassen hatte, zog sich ein Unwetter über ihm zusammen. Ördek aber wurde unter denselben Bedingungen wie früher fest angestellt, mußte sich alles Nötige besorgen und erhielt den Befehl, den Eseln nachzueilen und mit ihnen nach dem Kum-köll zu ziehen.
Der Lama war im vorigen Winter von einer Pilgerfahrt nach Lhasa zurückgekehrt, wo er eine Zeitlang in einigen Tempeln die heiligen Bücher studiert hatte. Auf der Rückreise hatte er einen anderen Lama aus Kara-schahr als Genossen gehabt und dabei in Zaidam Kosloffs Expedition gesehen. Dies war das einzige Mal auf der ganzen Reise, daß ich etwas von meinem russischen Freunde hörte.
Schereb Lama war sofort außerordentlich geneigt gewesen, die burjatischen Kosaken nach Lhasa zu begleiten, und hatte ihnen so viel von den Herrlichkeiten dieser Stadt erzählt, daß Schagdur vor Sehnsucht brannte, dorthin zu kommen. Der Lama war aber mißtrauisch gewesen und hatte gefragt, ob auch ein „Russe“ mitwolle, denn dann könne er sich mit der Sache nicht befassen, -- das würde ihm das Leben kosten. Schagdur hatte beteuert, daß kein Russe mitgenommen würde. Der Lama erklärte mir nun, daß er mich gern überallhin begleiten wolle, -- nur nicht nach Lhasa, und daß er mit einem Lohne von zwei Jamben für die ganze Zeit zufrieden sei. Er erzählte dann allerlei von der heiligen Stadt und der Wallfahrt und sagte, daß Lhasa schon in einer Entfernung von zehn Tagereisen von Reitern und Grenzaufsehern umgeben sei, die jede ankommende Karawane, ja jeden einzelnen Reiter gründlich untersuchten. Alle würden auf diese Weise angehalten, und erst nachdem ihre Pässe in Lhasa geprüft und von dort Bescheid gekommen sei, dürften sie frei passieren. Die große Mongolenkarawane, die voriges Jahr an unserem Lager in Temirlik vorbeigezogen war, sei zehn Tage aufgehalten worden, weil man in Erfahrung gebracht, daß unsere Karawane an der Grenze des Landes der Zaidammongolen lagere, und man wahrscheinlich befürchtet habe, daß sich irgendein Unbefugter mit ihr einschleichen wolle.
Darauf kam die Reihe an Chalmet Aksakal. Zuerst fragte ich ihn, ob er mir einen großen Dienst erweisen wolle, was er selbstverständlich bejahte. Er solle mir zehn Jamben Silber leihen, nach damaligem Silberwert etwa 2000 Mark. Bald darauf reihte er die Silberbarren in meinem Zelte auf. Ohne diese Verstärkung meiner Kasse würde ich in Südtibet in eine äußerst unangenehme Lage geraten sein. Nach meinem Diktat schrieb er einen Brief in türkischer Sprache an Herrn Petrowskij, welches Schreiben von mir unterzeichnet wurde und als Wechsel für besagte Summe galt, der auch rechtzeitig eingelöst wurde.
Nun war also endlich alles klipp und klar, und wir konnten am nächsten Morgen, 15. Mai, aufbrechen. Daraus sollte jedoch nichts werden. Um 5 Uhr fing es in außergewöhnlicher Weise an zu gießen, und der Donner rollte dumpf in den Bergen -- ein passender Hintergrund zu der traurigen Überraschung, die mir an diesem Abend bevorstand. Neue Wolken ballten sich über dem armen Islam Bai zusammen!
Chalmet Aksakal beklagte sich darüber, daß Islam in Korla 27 Sär von ihm entliehen und ihn, als er das Geld zurückgefordert, beschimpft und verhöhnt habe. Jetzt behauptete er auch, wohlbegründete Veranlassung zu der Vermutung zu haben, daß auch ich bestohlen worden sei. Ich begriff gar nicht, was er meinte. Islam Bai? Nein, das war nicht möglich! Er, der fünf Jahre lang mein Geschick geteilt hatte, mit mir in der Wüste beinahe umgekommen war und so viele Beweise meines Vertrauens und meiner Zuneigung erhalten hatte, er, der so viele Geschenke bekommen hatte und höheren Lohn erhielt als alle anderen und der die goldene Medaille für Treue und Redlichkeit trug!
