Herrn de Charreards deutsche Kinder: Die Geschichte einer Familie

Part 3

Chapter 33,851 wordsPublic domain

Da tat Sophia Christine etwas, das gegen Sitte und Herkommen verstieß. Sie hielt keine feierliche Danksagung, sie faßte zuerst die Hand der Rabenmutter und dann Hand um Hand, der Alten aber mit den beiden Eiern strich sie noch einmal linde über die welke Hand. Dabei liefen ihr die Tränen über das Gesichtchen, und es war schon gut, daß ihr Anthoine es etwas besser verstand, eine feierliche Dankrede zu halten. Er redete höflich und herzlich zugleich, stand würdevoll und vornehm vor den Frauen. Denen tat es wohl, Händedrücke und Tränen waren gut, die schwungvollen, feierlichen Worte aber gehörten dazu; da Röse wußte, daß ein Würzebier auch dazu gehörte, hatte sie vorgesorgt. So verlief denn der Besuch recht in den vorgeschriebenen Formen und die »Buchschen« verließen zufrieden mit leeren Handkörben das Haus und versicherten, morgen würden die Schorbschen kommen.

Dann wird unsere Speisekammer voll werden, dachte der Hausherr. Ein heimliches Lachen kam ihn an. Er hatte sich noch nie so um eine leere Vorratskammer gesorgt, und als er gefreit hatte, da hatte er gemeint, in ein recht wohlhäbiges Leben hineinzugeraten. Er hatte das auch manchmal gesagt, hatte etwas übermütig der Herzogin Marie gegenüber betont, er wäre des Hoflebens und des Dienstes bei ihr satt und wolle nun ein freies Herrenleben führen. Da wußte er plötzlich, warum die Herzogin ihren Gatten angetrieben hatte, ihn mit der Jungfer Riesin zu verheiraten. In Not und Sorge sollte er hinein, weil er nicht ihr Narr hatte sein wollen. Oh ja, die Landsmännin hatte sich gerächt. War es ihr gelungen? Anthoine de Charreard sah auf sein junges Weib nieder, und er sagte: »Sie gedachten es böse mit uns zu machen, Gott aber hat es gut gemacht.«

Sophia Christine nickte ihm zu. Und dann schloß sie müde die Augen und träumte, ihr Bübchen im Arm, von kommenden Zeiten.

Herr Anthoine aber verließ das Haus, er stieg den abwärts führenden Weg hinab und gelangte an des Baches Quelle, er wollte ein wenig nach den Forellen sehen, denn eine gute Forellenfischerei war des Gutes Stolz. Und wie er an dem schmalen Wasser stand, das hell über große Steine rann, vergaß er die Fische. Er dachte an das stolze Schloß an der Loire, an der Charreards einstigen Besitz. Kein Charreard hatte wohl noch um den Taufschmaus für den Erben sorgen müssen. Bei Gott, dachte der Herr Anthoine wieder, ich bin in ein recht klägliches Leben hineingeraten. Möge meinem Sohn es besser ergehen, unser König wird es wohl besser mit seinen treuen Untertanen im Sinn haben, als der böse Kardinal Richelieu, dann soll mein Sohn wieder den Namen Charreard zu Ehren bringen.

Der Gutsherr vergaß die Fische, aufrecht, hochmütig ging er dem Hause zu, und als er mit der Feierlichkeit früherer Tage an das Bett seiner Frau trat, die ihr Bübchen im Arme hielt, fand er ihr Gesicht ganz überströmt von Tränen.

Über diesen Tränen vergaß Herr Anthoine das Schloß an der Loire und allen Glanz der Charreards. Betroffen fragte er nach dem Kummer der kleinen Frau Sophia Christine. »Ach,« schluchzte sie, »ich bin ja so froh, so froh, nun brauchen unsere Küchlein nicht geschlachtet zu werden.«

