Herrn de Charreards deutsche Kinder: Die Geschichte einer Familie
Part 4
Das war freilich den Kindern nur halb recht. Sie wären herzensgern geblieben, doch der Rabenvater sah ernsthaft drein. »Gut, daß es der Nikolaus war, der euch gefunden hat, es hätte euch schlimm ergehen können.«
Da bekamen die drei Schelme doch nachträglich eine schreckliche Angst. Und den halben Weg rannten sie vor Angst, den andern halben Weg vor Eifer, um in Pösen ihr Abenteuer zu berichten.
Was sie dort erzählten, war nun freilich so seltsam, daß Frau Sophie Christine zuerst fast das Schelten über das In-den-Wald-Laufen vergaß. Nachher holte sie es jedoch nach, denn die gute Mutter verstand auch das Strengsein zur rechten Zeit. Nur schlimm war die Strafe an dem Tage nicht, denn Frau Sophia Christines Mitfreude am Glück der alten Bauersleute war zu groß. Ein Kind kehrt wieder heim aus dem Weltgetriebe, sang es im Herzen der kleinen Frau. Ach, sie ahnte noch nichts von dem Bangen um der eigenen Kinder Verlorensein in der weiten Welt.
6. Kapitel.
Das Heimkommen des Nikolaus Rabe brachte das stille Tal in Aufregung. Vom Gutshaus aus lief noch am gleichen Tage eine Magd nach Bucha, eine nach Schorba, und die alte Rose beneidete fast den Knecht Klaus, der die Kunde in die weitere Umgegend tragen sollte.
Am nächsten Tag in aller Morgenfrühe erschienen vor dem Bauernhaus schon Besucher, aber den Nikolaus bekamen sie noch nicht zu sehen, der war schon nach Pösen gegangen, um dem Gutsherrn selbst seine Erlebnisse zu erzählen, und die alte Mutter hatte ihn begleitet. Ein wunderlich verworrenes Leben hatte der Bauernjunge in der Welt draußen geführt, ehe er wieder heimgefunden hatte. Noch ehe er aber zu erzählen begann, fragte Sophia Christine zaghaft: »Und die Mädchen?«
Da neigte die alte Bäuerin still den Kopf auf die gefalteten Hände und sagte fromm: »Ich harrete des Herrn und er neigte sich zu mir und hörete mein Schreien.« Der Nikolaus aber erzählte. »Ein Hauptmann, der doch ein linschen Erbarmen noch mit den verschleppten Kindern hatte, schützte die Mädchen vor der Roheit seiner Soldaten. Sie mußten neben seinem Pferd gehen. Ich aber wußt wohl, lang kann er sie nit hüten; und wie wir bei Rotenstein drunten an die Saale kamen, sehe ich, wie mich die Anne Margarete ansieht. Ganz ruhig, als wollte sie sagen: >Niklas, sei tapfer.< Sie war unsere Älteste. Sie hielt die kleine Kathrine an der Hand und hat lang gemerkt, daß ein paar Kerle sie dem Hauptmann haben fortreißen wollen. Wüste Kerle!
Auf einmal hör' ich Geschrei, sehe, wie alle zur Saale rennen. Da sind die Mädchen, ehe die Kerle sie greifen konnten, in ihrer Angst hineingesprungen. Ich habe sie nit mehr gesehen, denn das Wasser ging hoch in dieser Nacht, sie sind wohl gleich untergegangen.