Doch schon bei der ersten vorsichtigen Untersuchung in Tscharchlik kam allerlei an den Tag. Schagdur hatte Islam Bai in Temirlik für 165 Sär Gold von Goldgräbern aus Bokalik kaufen sehen, sich aber keine Einmischung erlaubt, weil er überzeugt war, daß es auf meinen Befehl geschehen sei. Sirkin und Ördek hatte Islam um 16 und 10 Sär betrogen, sie hatten mir aber nicht durch Klagen lästig fallen wollen. Man könnte sagen, daß die Wahrheit durch reinen Zufall ans Licht gekommen sei, wenn man nicht darin vielmehr die Strafe der himmlischen Gerechtigkeit sehen müßte. Chalmet Aksakal war brieflich beauftragt worden, Zucker u. dgl. zu kaufen und uns zu schicken. Als ich in das Hauptquartier zurückkam und die Rechnung sah, fand ich sie sehr hoch. Islam verstand es damals, mir zu beweisen, daß sie um 23 Sär zu hoch war. Ich hatte mir darauf Chalmet Aksakals Bruder, einen Tscharchliker Kaufmann namens Osman Bai, kommen lassen, hielt ihm eine niederschmetternde Rede und sagte, daß sein Bruder sich als unredlicher Mensch bewiesen habe. Osman verteidigte ihn und bat mich himmelhoch, doch nicht der Verleumdung Glauben zu schenken. Da ich mich nicht überzeugen ließ, hatte Osman einen Eilboten nach Korla geschickt und seinem Bruder geraten, unverzüglich zu kommen, da hier Böses gegen ihn im Werke sei. Er kam nun auch mit Schagdur. Als sie Islam bei Tikkenlik begegneten, war er sichtlich unangenehm berührt gewesen und hatte gesagt, er sei beauftragt, den Kosaken mitzuteilen, daß ich meinen Plan geändert hätte und sie über Abdall und Tschimen reiten müßten, wenn sie mich finden wollten. Hätten sie ihm geglaubt, so würde ich sie erst Anfang Juni am Kum-köll getroffen haben. Doch Islams Plan, der darauf angelegt war, ihm bis Kaschgar Vorsprung zu verschaffen, scheiterte an der Pflichttreue der Burjaten. Sie wußten, daß sie sich ausschließlich nach meinen eigenen schriftlichen oder mündlichen Befehlen zu richten hatten, und da ich glücklicherweise ein paar Tage vorher mit der chinesischen Post einen Brief an Schagdur geschickt hatte, kehrte sich dieser nicht an Islams intrigante Reden und begab sich direkt nach Tscharchlik.
Infolge der vorläufigen Untersuchung, die jetzt angestellt wurde, verzögerte sich unsere Abreise um ein paar Tage. Als wir endlich aufbrechen konnten, begleitete uns der Aksakal noch auf der ersten Tagereise. Als er nach Korla zurückkehrte, nahm er ein Schreiben an den Generalkonsul mit, der Islam Bai, welcher russischer Untertan war, auf mein Ersuchen gleich bei seiner Ankunft in Kaschgar verhaften und alle seine Effekten untersuchen lassen sollte. Alles darunter befindliche chinesische Silbergeld und das rohe Gold sollten mit Beschlag belegt werden.
Doch ehe ich erzähle, wie es Islam in Kaschgar ging, will ich zeigen, daß er das Schicksal, das ihn traf, in jeder Hinsicht verdient hatte. Als wir in Kum-köll mit der Karawane zusammentrafen, wurden alle meine Diener einzeln verhört. Jeden hatte er um größere oder kleinere Summen betrogen; nur Tschernoff hatte sich nicht überlisten lassen. Im ganzen ließen sich etwa 12 Jamben nachweisen, die er den Eingeborenen nach und nach in größeren oder kleineren Beträgen abgenommen hatte, und mir hatte er durch gewisse Geschäftspraktiken 9 Jamben veruntreut, einen großen Teil davon bei den letzten Kamelankäufen.
Schon in Jangi-köll hatte ich einen großen Vorrat von Tschapanen, Pelzen und Stiefeln kaufen müssen, die unseren Dienern geschenkt werden sollten. Die Sachen waren allerdings unter sie verteilt worden, aber Islam hatte sich dafür bezahlen lassen und den Gewinn in seine Tasche gesteckt.
