Herrn de Charreards deutsche Kinder: Die Geschichte einer Familie

Part 6

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Auch Herr Anthoine de Charreard sah das Trüpplein ziehen, und mancherlei Gefühle strudelten dabei in ihm durcheinander. Er fühlte sich schuldig dem alten Freund seiner Frau gegenüber und war doch froh, daß er ging. Der Kinder Mitgehen, ihr Hängen an dem Lehrer kränkte ihn und doch freute ihn ihre Treue. Darüber vergaß er beinahe, auf die Felder zu schauen, er sah, wie die drei, gefolgt von einem Knecht, der des Magisters Sachen fuhr, an dem Bauernhaus anlangten, sah, wie Nikolaus Rabe ehrfurchtsvoll seinen neuen Hausgenossen grüßte, und er schämte sich, und freute sich zugleich. Aber als er dann am Tisch saß, sah er einen Trotzzug im Gesicht seines Buben, auch daß Jeannettchen geweint hatte, und Frau Sophia Christine war fast der großen Sorge froh, die in dieser Nacht über sie gekommen war. Sie redete von dem Wetterschaden und führte sacht den Mann auf den Sorgenweg, damit er nicht auf den eines ungerechten Zornes geriet.

9. Kapitel.

Ein paar Tage gingen hin.

Sonderbar kam es Herrn de Charreard vor, daß er plötzlich so eingespannt war in die mühsame Arbeit des Alltags nach den Jahren des müßigen Dahinlebens. Es war, als hätte jedes Ding auf dem Hofe, Menschen und Tiere, nur auf das Heimkommen des Herrn gewartet, um sagen zu können: es geht nicht weiter mit unserer Kraft. Zu den herabgefallenen Dachziegeln gesellte sich ein zerbrochener Wagen, die alte Röse dachte an das Sterben, besann sich dann freilich noch für lange Jahre, und der Hofverwalter bekam einen Hexenschuß. Eine Kuh erkrankte, eine Ziege starb, eine Henne zog mit zwölf Küchlein auf die Wanderschaft, und sie wurden erst nach ein paar Stunden von den Kindern in einem Roggenfeld entdeckt. Und das Schlimmste war, Sophia Christine entsanken plötzlich die Zügel aus den Händen, sie erkrankte. All das lange still getragene Leid, alle Sorgen und alle rastlose Arbeit der letzten Jahre stürmten noch einmal in der Erinnerung auf die Frau ein, sie wurde krank.

Da war es schon gut, daß der alte Magister Albertinus noch im Rabenhause wohnte und schnell zu Hilfe kommen konnte, auch daß im Dorf ein paar handfeste umsichtige Frauen bereit waren, den Haushaltswagen weiterzurollen. Es merkte äußerlich niemand etwas, aber doch fehlte allen die Hausfrau. Als wäre des alten, wetterfesten Hauses Seele erkrankt, so war es. Am verlorensten kamen sich die Kinder vor in diesen Trübsalstagen. Der Vater redete ein paarmal zu ihnen, aber er redete französisch und die beiden hatten so viel verlernt, sie wußten darum keine Antwort. Herr de Charreard ärgerte sich über das trotzige Schweigen, wie er es nannte. Da blieb ihm einmal Anthoine auf eine rasche Frage die Antwort schuldig und der vermeintliche Trotz des Buben erregte den Vater heftig. Er schlug zu und des Buben Wange brannte rot.

Jeannettchen, die neben dem Bruder stand, sagte unwillkürlich erschrocken: »Er hat's doch nicht verstanden.«

»Was hat er nicht verstanden?«

»Was der Herr Vater gesagt hat.«

»Warum versteht er das nicht, er ist doch kein Dummkopf?«

Die Kinder sahen sich an, wurden rot und senkten beschämt die Köpfe. In seiner Erregung sprach Herr de Charreard wieder französisch und die beiden verstanden ihn wieder nicht. Sie sahen so tiefbetrübt und zerknirscht drein, daß des Vaters rascher Zorn verflog und seine Stimme einen heitern Klang bekam. Unwillkürlich sprach er sie deutsch an: »Warum versteht ihr mich nicht?«

»Der Herr Vater spricht immer französisch und -- und --«

»Ihr versteht das nicht.« Herr de Charreard erschrak. So fremd waren ihm seine Kinder geworden, daß sie seine Sprache verlernt hatten. »Hat die Frau Mama nicht französisch mit euch gesprochen?«

»Die Frau Mutter hat doch nie Zeit gehabt und -- sie hat so viel geweint.«

Herr de Charreard drehte sich plötzlich um, ließ die beiden stehen, wo sie standen, er ging in das Zimmer seiner Frau hinauf, er fühlte es erst recht, wie sehr diese gelitten hatte.

