Herrn de Charreards deutsche Kinder: Die Geschichte einer Familie

Part 2

Chapter 23,773 wordsPublic domain

»O du lieber Heiland,« rief innen plötzlich die Rabenmutter, »da steht ja die gnädigste Frau vom Schlosse und weint.«

Ja, Sophia Christine weinte, und es erschien ihr auf einmal ganz selbstverständlich, daß sie all ihre Not der alten, schlichten Frau in den Schoß schüttete, so wie ein Kind sein zerbrochenes Spielzeug: »Nun hilf mir du.«

Sophia Christine war nach dem frühen Tode ihrer Mutter ein einsames Kind gewesen und durch die Strenge des Vaters ein verschüchtertes Kind geworden. Ihr Seelchen war immer verschlossen geblieben, nie hatte eine Frau sie mütterlich im Arm gehalten, wie es jetzt die alte Bäuerin tat. Und der Madame de Charreard kam das gar nicht seltsamlich vor, daß sie der alten Bäuerin ihre große, große Angst um den Gemahl verriet.

Die Rabeneltern hatten ihn reiten sehen, und der große, blonde Bursche, der als Büblein im Hühnerstall gesteckt hatte, erbot sich, gleich nach dem Walde zu gehen. Vielleicht fand er die Pferdespur.

»Ich gehe mit,« rief Sophia Christine in ihrer großen Herzensangst.

»Das is niche gut. Der Christian setzt seine Beine schneller, das schafft besser.« Der Rat der Frau war verständig, und die Jüngere fügte sich der klugen Rede. Sie ließ sich in die Stube führen, und wie sie den alten Bauer am Tisch stehen sah, seine Hände fest über der Bibel gefaltet, und er sie mit seinen eigentümlich hellen Falkenaugen ansah, bat sie unwillkürlich: »Ach, lest doch weiter.« Sie schluckte an ihren Tränen.

Der Rabenvater nickte. Seine Stimme dröhnte, er las den Psalm bis zum elften Vers und Sophia Christine saß still neben der alten Frau und ihre Tränen waren versiegt, als der Bauer schloß: »Herr, erquicke mich um Deines Namens willen; führe meine Seele aus der Not, um Deiner Gerechtigkeit willen. Amen!«

»Amen.« Sophia Christines Stimme klang mit denen der alten Leute zusammen, da fiel ein Schatten dunkel in die Stube, draußen stand Anthoine de Charreard. Der junge Christian hielt sein Pferd.

Ein Lächeln lief über das Gesicht des Mannes, als er den Freudenblick seines Weibes sah. Er grüßte ganz heiter, als wäre nichts gewesen, und er, der sich bisher etwas kühl von diesen Leuten zurückgehalten hatte, trat auch in die niedrige Stube. Freilich, seine Stimme klang herablassend, er nahm den angebotenen Platz auf der langen Bank ein, trank auch die Milch, die die Rabenmutter ihm reichte, es war zu spüren, es war ein Fremder in der Stube. Immerhin fragte er höflich nach Leben und Sitten, der Rabenvater gab Antwort.

Knapp die Fragen, karg die Gegenrede. Dann lief das Gespräch aus der Gegenwart in die Vergangenheit zurück. Da stand die Rabenmutter auf und ging still hinaus. »Sie kann's niche ertragen,« murmelte der Alte.

»Was denn?«

»Das von den Kindern.« Kaum ein Dutzend Worte brauchte der Alte und schauernd durchlebten Anthoine de Charreard und sein junges Weib die Nacht mit, in der rote Glut über dem Tal gelegen und die Soldaten die schönen, jungen Töchter und blonden Buben mitgenommen hatten. Wohin, Gott wußte es! In Elend und Verderben hinein. Sechzehn Jahre waren es her, seit der schreckliche Wrangel das Thüringer Land durchzogen hatte nach Franken hinein. Der Schluß war's, aber unser Gott im Himmel weiß es, ein höllischer Schluß.