Das war wirklich nicht nötig. Am nächsten Tage kamen die Schorbaer Bäuerinnen mit nicht minder reichen Gaben, und so konnte man denn auf Pösen dem Sonntag Rogate mit Ruhe entgegensehen. Denn die alte Röse führte den Hausherrn selbst in den allerletzten Keller. Tief im Winkel verborgen lag da, aus guten Zeiten stammend, noch ein Fäßchen Wein, an ihm war aller Kriegslärm vorbeigezogen. »Gut, daß es zuletzt die Schweden nicht auch noch durch ihre höllischen Gurgeln gejagt haben,« sagte die Alte. »Denn ob Wein aus protestantischem Hause oder aus einem katholischen Keller, denen ist das so gleich gewesen, wie es ihnen war, woher sie raubten, wen sie mordeten.«

Herr Anthoine de Charreard bezeigte wenig Lust, sich von den vergangenen Kummertagen erzählen zu lassen, er stieg vergnügt ans Tageslicht empor, um seiner Frau von dem Fund zu berichten, und er fand wieder ein betrübtes, verzagtes Weiberseelchen. Ein wenig Aprilwetter war schon die kleine Frau in diesen Tagen. Frau Sophia Christine hatte, so gut sie es konnte, Gäste und Eßgeschirr nacheinander an den Fingern abgezählt, und es fehlten mehr Teller als im Dornröschenschloß, ach, es fehlte so viel. Ihr Mann sah ein, daß dies schon eine Not war. Er wußte aber Rat. Am nächsten Morgen fuhr er selbst nach Jena, um bei seinem Schwiegervater und den übrigen Verwandten seiner Frau das notwendige Hausgerät zu erborgen. Er bekam alles, ja sogar die schweren, einst mit eigener Lebensgefahr erretteten, silbernen Prunkleuchter gab eine Muhme her, denn die Kunde, daß das fürstliche Paar selbst zur Taufe kommen wollte, erregte ganz Jena. Sämtliche Frauenzimmer redeten nur von der Taufe. Und Sophia Christine wurde so viel und mit solcher Ehrerbietung von allen Vettern, Muhmen und Basen genannt, daß diese Überfülle von Hochachtung die kleine Frau gewiß sehr bedrückt hätte.

Doch glücklicherweise ahnte sie nichts davon. Sie hielt mit Röse und der Rabenmutter eine sehr eindringliche Eßberatung ab. Das Ergebnis war, nachdem Sophia Christine ein noch von ihrer Mutter stammendes Rezeptbüchlein zugezogen hatte, daß man trotz aller Spenden ein speckfettes Ferkel schlachten müsse. In dieses sollte eine Gans gesteckt werden, in diese ein Huhn, in das Huhn eine Taube, in die Taube, was gerade daherflog, auch ein Spatz, wenn es sein mußte. Und dann ein Zungenmüßlein, Torten und Pasteten. Frau Sophia Christine tat bei jedem Gericht, das ihr einfiel, einen bitterschweren Seufzer, aber glücklicherweise sagte die alte Röse immer: »Es langt zu. Da bruche wir niche bange zu sein.«

Und es reichte und wurde ein prächtiges Mahl. Ein Tauftag voll Erdenpracht und Himmelsglanz. Nur ein paar weiße Flatterwolken wehten über den blauen Himmel. In der kleinen Pösener Hauskapelle dufteten große Sträuße, ein buntfarbiges Kranzgewinde schlang sich um die Sessel, die für den Herzog Bernhard und seine Gemahlin hingestellt worden waren. Die Herzogin staunte über das festliche Gepränge, das nach Reichtum ausschaute. Die scheue heimliche Armut, das bange Sorgen der Eheleute, die Quellen der Hilfe ahnte sie nicht. Sie sah nur, was da war, und weil sie den stolzen Landsmann in einer kärglichen Armseligkeit geglaubt hatte, war sie doppelt überrascht.

Dazu Sophia Christine! Die war nicht mehr scheu und ungewandt wie einst, sie fühlte sich auf sicherem Heimatboden stehen, dies Gefühl und ihr junges Mutterglück verliehen ihr eine anmutige Würde. Sie war freilich einfach gekleidet, aber sie sah doch festlich und schön aus, und die Herzogin Marie in ihrer dunklen Schönheit, die das neueste Pariser Gewand trug und so gekleidet war wie die Damen am Hofe des jungen Königs Ludwig XIV., vermochte nicht die junge Madame de Charreard zu verdunkeln.

