Im Herzen von Asien. Zweiter Band.

Part 11

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Hinter diesem Hause erstreckte sich ein ziemlich großer, ummauerter Garten mit Maulbeerbäumen, Weiden und Pappeln, und hier wurde auf einem schattigen Platze die große mongolische Jurte für mich aufgeschlagen. An den Toren des Serai stellten wir nachts stets Wachen auf, und im Garten ebenfalls. Als Gesellschaft in meiner friedlichen Wohnung, in die keine neugierigen Blicke drangen, hatte ich Jolldasch und den großen schwarzen, bösen Jollbars (Tiger), der einst in Jangi-köll von einem wütenden wilden Eber so arg zugerichtet worden war. Er konnte keine Fremden leiden, nur gegen mich war er fromm wie ein Lamm.

Ein Hirsch, ein schönes, prächtiges Tier aus den Wäldern des Tschertschen-darja, den mir Dschan Daloi, der Gouverneur des Ortes, geschenkt hatte, war an einen Baum festgebunden; er war zahm wie ein Hund und wurde von mir mit Brot gefüttert (Abb. 219). Ich konnte ihm stundenlang Gesellschaft leisten, und wir wurden bald die besten Freunde. Er war jung eingefangen worden, und seine großen, braunen Augen suchten nicht mehr mit wehmütigen Blicken eine Gelegenheit, nach den friedlichen Verstecken der Wälder zurückzufliehen.

Nur die allerersten Tage ruhte ich wirklich in dem Lehnstuhle, den mir Islam in den Grotten von Temirlik gezimmert hatte. Ich widmete diese Zeit der gewaltigen Post, die mir der Dschigit Jakub kurz vorher aus Kaschgar überbracht hatte; erst kamen natürlich die Briefe aus meinem geliebten Elternhause, dann ganze Ballen von schwedischen Zeitungen und zuletzt einige neue Bücher von meinen Lieblingsschriftstellern, Selma Lagerlöf, Kipling und anderen.

Die Abende wurden zum Entwickeln benutzt; alle Platten, die in den letzten vier Monaten aufgenommen worden waren, wurden fertiggemacht und gaben gute Bilder. Sirkin war mir hierbei eine unschätzbare Hilfe. Er brachte die Dunkelkammer vor und nach ihrer Benutzung in Ordnung, wußte genau mit den verschiedenen Chemikalien Bescheid, überwachte das Trocknen und kopierte die Platten ~con amore~. Außerdem besorgte er das meteorologische Observatorium, das seinen Platz auf dem Dache hatte, wo es vor der Sonne gut geschützt war. Was seine Kameraden betrifft, so hatte Tschernoff die Oberaufsicht über alles, was mit der Karawane, unserer täglichen Kost und meiner Küche zu tun hatte; er war mein Koch, während Tscherdon mein Kammerdiener war.

Doch schon am 12. April erhielten die beiden burjatischen Kosaken einen besonderen Auftrag auszuführen. Ein Punkt des Programms meiner letzten großen Reise war der Versuch, wenn irgend möglich, als Mongole verkleidet, nach Lhasa zu gelangen. Daher mußte eine vollständige Ausrüstung an mongolischen Kleidern, Utensilien, Kisten, Geschirr usw. angeschafft werden; mit einem Worte alles, was man bei den Mongolen, die die Wallfahrt nach der heiligen Stadt machen, zu finden pflegt. Alles dieses sollte Schagdur, der von allen Karawanenleuten allein in meine Pläne eingeweiht war, bei einem Besuche in Kara-schahr einkaufen. Damit er sich auf dieser langen Reise, zu der ihm ein Monat zur Verfügung stand, nicht gar zu einsam zu fühlen brauchte, gab ich ihm Tscherdon als Begleiter mit. Sie bekamen ausgeruhte Pferde, kannten beide den Weg, waren schon in Korla und Kara-schahr gewesen und waren alle beide so klug und zuverlässig, daß ich mich ihretwegen keinen Augenblick zu beunruhigen brauchte.