Schweigen herrschte in der Stube. Bis sich die Türe auftat und die Bäuerin hereintrat. Anthoine de Charreard, der es besser gelernt hatte, als sein tieferbleichtes Weib, ein Gespräch in ein anderes Rinnsal zu lenken, begann von Feld- und Hauswirtschaft zu reden. Ein wenig obenhin nur. Was konnte ihm der alte Bauer auch sagen. Doch er stutzte bald. Er merkte es, er war an einen gekommen, der mehr wußte als was ein Pferd und ein Pflug ist. Der Rabenvater wußte Bescheid. Nicht auf den paar Stücken Land allein, die ihm gehörten, sondern auch auf der Pösener Gemarkung. Der alten Frau von Nesselrode hatte er oft mit Rat beigestanden. Aber er drängte seinen Rat nicht auf und Herr Anthoine de Charreard mußte manche Frage tun. Der Rabenvater ließ sich die Worte aus dem Munde ziehen. Zäh, bedachtsam, mit Pausen setzte er eins neben das andere und nach einer Stunde wußte Herr Anthoine de Charreard, daß er noch weniger von der Landwirtschaft verstand, als er geahnt hatte. Es war beschämend. Aber als er in die falkenhellen Augen des Rabenvaters blickte, da las er darin nicht Spott über sein Nichtwissen, sondern den ehrlichen Willen, zu helfen.

»Wir müssen gehen, Sophia Christine, es ist spät geworden.« Der Gutsherr stand auf, er streckte dem Alten die Hand hin und sagte ganz einfach: »Jetzt weiß ich, wo ich mir Rat holen kann, wenn ich den brauche.«

»Wenn der gnädige Herr mich braucht, ich bin alleweil bereit,« gab der Rabenvater zurück.

»Auf gute Nachbarschaft!« Sophia Christine wunderte sich selbst über ihr Wort, aber da ihr Mann lächelte, kam wieder das frohe Läuten in ihr junges Herz, das sie zuerst vernommen, als sie beide unter der blühenden Linde gestanden hatten am Tage des Einzuges. --

Die Sonne war gesunken, aber noch lag das Tal in warmem, rotem Glanz. Die Grillen zirpten, der Abendwind harfte lind in den Bäumen und ferne glänzte das Haus herüber, das die Leute Schloß nannten, und das doch nur ein gutes, festes Familienhaus war.

Herr de Charreard und seine Frau gingen Hand in Hand ihrer Heimat zu. Unterwegs erzählte der Mann, wo er gewesen war. An einer Wassermühle im Grund war er vorbeigeritten, einen einsamen Waldweg entlang, bis zu einem Dorf. »Dürrenkleina« hatten es seine Bewohner genannt, von da hatte er den Blick frei gehabt nach dem Saaletal hinab.

»Ich sah auch nach Jena hin, meine liebe Hausfrau du,« schloß er die Erzählung.

»Mit Sehnsucht?« fragte Sophia Christine scheu.

»Nein, die empfand ich nicht.« Anthoine de Charreard atmete tief auf. »Es ist ein schönes Stück Land, das uns gehört, Sophia Christine,« sagte er ernst. »Aber es ist Land, das harte Arbeit braucht. In Arkadien leben wir nicht, mein Weib. Lust und Freude wird uns karg bemessen sein. Arme Sophia Christine, es ist ein rechtes Bettelbrot, das du erheiratet hast.«

»Gott segne uns das liebe Brot!« Sophia Christine rief es froh. »Ich heiratete die Armut nicht. Wir haben eine Heimat und -- es ist Friede.« Ihre Stimme sank, sie hörte wieder den alten Bauern erzählen. Und halb zu sich selbst sprach sie: »Wir müssen sehr gut sein zu den Leuten, die zu uns gehören, sie haben sehr viel gelitten.«