Dazu der Sonnenglanz draußen, die Schönheit des stillen Tales. -- Der Herzog Bernhard sagte sein Wiederkommen zu, aber die Herzogin kniff ein wenig die dunklen Augen zusammen. Scharf zogen sich die Falten am Mund herab. Da wußten ihre Damen, sobald wurde der Besuch nicht wiederholt. Sie drängte auch zum Aufbruch und übersah dabei das leise Aufleuchten in den braunen Augen der jungen Frau. Vielleicht wäre sie sonst geblieben. Da hätte sie dann freilich an manches, was im Hause fehlte, ihren Spott hängen können.

Als der Abend sank, eine Mondnacht mit lindem Glanz heraufdämmerte, rollten die Wagen mit den Gästen davon; nur ein paar Verwandte Sophia Christines blieben noch. Die aber waren so geblendet von dem fürstlichen Glanz, daß die alte Base Anna Sabine -- jene, die die Silberleuchter hergegeben hatte -- ihrer Nichte diese für künftige Zeiten als Erbe versprach.

Ein paar Tage später herrschte wieder die alte Stille in Pösen, aber auch wieder der Mangel. Nach reichen Tagen gab es sehr knappe Mahlzeiten und Herr Anthoine de Charreard freute sich mehr als über den fürstlichen Besuch über den des Herrn Heinrich Rudolph, der von Leuchtenburg her an einem Nachmittag in den Hof einritt und das versprochene Darlehen brachte. Ja, er war nicht ohne Stolz, als Herr Rudolph lobte, wie gute Ordnung unter dem neuen Herrn herrsche. »Ich bin an den Schlägen am Eselsberg vorbeigeritten,« sagte der, »dort wächst ein gutes Korn, das gibt kein Notjahr.«

Daß dieser Herr sich zum Bleiben entschloß, freute Frau Sophia Christine herzlich. Sie hörte still den Reden der beiden Männer zu, spürte wohl, daß ihr Gemahl die Lehren des andern mit Aufmerksamkeit annahm. So lauschte sie, bis der Herr Rudolph von seinen eigenen häuslichen Verhältnissen sprach. Von der Frau, die ihm gestorben war, von dem jungen Heinrich Wilhelm von Draksdorf, den er mit seinem eigenen Kinde erzog.

»Die beiden müssen uns besuchen,« rief Frau Sophia Christine warm. Und wehmütig klang es hinterher: »Ein Kind ohne Mutter, wie traurig ist das.«

Doch dann beruhigte sie sich, als sie hörte, daß eine Verwandte des Hausherrn, Jungfer Elisabeth Scheitlin, die Büblein mütterlich behüte. Aber sacht wuchs doch in ihrem Herzen ein Blümlein auf, in dessen Kelch die Namen der Mutterwaisen standen. Sie schenkte schnell den noch nie gesehenen Kindern Liebe vom Überfluß ihres reichen Herzens.

5. Kapitel.

Nach der Taufe des kleinen Anthoine verstummte nun freilich der Festjubel auf dem Gute für längere Zeit. Der Verkehr mit Jena wurde nicht allzu lebhaft fortgesetzt. Die Herzogin vergaß den Landsmann ein wenig, sie schob ihn beiseite wie ein überflüssiges Stück Hausrat; freilich immer mit dem Gedanken, er wäre doch noch einmal zu brauchen.

Auf Pösen lebten sie still ihre Tage weiter. Zu dem kleinen Anthoine gesellten sich zwei Schwestern, und gerade kam noch ein Büblein an, als in Jena eine kleine Prinzessin in der Wiege lag. Der Gutsherr fuhr zur Taufe hin, die mit soviel Glanz und Prunk gefeiert wurde, als wäre nicht noch große Armut im Lande. Das Kind erhielt in der Taufe den Namen Elisabeth Marie und ihre Mutter sagte gnädig zu Monsieur Anthoine de Charreard, eine seiner Töchter solle nach etlichen Jahren Gespielin der Prinzessin werden und mit ihr zusammen aufwachsen.