»Gott sei gelobt,« flüsterte die alte Bäuerin, »daß sie niche untergegangen sin in der Welt draußen. Das Saalewasser ist reine.«
Und dann erzählte der Heimgekehrte weiter von seinem unsteten Wanderleben. Nach Schweden hatten sie ihn mitgenommen. Er wäre nicht ungern dort im Lande geblieben, aber sein Hauptmann hatte sich von den Generalstaaten anwerben lassen; er hatte zur See gegen die Engländer gekämpft, dann wieder im schwedischen Heere, er war dann mit gegen den König Ludwig von Frankreich ins Feld gezogen. Nach dem Aachener Frieden hatte ihn aber eine heftige Sehnsucht befallen, doch die Heimat seiner Jugend wiederzusehen. Er wußte freilich nicht recht, wo eigentlich das kleine Haus lag, dem er entstammte. Hatte er in der Welt draußen die Namen Bucha, Pösen, Schorba genannt, dann hatten ihn die Menschen ausgelacht. Bis einer ihn mal frug, wie denn der Fluß hieße, in dem seine Schwestern ertrunken wären. Nikolaus hatte lange nachdenken müssen, schließlich war ihm doch der Name eingefallen, und da war er das Saaletal von Franken herwärts gezogen. Bis zu dem Städtchen Kahla war ihm alles ganz fremd erschienen, dort hatte er auf einmal die Leuchtenburg auf ihrem runden Kegel gesehen und nun den Heimweg gefunden.
»Aber vielleicht wärst du doch falsch geritten, wenn du uns nicht gesehen hättest,« erklang da zutraulich Louisons Stimmchen. Sie schmiegte ihre kleine Hand in die Kriegsmannsfaust, tat es zu einer langen Freundschaft.
Anthoine und seine Schwestern waren bald des Nikolaus unzertrennliche Kameraden. Ihnen mußte er immer wieder von seinen bunten Weltfahrten erzählen, und immer, wenn er es tat, flehte Louison: »Geh nicht wieder weg. Gelt, nun bleibst du hier?«
Ach, die kleine Louison ahnte gar nicht, welch treues Herz sie gewonnen hatte. Ans Weggehen dachte der Nikolaus auch gar nicht. Ans Daheimbleiben und Heiraten viel mehr. Doch ehe er, der ein hübsches Geldchen mitgebracht hatte, zu einem Weib und einem Hof gelangte, wendete sich das Schicksal der kleinen Louison, es riß sie heraus aus dem heiteren Leben im stillen Tal, trennte sie von der Heimat.
Schöne Sommerwochen vergingen.
Im Tälchen hatten sie noch immer vom Nikolaus und seinen Fahrten zu reden, als eines Morgens in der Frühe, als noch ein zarter Dunstschleier über Wiesen und Wald hing, ein Bote von Jena in das Tal einritt. Er meldete den Besuch der Herzogin Marie an, die mit der kleinen Prinzessin Elisabeth Marie kommen wollte.
Beim ersten Blick auf das liebenswürdig gnädige Handschreiben wußte es Sophia Christine: das bringt mir Unheil. Ihr Herz tat einen so schweren Schlag wie noch nie, seit dem Tode des kleinen Gaston. Sie preßte die Hände zusammen, als ihr Mann ein wenig aufgeregt von der Bewirtung sprach.
Diesmal war die Speisekammer nicht leer auf Pösen, Frau Sophia Christine war wirklich ein Bienchen geworden, das eintrug für Wintersnot, so viel es nur gab. Nur ein paar Helferinnen fehlten, dazu mußten die Kinder flink nach Bucha laufen und einen weiblichen Küchenrat aufbieten. Das Verhältnis mit den dortigen Bauern war durch der Frau von Charreard immergleiche Freundlichkeit ein sehr gutes, Dorf und Gut nahmen Anteil eins an des andern Ergehen. Es kamen auch flink ein paar Helferinnen, und da es seit zwei Jahren eine junge Pfarrersfrau gab, kam die auch zur Hilfe mit.
Herr Anthoine sah zufrieden, wie im Hause alles rüstig und lebendig an der Arbeit war, er sah das ohnehin blitzsaubere Saalzimmer noch blitzsauberer werden, und er sah mit Bewunderung seine zierliche Hausfrau als häuslichen Generalfeldmarschall alles anordnen. Wirklich, er war ein reicher und glücklicher Mann! Reichtum und Glück, beides waren für ihn Weib und Kinder, und es trieb ihn, dies Sophia Christine zu sagen, aber gerade als er es tun wollte, kamen ein paar Mägde angelaufen mit einer dringlichen Küchenfrage, da ließ er das gute Wort ungesprochen. Es sollte ihn noch bitter reuen.