Herr Anthoine de Charreard hörte an dem Wort vorbei. Das Gutsein war Frauensache. Seine Gedanken umspannten die Arbeit. Er baute, säete, pflanzte, legte Gärten an, richtete alles stattlich in Gedanken auf. Es war ihm dabei zumute wie als ganz jungen Burschen im ersten Gefecht, eine Lust zur Tat schrie in ihm. Damals hatte er zerstört, gedankenlos, und er hatte das Zerstören als Wonne empfunden, jetzt dachte er an ein Aufbauen, und er spürte, die Freude würde stärker sein. Er nahm ein kleines Jagdhorn, das er beim eiligen Fortreiten unwillkürlich über seine Schulter gehängt hatte, und blies hinein. Das Pferd hob den Kopf und wieherte. Da schwang sich Herr Anthoine in den Sattel, hob seine Frau zu sich empor und blies wieder in das Horn. Wie Jubel klang es, so ritten sie beide zum Hof hinein und es war ihnen beiden wie eine rechte Heimkehr.

3. Kapitel.

Sophia Christine brauchte das Gutsein gegen die Leute, gegen die Bewohner der nachbarlichen Dörfer Bucha und Schorba nicht zu lernen, sie, die Scheue, fand auf einmal die Sprache, die die Leute verstanden. Sie redete mit ihnen von vergangener Qual und gegenwärtiger Not, von den kargen Freuden ihres bäuerlichen Lebens, und ihr Wort war Hoffnung, ihr Blick Zuversicht, ihr Lächeln Trost, ihr Kommen Freude. Und so ausgefüllt mit Arbeit auch ihre Tage waren, immer gelang es ihr noch ein Einschiebsel an Zeit zu machen, um eine Klage zu hören, einen Rat zu geben. Die Ratlose, die kleine, scheue Frau wurde bald Beraterin. Wie sie es fertig brachte, war selbst ihrem Mann ein Rätsel.

Sophia Christine ließ ihr Herz raten, und wo das versagte, den einzigen Freund, den sie in Jena besaß, den Magister Albertinus. Der war einst ihr Lehrer gewesen für eine kurze Spanne Zeit, er war der einzige, der ihrem liebearmen Leben ein wenig Glanz und Freude gegeben hatte. An ihn schrieb die kleine Frau eines Tages, als in Pösen eine Kuh erkrankt war, denn ihrer Meinung nach wußte Magister Albertinus alles, was einer nur wissen kann. Und der Magister sandte ihr eine Flasche Lebenselixier, das half der Kuh auf die Beine, ob sie nicht von selbst aufgestanden wäre, wußte niemand.

Wenige Tage später kam der Magister anspaziert, er trug in einem Felleisen eine ganze Apotheke zusammen. Seltsame Mittel, auch ein Büchlein Rezepte brachte er der Madame de Charreard und dazu die Neuigkeit, daß man im Schloß Monsieur Anthoine arg vermisse. Die Neuigkeit warf Sophia Christine zum Fenster hinaus, die mochte sie gar nicht hören, aber die Fläschchen und Büchsen stellte sie in den alten Schrank der Nesselrodes und das kleine Buch nahm sie mit warmem Danke an.

Der Hausherr lachte ein wenig über diese Alchymisterei, wie er es nannte, aber seine Frau ließ sich nicht beirren. Sie gab da ein Tränklein, dort eine Latwerge, und weil die Bauern ein eisenfester Schlag waren, schadeten die Mixturen nichts und der gute Glaube half zum Gesundwerden.

Monsieur de Charreard hatte über den Heilkram des Magisters gelacht, das Wort, man vermisse ihn im Schloß, warf er nicht wie seine Frau zum Fenster hinaus. Er dachte daran, dachte mehr und mehr darüber nach, und eines Tages ritt der Herr von Pösen, von einem Reitknecht begleitet, nach Jena. Die junge Frau stand unter der Linde und ihre Augen waren dunkel von Tränen.

Und wie sie so stand und in die Ferne sah und ihre Sehnsucht auf grauem Rößlein dem Gatten nachritt, kam der Hofverwalter, er wollte dies und das wissen, wie die Arbeit eingerichtet werden sollte, und Frau de Charreard wußte es nicht.

Da dachte sie an den Rabenvater, und wie sie ging und stand lief sie den Wiesenabhang hinab und kam bald heiß und verwirrt auf dem stillen Hofe an.