Herr de Charreard war zu sehr Hofmann, um sich für diese Gnade nicht alleruntertänigst zu bedanken und von seiner großen, dankbarsten Freude zu sprechen. Dabei wußte er doch, Frau Sophia Christine würde dies ein großes Herzeleid sein. Ein wie viel größeres Herzeleid die Frau gerade in den Stunden durchlitt, ahnte er nicht. Bisher war wohl die Sorge manchmal auf leisen Füßen durch das Haus gehuscht, aber immer hatte sie vor der jungen Frau lebensmutigem Lächeln die Flucht ergriffen, nun aber kam das Leid und klopfte an. Hart, schwer, unbarmherzig.

Der kleine Gaston starb.

Ganz rasch verlöschte das kleine Lebenslicht und Frau Sophia Christine wollte vor Kummer schier vergehen. Doch da kam die alte Rabenmutter zu ihr. Eine welke, müde Frau war sie, und als sie das tote Bübchen sah, gingen ihre Augen hinweg zu den drei größeren Kindern, und sie sagte schlicht: »Euer Gnaden sind noch reich, sehr reich.«

Und Sophia Christine führte still den Reichtum ihres Hauses, ihre drei schönen Kinder ihrem Manne entgegen, als er heimkam, und auch er sagte: »Ja, wir sind noch reich, sehr reich.«

Die drei Kinder trauerten wohl dem kleinen Bruder ein paar Tage nach, aber allzu tief war der Kummer noch nicht, er vermochte nicht ihr heiteres Kinderleben zu trüben. Es war ein lustiges Dreigespann, das in Pösen aufwuchs. Anthoine, Anton, wie ihn seine Mutter gern nannte, war besinnlich und stiller, am lebhaftesten war die ältere Schwester. Dorothea Louise, die Louison. Auch ein wenig stiller wieder Johanna Sybille, die Jeannette genannt wurde. Aber alle drei zusammen erfüllten sie Haus und Garten mit lautem lustigem Lärm, und wenn Sophia Christine dies frohe Kinderlachen auftönen hörte, dann begann immer der warme Strom der Freude in ihrem Herzen zu rauschen.

Ihr Mann, ihre Kinder, ihr Haus im stillen Tal waren ihre Welt; die Weite draußen lockte sie nicht, die war nicht so groß wie ihr Glück. Der einzige Schatten, der dies helle Glück manchmal trübte, war das Bemühen ihres Mannes, besonders den Sohn zu einem echten Franzosen zu erziehen. Mit ihm sprach er nur französisch, und der kleine Anthoine bekam sehr viel von dem einstigen Glanz der Charreards zu hören. Doch die Loire war weit und das Bächlein, die Leutra genannt, war nahe, also spielte der Bube mit den Schwestern am Bach und der kam ihm mindestens so gewaltig vor wie die Loire.

Und wie herrlich war es, am Bach entlang zu laufen, manchmal sogar innen von Stein zu Stein zu springen, bis endlich der Rabenhof erreicht war. Dort gab es ein eiliges Klettern am losen Gartenzaun des Rabenvaters entlang, und auf einmal tauchten vor dem Fenster des Bauernhauses drei lachende Kindergesichter auf und über das düstere Gesicht des Rabenvaters glitt ein heller Schein. Seine Stimme hatte noch einen leisen Frohklang, wenn er rief: »Mutter se sind doe!«

Dann kam die Rabenmutter, und die drei Charreards saßen vergnügt als Ehrengäste auf der Wandbank. Ein Glas Milch, ein Stückchen Käsebrot, ein paar Nüsse dünkte ihnen ein Festessen zu sein. Daheim gab es außer den Mahlzeiten nichts, und die drei waren doch etwas wie Spätzlein, es schmeckte ihnen immer.

Und dann gab es eine Unterhaltung. Seltsam genug. Zu den drei Schelmen redeten die alten Leute von ihrem abgrundtiefen Leid, von der vergangenen Not, und Jeannettchen konnte kaum richtig reden, als sie das erstemal von den entführten Kindern hörte und das Trostwort sprach: »Sie komme vielleicht wieder.«

»Nach über zwanzig Jahren!«

Der Rabenvater schüttelte den Kopf. Die Rabenmutter wischte sich über die Augen. Ja, in den ersten Jahren hatten sie noch an ein Wiederkommen geglaubt, aber jetzt nicht mehr. Doch war es wunderlich. Jedesmal wenn Jeannettchen ihr kindliches Trostwort sagte, sank ein leiser Hoffnungsstrahl in die Herzen der beiden Alten. Und um dieser leisen zitternden Hoffnung willen erzählten sie immer wieder die Geschichte.