Die Tage verrannen gar zu schnell, aber jeder Tag hatte seine Arbeit. Ich tröstete mich damit, daß es für das Gebirge noch zu früh sei; sogar hier unten fing das Grün jetzt erst an auszuschlagen, im Hochgebirge würde es bis zum Aufsprießen des Grases wenigstens noch sechs Wochen dauern. Unterdessen mußten unsere Tiere ruhen, fressen und zu den ihnen bevorstehenden schweren Strapazen Kräfte sammeln. Sie erhielten Kamisch und Mais in Menge und wurden von ihren Knechten mustergültig gepflegt. Turdu Bai war der Herr der Kamele und stand für ihr Wohlergehen ein. Die Kerntruppe der Karawane wurde mit zwanzig neuen Kamelen, die Islam Bai in Tscharchlik kaufte, verstärkt. Als wir schließlich aufbrachen, hatten wir nicht weniger als 39 Kamele, unter denen jedoch drei Junge waren. Das letzte von diesen wurde am 6. Mai geboren und beinahe unmittelbar darauf von uns in Augenschein genommen. Das arme Kleine konnte kaum auf seinen langen, zitternden Beinen stehen und betrachtete mit neugierigen, aufmerksamen Blicken die unruhige Welt, die es umgab. Binnen weniger Tage sprang es jedoch ganz lustig und heimisch auf dem Stallhofe umher und wurde bald der Liebling aller. Es wurde mit besonderer Sorgfalt gepflegt und begleitete uns auf dem größten Teile der Reise durch Tibet, und als es starb, hatte es seine beiden Kameraden längst verloren (Abb. 220).

Die Kamele wurden tagsüber auf die Weide, bei Sonnenuntergang aber nach einem offenen Platze vor unserem Hofe geführt. Dort erhielten sie als Abendfutter Mais, der ihnen sackweise auf Matten geschüttet wurde.

Die Pferde und Maulesel fraßen im Stallhofe aus ihren Krippen. An heißen Tagen nahmen sie ein Bad in einem großen Teiche, der inmitten dichtbelaubter Weiden vor der Eingangspforte des Serai lag, und hier versammelten sich stets Scharen von Reisenden und Neugierigen (Abb. 221).

Der Unterhalt der immer größer werdenden Karawane wurde ziemlich teuer. Alle die neuen Diener, die nach und nach in meine Karawanenliste eingeschrieben wurden, sollten beköstigt werden und Lohnvorschuß erhalten. Täglich wurde mindestens ein Schaf geschlachtet, und Massen von Reis, Brot und Eiern wurden aufgegessen. Andererseits aber war es ein großer Vorteil, daß alle, Menschen und Tiere, die jetzt ins Feuer sollten, Kräfte für die schweren Tage sammelten.

Schon bei unserer Rückkehr nach Tscharchlik hatte Islam Bai den Proviant der ganzen Karawane für eine etwa zehnmonatige Reise angeschafft. Er bestand aus Reis, Mehl und Talkan (geröstetes Mehl, das, mit Wasser angerührt, als Suppe gegessen wird). Später sollte eine ganze Schafherde gekauft werden; im übrigen würde der Ertrag der Jagd so reich werden, daß es uns, auch abgesehen von den Schafen, nicht an frischem Fleische zu fehlen brauchte.

Für mich selbst hatte ich ein paar hundert Konservenbüchsen, die mir Oberst Saizeff in Osch besorgt hatte; sie wurden mir jedoch bald so zuwider, daß die Kosaken den größeren Teil davon nehmen mußten. Eingemachte Früchte, Gemüse und Suppen blieben jedoch die ganze Zeit genießbar.