Vieler Worte brauchte es nicht. Der alte Bauer mit den eigentümlich hellen Augen verstand sie gleich, er hatte Zeit, er hatte den Willen zu helfen, und er half.

Fünf Tage lang war das Haus ohne Herrn, und niemand merkte es. Nach fünf Tagen kam Herr de Charreard zurück, ein wenig blaß und müde und herzhaft verdrossen. Des Herzogs Bernhard Bruder war da gewesen, und es hatte ein scharfes Trinken gegeben. Und als der Hausherr heimritt, wieder unter den nun längst verblühten Linden dahin, kam ihm sein Einzug in den Sinn, und er fühlte, er hatte seine junge Hausfrau zu bald alleingelassen. Auch an die Arbeit dachte er, und daß nun wohl eine ziemliche Verwirrung entstanden sein würde.

Er hielt sein Pferd an. Sein Diener war noch ein gutes Stück zurück und mit leiser Trauer über sich selbst sah der Mann in das friedliche Tal hinab. Da kam ihm des Wegs der alte Rabenvater entgegen. Der grüßte ehrerbietig und doch mit viel Würde in seiner Haltung.

»Wo kommt Er her?« Des Gutsherrn Stimme klang mißmutig. Der Alte hatte etwas in Blick und Gebärde, das ihn reizte. Wie der Werktag selbst, der vollgerüttelte ehrliche Arbeitstag sah er aus, und da er nicht gleich antwortete und doch über Pösener Grund ging, herrschte Monsieur Anthoine ihn schärfer an: »Wo kommt Er her, rede Er doch?«

»Vom Mähen drüben am Hähnchen,« antwortete der Alte gelassen und zeigte mit der Hand nach dem Waldberg hinüber. Wirklich, da stand das Kornfeld nicht mehr in goldner Flut, in Garben stand es aufgeschichtet.

Dem Gutsherrn stieg es heiß ins Gesicht. »Wer hat's Ihm geheißen?« schrie er den Bauer an.

»Die gnädige Frau!« Der Rabenvater sah mit seinen hellen Augen klar dem Herrn ins Gesicht. »Gnaden haben nicht gewußt, was zu tun war für die Knechte, und da haben Gnaden mich geholt, wie mich die gnädige Frau von Nesselrode oft geholt haben.«

Anthoine de Charreard sah verlegen an dem alten Bauern vorbei. Er wußte es plötzlich, es war jetzt keine Zeit für einen Landmann, davonzureiten; schon wollte er dem Pferde die Sporen geben und ohne Wort und Gruß an dem Alten vorbeitraben, doch es war, als hielten dessen helle Augen ihn fest, er sagte: »Also Dank für die Hilfe -- ich frage morgen mal bei Ihm nach.« Er nickte dem Bauern zu und ritt heimwärts. Sein Reitknecht hatte ihn inzwischen erreicht und als er vor das Haus ritt, meinte er, die Türe müsse sich auftun und Sophia Christine ihm mit Jubel entgegeneilen. Doch nichts geschah, im Haus blieb es still, auf dem Hof gackerten nur ein paar Hühner. Er stieg ab und öffnete die Haustüre, kühl wehte es ihm entgegen und seine Stimme dröhnte im weiten Flur.

Da öffnete sich denn freilich flugs die Seitentüre, zwei Mägde kamen angelaufen, sie knixten, sahen verlegen drein, eine hielt die Schürze vor das Gesicht, denn sie alle hatten eine ungeheure Ehrfurcht vor dem feinen und schönen Gutsherrn.