Frau Sophia Christine sorgte sich nicht um ihre Kinder, wenn die vom Wäldchen an der Quelle bis zum Rabenhof liefen, nur den Weg in den Wald, der dahinter lag, verbot sie ihnen. Aber gerade der Wald lockte die drei mit Märchenzauber. Er begann hinter dem Mühlholz; es lag da still und einsam eine Wassermühle im Grunde, und bei dem Müller und seiner jungen Frau mochten die drei auch gern sein. Es gab da im Hause ein paar semmelblonde Hemdenmätzchen, denen die Merfnerin in Bucha Großmutter war. Und wie bei den Rabeneltern wurden die drei Geschwister auch in der Mühle immer gastlich aufgenommen, aber leider war die Mühle Grenze. Und der Müller, ein durch bittere Jugenderlebnisse hart gewordener Mann, sagte immer streng: »Weiter wird niche gegangen, sonst --« und seine Handbewegung verhieß nichts Gutes.

Als die drei Charreards nun einmal daheim von des Müllers Drohung erzählten, brauste Herr Anthoine auf. Es wäre unerhört, meinte er, Herrenkindern so zu drohen, doch Frau Sophia Christine sagte heiter: »Ich hab ihn gebeten, auf unsere Kinder zu achten. Er tut's eben nach seiner Weise. So weiß ich wenigstens, sie gehen nicht in den Wald.«

Anthoine war neun Jahre alt, seine Schwestern sieben und acht Jahre, als dieses Gespräch stattfand. Der Wald, ach, der Wald, warum man nur da nicht hinein sollte?

Am Nachmittag zogen die drei wieder an die Quelle hinab. Aus einer unbeschreiblichen Angst heraus rief Frau Sophia Christine: »Geht nicht zu weit.«

Es war ein Junitag voll unerhörter Schöne. Vogelsang, blühende Blumen und Sonnenglanz. Da lockte der Bach, es lockte darin von Stein zu Stein zu hüpfen, es lockten Vergißmeinnicht, die pflückbereit am Rande blauten, und es lockte auch den Rabeneltern ins Fenster zu sehen.

Doch wenn man jemand besuchen will, muß der zu Hause sein, und die alten Leute waren an dem schönen Tag schon morgens zu ihren Verwandten nach Schorba gepilgert. Der Rabensohn aber schaffte hinter dem Hause auf einer bergansteigenden Wiese. Er hörte nicht das Klopfen an den Fensterscheiben, sah nicht drei Augenpaare sehnsüchtig in die leere Stube blicken.

Nun blieben noch die Müllersleute. Obgleich dem Buben das Wort des Vaters von den Herrenkindern im Ohre sang, fand er doch, ein Besuchlein in der Mühle, in der man so schön auf Böden und Speichern herumklettern konnte, wäre ganz vergnüglich. Er zog also mit den Schwestern die Straße weiter, die sich abwärts senkte. Dort im Schatten des bergansteigenden Nußholzes lag am rauschenden Bach die Mühle. Gegenüber erhob sich steil und kahl der Eselsberg, und vor den Ankommenden stieg schöner dichter Tannenwald empor. Ein paar mächtige Tannen standen am Rande, wie große ernste Wächter.

Doch das Mühlrad klapperte nicht. Schweigen lag über dem stillen Grunde; da auch die Vögel mittagmüde ihr Zwitschern eingestellt hatten, mischte sich mit dem Rauschen des Baches nur das Summen der Bienen und Zirpen der Insekten. Die Müllersleute waren auf einer Wiese hinter dem Hause, verdeckt von Gebüsch, und so meinten die Kinder, sie wären auch weggegangen.

Das war nun freilich eine Enttäuschung!