Es ist seltsam, daß ich nie gemerkt hatte, wie ich täglich so gemein bestohlen wurde; aber es war doch auch wieder erklärlich. Erstens wurden alle Auszahlungen aus meinen Geldkisten ordnungsmäßig gebucht, und direkter Kassendiebstahl war nie vorgekommen; dazu war Islam viel zu klug. Da aber alle größeren Beträge für den Ankauf von Proviant, Kamelen und Pferden und die Löhne der Leute durch Islams Hände gingen, hatte er Gelegenheit, den Lieferanten weniger zu geben, als sie zu fordern berechtigt waren. Die guten Eingeborenen waren in weit höherem Grade als ich die Geschädigten gewesen, daher fehlte auch nie etwas in meiner Reisekasse; ich wußte stets, wieviel ausgegeben wurde und wieviel noch da war.
Dann findet man es wohl unbegreiflich, daß sich keiner der Betrogenen bei mir beklagt hat, und auch ich wundere mich noch heute darüber, daß dies nicht geschehen ist. Aber Islam war ein großer starker Kerl, der es verstanden hatte, sich bei den Muselmännern in großen Respekt zu setzen. Sie fürchteten ihn wie einen asiatischen Despoten, wagten nicht zu murren, schwiegen und nahmen, was er ihnen gab, um so mehr, als er, wie ich am Kum-köll erfuhr, drohte, dem, der bei mir zu klagen wagte, den Schädel einzuschlagen. Deshalb nahmen sie sich hübsch davor in acht und fanden sich still und ergeben in ihre ungerechtfertigten Verluste. Er hielt sie durch seine bloße Gegenwart in hypnotischer Angst, und erst jetzt, da er fort war, kam die Wahrheit zum Vorschein. Ja, jetzt kam alles an den Tag! „O Gott, wie viele haben seinetwegen weinen müssen“, hieß es.
Auf der Fähre und in der Tschertschenwüste, den einzigen Reisen, auf denen ich ihn unter meiner eigenen Kontrolle hatte, war er derselbe wie früher, derselbe ruhige, besonnene, treue Diener wie auf der Reise durch Asien in den Jahren 1893-97. Nachher nahm ich ihn nicht mit auf große Exkursionen, weil ich glaubte, beruhigt sein zu können, wenn er die Aufsicht über das Hauptquartier führte. Und wenn ich von den verschiedenen Touren dorthin zurückkehrte, beklagte sich keiner; die beste Ordnung herrschte überall. Gerade dieser Umstand, daß wir meistens an verschiedenen Orten waren, macht es zum großen Teile erklärlich, daß ich von den Unredlichkeiten nichts merken konnte, und es würde mir überdies auch nie eingefallen sein, Islam Bai in Verdacht zu haben. Dazu hegte ich viel zu großes Vertrauen zu ihm; von diesem Gesichtspunkt aus war ich in nicht geringem Maße an seinem Unglück schuld.
Psychologisch war mir die Ursache seines Falles bald verständlich. Während der Reise nach Peking war er in meiner Karawane drei Jahre lang stets der Erste gewesen. Vom einfachen Arbeiter bei den Pferdekarawanen zwischen Osch und Kaschgar hatte ich ihn zum Führer und Karawan-baschi erhoben, und er hatte sich aus reiner Anhänglichkeit aufs glänzendste bewährt. Auch jetzt hatte er mir anfänglich am nächsten gestanden. Doch mit der Ankunft der Kosaken trat eine andere Ordnung ein. Ich schätzte sie mehr, und ihre Gesellschaft war mir lieber als die Islams. Alle Beschäftigungen in meiner unmittelbaren Nähe wurden den Kosaken übertragen, während Islam nur mit den Muselmännern und den gröberen Karawanenarbeiten zu tun hatte. Es verdroß ihn, sich von den Ungläubigen verdrängt zu sehen, und in seinem Herzen stieg der Gedanke auf: „Soll ich ihnen weichen, so will ich wenigstens Ersatz dafür haben“, und nun begannen die Diebstähle in Jangi-köll und wurden die ganze Zeit bis zu seiner Abreise von Tscharchlik fortgesetzt.
