Herrn de Charreards deutsche Kinder: Die Geschichte einer Familie
Part 5
Es war nicht allein für die Kinder gut, es war auch eine Wohltat für die Hausfrau selbst, daß der Magister Albertinus im Hause lebte. Anthoine und Jeannettchen liebten den gütigen, weisen Mann, liebten selbst seine Schwäche, in jedem unschuldigen Wort einen fremden Eindringling zu wittern. Ein Fremdwort war ihm eine Art Gespenst, gegen das er zornig losging. Zuerst verleidete er den Kindern jegliche Lust an der französischen Sprache. Aus einem Anthoine wurde Anton, der eine Johanna zur Schwester hatte. Die Kinder nahmen des Alten Grille heiter hin, sie verstanden nicht, daß er zu weit in seinem Haß gegen alles Fremde ging, und Frau Sophia Christine war froh, die Kinder in guter Hut zu wissen. Sie hatte genug zu tun, um Sorgen und Sehnsucht mit der großen Arbeitslast zu vereinen, und wenn in seltenen Feierstunden der Magister ankündigte: »Nun wird ein Kriegszug gemacht,« und die unschuldigsten Wörter seltsam genug verdeutscht wurden, da lächelte sie nur dazu, hörte kaum hin und freute sich allein an ihrer Kinder Frohsinn.
Abends, wenn sie müde in dem hohen Stuhl saß, in dem ihr Mann sonst gesessen hatte, schlug der Magister einen anderen Ton an. Dann zerrte und zog er nicht fremde Unkräutlein aus der deutschen Muttersprache, dann las er die feinen, frommen Worte Johann Arnds vor, oder er schlug die Trutznachtigall des milden Friedrich Spee auf. Manchmal las er auch, um ein Lächeln auf das Gesicht der jungen Frau zu locken, etwas aus den sinnreichen Heldenbriefen des Herrn von Hoffmannswaldau, der einst mit dem Vater der Herzogin Marie Deutschland durchreist hatte. Von diesem fürstlichen Herrn hatte Anthoine de Charreard die Bücher als besonderes Ehrengeschenk erhalten, er ahnte damals nicht, als er sie in Pösen auspackte, daß ihre gespreizte Sprache das verlorene Lachen auf das Gesicht seiner lieblichen Frau locken sollte. --
Der Winter verging und das uralte, ewig anmutige Spiel, das der einziehende Frühling aufführt, begann von neuem. Wieder gab es blühende Bäume, Vogelsang und Bienensummen, Sonnenschein und warme weiche Luft. Wieder eine unendliche Schöne.
Herr de Charreard kam nicht.
In diesem Frühling erlitten alle in dem stillen Tal einen großen Verlust. Der Rabenvater starb. Er verlöschte eines Tages still ohne Klage, und seine alte verrunzelte kleine Frau saß mit einem seltsam stillen, frohen Lächeln an seinem Sterbebett. »Ich folg' dir balde.«
Sie hielt Wort. Vier Wochen lang ging sie noch mit einem schönen fremden Glanz in den Augen herum, dann starb auch sie.
Die Rabenbrüder, die in großer Eintracht lebten, tauschten Haus und Hof. Christian zog nach Zimmritz auf den Hof, den der Bruder gekauft, dort wohnte seine Braut, und der heimgekehrte Kriegsmann nahm den Rabenhof in Besitz. Da hatten Anthoine und Jeannette ihren guten Freund wieder nahe, und es verging kaum ein Tag, an dem sie nicht mitsammen ein Wiedersehen feierten.
Nikolaus Rabe war ganz der gleichen Ansicht wie sein Vater, ein Bube in Anthoines Alter mußte zugreifen, und da es die Mutter im Hause schwer bekam, denn die alte Röse begann zu kränkeln, half auch Jeannettchen mit.
Die Linden blühten wieder.
Sophia Christine hatte es aufgegeben, immer wieder den Weg entlang zu schauen, auf dem ihr Mann kommen mußte. Er blieb noch immer aus, und seit vielen vielen Wochen waren auch seine Briefe ausgeblieben.