Die Herzogin kam, die kleine Prinzessin Elisabeth Marie mit ihr, ein paar Hofdamen, zwei Kammerherren begleiteten sie. Und die Herzogin war von besonderer Freundlichkeit, sie ließ sich die Kinder vorstellen, und die kleine Louison, die braunes, lockiges Haar und die großen strahlenden Augen der Mutter hatte, schien ihr ganz besonders zu gefallen. Sie tat die freundliche Frage: »Möchtest du an den Hof kommen, schöne Kleider tragen und mit meinem kleinen Fräulein spielen?«
Ach, höfisches Wesen hatte Frau Sophia Christine ihren Kindern nicht beigebracht. Louison hob das Näslein keck, sah die kleine blasse, seltsam verträumt ausschauende Prinzessin an und antwortete zum grenzenlosen Entsetzen ihres Vaters und zur ganz heimlich lachenden Freude der Mutter: »Nein, das möchte ich nicht. Ich will den Adrian heiraten und auf der Leuchtenburg wohnen. Vielleicht auch den Niklas Rabe, wenn er keine Frau findet. Oder alle beide.«
»Ei, =ma petite= sieht sich früh nach einer Mariage um. Und gleich zwei Freier. Wer ist denn Adrian und wer Niklas?«
»Kindergeschwätz,« sagte Herr de Charreard ärgerlich.
Doch die Herzogin, die ihres einstigen Freundes Verlegensein wohl bemerkte, hielt Louison fest und fragte nach den beiden Freiern. Und Louison gab Antwort, unbekümmert um des Vaters gefurchte Stirn, unbekümmert um das verhaltene Kichern der Hofdamen. Von Adrian Rudolf sagte sie nur den Namen, ihren neuesten Freund Nikolaus Rabe aber beschrieb sie sehr lebendig, beschrieb ihn mit zärtlicher Bewunderung.
»=Fi donc=, einen Landsknecht!«
»Kindergeschwätz!« rief der Vater nochmals unwirsch, aber da sagte plötzlich in das allgemein verhaltene Lachen hinein die Prinzessin ganz ernsthaft: »Ach, der Niklas muß schön sein, den möchte ich auch heiraten.«
Nun lachten alle. Selbst die Herzogin lachte mit. Sie strich leicht über ihres Kindes Wange und sagte kühl: »Du heiratest einen großen Prinzen.«
Doch die kleine Elisabeth Marie, der es ganz besonders gut auf Pösen gefiel, rief: »Ach nein, ich möchte dann lieber den Anthoine, der gefällt mir.« Und sie streckte dem dunkellockigen Buben das Händchen hin, da war auch für ein Leben eine Freundschaft geschlossen.
Die Herzogin brach das Gespräch ab. An dem stillen Jeannettchen sah sie vorbei. Und dann war sie liebenswürdig und herablassend, und Frau Sophia Christine wußte doch, sie will unser Glück stören. Zeitig am Nachmittag brachen die Gäste wieder auf, und schon im Wagen sitzend, sagte die Herzogin: »Louison kann mein kleines Fräulein begleiten. Monsieur de Charreard wird uns doch auch den Weg weisen.«
Sophia Christine erblaßte tief. Ihr Herz krampfte sich zusammen, als sie das Kind selbst in den Wagen hob. »Sie wird mir genommen,« schrie es in ihr, und sie strich mit der Hand segnend über das liebliche Gesicht. »Gott schütze dich!«
Louison hörte nicht der Mutter Herz weinen. Die Fahrt in dem schönen Wagen neben dem blassen Prinzeßchen kam ihr sehr vergnüglich vor. Sie breitete ordentlich wie eine kleine Dame ihr Kleid aus, als wäre das Leinenkleid von Brokat, und ihr strahlendes Gesichtchen war das letzte, was die Mutter für lange Zeit von ihrem Kinde sah.
