Herrn de Charreards deutsche Kinder: Die Geschichte einer Familie
Part 7
»Ich schätze, das wird er nit. Und eine Weile ist's gut, wenn er sich schicken lernt; gleich ins Heer, da ist der Junker zu jung dazu,« murmelte der Bauer.
»Niklas, ich bin sechzehn Jahre gewesen,« rief Anthoine empört. »Wie alt warst denn du, als du ins Heer kamst?«
»Das kann der Junker nit vergleichen. Seht, an dem Grame von damals würg' ich noch heute. Arg schlimm war's, meiner Seel'!«
»Und willst doch mit mir ziehen, mich begleiten?«
»Ja, ja, Junker, das ist halt so. Hab' damals im Walde mein Herz an die Charreards gehängt und schätze, es ist besser, Ihr habt einen zur Seite, der all das Grausen kennt.«
»Niklas, du bist ein Querkopf,« rief der Magister empört. »Redest dem Junker immer zu, er soll hinausziehen, und dabei sitzt dir selbst noch das Grausen in den Knochen. Nun mache mir einen Vers darauf.«
»Dunderschlag ja, muß ich alte Kriegsgurgel einem hochgelehrten Herrn Magister noch sagen, daß jeder seine Erfahrungen allein machen muß. Wenn ich dem Junker abreden möchte und die gnädigen Eltern täten es auch und er bliebe hier im Tal, ich schätze, er verquerzelte sein Leben, wär' unzufrieden und wüßt' nit, warum. Das liegt im Blute, die Sehnsucht auszuziehen; das Heimkommen läßt dann erst recht die Heimat lieben.«
Anthoine hatte gar nicht auf das Zwiegespräch gehört. Seine Gedanken flogen, ließen das enge Tal hinter sich und sahen die weite, schöne Welt. Ungeduld brannte in ihm; freilich, der Hofdienst schien ihm bitter, aber er dachte keck: davon komme ich schon los. --
Er sprang auf und rief: »Muß heimgehen,« und dann lief er das Tälchen entlang, hatte heute aber keinen Sinn für seine heimlich-liebliche Schönheit.
Und drei Tage später rollten einmal wieder fürstliche Wagen durch das Dorf Bucha. Lockten da alle Leute aus den Häusern und der jetzt uralte Lemnitzer Karl brömmelte wieder etwas von den Schweden, die kämen, in seinen Ofenwinkel. Im ganzen aber sahen die Bauern scheel die Auffahrt der Wagen mit an. Sie liebten »die Fremde« nicht, ihre sanfte Gutsfrau war ihnen tausendmal lieber, und da die Kunde schon ihren Weg nach Bucha gefunden hatte, die Herzogin wolle den Junker mitnehmen, war die Bitterkeit groß. Von den Frauen, die Sophia Christine zu der Geburt des Erben ihre Glückwünsche dargebracht hatten, waren die meisten noch am Leben. Denen war es zumute, als würde in ihre Rechte eingegriffen. Ihr Grüßen war darum unwirsch und ihre Mienen finster, und die Frau Herzogin Marie verglich die Leute mit ihren Landsleuten und lachte über des Obersten St. Laurent spottende Worte. Auch ein feines, sehr junges Fräulein lachte, sie sah an der Merfin vorbei, bei der sie so manchmal eingekehrt war, sie erkannte die Anne-Marie Schurksin nicht, von deren Obst sie oft gegessen hatte. Louison de Charreard hatte viel, sehr viel von der Heimat vergessen. Einen aber erkannte sie, der wieder in seiner alten Kriegsmannstracht am Hohlweg stand, um die kleine Louison zu grüßen.
Der Oberst St. Laurent, der neben dem Wagen ritt, lachte. »Ein Überrest aus der Schwedenzeit,« spottete er. »Der Mann scheint ausgestopft zu sein.«
Da wehte just der Wind über die Linden hin und der schöne Sommerduft hüllte das Fräulein Louison de Charreard ganz ein und da war es ihr, als ginge sie wieder mit Bruder und Schwester durch den Wald und einer nahm sie alle drei auf sein Pferd, einer, der grimmig aussah und doch so gute Augen hatte. »Es ist der Niklas,« sagte sie plötzlich, neigte sich vor und grüßte den Bauern mit so holdseliger Anmut, daß der vor Staunen wie ein Pfahl stand. So schön war Louison geworden, er meinte schier, ein schöneres Frauenwesen könne es auf der ganzen Welt nicht geben.