Es sah darum niemand den Buchaschen Hohlweg entlang, als Herr Anthoine de Charreard ihn eines Tages in einem herzoglichen Wagen daher fuhr. Müde, verdrossen, angewidert von so vielem, was er gesehen, war der Mann heimgekehrt. Er hatte sein Kind Louison mitnehmen wollen, doch die Herzogin Marie hatte eigensinnig darauf bestanden, es müßte in Jena bleiben.
In Bucha liefen die wenigen Leute, die nicht auf Arbeit waren, herbei, um den Herrn zu begrüßen. Es waren aber scheue verlegene Grüße, der blasse Mann da im Wagen war ihnen allen fremd geworden. Am liebsten hätte Herr Anthoine gefragt: wie geht es meiner Frau, wie meinen Kindern? Doch das Fragen kam ihm nicht über die Lippen, er tat, als wüßte er alles und war doch ein halbes Jahr ohne Nachricht gewesen.
Da wo die Pösener Gemarkung anfing, schafften an diesem Tag zwei mit heißem Eifer. Der Niklas Rabe, der es inzwischen gelernt hatte, ein so rechter Bauer zu werden, wie er ein Kriegsmann gewesen war, hatte von einem Regen zum Abend gesprochen. Das Heu müsse herein. »Dann hilf du mir, Johanna,« sagte der Junker.
Anthoine, der nun wirklich nur noch Anton genannt wurde, fand, Heueinfahren wäre eine rechte Arbeit für ein Fräulein de Charreard. Also werkten die beiden Geschwister auf der höchstgelegenen Wiese und wollten gerade mit einem kleinen Handwagen zu Tale fahren, als sie die herzogliche Kutsche kommen sahen.
In den zwei Jahren war nur einmal die alte Base Sabine, die um der Silberleuchter willen nun eine besondere Zuneigung zu der Nichte empfand, auf dem Wege dahergefahren, sonst niemand. Den Kindern schlug das Herz, war es --
»Der Herr Vater, der Herr Vater!« Die jungen Stimmen gellten so heftig auf, daß weniger schlafsüchtige Gäule entschieden scheu geworden wären. Die abgestanden müden Tiere aus dem herzoglichen Stall entschieden sich für das Stehenbleiben. Mit einem Ruck hielt der Wagen, und am offenen Fenster tauchten zwei heiße sonnenbraune Gesichter auf. Bub und Mädel, Bauernkinder -- oder?
Herr Anthoine de Charreard sah ziemlich verdutzt seine Kinder an. Jeannettchen, die feine kleine Blonde, schulterte jetzt einen Rechen über die Schulter, in Anthoines Haar hing Heu, wie vornehm erzogene Herrschaftskinder sahen alle beide nicht aus.
»=Mon Dieu=, was tut ihr?«
»Wir fahren Heu ein, Herr Vater,« schrie Anthoine, als wäre sein Vater in den beiden Jahren stocktaub geworden. Gleich aber überkam eine heftige Verlegenheit den Buben vor dem feinen, blassen Herrn, war es wirklich sein Vater?
»Er ist's gar nicht, Anton!« Jeannettchen zerrte den Buben am Jackenzipfel. Und schon rannte sie davon. Auch der Bruder dachte an ein Davonlaufen, aber da streckte sich eine weiße, ringgeschmückte Hand aus dem Wagen, und es war doch des Vaters Stimme, die sagte: »Anthoine, ich bin es wirklich -- wie geht es der Mama?«
»Die Frau Mutter wäscht,« platzte Anthoine heraus.
»Wä--äscht,« Madame de Charreard stand am Waschzuber!
Der Bube sah treuherzig und altklug zu seinem Vater auf. »Röse ist doch krank, die Frau Mutter hat's schon schwer.«
»Jeannette, wo ist Jeannette?«
Ja, wo war die Kleine? Die war, von einer unbestimmten Angst getrieben, abwärts gelaufen, sie rannte über den Hof in die seitwärts liegende Waschküche und schrie in Qualm und Brodem hinein: »Es kommt einer und Anton sagt, es wäre der Herr Vater.«
Frau Sophia Christine goß die Seifenlauge in das Spülwasser, kümmerte sich nicht um das angerichtete Unheil, sondern ging todblaß mit wankenden Schritten dem Hause zu.