Monsieur de Charreard gab seiner fürstlichen Landsmännin das Geleite. Er hoffte, sie würde ihn unterwegs entlassen, aber daran dachte die Herzogin nicht. Sie sah ihn lächelnd neben ihrem Wagen reiten, und bei dem Dorf Ammerbach, das Jena schon nahe war, fragte sie ihn, ob er nicht so weiter ihr Begleiter sein wolle. Als Herr Anthoine sie etwas verwundert anschaute und nicht gleich die rechte Antwort fand, erzählte sie ihm, sie würde nach Paris reisen, um ihre Verwandten zu sehen. Zu ihrem Begleiter habe der Herzog ihn auserwählt, er käme auf diese Weise einmal in sein Vaterland, und König Ludwig, dessen Höflichkeit gegen Damen bekannt sei, würde nichts tun, was ihren Begleiter kränken könne, wenn er auch ein Flüchtling wäre.
Nach Frankreich zurückkehren, Paris sehen, den Traum seines Lebens!
Als der Wagen in Jena einfuhr, hatte Monsieur de Charreard, der Gutsherr von Pösen, sein stilles Glück im Tal vergessen; er sagte ja zu allem, was die Herzogin ihm vorschlug, er sagte auch ja zu dem Verbleiben seiner kleinen Tochter am Hofe. Es war wie ein Rausch über ihn gekommen, er duldete es, daß die Herzogin selbst noch ein Brieflein an die zurückgebliebene Frau sandte, eins, in dem sie höhnisch von dem großen Glück schrieb, das dem Hause Charreard an diesem Tage erblüht sei. »Morgen reise ich heim und Sophia Christine wird einsehen, daß ich nicht nein sagen kann,« dachte der Mann.
Louison weinte sich in den Schlaf. Ihre Sehnsucht nach der Mutter und den Geschwistern war groß, aber niemand kümmerte sich um dieses junge Leid. Die diensttuende Kammerfrau erzählte ihr von den schönen Kleidern, die sie bekommen würde. Aber was kümmerte sich das Landkind um Putz und Tand? Es verlangte wild nach den Lieben daheim und sagte zuletzt trotzig und doch zuversichtlich: »Der Niklas holt mich schon heim, der tut es gewiß.«
Monsieur de Charreard selbst dachte an diesem Abend nicht viel an die Seinen. Aus Weimar war Herzog Wilhelm gekommen, ein junger Landsmann, Raoul de St. Laurent, war mit ihm eingetroffen, da wurde von vergangenen Zeiten und von der bevorstehenden Reise gesprochen. Raoul de St. Laurent schilderte Paris in glühenden Farben, er redete sich heiß, und Herr Anthoine übersah dabei die freche Zudringlichkeit des jungen Herrn, der an einem deutschen Fürstenhof über die Deutschen spottete, der nur ein Land in der Welt gelten ließ, Frankreich.
In Pösen wartete Sophia Christine bang Stunde um Stunde auf Mann und Kind. Sie saß einsam unter der Linde und sah die Nacht kommen. Der Himmel war hell, der Sterne gewaltiges Heer glänzte daran. Aber die Sterne waren weit und das Leid war nahe. Sophia Christine faltete die Hände, sie wollte beten, aber es war nur ein flehendes Stammeln, was über ihre Lippen kam. »Gott, lieber Herre Gott hilf!« Und dabei wußte sie nicht einmal, in welcher Not ihr Gott helfen sollte. Sie ahnte nur die Gefahr, kannte nicht ihr Gesicht.
Und wie sie so saß, ganz eingehüllt in den Frieden der warmen hellen Nacht, hörte sie von fern Hufschlag, sah ein Licht aufglitzern. »Anthoine!« Sie lief dem Kommenden entgegen, meinte, es müsse der Gatte sein, aber dann erschrak sie, als eine fremde Stimme herrisch fragte: ob hier das Kirchlehen Pösen, der Besitz des Monsieur de Charreard liege?