Für die Kamele und die Pferde wurde ein großer Vorrat Mais in Säcken mitgenommen. Es handelte sich nur darum, wie diese schwere Last transportiert werden sollte. Ich dachte daran, zu diesem Zwecke Esel zu kaufen; ein Esel kostet in Tscharchlik nur 10 Sär (30 Mark). Aber eine hinreichend große Eselkarawane erforderte mindestens ein halbes Dutzend Treiber, und wenn dann die armen Tiere zusammengebrochen waren, würden wir alle diese Männer nutzlos, aber zu großem Schaden für unseren Proviant, auf dem Halse haben. Statt dessen beschloß ich, 70 Esel auf zwei Monate zu mieten. Sie kosteten freilich je 5 Sär den Monat, also ebensoviel, wie wenn wir sie gekauft hätten, aber wir hatten den Vorteil, daß wir nun von allen Sorgen um den Transport befreit waren und es Sache der Eseltreiber war, wie sie wieder nach Tscharchlik zurückkamen. Das Geschäft wurde mit dem alten Dowlet Karawan-baschi aus Buchara abgeschlossen, der sich vorzüglich bewährte, aber selbst wenig Gewinn davon hatte, da beinahe alle seine Esel dabei draufgingen.

Am 28. April traf mein alter Diener Mollah Schah aus Tschertschen ein. Er sollte durchaus mit auf diese Reise, denn er hatte an Littledales Zug nach dem Tengri-nor und Ladak teilgenommen und kannte daher die Hilfsquellen des Landes genauer als alle anderen.

Ich mußte unaufhörlich Besuche von Dienstsuchenden und anderen in meinem Garten empfangen. Bald kam dieser, bald jener mit der Bitte, mich begleiten zu dürfen. Aber mein Stab war schon ausgewählt, und wir wollten nicht zuviele Leute haben. Wir waren sogar der Meinung, daß einige der angestellten Männer vom Arka-tag, sobald alles in Ordnung war und die Tiere sich an ihre Lasten und an die Marschordnung gewöhnt hatten, zurückgeschickt werden könnten. Der Vater des toten Aldat suchte mich auch auf und erhielt ein Geldgeschenk. Dschan Daloi, der Amban von Tscharchlik, befand sich auf seiner Dienstreise nach Kara-schahr; aber sein kleiner sechsjähriger Sohn besuchte mich oft in meiner Jurte. Er zeigte stets in seiner Rede und seinem Benehmen den feinen, eleganten Umgangston, der gebildete Chinesen kennzeichnet. Ich schenkte dem Knaben Süßigkeiten, illustrierte Zeitungen und allerlei Kleinigkeiten, die sein großes Entzücken erregten, und er versäumte nie, mir zum Dank Obst mitzubringen oder meinen Pferden einige Bündel frischen Klee zu senden. Anfang Mai starb er an den Blattern; der arme Vater kam einen Tag zu spät heim, um in der Todesstunde bei ihm sein zu können.

Das Wetter war herrlich. Es stürmte beinahe unaufhörlich; dadurch blieb die Luft frisch und kühl. Die Atmosphäre war voller Staub, der die Sonne verhüllte. Abends war es manchmal so kalt, daß ich das Innere der Jurte mit einem Kohlenbecken erwärmen mußte. Am Tage aber war es mir ein Genuß, dem Heulen des Windes in den Maulbeer- und Pflaumenbäumen zuzuhören; ich weiß nicht, wie es kam, aber es war mir stets besonders behaglich zumute, wenn es recht toll stürmte.

Anfang Mai wurde es jedoch fühlbar heiß. Am 1. Mai hatten wir +32,7 Grad im Schatten; die Luft war klar und ruhig, und im Süden glänzten die Firnfelder auf den höchsten Gipfeln des Astin-tag. Heimtückisch lockten jene schönen Berge, die dem größeren Teile meiner Karawane das Leben kosten sollten.