Unter den blühenden Linden wird sie stehen, dachte der Mann. Aber seine Frau stand still und aufrecht an der Haustüre, es sah gar nicht aus, als freue sie sich so besonders der Heimkehr ihres Mannes. Daß sie nur keinen Schritt weiter tun konnte, daß die Bäume, die Landstraße, alles vor ihren Augen wogte und schwankte, ahnte Herr de Charreard nicht. Er hatte eine andere Freude erwartet. --
Es wurde kein rechter Freudentag.
Der Gutsherr war reisemüde und mißmutig. Wohin er sah, sah er Arbeit. Er sah alle Hände sich regen, sah seine Kinder schaffen wie Bauernkinder, wußte, seine Frau hatte am Waschfaß gestanden, und er kam wirklich aus dem Faulenzerland. Zwei Jahre hatte er nichts getan, wie einmal ein paar Briefe für seine Herzogin geschrieben, sonst Besuche gemacht, Besuche empfangen, er war zu Bällen und Komödien gefahren, seine Unterhaltung war leichtes Geplänkel, lockeres Scherzen gewesen, und als er am Tisch seines Hauses saß, faltete die Hausfrau fromm die Hände und sagte: »Sprich das Gebet, Anton!«
Sie dankten alle in ernster Andacht für das tägliche Brot, er hatte zwei Jahre lang sinnlose Verschwendung, unerhörten Luxus gesehen. Und dann das Fragen, dies bange Fragen der Mutter nach ihrem Kind. »Wie ist Louison?«
»Beinahe eine kleine Dame. =Adorable=, ich muß es sagen!«
»Betet sie auch noch immer abends? Hat sie uns nicht vergessen?«
Herr de Charreard hing sich an die zweite Frage. Nein, vergessen hatte Louison Mutter und Geschwister nicht, in vier Wochen würde sie kommen.
»Für immer?«
»Nicht doch, =ma chère=. Sie ist die Gespielin der Prinzessin und bleibt natürlich am Hofe.«
Sophia Christine seufzte tief, aber sie schwieg.
Anthoine aber murmelte halblaut, nur Jeannettchen sollte es hören: »Gut, daß kein Prinz da ist.«
»Was sagst du da, mein Sohn? Flüstern ist unschicklich.«
Herr de Charreard runzelte leicht die Stirn. Unglaublich, wie die Kinder verbauert waren.
Da hob Anthoine das hübsche Knabengesicht zu ihm auf und rief hell, wie Fanfarenklang tönte es: »Ich bin froh, daß kein Prinz in Jena ist, sonst müßte ich zu Hofe.«
»So, und wäre das meinem Sohn nicht =agréable=? Ich =persuardire=, es würde ihm gefallen.«
»Nein,« rief Anthoine, »ich möchte nur hier bleiben, hier in Pösen oder --«
»Nun, was oder!«
»Ein Offizier werden. Doch dann weint die Frau Mutter und --«
Der Bubenkopf sank tief herab, ganz tief. Sophia Christine lächelte sanft. »Ist recht, du bleibst in der Heimat.« Sie sagte das Wort ohne Schärfe, sie dachte dabei nur an den Sohn.
»Seine Heimat ist Frankreich!«
Herrn de Charreards Stimme klang gereizt, aber die Falte schärfte sich, als er sah, daß sein Bube ein wenig trotzig den Kopf schüttelte. »=Parbleu=, was soll das?«
In Anthoines Gesicht schoß eine tiefe Glut. Er hatte doch wirklich den Vater nicht kränken wollen, aber als der noch einmal sagte: »Deine Heimat ist Frankreich,« schwieg er mit zusammengekniffenen Lippen.
»Dankt und geht hinaus!« Sophia Christine sah erschrocken, wie tief die Kluft zwischen dem Heimgekehrten und ihrem Leben war.