Der Arme tat mir leid, und ich nahm mir vor zu versuchen, seine Strafe nach Möglichkeit zu mildern, um so mehr, als die Muselmänner ihre Beschuldigungen gewöhnlich sehr übertreiben. Doch wenn auch nur die Hälfte davon wahr war, waren die Diebstähle schon groß genug, um ihn nach Sibirien zu bringen. Aber in der Wüste Takla-makan hatte er mir 23 Jamben gerettet und mir bei unzähligen Gelegenheiten unschätzbare Dienste geleistet.
Es tauchten aber noch allerlei andere häßliche Geschichten auf, die mich gegen sein Schicksal total gleichgültig machten. In Jangi-köll hatte er sich drei, sage drei, junge „Frauen“ genommen, von denen ihn eine 100 Sär gekostet hatte, und damals waren ihm erst 30 Sär von seinem Lohne ausbezahlt worden. Während der zwölf Tage, die er in Tschertschen zubrachte, hatte er sich ebenfalls „verheiratet“, und in Tscharchlik hatte er sich zum Schlusse auch noch eine „Gattin“ zugelegt. Je nachdem das Hauptquartier verlegt wurde, wurden die Damen der Reihe nach abgedankt, und als er endgültig nach Kaschgar reiste, ließ er sie alle miteinander sitzen. Bei all diesen leichtsinnigen Streichen hatte er obendrein in Osch seine rechtmäßige Frau mit fünf Kindern!
Auf die Länge wird es kostspielig, sich fünf Frauen zu halten. Erst muß die Auserwählte gekauft und bar bezahlt werden, dann wird sie eingekleidet und dabei sind ihre Neigungen für chinesische Stoffe u. dgl. zu befriedigen, und schließlich ist sie, vielleicht auch noch ihr Papa und ihre Mama, zu beköstigen. Letzteres ließ sich ja aus unseren eigenen Vorräten leicht bewerkstelligen, und ich werde es also wohl gewesen sein, auf dessen Kosten geschmaust worden ist.
Der letzte Abschnitt der Geschichte Islams nahm folgenden Verlauf. Bei der Ankunft in Kaschgar ließ der Konsul seine Sachen durchsuchen. Bares Geld wurde nicht mehr viel gefunden, aber das gefundene, soweit es reichte, den Benachteiligten zugestellt. Seine Freiheit durfte er behalten, doch nur bis zu einer gewissen Grenze, denn es wurde ihm verboten, Kaschgar zu verlassen. Als ich Anfang Mai 1902 wieder dorthin kam, hatte er infolgedessen noch keine Beschäftigung gefunden. Er suchte mich im Dorfe Japptschan auf, und er tat mir sehr leid, als er sich laut weinend mir zu Füßen warf. Ich ermahnte ihn aufs eindringlichste, sich bei dem Verhör in Kaschgar streng an die Wahrheit zu halten. Ich versicherte ihm, daß ich ihn, wenn er löge, ohne Erbarmen der Gerechtigkeit des russischen Gesetzes überlassen, wenn er aber die Wahrheit spräche, dafür sorgen würde, daß er straflos ausginge. Er versprach, meinem Rate zu folgen. Er war kalt, finster, bleich und abgezehrt und sah ein, daß er sein Leben ruiniert hatte. Hätte er sich so gut geführt wie das vorige Mal, so wäre er in seinem Heimatorte ein angesehener Mann geworden. Sein Name war schon jetzt in ganz Innerasien bekannt, aber welche traurige Berühmtheit sollte er künftig erlangen!
Als aber das Verhör vor sich ging, alle Anklageakten vorgelegt und alle Zeugen zur Stelle waren, leugnete er hartnäckig bei jedem einzelnen Punkt. Man konnte ihn nicht dazu bringen, die Richtigkeit auch nur der greifbarsten Beschuldigungen anzuerkennen; er erklärte alles für boshafte Verleumdung. Ich erinnerte ihn wieder daran, daß es in seinem eigenen Interesse liege, zu gestehen, aber nichts half. Keine Stimme erhob sich zu seiner Verteidigung. Er erhielt jetzt vom Konsul Befehl, sich bei dem Distriktschef, Oberst Saizeff, in Osch einzustellen, in welcher Stadt nach russischem Gesetz das Urteil über ihn gefällt werden mußte und wo er bald nach mir eintraf. Auch hier leugnete er alles. Da er sich durch die Veruntreuungen gegen das russische Gesetz und durch seinen Lebenswandel gegen das Scheriet (religiöse Gesetz) der Muhammedaner vergangen hatte, wurde er für Sibirien reif erklärt, die Strafe aber auf drei Monate Gefängnis ermäßigt; auf meine besondere Bitte wurde die Strafe nachher auf vierzehn Tage ermäßigt, aber ganz straflos durfte er schon seiner Landsleute wegen nicht ausgehen.