Anthoine krauste die Stirn nachdenklich. Wenn man auf Abenteuer ausgeht und erlebt gar nichts, so ist das halt bitter. Jeannettchen wollte weinen, aber Louison rief keck: »Dann gehen wir in den Wald!«

Es ist verboten! Allen dreien klang das Wort im Herzen. Jeannettchen kreischte erschrocken: »Nein, da sind böse Tiere.«

»Ach wo!« In Anthoine erwachte männlicher Mut. Was schadete denn das, so ein bißchen an den Waldrand zu gehen. Seine Freunde -- er nannte die älteren Buben stolz Freunde -- Adrian Rudolf und Heinrich Wilhelm von Draksdorf ritten doch immer durch den Wald, wenn sie von der Leuchtenburg zu Besuch kamen. Also gefährlich konnte es nicht sein. Sie rühmten sogar immer die große Schönheit des Weges. »Komm!« Anton faßte Jeannettchens Hand, und weil der große Bruder den Weg ungefährlich fand, ging die Kleine mit. Louison aber sprang von Blume zu Blume, wollte Schmetterlinge fangen, sie fand das Waldgehen gar nicht unheimlich.

Neben den Tannen lief eine Schlucht in den Wald hinein, ein schmaler Weg war da, den verfolgten die Kinder, sie freuten sich an den vielen bunten, noch nie gesehenen Blumen, die hier blühten. Auch ein Schmetterling von besonderer Schöne flog vor ihnen her, einmal saß er da, einmal dort. Sie rannten ihm nach und waren auf einmal tief im Walde drinnen. »Wir müssen heimgehen,« rief Anthoine, »kommt schnell.«

Ein seltsamer Laut ließ die Kinder aufhorchen. Es trapste dumpf etwas daher. Pferdegetrappel war es, das hörten sie wohl.

Sie blieben tief erschrocken stehen. Wer kam da an?

Die sonst so kecke Louison flüsterte zitternd: »Schweden.« Das Wort war für sie der Inbegriff alles Grauens.

»Nicht doch, die kommen nicht mehr.« Anthoine nahm all seinen Mut zusammen. Er flüsterte den Schwestern zu: »Wir kriechen ins Gebüsch, flink, duckt euch.«

Sie duckten sich alle drei im Unterholz zusammen, das raschelte und knackte, und einer hörte es wohl. Ein Kriegsmann war es, der daherritt. Buntfarbig war sein Kleid, blau und gelb, eine rote Schärpe darüber, von dem riesengroßen Hut wallte eine blaue Feder herab, und eine prunkvolle Schaumünze hing dem Mann um den Hals. Das Gesicht war wettergebräunt, die Waffen, wie alles, was er trug, sahen schon zum Fürchten aus, und den drei Kindern schlug bange das Herz. Sie meinten freilich, sie hätten sich gut versteckt, doch da hielt plötzlich der Reiter vor dem Schlupfwinkel und schrie sie mit rauher Stimme an: »Hollahe, was sind das da für seltsame Vögel. Vorkommen!« -- Er sagte nichts weiter, doch Klang und Miene drohten, und die drei wagten in ihrer Angst gar nicht an ein Ausreißen zu denken. Louison und Jeannettchen brachen in ein lautes Jammergeschrei aus, Anthoine bewahrte noch ein Restlein Mut, er packte die Schwestern an den Händen, als könnte er sie so schützen.

Der Reiter legte plötzlich die Hand vor die Augen, als die drei so vor ihm standen. Er sah ein Bild vor sich: ein blonder Bube, zwei blonde Mädels, alle drei zitternd vor Angst, und er hörte das Johlen und Schreien einer rohen Menge, als ein Soldat die älteste ergriff und rief: »Die ist mein.«

»Woher seid ihr denn?«

Merkwürdig, des Reiters Brummbaß klang plötzlich um vieles milder. Anthoine gab Antwort, seine Stimme flatterte wie ein armer, gefangener Vogel. »Weil die Rabeneltern nicht da waren, sind wir in den Wald gegangen.«

Die Rabeneltern! -- Der Mann zog die Augen finster zusammen. »Gehört ihr zu denen?«

Anthoine schüttelte den Kopf. »Nach Pösen,« stammelte er.

»Die Rabenmutter sagt, sie hat uns lieb.« Louison schrie das Wort heraus in ihrer herzbeklemmenden Angst.