Einen Bauern zu grüßen! Der Oberst de St. Laurent krauste die Stirn. Solche törichten, bürgerlichen Sentimentalitäten mußte sich seine Frau abgewöhnen, das war lächerlich, und um Himmelswillen nichts Lächerliches tun. Wenigstens nichts, was die Hofgesellschaft lächerlich fand. --
Ja, schön war Louison de Charreard geworden. Sie fanden es in der Heimat alle. Jeannettchen sah wie ein Kind gegen die doch nur ein Jahr ältere Schwester aus. Sie tat noch weniger als sonst ihren Mund auf, und als der Herzogin prüfender Blick über sie hinging, dachte die Dame: »Diese nicht, sie paßt zu wenig an den Hof.«
Frau Sophia Christine sah den abwägenden Blick, der ihr sanftes Kind so rasch geringschätzig freigab, und sie wußte, jetzt hatte die Herzogin ihr das letzte Kind nehmen wollen. Jetzt hatte sie damit ihr Glück bezahlen sollen. Und sie freute sich der ganz bescheidenen Anmut dieser Tochter. Aber da erklang schon das Wort, das ihr auch diese Freude trübte. Die Herzogin sprach von dem jungen Dracksdorf, der als Hofjunker in Bälde nach Weimar kommen würde, und sie sprach von ihrem Patenkind, einer jungen Hugenottin, die sie dem Junker zu vermählen gedachte.
Jeannettchen öffnete die Augen weit. Ihr treuer Freund Heinrich Wilhelm sollte auch ein Hofherr werden. Tränen trübten ihr den klaren Blick, und sie glitt leise aus dem Saal, nur die Mutter merkte es, als die Herzogin dahin sah, wo Jeannettchen gestanden hatte, war der Platz leer, und auf das spöttische Fragen, wo denn das Fräulein sei, gab Frau Sophia Christine die gelassene Antwort, es zieme sich für die Haustochter, in der Küche nach dem rechten zu sehen, wenn so hochfürstliche Gäste dem Hause die Ehre höchstihres Besuches schenkten.
Herr de Charreard sah seine Frau erstaunt an. Sie war doch einstmals nur die schüchterne Jungfer Riesin gewesen, war alle diese Jahre kaum aus dem stillen Tal herausgekommen und sprach, als hätte sie just gestern ein Fest am Hofe des Königs Ludwig mit gefeiert. Daß die tiefgekränkte Mutterliebe der Frau die Kraft gab, sich so aufrecht zu halten, ahnte er nicht, es war aber ein ehrliches Bewundern in seinem Herzen. Und wenn die Herzogin Marie, die wieder die neueste Pariser Modetorheit, eine Fontange, trug, die sich ungeheuer auf ihrem Haupte aufbaute, nach der Schönsten im Land gefragt hätte, der Herr de Charreard hätte unbedingt seiner sanften Frau den Preis zuerkannt.
Aber wieder brach die Herzogin früher auf, als sie es sich vorgenommen hatte. Sie sah in Louisons Blick ein trauriges Nachsinnen aufdämmern und hörte ihre Tochter das stille Tal voll Entzücken preisen. Das vertrug sie nicht.
Sie verlangte des jungen Anthoine Mitkommen. Aber da fand sie wieder einen freilich sanften, aber doch festen Widerstand bei der Hausfrau. Die meinte, der Sohn müsse wohl ausgerüstet werden, dazu sei die Zeit zu kurz gewesen.
»Ei,« rief die Herzogin, »da muß ich den Junker doch selbst fragen, ob seine Lust nicht größer ist als seiner gnädigen Frau Mama Bedenklichkeit.«
Auf diese Frage erhielt nun freilich die stolze Frau eine Antwort, die ihr ein verächtliches Lächeln entlockte. Der junge Anthoine fügte zu den Erwägungen seiner Mutter noch die hinzu, er habe in den Dörfern Bucha und Schorba noch nicht Abschied genommen, wie es sich gebühre.