Sophia Christine lag in ihrem Bett. Sie war zu müde um aufzustehen, Tränen rannen über ihr Gesicht, und als der Mann zu ihr trat, schrak sie zusammen und er merkte, wie sie scheu die Tränen verbergen wollte.

»An was denkst du?«

»An -- Louison!« All das still getragene Mutterleid, die Sehnsucht nach dem Kind, das man ihr genommen hatte, tönte wider in diesem Weheschrei.

»Ich hole sie,« versprach Herr Anthoine, und wie er sich über seine Frau neigte, strahlte ihm die alte unverminderte Liebe entgegen. An der hatte die Zeit nichts geändert, Sophia Christines Liebe trug Ewigkeit in sich.

Am Mittag ritt der Gutsherr nach Jena, er wollte sein Kind holen. Doch seinem Willen stand der der Herzogin entgegen, und Herzog Bernhard gab seiner Gemahlin nach. Die kleine Prinzessin weinte, und Louison de Charreard mußte am Hof bleiben. Nur ein Besuch wurde versprochen, sobald die Hausfrau auf Pösen gesund sei. Und dieses Wort half Frau Sophia Christine besser als alle Tränklein des guten Magisters. Sie mußte gesund werden, denn sie wollte es, weil sie ihr Kind wiedersehen wollte. Irgendwo verborgen im Herzen lebte die Hoffnung, Louison würde sehr um das Daheimbleiben flehen und dadurch der Herzogin Herz rühren.

Und Louison de Charreard kam heim. --

Die Herzogin selbst begleitete sie, und Pösen erstrahlte in einem so festlichen Glanze wie zur Taufe des kleinen Anthoine. Auch hatte Louison Wetterglück. Es standen nicht dunkle Wolken am Horizont wie am Heimkehrtag des Vaters, die Sonne gab dem Tale Glanz und Farbe, heiterschön lag es da. Und das Strahlen der freundlichen Himmelsmutter fand Widerschein in den Augen der Charreards. »Louison kommt.« Anthoine und Jeannettchen sangen es in den Morgen hinaus, sie sangen es vor dem Rabenhaus und der Magister rief es geduldig mit. Jeannettchen behauptete sogar, die Hühner gackerten es. »Louison kommt!«

Und dann kam sie!

Zwei Wagen, vier Reiter lenkten in den Hohlweg ein. Im Gutshaus hörten sie das Rollen, und Sophia Christine preßte ihre Kinder beide an ihr Herz, als wolle dies dem Kinde, das heimkam, entgegenfliegen und sie müsse es festhalten. Und ein festes Herz brauchte die Frau an diesem lichten Tag, der einen ganz dunklen Schatten über ihr Leben warf.

Louison kam. Eine kleine Dame stieg da aus dem Wagen, ein höfisches Püppchen grüßte mit einer steifen, feierlichen Verneigung Eltern und Geschwister. Der starre Brokat des Gewandes rauschte, die braunen Locken fielen zu beiden Seiten des Gesichtchens herab und an einer goldenen Nadel wippte keck eine rote Feder bis über den breiten Kragen aus Brüsseler Spitzen hinweg.