Es dauerte eine ganze Weile, ehe Herr Anthoine aus dem Gestammel heraushörte, seine Frau wäre in der kleinen Hauskapelle. Ach so, es war ja morgen Sonntag und der, an dem der Prediger aus Bucha die Andacht hier hielt. Das kam ihm in den Sinn, als er mit gedämpftem Schritt zu der Kapelle ging. Als er die Tür zu der Empore auftat, sah er seine Frau auf den Altarstufen sitzen. In ein paar Zinnkannen blühten die letzten lichtroten Malven auf dem kleinen Altar, sie standen im Glanz der hereinfallenden Sonne, und auch das Gesicht Frau Sophia Christines war vom hellen Licht umflossen. Herr Anthoine de Charreard staunte seine junge, zarte Frau an. Es lag ein fremder, schöner Ausdruck auf ihren Zügen, das Kindhafte, Scheue war verschwunden, als lägen Jahre zwischen ihrem letzten Zusammensein, nicht fünf Tage, so war es.

Sophia Christine hob den Kopf. Sie hatte die Schritte vernommen und wußte, wer da kam. Ein Lächeln grüßte den Mann. Kein Mißmut, kein Ärger über sein langes Fortbleiben, und als er, beschämt fast von der sanften Güte, die Treppe hinabstieg und sich eilte, die Frau zu grüßen, strahlten ihm ihre Augen entgegen, und sie sagte schlicht und fromm: »Gott will uns ein großes Glück geben, lieber Mann, er will uns ein -- Kind schenken.«

Das einfache Wort zwang den Mann auf die Knie neben seine Frau. Sie sprachen froh zusammen von kommenden Tagen, von ihrer Lust und ihrer Freude, und Herr Anthoine sagte: »Gibt Gott uns einen Sohn, so wird er hoffentlich heimkehren können nach Frankreich.«

Sophia Christine schüttelte sacht den Kopf, sie antwortete sanft, ohne Widerspruch in der Stimme: »Ich wünsche meinen Kindern keine schönere Heimat als dieses stille Tal.«

»Du kennst sie nicht, die schönen Ufer der Loire, du kennst nicht meine schöne Heimat. Du würdest sie diesem --« er stockte -- sein Blick ging zur offenen Türe hinaus und er sagte das Wort >armselig< nicht. Er sah drüben den Berg ansteigen, oben von dunklem Wald gekrönt, er hörte den Bach klingen und sah den Himmel blau über dem Tale stehen, und er dachte an die Flucht und an die Heimatlosigkeit seiner Jugend, und er umschloß nur fest die Hand Sophia Christines. Schweigend saßen sie beisammen im Glanz der Sonne, sie hörten ihre Herzen reden. --

* * * * *

Es rann noch mancher Tropfen Regen in das einsame Tal hinab und schwellte den Bach, noch viele Arbeitsstunden kamen und noch mancher Sorgentag. Es wurde Herbst, der Winter kam, endlose Wochen, in denen Pösen eingeschneit lag. Endlich brausten die Frühlingsstürme um das Haus, und Herr de Charreard ging über den Speicher mit dem alten Rabenvater und der sagte: »Knapp wird's zulangen.«

Der goldene Feldsegen war nicht allzu reich gewesen, es galt zu sparen an allem, was zu des Lebens Notdurft gehörte. Noch hatte der neue Besitzer nicht mehr Vieh anschaffen können, und es gehörte der ganze hoffnungsfrohe Mut Sophia Christines dazu, um jeden Morgen heiter zu grüßen. Ihr Mann verzagte leichter. Ein paarmal ritt er im Mißmut nach Jena, doch war seine Abwesenheit immer nur kurz, und wenn er wiederkam und von den Linden aus das Haus im Grunde liegen sah, war es doch immer Heimatfreude, die ihn bewegte. Und dann kam er einmal von einem Hoffeste heim, zu dem der Herzog ihn so dringlich geladen hatte, daß er nicht fern bleiben konnte, und als er in sein Horn blies um seine Ankunft zu melden, kam Sophia Christine nicht wie sonst, ihn zu grüßen.

Es war schon Frühling. Grüne Seidenfahnen wehten über Baum und Sträucher. Die Schwalben tanzten in der silberklaren Luft, die Erde strömte erfrischten Atem aus und Herr Anthoine de Charreard vergaß ganz die grünen Loireufer, so stark war das Gefühl: »Hier bist du zu Hause.«

Aber seine Frau kam nicht. Und in den Augen der Dienstleute las er sorgenvolles Teilnehmen.