»Bauersleute, pah! Ich fürchte, ein rechter Hofmann wird Euer Sohn nicht, Monsieur de Charreard!« Die Herzogin sah an der Hausfrau vorbei, ihre Stimme spottete, ihre Augen blitzten böse. In Sophia Christines Herzen aber erwuchs in dieser Stunde ganz fest die Zuversicht, der Sohn werde der Heimat treu bleiben.
Aber war im Grunde die schöne Louison nicht auch treu! In ihre Augen war ein Sehnsuchtsblick gekommen, und Sophia Christine zog zum Abschied die Tochter fest an sich: »Hier ist dir immer Heimat, mein Kind. Immer, was auch geschehe!«
Dann rollten die Wagen wieder den Hohlweg hinauf. Zum letztenmal, dachte die Herzogin, der Sohn soll die Heimat vergessen, wie Louison sie vergessen wird. Und sie neigte sich vor, rief den Oberst de St. Laurent an ihren Wagen und redete mit ihm von seiner künftigen Heirat mit Louison de Charreard.
Zwei Tage später verließ Anthoine das Elternhaus und in dem großen Hause wurde es einsam. Der Vater gab dem Sohn das Geleit, und Mutter und Tochter sahen den beiden nach, lange, lange, bis der Hufschlag verklang. Sophia Christine stieg dann in die Kapelle hinab, ihre Tochter ging in den Garten. Sie ging durch ihn hindurch, sah die Blumen sommerlich blühen und ihr junges Herz war ganz erfüllt von Mitleid mit den Geschwistern. Ihr war die Heimat der Inbegriff alles Schönen, kein Gedanke ging von ihr weg, nur bis zu der Leuchtenburg wagte sich manchmal ihr Sinnen und ein Stückchen weiter zu Heinrich Wilhelms Erbgut, aber schon dies dünkte ihr fern zu sein.
Während sie still-versonnen den Garten durchwanderte, hinaus ging bis zu dem kleinen Wald, der die Quelle umgab und in dem alljährlich die ersten Schneeglöckchen erblühten, gab Herr de Charreard seinem Sohne gute Lehren, wie er sich bei Hofe zu verhalten habe. Man war schon über Bucha hinausgeritten, als der junge Anthoine das erste Gegenwort wagte: »Ich hoffe, es dauert nicht lang mit dem Hofdienst, Herr Vater, gegen die Türken möchte ich ziehen dürfen, so es dem Herrn Vater recht ist.«
Anthoine de Charreard sah seinen Sohn etwas verdutzt an. Was war da in aller Stille aufgewachsen, war das noch ein Knabe? Er sah des Buben Augen blitzen, sah seine Hand stark das Pferd meistern, ganz fremd kam ihm der Junge vor. Doch rasch gefaßt redete er davon, daß Kriegsdienste nehmen so übel nicht sei für einen jungen Mann aus gutem Hause. Nur, es müßte die rechte Stelle gewählt werden, und wenn es nach einiger Zeit noch des Sohnes Meinung sei, so würde es wohl gelingen, ihn im französischen Heere unterzubringen. Freilich, die Hoffnungen, die die Hugenotten an die Regierung des vierzehnten Ludwig geknüpft, hätten sich noch nicht erfüllt, immerhin wäre man im Heere duldsam und --
»Wenn es dem Herrn Vater recht ist, zieh ich mit gegen die Türken, so sie wieder anfangen. Das erscheint mir wichtiger,« sprach der Sohn in ein sinnendes Nachdenken des Vaters hinein. Der schwieg, krauste die Stirn, das Neinsagen erschien ihm Unrecht, das Jasagen brachte er nicht fertig, endlich gab er zurück: »Es ist am besten, einen solchen Schritt weislich und klug zu überlegen.«
»Aber dagegen, daß ich Kriegsdienste nehme, ist der Herr Vater nicht.«
»Bewahre, nur --« Der Herr de Charreard kam nicht dazu, den Satz zu enden, denn einer ritt beiden, Vater und Sohn, entgegen, an den sich gleich des Sohnes Widerwillen hing. Es war der Oberst de St. Laurent. Der lächelte freundlich, aber seine Freundlichkeit schien dem jungen Anthoine wie die Schlehbeeren am heimischen Gartenzaun zu sein. Sie lockten und schienen süß und waren doch herber als Essig.