Louison de Charreard trug ihr Staatsgewand, so hatte es die Herzogin angeordnet, und Louison betrug sich ganz, wie es ihre fürstliche Gönnerin von ihr erwartete. Sie plapperte ein paar französische Phrasen dahin, sprach ihre Freude aus, alle wiederzusehen, küßte den Eltern unter weiteren tiefen Verbeugungen die Hand und dann -- versagte ein paar Augenblicke die gute Erziehung, denn der Bruder Anthoine brummte unwirsch: »Das ist ein Pfau, das ist nicht unsere Louison.«

Dann entstieg noch eine kleine Paradepuppe dem Wagen, das war die Prinzessin Elisabeth Marie, die ersah Anthoine und lief rasch auf den Buben zu, zog ein Schelmengesicht und tippte den großen Jungen an: »Du bist Anthoine, dich will ich einmal heiraten.«

Die Herzogin lächelte milde und redete gütig, aber Frau Sophia Christine meinte doch, ihre Stimme wäre voller Hohn, ihr Lachen böse. --

Bis zur Leuchtenburg war das Gerücht von der Fahrt der Herzogin nach dem Gute Pösen nicht gedrungen, darum ritten an diesem Nachmittag die Buben Heinrich Wilhelm von Dracksdorf und Adrian Rudolf ganz fröhlich dem Gute zu. Sie ritten durch den Wald, in dem vor etlichen Jahren der heimkehrende Feldwaibel Nikolaus Rabe die drei Charreards gefunden hatte. Und wieder wie damals kamen die beiden zuerst am Rabenhofe vorbei, aber der Bauer, die Bäuerin und Magister Albertinus waren nach dem Gute zuschauen gegangen und standen nun noch immer in der Mitte des Hohlweges und tauschten Rede und Gegenrede. Der Frau hatte die Auffahrt gefallen, der Mann sagte bitter: »Das ist nicht Louison.«

Unten im Tale ertönte Hörnerruf und oben im kleinen Festsaal spitzte Anthoine die Ohren: seine Freunde kamen! Auch Sophia Christine hatte den Klang vernommen und ihr Blick lief zu ihrem Kinde hin, neben dem ein schöner, stattlicher Mann stand, der Oberst Raoul St. Laurent. Mit dem Hofherrn unterhielt sich Louison wie eine weltgewandte Dame, ihre Schwester Jeannette stand linkisch und scheu neben ihr. Und nun kam der Jugendfreund ihres Kindes, der Bube, dessen Mutterlosigkeit Frau Sophia Christine einst tief gefühlt hatte im ersten großen Mutterglück.

Ihre Augen winkten, und Anthoine, der das Augenwinken der Mutter besser verstand als des Vaters französische Reden, ging hinaus, damit die Freunde nicht aus Scheu vor dem fürstlichen Besuch auf und davon ritten.

Oben hatte die Herzogin huldvoll gesagt, Jeannette solle doch ihrem kleinen Fräulein und der Schwester den Garten zeigen, und Jeannette war froh, Elisabeth Marie folgte ihr gern, Louison lächelte geziert, sie fühlte sich nicht bewundert genug. In ihrem eitel gemachten, törichten, kleinen Herzen hatte sie immer und immer wieder an den überwältigenden Eindruck gedacht, den sie daheim hervorrufen würde. Nun hatte sie kein Wort des Staunens über den wundervollen Anzug vernommen, nur das böse Brummen des Bruders, sie wäre ein Pfau. Mißmutig ging sie hinter der Prinzessin her; die nahm ganz fröhlich Jeannettes Hand, worüber Louison sehr das Näslein rümpfte. So wenig unterwürfig zu sein, war nicht Hofton.

Die drei ungleichen Gefährtinnen traten just aus dem Hause, als die Buben hinein wollten. Adrian Rudolph blieb der Mund offen stehen, als er in dem prächtig geschmückten Frauenzimmer seine kleine Freundin von einst erkannte. »Louison!« rief er betroffen.

»Ach Monsieur Rudolph und Monsieur de Dracksdorf,« rief Louison. Sie legte das Köpfchen zur Seite und blinzelte die beiden herablassend an, und als sie die beiden verdutzt anstaunten, plapperte sie ein paar französische Sätze herab, so wie sie es oftmals in Paris vernommen hatte.

»Sie ist ein Pfau, eine Stoppelgans!« schrie der Junker Anthoine erbost über das gespreizte Wesen der Schwester.