Es war gut, daß die alte Röse in gleicher Herzensangst vor kommendem Unheil im Hauswinkel gehockt hatte. Trotz der vielen Arbeit des Tages lief die Alte doch wie ein Wiesel und plötzlich stand sie, eine Laterne in der Hand, neben ihrer Herrin und sagte barsch, um ihre Angst zu verbergen: »Was will Er?«
Der Mann reckte sich auf seinem Pferd und gab hochmütig Bescheid. Er legte den Brief der Herzogin in Sophia Christinens zitternde Hand, und diese wußte, es war Leid, was ihr der Mann brachte. Sie hielt sich aber aufrecht, stand fein und vornehm vor dem aufgeblasenen Diener, und als er sagte, eine Antwort brauche er nicht, nickte sie und sagte gelassen: »Röse, gib ihm einen Trunk, dann mag er heimreiten.«
Der Bursche knickte zusammen, wurde höflich und untertänig. Er dachte ärgerlich bei sich, des Herrn de Charreards Hausfrau täte so vornehm wie die Frau Herzogin selbst, aber als er in das nun vom Laternenschein erhellte bleiche Gesicht sah, rutschte in seiner Meinung die Frau Herzogin sogar ein Stückchen abwärts. Die hatte ihr böses Lächeln um die schmalen Lippen gehabt, als sie ihm selbst den Brief übergeben. Die Frau de Charreard sah aus wie eine Heilige, fein und fromm, und darum verneigte sich der Bote, nachdem er getrunken und Röses Zehrbrot in seine Satteltasche gesteckt hatte, fast noch tiefer als vor der Herzogin selbst.
Hinter ihm blieb es still. Sophia Christine hielt den Brief in der Hand, er brannte sie wie Feuer und doch wagte sie kaum, das Siegel zu lösen. Endlich tat sie es doch. Röses kleine Laterne warf einen zitternden Schein darauf. Einmal las die junge Frau den Brief, noch einmal, dann brach sie mit einem Wehlaut zusammen. Sie lag unter der Linde wie ein Bäumchen, das der Blitz zersplittert hat, lag da und weinte, und die alte Röse stand stumm dabei. Sie, die schon so viel Kummer gesehen hatte, konnte nicht sprechen, sie wußte, hier weint ein ganz großes Herzeleid.
Am nächsten Tag ritt der Gutsherr von Pösen heim. Der Rausch der fürstlichen Gunst trübte nicht mehr seinen klaren Blick. Frankreich, das Land seiner Jugend, lockte, aber als er an dem Buchaer Hohlweg anlangte und in das Tal hinabschaute, wußte er, das Fortgehen war ein Losreißen von seinem Glück. Er ritt unter den Linden dahin, sie waren verblüht, die Bienen summten nicht mehr durch das Blättergewirr, aber jene, die damals gesagt hatte, so wolle sie werden, hatte ihr Wort gehalten.
Und wieder, wie nach seinem ersten Ritt nach Jena, war Stille und Schweigen um das Haus. Es war wieder ein Sonnabend, wieder war morgen Gottesdienst in der Hauskapelle, wieder stand die Türe offen und wieder fand Anthoine de Charreard den Altar mit Malven geschmückt und sein Weib in der Kapelle. Aber diesmal strahlte ihm kein seliges Glück aus ihren Augen entgegen. Gramfalten gruben sich um den sonst so lachlustigen Mund und ein ganz tiefes Weh lag in den Augen.
Sophia Christine streckte die Arme aus und rief: »Mein Kind! Meine Louison!«
»Es bleibt bei dem Vater, soll Frankreich sehen, seine eigentliche Heimat. Sophia Christine -- es ist nur auf ein Jahr.«
»In einem Jahr kann man sich sehr fremd werden,« flüsterte die Frau.