Die Kinder standen auf, falteten die Hände, beteten still und dann kamen sie beide, küßten ihr die Hände und sagten: »Vielen Dank, Frau Mutter!«
»Ihr müßt eurem Herrn Vater danken.«
Die ehrlichen offenen Kinderaugen blickten maßlos verwundert drein. Der Magister hatte sie gelehrt, daß der Mutter rastlose Arbeit ihnen das tägliche Brot verschaffe, und sie nächst Gott ihr zu danken hätten. In seinem harmlosen Sinn war es dem Magister nie eingefallen, daß seine Erziehung die Kinder dem fernen Vater entfremde, nun erschrak auch er und er sagte streng: »Sobald der Herr Vater da ist, ist ihm -- und der Frau Mutter zu danken.«
Anthoine de Charreard fühlte da auf einmal die weichen Kinderlippen auf seiner Hand, er sah in die offenen unschuldigen Gesichter, und ganz jäh legte er seinen Arm um beide: »=Mes enfants!=«
Hätte er gesagt: »meine Kinder,« es wäre wohl ein warmes Hinüberfließen von Herz zu Herzen geworden; das fremde Wort klang fremd an die Ohren der beiden. Ihr Anschmiegen an den Vater schien Pflicht; Wärme und Freude fehlten, und Sophia Christine empfand wieder mit heißem Schrecken die Fremdheit des Heimgekehrten.
Sie suchte mit sanften Worten, heiteren Fragen leichte Brücken von Kluft zu Kluft zu schlagen. Sie entfaltete alle Anmut ihres Wesens und Herr de Charreard empfand dies dankbar, aber seine Verstimmung wich nicht. Und als er sah, wieviel auf der Frau gelastet hatte, als er den schlichten Bericht von ihrem Tun hörte, wuchs sein Unbehagen. Weil er der Frau nicht grollen konnte und doch jemand haben mußte, auf den er seine Bitterkeit laden konnte, wurde er heftig gegen den guten, alten Magister, als der harmlos am Abendtisch die Kinder Anton und Johanna nannte.
»Meine Kinder haben keine deutschen Namen,« rief er ärgerlich, und als der Magister eine etwas umständliche Erklärung gegen den Gebrauch fremder Wörter und Namen beginnen wollte, unterbrach ihn Herr de Charreard kurz. Sehr hochmütig redete er zu dem alten Mann: Darin würden sie sich nie verstehen, übrigens könne der Herr Magister ja nun wieder nach Jena ziehen; seine Arbeit, für die er ihm danke, sei zu Ende. Er würde nun selbst wieder die Erziehung leiten.
Der alte, gute Freund entlassen!
Das war das Ende des so sehnsüchtig erwarteten Heimkehrtages.
8. Kapitel.
Die alte Rabenmutter hatte einmal der jungen Frau treuherzig den Rat gegeben, über keinen Streit die Nacht dahingehen zu lassen. Und Sophia Christine handelte nach dem Wort. Die Luft war schwül, die Wolken hingen blauschwarz über dem Tale, und in schier endloser Ferne klaffte wieder und wieder ein heller Spalt, in allen Farben glänzte da eine traumhafte Weite auf, mal zog auch ein dumpfes Rollen wie ein Mahnen über das Tal. Die Linden dufteten betäubend, und unter die große Linde führte Sophia Christine ihren Gemahl; wenn auch nicht das, was sie trennte, ganz überbrückt wurde, es war doch von Seele zu Seele wie ein Erhellen, ein Erkennen der Kluft, die zwischen ihnen lag.
Anthoine de Charreard erzählte mehr von den Mühsalen seiner Reise und den Bitterkeiten seiner Stellung, und die Frau erkannte, daß ihres Mannes Heftigkeit, sein verdrossenes Wesen wie eine Krankheit war, die sie linde hinwegpflegen mußte.
Von dem Magister Albertinus sprachen sie beide nicht, sie dachten beide, morgen. Der gute, alte Mann aber stand in seiner Stube, packte seine Bücher in eine Kiste, und während ihm dicke Tränen über das Gesicht liefen, dachte er, morgen bist du wieder heimatlos, Johannes Emanuel Albertinus.
Ein Geräusch an der Tür ließ ihn aufschauen. Anthoine stand da und sah ihn flehend an. »Ihr geht nicht weg, Herr Magister?« fragte seine Stimme.
»Morgen, morgen -- es hilft nichts.« Dem alten Mann liefen ein paar Tränen über die welken Wangen. »Muß mir eben wieder eine Heimat suchen,« murmelte er bedrückt. Ach, wo würde er eine finden, die so war wie das stille Tal!