»Er weiß eben nichts von Politesse, er ist ein -- ein -- ungehobelter Bauernlümmel!« Das Wort fuhr Louison heraus, ihre Augen blitzten zornig, sie machte aber nicht den geringsten Eindruck, die Buben lachten laut. »Na, ganz hast du das Deutschreden ja noch nicht verlernt,« brummte Anthoine. Adrian aber streckte der kleinen Freundin treuherzig die Hand hin, ehrlich, ein wenig tolpatschig.

»So ist's mir lieber, meinetwegen schilt mich auch Bauernlümmel, Louison.«

»Monsieur sind sehr =aimable=, doch ein Kavalier küßt einer Dame die Hand.« Louison hob den Kopf. Das feine Näschen ragte ganz steil in die Luft, die Feder wippte und nickte, und die vier Landkinder staunten die verwandelte Schwester und Freundin wieder an, bis auf einmal jemand hellauf lachte. Es war die Prinzessin Elisabeth Marie. Die lachte so herzlich, sie schüttelte sich vor Lachen, und ihr Lachen steckte an. Die Buben fielen ein, selbst Jeannettchen, die am meisten überwältigt von der Schwester gespreiztem Wesen war.

Louison wurde blutrot. Ausgelacht zu werden, das hatte sie nicht erwartet. Bewundert, gefeiert, ja; aber ausgelacht, es war zu toll. Und erzürnt raffte sie ihr Kleid auf und lief in den Garten hinein, in dem Frau Sophia Christine eine bescheidene Blumenzucht unterhielt. Rosen, Nelken, Braut im Haar, Ringelblumen und allerlei bunte Sommerblumen blühten. Wütend zerrte Louison an den Blumenköpfen, riß eine Hand voll ab, warf sie auf den Weg und trat darauf. Und gerade wollte sie die unnütze kleine Hand nach neuen Opfern ausstrecken, als ihr jemand heftig auf die Hand schlug. Anthoine war es. Mit blitzenden Augen stand er vor ihr und schalt: »Die Blumen hat die Frau Mutter gepflanzt.«

»Ah« -- die Kleine wollte ein Wort rufen, das spottete und höhnte, aber auf einmal kam ihr das Erinnern an die Tage vor Festen, an die Sonnabende vor den Kirchsonntagen, sie sah sich mit einem Körbchen hinter der Mutter her trippeln und die füllte es, jede Blüte sorgsam prüfend, ob sie auch geeignet sei zum Schmuck der kleinen Kapelle.

Tränen drängten sich in des Kindes Augen, ganz bittere sehnsüchtige Tränen. Da sagte eine rauhe Stimme: »Kruzitürken, das ist ja nun wohl das Fräulein Louison?«

Breitbeinig, in seiner alten Kriegstracht stand da Nikolaus Rabe, der schaute seine kleine Freundin genau so gutmütig an wie damals, als er das Kindertrüpplein im Walde gefunden hatte.

Louison ließ die Hände sinken. Erst staunte sie etwas über die bunte Gestalt auf dem Wege, doch dann vergaß sie ihr weites Brokatkleid, ihre künstliche Haartracht, mit einem Jubelruf ergriff sie des Kinderfreundes Hand. »Niklas, Niklas,« rief sie, »wo kommst du denn her?«

»Nu eben aus meinem Hause. Potz Kalbsfell, was ist das Fräuleinchen fein!«

Doch einer, der sie bewunderte, einer, der die kleine Louison noch lieb hatte! War es der eine nur? Ach nein, auf einmal sah Louison de Charreard lauter vergnügte fröhliche Gesichter um sich, und sie vergaß das Monsieursagen und alle Geschraubtheit und war wieder wie einst die alte Louison, die Lust zu jedem törichten Streich hatte.

In der Mitte des Gartens war ein kleines, mit Tropfstein eingefaßtes Wasserbecken. Um das herum auf die Steinbrüstung setzten sich die Charreards, ihre Gäste und Nikolaus Rabe. Und weil der kleinen Prinzessin dieser Sitz nicht gefiel, nahm Nikolaus sie auf den Schoß und Elisabeth Marie klatschte vergnügt in die Hände. War das lustig in Pösen!