»Wir nicht!« Herr de Charreard rief es aus tiefstem Herzen heraus, denn er fühlte in diesem Augenblick so wie noch nie: Wo diese Frau war, war seine Heimat. Und sacht neigte er sich über sie und sprach gut zu ihr. Er tat das, so viel er konnte, in den wenigen Tagen, die ihm noch blieben, sein Haus zu bestellen. --
Den Bewohnern von Gutshof und Dörfern war es schier unbegreiflich, daß der Herr eine so weite Reise tun wollte. Und unmerklich erst, aber bald ihm fühlbar, schob sich etwas Fremdes zwischen ihn und die Leute. Auch die Kinder waren plötzlich scheu geworden. Sie sehnten sich nach der Schwester, vermißten der Mutter Lachen, und Jeannettchen sagte ganz ernsthaft zu ihrem welterfahrenen Freund: »Niklas, du mußt unsere Louison zurückrauben. Gelt, das tust du?«
»Das Dunderwetter ja, ich tät's schon, aber wenn doch der hochmögende Herr Vater selbst mit auf die Reise gehen. Jeannettchen, den kann ich nit raube. =Parbleu=, das geht nit!«
Es ging wohl wirklich nicht. Freilich, Abschied nehmen hätte Louison doch können, sie warteten alle darauf. Aber die Frau Herzogin schrieb in einem Brief, das Fräulein de Charreard würde den Abschied unterlassen. Herr Anthoine brauste auf, das durfte nicht sein, er wollte auf der Stelle nach Jena reisen und Louison holen.
»Und sie wieder hinbringen!« Frau Sophia Christine schüttelte leise den Kopf. »Ich weiß, du hast dein Wort gegeben, das mußt du halten, darum mag es bleiben wie es ist.«
Und weil der Mann fühlte, sie hatte recht, und ihr doch gern etwas zu Liebe getan hätte, fragte er: »Hast du noch einen Wunsch, Sophia Christine?«
Die Frau sah ein paar Augenblicke still zum Fenster hinaus. Unten rannten Anthoine und die Buben Adrian Rudolph und Heinrich Wilhelm von Dracksdorf ein wenig wild über den Hof, Jeannettchen lief schreiend davon, sie mußte einmal wieder die verfolgte Gräfin spielen. Anthoine brüllte wie ein heiserer Werwolf, und die Mutter dachte: werde ich den Jungen auch zügeln können? Und ganz jäh kam ihr der Gedanke an den einzigen Freund, der ihr in Jena lebte, und sie bat: »Schicke mir den Magister Albertinus als Hofmeister her. »Bitte ihn, er tut es schon, er ist gern hier draußen. An ihm werde ich eine Stütze haben -- wenn ich allein bin.«
Sonst hätte der Herr de Charreard sicher sehr viel an dem Magister auszusetzen gehabt als Hofmeister für seinen Sohn. Denn des Magisters Steckenpferd war die Reinigung der lieben deutschen Muttersprache von dem überflüssigen Fremdwörtergewimmel. Er ging darin ein wenig über die Grenzen und riß ganz anmutige wohlklingende Sprachblüten mit Stumpf und Stiel aus. Doch war der alte Herr ein treuer zuverlässiger Mensch; und Zeit, lange zu wägen und zu wählen war nicht mehr. Auch war es dem Gutsherrn selber eine Beruhigung, den anhänglichen, alten Freund im Hause zu wissen, er sagte darum ein Ja und hing keine Ermahnung daran, sondern versprach alles zu tun, um den Magister zum Hinauskommen zu bewegen.
Dann war noch der Abschied zu überstehen.
Vor dem fürchtete sich der fürstliche Reisebegleiter mehr als vor allen Gefahren der Reise selbst. Und dann stand Frau Sophia Christine aufrecht, ohne auch nur eine Träne zu vergießen am Wagen. Hieß die Kinder den Vater umarmen, ließ alles Gesinde freundlich heran und sagte selbst nur einfach: »Gott schütze dich und unser Kind.«
Herr de Charreard war über diesen Abschied etwas gekränkt. So keine Träne zu weinen, das ging doch zu weit. Ach, er hörte nicht die vielen, vielen Tränen im Herzen der Frau rinnen, Tränen, die wie eine Flut den Ausgang suchten und ihn fanden, als der Reisewagen hinter den Linden verschwunden war. Da brach die Frau zusammen. Sie schwankte, wäre gesunken, aber da standen auf einmal die alte Röse und die Rabenmutter neben ihr und führten sie in ihr Zimmer. Und der Freund Niklas reichte Anthoine und Jeannettchen die Hände und sagte: »Kommt, ich erzähl' euch von Frankreich, wohin der Vater fährt, oder von Flandern. Da haben wir uns blutige Köpfe geholt. =Parbleu=, war eine elende Kampanje.«
»Nicht so was Grausliches,« bat Jeannettchen.