Da warf der Bube Anthoine de Charreard den Kopf zurück und er flehte eindringlicher: »Aber Ihr wartet bis morgen früh, Herr Magister!«
»Freilich, freilich, das tu ich schon. Aber du, mein Sohn Anton --«
Der gute Magister sah etwas verdutzt auf. Die Türe knarrte, sein Zögling war aus dem Zimmer geschlüpft.
Ein paar Minuten später redete unten Frau Sophia Christine in die Schilderung ihres Gatten von der unerhörten Pracht am Hofe des Königs Ludwig hinein: »Dort läuft jemand. Wenn's nicht so töricht wäre, meinte ich schier, es wäre unser Anthoine.«
»Nun ich hoffe, er schläft.« Ein leiser Stolz schwang als Unterton in den Worten des Vaters mit, als er noch ein paar Sätze über den trotzigen Buben sprach. Unzufrieden war er mit ihm, aber gefallen tat ihm der kleine Kerl doch besser, als alle Buben, die er je gesehen.
Es rannte jemand durch das stille Tal. Ein junges Herz schlug laut, denn der Abend war so dunkel und geheimnisvoll. Der Bach rauschte lauter, die Weiden an seinem Rand glichen seltsam verhutzelten, fremdartigen Gestalten, und nirgends dämmerte ein Licht auf. Nur immer wieder erleuchtete der ferne Blitzschein sekundenlang den Weg. Plötzlich erhob sich ein heftiger Wind, der Donner grollte näher, das Wetter zog wohl herauf. Im jäh erhellten Schein huschte etwas über den Weg, groß, unheimlich, ein Baumschatten nur war es, sich neigende Äste, aber es schreckte den Laufenden. Eine Stimme gellte und im Rabenhof drehte sich der Bauer Niklas, der ehemalige Kriegsmann, um und brummelte: »Da schrie jemand.«
»War wohl 'ne Katze,« gab seine Frau zurück.
Da bellte draußen der Hund laut, jach, voll Wut, gleich darauf wurde sein Bellen zu einem gönnerhaften Gewinsel. »Kruzitürken noch mal, da ist jemand draußen.« Der Bauer stand auf, nahm die immer neben seinem Bett liegende kurze Reiterpistole und tastete sich die Treppe hinab. »Himmel, Hagel und Höllenfeuer, wer ist da?« schrie er. Das Fluchen konnte der Niklas noch gut, nur meinte er es nicht so arg böse damit.
Aus dem Dunkel heraus kam eine angstdurchbebte Stimme. »Ich bin's, Niklas, der Anton!«
»Na, nun sollen doch gleich zehn Stückrohre drein knattern,« rief der Bauer verdutzt. »Bub, du -- ach so -- wollte sagen, Junker, Ihr, wo steckt Ihr denn?«
»Hier!« Anthoine de Charreard trat vor, und da es gerade am Himmel wieder hellte, sah ihn der Bauer. Jetzt war die Angst weggeweht aus der Stimme, als der Bube redete. »Junker, brauchst du noch nicht zu sagen, wenn wir allein sind. Ich wollte dich besuchen.«
»Bei des Tilly Gerippe, das ist eine merkwürdige Zeit dazu!«
»Mann, mußt nicht so lästerlich fluchen,« rief von oben herab die junge Frauenstimme. »Führ den Junker in die Stube, er wird etwas auf dem Herzen haben.«