»=Fi donc!=« sagte ein paar Minuten später die Herzogin, die von weitem das Bild erblickte. »=Mon Dieu=, das ist ja gar ein schwedischer Kriegsgesell, der da mein kleines Fräulein auf dem Arm hat.« Und sie rief laut und herrisch die Namen der Kinder, und ganz jäh wurde aus der lustigen Louison wieder die gespreizte, kleine Dame, die zum Abschied allen nur die Fingerspitzen reichte.

Die Herzogin drängte zu einem schnellen Aufbruch. Ihr Blick zürnte und Louison zitterte. Sie sah sich um, sah die Freunde stehen, Niklas und dann die Mutter, und da verließ das Kind alle anerzogene Geziertheit, laut aufweinend umschlang Louison die Mutter und flehte: »Ich will bei Ihnen bleiben, Frau Mama!«

»Louison!« Der Herzogin Stimme schrillte.

Sophia Christine sah flehend zu ihrem Mann hinüber und sah, wie der sich auf die Lippen biß. Herr Anthoine de Charreard hatte mancherlei Schulden von der Herzogin bezahlt bekommen, und er hatte ihr dafür schriftlich gelobt, nie das Kind Louison zurückzufordern und überhaupt keinem Schritt Louisons, den die Herzogin billige, zu widersprechen. Er hatte sich jeglicher Vaterrechte begeben, und darum wich er dem Blick seiner Frau aus.

»Ich will hierbleiben.« Louison weinte heftig und wild und die Herzogin beugte sich zu ihr herab, zischte ihr etwas in die Ohren, da erblaßte die kleine Louison, und ein angstvolles Flehen blieb in den Augen.

Es konnte ihr niemand helfen. Herr de Charreard, der Louisons Aufenthalt am Hofe immer als ein besonderes Glück angesehen hatte, spürte es erst in dieser Stunde: er hatte sein Kind ganz verloren.

Doch wurde Louison eine unerwartete Hilfe. Die kleine Prinzessin Elisabeth Marie weinte bitterlich und flehte ihre Mutter an, Louison dazulassen, flehte so lange, bis die Herzogin versprach, Louison dürfe, wenn sie jetzt brav sei, ihre Eltern zweimal jährlich besuchen, sie solle auch keine Strafe heute erhalten.

Louison schwieg ganz still. Der Herzogin Strafen waren hart, aber sie wußte, die kleine Prinzessin würde ihr beistehen. Still ließ sie sich nach vielen Verbeugungen in den Wagen heben, dann traten die Geschwister und Adrian Rudolph und Heinrich Wilhelm von Dracksdorf noch einmal heran, und Anthoine de Charreard benahm sich zur Verwunderung seines Vaters wie ein rechter, kleiner Hofherr, er küßte der Prinzessin die Hand und dabei sagte er kurz, aber aus ehrlichem Herzen heraus: »Vielen Dank.«

Herr de Charreard gab seinen Gästen wieder das Geleite. Louison saß steif und sehr blaß im Wagen und Sophia Christines Augen waren voll Tränen. Sie fühlte es tiefer als je, man nahm ihr ihres Kindes Herz.

Oben am Hohlweg über dem Rabenhof stand Nikolaus so, als stünde er auf Wache im Felde. Seine Augen waren finster, als die Wagen daherrollten, sein Gruß mürrisch, und nur eine bekam einen guten Blick, die kleine Louison. Nun schleppten sie das Kind wieder weg, und der Bauer grollte im Herzen: Wie mich damals die Schweden fortgeschleppt haben, just so ist es. Dann kriegt man andere Gedanken, wird anders in der Welt draußen, lernt anders reden, und wenn man heimkommt, merkt man erst, was man verloren hat. Und nach dieser langen Rede mit seinem Herzen stapfte er den Berg hinab und suchte den alten Magister Albertinus auf, um mit dem von des Lebens wunderlichen Wirrsalen zu reden.