Doch die Zeit verging, und der Tag des Aufbruchs nahte heran. Das ganze Gepäck wurde in Säcken und Kisten untergebracht. Am 22. April standen fünfzehn Kamellasten verschnürt und festgebunden auf ihren Saumleitern und brauchten nur noch auf ihre Träger hinaufgehoben zu werden. Einige Tage später war die ganze Last auf dem Seraihofe bereit (Abb. 222). Da lagen sie in langen Reihen, diese schweren Ballen, die quer durch Tibet getragen werden sollten. Bei ihrem Anblick war ich starr, aber Turdu Bai versicherte, daß die Lasten durchaus nicht zu schwer seien und überdies auch mit jedem Tage an Gewicht verlieren würden. Dort sah man die fest auf ihre Leitern gebundenen Reissäcke, in einer anderen Reihe stand der Mais, in einer dritten das gebrannte Mehl und mehrere Lasten mit eigens für uns gebackenem Brote. Große Ballen enthielten Pelze für die Leute und weißen Filz zu Mänteln für die Kamele. Lange Reihen von Kisten bargen meine persönliche Habe, Reserveinstrumente, Kleidungsstücke, Bücher, Konserven usw.

Um jedoch die Last nicht schwerer zu machen, als sie notwendigerweise sein mußte, hatte ich gleich nach meiner Ankunft im Hauptquartier alles ausgesondert, was sich entbehren ließ, darunter auch die Sammlungen an Gesteinproben, Skelette, Pflanzen und die archäologischen Funde aus Lôu-lan. Von allem diesen, das acht tüchtige Kamellasten ausmachte, wollten wir uns befreien. Es sollte nach Kaschgar geschickt werden und bei Generalkonsul Petrowskij in Verwahrung bleiben.

Doch wem sollte ich diese wichtige Sendung anvertrauen? Sollte ich es von den Chinesen besorgen lassen? Nein, dies wagte ich nicht. Ich wollte schon an Chalmet, den Aksakal von Korla, schreiben, als das Rätsel eine sehr einfache, aber höchst unerwartete Lösung erhielt. Islam Bai suchte mich eines Abends, als ich allein in meinem Zelte war, auf und bat, die Sammlungen nach Kaschgar bringen zu dürfen. Ich sprach meine Verwunderung aus, daß er mich gerade jetzt, da die größten Schwierigkeiten und Gefahren begannen, verlassen wollte, doch er antwortete ohne Bedenken „ja“. Er gab als Grund an, daß er sich alt und müde fühle und fürchte, mir nicht von so großem Nutzen, wie ich gedacht, sein zu können. Es tat mir freilich weh, mich von ihm zu trennen, aber ich hatte gemerkt, daß er die Kosaken nicht ausstehen konnte und die Muselmänner, unter denen er übrigens stets exemplarische Disziplin gehalten hatte, sehr hart behandelte. Ich verdankte ihm viel und wollte ihm auch jetzt einen Beweis meines Vertrauens geben. Daher stellte ich für ihn folgendes Programm auf. Er sollte die Sammlungen in zwei Monaten über Korla, Kutschar und Aksu nach Kaschgar führen, bis Korla auf Kamelen, dann auf Arben, und für alle diese Städte gab ich ihm Empfehlungsbriefe mit. Seinen rückständigen Lohn, 300 Rubel, erhielt er in Gold, außerdem sollten ihm die Reisekosten für ihn selbst und der Transport vergütet werden.

Von Kaschgar sollte er nach Osch heimreisen und dort fünf Monate bleiben, dann aber wieder nach Kaschgar zurückkehren und einen Auftrag ausführen, über den ihm Herr Petrowskij genauere Auskunft erteilen würde. Es handelte sich nämlich darum, mir eine größere Geldsumme und meine dann ganz gewiß sehr große Post nach Ladak zu bringen. Dieses Vertrauen schmeichelte ihm und versöhnte uns beide mit der Bitterkeit der Trennung.

Der alte Faisullah sollte ihn nach Kaschgar begleiten. Er war müde und fürchtete die Gebirgsluft. Er hatte mir zwei Jahre treu und mustergültig gedient und erhielt eine große Extrabelohnung in Silber nebst einem Reitpferd. Die anderen versuchten vergeblich, ihn zu überreden, uns zu begleiten, denn alle hielten viel von ihm, während dagegen Islams Ausscheiden aus der Karawane nur Befriedigung erregte.