Kurz vor Jena kreuzte noch einer den Weg der Charreards. Der Oberst de St. Laurent sah ihn mißlaunig an, der Herr de Charreard grüßte ihn kühl, aber der junge Anthoine meinte, zu dem kurbrandenburgischen Feldhauptmann Balthasar von Hünefeld könnte er wohl Zutrauen haben. Den schien der unfreundliche Gruß, den die andern ihm boten, nicht zu kümmern, laut begrüßte er sie, schlug dem jungen Anthoine auf die Schulter und rief: »Das wäre ein Junker, wie ich ihn brauchen könnte. Was gilt's, laßt Ihr Euch anwerben, Junker? Es geht sicher bald mal gegen die Türken, eine gute Klinge gilt da was und meines besonderen Schutzes dürftet Ihr gewiß sein.«
»Ein Charreard,« und der Name zischte messerscharf zwischen des Obersten de St. Laurent Lippen hervor, »sucht wohl seine Fortune besser in des Königs von Frankreich Heer. Ich erachte, er erwirbt dort größere Honneurs als einfacher Reiter wie als Fahnenjunker im --«
»Halloh, Herr, ist ihm seine lose Zunge lieb, dann stecke er sie ein, sonst bei meiner Seel möchte sie ihm bald gespalten zum frechen Maule heraushängen.«
»Um Himmelswillen!« Herr Anthoine de Charreard drängte sein Pferd zwischen die beiden, unbekümmert um die zuckenden Klingen. Er sprach liebenswürdig zu dem einen, freundlich zu dem andern, sagte, sein Sohn solle in den Hofdienst --
»Und wenn es ihm da nicht gefällt, zu wem schlägt er sich da?« Herr de St. Laurent spottete, er erwartete keine andere Antwort als die »auf Frankreichs Seite«, aber Herr Anthoine de Charreard hatte zu lange Hofdienst getan, als daß er es nicht verstanden hätte, einer Wage Zünglein in der Schwebe zu halten. »Dann mag mein Sohn selbst nach Herz und Neigung entscheiden, ich gebe ihm die Wahl frei,« antwortete er und hegte in seinem Herzen die gleiche Zuversicht, wie der Oberst. Wie konnte ein Charreard anders wählen!
»Ein Mann, ein Wort, Ihr habt Euerm Sohn freie Wahl gegeben, Monsieur de Charreard. Bin neugierig, auf welche Seite sich der Junker einst schlägt.« Der stahlgrauen Augen Blick umfing den jungen Anthoine klar und zwingend, und dann ritt der Herr Balthasar von Hünefeld weiter. Er war in Petersberg bei seinen Verwandten zu Gaste.
Der Oberst de St. Laurent hielt ihm eine üble Nachrede und je schlimmer die klang, je fest umrissener trat das Bild des Geschmähten vor die Seele des jungen Anthoine. --
11. Kapitel.
Der Junker Anthoine kam sich in den nächsten Wochen wie verzaubert vor. Es war aber ein böser Zauber, der ihn umfangen hielt. An dem kleinen Hof des Herzogs von Jena war all das törichte Tun, all die Gespreiztheit und das Wichtignehmen der einfachsten Dinge Mode, wie es die Herzogin Marie in Frankreich gelernt hatte. Dahinein kam der Junker, der bisher noch nie sein stilles Tal verlassen hatte. Doch sein Dortsein war nur kurz. Es genügte nur, um ihm einen herzhaften Widerwillen gegen dies oberflächliche Leben beizubringen, ihn von seiner Schwester Louison innerlich zu trennen, ihm dagegen noch mehr die Liebe der kleinen Prinzessin Elisabeth Marie zu gewinnen.