Das hatte Anthoine nun wirklich. Und kaum hatte innen der Bauer den Zunder angeschlagen und ein winziges Öllämpchen angebrannt, da strudelte schon alles aus dem Buben heraus, was ihm auf dem Herzen lag. Der gute Magister wollte morgen das Haus verlassen und wußte nicht wohin. Und da war Anthoine der Gedanke gekommen, der Magister könne auf dem Rabenhof wohnen. »Du gibst ihm oben die Eckstube,« riet er treuherzig, »und wenn du mal Kinder hast, erzieht er die.«
Niklas nickte beifällig. Um das Kindererziehen brauchte er sich ja noch nicht zu kümmern, denn auf dem Rabenhof gab es zurzeit noch keine. Doch den guten, alten Magister hatte er gern, den nahm er schon mit Freuden in sein Haus. In seinem wechselvollen Leben war so viel an dem Manne vorübergezogen, über das er gern ein ernstes Wort redete, und dazu war ihm der alte Magister gerade recht. »Du bist schon ein Schlauer,« lobte er den Buben. »Das muß man sagen, du fängst die Dinge am rechten Ende an.«
»Und jetzt muß ich zurück!« Ein kleiner Herzseufzer preßte die Stimme zusammen und der Niklas wollte just sagen: »ich bringe dich heim,« als ein greller Blitz die Stube erhellte und gleich darauf der Donner knatterte. »So, jetzt hätten wir ja alleweil das Wetter auf dem Halse, nune bleibste mir da.«
»Aber --«
»Kruzitürken, will Er parieren!« Der Niklas schrie wie in seiner Feldwaibelzeit, aber seine Augen lachten und Anthoine sprang an ihm hoch. Das Wetter draußen ängstigte ihn nicht, und daß er auf dem Rabenhof schlafen sollte, kam ihm vergnüglich vor. Niemand würde in seine Kammer kommen, und morgen lief er in aller Frühe heim. Nur daß er dem guten Magister nicht gleich sagen konnte, er könne auf dem Rabenhof wohnen, tat ihm leid, doch der Niklas beruhigte ihn darüber. »So eener wie der Herr Magister ist, der bringt seine Nacht nicht in Grämen zu. Der sitzt jetzt und liest ein gutes, frommes Buch. Um den sorge du nit. Und nun komm, du schläfst hier auf der Bank.«
Ein Schlaflied brauchte der Bauer seinem jungen Gast nicht zu singen, es wäre freilich etwas mißtönig herausgekommen. Doch Anthoines Schlaf sollte nur kurz sein. Das Wetter zog über das Tal. Die Stube flammte im Widerschein der Blitze, der Donner dröhnte und der Niklas sagte: »Schlimmer war's Anno dazumal in Flandern nit, und da lagen uns noch die Malefizkerle, die Franzosen vor der Nase.« Und dann ging der Bauer in das Unwetter hinaus, denn er bedachte der Gutsfrau Angst und das Wetter schreckte ihn nicht.
Nikolaus Rabe kam zur rechten Zeit auf dem Gute an. Dort hatte Sophia Christine just gesehen, ihr Bube war verschwunden, und das huschende Gespenstlein war ihr eingefallen, das sie erblickt hatte. Ihr Anthoine draußen um diese Zeit, in dem Unwetter!
Herr de Charreard runzelte die Stirn, er wollte zornig sein und war doch sorgenvoll. »Warum hat der Bube einen Hofmeister, wenn der nicht auf ihn acht gibt.«
»Dem hast du heute den Abschied gegeben,« murmelte die Frau mit blassen Lippen. Und just in dem Augenblick erschütterte ein gewaltiger Donnerschlag das Haus, es hatte einen Baum auf dem Hühnerberg getroffen.
Und ihr Sohn verschwunden, wohin war er gelaufen?