Am 5. Mai zogen sie mit ihren acht Kamelen, drei Pferden und drei bis Korla gemieteten Leuten ab. Es stürmte an jenem Tage außerordentlich heftig, und schon da, wo das Gäßchen auf einen offenen Platz mündete, verschwand die Karawane in dichten Staubwolken. Ich hatte während des letzten Jahres nicht viel von Islam Bai gesehen, denn er war stets, während ich mich auf Reisen befunden hatte, als mein Karawan-baschi im Hauptquartier geblieben. Niemand hatte sich bei mir über ihn beklagt, aber nun, da er fort war, merkte man bald den Unterschied. Die Stimmung wurde heiter und gemütlich, alle waren vergnügt und zufrieden, und jeder ging mit Freude an seine Arbeit.

Islam Bai nahm eine gewaltige Post von mir mit. Ich hatte einen 216 Seiten langen Brief -- ein ganzes Buch -- an meine Eltern und außerdem noch ausführliche Briefe an König Oskar und den Kaiser von Rußland geschrieben. Ich hatte auch an viele meiner Freunde in der Heimat geschrieben, namentlich an Adolf Nordenskiöld. Er empfing meinen Brief einige Tage vor seinem Tode. Er war einer von denjenigen Freunden, die man nur durch den Tod verliert.

Ein wichtiges Schreiben, das Mr. Macartney in Kaschgar befördern sollte, war an Lord Curzon, den Vizekönig von Indien, adressiert. Ich teilte ihm darin mit, daß ich zu Ende des Jahres wahrscheinlich in Leh in Ladak einträfe, und bat ihn, in dieser Stadt eine Summe von 3000 Rupien aufnehmen zu dürfen. Ich erwähnte auch die Möglichkeit eines kurzen Besuches in Indien und bat, in diesem Falle einen der Kosaken mitbringen zu dürfen.

Der Weg, den ich wählte, um auf das tibetische Hochland hinaufzugelangen, führt durch das enge Tal des Tscharchlik-su und ist vor mir noch nie von einem Europäer versucht worden. Dieser Weg ist aber für Kamele absolut unmöglich und selbst für Packpferde sehr schwer. Wir mußten daher die Sache auf andere Weise einrichten. Die große, schwerbeladene Karawane sollte von Tschernoff, Tscherdon und Turdu Bai über Tattlik-bulak und Bag-tokai nach dem Westufer des unteren Kum-köll geführt werden, wohin ich mich, nur von wenigen Dienern begleitet, auf dem näheren, aber schwierigeren Wege durch das Tal begeben wollte.

Am 8. Mai waren wir reisefertig (Abb. 224). Alle Lasten, einige achtzig, standen in der Gasse vor dem großen Tore aufgereiht und wurden nun schnell auf die Rücken der wartenden Tiere gelegt. Es war eine gewaltige Karawane, die größte, die ich je zuvor unbekannten Geschicken entgegengeführt hatte, die größte, die je unter Führung eines Europäers in das Innere von Tibet eingedrungen ist. Sie wurde in verschiedenen Abteilungen abgeführt und nahm den ganzen Weg nach dem Yamen ein. Zuerst schwankten meine Kisten im Sonnenbrande fort, dann die Sachen der Leute, die Zelte und das Boot, und darauf die verschiedenen Proviantkarawanen, jede Abteilung mit ihren besonderen Führern.

Wieviel leichter ist es doch für einen Seefahrer oder eine Expedition, die nicht weit bis zur Küste hat, mit großen Sammlungen heimzukehren! Man braucht sie nur einzuschiffen. Im inneren Asien dagegen muß jeder Gegenstand, den man zu Anfang der Fahrt erwirbt, Tausende von Kilometern unter außerordentlich ungünstigen Verhältnissen auf Pferden oder Kamelen mitgeschleppt werden. Die Lasten müssen jahrelang jeden Morgen auf- und jeden Abend abgeladen werden. Ich verdanke es nur dem Entgegenkommen des Dalai-Lama, daß die während dieser letzten Reise in Tibet gemachten Sammlungen überhaupt aus dem Lande gebracht werden konnten.