Ich sah ihn in Osch nicht wieder und wollte ihn auch nicht mehr sehen. Er, der in meiner Karawane eine so hervorragende, ehrenvolle Rolle gespielt hatte, war von nun an für mich tot. Durch seine grenzenlose Dummheit und Gedankenlosigkeit und durch eine Art Größenwahn hatte er sich in das schimpflichste Elend gestürzt, er, der in seiner Heimat einen Ehrenposten hätte erhalten können und dem die russischen Behörden als Anerkennung der von ihm geleisteten Dienste einen goldgestickten Samtchalat versprochen hatten. Damit war seine Geschichte zu Ende. Nach den Verhören am Kum-köll wurde sein Name in der Karawane nicht mehr genannt.
Die Moral der Geschichte ist: „Traue nie einem Muselmann!“ Man sollte glauben, daß, wenn man einen Diener so viele Jahre gehabt und mit Güte überhäuft und er selbst nur Vorteil von seinem guten Betragen hat, man sich schließlich auf ihn wie auf sich selbst müßte verlassen können. So aber sind die Muhammedaner nicht. Sie vergessen nie, daß sie bei einem Ungläubigen in Diensten stehen. In moralischer Hinsicht ist diese Rasse schlecht, aber man muß sie nicht zu streng verurteilen, denn sie lebt wirklich in harten Verhältnissen. Die Mongolen sind unvergleichlich viel besser, und ist man wie ich so glücklich, eine Eskorte von Kosaken zu besitzen, so dürfen die Muhammedaner nur zu den gröberen Arbeiten benutzt werden. Mehrere von meinen muhammedanischen Dienern, Turdu Bai, Kutschuk, Chodai Kullu und Ördek, waren allerdings außergewöhnlich prächtige Menschen, aber sie hatten auch nie Gelegenheit, in allzu große Versuchung zu geraten.
Neuntes Kapitel.
Über die nördlichen Randgebirge nach dem Kum-köll.
Als ich am 17. Mai endlich in den Sattel steigen konnte, geschah es, um noch einem Jahre voller Irrfahrten in Asiens großem, ödem Inneren entgegenzugehen. Mit großer Spannung und frischem Mut wurde diese letzte denkwürdige Reise angetreten, die mich mit den am schwersten zugänglichen Teilen des Kontinents bekannt machen sollte. Gelang sie, so würden, im großen gesehen, nicht viele Teile Asiens übrig sein, die ich noch nicht besucht hatte. Ich hoffte gar viel von dieser letzten Reise, wußte aber auch, daß ich jetzt das Schwerste vor mir hatte. Doch die Schwierigkeiten reizen am meisten, und inmitten der ernsten, eifrigen Arbeit, die täglich vorwärtsschritt, freute ich mich in Gedanken auf all die wilden Abenteuer, die meiner „jenseits der hohen Berge“ warteten.
Eine unangenehme Überraschung stand uns jedoch noch bevor, ehe wir die kleine, gastfreie Stadt am Rande der Wüste verließen. Am Abend des 16. Mai traf eine Karawane von zehn mongolischen Pilgern aus Tarbagatai mit elf Pferden und zwölf Kamelen ein. Sie ließen sich in einem Haine unweit des Basars nieder. Schagdur und der Lama hatten sie in Kara-schahr getroffen und wußten, daß sie auf dem Wege nach Lhasa war. Natürlich wußten die Mongolen, von denen einige türkisch sprachen, daß sich eine große Karawane in der Gegend aufhielt. Wir konnten nicht aufbrechen, ohne daß sie uns sahen. Als Sirkin mit den Packpferden an ihrem Lager vorbeiritt, hatten sie auch gefragt, wohin es gehe, und er hatte geantwortet, daß er nach Ladak und Kaschgar wolle. Schagdur und der Lama ritten frühmorgens aus der Stadt und machten einen großen Bogen nach Westen, um nicht gesehen zu werden. Ich ritt den mittleren Weg im Flußbett mit Chalmet Aksakal und dem alten Togdasin Bek aus Tscharchlik, der uns damals durch das Bett des Ettek-tarim begleitet hatte. Erst als die Gärten der Oase unter dem Horizont verschwunden waren, vereinigten wir uns wieder zu einer Gesellschaft; mich wenigstens hatten die Mongolen nicht gesehen; sie würden mich nicht identifizieren können, wenn wir uns später unter kritischen Verhältnissen treffen sollten.