»Nix Grausliches, bewahr mich der T...« Nikolaus redete den Satz nicht zu Ende, aber dann saß er mit den Kindern am Bachrand und erzählte ihnen von dem schönen Lande Schweden, von einem friedsamen Tal, in dem er gewohnt.
»Ich denke, die Schweden sind so böse?« Jeannettchen schmiegte sich zutraulich an den rauhen Freund. Der strich ihr sanft über die Locken. »Im Krieg werden die Menschen wohl alle böse. Na und was damals Schweden hieß, das waren meist keine echten mehr. Die echten, kleines Fräulein, die taugen schon etwas, vor denen brauchst du dich nicht zu fürchten.«
7. Kapitel.
Kurz ist ein Jahr, lang ist ein Jahr.
Die Arbeitsjahre mit ihrem Mann zusammen waren Sophia Christine verrauscht wie ein schönes Lied, das erste Jahr des Einsamseins hatte endlose Tage, schlummerlose Nächte, es kroch dahin wie eine Schnecke im Staub. Stunde um Stunde, Tag um Tag flogen die Gedanken zu Mann, zu Kind. Wie ging es beiden? Wer hütete der kleinen Louison junge Seele? Wer war um sie, wer schützte ihre Lieben?
Das Laub wechselte seine Farbe, Blatt um Blatt fiel erst sacht zu Boden, bis es ein Sturmwind von den Ästen riß. Über das Tal wehte der Schnee; weiß Dächer und Mauern, weiß im Rauhreif Bäume und Sträucher, der Bach von einem Eisband gebunden. Noch tiefere Stille als sonst im Tal. Weihnachtstraum; erste Frühlingsstürme; Sonnenschein. Der Schnee schwand, in Bäume und Sträucher quoll der junge Saft bis in das äußerste Spitzchen, sie schimmerten rötlich, gelbgrün, hingen sich grüne Spinnewebe über, wieder Schnee auf den Bäumen, aber jede Flocke eine hauchzarte Blüte, in die die Bienen summend vor Lust sich hineinschmiegten. Die Vögel kehrten heim, bauten Nester, die Felder begannen zu wogen und in Sophia Christinens Herzen zitterte heißer die Sehnsucht; nun bald, nun balde kam das Wiedersehen.
Doch die Linden blühten und verblühten, Kornblumen, Rittersporn und Mohn säumten die Ränder der Felder, auf den Wiesen duftete das Heu, es wurde eingefahren und die kornschweren Ähren erzitterten eines Tages, nun sang auch ihnen morgen die Sense das Sterbelied.
Goldene Hügel wurden geschichtet, die Scheunen füllten sich, der Rabenvater stand auf dem Hof und sagte: »Ein gesegnetes Jahr!« Und als er Anthoine müßig auf dem Brunnenrand sitzen sah, sagte er: »Ins Faulenzerland gehört er niche mehr. Der Junker könnte schon helfen, itze braucht die gnädige Frau Mutter jede Hilfe.«
Da schoß Anthoine das Blut ins Gesicht. Er sprang auf und rannte davon, lief auf das Feld und seine Bubenhände griffen Bündel um Bündel. Heißa, das ging, ihn sollte niemand einen aus dem Faulenzerland schelten.
Eines Tages blies der Sturm über Stoppelfelder, peitschte schwarze Wolken ins Tal, und auf dem Gut Pösen flüsterten die Leute scheu: »Der Herr ist nicht heimgekommen.«
Sophia Christine ging blaß und still einher, sie trug einen Brief auf dem Herzen, in dem stand, Anthoine de Charreard würde erst im Frühling heimkehren, die Herzogin Marie könne sich von dem schönen Paris nicht trennen. Ganz unten stand das Wort: »Wenn es doch erst Frühling wäre!«
Der Winter mit seinen langen, langen dunklen Nächten lag noch dazwischen.