Bisher hatte ich in der großen, geräumigen Mongolenjurte gewohnt, die jetzt aber von der Karawane mitgenommen wurde, während ich in die kleine, nur aus einem Holzringe, etwa zwanzig Stangen und einigen weißen Filzdecken bestehende Jurte übersiedelte. Sie war bis Ladak meine Wohnung. Als der Umzug vor sich ging, fanden wir einen großen, abscheulichen, strohgelbgrauen Skorpion unter einer der Kisten; er hatte mir gewiß die ganze Zeit über in der Jurte Gesellschaft geleistet, mir aber merkwürdigerweise nichts zuleide getan. Einer der Leute dagegen wurde, als er den Pferden Stroh gab, von einem Skorpion gestochen. Er mußte ein paar Tage liegen, ehe der Schmerz aufhörte. --

So setzte sich denn die Karawane in Gang. Zwei von den jungen Kamelen liefen ungebunden mit ihren Müttern, die ihre Kinder ängstlich im Auge behielten. Das jüngste Füllen dagegen, das erst ein paar Tage alt war, wurde sorgfältig in Filzdecken gepackt und zwischen zwei Kisten auf mein altes Reitkamel gelegt. Die Mutter ging unmittelbar hinter ihm; sie brüllte unruhig und suchte ihr Junges, bis sie es in seinem Versteck ausfindig gemacht hatte. Die Pferde waren von Fett und Wohlergehen halb wild geworden; sie machten draußen auf der Straße einen entsetzlichen Spektakel, schüttelten die Lasten ab und liefen wild durcheinander. Doch sie trugen nur Proviantsäcke, und diese konnten eine solche Behandlungsweise vertragen.

Es war ein großartiger Anblick, als dieser gewaltige Zug unter Glockenklang, Geschrei, Rufen, Brüllen und Wiehern von unserem ruhigen Serai und aus dem Schatten der Weiden fortzog. Nur wenige Tiere sollten grüne Gärten wiedersehen und wieder im Stalle in ihren Ständen Mais fressen. Wie fühlte ich mich jetzt reich als Besitzer all dieser Herrlichkeit; wie mächtig erschien mir dieses Werkzeug, mit welchem ich, wenn ich es richtig anwandte, große Teile von Tibet der Wissenschaft würde erschließen können! Und doch überkam mich Wehmut, als ich den bunten, gewaltigen, lebensfrohen Zug betrachtete. Nie haben die Glocken der Kamele in so hohem Grade wie jetzt zum Begräbnis, nein, zu einer ganzen Reihe von Begräbnissen geläutet! Ich ahnte, daß dieser Weg für die meisten ein Todesweg werden würde, ein Weg, der Tränen kostete, und daß die Route auf der Karte nicht zufällig mit Rot eingetragen werden würde, -- sie kostete Blut!

Wie elend und armselig sollte diese prächtige Karawane am Ende des Jahres aussehen, wie verringert an Zahl und geschwächt an Kräften! Nur ein Fünftel bestand die Probe. Sogar ein paar der Männer starben, und alle anderen, ich nicht zum wenigsten, waren kraftlos und erschöpft, als wir Tibet durchzogen hatten. Es wurde die anstrengendste, schwerste Reise, die ich je gemacht habe. Bei mehr als einer Gelegenheit war ich dem Tode näher als damals, als ich 1895 in der Wüste Takla-makan vor Durst verschmachtete; damals aber, in der Wüste, dauerte das Leiden nur ein paar Wochen; hier in Tibet aber gehörten Leiden zur Tagesordnung, nachdem die wirklichen Schwierigkeiten einmal angefangen hatten. Ich mache lieber noch zehn Reisen durch die Wüste Takla-makan als noch einen solchen Zug durch Tibet!

Tschernoff führte den Oberbefehl über die Pferde und hatte bestimmte Befehle, wie er marschieren sollte. Turdu Bai war Chef der Kamelkarawane. Sie sollten sich erst nach Abdall begeben und dann auf dem bekannten Wege ins Gebirge hinaufziehen. In Abdall sollten sie 50 Schafe kaufen und auf Tscherdon warten, der von Kara-schahr dorthin unterwegs war. Sie nahmen den Hirsch mit; er folgte den Kamelen treu wie ein Hund und wurde mit größter Fürsorge behandelt. Sieben Hunde, unter ihnen Malenki und Maltschik, die eben mit in der Wüste Gobi gewesen waren, gehörten mit zum Zuge. Alles ging gut, und der Leser wird sie alle nach etwa einem Monat am Ufer des Kum-köll wiedertreffen.