Doch warum all diese Vorsichtsmaßregeln gegen eine Gesellschaft friedlicher Mongolen, die keiner Katze etwas zuleide tun? Darum, weil sie vor uns nach Lhasa kommen und ohne Zweifel von unserem Herannahen erzählen würden. Dann aber würde das Land im Norden des „heiligen Gebietes“ streng bewacht und wir nimmermehr durchgelassen werden. Die Kamele der Mongolen waren freilich in schlechtem Zustand, und sie würden lange Zeit brauchen, um Zaidam zu erreichen, wo sie wie gewöhnlich jene gegen Pferde vertauschen wollten. Aber dennoch würden sie uns bald einen Vorsprung abgewinnen und schneller und leichter vordringen als wir, die wir die schlimmsten Teile von Tibet aufsuchten. Meine Befürchtungen trafen später in der Tat zu, obwohl gewiß auch andere Umstände in noch höherem Grade bei der Durchkreuzung unserer Pläne mitwirkten.
Die Karawane, mit der ich jetzt die nördlichsten Bergketten des Kwen-lun-Systems überschritt, war folgendermaßen zusammengesetzt: Schagdur, Sirkin, Mollah Schah und Li Loje, der Lama und ein Führer, 12 Pferde und Jolldasch. Das Hochgebirge erhob sich in überwältigender Majestät vor uns. Im Südosten erschien die Talmündung, welcher der Tscharchlik-su entströmt, und im Süden lagen der Kurruk-sai und Korumluk-sai, nach denen unser Weg führte. Das Tal, in welchem der Fluß die nördlichste Kette des Astin-tag durchbricht, ist zu wild und tief, um passiert werden zu können. Die Sonne brannte heiß, und die Mücken waren hungrig, verschwanden aber gleich, sobald wir in öde, unfruchtbare, langsam ansteigende Gegenden gelangten. Zur Linken erschienen einige einsame Reiter; es waren Mongolen, die uns von weitem beobachteten.
+Jiggdelik-tokai+, der erste Lagerplatz, liegt am linken Ufer des Tscharchlikflusses (Abb. 225). Das Wasser rauschte in einem 40 Meter tief eingeschnittenen Bette zwischen senkrechten Geröllwänden (Abb. 226). Ein halsbrecherischer Pfad führte nach dem Ufer hinunter, wo einige wenige Büsche unseren Pferden kärgliche Weide boten. Der Aksakal und Togdasin Bek, die uns den ganzen Weg begleitet hatten, kehrten jetzt um, trotz des heftigen Sturmes, der sich am Nachmittag erhob und der die Temperatur sehr bedeutend heruntergehen ließ.
Der Morgen war frisch und kühl und machte wärmere Kleidung notwendig. Bald reiten wir in die mächtigen, widerhallenden Säle des „Steinigen Tales“ ein, wo die Wände von rotgeflammtem oder schwarzgestreiftem Granit und dunkeln, harten Schiefern aufgemauert sind. Die nackten, zackigen, kahlen Felsen versperren meistens die Aussicht, manchmal aber öffnet sich in einem Seitentale eine großartige Fernsicht in eine Welt von immer höher und gewaltiger werdenden Bergen, ein Chaos von Ketten und Gipfeln, die hier und da mit malerischen Schneeflecken gekrönt sind. Der Talgrund ist voller Geröllblöcke und Granitstücke von verschiedener Größe, zwischen denen es sich ziemlich mühsam reitet. Tamarisken und wilde Rosen sind häufig. Wir freuen uns nach dem langen Winter in einförmigen Wüsten wieder in die ständig wechselnde Welt der Felsen einzutreten, unsere Stimmen von den Felswänden widerhallen zu hören und zu fühlen, wie unsere Lungen sich mit frischer, reiner, sand- und staubfreier Luft füllen.