Man hatte just das Prinzeßchen mit einem Vetter verlobt, doch der gefiel der Kleinen viel weniger als Anthoine de Charreard, und sie war eigentlich das einzige Licht, das in des Junkers dunkle Tage hinein schien. Wie oft stand er an seinem Kammerfenster, schaute sehnsüchtig zu den Bergen hinüber und suchte in Gedanken das stille Heimattal. Er wäre arg gern wieder heimgeritten. Doch er schämte sich, so schnell von diesem ersten Flug in die Welt heimzukehren. Und dabei spürte er es in jeder Stunde: er war mehr zum Spott am Hofe, als Nützliches zu schaffen. Er war zu klug, um nicht das verhaltene Lachen zu sehen, wenn er wieder einmal eine Ungeschicklichkeit begangen hatte. Er, der daheim so sicher den Boden unter sich gefühlt hatte, merkte, hier schwankte alles. Bei jeder Verneigung, die er zu machen hatte, brach ihm der Angstschweiß aus, sollte er gar eine höfliche Redeblüte einer Dame zu Füßen legen, dann polterte er los, wie ein Kriegsknecht, der schon dreißig Jahre im Schlachtgetümmel gewesen war. Mal redete er hoch, mal tief, sprachen alle, klang seine Stimme leise, sollte er flüstern, rutschte sie ihm aus. Sollte er links stehen, stand er rechts, und wenn sein Platz ihm rechts angewiesen war, kam er auf irgendeine ihm unerfindliche Weise links zu stehen.
Der Tage Kränkungen und Verlegenheiten waren endlos.
Dazu der Herzogin Lust an bitterem Spott. Ihre Damen folgten gern ihrem Beispiel, und Louison de Charreard, die sich des linkischen Bruders schämte, tat mit. Sie tat es und weinte dann wohl heiße Tränen über ihr törichtes Tun. Doch am beißendsten war der Hohn des Herrn de St. Laurent. Der gedachte mit Hohn und scharfen Sticheleien den Junker dahin zu treiben, wohin er ihn haben wollte, und trieb ihn doch auf die andere Seite.
Doch ehe der Junker Anthoine noch wußte, was er tun sollte, ob er den Eltern daheim seine Not klagen oder verschweigen sollte, starb der Herzog Bernhard an einem hitzigen Fieber. Kaum drei Wochen war der junge Anthoine am Hofe. Alles versank nun in tiefe Trauer. Die Frauen hüllten sich in weit schleppende schwarze Gewänder, und die junge Louison sah unendlich lieblich aus mit ihrem zarten Gesicht so umschleiert von dem tiefen Schwarz. Sie war auch herzlich betrübt, sie hatte den guten Herzog, trotz mancher seiner Schwächen wie einen Vater geliebt. Sie wäre in diesen Tagen gern dem Bruder näher gekommen, doch der ging verstört und stumm einher. Er merkte es rasch, für ihn war kein Platz mehr am Hofe, denn die Herzogin war nicht in solcher Vermögenslage, um sich noch müßige Hofjunker zu halten. Der Kammer-Sekretarius Dressel zählte dem Junker an den Fingern das Leibgeding der Herzogin her und bewies ihm klar, daß außer einem Hofmeister und zwei Pagen keine Herren von Adel mehr Platz hätten am Hof. »Schaut Euch beizeiten um, Herr Junker, es wird hier ein ärmliches Leben werden.«
Da ritt der Junker denn eines Morgens -- es war im Juni, am zwanzigsten sollte des toten Herzogs Beisetzung stattfinden -- kurzerhand nach der Dornburg, wo er den Herrn von Hünefeld bei der Gräfin Emilie von Allstädt zu Gaste wußte, und gab dem den Handschlag, einzutreten in das kurfürstlich brandenburgische Heer. Der Herr von Hünefeld warb für seinen Kurfürsten und nahm den Junker mit Freuden an. Er fand an diesem Tage dort seine Kameraden Adrian Rudolph und Heinrich Wilhelm von Dracksdorf. Heinrich Wilhelm begehrte auch, sich draußen einmal den Kriegslärm anzuhören. Der Herr von Hünefeld rieb sich vergnügt die Hände und sagte zu der schönen Frau von Allstädt: »Das werden zwei, die das Dreinschlagen bald verstehen werden. Erst ziehen wir noch den Holländern zu Hilfe, denn sonst steckt weiß Gott der König Ludwig die Staaten ein wie einen Laib Brot. Heißa, das wär' ihm ein schöner Schmaus.«
Anthoine de Charreard stutzte einen Augenblick. Auch der Oberst de St. Laurent ging nach langem faulen Nichtstuerleben zum Heer zurück. Dann würde der auf der Gegenseite stehen. Feind also -- ihm war es recht! Und des Junkers Handschlag war so, daß Hünefeld rief: »Zum Teufel, Junker, Ihr habt eine gute Zufasse. Wer Euch in der Schlacht gegenübersteht, der tut gut, ein Trostgebetlein für schwere Stunden zu sagen. Also abgemacht, in drei Tagen reiten wir, bis dahin haben sie daheim bei Euch hoffentlich die Tränen getrocknet. Grüßt Euern hochverehrten Herrn Vater, der gnädigen Frau Mutter meinen alleruntertänigsten Handkuß. Euerm künftigen Herrn Schwager aber sagt, daß ich froh wäre, ihm bei Euch den Rang abgelaufen zu haben!«
»Meinem Schwager?« stammelte der junge Anthoine betroffen.