Jetzt lag unser Serai öde und still da; die Höfe standen leer, und wir fühlten uns einsam und verlassen. Sirkin war jetzt mein Kammerdiener und Li Loje mein Koch. Mollah Schah besorgte unsere Pferde. Nur diese drei Leute hatte ich bei mir, nebst Jolldasch, der nie von meiner Jurte wich.

Jetzt mußte nur noch die Eselkarawane auf den Marsch gebracht werden, die über Owras-sai und Kara-tschokka gehen und bei Bag-tokai mit der großen Karawane zusammentreffen sollte. Am Morgen des 13. war der alte Dowlet Karawan-baschi fertig und hatte seine 70 Esel mit Mais beladen und seine zehn Untergebenen mit Proviant und Pelzen ausgerüstet. So zog nun auch diese Abteilung der Karawane, der eigentliche „Train“, ins Gebirge hinauf.

Jetzt waren unsere Truppen geteilter als je zuvor. Ich selbst lag in Tscharchlik, die Karawane war auf dem Wege nach Abdall, die Esel zogen nach dem Aftin-tag, Schagdur war noch nicht aus Kara-schahr zurückgekehrt, und Islam Bai würde mitten in der ärgsten Sommerhitze mit meinen Sammlungen in Kaschgar eintreffen. Ich kam mir vor wie ein Feldherr, der alle Fäden in seiner Hand halten muß. Es galt jetzt, so mit den Truppen zu manövrieren, daß alles klappte und die Berechnungen stimmten, wenn die rechte Zeit da war.

Am 14. Mai traf um die Mittagzeit ein Mann aus dem Dorfe Lop ein und brachte gute Nachrichten von Schagdur, der mir jedoch schrieb, daß seine Pferde sehr abgehetzt seien, weshalb Sirkin sich rüstete, um seinem Kameraden mit drei frischen Pferden entgegenzuziehen. Als er gerade fortreiten wollte, ritt die kleine Karawane schon in den Hof ein. Nun waren alle unsere Besorgnisse wegen der Burjaten mit einem Schlage beendet. Tscherdon hatte meinen Befehl in Tscheggelik-ui erhalten und sich schleunigst im Kahne nach Abdall begeben.

Schagdur hatte seinen Auftrag natürlich in vortrefflicher Weise ausgeführt. Er brachte die ganze mongolische Ausrüstung mit, deren wir für unsere Pilgerfahrt bedurften, und obendrein noch einen wirklichen, echten Lama, Schereb Lama, der 27 Jahre alt und aus Urga gebürtig war, aber einem Tempel vor den Toren von Kara-schahr angehörte (Abb. 223). Der Lama trug sein rotes Priestergewand, das eigentlich wie ein langer, durch einen Gürtel zusammengehaltener Schlafrock aussah, und auf dem Kopfe ein chinesisches rundes Käppchen. Ich kam ihm sehr freundlich entgegen, damit er sich vom ersten Augenblick an bei uns heimisch fühlen sollte, und begann sofort, meine eingerosteten Kenntnisse der mongolischen Sprache wieder aufzufrischen. Es dauerte auch nicht viele Wochen, bis ich mit dem Lama, wie wir ihn einfach nannten, ziemlich fließend sprechen konnte. Er war die interessanteste Persönlichkeit unserer reisenden Gesellschaft; der Leser wird bald seine Bekanntschaft machen. Mit mir stand er schon nach wenigen Tagen auf sehr vertrautem Fuße und kam stets zu mir, sobald er etwas auf dem Herzen hatte. Er war bereit, sein Leben für mich zu lassen, und es ist wirklich ein Wunder, daß er es um meinetwillen nicht verloren hat.