Da fragte er nicht, er suchte und fand Sophia Christine im Prunkgemach des Hauses. Vor ihr auf dem Tisch standen zwei silberne Becher, lag bescheidener Schmuck und ein paar Gevattergulden. Alles in allem kein Reichtum, ein dürftiges Silberschätzlein, und die Stirne der jungen Frau war sorgenvoll gekraust. Doch brach die helle Freude hervor, als sie den Heimgekehrten erblickte. »Ist meine liebe Hausfrau eine Schatzsucherin geworden?« fragte der Gutsherr heiter, »was soll die Aufhäufung unseres Silberschatzes?«

Es waren keine Kinderaugen mehr, Sorgenaugen waren es, die den Mann anschauten. »Wir müssen das verkaufen,« flüsterte Sophia Christine. Sie legte flink noch einen goldenen Ring dazu, den sie von ihrer Mutter hatte. »Wir reichen nicht mit dem Brotgetreide bis zur Ernte und --« Es war eigentlich viel, was im Hause fehlte. Zu viel für das armselige Schätzlein. Doch diesmal wußte der Herr de Charreard besseren Rat. Er hatte des Herzogs Erlaubnis erhalten, auf das Gut zweihundert Taler aufzunehmen. Freilich das Geld mußte verzinst werden, immerhin, der Rabenvater hatte gesagt, es würde ein gutes Jahr werden, alle Zeichen dafür wären vorhanden. Da kamen die Eheleute wohl aus der Not heraus. Der Geheime Rat Ries hatte versprochen, sich nach einem umzutun, der wohl das Geld geben würde. Er hatte gemeint, der Amtsschosse der Leuchtenburg, die bei dem Städtchen Kahla lag, Herr Heinrich Rudolph, würde es leihen können und es auch gerne tun.

Das war freilich Trost. Und frohgemut packte Frau Sophia Christine ihr Silberschätzlein wieder zusammen, und als ihr Mann wehmütig sagte: »Arme Frau,« da rief sie: »Reich, nenn mich doch reich.«

4. Kapitel.

Es wurde ein rechtes Frühlingsbüblein, das seinen Einzug in einer Mainacht auf Pösen hielt.

»Mein Sohn,« sagte Herr de Charreard stolz. »Ein Charreard!«

»Mein Kind,« sagte die junge Mutter, denn ihr war es gleich, ob Bube oder Mädel da neben ihr lag als schönstes Gottgeschenk.

Drei Tage hatte Sophia Christine eine ungestörte Freude an dem kleinen schreienden, zappelnden Menschenwesen, dann schritt die Sorge in das Haus. Diesmal trug sie die Gestalt eines herzoglichen Reitknechtes und stand in einem feierlichen, äußerst huldvollen Schreiben. Herzog Bernhard meldete sich mit seiner Gemahlin und einigen wenigen Herren und Damen des Hofes zur Taufe auf Pösen an. Seine Gemahlin habe den Wunsch, den »kleinen Franzosen« selbst aus der Taufe zu heben. Sonntag Rogate würden die hochfürstlichen Taufgäste eintreffen. >Sie verhofften,< hieß es in dem Schreiben, >ihrem Treugeliebten Ehemaligen Hofmeister, dem Herrn Kammerjunker, Herrn Anthoine de Charreard und seiner viellieben Ehefrau Sophia Christine, geborene Riesin, eine sonderliche Freude zu bereiten.<

Ach du lieber Himmel, fürstliche Taufgäste und alle Vorratskammern leer!

Die zweihundert Taler sollten erst Johanni gezahlt werden. Bis dahin hatten einige Bauern in dem Flecken Magdala sich zur Hergabe von Brotgetreide bereit erklärt. Aber mit Brot allein waren fürstliche Gäste nicht zufrieden.