»Ja freilich, in ganz Jena gibt es kein Weibsbild mehr, das es nicht weiß: die schöne Hofjungfer Louison de Charreard wird die Gattin des Obersten de St. Laurent. Wußtet Ihr das nicht? Habt Ihr es nicht gemerkt?«
Eine Glutwelle stieg dem Jüngling ins Gesicht. Nein, das hatte er nicht gewußt, er warf einen raschen Blick auf Adrian Rudolph, der fragte: »Wußtest du es?«
Auch Adrians Gesicht flammte. Er war aber der älteste von den drei Kameraden und er war herb und in sich verschlossen. Also schwieg er, sah in die Luft, als gefielen ihm die segelnden, blaugrauen Wolken besser als alles Erdengeschehen. Nur als es zum Heimreiten kam, fragte er: »So es meinem Herrn Vater recht ist, nehmt Ihr mich auch mit, Herr Hauptmann?«
»Einen Jungherrn wie Euch, den lasse ich mir nicht entgehen! Potz heiliges Dunderwetter! Reitet und kommt bald wieder. Nur keinen langen Abschied, bei dem die Weiber schließlich flennen.«
Einen langen Abschied nahm Anthoine de Charreard nun wirklich nicht, er nahm überhaupt keinen. Schrieb einen Brief an seinen hochverehrten, gnädigen Herrn Vater, meldete das Geschehene und saß dann drei Tage lang in seiner Kammer, denn das erste, was er erfuhr, als er von der Dornburg zurückkam, war, daß Louison wirklich nach zwei Jahren den Obersten de St. Laurent heiraten würde. Das zerriß dem guten Jungen beinahe das Herz. Nun war der Feind ihm Schwager, und er hatte das dumpfe Gefühl, sein Vater würde über seinen Schritt heftig erzürnt sein, würde ihn voreilig nennen und gar versuchen, ihn zurückzuhalten. Also ritt er nicht gen Pösen, er lernte das Schweigen; schwieg sich gegen jedermann aus und hielt auch seinen Mund, als die Frau Herzogin in seiner Gegenwart heftig auf Heinrich Wilhelm von Dracksdorf schalt und dringend von ihm verlangte, er solle selbst mit dem Obersten de St. Laurent ziehen.
»Ich muß erst meine nächste Zukunft überlegen.« Anthoine de Charreard brachte zum ersten Male, seit er am Hofe weilte, es fertig, zu antworten und sich zu verbeugen, zu lächeln und zu schweigen, wie es die Hofsitte verlangte. Und niemand kam auf den Gedanken, er hätte schon selbständig über sein Schicksal entschieden.