10. Kapitel.

Beim Abschied von Pösen hatte die Herzogin Marie ein Wort gesagt, das Frau Sophia Christine nicht mehr aus dem sorgenden Sinn kam. Das Wort: »Wenn der Junker Anthoine größer ist, hole ich ihn mir, freilich, er muß noch etwas französische Politesse annehmen, mein lieber Monsieur de Charreard muß ihn für mich erziehen.«

Sophia Christine ahnte, ihrer Kinder bestes Glück ruhte in der Heimat, das Draußen würde sie friedlos und zwiespältig machen, wie es die kleine Louison schon war und noch mehr werden würde. Und seitdem kämpfte sie um das In-der-Heimat-Bleiben ihrer Kinder. Sie kämpfte mit Liebe und Zärtlichkeit, mit sanfter Strenge, sie kämpfte so treu und fest, wie dies nur eine Mutter tun kann.

Herr de Charreard merkte nichts von diesem stillen zähen Kampf seiner Frau um das innere Wesen ihrer Kinder. Er hatte reichliche Arbeit; Sorgen gesellten sich dazu. Den Besuch der Herzogin hatte er in böser Erinnerung. Ein paarmal ertappte er sich darauf, daß er der frischen Anmut Jeannettchens den Vorzug gab vor Louisons steifer Geziertheit. Er sagte sich dann freilich jedesmal, daß er der armen Louison Unrecht tue, und wenn er, was selten genug geschah, sie in Jena besuchte, war er gütig gegen die Kleine. Sonst freute er sich selbst jedesmal, wenn er von einem Hofritt heimkehrte und im Grunde das große feste Haus liegen sah.

Ein Jahr ging hin, Louison kam nicht heim, noch eins und noch eins, da ritt Herr Anthoine de Charreard eines Tages mit gefurchter Stirn von Jena zurück. Im Mantelsack brachte er als Basenerbe für seine Frau die zwei Silberleuchter mit, aber er hätte die und auch gern sein ganzes bescheidenes Schätzlein dazu gegeben, wenn er seiner Frau nicht die Botschaft der Herzogin hätte sagen müssen, daß diese den Junker Anthoine zum Pagen verlangte.

An diesem Tage ging gerade Frau Sophia Christine ihrem Gatten bis an die Linden entgegen, denn sie blühten wie am Tage des Einzugs. Die Frau ahnte etwas von dem Kummer, den ihr Mann heimbringen würde, und wie sie auf einer Grasbank unter den Linden saß, gesellte sich der Bauer Nikolaus Rabe zu ihr. Seit der alte Magister in seinem Hause wohnte, war die Freundschaft zwischen Rabenhof und Herrenhaus gewachsen, denn auch Herr de Charreard hatte längst seinen Groll gegen den Magister begraben. Der alte Mann, gutmütig und duldsam, trug dem Gutsherrn seine rasche Härte längst nicht mehr nach. Und der Bauer, der so viel in der Welt herumgetrieben worden war, geriet oft in ein sinnierliches Nachdenken über der Menschen wunderlich Tun und Wesen. Sophia Christine unterhielt sich gern mit ihm. Und als er jetzt kam, nicht mit Worten fragte, sondern seine hellen Augen forschen ließ, gab ihm die Gutsfrau Antwort und legte ihre Sorge vor ihn hin wie ein dunkles Tuch.

»Ob dahin oder dorthin, einmal wird der Junker schon hinaus müssen,« sagte der Bauer. »Dunderschlag ja, ein feiner Junker ist er, und den Wind muß er sich doch mal um die Nase wehen lassen. Schätze aber, unsern Junker drehen sie nit um und um wie das kleine Fräulein Louison.« Allemal, wenn Nikolaus diesen Namen nannte, kam ein weiches Tönen in seine rauhe Stimme. Louison blieb seines Herzens Liebling.

»Ja, es ist wohl gut, wenn er hinauskommt, aber --«

»An welchen Hof er kommt, ist gleich, schätze ich.« Der Bauer sah die Frau treuherzig an. »Viel Gutes ist wohl da und dort nicht zu lernen, aber der Junker hat's in sich, das Feste, das Treue, der fällt nit um.«

»Und es zieht ihn hinaus,« murmelte seine Mutter.