Da ging die Haustür und vor der blassen Frau stand der getreue Freund. »Ich wollt nur melden, der Junker ist bei mir!«
»Bei Ihm, wie kommt er dahin?« Herr de Charreard erkannte den Bauern nicht gleich. Der trug nicht mehr seine heiterbunte, zottelige Landsknechtstracht. Im braunen Wams sah er fremd aus, und dem Gutsherrn kam seine Art zudringlich vor. Er wollte noch einmal heftig fragen, als er an den eigentümlich hellen Augen den Rabensohn erkannte. Da wußte er, wer vor ihm stand. »Er hat mich halt was fragen wollen, was so einem Junkerlein eben einfällt.«
»Was wollte er?«
Niklas rieb sich an seiner Nase. »Hm, ja, er meinte, der Magister Albertinus könnte nun mal 'n bißchen bei uns wohnen. Ja, ja, mir schon recht, so einen Gast im Haus zu haben.«
Herr de Charreard drehte sich um und ging aus dem Zimmer. Er wollte seinem Sohn zürnen und dachte doch im Herzen, er ist treu wie seine Mutter. Aber der alte Magister sollte nicht aus dem Hause, so nicht. Ich kann ja gehen, dachte er bitter, ich scheine überflüssig im Hause zu sein. Er war die Treppe hinaufgegangen und ging sie wieder hinab, und er kam gerade unten an, als der Bauer sich von der Hausfrau verabschiedete. Treuherzig streckte Nikolaus Rabe ihm die Hand hin. »Ist schon gut, daß Euer Gnaden wieder heimgekommen sind. Die gnädige Frau haben auch schmerzlich aufs Heimkommen gewartet. Meine Frau Mutter selig hat noch an ihrem letzten Tag gesagt: Wenn nur unser lieber Herr bald heimkäme.«
Das war ein gutes Wort, denn nun sah Herr de Charreard ein frohes Leuchten in den Augen seines Weibes. Er gab dem Bauern die Hand, herzlicher, wärmer, als er dies sonst tat, und Nikolaus Rabe stapfte in das Unwetter hinaus und dachte bei sich: morgen wird der Herr schon sehen, daß er rechtschaffen arbeiten muß und daß das In-der-Welt-Herumreisen nichts ist für einen Gutsherrn von Pösen.
Dies sah Herr de Charreard nun freilich am nächsten Morgen recht gründlich. Das Unwetter hatte viel Schaden getan. Dachziegel lagen auf dem Hof, vom Hühnerberg war Steingeröll in den oberen Garten gerutscht, auf den Feldern bogen sich die Ähren zerknickt zu Boden. Als der kleine Anthoine in aller Morgenfrühe nach dem Gute lief, da rauschte und brauste der Bach hochgeschwollen daher, er war weit über seine Ufer getreten, und der Weg zum Gut war von Schlamm und Geröll überschwemmt. Der Bube war so verwachsen mit seiner Heimat, so Kind dieses stillen Tales, daß er alle Vernichtung wie ein persönliches Leid empfand. Er vergaß seine gestrige Sorge, vergaß die Furcht vor der Strafe des Vaters, vergaß alles, er holte sich Werkzeug aus dem Schuppen und begann wie er ging und stand vor allem die Schäden rings um das Haus zu bessern, den Weg zu glätten. Bei dieser Arbeit fand ihn sein Vater. Er sah, wie eifrig der Sohn werkte, und wieder stieg der Stolz in ihm hoch über des Buben kraftvolle Art. Just da kam aber der Magister Albertinus aus dem Hause, der blieb dabei, in das Rabenhaus hinüberzuziehen, und der Anblick des alten Lehrers brachte Anthoine den gestrigen Tag in das Gedächtnis. Er merkte es gar nicht, daß sein Vater beobachtend unter der Linde stand, er hing sich an den Arm des Alten und bat: »Darf ich Euch die Bücher tragen, gelt, ich darf? Und nicht wahr, Ihr bleibt immer, immer bei Niklas?«
Als der Magister Albertinus ein paar Minuten später sich nach dem Hausherrn umsah, denn er wollte nicht im Groll von ihm gehen, war Herr de Charreard verschwunden, ein Knecht sagte, er wäre auf das Feld hinaus gegangen.
Ein weiter Weg war es nicht, den der gute Magister Albertinus zu gehen hatte, denn auch ihm erschien der Ausweg, im Rabenhof zu wohnen, ein guter. Und doch wurde dies kurze Weglein dem Alten bitterschwer, und Anthoine und Jeannettchen hingen an seinen Armen, als ginge der gütige Lehrer in die weite Welt hinaus.
Frau Sophia Christine sah wehmütig dem Trüpplein nach. Sie hatte nicht, wie ihr Mann es ihr vorgeschlagen, zum Bleiben zugeredet. Die Trennung so von Haus zu Haus war besser, das fühlte sie, aber sie dachte doch, wie schwer es sein würde, eine feste dauerhafte Brücke zwischen ihrem Manne und der Heimat, mit allem was drin lebte, zu bauen. Ihre Liebe mußte sehr stark sein im Überwinden, stark im Ertragen, duldsam und linde, sollte ihr Leben wieder werden, wie es vordem gewesen war.