Nach zwei Tagen kam Antwort von Pösen. Ein Brief wie Wintersturm. Der Herr de Charreard schrieb seinem Sohn, daß er bitter unwillig über das rasche, eigenmächtige Handeln sei; doch Wort sei Wort, er müsse das Versprechen halten. Er habe aber gleichzeitig dem Hauptmann von Hünefeld geschrieben, daß er das Kämpfen gegen die Türken erlaube, falls diese einen Krieg beginnen sollten; nicht das gegen seines teueren König Ludwigs Heer. Nur zuletzt drängte sich ein freundliches Grüßen in den Brief hinein, und da beugte sich Anthoine de Charreard über das Blatt und küßte des Vaters Schriftzüge, fühlte sich ihm ganz zugehörig und fühlte sich ihm doch fremd.
Ein Diener hatte ihm den Brief gebracht, er hatte etwas dazu gesagt, aber für Anthoine de Charreard war das Wort stumm gewesen, er saß und sann, bis es auf einmal draußen heftig räusperte und hustete. »Wer draußen steht, komme rein.« Das war ein barscher Ton, den hatte der junge Anthoine erst gelernt, und er mußte den Ruf wiederholen. Dringlicher, heftig fast; dann erst tat sich die Türe auf, mit höchster Verwunderung im Gesicht trat ein -- Nikolaus Rabe.
»Niklas du!« Anthoine schnellte von seinem Sitze empor und plötzlich hing er dem Heimatfreund am Halse und seine Stimme war ganz weich geworden. »Niklas, was bringst du Botschaft von --«
»Von der Jungfer Schwester Grüße und ich schätze, von der gnädigen Frau Mutter ist dies hier,« brummelte Niklas, den nach dem barschen Herein die Freude des Junkers in eine sonderbar rührsame Stimmung gebracht hatte. Er hob ein stattliches, in Leinen gewickeltes Paket auf. »Das da soll ich abgeben.«
Ja, es waren freilich rechte Muttergrüße. Ein linnenes Hemd, eine gute Speckseite, ein paar Würste, ein Brot, ein Beutelchen mit zwei Golddukaten drinnen, Taufgeld, die Mutter hatte es dem Buben manchmal gezeigt, und ein paar späte Rosen und ein Zweiglein Rosmarin aus dem Garten, daran ein Zettel, auf dem mit unsicherer Hand geschrieben stand:
»Befiehl du deine Wege Und was dein Herze kränkt, Der allertreuesten Pflege Des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden Gibt Wege, Lauf und Bahn, Der wird auch Wege finden, Da dein Fuß gehen kann.«
Darunter: Meinem herzlieben Sohn Anton zum Geleite. Der HERRE GOTT segne und behüte dich und gebe uns ein fröhlich Wiedersehen.
In treulichster Sorge und Fürbitte Deine Mutter Sophia Christine de Charreard geb. Riesin.
Da beugte der Junker Anthoine, der hinaus in den Kampf und Streit der Welt ziehen wollte, sein Gesicht über das Blatt und heulte laut hinaus.
Nikolaus Rabe, der sein fitzelbuntes Kriegskleid trug, trat von einem Bein auf das andere, das bitterliche Weinen beschwerte ihm sein Herz, ein paarmal brummelte er: »So müßt Ihr's nit halten, so nit, Jesses, so doch nit.«
Da aber der Schmerz des jungen Anthoine gründlich war, ebbte das Weinen nicht so bald ab und es steckte den Nikolaus an. Die beiden, die von Kriegstaten träumten, heulten herzhaft mitsammen, und wer weiß, wie lange das noch gedauert hätte, wenn einer nicht die Türe aufgerissen hätte, der Eile in den Gliedern hatte. »Junker, eilt Euch.« Der Herr von Hünefeld war noch nicht drinnen, da rief er das Wort schon. »Der St. Laurent hat's herausgespürt, daß ich Euch bekommen habe, nun läßt er Häscher warten auf dem Wege zur Dornburg, denkt, wir ziehen gen Berlin. Man will Euch aufgreifen, Euch und den Dracksdorf. Mich wollen sie als fremden Werber gefangen setzen! Kommt rasch. Wir reiten im Saaletal entlang, holen den Dracksdorf und den Rudolph, so ihm sein Herr Vater Permission gibt, und nehmen unsern Weg über Franken. Eilt Euch, tut, als wär's ein Lustritt. Ich reite voran, gerade zusammen soll man uns nit sehen.«