Es zog den jungen Anthoine freilich hinaus. Wie sehr, ahnte seine Mutter nicht einmal, die schaute nach dem letzten Wort versonnen über sich in die breitgedehnten blühenden Kronen, und über dem Summen und Schwirren darin überhörte sie das rasche leise Schreiten junger Füße, bis wie ein Quell ein Lachen hinter ihr aufsprang. Anthoine und Jeannettchen standen da und sie riefen froh des gelungenen Überfalls: »Wir haben die Frau Mutter überrascht.«

»Ich erwarte den Vater, um diese Zeit kommt er ja meist heim.«

»Der Herr Magister sagt, es wäre die schönste Zeit zum Heimkommen, wenn noch die Sonne schiene und schon der Abend seine Schwingen auszubreiten beginne.« Jeannettchens Stimme war weich wie der Abendwind.

»Der Herr Magister ist, denk ich mir, ein Dichter,« brummelte Nikolaus. »Er sagt manchmal was, das ich halt nit verstehe, ganz wunderlich klingt's.«

»Mit dem Heimkommen hat er recht. Ich komme auch einmal um diese Zeit heim, wenn ich erst draußen in der Fremde gewesen bin. Gelle, Frau Mutter, und Ihr wartet dann auch hier auf mich?«

»Möchtest du so gern in die Welt hinaus?«

»Ja, Frau Mutter. Hinaus, mich ordentlich draußen tummeln und heimkehren!«

»Aber Anthoine, fort aus unserem schönen Tal!« rief Jeannettchen empört.

»Ein Mann muß die Welt sehen, gelle, Niklas?« Anthoine krauste die Stirn.

»Freilich doch, gut ist's. Ich hab' freilich gar zu viel gesehen, könnte manches missen. Aber wenn der Junker Anton Kriegsdienste nimmt, dann geh ich noch mal mit. Ja, das tu ich, da hält mich nichts nit von ab.«

Anthoine sah einen Leidzug über das Gesicht der Mutter wehen und er rief rasch: »Doch mit dem Hinausziehen hat's noch gute Weile.«

»Ich schätze, lang währt's nit mehr.« Der Bauer horchte scharf in die Ferne. »Und jetzt kommt der gnädige Herr geritten.«

Nur das an manchem Wachtfeuer, in stillen einsamen Nächten vor dem Feinde geschärfte Ohr des Bauern hörte das ferne Reiten, den kurzen, scharfen Hufschlag. Die anderen lauschten, hörten erst nichts, bis auch sie den Klang vernahmen und dann den Gutsherrn oben in den Hohlweg einbiegen sahen. Sophia Christine stand auf, um dem Manne entgegenzugehen, Jeannettchen folgte rasch, Anthoine fühlte sich von dem Bauern festgehalten. »Wenn's mal in den Kampf geht, Junker, vergeßt mich nit. So eine alte Kriegsgurgel wie unsereins muß wieder mal Pulver riechen. Schockschwerebrett, schön ist das Tal hier, aber einmal will ich doch sehen, wie es jetzt in der Welt ausschaut.«

Sophia Christine sah ihrem Manne an, als der vor ihr hielt, was ihn bedrückte, und sie nahm mit all der Lindigkeit, die sie hatte, die Last von der Seele, fragte einfach: »Sie wollen wohl unsern Anthoine in Jena?«

Ja, sie wollten ihn. Die Frau Herzogin begehrte den Sohn zum Spiel. Mit heiterem Lachen hatte sie es gesagt: »Ich will einen Franzosen aus ihm machen.« Das sagte der Herr de Charreard seiner Frau nicht, er wollte sie nicht bekümmern, nur daß die Herzogin mit Louison selbst in drei Tagen zum Besuch kommen wollte, erzählte er.

»Und dann Anthoine mitnehmen.«

»Ja, sie wird ihn gleich haben wollen.«

In des Junkers frohes Bubengesicht stieg das Blut, als er von dem Beschlusse hörte. Hinaus wollte er schon, aber nicht ein Hofherr werden. Er rannte der Antwort aus dem Wege, saß dann im Abendschein vor der Türe des Rabenhauses und legte, wie es am Nachmittag seine Mutter getan hatte, seine Sorge vor die treuen Freunde seiner Jugend hin. Der Magister war traurig, noch eins von den Kindern des Hauses sollte am Hofe verderben. Er prüfte mit Blicken das reine Gesicht seines Schülers und murrte: »Wirst auch ein Franzose dort werden.«