»Wir fischen,« sagte Herr Anthoine, der bedrückt am Bett seines Weibes saß. »Die Forellen sind jetzt gut. Und schlachten unsere jungen Hühnchen.« Über Sophie Christines blasse Wangen liefen Tränen. Ihre jungen Kückelchen, ihren Stolz, mußte sie hergeben. Oh, welche Hoffnungen hatte die junge Frau an die kleine Schar geknüpft, sie hatte sie schon alle als dicke gewichtige, aufgeplusterte goldgelbe Hennen gesehen, die jeden Tag das Nest voll Eier legten. Gute Hausfreundinnen sollten es werden. Aber Forellen und junge Hühner, Salat aus dem Garten und Brot genügten nicht für einen Taufschmaus, da mußte Kuchen gebacken werden, dazu gehörten Eier, Butter, alles, was so knapp wie nur möglich auf Pösen war.

Woher in aller Welt dies nehmen?

Sophia Christine dachte wieder an den kleinen Schatz und Herr de Charreard dachte auch daran, und er sagte aus seinen sorgenden Gedanken heraus: »Es geht nicht anders.« Er wollte noch etwas von Standespflicht hinzufügen, da tat sich die Tür auf und die ganze weibliche Dienerschaft lugte herein und alle sagten sie wie aus einem Munde: »Itze sind sie da!«

»Wer denn?« Sophie Christine dachte erschrocken, der Herzog Bernhard mitsamt Gemahlin und Hofstaat wäre eingetroffen; der Besuch, ihre leeren Vorratskammern, das noch unverkaufte Silberschätzlein, alles strudelte ihr im Kopf durcheinander und sie sagte hilflos: »Aber sie wollten doch erst am Sonntag Rogate kommen.«

»Nee, so lange warten die niche!« Die alte Röse drängte sich vor, sie sah ordentlich ein bißchen gekränkt drein. »Nee, heute sind's die Buchschen, de Schorbschen kommen erst morgen, es muß alles rechte gehen.«

Und die Bäuerinnen von Bucha, alle, die Kinder hatten oder zu denen einmal ein Kind Mutter gesagt hatte, kamen herein. Voran die alte Rabenmutter, die das größte Mutterleid zu tragen hatte, und jede Bäuerin trug einen weiß verdeckten Henkelkorb. Aus dem einen krähte, aus dem andern gackerte es, denn jede brachte eine Gabe dar. Die alte Rabenmutter sprach den Glückwunsch, sprach ihn in einem singenden leiernden Ton, denn so erheischte es Anstand und Sitte. Und verschnörkelt und feierlich waren Satz und Rede.

Herr Anthoine de Charreard war zuerst in den Hintergrund des Zimmers vor den andrängenden Frauen geflüchtet, doch die alte Röse, die sonst eine demütige Ehrfurcht vor dem schönen feinen Mann bezeigte, gab ihm diesmal einen sanften Rippenstoß. Sie tat es freilich in tiefster Demut, aber das Stößlein sagte dem Herrn doch, daß augenblicklich sein Platz neben dem Bett seiner Frau war, und er merkte, die anderen Frauen waren der gleichen Meinung.

Die Rabenmutter begann ihr Sprüchlein noch einmal vorzutragen. Die Frauen standen alle mit gefalteten Händen und dann beugten sie alle die Knie zur Verneigung vor dem Bett der jungen Frau.

Es war wie im Dornröschenmärlein, in dem die guten Feen alle kommen, nur fehlte hier die böse Fee; es waren lauter gute Wünsche und Gaben, die die Buchschen dem kleinen Anthoine darbrachten. Nahrhafte Gaben. Einen Hahn, zwei Hennen, ein paar junge Küchlein, Eier, Butter, eine Speckseite, es fehlte nicht an Wurst und Käse, auch nicht an einem Säcklein Mehl. Und unter den Frauen war eine, die brachte zwei Eier. Sophia Christine aber wußte, die Frau hatte nur ein Huhn und von den wenigen Eiern, die ihr das schwärzliche Huhn legte, hatte sie die beiden abgespart. Sauber lagen sie in frisches Grün gebettet da, und ein wenig ängstlich sah die Alte auf die liebliche Hausfrau, fand sie die Gabe nicht zu schlecht?