Der Reiter nickte ihr ganz freundlich zu. »Da muß ich euch wohl zu ihnen bringen,« sagte er. »Komm, sitz auf!«

Ein geller, dreistimmiger Angstschrei ertönte, aber da saß Louison schon auf dem Pferd. Noch ein Griff und Jeannettchen klammerte sich an die Schwester an.

»Nicht wegnehmen,« schrie Anthoine und hing sich halbtot vor Angst an das Sattelzeug des Reiters.

»Schrei nicht, Bube,« sagte der. »Ich tu euch nichts. Wart, ich steig ab, da kannst du aufsitzen, ich führe das Pferd!«

Wieder war in Stimme und Wort ein gutes Klingen, und Anthoine verstummte. Auch die Schwestern schwiegen, als der Bruder so ganz behaglich neben sie gesetzt wurde. Da hockten sie alle drei auf dem Pferd. Der fremde Mann ging neben ihnen, er fragte dies und das, es klang den Kindern wie ein Märchen, sie hörten Namen, die sie noch nie gehört hatten. »Wißt ihr, ob Kunoldts Liese noch in Jägerndorf lebt?« fragte der Fremde.

Die Kinder machten runde Augen. Der Bube flüsterte scheu: »Da steht doch nichts mehr!«

»Was steht nicht mehr?«

»Das Dorf. Der Herr Papa sagt, es wäre ganz verbrannt -- von den Schweden.«

Wieder fuhr sich der Fremde mit der Hand über die Augen. Louison sah ihn erstaunt an und plötzlich rief sie: »Du siehst aus wie Rabens Christian.«

»Lebt der noch?« Ein Frohlocken war es. Die Kinder nickten eifrig, und dann erzählten sie alles, was sie von den Rabeneltern, von Haus und Hof wußten, und immer mehr fragte der Fremde, mehr und mehr wollte er wissen. Bis Louison plötzlich die Hände nachdenklich zusammenschlug und rief: »Ich weiß was.«

»Nun, was weiß die kleine Jungfer?«

»Ich weiß, daß du Rabenmutters Nikolaus bist. Jeannettchen sagt immer, der kommt wieder.«

Da war just der Wald zu Ende. Die Mühle lag im Grunde und der Fremde ließ stumm das Pferd trotten, und sagte auf einmal: »Wie sieht denn die Rabenmutter aus?«

Das wußten die Kinder nicht zu sagen. Sie blickten sich verlegen an, bis Louison ein Wort der Mutter einfiel, sie rief mit ihrem hellen Stimmchen: »Wie das liebe Herzeleid.«

Der Mann legte da seinen Kopf an den Hals des Pferdes, und ein seltsam schluchzender Ton kam aus seiner Kehle. Den Kindern wurde Angst, nur Louison tatschte sanft des Reiters Arm. Sie war aber auch froh, daß in der Ferne das Haus der Rabeneltern auftauchte, und zeigte mit dem Fingerlein dahin: »Dort steht die Rabenmutter.«

Sie war es, und der Fremde vergaß die drei auf dem Pferd, er stürzte vor, und dann lag der Mann vor der alten Frau auf den Knien und rief: »Mutter, Mutter!«

Der Nikolaus war wieder heimgekommen!

Vater und Bruder liefen herzu. Die Kinder zappelten auf dem Pferde herum, Jeannettchen, die meinte, wenn jemand anders weint, muß man mitweinen, schluchzte zum Erbarmen, und auch Louisons Tränlein flossen. Anthoine aber saß stolz auf dem Roß. Er hielt die Schwestern fest, und obgleich das Pferd ganz geduldig stillhielt, hatte er doch das Gefühl, ein ganz besonderer Held zu sein.

»Die Kinder müssen heim,« sagte die Rabenmutter auf einmal.

Der Wachtmeister Nikolaus Rabe hob die drei vom Pferd. Er streichelte sie ganz sacht und sagte, in seinem Mantelsack hätte er auch schöne Dinge für brave Kinder. Jetzt sollten sie nach Hause gehen, morgen würde er nach Pösen kommen und ihnen wunderbare Sachen erzählen.